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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Gefühle ausdrücken - Wie macht ihr's?


bisou
30.06.2008, 21:19
Okay, wie die Überschrift schon sagt.
Ich stehe gerade vor einem Problem, was mir ziemlich zu schaffen macht. Ein Mädchen geht mit einem - zugegebenermaßen - ziemlich unappettitlichen alten Sack durch eine stockdüstere Gasse.
Sie hat Angst - klar - und würde am liebsten abhauen, aber wie zum Teufel schreibt man sowas?!?
Ich hab so absolute Hasswörter, da gehören ängstlich, furchtlos, schüchtern, schweigsam, zurückgezogen, still, etc. dazu. Aber ich komme einfach nicht drum herum, in meinen Plot diese Wörter einzubauen - weil ich keine ordentlichen Alternativen finde! Und ich finde auch keine Lösung und wenn ich dann am Ende noch mal über den Text drüber gucke sage ich meistens:
"Oh Gott. Was hast du denn da jetzt wieder verzapft? Das ist ja unter aller Kanone! Kusch, ändern, Bleistift zur Hand und los."
Und was dann dabei rauskommt, ist, dass ganze Kapitel weggestrichen sind, weil sie sich nur mit den Gefühlen befassen.

Wie kriegt man bitteschön ein ausgewogenes Mittelmaß hin, damit es nicht zu überladen wirkt, aber auch nicht zu kalt?

Habt ihr solch einen Eindruck auch manchmal?

Und was macht ihr dagegen?

Habt ihr so Listen, wie man einzelne Wörter ersetzen kann oder belasst es einfach dabei?

Das würde mich mal interessieren, da ich schon aus der ein oder anderen Diskussion hilfreiche Tipps und Tricks gezogen habe.

Al Fifino
30.06.2008, 21:48
Na ja, wenn man angemessene Schlagwörter nicht nutzen will, ist ein Vergleich immer ´ne nette Abwechslung.

In diesem Fall müsste also ein Vergleich her, der in irgendeiner Weise für die meisten Menschen Angst bedeutet - Vogelspinnen auf der Haut herumkrabbeln lassen, zum Beispiel. Das zieht das Ganze natürlich ein wenig ins Ironische / Sarkastische, also besser aufpassen, wann man so etwas verwendet.

Ansonsten musst Du ja nicht gleich das Gemüt selbst beschreiben - es gibt etliche Dinge, die Angst symbolisieren. Ein rasender Puls, ein schneller schlagendes Herz, sich aufstellende Nackenhaare, hektisches Umschauen, ständig einen Blick über die Schulter werfen, in jeden Winkel spähen, der einem begegnet, bei dem kleinsten Geräusch zusammen zucken, wackelige Beine, Gänsehaut... wenn Du noch ein wenig länger suchst, solltest Du noch genügend andere Dinge finden. Jetzt diese charakterisierenden Merkmale gut einbauen - und die Sache ist gegessen.

Hoffe, ich konnte Dir damit gebührend helfen.

Greets

Haramis
30.06.2008, 21:52
Hallo bisou,

Grundregel des Schreibens: Show, don't tell.
Bedeutet: Schreibe nicht "Sie ist so ängstlich", weil du irgendwann den Leser mit Adjektiven erschlägst, was sich im Zweifelsfall wirklich irgendwann kitschig anhört.
Beschreibe: "Ihr lief es kalt den Rücken herunter, denn ein Flüstern, ein Raunen schien in der Luft zu hängen. Sie konnte nicht sagen, woher dieses Geräusch kam, war es doch um sie herum, nicht zu lokalisieren."
Das ist jetzt vielleicht nicht das tollste Beispiel, aber ich hoffe, du verstehst mich.

Du kannst natürlich auch die Umgebung beschreiben, die Stimmung, die Atmosphäre. Wenn du eine unheimliche Umgebung beschreibst, kannst du so indirekt ihre Stimmung und ihre Gefühle darstellen.

Oder arbeite mit Dialogen. Lass sie ihre Gefühle in einem Gespräch äußern.

:)

Akissi
30.06.2008, 22:46
Jop, genau, wie Haramis schon schrieb: Das wichtige an Gefühlen ist, dass man sie dem Leser vemittelt, nicht (nur) erzählt - einfach, weil es dann viel leichter ist, sich das vorzustellen und demnach mitzufühlen.
An der Stelle, die du als Beispiel genannt hast, würde ich beispielsweise erstmal beschreiben, was genau sie an dem Mann nicht leiden kann/was ihn für sie abstossend macht. Gefühle sind dann das, was diese Eindrücke innerlich bei ihr auslösen und daher ist es wahrscheinlich am Besten, wenn du in dich gehst und erstmal drüber nachdenkst, wie du dich fühlen würdest - und dann versuch es zu beschreiben; mal mit den präzisen Worten, aber vielmehr eben mit diesen Vergleichen, vagen Eindrücken...


Ich habe stellenweise auch "Show, don't tell"-Probleme, an anderen Stellen wiederum gar nicht. Oftmals liegt es daran, wie schnell ich die Stelle fertig kriegen will/ob ich auf etwas anderes hinaus will, oder ob mir eben diese Stelle oder Situation wichtig ist. Dann finde ich es an einigen Stellen weniger wichtig, Gefühle rüberzubringen, gerade bei meiner derzeitigen Geschichte, da die Hauptperson die meiste Zeit faktenbezogen und nach außen hin emotionslos bleibt - das möchte ich dem Leser dann eben auch wiederum übermitteln.
Insgesamt kann ich selbst aber schlecht beurteilen, wie meine Schilderungen von Gefühlen ankommen... und wahrscheinlich wirkt es letztendlich auf jeden anders, je nach dem, was man für einen Bezug dazu aufbaut, was einen anspricht, usw usf...

Ich persönlich finde es auch genauso wichtig, dass es nicht zu viel wird. Wenn man zu jeder sich bietenden Gelegenheit förmlich vorgesülzt bekommt, was für wallende Emotionen im Protagonisten explodieren und dafür womöglich eine Seite oder mehr draufgeht, finde ich das fast noch lästiger als fehlende Emotionen. Weniger ist finde ich auch hier manchmal mehr...

Haramis
30.06.2008, 23:48
Man darf sich natürlich nicht an das "Show, don' t tell" klammern wie ein Ertrinkender an ein schwimmendes Weinfass. Natürlich kann man auch erzählende Passagen in einem Text haben, ab und an, wenn es passt. Man sollte versuchen, sich generell an "Show, don't tell" zu halten, wahrscheinlich ca. 95% eines Textes.
Ausnahmen bestätigen die Regel und dürfen manchmal vorkommen, aber eben nur manchmal. :D

treogen
01.07.2008, 08:06
Haramis und Akissi haben es ja eigentlich schon geschrieben.

Show, don't tell ist das Zauberwort.
Was ist denn, wenn man sich unwohl und ängstlich fühlt?

Man ist nervös, zupft am Haar oder Ohrläppchen, knabbert aufgeregt an Fingernägeln oder schrickt bei jedem Schatten zusammen. Das Herz schlägt bis hinauf zum Hals oder auch gegen die Rippen, man spürt das Blut in den Fingerkuppen pochen, eiskalte Schauer laufen einem über den Rücken, die Nackenhärchen stellen sich auf, man bekommt Gänsehaut, es ist flau im Magen, die Knie werden weich, gerade in einer abgelegenen Gasse ist es stiller als anderswo und dadurch erscheinen einem die Geräusche dort noch lauter.

Aber du mußt nicht nur beschreiben. Du kannst die Angst auch durch Gedanken zeigen:
Mann, ist das hier schmuddelig. Hinter der Kiste könnte sich leicht jemand verstecken. Moment, hat sich da nicht etwas bewegt. Ach was, dass sind nur meine Nerven. Oder doch. Oh Gott, tatsächlich. Ein Mann. Und der kommt auf mich zu. Wenn ich doch wenigstens ein Feuerzeug dabei hätte. Was hat der da langes am Gürtel. Verdammt, dass ist ein Messer. Ein langes Messer. Ich muß hier weg. Nur nicht zu schnell, sonst sieht er, dass ich Angst habe. Oh Gott, er läuft schneller. Er folgt mir. ICH MUSS HIER RAUS. Oh, nur der Hausmeister mit seinem Staubwedel.

Natürlich kannst du auch durch wörtliche Rede einiges zeigen.
"Hallo", hauchte sie zaghaft. Niemand antwortete. Nur ein leises Scharren hinter einer der dunklen Kisten. "Hallo, ist da jemand?", rief sie etwas lauter. Ihre Stimme zitterte.

Wenn du alle diese Möglichkeiten miteinander kombinierst, dürfte es ein leichtes sein, das Gefühl der Bedrohung intensiv zu beschreiben.

Liebe Grüße und viel Spaß beim Ausprobieren.
Treogen

RickyLee
01.07.2008, 12:35
Speziell nun für diese Szene und andere ähnliche: Mach es doch andersrum!
Lass den Leser den Ekel fühlen, nicht das Mädchen. Wenn seine Hand auf ihrer Schulter liegt, ist sie widerlich warm, diese Art von Wärme, von der sie fürchtet, dass sie an ihr kleben bleiben wird wie ein Schimmelpilz...
Mit einem Seitenblick aus seine glasigen, gierigen Augen sieht er sie an, fährt sein Blick ihren Körper hinab wie mit schwitzigen Händen, an Stellen, die ungeschützt und hilflos...

Uuund so weiter und so fort. Ist zwar auch Show-don´t tell, aber mal aus einer anderen Perspektive. Wenn es einem also verwehrt bleibt, die Gefühle seines Charakters richtig zu schildern... versetz dich und den Leser doch mal in ihn rein, Beispiel steht ja oben.

Nejira
01.07.2008, 14:14
Da kann ich mich den anderen nur anschließen. Lass den Leser die Szene aus ihr heraus betrachten - schreib was sie fühlt und ihre Gedanken, die vielleicht fieberhaft nach einem Ausweg suchen. Durch die Atmosphäre die dabei aufkommt, wird die Angst und der Ekel gut spürbar.

@Ricky
OMG. *umfall*
Fünf Zeilen von dir und ich fühl mich, als würden Nacktschnecken auf mir rumkriechen. Das ist echt widerlich und beklemmend.
Du bist genial!

bisou
01.07.2008, 16:58
Okay, vielen Dank.
Ihr habt mich gerade auf eine Idee gebracht.
treogen, bei dem Monolog war ich wirklich kurz vorm vom-Stuhl-fallen-vor-lachen :D
cool. Der Hausmeister mit seinem Staubwedel.

Aber ja, ihr habt natürlich Recht.
Show don't tell. Wenn man das denn kann ich das auch cool. :rolleyes:
Naja, Übung macht den Meister. Dankeschön für die vielen Beispiele. Ich werd versuchen, daraus was zu formen.*ja*

RickyLee
02.07.2008, 22:51
@Ricky
OMG. *umfall*
Fünf Zeilen von dir und ich fühl mich, als würden Nacktschnecken auf mir rumkriechen. Das ist echt widerlich und beklemmend.
Du bist genial!

*bussi* Oh dankeeeeeee... Dein Vergleich mit den Nacktschnecken wär aber auch super ausbaufähig.
Hörste, bisou? Das kannst du auch übernehmen XD *hüstel*
Bin gespannt, falls du dein Werk dann auch mal reinstellst, damit wir´s lesen dürfen ^^