Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Auf der Strecke geblieben
Gedanken zu einem verkorksten Feierabend...
Ob du noch lebst? Oder schon tot bist? Ich hoffe, du lebst noch. Ich hoffe, du hast Schmerzen.
Nein, ich hasse dich nicht. Dazu kenne ich dich nicht. Ich weiß nicht, ob du männlich oder weiblich bist. Ich weiß nicht, was du für Probleme hast.
Aber ich verachte dich! Nicht einmal dafür, was du getan hast. Sondern dafür, dass du es so getan hast...
Der Bahnsteig ist voll. Überall stehen, sitzen, gehen Menschen. Genervt, gereizt, reizbar. Ein Mann im Anzug diskutiert lautstark mit einem Bahnangestellten. Der zuckt nur hilflos die Schultern.
Die Verspätungsanzeige springt hoch - von 20 auf 40 Minuten. Dann kommt die Durchsage. Arzteinsatz, Personenschaden. Warum ausgerechnet heute? Ich hatte noch so viel vor.
Ich denke an die Kisten, vollgepackt mit nagelneuen Exemplaren von "Lichtbringer", frisch aus der Druckerei. Heute wollte ich die Umschläge fertigmachen, damit sie morgen rausgehen konnten. Danach noch einmal meine Lesung für morgen abend üben, für den Tag unserer "Buchgeburtsparty". Daraus wird wohl nichts mehr heute abend. Außer, ich leg eine Nachtschicht ein.
Und schon springt die Anzeige auf 60 Minuten.
Eine Frau versucht, ihr quängelndes Kind zu beruhigen. Neben mir telefoniert ein Mann mit jemand. Wahrscheinlich erklärt er gerade seiner Frau, warum er heute nicht zum Abendessen kommen wird.
Egoist.
Weißt du eigentlich, was du uns allen hier antust?
Wir hatten mal eine Bekannte, ein junges, sympathisches Mädchen, Anfang 20. Stolz war sie, als sie ihren ersten Tag im neuen Job hatte. U-Bahnfahrerin. Das war sie mit Leib und Seele. 8 Monate später war damit Schluß.
So ein Arschloch wie du war ihr vor die Bahn gesprungen. Nachdem sie den Zug zum Stillstand gebracht hatte, stieg sie aus, um ihn zu helfen. Danach wußte sie, warum die Lokführer Anweisung hatten, niemals auszusteigen, sondern auf Hilfe zu warten.
Sie war 2 Jahre vom Dienst freigestellt. U-Bahn fuhr sie nie wieder, nicht in der Führerkabine und auch nicht hintendrin. Mittlerweile hat sie den Job aufgegeben und die Stadt verlassen. Statt dessen sucht sie 2 x die Woche einen Therapeuten auf, bis heute. Das ist jetzt 6 Jahre her.
Hast du eigentlich mal darüber nachgedacht?
Was du, was ihr den Menschen auf der anderen Seite der Scheibe antut?
Ich meine, ich habe nichts gegen welche wie dich. Ihr könnt Euch gerne umbringen. Aber wenn ihr schon zu feige zum Leben seid, dann seid doch wenigstens mutig genug zum Sterben. Schlitzt euch die Pulsadern auf, schießt euch eine Kugel in den Kopf, geht mit einem Fön baden oder fresst meinetwegen Rattengift. Aber bleibt weg von Straßen und Zügen. Und bringt nicht andere dazu, euch das anzutun, wofür ihr zu feige seid!
Der Zug fährt ein. Mit fast 70 Minuten Verspätung. Mit viel Glück wartet meine Regionalbahn in Augsburg.
Dann erneut ein Halt. Das kann doch nicht war sein.
Haben heute denn alle Selbstmörder zwischen Stuttgart und München Auslauf?
Ich muß an den Abend vor 3 Jahren zurückdenken. Damals lief der Zug auch mit einigen Stunden Verspätung in Ulm ein. Im Abteil war großes Trara. Man erzählte sich, dass der Idiot überlebt hätte, aber beide Beine verloren hatte. Es gab eine Schadenfreude im Abteil, die mehr als unnatürlich war. Und ich empfand sie ebenso. Und heute wieder.
Ich wünsche dir und diesen anderen Idioten, dass du überlebst. Mit viel, viel Schmerzen. Für jede Minute, die einer von uns heute im Zug wegen dir warten mußte, sollst du eine Stunde voller Schmerzen erleiden.
Vielleicht hast du ja ganz großes Pech. Vielleicht hast du heute auf den Gleisen auch deine Beine verloren. Glückwunsch - so nahe wie heute wirst du den Gleisen mit Rollstuhl nie wieder kommen.
Ich muß an jene denken, die mit Behinderungen und Handikaps geboren werden. Die lernen müssen, damit zu leben. Die versuchen, trotz dieser Probleme noch einen Wert im Leben zu sehen. Und du wirfst dein Leben einfach so weg. Riskierst es, dadurch zum Krüppel zu werden.
Nein - ich wünsche dir das Leben. Mit viel Schmerzen...
Gerade kommt die Durchsage, nach 20 Minuten warten. Ein Tierschaden.
Das arme Tier. Ja, es erhält von mir mehr Mitleid, als du von mir erwarten könntest.
Wobei...
Ein wenig Mitleid habe ich schon mit dir.
Denn, egal was aus dir geworden ist...
Egal, ob du überlebt hast oder nicht...
Heute abend bist du irgendwie auf der Strecke geblieben.
Das ist leider keine Geschichte, sondern hat sich heute gegen 18 Uhr genau so zwischen Ulm und Augsburg zugetragen. Ich hoffe, niemand hier im Forum hegt solche Gedanken, sich irgendwann mal vor den Zug zu schmeißen. Es gibt für die meisten Probleme eine Lösung. Sein Leben wegzuwerfen, ist keine.
Gute Nacht.
Treogen
Rotkätzchen
15.10.2008, 22:49
Wow.
Das ging mir nahe.
Klar, es ist keine Geschichte.
Was solls, es ging mir nahe.
Nicht weil ich eine potenzielle Springerin wäre, sondern weil du es sehr intensiv und drastisch geschrieben hast. Lange habe ich nicht recht begriffen, wer mit "Du" gemeint ist, aber es geht auf.
Ich weiß jetzt auch gar nicht, wie ich mich noch dazu äußern soll. Im Prinzip stimme ich dir vollkommen zu. Contergan, Tschernobyl ... so viele Menschen müssen mit schlimmsten Entstellungen leben. Doch gesunde Menschen bringen sich um. Man könnte argumentieren, dass bei denen die Seele erkrankt ist. Bis zu einem gewissen Punkt habe ich dann auch Verständnis, aber angesichts wahrem Leid fällt es mir doch schwer zu verstehen, wie man sich das bewusst antun kann.
Das Leben ist nicht leicht und es ist nicht fair. Beides wird es nie sein. Doch auch der größte Liebesschmerz, die größte Pein, die niederste Schmach zerstört eine Existenz nicht in dem Maße, wie viele Menschen leben müssen. Und diese Menschen sehen im Leben mehr wert als mancher von uns. Eigentlich beschämend...
Das gibt einem echt eine gehörige Portion zum Nackdenken mit auf den Weg ...
Was du, was ihr den Menschen auf der anderen Seite der Scheibe antut? Ich meine, ich habe nichts gegen welche wie dich. Ihr könnt Euch gerne umbringen. Aber wenn ihr schon zu feige zum Leben seid, dann seid doch wenigstens mutig genug zum Sterben. Schlitzt euch die Pulsadern auf, schießt euch eine Kugel in den Kopf, geht mit einem Fön baden oder fresst meinetwegen Rattengift. Aber bleibt weg von Straßen und Zügen. Und bringt nicht andere dazu, euch das anzutun, wofür ihr zu feige seid!
Das ist sehr treffend beschrieben, wie ichs mir selbst auch schon so oft gedacht habe. Ich meine - warum noch andere Leute da mit reinziehen???
Bei uns hat sich mal jemand vom Dach eines Einkaufzentrums gestürzt. Mitten am Tag! Selbst Erwachsene trifft das schon hart genug - aber davon abgesehen, gingen zu diesem Zeitpunkt auch KINDER da vorbei.
Das ist ein verdammt schwieriges Thema! Einerseits versuche ich diese Menschen zu verstehen und denke, wenn die wirklich so verzweifelt sind, wollen sie`s bestimmt spontan und schnell hinter sich bringen. Doch andererseits habe ich wiederrum überhaupt kein Verständnis für sowas. Mir ging`s auch schon oft besch... was soll`s? Das Leben geht weiter. Es ist nicht immer alles schlecht. Und wenn man wirklich meint, sich umbringen zu müssen, gibt`s schließlich auch weniger ... grausame Möglichkeiten.
Der Mann einer Kollegin von mir arbeitet im Bahnausbesserungswerk.
Er ist für die Wartung der Lokomotiven zuständig.
Wenn eine Lok ins Werk kommt, wird gelost:
Wer als erstes "nach unten" muss.
Ich habe das erst nicht verstanden.
Ich dachte: Haben die Angst vor dem Dunklen?
Oder fürchten sie, dass ihnen die Lok auf den Kopf fällt?
Die Lösung ist viel einfacher (aber umso makaberer):
Niemand will sehen, was am Fahrgestell klebt.
Und leider klebt oft was dran.
Rot, blutig, schmierig.
Und ob's von einem Tier stammt oder ...
Das weiß keiner mehr, wenn die Lok ins Werk kommt.
Aber man kann es sich vorstellen.
Was für ein schwieriges Thema.
Je nach Stimmung schwanke ich zwischen einem gewissen Verständnis für Selbstmörder und totaler Ablehnung dieser fatalen "Lösung". Es mag ja Umstände geben, die einen die Last des Lebens nicht mehr (er)tragen lassen... aber warum muss man damit unbedingt auch völlig Unschuldige schwer belasten oder in Mitleidenschaft ziehen?
Ich verstehe Selbstmörder, die sich in aller Öffentlichkeit töten und unfreiwilligen Zuschauern das Trauma ihres Lebens verpassen, nicht. Die ultimative Rücksichtslosigkeit ist das. Da wird das Opfer zum Täter und produziert weitere Opfer. Schrecklich.
Simon the Sorcerer
16.10.2008, 22:03
Hallo Treogen,
Du hast recht !
Du hast einfach nur "recht" !
Du sprichts bzw. schreibst das, was viele von uns schon oft dachten.
Und zwar wirklich gut ! Kompliment von mir, für dein Können und deinen Mut, solch eine Geschichte zu schreiben.
Und Selbstmord ist nie eine Lösung ! NIE !
(glaubt mir ich hab da Erfahrung...)
Grüße
Das Problem mit Selbstmördern ist doch, dass ihnen alles egal ist, denn wer sich zu diesem Schritt entschieden hat, dem sind die folgen seines tuns egal. Oder anders ausgedrück: Menschen, die die Folgen eines solchen Selbstmordes noch abwägen, werden ihn höchstwahrscheinlich nicht durchführen. In Salzburg ist mal einer vom Mönchsberg runtergesprungen, über einer Fußgängerunterführung. Leider hatte er einen Passanten erwischt. Dieser war tot, aber der Selbstmörder hatte überlebt... *nein*
EinfachSo
17.10.2008, 10:19
ich glaube, dass wir da alle ziemlich auf der selben wellenlänge sind. ich findes es auch absolut furchtbar, unerträglich, egoistisch....
wer kann nur so feige sein - erstens sich so aus seiner lage zu "befreien", zweitens andere mit rein zu ziehen und drittens - was bitte ist mit seiner familie, freunde, bekannte - alle die "zurück bleiben".....
ich kann so eine entscheidung nicht verstehen - will ich gar nicht....
es passieren so viele dinge im leben - gute, schlechte, neutrale.... so viele haben mit wirklichen problemen zu kämpfen und stellen sich ihnen tag täglich.... und dann - ein selbstmörder der es nicht schafft sich auch wirklich selbst im stillen kämmerchen zu "erledigen" - da entwickelt sich bei mir eigentlich ein richtiges hassgefühl.... - sicher kein mitleid.....
es gibt immer eine lösung und es gibt immer menschen die einem helfen - verdammt!
auch ich hab schon einiges an sch... erlebt und mitbekommen - trotzdem ist für mich mein leben so verdammt viel wert, dass ich es für NICHTS aufgeben möchte!*mph*
Wie gesagt: Wenn sich einer zu diesem Schritt entschließt, dann ist ihm alles andere egal. Ich weiß auch nicht, was in so einem Menschen vorgeht. Eigentlich muss ich sagen, dass ich froh bin, dass ich es nicht weiß...
Niemand will sehen, was am Fahrgestell klebt.
Und leider klebt oft was dran.
Rot, blutig, schmierig.
Und ob's von einem Tier stammt oder ...
Das weiß keiner mehr, wenn die Lok ins Werk kommt.
Aber man kann es sich vorstellen.
HORROR pur xD
@troegen
den post hast du richtig gut geschrieben. du bist autor? schreibst bücher? ich würd gern mal was lesen.
das, was du darstellst, ist mir sehr nahe gegangen.
@hathor
wenigstens haben die dann etwas mehr aufmerksamkeit als vorher. besonders schlimm ist ja, wenn besoffene vor die bahn springen. besoffen - nicht mal im klaren zu sein, was man ist und was man macht. genauso schlimm ist aber auch, wenn man vor die bahn geschupst wird. das sind so sachen, da kann man nichts dagegen machen und schimpfen hilft auch nichts.
aber solche, die absichtlich springen, weil sie keine andere möglichkeit sehen, sind menschen wie ich und du. sie könnten sich die pulsadern aufschneiden, aber nicht jeder verkraftet das. ich zum beispiel kann auch keine adern sehen. vor den zug hinschmeißen geht da viel leichter.
ich bin sogar für ein todeshaus, hier in deutschland. wo menschen hinkommen, 3 tage lang aufgeklärt werden (wie bei so nem abtreibungswunsch) und dann umgebracht. so liesen sich sicher mehr umfälle in der öffentlichkeit vermeiden. aber so ein todeshaus lässt ja keiner zu.
Ollowain
17.10.2008, 20:19
Ich kann mich eigentlich nur Hathor anschließen.
Auch ich kann nämlich je nach Stimmung verstehen, dass jemand einfach nicht mehr weiter will. Das verstehe ich irgendwo...
Und doch ist es keine Lösung. Wäre für mich auch nie eine. Es geht immer weiter. IMMER!
Und egal, wie schlecht es im Moment auch aussehen mag: Es gibt immer jemandem, dem es schlechter geht. Und es wird immer so sein, dass sich die Situation ändern wird - zum Besseren. Immer.
Das, finde ich, darf man nie vergessen.
Was du, was ihr den Menschen auf der anderen Seite der Scheibe antut?
So hatte ich das noch gar nicht gesehen... langsam glaube ich wirklich das Internet hat mich abgestumpft. Ich hab schon so viele übelst zugerichtete Leichen gesehen dass es mich gar nicht mehr stört. Aber wenn sich wirklich so viele in der öffentlichkeit umbringen wie du sagst, kann das sogar recht praktisch sein.
Nightfarer
18.10.2008, 09:07
Bewegend. Also ich würde aber nicht so denken, sondern eher warum hat er es getan und nicht der Feigling springt vor einen Zug. Irgendetwas muss ja einen Menschend dazu bewegen überhaupt den Schritt in den Tod zu wagen. Also so brutal würde ich glaube ich nicht denken. Aber ich weiß nicht, ich war nie direkt bei den Gedanken.
Alle Achtung.
Das trifft's auf den Punkt.
...abgesehen davon, daß das wohl wirklich eine beliebte Strecke ist... Ich bin die auch schon gefahren und ich musste auch schon aus dem gleichen Grund warten und hatte eine Riesenwut, für die ich mich aber fürchterlich geschämt hab.
Allerdings wurde ich auch schon mit der anderen Seite konfrontiert... ein ehemaliger Klassenkamerad hat sich auf diese Weise umgebracht (kein naher bekannter, und es war lange nachdem ich aus der Schule war, aber da konnte ich es etwas besser verstehen). Kurz zusammengefasst hat er nie die Beachtung gefunden die er gerne gehabt hätte, er war immer der lauteste, aber tatsächlich total verunsichert, Scheidungskind, keiner mochte ihn so richtig, jeden hat er provoziert, er wurde irgendwann einfach von allen ignoriert weil er nur nervte...
Nach dem Tod hatte er die Beachtung von ALLEN.
Mad Bull
18.11.2008, 22:19
Weißt du eigentlich, was du uns allen hier antust?
Es mag ja Umstände geben, die einen die Last des Lebens nicht mehr (er)tragen lassen... aber warum muss man damit unbedingt auch völlig Unschuldige schwer belasten oder in Mitleidenschaft ziehen?
Wie gesagt: Wenn sich einer zu diesem Schritt entschließt, dann ist ihm alles andere egal. Ich weiß auch nicht, was in so einem Menschen vorgeht.
"Herr vergib ihnen, den sie wissen nicht was sie tun."
Dieser Spruch ist, für mich, eine Antwort auf diese Fragen.
Sobald Menschen einen starken inneren Film laufen haben,
können sie sehr rücksichtslos zu ihrer Umwelt werden.
Lustige Menschen machen mehr Unfug als traurige Menschen.
Aber traurige Menschen machen schlimmeren Unfug.
Unfug der anderen Lebewesen schwere Verletzungen zufügen kann.
Wie etwa dieses Trauma der U-Bahnfahrerin.
Es gibt Wege mit einem schwerem Trauma, wie diesem, fertig zu werden.
Ich habe vor ca. drei Jahren mit einem Mann gesprochen,
der schlimmeres als die junge Frau erlebt hat.
Sie wird wieder ein geregeltes Leben führen können, davon bin ich überzeugt.
Hi Mad Bull
Es gibt Wege mit einem schwerem Trauma, wie diesem, fertig zu werden.
Ich habe vor ca. drei Jahren mit einem Mann gesprochen,
der schlimmeres als die junge Frau erlebt hat.
Sie wird wieder ein geregeltes Leben führen können, davon bin ich überzeugt.
Menschen sind verschieden.
Ich kenn auch einen jungen Mann, der weitaus Schlimmeres erlebt hatte.
Der hätte so ein bisschen blutiges Fleisch auf der Windschutzscheibe wie nichts weggesteckt.
Trotzdem - Menschen sind verschieden. Menschen verarbeiten Dinge auch auf unterschiedliche Weise und genau deswegen bin ich mir darüber eben nicht sicher, dass diese Frau jemals wieder ein geregeltes Leben führen kann.
LG
Treogen
Waterstorm
19.11.2008, 16:30
Zu dem Thema ist zweien meiner Mitarbeiter gestern auch etwas passiert. Der Fahrdienst hatte sie angerufen, da sie gerade in der Nähe waren und ihnen gesagt da stehe ein Mann neben dem Gleis der sich vermutlich vor den Zug werfen wolle. Sie sind dann sofort hingefahren und haben mit dem Mann geredet. Die Züge fuhren schon die ganze Zeit nur mit Schritttempo vorbei, weil einer der Lokführer die Leitstelle gewarnt hatte.
Es stellte sich heraus dass der Mann wirklich beabsichtigt hatte sich das Leben zu nehmen. Er hatte einem Kollegen auch schon eine SMS geschrieben. Er ist dann mit seinem Hund wieder gegangen und kurz darauf kam auch die Polizei welche ihn dann abfing.
Ich wohne in Augsburg und musste eine Woche Sozialpraktikum in der Bahnhofsmission verrichten. Die Leute, die dort zum größten Teil ehrenamtlich arbeiten, haben mir auch von solchen Selbstmorden erzählt. Sie sagen: "Das Schlimmste ist ja, dass die Leute auch noch zusehen, wie der Mann auf das Gleis zu rennt und auch nachdem es passiert ist, werden es nur noch mehr Schaulustige."
Sicher, es ist eine Schocksituation, aber ich kann es nicht verstehen, das so ein 'Ereignis' (es ist ja keines, aber mir fällt leider kein passender Ausdruck ein) so spannend sein kann, das man bis zum Ende am Gleis stehen bleibt und zu schaut. Ob da so etwas, wie Schadenfreude im Spiel ist, oder das Leben dieser Leute so langweilig ist, dass sie diesen schönen Anblick eines Selbstmörders gerne sehen, lasse ich lieber unbeantwortet.
Aber ich muss sagen, dass ich Leute teilweise verstehen kann, wenn sie einfach nicht mehr leben wollen. Eigentlich sollte man doch selbst entscheiden dürfen, wann man nicht mehr leben möchte. Ja, es stimmt, das einige oder vielleicht auch viele unüberlegt handeln, bzw. aus einer Mücke einen Elephanten machen und wegen jedem kleinen Vorfall vor den Zug springen. Das kann aber niemand so genau sagen, bei welchem Selbstmörder das der Fall ist/war.
Auch sollte man nicht verallgemeinern, was schlimm und weniger schlimm ist. Jeder Mensch hat eine andere Sichtweise und steckt in Dinge bestimmte Gefühle, worin wir keinen Sinn sehen oder es für uns nicht wert ist, diesem etwas (was auch immer es sein möge) bestimmte Gefühle zu zuschreiben.
Leider hinterlassen Selbstmörder immer trauernde Familien-oder, eben Lockführer, die für den Rest ihres Lebens in keinen Zug mehr steigen-, die sich fragen, was SIE falsch gemacht haben, dass der geliebte Mensch zu so einer Handlung fähig war.
Ob Selbstmörder feige sind oder nicht, will ich nicht beurteilen. Es kommt darauf an, wie man das Ganze definiert. Eine Überdosis Tabletten zu schlucken, mit dem Wissen, dass man nicht mehr aufwachen wird, kostet Überwindung und vor einen Zug zu springen ebenfalls. Auch, wenn es die falsche Art von Mut ist.
Aber wer kann schon sagen, was in diesen Köpfen vor sich geht? Kann man wahrscheinlich erst verstehen, wenn man selbst in einer ähnlichen Lage steckt, aber selbst dann wird's bei jedem Menschen anders sein.
Eigentlich sollte man doch selbst entscheiden dürfen, wann man nicht mehr leben möchte.
Nur, solange man dadurch nicht das Leben anderer beeinträchtigt.
Sollen sie sich einen Strick nehmen, sich mit Pillen zupumpen, oder sich zum ausbluten in die Wanne legen.
Aber in dem Moment, in den Andere zu Tätern gemacht werden oder dadurch ganze Leben zerstört werden, wünsche ich diesem verantwortungslosen Typen nicht den Tod, sondern das Leben. Und zwar ein Leben voller Schmerzen, seelischen und körperlichen *mph*
Ob Selbstmörder feige sind oder nicht, will ich nicht beurteilen.
Was ist es denn dann, wenn man nicht selbst den Schlußstrich zieht, sondern die Sauerei auch noch jemand anderen erledigen läßt.
Ich glaube einem Selbstmörder ist in dem Moment alles egal. Vielleicht sollte es aber noch en letzter Aufschrei sein gegen die Welt die einem so unfair behandelt hat. Ich weiss es nicht, ich kann es mir nicht mal im Ansatz vorstellen. Ich kann mich nur noch an den Schock erinnern, als ich vor 5 Jahren erfahren habe, dass eine ehemalige Klassenkameradin, mit der ich erst ein Jahr zuvor meinen Abschluss gemacht hatte, sich umgebracht hatte. Und ja, sie hat sich vor den Zug geworfen. Sie hat auch einen Abschiedbrief geschrieben und der wurde an der Beerdigung vorgelesen.
Ich wusste das alles nicht, niemand tat es, ich habe nur eine blasse Vorstellung von dem was sie wahrscheinlich durchgemacht hatte, was ihr angetan wurde. Dabei war sie immer so fröhlich, so freundlich und lustig und so ein hübsches Mädchen. Aber im nachhinein finder man die Zeichen, Sachen die sie gesagt hat, Reaktionen, die zwar eigenartig waren aber irgendwie doch nicht so auffällig.
Wie kann nur ein Mensch so verzweifelt sein um sein Leben wegzuschmeissen. Ich kann es nicht nachvollziehen, selbst all die Male die ich am Boden war und dachte ich kann nicht mehr, war der Drang zu leben immer grösser.
Tja, sicher kann ich verstehen, dass man sich vielleicht nervt, wenn man auf den verspäteten Zug warten muss, aber trotzdem dass sich ein Mensch das Leben nimmt, weil er so verzweifelt ist, dass er sein Leben aufgibt ist das schlimmste was es gibt. Es macht mich traurig. Und es macht mich immer noch fassungslos an das Geschehniss vor 5 Jahren zurückzudenken. Habt ihr euch schon mal den Abschiedsbrief eines Klassenkameraden und Feundes anhören müssen?!
Tja, sicher kann ich verstehen, dass man sich vielleicht nervt, wenn man auf den verspäteten Zug warten muss,
Vielleicht ist es nicht ganz so rübergekommen, aber das genervt sein war zwar der erste Gedanke, aber nicht der Einzigste (und auch nicht der wichtigste).
Ich finde es viel schlimmer, das dadurch eine Kettenreaktion ausgelöst wird.
Wenn nämlich ein Mensch innerlich daran zerbricht, dass ein Mensch sich ausgerechnet vor seinen Zug, Auto, sonstewas werfen mußte, dann ist damit ein wahrscheinlich heiles Menschenleben zerstört.
Und mit jemand, der so etwas provoziert habe ich kein Mitleid. Den wünsche ich kein einfaches und schnelles Sterben - dem wünsche ich ein Überleben der schlimmsten Art *mph*.
Habt ihr euch schon mal den Abschiedsbrief eines Klassenkameraden und Feundes anhören müssen?!
Nein, aber ich mußte mir eine Beerdigungsrede für eine junge Frau und ihren 6 Jahre alten Sohn anhören.
Warum?
Weil ihr Mann der Meinung war, dass sein Leben nicht lebenswert sei und das Leben seiner Frau und seines Sohnes ohne ihn auch nicht. Also hat er seiner Frau und seinem Sohn im Schlaf mit einer Pistole umgebracht, sich danach die Knarre in den Mund geschoben und sich das Gehirn weggeschoßen.
Seitdem kann ich Menschen, die ihr Leben beenden wollen und dabei unbedingt auch noch andere hineinziehen müssen, einfach nicht mehr ab.
Scheiße, der Kleine wäre mittlerweile 11 Jahre alt *nein*
Der Selbstmord kann als einzige selbst bestimmende Tat in einer Welt aus Zwängen verstanden werden, als feige Flucht vor Problemen, die so hätten nie entstehen müssen, als verzweifelter Schrei nach Aufmerksamkeit oder als etwas völlig anderes.
Über Motive, die hinter dem Selbstmord stehen kann man sich lang und breit unterhalten. Auch darüber ob eine solche Tat gerechtfertigt sein kann oder nicht. Der Punkt ist aber: Wenn man am Leben bleibt, kann auch die schwierigste Lage immer noch besser werden. Wenn man stirbt, ist es aber endgültig vorbei.
Für mich kommt ein Selbstmord daher nicht in Frage. ^^
Grey Wolf
26.11.2008, 01:31
Ihr bezeichnet Selbstmörder als feige. Ich finde es zwar auch nicht richtig, aber ich kann es nachvollziehen. Aber feige sind sie nicht.
Habt ihr euch mal darüber Gedanken gemacht, was für einen gewaltigen Mut man aufbringen muss, um sich zu töten? Dabei ist es recht egal, wie man sich umbringt.
Man reißt immer Menschen mit. Denkt mal an die Leute, die die ausgeblutete Leiche in der Badewanne entdecken. Diese Person/en haben garantiert auch lange mit den Folgen zu kämpfen. Manche können das freilich ohne weiteres wegstecken. Aber der Großteil dürfte arge seelische Probleme bekommen.
Hinzu kommt, dass sich die Angehörigen, Freunde und Bekannte immer einen Vorwurf machen werden. Sie werden sich sagen, dass sie die Zeichen hätten bemerken sollen, dass sie Selbstmorddrohungen hätten ernster nehmen müssen.
Irgendwo hab ich mal gelesen, dass 8 von 10 Selbstmorden fehlschlagen. Da wird man sich die "sicherste" Möglichkeit suchen. Ein Zug hat den "Vorteil", dass dieser bei hoher Geschwindigkeit, extreme Mechanische kräfte auf den Körper ausübt. Wenn man nicht gerade ungünstig steht/springt ist da kaum eine Überlebenschance.
Springen hat ähnliche Wirkungen wie beim Zug.
Tabletten haben den Nachteil, dass man nicht wirklich weiß, was und wieviel man nehmen muss. Schlimmstenfalles wacht man wieder auf und muss feststellen, dass man schwerst behindert ist.
Strick und Pulsadern aufschneiden ist ein Sterben, dass eine Zeit lang, mitunter eine sehr lange Zeit, Schmerzen verursacht. Daher ist es vieleicht auch nicht jedermans Sache. Nicht jeder verträgt den Anblick von Blut.
Jeder Selbstmörder wird sich Gedanken drüber machen, wie er sich umbringt und wie es ihm am ehesten "passt". Wie man sich umbringt ist letztendlich egal, da immer Menschen rein gerissen werden, und seien es auch "nur" die Beamten, die einen wegschleppen müssen.
Menschen, die sich umbringen haben unterschiedliche Motive.
Dass behinderte Menschen, die behindert geboren werden, mehr Lebensfreude haben, liegt auch daran, dass sie nichts anderes gewöhnt sind. Es kann schon sehr depresiv sein, wenn man ignoriert wird (und ich weiß das, denn mein Vater ignoriert mich seit 6(!) Jahren und das, obwohl wir im selben haus leben. Gehässigkeiten sind das Einzigste, was ich von im zu hören bekomme).
Die Leute sind was anderes gewöhnt. Meist sind es plötzliche und gravierende Veränderung in ihrem Leben.
Es gibt immer einen Ausweg, das stimmt und kann ich bestätigen. Aber nicht jeder kennt den Ausweg aus seiner Lage. Selbstmörder gehen vermutlich davon aus, das es keinen Ausweg gibt. Ein Problem sehe ich auch in der Aufklärung über dieses Thema. Es wird gerne totgeschwiegen.
Ich habe kein Verständniss für Leute, die Schadenfreude empfinden, wenn ein anderer Mensch leidet. Ich habe aber Mitleit mit den Betroffenen und bewundere sie in einem gewissen Maße, für ihren Mut.
Ich hab es in all den Jahren nichtmal über mich gebracht, mich zu ritzen, geschweige denn den entgültigen Weg zu wählen.
Im nachhinein bin ich froh drüber, der Feigling gewesen zu sein. Aber ich kann die Situationen und auch Gedankengänge nachvolziehen und verstehen.
Ihr bezeichnet Selbstmörder als feige. Ich finde es zwar auch nicht richtig, aber ich kann es nachvollziehen. Aber feige sind sie nicht.
Selbstmord wird nicht verübt, weil er die schwierigste Alternative darstellt, sondern die vermeintlich Leichteste.
Der persönlich schwierigere Weg erfordert Mut.
Grey Wolf
26.11.2008, 14:03
Selbstmord wird nicht verübt, weil er die schwierigste Alternative darstellt, sondern die vermeintlich Leichteste.
Ich persöhnlich denke eher, dass Selbstmord als die Einzigste Lösung gesehen wird.
Ihr bezeichnet Selbstmörder als feige. Ich finde es zwar auch nicht richtig, aber ich kann es nachvollziehen. Aber feige sind sie nicht.
Habt ihr euch mal darüber Gedanken gemacht, was für einen gewaltigen Mut man aufbringen muss, um sich zu töten? Dabei ist es recht egal, wie man sich umbringt.
Man reißt immer Menschen mit. Denkt mal an die Leute, die die ausgeblutete Leiche in der Badewanne entdecken. Diese Person/en haben garantiert auch lange mit den Folgen zu kämpfen. Manche können das freilich ohne weiteres wegstecken. Aber der Großteil dürfte arge seelische Probleme bekommen.
Ich denke es braucht viel mehr Mut, weiterzuleben, wenn man so am Boden ist. Das braucht für mich viel mehr Mut, sich dem Leben und seinen Grausamkeiten zu stellen. Selbstmord hat für mich weder was mit Mut noch was mit Feigheit zu tun, alleine mit Verzweiflung und/oder psyschischen Unzulänglichkeiten.
Ich kann mir auch vorstelleb, dass die Art und Weise wie man sich umbringt, oder schon alleine die Tatsache, dass man sich umbringt, eine Strafe für all die Menschen in deren Umgebung und der Welt an sich, dass sie an diesen Punkt gekommen sind, wo sie einfach nur aufgeben können.
Ohne werten oder beurteilen oder verurteilen zu wollen - wer ist wohl mutiger oder feiger?
Der Selbstmörder, der ein paar Sekunden oder vielleicht Minuten Horror und Schmerz erlebt und dann nichts mehr spürt?
Oder die Angehörigen, die vielleicht Jahrzehnte leiden, sich fragen, ob sie Schuld tragen? Die ohne den Vater, die Mutter, den Partner weiterleben müssen?
Oder Unbeteiligte wie ein Lokführer, der schwerste seelische Schäden hat und vielleicht nie mehr seinen Beruf ausüben kann?
Oh, warum entdecke ich ein Thema, das in mir einen solchen Konflikt hervorruft, erst so spät?
Ich war... in zweierlei Hinsicht verärgert über den Text. Denn irgendwo hast du Recht mit dem, was du in dem Text vermittelst - es ist schrecklich genug, sich den Selbstmord selbst anzutun, noch anderen als der eigenen Familie, was auch schon schlimm genug ist, eine jahrelange Last aufzudrücken, ist, simpel gesagt, eine Sauerei. Denn sicher drückt dieses Verhalten in gewisser Weise Intoleranz dem gegenüber aus, was man anderen damit antut und dass man sie vielleicht sogar zum gleichen Ende treibt.
Aber auf der anderen Seite, und das ist nunmal die, die in meinem Helfersyndrom-dominierten Hirn meistens...naja, dominiert, denke ich mir, dass man nicht mehr über andere nachdenkt, wenn es so weit gekommen ist. Und ich denke, dass man sogar bis zum gewissen Punkt "Recht" damit hat - nicht das Recht, Unbeteiligte da mit hineinzuziehen, auf keinen Fall. Aber mir fällt gerade kein anderes passendes Wort dafür ein, ich hoffe man versteht auch so, was ich meine... Aber wenn jemand so weit ist, dass er sich das Leben nehmen will, dann liegt das, erfreche ich mich jetzt mal zu sagen, immer - beim einen mehr, beim anderen weniger - zu einem gewissen Anteil daran, dass die Menschen um einen herum bis zu diesem Zeitpunkt nur weggekuckt haben. Deshalb hat Selbstmord meiner Meinung nach auch nicht grundsätzlich mit "Feigheit" zu tun - selbstverständlich gibt es immer irgendwie einen Weg, weiterzumachen, aber verdammt, es gibt Momente, in denen man den nicht mehr sieht und/oder jemanden braucht, der einen drauf hinweist, blöd gesagt.
Deshalb kocht in mir auch die Wut auf die Intoleranz, die diese niedergeschriebenen Gedanken ausdrücken, hoch. Sicher, wie gesagt, sich vor einen Zug zu schmeißen, ist irgendwo selbstsüchtig, aber... irgendwo ist es denke ich auch mal wieder einer dieser indirekten äh... naja, Hilferufe kann man es ja nicht mehr nennen, aber der letzte Nothebel, um anderen endlich zu zeigen, in was für einer Misere man sich befindet - denn ein Selbstmord wird immer von irgendwem beachtet, vieles, was ihm vorausgeht, schlichtweg ignoriert. Sicher denken sich viele "Mh ja, wie soll ich denn da bitte helfen?" und natürlich ist das nicht immer einfach und scheint unmöglich, aber ich denke mir oft, dass es einfach reicht, wenn man zeigt, dass jemand... da ist. Siehe Aktionen wie "Free Hugs". Ein kleines Zeichen dafür, dass man nicht ignoriert und unbeachtet durchs Leben wankt.
Ich finde Selbstmord auch unnötig. Vor allem aber finde ich ihn schrecklich und noch schrecklicher finde ich es zu wissen, dass das hätte vermieden werden können, wenn nur mal jemand seine Augen aufgemacht hätte.
Es ist ein sehr schwieriges Thema... natürlich ist Selbstmord keine Lösung... aber sag das mal jemandem, der am Dachrand steht und dich dann nach einer Alternative fragt.
Ich hoffe bloß, dass der ganze Text jetzt nicht rüberkommt, als würde ich Suizid unterstützen oder grundsätzlich hinter den Selbstmördern stehen - Leben ist immer besser. Aber ich finde es ein wenig oberflächlich, das ganze mit "die sind feige und die eigentlichen Opfer die, die weiterleben" zu quittieren - wenn's so einfach wäre, gäbe es die Thematik wahrscheinlich gar nicht.
Deshalb dreht sich mir an dem Text der Magen um, wenn ich lese, dass dem Springenden ordentlich Schmerzen und Folgen gewünscht werden.
Abschließend kann ich nur sagen, dass ich mich schon sehr auf die (geschriebenen) empörten Aufschreie freue, aber so denke ich nunmal... jemanden praktisch als Abschaum zu verurteilen, weil er sich nicht mehr zu helfen weiß, finde ich egoistisch. Auch hier haben wieder alle Sichtweisen ihre Pros und Contras und Berechtigungen... das hier ist bloß meine...
EinfachSo
26.11.2008, 19:42
hier ein - naja empörter würde ich nicht sagen aber doch (geschriebener) aufschrei.....
schon mal direkten kontakt gehabt mit einem möglich gefährdeten akissi?
jemanden der quietsch vergnügt ist, viel lacht, immer unter menschen ist sogar derjenige, der mehr entertainer der gruppe war als "mitläufer".... "alles" hatte - tolle wohnung, auto, job, freunde, familie... und dann - pulsadern aufgeschlitzt... abschiedsbrief - es war ihm zu viel, er hat den druck nicht ausgehalten.... wo bitte hätte man die "anzeichen" sehen sollen - hinter die "fassade" blicken können.... es gibt auch solche menschen - nicht bloß "freaks" die still und unsichtbar durch die gesellschaft schlittern und "verkümmern", leiden, ignoriert werden usw....
ich sehe es ähnlich, dass der wunsch dem sich selbst ermordenden schmerzen und qualen zu wünschen - ja das ist sehr hart - aber was ist den mit denen die sich nicht helfen lassen wollen, alles dafür tun um bloß nichts vom chaotischen durcheinander seiner seele preis zu geben....
deine meinung ist als eben deine vollkommen in ordnung....
bloß hatte ich schon dieses zweifelhafte vergnügen und noch ein anderes schicksal kennen gelernt und somit gehöre ich tendenziell auch eher zu den "bösen verdonnerern"....
aber jedem das recht auf seine meinung!
Von Leuten, die vor lauter Verwöhnung und daraus entstandenem gesellschaftlichen... "Druck" schon nicht mehr sehen, was sie alles haben, habe ich auch nicht gesprochen. Ja die gibt es auch. Und ja, das ist echt das Letzte, wenn sich so jemand dann umbringt.
Aber:
nicht bloß "freaks" die still und unsichtbar durch die gesellschaft schlittern und "verkümmern", leiden, ignoriert werden usw....
eben. Nicht nur. Aber auch. Und um eben die ging es mir. Ich will damit auch nicht sagen, dass jetzt jeder auf der Suche nach seelisch Kranken durch die Gegend streifen soll, ich bin bloß der Meinung, dass man Hilfe leisten soll, wenn man die Möglichkeit dazu sieht. Und, und das stört mich an dem Ganzen, wenn man die Umstände desjenigen, der sich da jetzt umbringt, nicht kennt, ist es schlichtweg ungerecht, ihn als egoistisch oder was weiß ich sonst noch in die Richtung anzusehen. Denn sicher, es kann einer sein, dessen Probleme man gar nicht als Probleme ansehen würde (und selbst dann ist es wie das Verb schon sagt noch Ansichtssache). Oder auch nicht. Man weiß es nicht. Und solange man es nicht weiß, macht man es sich finde ich ziemlich leicht, darüber ein so allgemeines und absolutes Urteil fällen können zu meinen.
Und mal ganz davon abgesehen: Ich weiß nicht, ob ich da wirklich ein so seltener Fall bin, ich hoffe und glaube es nicht, aber ich wünsche NIEMANDEM extreme Schmerzen oder andere Leiden.
schon mal direkten kontakt gehabt mit einem möglich gefährdeten akissi?
Ja.
Ollowain
26.11.2008, 21:12
Aber wenn jemand so weit ist, dass er sich das Leben nehmen will, dann liegt das, erfreche ich mich jetzt mal zu sagen, immer - beim einen mehr, beim anderen weniger - zu einem gewissen Anteil daran, dass die Menschen um einen herum bis zu diesem Zeitpunkt nur weggekuckt haben. Deshalb hat Selbstmord meiner Meinung nach auch nicht grundsätzlich mit "Feigheit" zu tun - selbstverständlich gibt es immer irgendwie einen Weg, weiterzumachen, aber verdammt, es gibt Momente, in denen man den nicht mehr sieht und/oder jemanden braucht, der einen drauf hinweist, blöd gesagt.
Natürlich liegt es zu einem gewissen Maß daran, dass jemand nicht bemerkt hat, was da abgeht - oder sich nicht getraut hat, was zu sagen.
Aber mal ehrlich: Wenn ich Hilfe will, dann sorg ich dafür, dass ich welche bekomme! Es gibt so viele Kummerkästen, Seelsorgen, etc. dass ich persönlich das Argument "Keiner hat mir geholfen." nicht akzeptieren kann!
Es gibt IMMER jemanden, mit dem man reden kann. Und wenn es anonym über's Telefon oder per Mail an eine dafür zuständige Institution ist!
Insofern finde ich es durchaus berechtigt, Selbstmord als Feigheit zu bezeichnen. Sei es, dass man zu feige war, das Telefon in die Hand zu nehmen, oder sei es, dass man nicht den Mut hatte, sich dem Leben zu stellen.
Außerdem gibt es durchaus Menschen, die trotz schwerster Behinderungen oder ähnlichem leben. Beispielsweise Stephen Hawking, der beinahe komplett gelähmt ist. Hat er seinem Leben deswegen ein Ende gesetzt? Vegetiert er deswegen still dahin? Nein! Er ist trotz Behinderung voll im Leben, wenn ich das so sagen darf, schreibt Bücher - die sogar einem interessierten Laien gewisse Punkte der Physik nahebringen können.
Und ich kann irgendwo - so hart das ist - nachvollziehen, wenn man jemandem, der sich vor 'nen Zug schmeißt einen schmerzhaften Tod wünscht - oder was glaubst du, was eine Mutter tut, die gerade mit ihrem Kind sowas erlebt hat, hm? Glaubst du, dass das Kind, das ja bei Leibe nichts hätte tun können, von sowas nicht schwere Schäden davonträgt?
ExLibris
27.11.2008, 08:26
Ich habe die Beiträge jetzt gelesen, und finde besonders Akissis Umsicht und ihr Verständnis bemerkenswert, mit der sie das Thema betrachtet.
Die damalige Mitbewohnerin einer Freundin hat sich vor den Zug geschmissen, und keiner der Verwandten oder Freunde wollte sie dafür bestrafen. Oder hätte ihr Schmerzen gewünscht. Und der Lokführer sicher auch nicht.
Wut auf den scheinbaren Egoismus der Tat ist verständlich, aber eine eher oberflächliche Reaktion, mMn. Wenn auch nachvollziehbar.
Ich finde es nicht gut, wenn Menschen so verurteilt werden.
Versteht das nicht falsch, ich finde auch, dass Selbstmord keine Lösung ist.
Aber ich weiß nicht, ob man Selbstmörder wirklich verurteilen und sie "Feiglinge" nennen sollte.
Nicht jeder Mensch ist gleich stark und jeder sieht die Welt und das Leben mit anderen Augen.
Nicht jeder ist ein Kämpfer.
Ich kann mir gut vorstellen, dass man ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr mag, selbst wenn es eine Lösung gibt und man sie kennt.
@Haramis: Danke, diese Formulierungen fehlten mir irgendwie bisher =)
oder was glaubst du, was eine Mutter tut, die gerade mit ihrem Kind sowas erlebt hat, hm?
Wenn du's genau wissen willst, schließe ich da jetzt von mir auf andere, da es sonst zu umständlich würde angesichts der vielen verschiedenen Denkweisen verschiedener Menschen. Und dabei komme ich zu folgendem Ergebnis, was eigentlich nur eine Wiederholung des vorigen ist: Ich als Mutter wäre sicher bestürzt darüber, dass mein Kind sowas mit angesehen hat, aber wieso ich daraus den Schluss ziehen sollte, dem anderen ein schreckliches Verenden zu wünschen, ist mir vollkommen schleierhaft. Mal ganz davon abgesehen, dass mich dessen bisheriges und weiteres Leben abgesehen von diesem kurzen Moment des Mitansehens einen feuchten Kericht angeht, ist es meinen Augen simpel gesagt unethisch, anderen sowas zu wünschen. Es scheint mir langsam echt so, als täten hier irgendwie fast alle so, als würden sich Selbstmörder umbringen, um anderen mutwillig Schaden zuzufügen. Äh...was?
Glaubst du, dass das Kind, das ja bei Leibe nichts hätte tun können, von sowas nicht schwere Schäden davonträgt?
Ich habe nie gesagt, dass ich glaube, das Erlebnis wäre für Zeugen nicht schlimm oder traumatisch, im Gegenteil. Dazu habe ich auch denke ich bereits genug geschrieben, man muss es eben lesen. Insofern, nein glaube ich nicht. Aber ich glaube genauso wenig, dass das einem das "Recht" gibt, jemand anderem lebenslange Schmerzen oder einen qualvollen Tod an den Hals zu wünschen.
Aber mal ehrlich: Wenn ich Hilfe will, dann sorg ich dafür, dass ich welche bekomme! Es gibt so viele Kummerkästen, Seelsorgen, etc. dass ich persönlich das Argument "Keiner hat mir geholfen." nicht akzeptieren kann!(...)
Ich bin eigentlich sehr vorsichtig mit solchen Aussagen, aber der Absatz da oben ist einfach nur naiv und egoistisch. Tut mir leid. ;)
Versuche dich in einen Menschen hinein zu versetzen, der sich von seiner Umwelt betrogen fühlt, ausgegrenzt und allein gelassen. Denkst du wirklich, dass er sich an eben diese wenden wird, wenn er Hilfe braucht? Suchst du Hilfe bei denen, die du für deine Feinde hältst? Und jetzt stell dir vor, die ganze Welt wäre der Feind.
Da kann es noch so viele Kummerkästen geben. ^^
Niemals pauschalisieren. Niemals Urteile anhand eigener Ansichten abgeben. Jeder tickt anders. Und jemanden nicht zu akzeptieren, nur weil sich seine Wertevorstellungen nicht mit den deinen decken, ist keine besonders gute Einstellung. :P
Ollowain
27.11.2008, 17:09
Versuche dich in einen Menschen hinein zu versetzen, der sich von seiner Umwelt betrogen fühlt, ausgegrenzt und allein gelassen. Denkst du wirklich, dass er sich an eben diese wenden wird, wenn er Hilfe braucht? Suchst du Hilfe bei denen, die du für deine Feinde hältst? Und jetzt stell dir vor, die ganze Welt wäre der Feind.[...]
Niemals pauschalisieren. Niemals Urteile anhand eigener Ansichten abgeben. Jeder tickt anders.
Nein, ich würde keine Hilfe bei meinen Feinden suchen, da hast du Recht.
Ich kann, glaub ich, auch nachvollziehen, was du meinst...
Aber die ganz konkrete Vorstellung entzieht sich mir irgendwo doch. Ich denke da wohl zu... rational. Weil irgendwo gibt es mMn immer jemanden, der einem nichts getan hat... Aber es ist auch klar, dass man ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr so denkt...
Und jemanden nicht zu akzeptieren, nur weil sich seine Wertevorstellungen nicht mit den deinen decken, ist keine besonders gute Einstellung. :P
Tue ich (eigentlich) auch nicht.
Mich hat nur das "Ihr seid alle so schlechte, herzlose Menschen und ich bin hier vielleicht die einzige, die noch Verstand und Herz hat" in Akissis Post tierisch aufgeregt. Genau das hab ich da nämlich rausgelesen... -.-"
Ich sehe das genau wie Akissi, Haramis und grey.
Ohne in den Kopf der betreffenden Person gesehen zu haben, kann man nie exakt nachvollziehen, warum jemand etwas tut. Und einfach so, ohne den Betreffenden zu kennen, schon gar nicht. Ich sehe Selbstmord nicht als Egoismus an, da er den Tätern als die einzige Lösung erscheint - und sobald ein Mensch von so etwas überzeugt ist, kann er sich nicht mehr selbst helfen.
Ich verstehe, dass die erste Reaktion auf Selbstmord bei vielen Leuten Wut ist, aber zumindest, wenn man über die Sache nachgedacht hat, mal versucht hat, aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten (im übertragenden Sinne), sollte der Zorn doch abflauen.
Auch würde ich nie einem anderen Menschen Schmerzen wünschen und ich glaube nicht, dass irgendjemand hier im Forum solches Denken nötig hat.
@TopicPost, jo da kann man ganz schön stinkig sein wenn der Zug mal wieder Verspätung hat nur weil sich einer vor den Zug geschmissen hat. Warum hat der sich auch grad deinen ausgesucht? Tja so oder so ähnlich würde ich reagieren. Aber ich habe noch eine andere Sichtweise, die danach kommt und wesentlich ausgeprägter ist.
Ich habe den Thread gelesen, fast komplett und es gab einige Dinge die ich kommentieren möchte (mach ich dann aber doch nicht, ist mir zuviel :) ). Es fängt dabei an das irgend jemand gesagt hat, "der denkt auch gar nicht an die anderen" "...die die Sauerrei auf den Gleisen aufräumen dürfen...", was mich aber gestört hat waren dann die Kommentar "...soll er sich doch aufhängen, Pulsadern aufschneiden,..." oder ähnliches.
Auch das muss jemand aufräumen. Und ich kann aus eigener Erfahrung sprechen das es nicht angenehm ist, in eine Wohnung zu kommen wo einer schon 4, 5 Tage hängt...
Ich bin lange Zeit für den Rettungsdienst gefahren und hab diverse Geschichten erlebt, darunter auch Zugunglücke. Nichts daran ist schön ganz egal auf welche Situation man trifft. Je nach Art des Suizid ist es leichter oder schwerer zu verarbeiten.
Aber für Jene die dabei stehen und es erleben ist es echt hart. Ich hatte das "Vergnügen" bei einem Bahnunfall 100m entfernt zu stehen. Ein Jugendlicher wurde an einem ehemaligen BHF vom Zug erfasst, er war zu nah am Bahnsteigrand und der Sog des vorbeifahrenden Zuges (ca 120kmh) hat ihn erwischt, ran gezogen und weggeschleudert.
An dem Tag hab ich gelernt wie sich Augenzeugen fühlen müsen, nur eben schlimmer, denn ich hatte ja Erfahrung mit ähnlichen Situationen. Dennoch blieb es mir dennoch länger deutlich in Erinnerung als jeder andere Einsatz.
Was die Traumata von Kindern angeht, kommt es ganz auf das Alter an. Einem Kind unter 4 Jahren kann man ganz klar sagen das die Person tot respektive im Himmel ist. Erst im höheren Altern wird es schwierig, da die Kinder die Bedeutung des Todes anderst Wahrnehmen.
Was die Personen angeht die Suizid begehen gibt es zwei grobe Einteilungen. Jene die es Ankündigen und die die es nicht Ankündigen. (man kann das mal so pauschalisieren aber wie jede Regel... ihr wisst schon)
Bei Ersteren ist es ein Hilfeschrei, sie suchen Hilfe und wissen nicht wie. Und sollte man einmal einen solchen Hilferuf erhalten dann solltet man ihn sehr Ernst nehmen, lieber einmal mehr den Notruf wählen als einmal zu wenig!
(Sie sind euch nicht böse oder bitten euch gar zu Kasse!!!)
Diejenigen die es nicht Ankündigen sind unberechenbar. Denn Sie zeigen (meist) keine Annzeichen und machen es einfach. Diese Menschen kann man fast nicht mehr aufhalten. Sie stellen sich nicht noch für 5min auf das Geländer und überlegen..., Sie springen.
Ich weiß nicht was in den Leuten vorgeht aber ich denke Sie haben einen Tunnelblick, sehen keine Möglichkeit mehr in irgendeiner Weise. Auf ihnen lastet ein Gewicht das Sie auch nicht mehr realisieren was Sie anderen antun und damit mein ich jetzt nicht die Leute die am Bahnsteig warten...
Ihnen irgendwas wünschen bringt nichts, Sie zu verfluchen, als Feiglinge oder sonst wie bezeichnen bring nichts. Helft ihnen wenn die Zeit reicht oder helft denen die darunter Leiden. Für den Toten geht das leben nicht weiter aber für die Anderen.
Und es ist nicht immer ein Suizid weswegen der Zug steht. Manchmal sind es einfach nur Unfälle mit Personenschäden.
Und, und das stört mich an dem Ganzen, wenn man die Umstände desjenigen, der sich da jetzt umbringt, nicht kennt, ist es schlichtweg ungerecht, ihn als egoistisch oder was weiß ich sonst noch in die Richtung anzusehen.
Das wiederum bringt die ganze Diskussion auf einen andern Weg.
Ich habe während einer Bahnfahrt - und die Nachricht höre ich doch recht häufig - noch nie jemanden aufschreien sehen, wenn es es hieß, es sei ein Personenschaden passiert. Immr nur generve Gesichter.
Eins davon meins...
Aber, wer will das den Leuten denn verübeln?
Wer schaut sich denn abends die Tagesthemen an und weint über jedes erschossene Kind in den Nachrichten? Wer interessiert sich denn für persönliche Schicksale Anderer? Zumindest, wer will ernsthaft von sich behaupten, er dächte über den Menschen nach, der sich soeben auf die Gleise geschmissen hat????
Erst vorgestern habe ich einen Bericht über einen Mann in Japan gesehen, der tagein, tagaus an der Küste entlang streunt, um potentielle Selbstmörder von ihrem Vorhaben abzubringen. Nicht, dass dies jeder tuen muss, aber wer kann so etwas schon von sich sagen.
Und jeder Personenschaden ist unerträglich, auf jeden Fall nervtötend für mich, weil die Person ja meiner Meinung nach genau das beabsichtigt, nämlich Aufmerksamkeit zu erregen, Andere zu stören, sich in den Mittelpunkt zu stellen, all das, wozu sie im Leben zu schwach war.
Aber, wer will das den Leuten denn verübeln?
Wer schaut sich denn abends die Tagesthemen an und weint über jedes erschossene Kind in den Nachrichten? Wer interessiert sich denn für persönliche Schicksale Anderer? Zumindest, wer will ernsthaft von sich behaupten, er dächte über den Menschen nach, der sich soeben auf die Gleise geschmissen hat????
Jetzt mal ganz nüchtern betrachtet: Der Mensch blendet all dieses Leid aus, solange es nicht sein direktes Umfeld betrifft. Nur wirklich erschütternde Ereignisse wie 9/11, ein Kriegsbeginn, die Tsunamiwelle, die Erbeben in China, die Flut in Ostdeutschland vor ein paar Jahren, etc, dringen durch den Schild, den der Mensch tatsächlich auch braucht, denn wenn alle bis zur Seele durchdringt, dann können wir das irgendwann nicht mehr verkraften. Die Kunst ist, zu verdrängen, ohne dass es einem egal wird.
Im persönlichen Umfeld sieht das ganze anders aus: Wenn man erfährt, dass jemand, den man kennt, gestorben ist, dann trifft einen dies und man nimmt Anteil.
Ich gebe zu, ich freue mich, das diese Diskussion zu meinem (zugegebenermaßen recht provokanten) Beitrag auf diese Weise "Fahrt aufgenommen hat" (um beim Thema zu bleiben).
Ich denke, es gibt, was das betrifft, 2 Lager.
Jene, die Selbstmord, die Schäden bei anderen verursachen, für absolut inakzeptabel und verwerflich halten und jene, die selbst da noch versuchen, Verständnis für den Selbstmörder aufzubringen.
Keiner von uns wird wohl seine Meinung groß ändern. Denn diese ist gewachsen durch eigenes Erleben.
Aber vielleicht ist nach dieser Diskussion das Verständnis für die Einstellung Anderer zu diesem Problem größer geworden.
Ich wurde bisher mit diesem Thema nur als jemand konfrontiert, der die Opfer kennengelernt hat (siehe das Familiendrama und die Lokführerin).
Ich danke allen, die auch Gegenbeispiele aufgeführt haben und versucht haben, ihre Sicht der Dinge darzulegen.
Meine Meinung wird sich dadurch nicht wesentlich ändern. Ich stehe dazu, es zählt oftmals mehr Mut zum Leben, als sich aus dem Leben zu fliehen. Und dass jemand vielleicht Schlimmes erlebt haben mag, ist für mich nach wie vor keine Entschuldigung, dass man sein Leid auf diese Weise mit anderen "teilt".
Aber ich denke, dass es auch nicht nötig ist, dass ich meine Meinung ändere.
Eine Diskussion, bei der alle derselben Meinung sind, wäre ja keine Diskussion.
Damit verabschiede ich mich erst einmal ins Wochenende und wünsch Euch allen eine gute Zeit, ohne in irgendeiner Weise mit dem Thema Selbstmord konfrontiert zu werden.
LG
Treogen
Nach dem traurigen Freitod von Robert Enke war das Thema ja wieder in allen Zeitungen.
Und dabei ist mir eine Zahl untergekommen, die mir schlichtweg den Boden unter den Füßen weggezogen hat:
Jedes Jahr müssen zwischen 800 und 1000 Lokführer auf deutschen Gleisen auf entsetzliche Weise miterleben, wie ein Mensch vor ihnen auf den Gleisen steht oder liegt - in den gnädigeren Fällen ist es zu dunkel, um das Grauen quasi kommen zu sehen. Hinzugerechnet werden müssen auch jene Fälle, in denen die Lebensmüden den Aufprall des Zuges überleben - schlimm verletzt, oft verstümmelt.800 bis 1000! Dass das Problem so groß ist, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ganz besonders krass das Beispiel eines Lokführers, der in 30 Dienstjahre sieben(!) Begegnungen mit Selbstmördern hatte und nach dem siebten Mal seinen Beruf aufgeben musste. Wahnsinn.
Ich hab gestern auch anlässlich dessen nen Nachrichtenbeitrag gesehen, da hatten sie das schon auf 3 Selbstmordversuche (also auf diesem Weg) pro Tag runtergerechnet... das ist schon wirklich heftig...
Waterstorm
14.11.2009, 10:42
Die Selbsttötungsmethode via Zug scheint eine der beliebtesten zu sein. In der kleinen Schweiz wirft sich im Durchschnitt jeder zweite Tag eine Person vor den Zug (nur auf dem SBB Netz, warscheinlich ist die Zahl noch einiges höher). Der Verschleiss an Lokführern muss enorm sein, denn diese sind danach mindestens 3 Monate, manche sogar den Rest ihres Lebens, nicht mehr imstande eine Lokomotive zu führen.
Letztens hat sich jemand ganz in der Nähe des Bahnhofs vor den Zug geworfen. Als der Zug gehornt hat haben die Leute am vollen Bahnsteig natürlich alle hingeschaut und die Szene miterlebt.
Wenn ich so etwas lese, empfinde ich schon eine ziemliche Trauer für diejenigen, die das Miterleben, aber auch für diejenigen, die es tun, denn irgendwas muss sie dazu bewegt haben, jenes zu tun. Es ist schon erschreckend, in was für einer Gesellschaft wir leben, das niemand bemerkt, wie sichtlich so viele Menschen an ihren Problemen ersticken und verzweifeln, das niemand es für nötig hält, zu helfen.
Ich habe mit beiden Seiten Mitleid, und das zurecht. Einige hier haben das vielleicht nicht, ich selbst jedoch habe einen sehr guten Freund, der sich ebenfalls umbringen wollte. Ich hab seine Gedanken und Gefühle hautnah miuterlebt, mich ein halbes Jahr lang um Kopf und Kragen mit ihm ausdiskutiert. Bei manchen Menschen hilft nichtmal das. Auch ich sagte ihm, dass es immer eine Lösung gäbe, doch es gibt auch jene, die die Hoffnung verloren haben, das darf man nicht vergessen..
Back to topic:
Ich muss auch sagen, dass es diesen Menschen sichtlich einfach gemacht wird, sich vor irgendwelche Züge zu schmeißen. Angesichts der hohen Zahl der "Selbstmörder" sollten die Bahnsteige besser gesichert werden. Ich weiß selbst, dass das ein riesen Unterfangen ist, aber man kann auch nicht jeden Menschen kennen und wissen, ob er Hilfe braucht, weil er vielleicht durch irgendwelche Schicksalsschläge labil wurde.
Erschreckend, in welch einer Gesellschaft wir leben. :(
Ein sehr bewegendes Thema...
Ich habe meinen Zivildienst in einer geschlossenen Abteilung einer Psychatrie gemacht und dort wurden genau solche Fälle eingeliefert, die einen Selbstmordversuch gemacht haben bzw. in dem Verdacht standen, in absehbarer Zeit solch einen Versuch durchzuführen.
Solche Leute sind nicht feige, sie sind auch nicht egoistisch oder was auch immer. Ich glaube nicht mal, das solche Leute in der Situation gerade an den Zugfahrer denken. Sie sind einfach nur kranke Menschen, denen geholfen werden muss.
Eine solche Krankheit, sei es eine Depression, Manisch, Schizo oder was auch immer, ist sowas von schlimm, das es für Leute, deren Krankheit wirklich ausgeprägt ist, wohl der einzige Schritt ist, sich von solchen Leid zu erlösen bzw. nicht der einzige Schritt, zum Glück gibt es ja mittlerweile gute Behandlungsmöglichkeiten, um so eine Krankheit eindämmen zu können.
Wenn man in solch eine Situation kommt, ist man normalerweise sowieso total Ich-Bezogen und da denkt man wohl nimmer an das Leid, dass man durch so eine Tat einem anderen zufügen könnte.
Ich finde es geradezu erschreckend, wie hier in diesem Thread zum Teil, kein sonderliches Bedauern hinsichtlich solcher Leute gezeigt wird. Es sind unwahrscheinlich schlimme Zustände, die einem Menschen schon fast fremdbestimmend zu solch etwas treiben können.
Eine Frau, die ich in meinen 9 Monaten mehrmals auf der Station gesehen habe, hatte einfach eine unglaubliche Angst vor sich selber und eigentlich auch vor den Menschen. Sie kam oft total angstschlotternd zum Schwesternzimmer und fragte den Arzt was sie tun soll : Sie kann so nimmer, sie will so nicht mehr leben, sie schafft es so einfach nicht mehr.
Der Arzt meinte sie wäre mittlerweile austherapiert und da könne man nichts mehr tun... was ich sogesehen schlimm finde, einem solchen Menschen soetwas zu sagen - einfach kalt heraus, nur weil es nervig ist, wenn die Frau des öfteren nachgefragt hat, was sie tun soll. 1-2 Monat später war sie tot.
Bsp Nr. 2: Sieh Teufelsfratzen oder höre Stimmen, die dich nicht in Ruhe lassen, die ich über Wochen, Monate, Jahre immer weiter bedrängen oder hab einfach Angst vor dem toten Mädchen, dass dich immer und überall hinbegleitet... sowas kann unter Umständen einen Menschen schon etwas aus der Bahn werfen.
Solche Menschen brauchen Liebe, Verständnis und viel Aufmerksamkeit, das man ihnen unbedingt geben sollte. Es kann jedem passieren, jeder hier kann solch eine Krankheit bekommen...
Es ist ja auch nicht so, dass es für diese so leichtfertig ist, so eben mal von der Brücke oder was auch immer vor den Zug zu springen mit dem Ziel die armen Fahrgäste in ihrem Zeitplan zu stören. Wenn es dir die ganze Zeit einfach unerträglich ist und du einfach keinerlei Halt mehr hast, dann sucht man natürlich eben solche Möglichkeiten, die mit Sicherheit anders gelöst werden können, um sich dem Leid entgegenzusetzen.
Ich wünsch mir einfach, dass die breite Masse, diesen sehr verbreiteten Krankheiten, die allein schon im Winter - Winterdepressionen eh schon nen guten Teil der Menschen mehr oder weniger schlimm befällt, einfach mit mehr Verständnis entgegengebracht wird.
Natürlich sollte man an die Angehörigen denken und auch an denjenigen, der unverschuldet jemanden überfahren hat, aber gleichzeitig sollte man auch die Personen verstehen, die durch ihre Krankheit oftmals dazu verleitet werden, ebenjene Taten zu machen, die in erster Linie keiner versteht. Seid froh drum :)
Ich habe viele Jahre in der Fachrichtung Neurlogie/Psychiatrie gearbeitet und kann genau verstehen was du schreibst DUmdidu.
Von dem Mädchen das über den Selbstmord seines Freundes nicht hinweg kam und nächtelang auf dessen Grab gelegen hat bis zu Frauen die sich so beobachtet fühlten in jeder einzelnen Sekunde das auch sie am liebsten allem ein Ende bereitet hätten.
Man muss solche Menschen selber kennen gelernt haben, einen Fall komplett gekannt haben um das ganze Ausmaß der innerlichen Tragödie zu begreifen. Wobei man auch die Menschen beneiden kann die sowas noch nie mussten - denn in die Abbgründe zu schauen verändert einen...
Man lernt wie unwichtig die winzigen Ärgernisse des Alltags sind und sieht die Sonne und die Sterne wieder mit den Augen eines Kindes.
Ich muss auch sagen, dass es diesen Menschen sichtlich einfach gemacht wird, sich vor irgendwelche Züge zu schmeißen. Angesichts der hohen Zahl der "Selbstmörder" sollten die Bahnsteige besser gesichert werden. Ich weiß selbst, dass das ein riesen Unterfangen ist, aber man kann auch nicht jeden Menschen kennen und wissen, ob er Hilfe braucht, weil er vielleicht durch irgendwelche Schicksalsschläge labil wurde.
Erschreckend, in welch einer Gesellschaft wir leben. :(
Nein, die Bahnsteige kann man niemals derart absichern, dass ein Selbstmörder nicht doch einen Weg finden würde, sich umzubringen.
Und Schuld an Selbstmorden sind weder Züge noch Hochhäuser noch Medikamente. Wenn man von einer "Schuld" sprechen kann, liegt sie ganz woanders. Es ist auch nicht die Gesellschaft, auch wenn es befreiend sein mag, Sündenböcke zu finden...
Selbstmorde sind entsetzlich, tragisch, erschreckend. Für alle Beteiligten.
Nein, die Bahnsteige kann man niemals derart absichern, dass ein Selbstmörder nicht doch einen Weg finden würde, sich umzubringen.
Und Schuld an Selbstmorden sind weder Züge noch Hochhäuser noch Medikamente. Wenn man von einer "Schuld" sprechen kann, liegt sie ganz woanders. Es ist auch nicht die Gesellschaft, auch wenn es befreiend sein mag, Sündenböcke zu finden...
Selbstmorde sind entsetzlich, tragisch, erschreckend. Für alle Beteiligten.
Damit hast du natürlich recht.
Was ich mit der Gesellschaft eher meine ist auch, dass es, wie ganz oben (vor, vorposter oder so? :p) erwähnt, dass, wenn Leute um so ein Schicksal wissen, sie sich nichts drauß machen, nicht helfen , oder sowas.
Natürlich kann man niemanden dazu zwingen und sagen "du musst jetzt helfen", denn wer sowas schon mal erlebt hat, weiß, dass das einen persönlich auch sehr mitnimmt und verändert (wurde ja auch schon erwähnt).
Es ist wahrlich keine leichte Angelegenheit.
Eigentlich glaube ich nicht, dass die Gesellschaft schon so verroht ist, dass niemand mehr auf Anzeichen von Suizidgefährdung reagiert. Aber es ist halt schon sehr schwierig, Anzeichen richtig zu deuten. Immer wieder hört man doch auch, dass Menschen in psychologischer oder gar psychiatrioscher Behandlung waren und trotzdem Selbstmord begingen. Wenn nicht mal die Fachleute Rat und Hilfe wissen... *nein*
Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Freunde oder Verwandte gleichgültig bleiben, wenn sich nahestehende Menschen hilfesuchend an sie wenden.
Lord Dralnu
25.11.2009, 18:26
Als erste möchte ich mal kurz Rineth und Dumdidu rechtgeben. (Ich habe allerdings nix derartiges studiert oder so)
Ich finde es geradezu lächerlich, wenn hier Sprüche fallen wie "Mir ging es auch shcon mal beschissen. Na und?". Glauben diese Personen ernsthaft, dass Selbstmörder einfach so charakterschwach sind, in solchen Momenten ihr Leben zu beenden?
Man stelle sich einfach mal folgende(leicht übertriebene) Szenerie vor:
Man geht zur Arbeit, doch dort findet man nur eine ausgebrannte Ruine. Der Betrieb ist über Nacht abgefackelt. Ein paar Kollegen gleich mit.
Mit Tränen in den Augen kommt man nach Hause, nur um den Partner mit jemand anderem zu erwischen. Auf recht undramatische Weise wird einem mitgeteilt, dass das einzige, was die Partnerschaft eine Zeit lang aufrecherhalten hatte, das eigene Geld war.
Aufgelöst eilt man zum Haus der Eltern, praktischerweise nicht weit entfernt.
Dort findet man den versammelten Freundeskreis an, der, einen angrinsend, gerade die Kettensäge anschmeißt....
Gut, es ist recht unwahrcheinlich, dass so etwas jemandem passiert^^. Aber ich wollte einfach mal verdeutlichen, dass Menschen Schicksalsschläge erleiden können, deren Dimensionen für Leute ohne diese Erlebnise einfach nicht wirklich fassbar sind. Oder zumindest deren emotionale Wirkungen.
Und wenn sich jemand in aller öffentlichkeit umbringt, finde ich das zwar nicht toll, aber habe trotzdem ein gewisses Verständnis. Einerseits gibt es die Variante, bei der die Entscheidung spontan fällt. Da wird nicht mehr viel nachgedacht...
Andererseits gibt es auch Leute, die ihr Ableben möglichst "spektakulär" gestalten wolen, um zumindest irgendwie in Erinnerung zu bleiben. Allerdings sollte man dann lieber ein Abschiedsgedicht epischen Ausmaßes schreiben, als andere zu traumatisieren....
Als relativ "erfolgreiche" Kandidaten in dieser Kategorie wären wohl die "Amokläufer" eben auch an deutschen Schulen zu nennen. Für solche Menschen, die absichtlich andere mit in den Tod reißen, habe ich allerdings rein gar nichts übrig.
(Start frei für die Kritiker)
Ich bin heute mit der Bahn gefahren und kam am Frankfurter Hauptbahnhof an.
Da stand auf einmal in der Anzeige, dass alle S-bahnen mindestens 20 min Verspätung haben, manche sogar ausfallen. Die S3 (mein Zug, allerdings Gegenrichtung) führe nur bis Frankfurt Süd, ebenso wie die S4 Richtung Langen, da ein Personenschaden entstanden ist und ein ärztlicher Notdienst dort im Einsatz wäre.
Da hab ich mich mit einigen anderen Fahrenden unterhalten, die Nachsicht zeigten, "wenn sich jemand vor den Zug schmeißt, kann der Lokführer ja nichts dafür" etc.
Ich hab ein bisschen drüber nachgedacht und finde es echt erschreckend, dass das auch schon direkt in Erwäjgung gezogen wird. Ich weiß noch nichts genaues, bestimmt wird aber morgen was in der Zeitung stehen oder so.
Wenn es tatsächlich ein Selbstmord war, muss ich echt sagen, dass ich das voll traurig finde, allein, wie verzweifelt Menschen sein müssen, um sowas zu tun, dass sie gar keine Hoffnung mehr sehen.. *nein*
Feuerfluegel
14.12.2009, 23:28
Ich habe gerade den ganzen Thread gelesen und bin mehr als angewidert von vielen der hier genannten Positionen. Angewidert, wütend, sauer und überlege ernsthaft ob ich das Forum verlassen soll. Denn viele der hier genannten Meinungen beleidigen mich und auch Freunde von mir aufs Äußerste. Lieber verlasse ich das Forum, als zu wissen, dass es hier Menschen gibt, die mir allen Ernstes ins Gesicht sehen können und dabei so denken. In diesem Sinne, kein Verständnis von mir.
Ich werde jetzt darlegen, was ich denke. Das wird wohl lange Zeit mein letzter Post hier im Forum bleiben.
Zunächst sei mal gesagt, dass kein Selbstmörder sich gerne umbringt. Kein Selbstmörder setzt sich zu Hause hin und überlegt erstmal, wie er am besten möglichst viele Menschen traumatisiert, kein Selbstmörder tut seiner Familie und seinen Freunden mit Absicht weh, kein Selbstmörder springt vom Dach um noch jemanden mit in den Tod zu reißen.
Nur manchmal fehlt einem Menschen seine ganze Kraft. Zu Egoismus, Feigheit oder Mut gehören ganz oft Gefühle. Gefühle die in manchen Menschen (Ja, Selbstmörder sind Menschen) schon tot sind, bevor er seinen Körper tötet.
Gefühle die auf Grund von Krankheit, Verlust, Tramata oder Druck entweder so gestorben sind, oder sich so in Verzweiflung verwandelt haben, dass der Mensch nicht mehr auch nur einen Funken Kraft aufbringen kann.
Der Mensch feiert keine Party, wenn er tot ist. Er macht das nicht, weil es ihm Spaß macht. Ja, er sieht keinen Ausweg mehr, auch wenn das fast schon wie eine ausgelutschte Phrase klingt. Ihm fehlt die Kraft. Die Kraft für alles. Ihm fehlt Kraft Hilfe zu rufen, Kraft sich anzuvertrauen, Kraft sich weiter durch das Leben zu beißen, Kraft zu kämpfen.
Der Selbstmord verlangt nur noch ein sich Fallen lassen. Vielleicht mit letzter Kraft. Die nicht mehr ausreichen würde um sich das Leben wieder zu erkämpfen.
Manche Menschen hier wünschen diesen Menschen langes Leiden, stumme Schmerzen, ein Leben voller Mühsal.
Tut das. Ein Mensch der sich zum Selbstmord entscheidet hat sicher auch zuvor schon gelitten. Und zwar mehr, als man sich vorstellen kann. Obwohl, manchen Menschen fehlt selbst zum Leiden die Kraft. Ausgebrannt, verzweifelt, oder einfach leer.
Verurteilt sie. Tut es. Bitte. Wenn es euch dann besser geht. Wenn eure Bahnen dann wieder pünktlich sind. Habt Schadenfreude. Ich bemitleide diese Einstellung zutiefst.
Ich hoffe ihr kommt irgendwann in eine ähnliche Situation und wisst nicht mehr was ihr tun sollt. Ich hoffe ihr habt irgendwann keine Kraft mehr und ich hoffe ihr werdet irgendwann wissen, wie es ist, sich den Tod zu wünschen.
Und ich hoffe sehr, dass auch ihr dann verurteilt werdet, für das was ihr seit, für das was ihr fühlt, für das was ihr denkt.
Ina
Feuerflügel:
Prinzipiell versteh ich Deine Position. Manche der Posts sind zynisch, sind provokativ und gegenüber denen, die ihrem Leben ein Ende gesetzt haben, arg respektlos.
Ich verurteile Selbstmorde nicht. Wer beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen, weil er keinen Sinn mehr erkennen kann, mit seinen Problemen nicht mehr zurechtkommt oder seine Situation nicht mehr ertragen kann, sollte das Recht haben, seine Existenz zu beenden. So konsequent sollte das Recht auf Selbstbestimmung schon umgesetzt werden, auch wenn unser Gesetzgeber das anders sieht (Stichwort Sterbehilfe).
Daß der Selbstmord ein Akt ist, der unserer Natur ziemlich zuwider läuft (Wir WOLLEN leben. Wir SIND Kämpfer), und deswegen fast immer durch extreme Umstände (read: Tragödien) begleitet wird, versteht sich von selbst. Ich denke, jedem hier ist klar, daß Selbstmorde nicht aus Gedankenlosigkeit, Bösartigkeit oder einer Laune heraus ausgeübt werden.
Die Verzweiflung und Hilflosigkeit können sich sicherlich nur die wenigsten hier vorstellen. Auch ich tu mich da schwer, und ich hab schon verdammt finstere Zeiten hinter mir.
Schadenfreude zu empfinden, diese Menschen zu verurteilen oder ihnen Schmerzen und Siechtum zu wünschen ist also grundsätzlich verkehrt. Ich bin mir aber sicher, daß zumindest Letzteres von niemandem ernst gemeint wurde.
Bis hierhin gehen wir beide also konform.
Was ich aber genauso ablehne: Selbstmörder vor jeglicher Kritik zu schützen und sie von aller Verantwortung für ihr Handeln freizusprechen.
Ich übernehme für jede meiner Handlungen die Verantwortung. Ebenso wie meine Umwelt jede meiner Handlungen beurteilt und bewertet. Diesem Prozess entzieht man sich nicht durch den Selbstmord.
Einen Familienvater, der seine Frau und Kinder auf einem Schuldenberg sitzen lässt und sich ins Ausland absetzt, weil er verzweifelt ist und mit der Situation nicht mehr zurecht kommt, würde jeder als charakterloses Schwein bezeichnen. Und ich bin sicher, auch Du würdest nicht widersprechen.
Einen Familienvater in der exakt gleichen Situation, der sich seiner Verantwortung entzieht, indem er sich das Leben nimmt, werde ich ganz bestimmt nicht von jeglicher Schuld freisprechen und über jede Kritik erheben.
Und das gleiche Prinzip greift auch bei Menschen, die sich vor den Zug schmeissen. Auch wenn man keine andere Wahl mehr sieht, als sein Leben zu beenden: Die Wahl, WIE man es beendet, hat man nach wie vor.
Und wenn sich jemand für eine Methode entscheidet, die für verdammt viele Mitmenschen zum Teil furchtbar negative Folgen haben kann, dann dürfen sich die Betroffenen ein Urteil darüber bilden. Und dieses Urteil darf dann auch negativ ausfallen.
PS: Psychische Erkrankungen habe ich bewußt aussen vor gelassen. Wer an Depressionen, Wahnvorstellungen, Manien, usw. leidet, ist halt im wahrsten Sinne des Wortes nicht Herr seiner Sinne. Und wer die Realität nur verzerrt oder komplett falsch wahrnimmt, kann nicht für sein Handeln verantwortlich gemacht werden. Diese Menschen, deren Schicksal für mich die absolute Hölle wäre, sind aus der Menge der Selbstmörder, die ich betrachtet habe, zu streichen.
Feuerfluegel
15.12.2009, 11:57
Natürlich gibt es immernoch die Frage nach dem "Wie". Aber auch diese Frage birgt immer Schwierigkeiten. Natürlich ist es eine extreme Handlung sich vor den Zug zu werfen. (Extrem im Sinne für den Betrachter. Eine Selbstmordhandlung für den Handelnden ist immer extrem. Davon ging ich erstmal aus) Ebenso blutig ist es von einer Autobahnbrücke zu springen, vom Hochhausdach u.ä.
Dann wurde hier gesagt, mal solle sich lieber einen Strick nehmen, sich ausbluten lassen oder Tabletten schlucken. Weniger öffentlich, dennoch kann es die gleichen fatalen Folgen haben.
Erwin, ein Freund von mir (Name geändert) hat sich auf seinem eigenen Grundstück ein Seil genommen, an die Holzdecke einer Scheune gebunden und sich erhängt. Sauber? Nicht unbedingt. Ein Erhängter, bzw. Erdrosselter, oder jemand der sich das Genick gebrochen hat ist kein schöner Anblick. Oft sind es nicht die Fachkräfte, die den Toten als erstes sehen, sondern Familie und Freunde. So wie auch in diesem Fall. Seine Kinder haben ihn durch einen unglücklichen Zufall gefunden.
Natürlich waren alle sehr getroffen und traurig etc. das will ich gar nicht herunterspielen, aber niemand von ihnen hat ihm Vorwürfe gemacht, niemand hat ihm Egoismus vorgeworfen, oder Feigheit. Sie haben um ihn getrauert, haben versucht ihn zu verstehen. Natürlich sind nicht alle Menschen gleich. Aber wenigstens der Versuch etwas nachzuvollziehen ist eine Menge wert.
Damit will ich daraus entstehende Traumata, Verzweiflungen, Berufsunfähigkeiten nicht herunterspielen. Ich wollte nur aufzeigen, dass auch die anderen genannten Todesarten schreckliche Auswirkungen haben können. Aber nicht immer der Anlass zu Vorwürfen, Drohungen und Verwünschungen sein sollten.
Gerade so eben konnte der Tablettentod eines weiteren Freundes aufgehalten werden. Nur weil er früh genug gefunden wurde, obwohl er schon tot war. In Unterhaltungen mit ihm, über seine Tat sind so viele Dinge verständlicher für mich geworden. Ihm etwas vorzuwerfen, liegt mir fern. Mitgefühl ist das einzige was ich empfinde.
Wenn dann Fremde so über Selbstmörder sprechen, dann tut mir das weh. Weil Freunden von mir also indirekt Leiden gewünscht wird. Und daher habe ich mich wohl auch gestern zu recht heftigen Worten hinreißen lassen. Mir tut die Art und Weise leid, wie ich meine Meinung deutlich gemacht habe, aber nicht der Inhalt.
@Feuerflügel:
du hast anscheinend den entscheidenden Unterschied zwischen einen Selbstmord mit Strick oder Tabletten und einem Selbstmord mit vor einen Zug werfen, nicht erkannt.
Das eine ist eine eigenbestimmte Tat, bei der der Selbstmörder selbst Hand an sich legt. Nicht schön, für jene, die ihn finden - klar.
Das andere ist etwas, wo der Selbstmörder zu feige ist, es selbst zu erledigen und jemand anderen "zwingt", ihn umzubringen.
Zugfahrer befinden sich danach Jahre, Jahrzehnte in Behandlung, weil sie dieses Trauma nicht verkraften und jeden Tag wieder überlegen, ob sie Schuld sind und ob sie etwas getan oder unterlassen haben, es zu verhindern.
Im Falle jener Bekannten, die ich weiter oben schon erwähnt habe: Diese Frau hat panische Angst ihre Wohnung zu verlassen, weil sie sich schuldig fühlt und es könnte ja jederzeit wieder passieren. Sie hat seitdem den öffentlichen Verkehr gemieden. Damit ist sie unfähig, eine Arbeit anzunehmen, denn selbst für so etwas lappidares wie ein Vorstellungsgespräch ist man auf ein Fortbewegungsmittel angewiesen. Das geht bis hin - jetzt kommt das wirklich traurige an der Sache - bis hin zu Selbstmordgedanken.
Hier hat ein Mensch nicht einfach sein Leben beendet (was seine eigene Sache wäre), sondern das Leben eines anderen, ihm völlig Fremden (und an der Situation des Selbstmörders vollkommen unbeteiligten) auf extrems nachhaltige Art beeinflusst, nämlich komplett zerstört. Und darum geht es.
Sorry - absolut kein Verständnis *nein*.
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