Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Gebrüder Strugatzki
Auf die Idee gebracht durch folgenden Thread (http://www.fantasy-forum.net/showthread.php?p=18613#post18613) . . .
So ich hab mich mal ein bisschen über die beiden schlau gemacht und finde deren literarische Richtung sehr interessant. Dazu ein Zitat von Wiki (http://de.wikipedia.org/wiki/Arkadi_und_Boris_Strugazki):
"Die Literatur der Brüder Strugazki verbindet Elemente der russischen Erzähl- und Märchentradition mit Motiven der Science-Fiction, einer menschlich-psychologischen, im Gegensatz zu einer rein technischen. Obwohl meist in der dritten Person geschrieben, sind ihre besten Bücher konsequent und überzeugend subjektiv und hermetisch, und die Kamera oder Stimme des Erzählers sitzt über weite Strecken im Kopf der Hauptfigur. Nicht zu unterschätzen ist der Unterhaltungswert der auch oft amüsanten Bücher. [...]
Von literaturkritischem Interesse ist die Vielfalt der Erzählstrukturen, derer sich die Brüder Strugazki bedienen. [...]
Die in ihren Büchern beschriebenen fiktiven Gesellschafts- und Herrschaftssysteme sind häufig als Allegorien auf den realen Sozialismus oder die Prinzipien des Kommunismus zu lesen. Besonders in ihren späteren Werken wird die Rolle des Individuums in bürokratischen oder totalitären Systemen zum zentralen Motiv – so etwa in den Romanen Das lahme Schicksal und Das Experiment, die aufgrund ihres gesellschaftskritischen Inhalts erst nach dem Zerfall der Sowjetunion veröffentlicht wurden. Auch Bücher wie Montag beginnt am Samstag und Troika, die ganz offensichtlich in der Sowjetunion spielen, lassen sich als Kritik an starren Verwaltungsstrukturen lesen. Ersteres hat auch Züge eines ulkigen, rasanten Metamärchens. [...]
Ein mehrfach auftauchendes Konzept ist das eines erhofften oder thesenhaft in den Raum gestellten sprunghaften Aufstiegs des Homo sapiens zu einem Hypermenschen („vertikaler Progress“)."
Wenn man sich Titel der beiden ansieht, dann hat man eine recht lange Liste vor Augen. Ich würde mich gern mal an einen Roman ranwagen, allerdings hab ich dann natürlich die Qual der Wahl.
Deshalb hier meine Frage: Hat jmd. schon mal was von den beiden gelesen? Kann eventuell auch kurz kommentieren, wie er das Gelesene einordnet und bewerten würde?
Ich habe von den Strugatzkis zwei Romane gelesen "Picknick am Wegesrad" (unumstritten einer der besten SF Romane überhaupt) und "Schnecke am Hang". Während der erste Roman wenig Analogien auf die Sowjetunion enthielt, war "Schnecke am Hang" eine einzige Metapher auf ein System, dass aus sich heraus verrottet. Ich fand den Roman sehr anstrend zu lesen, weil man nicht alle Hintergrundinfos hat und der Roman von sich heraus nicht verständlich wird. Es ist schon irgendwie albern, wenn man googlen muss, um den Roman zu verstehen.
Hier meine Rezis zu Picknick am Wegesrand (http://www.fictionfantasy.de/load.php?name=News&file=article&sid=3392)
Hier meine Rezi zu Schnecke am Hang (http://www.fictionfantasy.de/load.php?name=News&file=article&sid=2912)
Hier noch der Link zur Autorenseite der Strugazkis bei Fictionfantasy.de mit weiteren Rezis. (http://www.fictionfantasy.de/load.php?name=News&file=article&sid=2487)
Liathano
10.07.2008, 19:15
Die Strugatzki-Werke sind schwere Kost, aber lesbar und zudem -auch wenn ich den Terminus für nicht immer vielsagend halte- Weltliteratur. Wer nur Fantasy liest, dem rate ich klar von diesen Büchern ab, ich hätte den Thread auch eher in die SF-Ecke verschoben, denn die zentrale Idee, die hinter den meisten (doch nicht allen) Büchern der Brüder steht, ist das Aufeinanderprallen zweier Welten oder Lebensformen.
"Picknick am Wegesrand" ist ein guter Einstieg, wenn man sich intensiver mit Arkadi und Boris Strugatzki auseinadersetzen will, denn es ist vermutlich auch eines der kurzweiligsten ihrer Bücher. (Viele hab ich allerdings auch nicht gelesen, daher genieße man meine Aussagen mit Vorsicht. ;) )
Interessant finde ich auch, dass die Strugatzkis einerseits utopische (z.B. "Der ferne Regenbogen"), andererseits dystopische ("Die bewohnte Insel") Romane schreiben konnten, beide glaubhaft, beide mit starken Parallelen zur SU.
callandryl
10.07.2008, 22:29
Die Strugatzki-Werke liegen wie Blei im Magen ;-)
"Picknick am Wegesrand" ist ein typisches Beispiel für den Unterschied zwischen "Weltliteratur" und "unterhaltsamer Literatur"...
Wer sich leichter weise einen einblick verschaffen will, sollte sich den Film "Es ist nicht leicht ein Gott zu sein" ansehen. (basierend auf dem Roman "Ein Gott zu sein ist schwer")
Ich hatte den Film damals gesehen ohne eine Ahnung von den Büchern zu haben.
Also ich fand Picknick am Wegesrand jetzt keinesfalls schwer. Die Geschichte ist düster und sicherlich nichts zum Wohlfühlen, aber die Erzählung ist klar, auf ein Ziel gerichtet und keinesfalls unverständlich. Für einen SF Roman war er gut verständlich. Vor kurzem habe ich von Peter Watts den Roman Blindflug gelesen. Der war ein hart Brocken.
Ich habe den Thread nun zum Bereich SF verschoben, wo er auch hingehört. Danke für den Hinweis, ich hatte nicht realisiert, dass im Fantasy Bereich gepostet wurde.
Ich kenne bisher nur ein Buch der Brüder Strugatzki, und zwar Das Experiment.
Irgendwo, isoliert von der Welt, wie wir sie kennen, liegt eine Stadt, in der Menschen unterschiedlichster Herkunft, Nationalität und politischer Überzeugung leben. Doch niemand von ihnen weiß, wie sie dort hingekommen sind und was es mit dem rätselhaften "Experiment" auf sich hat, das offenbar in der Stadt durchgeführt wird. Merkwürdige Dinge geschehen...
Das Buch ist laut Herausgeber eine Abrechnung mit den Zuständen in der ehemaligen Sowjetunion und konnte deshalb auch erst 20 Jahre nach der Entstehung erscheinen. Ich kenne mich da leider zuwenig aus, um diese Facette des Buches zu beurteilen.Für mich war Das Experiment ein sehr spannendes, bizarres, intelligentes Buch. Die Hauptperson, Andrej, ist zwar nicht besonders sympathisch, aber in seiner Konsequenz und Nicht-in-Frage-Stellens der seltsamen Geschehnisse schon bemerkenswert. Ich stelle das Buch in eine Reihe mit Fahrenheit 451 oder 1984.
Andererseits haben die Gebrüder Strugazki auch bewiesen, dass sie durchaus eine leichte und heitere Lesekost schreiben können, wie das Buch "Der Montag fängt am Samstag an" (1965) beweist. Das Buch, das bei Strugazki-Fans an dritter Stelle in der Popularität rangiert (nach "Picknick am Wegesrand" und "Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein") ist voller Optimismus an die wissenschaftliche Forschung, auch wenn es einiger Seitenhiebe auf die allgegenwärtige Bürokratie, wissenschaftliche Effektehaschrei und andere sowjetische Realitäten nicht scheut. Jedoch, weil es gerade während des Chruschtschowschen Tauwetters erschien, kam es durch die sowjetische Zensur unbeschadet durch - was man von der Fortsetzung "Das Märchen von der Troika" nicht behaupten kann, denn es wurde sowohl in ihrer Langfassung ("Troika-1"), als auch in der kurzen und harmloseren Magazinfassung ("Troika-2") verboten und wurde erst Ende der 80er verlegt.
Die Geschichte:
Der junge Programmierer Alexander Priwalow nimmt auf seiner Autoreise durch Nordkarelien zwei Anhalter mit, die er in die kleine Stadt Solowetz mitnimmt. Doch bald findet sich Alexander wie in einem russischen Volksmärchen wieder, denn die typische sowjetische Kleinstadt ist handfest mit Magie verbunden - seine Unterkunft ist eine Hütte auf Hühnerbeinen, die von der alten kauzigen Baba Jaga und einem sprechenden Kater bewohnt wird. Das Zentrum der Stadt ist nämlich das staatliche Naturwissenschaftliche Institut für Magie und Zauberei, in der sich Priwalow bald als Programmierer wiederfindet. Und dort gibt es für einen Neuling viel zu erleben...
Die Geschichte um ein magisches Institut wurde in Deutschland in den 70er Jahren von Hermann Buchner als "Montag beginnt am Samstag" übersetzt - allerdings völlig verfälscht, mit vielen seitenlangen Kürzungen, Umdichtungen und Eigenkreationen. (die DDR-Übersetzung von Helga Gutsche war da etwas besser - beide sind allerdings vergriffen).
Allerdings kann diesem geholfen werden: es gibt nun eine korrekte vollständige Übersetzung des Werks, und zwar hier zu lesen (http://www.imzwielicht.de/phorum/viewtopic.php?f=5&t=277).
Hallo zusammen.
Ich habe bereits recht viel von den Strugatzkis gelesen und sie sind zu einem Favouriten für mich geworden. Die Art der Sci-Fi ist sicherlich nicht für jeden etwas, aber ich mag sie sehr gerne. Im Vordergrund stehen fast immer die Menschen, ihre Charaktere und Reaktionen auf aussergewöhnliche Situationen.
Eine Prise Humor ist immer mit dabei, aber es handelt sich auf keinen Fall um Funliteratur. Die philosophischen und kritischen Aspekte, obwohl meist sanft vermittelt, machen ganz klar den Hauptpunkt aus.
Zum Einstieg kann ich guten Gewissens zwei Bücher empfehlen:
Es ist nicht leicht ein Gott zu sein
und
Das Hotel "Zum verunglückten Bergsteiger (manchmal: Alpinisten)"
Diese sind leicht zu lesen und relativ dünn. Obwohl die meisten Bücher recht dünn sind steckt ein recht umfangreicher Inhalt drin. Das und die obengenannten Aspekte liebe ich an den Brüdern.
Wenn noch mehr Tipps erwünscht sind, fragt ruhig.
Liebe Grüße
Tetsuo
Ich hab das Experiment und Piknik am Wegesrand gelesen und finde den Stil sehr angenehm, sicher keine Leichte Kost, aber schwer im Magen liegen ist übertrieben - finde ich.
b.t.w. Sind die beiden wirklich Brüder?
Dem Vorwoet vom Experiment ist zu entnehmen daß sie es nicht sind, einer stammt aus St. Peterburg und einer aus einer anderen Stadt...
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