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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Workshop Geschichte zum Bild


Warin
26.10.2008, 19:14
Wie im Megaphon (http://www.fantasy-forum.org/forumdisplay.php?f=17) angekündigt, hier unser erster Workshop:

Schreibt eine Geschichte zu dem Bild im Anhang. Es ist Teylens Gewinnerbild aus dem Yokai-Wettbewerb (http://www.fantasy-forum.org/showthread.php?t=767) und ich finde, es schreit geradezu danach, dass jemand mal eine Geschichte dazu erzählt.:)

Jeder der will, kann seine Geschichte hier in diesem Thread veröffentlichen. Es gilt nicht die 100-Post Beschränkung! Außer den Regeln/Hinweise für das Forum eigene Geschichten (http://www.fantasy-forum.org/announcement.php?f=14&a=2) und den Forenregeln (http://www.fantasy-forum.org/announcement.php?f=14&a=1) gibt es keine Einschränkungen, allerdings bitte ich euch, eurer Geschichte einen Namen zu geben. Der Workshop läuft bis Ende November, dann wird es ein neues Bild geben.

Wer Ideen für ein neues Bild hat, darf sich gerne bei mir melden, beachtet jedoch, dass das Bild nicht Copyright geschützt sein darf, bzw. das Copyright bei euch liegen muss.

Feedback zu den Geschichten könnt ihr in diesem Thread (http://www.fantasy-forum.org/showthread.php?t=1501) loswerden.

Allgemeine Fragen zu den Workshops könnt ihr im Ankündigungs-Thread (http://www.fantasy-forum.org/showthread.php?t=1499) stellen.

So, und nun freue ich mich auf hoffentlich viele tolle Geschichten^^

bisou
26.10.2008, 21:16
Warin, ich danke dir vielmals für diesen Thread. Endlich mal wieder eine Idee. Deswegen auch dir vielen vielen Dank Teylen,´dass ihr meine Gedankenwelt beflügelt habt.
Ein bisschen peinlich ist es mir schon, aber ich musste mich einfach sofort daran setzen und bin mit dem Ergebnis sogar sehr zufrieden. Ich hätte nie gedacht, dass ein einziger Gedankenanschubser genügt, um eine klitzekleine Geschichte zu schreiben.
Vielen Dank an diejenigen, die sich das Lesen antun wollen/werden. Ich hoffe, es macht euch wenigstens ein bisschen Spaß, diese Geschichte zu lesen. Ich freue mich über jedes Feedbeck, ob positiv oder negativ.
So, genug gelabert, ich leg los.






Hallo.

Warum meine Stimme so laut ist? Willst du das wirklich wissen? Und du willst auch wissen, warum ein Schlüssel niemals sicher ist? Ich kann den Versuch einer Erklärung wagen, doch versprechen kann ich nichts. Sonderlich talentiert bin ich darin nicht. Ich bin alt. Und kein bisschen weise.

Wenn du möchtest, hör dir die Geschichte vom Schlüssel an und wenn es dir beliebt, bleibe bei mir und höre dir weitere Erzählungen an. Und wenn du nicht möchtest – die Tür steht offen. Für jeden, der zuhören möchte und für jeden, der gehen möchte.

Ich danke euch.


Die Geschichte vom Schlüssel oder warum Schlüssel niemals sicher sind

Jedes Märchen fängt mit „es war einmal an“. So auch dieses. Ja, es ist ein Märchen, vielleicht ein ganz besonderes. Für mich jedenfalls schon, denn es ist MEIN Märchen.
Nun, lassen wir das Märchen vorbildlich beginnen. Alles auf Anfang.

Es war ein Mal eine Zeit, in der die Geschichten sich selbst sponnen, eine Zeit, in der die Sterne sich zu einem funkelnden Alphabet formten und als Wegweiser für Reisende fungierten. Es war die Zeit der Fiktion.
Es ist lange her, viel zu lange. Diese Meinung teilen viele Andere, aber niemand kann diese Überzeugung begründen. Wie auch, Tote können nicht reden. Ich kann es. Ich bin weder tot noch lebendig, doch das ist in diesem Märchen nicht wichtig und es interessiert auch niemanden.
Damals war ich jung und schrieb an einem Buch. Seite um Seite, Kapitel um Kapitel reihte sich an ein weiteres und irgendwann war ich fertig. Die letzten Buchstaben tanzten über die Seite und endlich konnte ich das Buch schließen, in der Gewissheit, einen wahrlich wunderlichen Schlusssatz geschrieben zu haben. Die Ideen schöpfte ich aus mir selbst.
Und so fing mein wahres Leben an.
Viele Jahre zog ich durch die Lande und sah Neues, Vielfältiges, dessen Sinn mir verschlossen blieb. Und eine ganze Welt mit Sinn zu füllen war schlichtweg Unsinn – was ich kurz darauf erkennen musste. Ja, ich habe es versucht und bin kläglich daran gescheitert, wie viele vor mir. Und ich machte weiter, immer weiter, immer weiter.
Und so nahm das Märchen einen Verlauf, von dem ich nie gedacht hätte, dass es einmal so kommen würde.
Die Welt der Fiktion, wie wir sie heute noch nennen, veränderte sich rapide. Aus dem Wegweiser der Sterne wurde bald eine Straßenkarte in den Tod, düstere Geschichten wurden zu Freudentänzen und Komik wurde zu Trauerfeiern. Und so veränderte ich mich mit ihr. Ich begann, mein Buch neu zu schreiben und schon bald veränderte sich mein Aussehen zu einer grotesken Gestalt, wie man sie nicht sehen möchte, weder bei Sonnenschein, noch in der Finsternis.
Meine Haut verfärbte sich grün, mir wuchsen zwei zusätzliche Arme, die Beine verwandelten sich zu einem dicken Schwanz.
Warum dies passierte ist mir heute nicht klar, doch eins wusste ich: Mein Körper war das Werkzeug zum Dichten. Ich reiste zu einem Gelehrten und ließ mich von ihm beraten, wie ich die mir von meinem Körper gegebene Kunst perfektionieren konnte.
Weißt du, aus was Geschichten bestehen? Es ist ein Elixier, jenseits jedes weltlichen Gegenstandes. Es ist ein Fluch, jenseits von Gut und Böse. Und es ist eine Gabe, die nur mir gegeben sein schien. Dieses Etwas wickelte sich um meinen Leib und ließ sich nicht abschütteln und nach einer Weile hatte ich mich daran gewöhnt.

Und doch kam alles anders als beabsichtigt. Ich wurde alt. Ich reifte nicht durch das Etwas, es machte mich gebrechlich.
Auch der Gelehrte vermochte mir nicht zu helfen und sah meine Lebensaufgabe darin, Geschichten zu spinnen und sie Kindern zu erzählen, sie in die Köpfe törichter Menschen, die ihr Leben dem Niederschreiben dieses Etwas gewidmet hatten, zu pflanzen. Autoren. Unzähligen Autoren überbrachte ich das Etwas.
Und weißt du, was es aus mir machte? Einen Geist. Ich wurde eine Spukgeschichte in den Köpfen der Menschen, eine von der Sorte, die niemand sich traute, aufzuschreiben. Und als mir dies gewahr wurde, konnte ich das erste Mal wieder lächeln.

Nun, wäre das Märchen hier zu Ende, nähme es ein glückliches Ende. Denn ich wusste jetzt, wem die Menschen ihr Glück mit der Fiktion zu verdanken hatten. Mir. Mir allein. Mir und dem Etwas.
Doch es ist nicht die Geschichte des grünhäutigen Wesens, welches vereint mit dem Etwas durch die Gegend zieht. Es ist die Geschichte des Schlüssels. Des Schlüssels, der niemals sicher sein konnte. Ich wusste lange Zeit nicht, wovor.
Ich sponn und sponn lange Fäden, aus denen sich langsam aber immer stetiger Geschichten gewaltigen Ausmaßes entwickelten. Wenn ich mit meinem Werk zufrieden war und der Stoff keine Lücken mehr ließ, dann verschwand er einfach. In den Kopf eines Autors, der sich Tag und Nacht den Kopf über eine geeignete Geschichte zerbrach und urplötzlich von einer Idee befallen wurde. Ich tat das, was mir vom Etwas aufgetragen wurde. Und ich tat es gut.
Eines Tages wurde mir klar, was ich tat. Ich verhalf Fremden zu unvergleichlichem Ruhm, zu wunderbaren Geschichten und doch hatte ich selbst nichts davon. Es fiel mir ein, spät zwar, doch mit einer Nachdrücklichkeit, die mich erzittern ließ. Mein Buch! Ich hatte selbst einmal ein Buch geschrieben und es war am sichersten Ort meines Selbst verborgen. In einer Schatulle, direkt bei dem Etwas. Ich wusste nicht mehr, was ich geschrieben hatte, nur an den Schlusssatz, der darin geschrieben stand, konnte ich mich erinnern.

Sosehr ich auch an der Schatulle zog und zerrte, sie öffnete sich nicht. Resigniert gab ich auf und beugte mich meinem Schicksal.

Und nun bist du hier. Ich bitte dich, nehme die Schatulle und verwahre sie gut, nur für mich.


Du stehst im Wald, auf einer Lichtung. Vor dir das Wesen und das Etwas. Es ist eine Frau, das kann man auf den ersten Blick erkennen. Auch wenn Sterne wie Diamanten vom Himmel strahlen, einzig und allein der Mond erhellt die kleine, baumgesäumte Lichtung mit seinen wabernden Strahlen.
Die Schatulle ist nicht sonderlich schwer, doch du wagst es nicht, sie zu öffnen. Erst als die Frau sich auffordernd räuspert, kratzen deine Fingernägel über das Holz. Der Deckel öffnet sich langsam. Ein kleines, unscheinbares Buch liegt auf dem Boden. Es ist in dunkles Leder gebunden.
Du siehst auf, direkt in die Augen der Frau, die sehnsüchtig die zwei freien Arme nach der Schatulle ausstreckt. Mit den beiden anderen webt sie den Stoff, aus dem Geschichten sind. Doch du schüttelst nur den Kopf und das Kind an deiner Hand zittert leicht. Ihr beide spürt, dass ihr der Frau das Buch nicht geben dürft. Und du tust es nicht. Du bist tapfer und schlägst das Buch auf.
Es ist die letzte Seite. Du musst dein Licht dicht über die vergilbte Seite halten, damit du die Buchstaben lesen kannst.




Ich habe es vorausgesehen. Du warst mutig genug, sie zu öffnen und sein Geheimnis zu enthüllen. Ich danke dir aus ganzem Herzen. Denn was du für mich getan hast, wird kein anderer tun können.

Denn hier endet die Geschichte. Wenn du hochsiehst, wirst du mich nicht mehr sehen. Ich bringe den Menschen neue Geschichten. Denn dieses Buch ist der Schlüssel. Der Schlüssel zum Etwas.



Du zweifelst keinen Augenblick daran, dass die Frau die Wahrheit sagt.



Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind wir – das Etwas und ich noch immer dabei, den Menschen Ideen in ihre Köpfe zu pflanzen. Weißt du, wie man uns nennt? Ja, du weißt es und du wirst es in diese Welt zurück bringen.

Ich bin die Phantasie.



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Wenn Fehler darin sein sollten oder ich etwas bei dem Bild übersehen haben sollte und was in dieser Geschichte fehlt, tut es mir leid. Aber es gab nun mal so unendlich viel Raum, das ganze zu interpretieren und deswegen konnte ich nicht alles berücksichtigen.
Oder ich habe es einfach vergessen : D

Wie dem auch sei, viele liebe Grüße.

Mir jedenfalls hat das Schreiben Spaß gemacht.

Ts4EVER
29.10.2008, 14:01
Yokai
Der nächtliche Wald ist ein gefährlicher Ort. Mit den Nebelschwaden und Zikaden kriechen auch ganz andere Schrecken aus dem zerklüfteten Boden: Wilde Tiere und Räuber, aber auch weitaus furchtbarere und gestaltlosere Wesen und Unwesen. Die Menschen kannten diese Gefahren und trafen ihre Vorkehrungen. Neben Einhaltung der Opferzeiten und Unterhaltung einer Dorfmiliz gehörte dazu auch, den Kindern von klein auf vor nächtlichen Wanderungen zwischen den Pappeln und Kiefern des Waldes zu warnen.
Auch Hiro und seine kleine Schwester Tabbi waren zur Genüge gewarnt worden und obwohl Hiro mit neun Jahren ein Alter erreicht hatte, in dem man den Rat seiner Eltern nur zu gerne in den Wind schlägt, hatte er sich bei Nacht doch immer vom Wald ferngehalten. Jedenfalls bis jetzt.
„Wann kommen wir endlich an?“, fragte Tabbi mit jener weinerlichen Stimme, die selbst den geduldigsten Erwachsenen in den Wahnsinn treiben kann. „Bald“, antwortete ihr Bruder, und das war glatt gelogen. Die Wahrheit war, dass er nicht wusste wann oder ob sie jemals ankommen würden, besonders da er selbst kein klares Ziel vor Augen hatte. In der einen Hand hielt er eine schwach glimmende Papierlaterne, mit der anderen zog er seine Schwester einem ungewissen Schicksal entgegen. Die Laterne war das letzte, was er während seiner überstürzten Flucht aus dem Dorf hatte mitnehmen können. Sein Vater hatte sie ihm in die Hand gedrückt und gesagt er solle fliehen, egal wo hin. Je mehr Hiro über seine jetzige Situation nachdachte, desto mehr bezweifelte er, dass sein Vater mit „egal wohin“ den Wald gemeint hatte. Jetzt stapfte er entschlossen voran, seine Schwester immer 2 Schritte hinter ihm. Er wäre gerne gerannt, doch daran war nicht zu denken. Erstens hätte er Tabbi dann wahrscheinlich endgültig verloren, zweitens reichte das schwache Licht der Laterne nicht dazu aus.
„Hast du das gehört?“ ,fragte seine Schwester ängstlich. Wieder log Hiro: „Nein, was denn?“ Er hatte es gehört, ein Rascheln, zu leise für einen Hirsch oder ein anderes erschrecktes Tier, zu laut für eine Täuschung durch den Wind. Hiro schluckte. Die Geschichten seiner Großeltern kamen ihm wieder in den Sinn: von wilden Fuchsdämonen, die den Wald auf der Suche nach Kindern durchstreiften und von grausigen Untoten, die von verdorbenen Priestern ihren Gräbern entrissen wurden. Ein weiteres Rascheln und ein brechender Zweig, diesmal näher. „Ich will nicht mehr laufen!“, weinte Tabbi, doch Anhalten war das letzte, was Hiro jetzt tun wollte. Er wollte nur noch weg: vom Dorf und diesem schrecklichen Wald. „Da ist ein Licht zwischen den Bäumen, Hiro!“ Er blickte in die Richtung, in die seine Schwester deutete. Sie hatte recht. Waren sie im Kreis gelaufen und zum Dorf zurückgekehrt?
Das Dorf war ihre Heimat, doch sie mussten sie verlassen, in dieser langen Nacht, die jetzt schon wie ein ewiger Alptraum wirkte. Begonnen hatte alles einen Monat vorher. Die Erwachsenen waren besorgt gewesen und obwohl man Kindern nicht alles mitteilte, war doch immer öfter das Wort „Krieg“ gefallen. Dann waren Männer des Shogun ins Dorf gekommen und hatten die Dorfbewohner versammelt. Nachdem sie einige Schriftrollen verlesen hatten, nahmen sie mehrere junge Männer mit, unter anderem auch Hiros 16-jährigen Bruder. Am Abend hatte sein Vater ihm erklärt, dass sein Bruder zu den Waffen gerufen worden war, weil Barbaren aus dem Westen gekommen waren, um das Land zu überfallen und er gegen sie kämpfen musste. Einen Monat lange blickte seine Mutter abends sehnsüchtig nach Westen. Als schließlich Nachricht kam, war diese nicht gut. Viele Menschen kamen auf Pferdewägen oder zu Fuß durch das Dorf. Sie berichteten, dass es eine Schlacht gegeben habe und die Armee des Kaisers in alle Winde verstreut worden sei. Nun seien plündernde Horden im Anmarsch und die gesamte Gegend schutzlos ausgeliefert. Das Dorf beschloss, sich umgehend zum Aufbruch bereit zu machen, doch sie brauchten zu lange. Noch am selben Abend tauchten die ersten Reiter auf dem Hügel, der das Dorf überblickt, auf. Als sich die Miliz bewaffnete, wies sein Vater Hiro an zu fliehen.
Und jetzt stapfte er durch den Wald, während das bedrohliche Rascheln und Knacken immer näher kam. Er wurde schneller und Tabbi fiel hin. Er zog sie wieder auf die Beine und hielt weiter auf das Licht zwischen den Bäumen vor ihm zu. Tabbi hatte aufgehört zu quengeln und versuchte so gut es ging mitzuhalten. Gerade als ein kalter Luftzug wie eine eisige Hand über seinen Nacken strich, standen sie plötzlich direkt vor der Quelle des Lichtes. Das Rascheln entfernte sich wieder. Ehrfürchtig starrten die Kinder auf das sich ihnen bietende Schauspiel, so als wüssten sie instinktiv, dass sie unter den ersten Menschen waren, die es je miterleben durften. „Du bist eine Naga.“, sagte Tabbi. Natürlich kannten die Kinder Nagas. Oft hatte ihr Vater sie mitgenommen, wenn er an der Reihe war, die wöchentliche Opfergabe zum Tempel zu bringen. Dieser Tempel stand auf einem Hügel im Wald über dem Dorf und niemand vermochte zu sagen, wer ihn einmal in grauer Vorzeit dort errichtet hatte. Jetzt bewohnten ihn die Nagas und die Dorfbewohner brachten ihnen Essen als Opfer dar. Dafür beschworen die Naga weiter jene Schutzgeister, die für die Sicherheit des Dorfs sorgten und die Schrecken des Waldes fernhielten. Die Gestalt auf der kleinen Lichtung im Wald war eindeutig eine Naga: Ihr Oberkörper sah aus wie der einer alten Frau, doch anstelle der Beine hatte sie einen schuppigen Reptilien-Schwanz. Als die Kinder hereinplatzten, waren ihre insgesamt vier Arme gerade mit Stricken beschäftigt. „Ist das ein Yokai?“, fragte Tabbi und deutete mit ihrer kleinen Hand auf das Ergebnis der Strickarbeit: ein langes weißes Tuch, das sich wie von Geisterhand in der Luft schlängelte und sich um eine unsichtbare Gestalt legte, die ruhig über der Strickerin schwebte. Hiro stieß seine Schwester recht unsanft an. „Zeig ein bisschen mehr Respekt!“ Aber die Naga lachte nur ein warmes Lachen und sagte: „Ihr müsst euch nicht verbeugen, Kinder. Sagt mir lieber, was euch noch so spät in den Wald verschlägt.“ Hiro erzählte die Geschichte und sowohl die Naga und der Yokai schienen aufmerksam zuzuhören. Tabbi betrachtete den schwebenden Wollgeist fasziniert und lachte, als zwei kleinere Wollmännchen hinter der Naga hervorkamen und allerlei putzige Handstände und andere Kunststücke zum Besten gaben.
Als Hiro seine Geschichte beendet hatte, fragte sie: „Und was machst du hier im Wald?“ Hiro wollte sie wieder zurechtweisen, doch die Naga schien sich nicht an der Frage zu stören. „Ich gebe einem Yokai eine Gestalt.“ „Hast du ihn beschworen?“, fragte Hiro, der jetzt auch ein wenig neugierig geworden war. „Nein. Die Yokai leben um uns herum, man muss sie nicht beschwören. Man muss ihnen lediglich eine Gestalt geben. Ich tue das mit meiner Wolle, auch wenn Zweige oder Steine eigentlich üblicher sind. Aber es komm nicht auf das Material an, sondern auf den, der es formt.“ „Dann bist du eine Priesterin?“, fragte Hiro ehrfürchtig. „Nein, noch nicht. Um Priesterin zu werden, muss man einem alten, weisen Yokai Gestalt geben, um von ihm in die Geheimnisse der Geisterwelt eingeweiht zu werden. Bis dahin bleibe ich Novizin.“ Tabbi deutete lachend auf eines der beiden Männchen, das gerade einen eher unbeholfenen Purzelbaum vorgeführt hatte. „Das sind auch Yokai“, erklärte die Naga. „Es sind niedere Geister. Ich habe ihnen Gestalt gegeben, zur Übung.“
Hiro war eine Idee gekommen. „Könnten wir nicht mit euch in den Tempel kommen? Dort wären wir doch sicher!“ Die Naga seufzte. „Ich fürchte der Tempel wird nicht lange sicher sein. Er enthält viele jener Schätze, die die Menschen mehr als alles andere begehren. Die Plünderer werden sehr bald kommen, um sie sich zu holen.“ „Aber was wird dann aus euch?“, fragte Tabbi. „Oh, wir können uns tief in die Katakomben unter dem Heiligtum zurück ziehen. Aber ihr würdet dort nicht überleben. Es ist kein Platz für Menschen.“, antwortete die Naga. „Ihr seid jedoch auf dem richtigen Weg. Diese Lichtung ist sehr nah am Rand des Waldes. Wenn ihr ihn erreicht, werdet ihr schon die Lichter des nächsten Menschendorfes sehen. Für eine Armee ist es sehr schwierig und langwierig den Forst zu durchqueren, da ihre Wagen und Pferde nur schwer vorankommen. Ihr werdet Zeit haben, vom Dorf aus zu entkommen, wenn ihr die Bewohner warnt.“ „Aber… ich habe Angst.“, sagte Hiro. „Dort draußen ist etwas. Es verfolgt uns.“ In diesem Moment rührte sich der schwebende Yokai und streckte das Ende des Stoffstreifens aus wie einen Arm. Er hielt eine kleine Truhe, aus der ein Licht glühte, stärker als die Laterne, doch warm und angenehm. Dann sprach der Yokai. Die Stimme schien nicht von ihm zu kommen, sondern von den umgebenden Bäumen. Es war schwer, ihr eine bestimmte Klangfarbe oder einen besonderen Tonfall zuzuordnen. Sie war einfach da. „Nehmt dies, Kinder. Dieses Licht wird euch den Weg weisen und es hat die Macht, böse Geister fern zu halten.“ Hiro nahm es entgegen und bedankte sich. „Keine Ursache.“, meinte die Stimme. „Und jetzt geht. Ihr müsst die anderen Dörfler so früh wie möglich warnen.“ Und so machten sich Tabbi und Hiro auf den Weg. Langsam verschwand das Licht zwischen den Bäumen und Sträuchern. Die Naga blickte noch einige Zeit in die Richtung, in die die Kinder verschwunden waren. Dann wandte sie sich an den Yokai: „Ich habe keine besondere Macht in der Kiste gespürt. Es war ein einfaches Licht, oder?“ „Das ist korrekt“, antwortete der Geist mit seiner körperlosen Stimme. „Hast du die Kinder dann nicht in den Tod geschickt?“ „Lass das deine erste Lektion sein: Über den, der ohne Furcht ist, haben die Geister keine Macht.“

Warin
30.11.2008, 18:55
Und führe uns nicht in Versuchung

Claras Gefühle waren gemischt. Zum einen war sie stolz, unheimlich stolz, dass ihre Mutter ihr die Lebensmittelkarten anvertraut hatte, diesen kleinen Schatz, der in diesen Zeiten fast so viel wert war, wie ein Goldzahn oder eine Hand voll Kupfermünzen. Ganz tief hatte sie den bedruckten Karton in die Brusttasche ihres Kleides geschoben und trotzdem fasste sie sich immer wieder mit der Hand dorthin, um zu spüren, ob die Karten auch wirklich noch da waren.
Auf der anderen Seite war ihr flau vor Angst aus Sorge um ihre Mutter. So schwach und blass war sie heute Morgen gewesen. Eigentlich hatte ihre Mutter selbst zum Krämer um die Ecke gehen wollen, ihren alten, verfilzten Mantel hatte sie sich bereits über die Schultern geworfen, als plötzlich die Beine unter ihr wegsackten, als könnten sie ihr Gewicht nicht mehr tragen. Dabei bestand sie doch nur noch aus Haut und Knochen. Zum Glück war Clara in der Nähe gewesen, um den Sturz ihrer Mutter abzufangen. So leicht war sie gewesen, so erschreckend leicht. Auf ihre Schulter gestützt, hatte Clara sie zur Küchenbank geschleppt, wo sie schlief, damit die Kinder in der kleinen Zweiraumwohnung ein Zimmer für sich allein hatten. Erschöpft hatte sie Clara gebeten, die Marken heute allein einzulösen.

„Pass bloß gut auf sie auf“, hatte sie ihr eingebläut, „wenn du sie verlierst, haben wir nichts mehr zu essen.“
Und Clara passte gut auf.
Die Straßen waren leer, unheimlich leer, doch daran hatte Clara sich gewöhnt. Immer mehr Männer waren gegangen und dann war der Tag gekommen, an dem auch ihr Vater fort musste.
„Warum?“, hatte sie gefragt, als er sich in dem langen grauen Mantel mit den schönen glänzenden Knöpfen von ihr verabschiedete.
„Weil ich meine Pflicht fürs Vaterland erfüllen muss“, hatte er stolz gesagt und „ich komme ja bald wieder.“
Doch er kam nicht wieder. Nicht im Herbst, nicht im Winter und seit dem Frühjahr hatten sie nicht einmal mehr Post von ihm bekommen.
Und wenn er nun…

Sie schob den Gedanken beiseite. Darüber sprach man nicht. Daran dachte man nicht einmal. Sie wusste, dass es passierte, aber sie konnte es sich nicht vorstellen. Der Tod. Was war das? Für sie waren das Tränen in den Augen der Kinder, schwarze Kleidung und Beileidsbekundungen. An andere. Sicher nicht an sie selbst. Und wenn doch? Drei Monate, drei lange Monate hatten sie nichts mehr von ihm gehört.

Der Schmerz an ihren Füßen riss sie aus ihren Gedanken. Spitze Steinchen bohrten sich in ihre Sohlen, da niemand mehr da war, der sie vom Bürgersteig fegte. Ihre alten Schuhe hatte sie getragen, bis ihre Haut blutige Blasen schlug. „Schätzchen ich habe kein Geld für neue Schuhe“, hatte ihre Mutter ihr gesagt, „im Sommer kannst du auch barfuss laufen.“ Doch barfuss zu laufen war peinlich. Die Armen liefen barfuss. Doch sie war nicht arm, zumindest wollte sie sich das nicht eingestehen.

Sie kam am Schaufenster des Fahrradgeschäftes vorbei. Früher hatte sie sich dort immer die Nase platt gedrückt. Ein schönes rotes Rad hatte es ihr besonders angetan. „Ich schenke es dir zu Weihnachten“, hatte ihr Vater ihr versprochen, „wenn ich zurück bin.“
Nun war das Schaufenster leer. Der ganze Laden war leer. Auch sein Besitzer war gerufen worden, seine Pflicht fürs Vaterland zu erfüllen.
Vaterland… Warum hieß es eigentlich noch Vaterland, wenn alle Väter fort waren? Eigentlich hätte es Mütterland heißen müssen. Oder Kinderland. Doch dafür war es zu grau und traurig.

Clara betrachtete ihr Spiegelbild. Eigentlich war sie zu klein für ihre acht Jahre. „Das Kind wächst nicht mehr“, hatte sie ihre Mutter mal mit einer Nachbarin tuscheln gehört, „sie bräuchte fette Milch und frisches Obst, doch wo soll man das her bekommen in diesen Zeiten?“
Sie hatte sich nichts anmerken lassen, doch der besorgte Blick ihrer Mutter hätte ihr fast das Herz gebrochen. Um sie ein wenig aufzuheitern, hatte sie ihr ein Bild gemalt, mit einem Stück Kohle auf einer alten zerknitterten Zeitung. Ein Herz, über das eine Sonne schien und Mama, Papa, Fritz und sie als glückliche Familie. Ihre Mutter hatte sich gefreut, doch dann war sie mit den Fingern über das Strichmännchen gefahren, das Papa darstellte und ihre Augen waren feucht geworden. Ganz fest hatte Clara sich an sie gekuschelt und Mama hatte ihr über den Kopf gestrichen und „wenn ich dich nicht hätte“, dabei geflüstert.

Sie hob eine der Fransen, die über ihre grünen Augen hingen und seufzte. Sie hatte so schöne lange Haare gehabt. Ihr ganzer Stolz waren sie gewesen. Braun und weich und ganz leicht zu einem Zopf zusammenzubinden. Doch dann kamen die Läuse und Mutter hatte sie mit einer alten rostigen Küchenschere abgeschnitten. „Ist doch viel praktischer so“, hatte sie gesagt, „und leichter zu pflegen.“ Clara hätte heulen können, doch sie hatte sich auf die Unterlippe gebissen und war tapfer geblieben. Und sie wuchsen ja auch wieder und wer weiß, wenn der Krieg erst einmal vorbei war, dann würden sicher auch die Läuse und Flöhe verschwinden, dann würde sie neue Kleider bekommen und Schuhe und vielleicht, ja vielleicht sogar ein rotes Fahrrad.

Der Krieg. Er war die Antwort auf all ihre Fragen.
Warum war Vater fort?
Warum mussten sie hungern?
Warum hatte sie nur ein geflicktes Kleid und eine alte Bluse, die vom Alter und vielen Waschen grau geworden war?
Weil Krieg war.
Doch warum war Krieg?
Wenn sie diese Frage stellte, antworteten die Erwachsenen nur, „das verstehst du nicht“ und „dafür bist du noch zu klein.“
Aber wenn sie schon darunter leiden musste, so wollte sie doch wenigstens wissen, warum.

Etwas flatterte über den Himmel, der sich im Schaufensterglas spiegelte. Eine Papierschlange, wie die Schnur eines Drachens kräuselte sie sich im Wind. Sie hatte schon lange keinen fröhlichen, bunten Papierdrachen mehr gesehen. Voller Vorfreude drehte sie sich um – und stolperte direkt in die Arme einer alten Frau.
„Holla, holla, meine Kleine, nicht so eilig“, ließ sie sich vernehmen.
Clara fühlte sich, als wären die Hände der Alten überall, doch tatsächlich ruhten sie nur auf ihren Schultern. Wo war sie bloß hergekommen? Sie hatte keine Schritte gehört, oder war sie so tief in Gedanken gewesen, dass sie sie nicht wahrgenommen hatte?
„Entschuldigen sie bitte“, machte sie einen Knicks und rieb verlegen ihre Zehen an der Wade, so wie sie das immer machte, wenn sie befürchtete, jemand könnte auf ihre vom Straßenstaub schwarzen Füße aufmerksam werden.
„Ist ja nichts passiert“, lächelte die Alte sie freundlich an. Etwas war seltsam an diesem Lächeln, etwas, das Clara Angst machte. Obgleich es warm war, trug sie einen Mantel, der so lang war, dass er auf dem Boden hinter ihr her schliff. Sie war nicht sonderlich groß, höchstens einen Kopf größer als Clara. Vielleicht hatte sie nichts anderes mehr anzuziehen und jemand war so gnädig gewesen, ihr den Mantel zu schenken. In diesen Zeiten war nichts auszuschließen. Doch dazu passten nicht die langen, graue Handschuhe, die sie nun langsam von Claras Schulter hob und in die Ärmel ihres Mantels zurückzog. Sie sahen sehr teuer aus und waren sicher aus Seide oder einem anderen edlen Stoff.

„Nun ja, vielleicht sieht man sich ja mal wieder“, zwinkerte die Alte ihr zu und wandte sich zum gehen. Kein Schritt war zu hören, nur ein leises Schleifen kroch über den Boden. Vielleicht trug sie ja keine… Ja, genau das wird es sein, dachte sich Clara. Sicherlich kann sie sich auch keine Schuhe mehr leisten und weil sie sich ihrer nackten Füße schämte, trug sie diesen langen Mantel. Plötzlich war alle Angst verflogen und die Frau kam ihr fast sympathisch vor.
„Ja vielleicht“, rief sie ihr hinterher, „ich komm hier öfters vorbei. Einen schönen Tag noch.“
„Dir auch“, blickte die Alte über die Schulter zurück und kniff ein Auge dabei zu.

Claras Herz war ein wenig leichter geworden, als sie die letzten Schritte zum Krämerladen zurücklegte. Die Schlange stand bis raus auf die Straße, aber so war es jeden Tag, seit die Lebensmittel rationiert wurden. Brav stellte sie sich an und hing ihren Gedanken nach. Um sich die Zeit zu vertreiben, zählte sie die Pflastersteine. Dann verband sie sie gedanklich mit Linien und versuchte, sich Muster und Formen darin vorzustellen. Langsam kam die Ladentür näher. Die Fliesen im Laden waren viel kälter als das von der Sonne erwärmte Pflaster. Clara schauderte ein wenig. Früher hatte auf der Theke immer ein großes Glas mit Zuckerstangen gestanden. Wenn sie lieb gewesen war und wenn Mama noch ein paar Taler übrig hatte, dann hatte sie sich schon mal eine aussuchen dürfen. An den Geschmack konnte sie sich kaum noch erinnern. Zuckerstangen gab es schon lange nicht mehr. Überhaupt gab es nicht mehr viel in dem Laden. Früher waren die Regale mit bunten Dosen und Tütchen aus aller Herren Länder gefüllt gewesen. Kolonialwaren hatte ihre Mutter sie einmal genannt. Nun lagen dort nur noch Brotlaiber, Zucker- und Mehltüten, das Nötigste, was die Menschen zum Leben brauchten. Damit es nicht gar so leer aussah, hatte die Frau des Krämers sie auf den Regalen verteilt, doch die Lücken waren nicht zu übersehen und Clara hatte schon Angst, nicht mehr alles zu bekommen, was auf ihren Karten stand.

„Na, hat deine Mutter dich heute geschickt?“
Die Tochter des Krämers beugte sich zu ihr über die Theke. Sie war ein fröhliches, sommersprossiges Mädchen. Seit ihr Vater sich keine Angestellten mehr leisten konnte, musste sie im Laden aushelfen und war nicht mehr in der Schule gewesen. „Da lernst du mehr, als in der Schule“, soll der Krämer zu ihr gesagt haben. Fritz hatte ihr das erzählt. Fritz mochte das Mädchen, das hatte Clara daran erkannt, dass er immer rot wurde, wenn sie ihn auf die Tochter des Krämers ansprach und dass er dann ganz schnell das Thema wechselte.
„Sie war zu schwach, um aufzustehen“, antwortete Clara traurig.
„Oh je, die Arme, richte ihr mal gute Besserung aus.“ Das Mädchen wirkte sichtlich betrübt. „Dann gib’ mir mal deine Marken.“
Clara griff in die Tasche vor ihrer Brust und griff ins Leere. Ihr wurde gleichzeitig heiß und kalt und ihre Wangen färbten sich rot.
„Sie… sie sind weg…“, stammelte sie.
„Ach was“, beruhigte das Mädchen sie, „sie sind bestimmt nur tiefer gerutscht, fass doch mal ganz hinein, ich seh’ doch, dass sich da was ausbeult.“
Clara griff ganz tief in die Tasche und freute sich, als ihre Finger etwas ertasteten. Doch es war kein Papier, es war etwas kaltes, Metallisches. Mit entsetzten Augen zog sie es hervor. An einem Metallring hingen zwei Schlüssel, die leise klingelten, als sie sie ungläubig hin- und herschüttelte.
„Da hättest du schon mal deine Schlüssel“, versuchte das Mädchen sie aufzumuntern. Aber es waren nicht ihre Schlüssel. Diese Schlüssel hatte sie noch nie im Leben gesehen. „Sieh doch noch mal nach, vielleicht ist ja ein Loch in der Tasche?“
„Geht’s bald mal weiter“, grummelte ein unfreundlicher alter Mann in der Schlange.
Clara weitete die Tasche mit der Hand, blickte hinein und fuhr die Nähte mit den Fingern ab. Da war kein Loch. Und auch keine Lebensmittelkarten.
„Ich… was soll ich denn jetzt machen? Mutter ist so krank und schwach, sie braucht doch was zu essen. Und Fritz. Er ist sowieso schon immer so hungrig, wenn er aus der Schule kommt.“ An ihren eigenen knurrenden Magen dachte sie gar nicht.

„Jetzt schicken sie schon die Kinder zum Betteln“, giftete eine verhärmte Frau, „nun jagen Sie das Gör schon nach Hause, hier sind noch Kunden, die Anspruch auf ihre Ration haben.“ Aus der Schlange murmelte es zustimmend.
Clara rang mit den Tränen, doch eine solche Blöße wollte sie sich vor diesen unfreundlichen Menschen nicht geben.
„Warte am Nebeneingang auf mich“, flüsterte das Mädchen ihr hinter vorgehaltener Hand zu, „ich bin gleich da, warte nur, ja?“

Clara nickte, stopfte den Schlüsselbund in ihre Brusttasche und rannte aus dem Laden. Nicht alle blickten böse. Eine Frau streckte ihr sogar mit mitleidiger Miene die Hand entgegen und strich ihr sanft übers Haar, doch Clara lief weiter. Vor dem Nebeneingang hockte sie sich auf eine Stufe und zog die Beine an die Brust. Dann legte sie den Kopf zwischen die Knie und begann zu weinen. Die Ration einer ganzen Woche hatte sie verloren. Eine ganze Woche! Wovon sollten sie jetzt leben? Verhungern würden sie. Oder sollten sie betteln? Doch wer würde ihnen was geben, in diesen Zeiten, in denen doch niemand genug zu essen hatte. Gab es denn gar keine Hoffnung? Wurde alles immer nur noch schlimmer? Sie weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte und ihr Atem ging immer noch ruckartig, als sich die Tür hinter ihr öffnete.

„Hier, aber verrate es niemandem.“ Das Mädchen hielt ihr einen Laib Brot und ein Stück Käse hin. „Lauf schnell damit nach Hause, wenn jemand etwas davon mitbekommt, dann komme ich in Teufels Küche und mein Vater auch, also mach schnell, dass du davon kommst.“
„Danke“, verbeugte sich Clara und wischte die letzten Tränen aus ihrem staubigen Gesicht, „vielen, vielen Dank, ich weiß gar nicht, wie ich das je wieder gutmachen soll.“
„Ach, ist schon gut, nun sieh zu, dass du Land gewinnst, da kommt schon jemand.“
Clara hörte Schritte, steckte Brot und Käse zwischen Kleid und Bluse und lief davon. Kein einziges Mal drehte sie sich um. Sie lief, bis sie zu Hause war.

„Da bist du ja wieder“, begrüßte ihre Mutter sie matt.
Clara brachte es nicht übers Herz, ihr die Wahrheit zu sagen. Sie schnitt eine dicke Scheibe Brot ab und reichte sie ihrer Mutter mit einem Glas Wasser.
„Danke, aber ich habe keinen Hunger“, lehnte sie ab und schloss die Augen. Clara fühlte ihre Stirn. Sie war fiebrig.
Sie setzte sich an den Küchentisch und stützte ihren Kopf auf die Hände. Wie sollte sie es ihrer Mutter nur beibringen? Wie sollte sie ihr erklären, dass sie die Lebensmittelkarten verloren hatte? Als Fritz nach Hause kam, saß sie immer noch dort und starrte auf das angebrochene Brot, ohne es anzurühren.

„Ah frisches Brot“, freute sich Fritz, „wo ist denn die Butter?“, griff er nach der Scheibe, die sie für Mutter abgeschnitten hatte.
„Es gibt keine Butter“, antwortete Clara mit dünner Stimme, „ich habe die Lebensmittelkarten verloren.“
Fritz blieb der Bissen, den er sich bereits in dem Mund gestopft hatte, im Hals stecken. „Du hast was?“, brüllte er und mit Speicheltropfen vermischte Brotkrumen flogen ihr ins Gesicht. Clara hörte, wie ihre Mutter aufwachte.

„Ich hab alles falsch gemacht“, heulte sie und schlug die Hände vors Gesicht. Dann sprang sie auf, so ruckartig, dass ihr Stuhl umfiel und rannte in ihr Zimmer. Dort verkroch sie sich unter der Bettdecke und beschloss, nie mehr wieder herauszukommen, zumindest, so lange noch Krieg herrschte und es Lebensmittelkarten gab, die man verlieren konnte und ihre Mutter so krank und schwach auf der Küchenbank lag. Mit den Händen presste sie sich Decke und Kissen auf die Ohren, um nicht hören zu müssen, was Fritz mit Mutter zu besprechen hatte.

Sie zuckte zusammen, als eine Hand über ihr Haar strich.
„Ist schon gut, Clara“, drang Fritz Stimme dumpf durch die Daunen zu ihr. „Nächste Woche wird es neue Karten geben, bis dahin können wir uns mit Brot und Wasser begnügen. Und ich werde in den Wald gehen und Beeren sammeln und Fallen aufstellen. Vater hat mir mal gezeigt, wie man Fallen stellt. Du wirst schon sehen, bald kocht ein leckeres Kaninchen in unserem Topf.“
„Das arme Kaninchen“, schluchzte Clara unter der Decke und Fritz musste lachen.
„Ja du bist vielleicht witzig. Möchtest du etwa lieber verhungern, statt ein Kaninchen zu essen?“
Clara zog Rotz die Nase hoch und tauchte aus ihrem Kissen/Decke Versteck auf.
„Nein, aber ich bin so dumm gewesen, es tut mir so leid, ich weiß nicht, wo ich mit meinen Gedanken war. Der Wind muss mir die Karten aus der Tasche geweht haben. Ach Fritz, ich würde es so gern wieder gut machen.“

An diesem Abend konnte Clara nicht einschlafen. Sie hatte sich geweigert, etwas von dem Brot zu nehmen, das ihre Mutter immer noch verschmähte und allein wollte Fritz es auch nicht essen. So waren sie alle hungrig ins Bett gegangen.

Der Wind rappelte an den Fenstern. Ganz rau und brüchig war der Kitt geworden und an mehr als einer Stelle pfiff es durch die Ritzen. Clara lehnte ihren Kopf gegen die Kante ihres Bettes und zog die Decke bis an ihre Nasenspitze. Ihr war kalt – und unheimlich. Wolkenfetzen flogen am Mond vorbei, der durch das staubige Glas der Sprossenfenster fiel und hinterließen Schattenspiele auf der Wand über ihrem Bett. Wie Ungeheuer sahen sie aus, wie gefräßige Drachen oder Schlangen mit aufgerissenen Mäulern.

„Fritz“, flüsterte sie. Doch von ihrem Bruder war nur ein gleichmäßiges Atmen zu vernehmen.
„Fritz“, versuchte sie es ein wenig lauter, „ich habe Angst.“
„Mmh“, brummte er und rollte sich noch tiefer in seine Decke. Wer wollte es ihm verdenken in dieser ungemütlichen Nacht.

Clara schloss die Augen und drückte ihren Teddy ganz fest an die Brust, als könne er die Angst vertreiben. Dort draußen ist nichts, sagte sie sich immer wieder, nur der Mond, der Wind und die Wolken. Als sie die Augen öffnete, waren die Schattenspiele verschwunden. Nur der Wind säuselte noch leise durch die Ritzen der verzogenen Fenster. Die Wolken hatten sich aufgelöst und so schwebte die Sichel des Mondes ungetrübt in einem Meer aus Sternen. Von einer unerklärlichen Sehnsucht ergriffen sah Clara zum Nachthimmel auf, als ein Schatten über das Antlitz des Mondes huschte.
Verwundert rieb sie die Augen.
War das wie Mückentanzen nach einem Blick in die Sonne?
Hatte sie zu lange in die Sterne gesehen?

Angestrengt kniff sie die Augen zusammen. Nein, das war keine Illusion, vor der fahlen Sichel des Mondes tanzte etwas, ein dunkler Schatten, gleich einer Papierschlange, die sich vom Wind empor und wieder hinab treiben ließ. Eine Papierschlange, gleich der, die sich am Vormittag im Schaufenster gespiegelt hatte, kurz bevor sie der merkwürdigen Alten in die Arme gelaufen war.

Leise stand sie auf und schob einen Schemel vor das Fenster. Ihre Neugier war größer als ihre Angst und so griff sie beherzt nach dem Griff. Als sich ihre Finger um das kalte Metall legten, verstummte der Wind. Kein Rappeln, kein Säuseln mehr, merkwürdig still wurde es um sie herum. Vorsichtig drehte sie den Griff und öffnete den Fensterflügel. Die Luft roch frisch und ein wenig nach Herbst. Eine kleine Böe fegte raschelnd ein paar verwelkte Blätter über das Pflaster, ansonsten war es ruhig auf der Straße. Sie blickte zum Mond auf. Klar und deutlich stand seine Sichel über den Dächern der Stadt, doch von Papierschlangen war nichts mehr zu sehen.

Sie senkte ihren Blick und plötzlich waren sie direkt vor ihr. Zwei Wollknäuel, in deren Inneren es bläulich leuchtete, umgeben von Papierstreifen, die sich zu einem Mund, einer Nase, einem Kopf formten, als ob sich die Bandagen einer Mumie gelöst und aufgemacht hätten, um sie zu erschrecken. Geräusch- und schwerelos schwebten sie vor ihr und verzogen ihre Papierlippen, als wollten sie ihr etwas sagen. Clara war starr vor Schreck, wie gebannt starrte sie in die blauen Papierknäuelaugen. Einem Reflex folgend schlug sie das Fenster zu, doch das Gespenst war schneller und prallte mit solch einer Wucht gegen die Scheibe, dass Clara der Flügel aus der Hand geschlagen wurde.

Sie sah nur noch Papier. Eine nicht enden wollende Schlange dünnen, weißen Papiers, das in ihr Zimmer wehte, so drängend, dass sie rücklings vom Schemel fiel und der Fensterflügel gegen die Wand und wieder zurück schlug, so heftig, dass eine Scheibe splitterte und ein Scherbenregen auf sie niederging, vor dem sie schützend die Arme hob.
„Was in Gottes Namen…“
Fritz war von dem Krach aufgewacht und schälte sich langsam aus seiner Decke.
Voller Entsetzen musste sie mit ansehen, wie das Gespenst durch den Raum flatterte, doch als Fritz Blick es traf, fiel es in sich zusammen wie eine leere Ballonhülle und begrub Clara unter einem Berg aus Papier.

Langsam rappelte sie sich auf, zog Papierbahnen von ihren Schultern und wischte Scherbensplitter von ihrem Nachthemd während Fritz die Laterne anzündete, die immer auf seinem Nachttisch stand.
Die Papierbahnen füllten den halben Raum zwischen ihren Betten, wie abgewickelte Klopapierrollen sahen sie aus, wenn sie sich denn solche hätten leisten können. Still und tot lag es da, ein Haufen Müll, nichts deutete darauf hin, dass einmal Leben in ihm gewesen war. Fritz stand auf und stieß mit den Zehen dagegen. Nichts. Es rührte sich nicht. Es war einfach nur Papier.

„Was fällt dir ein, mitten in der Nacht das Fenster zu öffnen?“, fluchte er. „Sieh dir das an, wir werden das stopfen müssen“, zeigte er auf die zersprungene Scheibe.
Doch Clara hatte kein Auge dafür. Sie starrte nur wie gebannt auf den Haufen Papier vor ihren Augen. Die Wollknäuel waren noch da. Sie lagen oben auf, doch das Leuchten in ihnen war erloschen.
„Es… es hat gelebt…“, zeigte sie auf den weißen Haufen.
„Was? Das?“, wütend trat er in das Papier, das sich leise raschelnd um seine Füße wickelte.
„Sei vorsichtig“, schrie Clara und schlug die Hände vors Gesicht.
„Clara, Clara, du und dein Gespensterglaube“, schüttelte er den Kopf, „es ist Papier, siehst du, nichts weiter als Papier.“ Er raffte ein paar Bahnen zusammen, hielt es ihr entgegen und zeriss es vor ihren Augen. „Es wird hineingeweht sein, als du so unvernünftig warst, bei diesem Sturm ein Fenster zu öffnen.“
„Aber… aber es hat gelebt, ich habe es genau gesehen“, versuchte Clara sich zu verteidigen, „und es hatte Augen, siehst du nicht, dort liegen sie noch.“
„Diese kleinen Kugeln?“ Er trat mit dem Fuß darauf. Zurück blieb nichts als zerknittertes Papier. „Papier, siehst du, wie der Rest auch. Da hat dir deine Fantasie ja einen gehörigen Streich gespielt.“
Clara sank auf die Knie und schüttelte den Kopf während Fritz den Schaden am Fenster begutachtete.
„Zum Glück hat Vater noch ein wenig Holz im Keller. Damit kann ich das Loch erst einmal schließen. Räum du schon mal das Papier zusammen, wer weiß, vielleicht kann man es ja noch als Klopapier gebrauchen, besser als die alten Zeitungen ist es allemal.“

Clara war froh, dass er ein wenig lächelte, als er in den Keller verschwand. Dennoch kostete es ihr einiges an Überwindung, das Papier anzufassen. Fritz hatte Recht, es war wirklich nur Papier. Gutes, feines, blütenweißes, teures Papier, aber eben nur Papier. Und dennoch. Sie hatte sich das Monster nicht eingebildet. Dieses nicht. Und wenn er es ihr schon nicht glaubte, so musste sie es wenigstens selbst glauben, obgleich es ihr schwerer fiel, je mehr Papier sie aufgerollt hatte.

„Siehst du, das geht doch schon ganz gut“, lobte er sie, als er mit Hammer und Nägeln aus dem Keller zurückkam. Sorgsam schloss er die Zimmertür, damit Mutter nicht wach wurde von dem nächtlichen Gehämmere. Das Holz stammte von einer Obstkiste doch es passte perfekt, um die kaputte Scheibe zu ersetzen.
„Fritz“, rief Clara aufgeregt, „Fritz da ist etwas, dort, unter dem Papier.“
„Mmh?“ Fritz stand auf dem Schemel, einen Vorrat an Nägeln zwischen die Lippen geklemmt und nagelte das Brett ans Fensterkreuz.
„Eine Truhe, sieh’, eine winzig kleine Truhe.“
Tatsächlich, unter dem Papierberg kam ein kleines Schatzkästchen zum Vorschein. Poliertes Holz glänzte im Schein der Laterne und aus seinem Schloss drang ein schwaches blaues Leuchten.
Clara fielen die Schlüssel ein, die sie in ihrer Tasche gefunden hatten. Ob sie wohl…?
Aufgeregt kramte sie sie hervor. Der erste wollte nicht ins Schloss. Es war, als würde man zwei Magneten mit gleicher Polarität zusammenbringen wollen: Schloss und Schlüssel stießen sich gegenseitig ab. Der zweite aber… Er hob sich bereits am Ring, als Clara noch mit dem ersten hantierte, als könnte er es nicht abwarten, ins Schlüsselloch zu kommen.
„Sie nur, er passt“, rief Clara aufgeregt, als der Schlüssel fast wie von Geisterhand in das Schloss glitt, „er passt!“

Fritz stieg vom Schemel und legte Hammer und Nägel beiseite. Ein Schatzkästchen, dass mitten in der Nacht ihr Fenster durchschlug und in ihr Zimmer flatterte, war nun doch mehr, als er erklären konnte. Ob doch etwas an Claras Gespenstergeschichte dran war?
Er wollte sie noch zur Vorsicht mahnen, als Clara bereits den Deckel hob. Ein blaues Leuchten flammte auf und verschwand so schnell, wie es gekommen war. Nun erhellte nur noch das flackernde Licht der Laterne den Inhalt des Kästchens.

Mit zitternden Fingern nahm Clara ihn heraus.
„Lebensmittelkarten“, hauchte sie, „sieh nur, unsere Lebensmittelkarten sind wieder da!“ Auf dem Boden fächerte sie sie auseinander. Keine Frage, es waren Lebensmittelkarten, ihre Lebensmittelkarten, die, die sie auf dem Weg zum Krämer verloren hatte. „Ich bin ja so froh“, strahlte sie.

Misstrauisch blickte Fritz in das Kästchen. Etwas klemmte noch darin, ein Brief, wie er ihn seit langem nicht mehr gesehen hatte, Feldpost!
„Was ist, was hast du da?“, fragte Clara, als er ihn mit langen Fingern aus dem Kästchen fischte. „Nein, sag nicht…“, hockte sie sich auf die Knie, als sie den Aufdruck sah, „ist er von Vater? Schnell, mach ihn auf!“
Fritz setzte sich auf die Kante seines Bettes und starrte auf den Brief. Die Anschrift, es war die Handschrift seines Vater, keine Frage. Doch warum hatte der Brief diesen seltsamen Weg genommen? Warum war er nicht einfach mit der Post gekommen, der Stempel war keine drei Wochen alt.
„Mach ihn auf“, bettelte Clara, „bitte mach ihn auf.“
Fritz steckte seinen Zeigefinger in das kleine Loch am oberen Rand und zog ihn unter dem Falz nach oben, bis ein zackiger Riss den Inhalt des Umschlages preisgab. Vaters Handschrift war krakelig, als wäre er beim Schreiben in Eile gewesen.
„Lies vor“, rief Clara, die noch nicht richtig lesen konnte, „bitte, bitte lies vor.“
Der Brief war an ihre Mutter gerichtet. Fritz schämte sich ein wenig, ihn zu lesen, doch er wollte sie jetzt nicht wecken.

Ich denke an Euch. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, in der ich tiefer im Schlamm dieses Krieges versinke. Die Front bewegt sich nicht mehr, seit Monaten hat sie sich nicht mehr bewegt. Wir graben uns in die Erde, tiefer und tiefer, wie Maulwürfe durchpflügen wir das Terrain. Doch gestorben wird weiter. Kaum ein Tag vergeht, an dem wir nicht einen von Granatensplitter durchsiebten Körper, einen von Scharfschützen gerichteten Kameraden aus den Gräben der vordersten Linie schleppen müssen. Und morgen muss ich mit meiner Division selbst an die Front. Ich habe solche Angst. Wäre ich nur bei Euch. Dieser Krieg kennt keine Gewinner, nur Verlierer. Sag den Kindern, dass ich sie liebe. Erziehe sie zu ordentlichen Menschen, die mir Ehre machen, auch wenn ich nicht mehr sein sollte. Könnte ich mich doch bloß hinfort zaubern, weg von diesem schrecklichen Ort, hinein in Eure Arme. Der Marschbefehl. Ich muss enden. Tausend Küsse…“

Fritz verschluckte den Gruß seines Vaters. Er blickte zur Decke und biss sich auf die Unterlippe. Clara sah, wie schwer es ihm fiel, die Tränen zurückzuhalten. Schweigend saßen sie da, Fritz den Brief in den Händen, Clara mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden. Die Stille war das Schlimmste. Wie der Giftzahn einer Schlange biss sie in ihre Herzen. Clara musste etwas tun, einfach etwas tun, um die Stille zu vertreiben, um die Beklommenheit loszuwerden, die sich in ihrem Zimmer ausbreitete wie Nebel im Morgengrauen. Gedankenverloren spielte sie mit der Schatztruhe. Klappte den Deckel auf und wieder zu.
Klack, klack, klack…

Ein Zufall, dass sie noch einmal hineinblickte. Ein Zufall, dass sie das braune Stück Papier entdeckte, das noch an ihrem Boden klebte, so braun, wie das Innere des Kästchens, so dass man es leicht für seinen Boden halten konnte. Mit den Fingern versuchte sie es herauszufischen. Es war hart wie Pappe, leicht gewellt, denn es spannte sich zwischen die Wände seines Gefängnisses.
„Was tust du da?“, erwachte Fritz aus seiner Lethargie.
„Es steckt noch etwas im Kästchen.“
Fritz faltete den Brief zusammen und steckte ihn zurück in den Umschlag. Behutsam bettete er ihn auf seinem Kopfkissen, als wäre es sein Vater selbst und nicht sein Brief, den er dort aufs Bett legte.
„Lass sehen.“
„Nein… es… geht schon.“
Fritz war kräftiger, aber dieses widerspenstige Stück Papier brauchte keine Kraft, die es vielleicht zerreißen würde, es brauchte die Geschicklichkeit zarter Finger. Vorsichtig schob sie sie zwischen die Wand des Kästchens und das Dokument, drückte es noch ein wenig zusammen, bis es sich zu einem Halbkreis formte. Dann fischte sie es mit der anderen Hand hinaus.
Fritz ließ sich vom Bett auf den Boden fallen. Sie hockten sich auf die Knie und strichen das vergilbte Blatt mit zitternden Händen glatt.
„Ein Karte“, wunderte er sich. „Sieh, es ist eine Karte, eine sehr alte noch dazu.“
Clara verstand nichts von Karten. Sie sah Linien, Quadrate, waren das die Häuser?
„Sieh hier, das ist die Hauptstraße“, fuhr er eine Linie mit dem Finger nach. Er drehte sich die Karte so zu Recht, wie er es für richtig hielt. „Mmh, hier stehen inzwischen viel mehr Häuser“, umkreiste er ein Areal, „die Karte muss wirklich schon sehr alt sein.“
Sie war mit schwarzer Tinte gezeichnet, doch an einer Stelle, das fiel sogar Clara auf, leuchtete ein rotes Kreuz.
„Was ist das?“, tippte sie darauf.
„Ich weiß nicht“, kratze sich Fritz am Kinn, „vielleicht ein Schatz?“
Clara lachte für einen Moment, doch Fritz Gesicht blieb so ernst, dass sie ihr Lachen verschluckte. „Glaubst du wirklich?“, flüsterte sie aufgeregt.
„Die Stelle muss tief im Wald verborgen sein. Sieh hier, siehst du, dort, dort bin ich mit Vater schon gewesen.“ Nicht weit von dem Kreuz entfernt zeigte er auf den Anfang einer Linie. „Dort entspringt ein Bach. Vater hat mir die Quelle gezeigt, weil das Wasser dort besonders klar und rein ist. Er hat gesagt, dort sollen wir es holen, falls es mit der Versorgung mal Probleme gibt.“

Clara nickte. Um den Strich herum waren Bäumchen skizziert und auch ohne viel von Karten zu verstehen, vermochte sie zu erkennen, dass dieser Ort tief, sehr tief im Wald liegen musste.
„Lass uns dort nachsehen“, sprang er auf. Die Entschlossenheit in seinem Gesicht überraschte Clara.
„Was jetzt? Mitten in der Nacht?“, stieß sie verängstigt aus.
„Ja, warum denn nicht? Wer weiß, wer sich morgen dort schon alles rum treibt, dann ist es vielleicht zu spät.“
„Du spinnst.“ Doch ihm schien es ernst zu sein. Er sprang in seine Knickerbockerhose, zog die Kniestrümpfe hoch und schlüpfte in seine Schuhe.
„Ich komm nicht mit.“
„Brauchst du auch nicht.“
„Fritz“, flehte sie ihn an, als er sein Wams von der Stuhllehne nahm und die Karte zusammenrollte, „es ist finstere Nacht, du kannst doch jetzt nicht einfach losmarschieren.“
„Wofür habe ich denn die hier?“, hob er die Laterne an ihrem Metallbügel hoch.

Während er sein Wams zuknöpfte, überlegte Clara, was sie tun sollte. Ihren Bruder allein gehen lassen? Mutter wecken? Sie hätte ihm diese Flausen schon ausgetrieben, wenn sie nicht so fürchterlich krank gewesen wäre.
„Warte!“
Als Fritz sich umdrehte, sah er, wie Clara den Kopf durch den Ausschnitt ihres Kleides steckte.
„Hast du’s dir doch anders überlegt?“
Hastig griff sie nach dem Teddy, ihrem steten Begleiter in der Nacht, und stopfte ihn in die Brusttasche. Wenn er sie in ihren Träumen vor Gespenstern beschützen konnte, dann konnte er das vielleicht auch im Wald. Sie stolperte fast über das Schatzkästchen, als ihr einfiel, die Schlüssel abzuziehen und mitzunehmen. Merkwürdig blau leuchteten sie, als sie sie an ihren Gürtel hing.
„Wir müssen still sein, wenn wir durch die Küche gehen, sonst wacht Mutter auf.“
Clara nickte.
„Und nimm besser deine Schuhe mit“, sagte er mit Blick auf ihre nackten Füße.
„Aber die passen doch nicht mehr.“
„Egal, im Wald werden sie dir noch gute Dienste leisten. Oder willst du dir die Sohlen von Dornen aufschneiden und Nesseln verbrennen lassen?“

Nein, das wollte Clara nicht. Fritz legte einen Finger an die Lippen und öffnete die Tür. Mutters Atem ging ruhig und gleichmäßig. Außer ihm war nur das Ticken der großen alten Uhr zu vernehmen. Er löschte das Licht in der Laterne und sie schlichen auf Zehenspitzen in die Küche. Dort nahm er seine Mütze vom Haken und Clara griff nach ihren Schuhen. So schoben sie sich durch die andere Tür hinaus in den Flur.

Unten auf der Straße strich frische Nachtluft über ihre glühenden Wangen. Sie war noch nie mitten in der Nacht draußen gewesen. Es war nicht wirklich kalt, dennoch schauderte ihr, als wäre sie mit Gewalt der Bettwärme entrissen worden. Mit den Schuhen in der Hand hetzte sie hinter Fritz her, der es so eilig hatte, dass sie ihm kaum zu folgen vermochte. Der Abenteuergeist hatte ihn gepackt und nichts schien ihn aufhalten zu können. Auf Pflasterwege folgten Lehmwege, auf Lehmwege Wiesen und schließlich spürte sie nur noch das weiche Laub des Waldes unter ihren Füßen.

Claras Mut sank mit jedem Schritt, den sie tiefer in den Wald eindrangen. Die Geräusche der Nacht ängstigten sie, das Rufen der Eulen und der Wind, der über die Wipfel strich und die Blätter zum Rascheln brachte. War das ein Kobold dort zwischen den Tannen oder nur ein hohler Baumstumpf? Huschte hier ein Gespenst an den Ästen vorbei oder war es nur ein Käuzchen? Im flackernden Schein der Laterne bekam ihre Angst Gesichter. Ihr war, als würde ihr ein Dutzend Augen aus der Dunkelheit entgegenstarren. Doch immer, wenn sie ihren Kopf danach wandte, war dort nur ein Rascheln oder ein Ast, der auf- und abwippte, als hätte kurz zuvor noch jemand dort gestanden. Manchmal glaubte sie, ganz kleine Füßchen über den Waldboden tapsen zu hören, doch dann redete sie sich ein, dass das sicher nur Eichhörnchen waren. Aber waren die wirklich in der Nacht aktiv?

Ganz fest krallte sie sich in den Arm ihres Bruders, auf dass sie ihn auf keinen Fall verlöre. Von Zeit zu Zeit hob er die Hand mit der Laterne. Woran er sich wohl orientierte? Für Clara sahen die Stämme im Dunkeln alle gleich aus und ihr Pfad war im Unterholz kaum mehr zu erkennen. Nur einmal faltete er die Karte auseinander, dann schritt er voran, als wäre er schon viele hundert Male hier gewesen. Wenn ihre Angst gar zu groß wurde, blickte sie zu ihrem Bruder auf. Die Lippen zusammengepresst, den Blick in die Dunkelheit gerichtet, drückte sein Gesicht nichts anderes als Mut und Entschlossenheit aus. Sie war stolz auf ihn – und froh, bei ihm zu sein. In die Geräusche der Nacht mischte sich das Plätschern eines Bächleins. Es musste zu der Quelle führen, von der Fritz gesprochen hatte. An seinem Ufer wuchsen Nesseln und Dornbüsche, so dicht, dass Clara durch den Bach ging. Sein Wasser war kalt, eisig kalt und die Kiesel in seinem Bett waren so glitschig, dass ihre Füße kaum Halt fanden.
„Was tust du denn da?“ Es waren die ersten Worte, die Fritz sprach, seit sie losgegangen waren. „Zieh gefälligst deine Schuhe an und tritt in meine Fußstapfen.“
Wie Vater, dachte sie sich, jetzt klang er fast wie Vater. Doch zu ihrer Überraschung ärgerte sie das nicht. Im Gegenteil. Fritz Stimme tat ihr gut, sie gab ihr Halt und Zuversicht. So quälte sie die Eisklumpen, zu denen ihre Füße gefroren waren, in die viel zu engen Schuhe. Zu ihrer Überraschung passten sie wieder. Vielleicht hatte die Kälte ihre Füße schrumpfen lassen.

Sie war froh, als sie endlich die Quelle erreichten. Sie waren immer weiter bergauf gestiegen und inzwischen schmerzten nicht nur ihre Füße, sondern ihre ganzen Beine. Fritz beugte sich über die Quelle und trank einen Schluck.
„Ah, das tut gut“, wischte er sich über den Mund, „probier doch auch mal.“
Clara war ein wenig zurückhaltend. Sie hatte noch nie aus einer Quelle getrunken. Für sie musste Wasser aus der Leitung kommen, oder aus einer Flasche. Um so mehr überraschte sie, wie gut das Wasser schmeckte, so frisch und rein. Als sie sich ein weiteres Mal über die Quelle beugte, spritzte Fritz ihr das Wasser über den Kopf.
„Hey, lass das“, lachte sie und revanchierte sich, indem sie ihm eine kleine Lache mitten ins Gesicht schleuderte.

Nach der Wasserschlacht waren Müdigkeit und Erschöpfung verflogen.
„Was ist das für ein Ort, den wir suchen? Mir scheint, als wüsstest du etwas darüber, Fritz.“
Er wischte sich mit dem Ärmel das Wasser aus dem Gesicht und seine Miene wurde nachdenklich.
„Es ist nur eine Geschichte. Vater erzählte sie mir, als wir das erste Mal hier waren. Nicht weit von hier, hat er gesagt, liegt ein Hexentanzplatz. Die Hexen tanzen dort in der Walpurgisnacht und beschwören den Teufel. Ich hab’ damals darüber gelacht, doch als ich die Karte sah, musste ich direkt daran denken.“
Clara schauderte. „Lass uns umkehren.“
„Nein“, sagte er bestimmt, „diese Karte hat nicht zufällig den Weg zu uns gefunden. Nichts von alledem scheint zufällig zu sein. Nicht, dass Vaters Brief verloren ging und auch nicht, dass die Lebensmittelkarten verschwanden. Irgendjemand steckt dahinter und ich möchte wissen, wer.“
Clara nickte nur. Wenn Fritz sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann gab es nichts, womit man es ihm hätte ausreden können. Also stiegen sie den Hügel hinter der Quelle weiter hinauf.

Mit jedem Schritt nahm ihr Gefühl, beobachtet zu werden, zu. Sie glaubte sogar, feine Stimmchen zu hören und einmal, einmal sah sie ein kleines blasses Männlein, kaum länger als ihre Elle, hinter einem Baum verschwinden.
„Fritz“, rief sie erschrocken.
„Ja, ich habe es auch gesehen.“
„Was war das?“
„Vielleicht ein Baumgeist.“
„Ein Baumgeist?“
„Ja, sie leben im Wald und kommen nur nachts heraus. Man sagt, in stürmischen Nächten kann man sie in den Wipfeln lachen hören. Dann lassen sie sich auf den höchsten Ästen vom Wind hin- und herschaukeln. Auch dass sie zwischen den Stämmen hin- und herhuschen und Ahnungslosen alberne Streiche spielen, habe ich gehört.“
„Fritz sieh nur, da vorne sind ganz viele.“
Tatsächlich. Fritz hob die Laterne und die Männlein huschten davon, grad soweit, dass der Schein der Laterne sie nicht mehr erreichte. So liefen sie vor ihnen her, bis sie den Anstieg hinter sich gebracht hatten. Clara versuchte die Baumgeister zu zählen: Zehn, vielleicht zwölf, sie war sich nicht sicher, weil sie so durcheinander wuselten und immer wieder aus dem Schein der Laterne flüchteten. Plötzlich blieben sie stehen. Ja mehr noch, ein Baumgeist kletterte auf den anderen, bis sie zwei Türme bildeten, so stark schwankend, dass es nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, bis das oberste Männchen hinunterpurzelte. Doch ihre Ärmchen fanden Halt in einem Blätterdickicht, das Fritz und Clara den Blick versperrte. Wie einen Vorhang zogen sie es auseinander. Und dann hatte Clara keine Augen mehr für Baumgeister. So fantastisch sie auch waren, was sich hinter dem Blättervorhang verbarg, war noch viel unglaublicher, viel aufregender, als die kleinen Wesen.

Ihr Blick fiel auf eine Lichtung, auf der eine alte Frau die Stricknadeln klappern ließ. Sie brauchte nicht lange, um in ihr die Alte vom Vormittag zu erkennen. Ihr Haar war zu einem Dutt gebunden, zusammengehalten von Stricknadeln, die in der Dunkelheit bläulich fluoreszierten, genau wie der Stein um ihren Hals. Und über ihr schwebte… der Papiergeist! Nein, ein Papiergeist, denn dieser war ein anderer, gerade erst geboren aus den Händen der Hexe, die einen nicht enden wollenden Faden zu einer Papierbahn verwob. Das Knäuel, aus dem der Faden kam, ging ihr fast bis zur Schulter. Ein Baumgeist machte sich einen Spaß daraus, sich in die Papierbahn einzuwickeln, während ein anderer ihn dafür schalt. Über dem Kopf der Alten formte das Papier das vertraute und doch so gefürchtete Gespenstergesicht. Unheimlich blau blitzten ihr seine Wollknäuelaugen entgegen. Mit beiden Händen klammerte sie sich an ihren Bruder und drückte seine Hand so fest, als wolle sie sagen: Sieh hin, glaubst du mir nun, dass ich mir das Gespenst nicht eingebildet habe?

„Da seid ihr ja endlich, ich fürchtete schon, ich müsste noch einen Papiergeist nach euch schicken. So langsam gehen mir nämlich die Nadeln aus“, blickte die Alte nach oben zu ihrem Dutt.
„Wer bist du, was willst du von uns?“, streckte Fritz ihr seine Lampe entgegen. Jetzt erst sah Clara, dass die Alte zwei Armpaare hatte, dürr wie Knochen und überspannt von grüner Froschhaut.
„Ich habe euch ein Geschenk zu machen“, zeigte sie auf das Kästchen, das ihnen der Papierrollenarm des Geistes entgegenstreckte. Ein Kästchen, wie das, das in ihr Zimmer geflogen war.
„Was ist das?“
„Lass die Kleine doch hineinsehen, sie weiß, wie sie es zu öffnen hat.“
Clara spürte, wie sich ein Schlüssel an ihrem Bund hob.
„Vorsicht Clara, mir ist die Sache nicht geheuer.“
Doch da hatte sie den Schlüssel schon in der Hand und nahm das Kästchen aus dem Arm des Papiergeistes entgegen.
Sie schloss es auf und wieder erstrahlte ein blaues Leuchten. Doch diesmal erlosch es nicht. Es glomm weiter und das kam von dem Stein, der darin lag. Ein Stein, wie ihn die Alte um den Hals trug. Clara konnte sehen, wie sich ihre grünen Augen darin spiegelten. Er übte eine magische Anziehungskraft auf sie aus. Sie musste ihn berühren, fühlen, sie musste einfach.

„Clara!“
Die Stimme ihre Bruders klang entfernt, weit, weit entfernt, nur wie durch Watte drang sie an ihr Ohr. Doch da war noch eine andere Stimme, süß, wohlklingend, weiblich.
„Nimm ihn, ja nimm ihn“, flüsterte sie. „Häng ihn um deinen Hals, so wie ich ihn trage.“
Langsam streckte sie die Finger nach den leuchtenden Facetten des Steines aus. Etwas hielt sie jedoch zurück, sträubte sich in ihr, seinem Zauber einfach nachzugeben. Doch die Versuchung war stärker. Als ihre Finger seine glatte Oberfläche berührten, spürte sie, wie seine Kälte ihren Arm herauf kroch und ihren ganzen Körper ergriff. Selbst ihr warmes, pochendes Herz schien sich in einen Klumpen aus Eis zu verwandeln. Und dann kamen die Bilder. Ihr Vater, wie er im Schützengraben lag, Granatensplitter um ihn herum einschlagend. Ihre Mutter, wie das Fieber sie auf der Küchenbank schüttelte.
„Häng ihn um deinen Hals, ja, häng ihn um deinen Hals und alles wird gut“, flüsterte die Stimme.
Sie spürte die Kraft, sie spürte die Möglichkeiten.
Doch sie wollte sich nicht entscheiden. Sie wollte die Zustimmung ihres Bruders.
„Fritz, ich sehe sie. Vater, Mutter, ich…“ Tränen liefen ihr über die Wangen „Ich kann sie berühren, ich kann sie spüren, durch den Stein, ich kann ihre Haut fühlen. Vater ist so kalt, er hat solche Angst. Und Mutters Fieber ist gestiegen. Ich kann ihnen helfen, ich spüre, dass ich es kann. Ich kann… Ach Fritz, da ist noch soviel mehr, soviel, was du dir gar nicht vorstellen kannst. Lass mich den Stein nehmen, ja? Darf ich?“

„Was wäre der Preis?“, wandte sich ihr Bruder an die Alte.
„Welcher Preis?“
„Solche Wunder haben doch immer ihren Preis.“
„Ach, du liest zuviel schlechte Geschichten.“
„Nun?“
„Ach, es ist nichts“, winkte sie mit einer ihrer vier Hände ab.
„Was nun?“
„Ein Paar zusätzlicher Arme“, flüsterte sie
„Bitte?“
„Ein Paar zusätzlicher Arme. Die sind praktisch, wirklich.“
„Zum Beispiel um unschuldigen kleinen Mädchen die Lebensmittelkarten aus der Tasche zu ziehen.“
Clara blickte Fritz aus großen Augen an. Um die Pupille hatten sie sich blau verfärbt, nur noch am Rand der Iris war das Grün zu erkennen, das so typisch für ihre Familie war.
„Nun sei doch nicht so nachtragend, ihr habt sie ja wieder bekommen.“
„Und was noch?“
„Einen Schwanz.“ Die Hexe nuschelte so sehr, dass sie kaum zu verstehen war.
„Bitte?“
„Einen Schlangenschwanz, so wie diesen hier“, wedelte sie mit ihrem Unterleib.
„Und was ist mit Kindern?“
„Was soll mit Kindern sein?“, antwortete die Alte unwirsch.
„Kannst du Kinder bekommen?“
„Nun ja, doch, irgendwie… schon.“
„Irgendwie?“
Sie schlängelte nervös auf der Stelle, als ob Fritz ihren wunden Punkt getroffen hätte.
„Nun ja, wie du siehst, kann ich mich nicht so vermehren, wie ihr es tut“, blickte sie auf ihren Unterleib, „aber dafür gibt es den Stein. Wenn die Zeit gekommen ist, dann bringt unsere Art einen neuen Stein hervor und legt all ihr Wissen, all ihr Können hinein, um es an die nächste Generation weiterzugeben.“
„Und diese nächste Generation soll nun Clara sein?“
„Nun ja…, ja“, nickte sie und ließ dabei die Schultern hängen, wohl ahnend, dass Fritz das nie zulassen würde.
„Komm, Clara, wir gehen, ich habe genug gehört.“
„Fritz, Fritz, warte, so höre mich doch an!“ Verzweifelte zerrte sie am Ärmel ihres Bruders. „Wenn es dafür ist, dass Vater zurückkommt und dass es euch gut geht, dir, Mutter und Vater, dafür werde ich gerne eine Hexe. Was sind denn schon ein Schwanz und ein paar zusätzliche Arme, wenn man soviel Gutes tun kann.“ Claras Augen leuchteten in einem so hellen Blau, als läge bereits Hexenkraft darin.

Fritz fasste sich ans Kinn, wie er es immer tat, wenn er nachdenken musste.
„Nein, kommt nicht in Frage. Wer sagt denn, dass diese Hexe nicht hinter allem steckt? Sie hat die Lebensmittelkarten gestohlen und Vaters Brief, vielleicht hat sie auch Mutter verhext und Vater in Schwierigkeiten gebracht, nur, um an dich heranzukommen. Nein, Clara, das kann ich nicht zulassen.“
Aufgeregt fuchtelte die Alte mit ihren Armpaaren und der Papiergeist griff nach den Kindern. Fritz entriss seiner Schwester das Kästchen und schleuderte es ihm entgegen. Der Geist hatte einige Mühe, doch dann hatte er es gefangen. Fritz zog Clara an den Rand der Lichtung. Ganz kalt war sie, erschreckend kalt.

Clara wehrte sich, trat ihrem Bruder auf die Füße, riss an seinem Ärmel. Sie wollte unbedingt eine Hexe werden. Jetzt sofort. Sie wollte ihren Vater retten, ihre Mutter gesund machen, wollte diese Macht, mit der man alles wieder gut machen konnte. Sie hatte sie gesehen, gespürt, sie wusste, dass es möglich war. Mit Händen und Füßen wehrte sie sich, doch Fritz hob sie einfach hoch und trug sie davon.
„Wartet, geht nicht, ihr wisst ja nicht, was ihr euch entgehen lässt“, hörte sie die Hexe noch rufen, doch es war zu spät.
Äste und kleine Bäume schlugen ihr ins Gesicht, als Fritz mit ihr den Abhang hinabstürzte. Die kleinen Baumgeister folgten ihnen, doch mit ihren kurzen Beinen konnten sie nicht mithalten. Erst an der Quelle hielt ihr Bruder inne und spritzte ihr eiskaltes Wasser ins Gesicht.
Ihr war, als würde sich ein Schleier heben. Und mit ihm verschwand das Blau in ihren Augen. Als Fritz sie ansah, leuchteten sie schon wieder in vertrautem Grün.
„Fritz, Fritz, wo bin ich?“, stammelte sie.
„In Sicherheit“, antwortete ihr Bruder.
Was war mit ihr geschehen? War sie tatsächlich dem Zauber einer Hexe erlegen? Hätte sie sich beinahe selbst in eine verwandeln lassen?
„Schön, dass du wieder bei mir bist“, lächelte Fritz und drückte sie an sich. Seine Nähe ließ die Wärme in ihren Körper zurückfließen.

Auf dem Weg zurück durch den Wald murmelte Fritz etwas vor sich hin. Es klang wie ein Gebet, doch Clara verstand nicht viel vom Beten. Vermutlich wollte er sich beruhigen, suchte Halt und Bestätigung, das Richtige getan zu haben. Schließlich hob er seine Stimme und nun erkannte sie die Worte.
„Und führe uns nicht in Versuchung.“
Dann sprachen sie den nächsten Vers gemeinsam:
„Sondern erlöse uns von dem Bösen.“

ChibiShiina
30.11.2008, 19:56
Angefangen + Beendet: 12.11.2008 + 30.11.2008
Format: Kurzgeschichte
Disclaimer:
Diese Geschichte ist komplett von mir entwickelt worden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder anderen Geschichten sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.


Titel:

"Im Schein der Laterne"

Matt beleuchtete das spärliche Licht der Laterne den von Blättern übersäten schmalen Pfad, der sich durch den Wald schlängelte. Ständig knackten morsche Äste unter seinen Sohlen, knirschten und stöhnten die Bäume als Antwort um ihn herum, huschte und raschelte etwas am Wegesrand.

Das alles kümmerte die kleine Gestalt nicht, die seine Mütze weit nach oben geschoben hatte und eine hohe Stirn preisgab. Eine, in die tiefe Sorgenfalten gefurcht waren. Energisch waren seine Schritte, von unruhiger Angst begleitet.

Eine Eule ließ ihren schaurigen Gesang durch den dunklen Wald hallen. Der Junge blickte auf, es war ganz in der Nähe. Seine Augen glitten suchend zwischen den Kronen der Bäume hin und her. Ein flüchtiger Blick, er hatte sie entdeckt. Ihre Augen reflektierten sich in seinem Laternenlicht. Nur für einen Moment, dann blickte der Junge wieder von Baum zu Baum, von Busch zu Busch. Hob die Laterne mit seiner Hand, schaute einmal hierhin, einmal dorthin. Leuchtete den Weg, jeden Busch und jeden Baum an dem er vorüber zog.

Schließlich blieb er für einen Moment stehen. "Rilla!!" seine Stimme zerriss die nächtliche Ruhe im Wald mit einem Schlag.

Die Eule kreischte empört ehe sie sich vom Ast abstieß und mit heftigen Flügelschlägen davon flog. Hier würde sie bei dem Geschrei keine Beute machen können.

Der Junge schaute ihr hinterher, unerschrocken. Er hatte keine Angst vor den Geräuschen und den Tieren bei nacht. Seine Angst war durch etwas anderes begründet. Die Angst um seine kleine Schwester Rilla, die allein in den Wald gelaufen war, ohne Laterne, ohne Licht, aber mit einer festen Absicht, denn sie hatte die Schlüssel dabei...

"Rilla! Melde dich, wenn du mich hörst!!" schrie der Junge erneut, dieses Mal die freie Hand wie einen Trichter an seinen Mund gelegt. Einen Moment blieb er stehen, lauschte in die Dunkelheit hinein, mit angehaltenen Atem aus Angst er könnte ihre Antwort überhören.

Doch es kam keine Antwort. Nicht einmal der Wald antwortet mit seinen nächtlichen Geräuschen. Sein Rufen hatte alles vertrieben was sich in seiner nähe befand.

Resignierend atmete er aus und ließ den Kopf hängen. Der Schein der Laterne flackerte in seinem Gesicht während er ausdruckslos auf den Waldboden starrte. Sie hätte nicht einfach die Schlüssel nehmen dürfen und weglaufen. Aber... wenn er in diese Situation geraten wäre, hätte er dann nicht genauso reagiert?

Ein seufzen verließ sein Herz und eine wage Hoffnung machte sich breit. Die Hoffnung, dass sie vielleicht nicht alles gehört hatte. Sie hätte doch länger im Stall sein müssen um die Kühe dort zu füttern und für die Nacht vorzubereiten und von den Hühnern die Eier einzusammeln. Sie war doch extra rausgeschickt worden damit sie es nicht mitbekam. Gerade sie, sie sollte es doch niemals erfahren.

Er schluckte als er an Rilla dachte. Das klirren des Blecheimers der auf den Küchenfußboden aufprallte und die eingesammelten Eier heraus kullerten. Wenigstens die, die nicht sofort zerbrachen. Anscheinend war das, was sie gehört hatte, genug gewesen.

Ein leises Quietschen kam von der alten Laterne. Seine Hand vibrierte als er ihr entsetztes Gesicht vor Augen hatte. Ein schmerzhafter Stich fraß sich durch sein Herz. Die Angst, die zitternden Hände nahe ihrer Wangen, die weit aufgerissenen Augen die ihn anstarrten und das zurückweichen als er sich ihr nähern wollte um sie in die Arme zu schließen und zu beruhigen. Und genau in diesem Augenblick war es geschehen. Irgend einem inneren Impuls heraus folgend hatte Rilla einfach ihre Hand ausgestreckt, nach den Schlüsseln gegriffen, die mitten auf dem Tisch lagen und war damit durch die Vordertür in die anbrechende Nacht hinaus gestürmt. Er folgte ihr bis zur Tür, rief sie immer wieder zurück, doch sie hörte nicht, wollte ihn vielleicht auch nicht hören. Er sah ihr hinterher, ihr wehendes abgewetztes Kleid fegte über das halbhohe Gras. Der Wald kam schneller näher bis sie schließlich in ihm verschwand...

"Rilla! Du musst keine Angst haben! Niemand ist dir böse wegen der zerbrochenen Eier!" rief der Junge und senkte wieder den Kopf.

Ihre geringste Sorge waren im Moment die zerbrochenen Eier. Er biss sich auf die Unterlippe, Angst erfüllte sein Herz. Was war wenn sie ihn wieder so ansah? Diesen Blick würde er kein zweites Mal ertragen können. Wieder mit diesen vor Schreck aufgerissenen Augen, mit dem aschfahlen Gesicht... und dem ängstlichen zurückweichen?

Sein Kopf hob sich wieder, Tränen glitzerten auf seinen Wangen. "Rilla..." seine Stimme hatte an Kraft und Stärke eingebüßt. Er wusste nicht wie lange er schon durch den Wald irrte und sie suchte, aber er wusste, er würde nicht eher zur Großmutter zurückkehren bis er sie gefunden hatte. Denn, wenn er sie nicht fand, jemand anderes würde sie in jedem Fall finden. Wenigstens in diesem Punkt war der Junge sich sicher, Rilla war auf der Suche nach genau diesem jemand... dem Yokai des Waldes.

...

Verschwommen war sein Blick als er schließlich weiterstolperte und schemenhaft etwas auf dem Weg erkannte.

"Rilla?" mehr eine hoffnungsvolle Frage als ein Rufen. Widerwillig blieb er stehen. Wenn er etwas vermeiden wollte, dann war es sie noch mehr zu ängstigen. Es kam keine Antwort.

Vielleicht konnte sie ja nicht? Hektisch wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht. Er hob die Laterne an um den Weg besser zu beleuchten... und sein Blick verfinsterte sich als er erkannte was da direkt vor ihm stand. Zu klein für Rilla, noch kleiner als sie und doch erkannte er es.

"Du nur...", knurrte er abfällig auf das kleine Männchen hinab, dass langsam näher kam.

Es war kaum so groß, dass es ihm an die Knie reichte. Grün wie Moos, dünne Arme und Beine wie morsches, ausgedörrtes Holz mit einem einfachen Gesicht, so als hätte ein Kind ungelenk versucht ein Gesicht in morsches Holz zu ritzen.

Der Junge wich zurück, mit diesem Männchen wollte er nichts zu tun haben. Wütend bleckte er die Zähne um es zu verscheuchen.

"Wo du bist, da kann dein Freund nicht weit sein. Und wo ihr beide seit, da ist das uralte Schlangenweib nicht weit!" stellte er gehässig fest. Ein Hilfsgeist des Schlangenweibes, des alten Yokais des Waldes. Hilfsgeister, so wusste der Junge, konnten sich nie weit von ihren Herrn entfernen, dafür war ihre Macht zu gering. Sie waren vielmehr Nutznießer von den eigentlichen Yokais, mit denen sie verbunden waren. Dafür wurden sie ausgesandt um für den Yokai nach Licht und Wärme zu suchen. Das konnten kleine Tiere sein, ein Schwarm Glühwürmchen, eine Laterne...

Das kleine moosgrüne Männchen war nun stehen geblieben. Seine Kritzelaugen starrten offen und ohne Furcht empor. Eine Hand lag fragend an seinem Gesicht.

Genau in diesem Augenblick gestellte sich noch ein zweiter Hilfsgeist dazu. Von Größe und Statur genauso wie der erste, jedoch war dieses grau wie ein Stein. Deshalb sahen Menschen diese Wesen so gut wie nie wenn sie durch den Wald gingen. Sie versteckten sich, passten sich ihrer Umgebung an und wagten sich sonst nie so nah an Menschen heran. Sie mussten wirklich sehr schwach sein, wenn sie sich einem Menschen mit Licht so offensichtlich näherten.

Auf dem Gesicht des Jungen erblühte ein kaltes Grinsen. "Wo ist eure Herrin, das alte Schlangenweib?" fragte er drohend.

Doch die beiden Wesen verstanden ihn entweder nicht oder wollten ihn nicht verstehen. Sie blieben einfach dort stehen, direkt im hellsten Lichtschein der Laterne und starrten zu ihm empor.

Das Grinsen im Gesicht des Jungen gefror zu purem Eis. "Ich werde sie auch ohne eure Hilfe finden!"

Sein Kopf drehte sich empor, seine Augen suchten eine Lücke im Blätterdach. "Der Mond ist nur eine Sichel!" triumphierend lenkte er seinen Blick auf die beiden hinab. "Deshalb schwirrt ihr wie Motten um mein Licht herum. Eure Herrin, das alte Schlangenweib, braucht Kraft..."

Er setzte sich rücksichtslos in Bewegung. Eines der Männchen war schnell genug beiseite zu springen, das andere bewegte sich nicht vom Fleck. Unwirsch trat er nach ihm. Ein gequälter Lauter drang durch den Wald. Das moosgrüne Männchen schlidderte über den Waldboden und blieb ein paar Fuß breit neben dem Weg liegen.

"Du quieckst wie eine Ratte. Das passt zu euch. Überall wo ihr auftaucht kann die Pest nicht weit sein", knurrte der Junge ohne sich umzusehen. Das andere Männchen raschelte an ihm vorbei um sich anschließend um seinen Kameraden zu kümmern. Mit weit ausholenden Schritten glitt der Junge nun an beiden vorbei und warf einen hasserfüllten Blick auf beide gleichermaßen hinab. "Sollte eure Herrin meiner Schwester Rilla etwas angetan haben, verzeihe ich das euch allen nicht."

Er drehte sich wieder nach vorn, ein Quiecken drang an sein Ohr, es kam von einem der Männchen. Es klang wütend. Den Jungen kümmerte es nicht. Sein Laternenschein flackerte schon bald nur noch in der Ferne.

...

Er war nun schon seit einer wie ihm vor kam ganzen Weile unterwegs. Viel Zeit dürfte nicht vergangen sein seit dem er auf die beiden Hilfsgeister getroffen war, und doch kam es ihm vor wie eine halbe Ewigkeit. Und er wusste dass Rilla nach dem alten Schlangenweib suchte. Sie hatte die Schlüssel mitgenommen und es gab nur ein Schloß zu dem die alte Schlüssel passten.

"Rilla! Wenn du hier irgendwo bist, so antworte doch!" Er blieb wieder stehen, lauschend.

Ein leichter angenehmer Wind kam auf, rauschte durch das Blätterdach des Waldes. Es war nicht kalt, immerhin war Sommer, der nächste Herbst noch fern. Wenigstens konnte seine Schwester so nicht... hatte er nicht gerade etwas gehört? Sein Atem stockte, er versuchte noch angestrengter zu lauschen als er es ohnehin schon tat. Der Wind rauschte jetzt stärker, das Blätterrascheln war deutlicher. Er versuchte darüber hinweg zu lauschen.

Seine Augen schlossen sich für einen Moment, ein resigniertes Seufzen vermischte sich mit der Böe, als sie endlich abflaute.

Ein anderes Geräusch wurde augenblicklich lauter. Es hörte sich an wie das Rauschen eines entfernten Baches. Oder es soll sich so anhören.

Der Junge kannte die Stimme des echten Baches. Diese Stimme soll täuschen, soll den ungeübten Hörer Täuschen. So klingt kein echter Bach, dies ist eher die Stimme von einem Wesen, das kein menschliches war. Doch dazwischen war noch eine andere, feinere Stimme. Eine, die ihm wohl bekannt war...

"Rilla!" Seine Beine begannen sich in Bewegung zu setzen, wurden schneller und immer schneller. Er fing an zu rennen, stolperte über dicke Wurzeln der Bäume, ließ den Weg hinter sich, schlug sich durch Büsche hindurch. Dabei lauschte er, spitzte die Ohren, drehte seinen Kopf in die Richtung aus der er meinte die Stimmen zu hören.

Angst schnürte ihm die Kehle zu, der sichere Pfad hatte er schon längst hinter sich gelassen. Immer wieder stieß er gegen dicke Äste, einmal fiel er sogar. Die dunkle Welt dreht sich für einen Moment, das Licht in der Laterne flackert, sein Herz stolpert ebenfalls, doch noch einmal fängt es sich, es berappelt sich, genauso wie er es jetzt tat. Er stemmte sich wieder in die Höhe. Schneller, er musste schneller sein. Hoffentlich kam er noch nicht zu spät! Hoffentlich hatte seine Schwester noch keinen Pakt mit dem Schlangenweib geschlossen, denn dann würde es schwierig werden sie aus sie aus den Klauen des Yokais zu befreien.

"Rilla!"

Das Gemurmel des falschen Baches kam näher, aber keine Antwort seiner Schwester.

"Rilla! Antworte endlich!", ein Befehl, ein fordernder Befehl von einem in Verzweiflung taumelnden großen Bruder.

Ein matter, blauer Schein drang in der ferne zu ihm durch die Sträucher, an den dicken Baumstämmen vorbei. Das Gemurmel wurde allmählich deutlicher, auch wenn er die Worte zunächst nicht versteht.

Das alte Schlangenweib! Gnade ihr Gott wenn sie seiner Schwester etwas angetan hatte! Sein Herz klopfte jetzt schmerzhaft gegen seine Brust, seine Augen waren zu Schlitzen verengt als der blaue Schein näher kam. Die Laterne in seiner Hand quietschte erbärmlich, die Äste der Sträucher um ihn herum rissen an seinen Kleidern, versuchten ihn aufzuhalten.

Unwirsch riss er den freien Arm empor, duckte seinen Kopf unter den Ästen hindurch. Sie klammern sich immer stärker an ihn, er versucht sich mit aller Gewalt loszureissen. Er wurde trotzdem langsamer. Er wusste wer dafür verantwortlich war. Die Hilfsgeister, er hatte einen getreten, das war die Rache. Jeder hatte die Konsequenz aus dem zu tragen was er tat...

Er riss wüst seinen Kopf empor, riss an den Dornenranken, die seine Hände zerkratzten und schaute zur nahen Lichtung. Er konnte etwas erkennen. Etwas riesiges, etwas, dass seinen gewaltigen Schatten weit voraus warf, etwas graues, unfassbares im blauen Schein und davor etwas kleines, etwas greifbares, etwas menschliches...

"Rilla!!" schrie er so laut er konnte und mit einem einzigen beherzten Ruck riss er sich von den Ästen los, stolperte aus dem Gebüsch heraus und auf die Lichtung. Gerade noch fing er sich, die Laterne quietschte in seiner Hand. Benommen schüttelte er sich während er näher kam.

Ein erschrockener Laut drang an sein Ohr. "Taku?" Sein Name wurde gerufen, er hob den Kopf, wischte sich die letzten Blätter aus dem Gesicht und schritt auf seine Schwester zu. Ihre Augen waren geweitet, aber nicht vor Angst, eher vor erstaunen. Ihre Hände waren empor gerichtet, ihre kleinen Hände griffen nach etwas, was kaum wenige Zentimeter vor ihren Händen in der Luft schwebte. Etwas waberte drum herum. Taku kümmerte es in diesem Moment nicht. Ein unwilliges Grunzen war zu hören, es kam von irgendwo hinter dem Waberndem.

Schnell erreicht er seine Schwester, packt sie bei der Hand und schob sie so energisch hinter sich, dass nur durch seinen festen Griff um das Handgelenk verhinderte, dass sie ausrutschte und hinfiel.

"Lass mich los!" forderte sie heftig an ihrem Arm zerrend. Doch die große, starke Bruderhand waren wie ein Schraubstock. Ein dunkler Schatten legte sich über sie, verdunkelte sogar den sichelförmigen Mond, der hier auf die Lichtung hinab schien. Das was jetzt an Stelle dessen zu ihr hinab schien, war eine Mischung aus Angst, Erleichterung und bittere Wut und all das traf das kleine Mädchen viel zu unvermittelt und plötzlich. Augenblicklich hörte sie auf an ihrer Hand zu zerren und starrte mit großen Augen zu ihrem großen Bruder empor.

"Was hast du dir dabei gedacht?" polterte er los. Ihm selbst taten diese Worte weh, aber die Sorge und die Angst waren noch zu übermächtig in ihm.

Rilla zuckte zusammen bei diesen harschen Worten, die doch nur die Sorge des Bruders ausdrückten. Doch wie sollte sie so etwas verstehen? Wie sollte sie verstehen mit dem was sie im Gespräch mit ihm und der Großmutter über sich gehört hatte? Sie wandte den Blick nicht ab, aber dafür verdunkelten sich ihre Augen, als hätte jemand dahinter eine Kerze ausgeblasen.

Taku hatte anscheinend von dieser Veränderung im Ausdruck seiner Schwester nichts mitbekommen, fuhr unbeirrt mit seiner Standpauke fort. "Warum hast du einfach die Schlüssel genommen und bist einfach davongelaufen?"

Rillas Mund verzog sich zu einem dünnen Strich. Kein Laut kam von ihr, ihre Augen dagegen sprachen Bände. Taku bemerkte es endlich. Natürlich war er sehr froh seine Schwester endlich gefunden zu haben, aber er konnte es doch nicht einfach alles auf sich beruhen lassen, oder? Er versuchte es auf einem anderen Wege...

"Großmutter macht sich schon große Sorgen um dich...." "Ich glaube dir nicht!" rief Rilla plötzlich, mit fester Stimme. Ihre Augen blitzten jetzt vor unterdrücktem Zorn.

Taku verstummte und starrte auf seine Schwester hinab, verstand nicht, aber sie verstand ja noch weniger. Nur woher dieser Zorn in ihren Augen kam, das verstand Taku nicht.

"Was soll das heissen, du glaubst mir nicht? Sie ist halb krank vor Sorge um dich!"

"Wieso fragst du dann als erstes nach den Schlüsseln die ich mitgenommen habe?"

Takus linkes Augenlid zuckte. Doch weil er die Laterne weiter unten hielt, bemerkte seine Schwester es nicht. "Sie sind wichtig...", murmelte er.

"Wichtiger als ich?" fragte Rilla und im Schein der Laterne konnte Taku erkennen wie Tränen sich in ihren Augenwinkeln sammelten. Das endlich rührte sein Herz und ließ ihn erweichen.

"Nein, natürlich nicht wichtiger als du", murmelte er beinahe mit sanfter Stimme, kniete sich hinab und schloss seine Schwester in die Arme. Zuerst wehrte diese sich gegen diese Behandlung, doch am Ende ließ sie es geschehen. Etwas verwirrt schniefte sie während Taku sich wieder von ihr zurückzog und sie prüfend ansah.

"Du bist einfach ohne Laterne, ohne Licht und ohne Sinn und Verstand losgerannt. Ist alles in Ordnung? Fehlt dir auch nichts?" fragte er nun endlich und schluckte, weil er diese Frage erst jetzt stellte.

Rilla schüttelte den Kopf, wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. "Nein, mir geht es gut. Ich hatte doch die Schlüssel, die haben geleuchtet und mir den Weg gewiesen. Ausserdem gab es keinen Grund mehr mich zu fürchten."

"So ein kleines Kind und keine Angst im dunklen dunklen Wald... allein." Eine alte knarzende Stimme, wie eine alte Holztür, die schon jahrelang in ihren Scharnieren ächzte, drang aus dem Hintergrund an seine Ohren. Da hinein vermischte sich jetzt ein stetiges klicken.

Das alte Schlangenweib, den Yokai, den hatte er zwar nicht vergessen, aber er hatte gehofft, dass sie einfach so verschwinden würde, wenn sie merkte, dass es nichts mehr zu holen gab. Doch so leicht wollte diese sie beide wohl nicht davonkommen lassen. Taku erhob sich langsam, griff wieder nach der Hand seiner Schwester, schob sie sanft aber bestimmend hinter sich und drehte sich dann erst zum Yokai herum. Er hob die Laterne um einen besseren Blick auf sie zu erhaschen.

Ein altes Frauengesicht starrte ihn an. Graue Haare zu einem Dutt gebunden und mit Stricknadeln zusammengehalten, zierten ihren Kopf. Ihr Gesicht war alt und runzelig, dafür wirkten ihre Augen frisch und jung. Auf ihrer Brust, umrandet von vier Armen, befand sich ein blauer Stein, genauso blau wie ihre Augen. Zwei der vier Arme waren stetig damit beschäftigt zu Stricken, wodurch das Klicken entstand.

Wenn der oberen Teil ihres Körpers noch teilweise menschliche Züge hatte, so war der untere Teil dessen komplett einer Schlange nachempfunden. Die Spitze dieses giftgrünen Schlangenkörpers wandte und schlängelte sich nach allen Richtungen gleichzeitig. Ähnlich wie ein gerade freigelegter Regenwurm der sich an der Erdoberfläche schlängelte. Nur etwas größer und ruhiger war dieser.

Das Kurioseste an dieser Erscheinung war jedoch die riesige Garnrolle die der Yokai hinter sich her zog und von wo sie ihren Faden bezog den sie für ihre Strickarbeiten benötigte und der anscheinend nie enden wollte. Das Wesen, was sich aus den Strickarbeiten erhob war am ehesten mit einem aus einem einzigen lebendig wirkenden Band zu vergleichen, das oberhalb eine Art Kopf besaß, mit gebogenem Band für Mund und Nase und zwei Knäulen für die Augen. Auch dieses Band bewegte sich ähnlich wie der Schlangenkörper, nur mehr wabernd.

Das war es was Taku vorhin wahrgenommen hatte. Und er bemerkte noch etwas, dieses Wesen hinter dem Yokai hielt etwas an einem Ende des Bandes. Jedoch war es ausserhalb des Laternenlichtes, so konnte Taku es nicht mehr erkennen.

Taku selbst hatte auch nur Geschichten über den Schlangen-Yokai gehört, den Hüter des Waldes. Auch er war ihr niemals wirklich begegnet. Aber er wusste, dass sie halb Mensch und halb Schlange war und dass zu ihr die Schlüssel gehörten, die Rilla vom Tisch genommen hatte und sie wohl auch damit gerufen hatte.

Im Zuge der ganzen Geschichten, die Taku über das alte Schlangenweib gehört hatte, war die eindringlichste die gewesen, dass man sie niemals erzürnen sollte. Damals hatte er brav genickt und gesagt, dass er das wohl niemals riskieren würde. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte er auch noch nicht gewusst, dass er eines Tages zwischen dem Yokai und seiner Schwester stehen würde...

Er legte deshalb soviel Entschlossenheit in seinen Blick wie er schaffte, hielt die Hand seiner Schwester fest und sagte mit ebensolcher Stimme: "Wir werden jetzt nach Hause gehen, Yokai. Tut mir Leid dich gestört zu haben. Wir werden es nicht wieder tun", und wollte seine Schwester gerade mit sich ziehen und verschwinden.

"Du kannst nicht einfach das Mädchen nehmen und gehen. Sie hat mich gerufen und wenn ein Yokai gerufen wurde, verschwindet dieser erst wenn dem Ruf folge geleistet wurde", erklärte die Schlangenfrau ruhig. Ihr Strickzeug klickte zwischen ihren Fingern. Sie brauchte ihre Augen noch nicht einmal dorthin zu wenden, sie konnte blind Stricken.

"Sie hat dich nicht gerufen...", begann Taku doch Rilla zog an seiner Hand. "Doch, das habe ich. Ich habe doch die Schlüssel bei mir gehabt. Sonst wäre sie gar nicht gekommen", stellte sie klar.

Taku drehte sich nach ihr um. "Wieso hast du so etwas dummes getan?" Rilla schaute ihn mit festen Blick an. "Weil Großmutter es doch gesagt hat."

Die Augen ihres Bruders weiteten sich. Konnte das sein? Er erinnerte sich an den Blick den sie ihm zugeworfen hatte ehe sie die Schlüssel vom Tisch genommen hatte. Konnte es sein, dass dieser Blick nicht aus Angst vor ihm entstanden war? Konnte es sein, dass alles ein großes Missverständnis war? Er schluckte schwer.

"Deine Großmutter ist eine kluge Frau." murmelte nun der Yokai und Taku drehte sich wieder zu ihr herum, ließ sie nicht mehr aus den Augen. "Sie hat einen Vertrag mit mir. Sie hat mich gerufen, ich bin ihrem Ruf gefolgt und wenn du, kleiner Junge, nicht dazwischen gegangen wärst, hätten wir unseren Pakt schließen können."

"Sie ist noch ein Kind, sie kann keinen Vertrag mit dir eingehen, alte Vettel!" rief Taku erbost, doch den Yokai schien das nicht im geringsten einzuschüchtern. Das klicken ihrer Stricknadeln erfüllte kurz den Augenblick des Schweigens.

"Deine Schwester ist mutiger als du. Eigentlich müsste es umgekehrt sein...", sie stockte und Taku beobachtete, wie ihre Augen zu Leuchten begannen. Das eisblau in ihren Augen verwandelte sich in orangerot loderndes Glühen.

"Du hast so ein wunderbares Licht, mein Junge", die Worte waren fast geschmeichelt als sie ihm wieder direkt in die Augen sah. Sie blinzelte nur einmal und das Glühen war aus ihrem Blick verschwunden. Das eisblau war zurückgekehrt.

Taku starrte sie jedoch wütend an. "Schmeichel mir nicht mit Worten, altes Schlangenweib! Ich weiss, dass Ihr hinter den von Menschen entfachtes Feuer her seit, weil Ihr selbst keines entzünden könnt!" Um diesen Worten noch mehr Nachdruck zu verleihen senkte er die Laterne und zog den Arm etwas näher zu sich heran.

Der Schlangenyokai fauchte nun erbost, das Laub und Gras unter ihrem mächtigen Leib geriet in Bewegung und doch beruhigte sie sich wieder.

"Ist das so, mein Junge?" säuselte sie, ließ etwas Faden durch ihre Finger gleiten und klickte mit den Stricknadeln. Eine eher nebensächliche Bewegung und doch hatte Taku allmählich genug von ihr.

"Wir gehen jetzt, alte Vettel!"

"Sprachs der Junge und blieb doch wie angewurzelt stehen.", spottete der Yokai. Die Stricknadeln klickten weiterhin seelenruhig in ihren Händen so als wäre sie eine ganz gewöhnliche Großmutter die am Kaminfeuer daheim in der Stube saß und einen Schal strickte. "Wenn du dich noch nicht einmal zu dieser kleinen einfachen Entscheidung durchringen kannst zu gehen wann es dir beliebt, wie willst du dann einen Pakt mit mir und deiner Schwester verhindern?"

Taku bemerkte, dass sie Recht hatte. Er konnte sich nicht von der Stelle bewegen. Wütend starrte er sie an. "Du hast mich verhext!" rief er erbost.

Der Yokai blickte ruhig zurück. "Auf solche Zaubereien bin ich nicht angewiesen." Ihr Blick glitt zu Rilla herüber. "Sie war es die mich gerufen hat, sie hat den Schlüssel zur Truhe, also hat sie einen Grund und den Gegenstand, der den Pakt besiegelt." Ihr Blick ging zu Taku zurück. "Und niemand, nicht einmal du, Bursche, stellst dich zwischen einem Yokai und demjenigen, der ihn gerufen hat!" Ihr Blick wurde verächtlich. "Da kann dein Licht noch so hell erstrahlen. Ohne den nötigen Willen und die Entscheidung wirst du niemals weiterkommen."

"Was redest du da? Ich verstehe kein Wort!" rief Taku zornig, doch es kam keine Antwort vom Yokai, abgesehen vom Klicken der Stricknadeln.

Ehe Taku noch einmal das Wort erheben konnte, sah er aus den Augenwinkeln etwas huschen. Etwas Kleines, kaum greifbares, dass sich zwischen den hohen Grasbüscheln näherte und schon nach wenigen Augenblicken hatte er sie erkannt. Es waren die Hilfsgeister die ihm vorhin noch im Wald begegnet waren. Jetzt jedoch schienen sie in einem erbärmlichen Zustand. Ihre letzte Tat, nämlich ihn mit Hilfe der Dornenranken und Äste aufzuhalten, hatte wohl ihre letzte Kraft geraubt. Sie waren beinahe durchscheinend und kaum noch sichtbar.

Noch dazu näherten sie sich langsam, einer auf den anderen gestützt, weil dieser hinkte. Taku schluckte, fühlte er doch einen Stich von Reue in seinem Inneren. Wenn der Yokai das sah, würde das nicht gerade für ihn sprechen, ganz im Gegenteil.

Schnell lenkte er seinen Blick wieder zum Schlangen-Yokai allein um zu verhindern, dass sie darauf aufmerksam wurde. Doch natürlich hatte sie ihre Hilfsgeister schon längst entdeckt. Ihre Stricknadeln gingen wie von selbst weiter, doch ihr anderes paar Hände stemmte sich in die Hüften.

"Wo wart ihr wieder? Ihr wisst doch, dass ihr euch nicht so weit entfernen dürft, wenn der Mond so klein ist." schalt sie die beiden, erst jetzt merkte sie, das einer hinkte.

Taku hielt den Atem an, würde sie es merken? "Wie du dir das schon wieder zugezogen hast.", seufzte der Yokai und Taku traute sich auszuatmen, sein Herz pochte jedoch heftig gegen seine Brust. Ein Quiecken drang an sein Ohr, der Yokai schien es verstehen zu können und nickte, wedelte nachlässig mit einer Hand nach ihm. "Mach wie du denkst."

Als nächstes war zu beobachten, wie der Stützende dem Hinkenden bis zum gestrickten Band führte, ihn dort plazierte und schließlich energisch ein wenig darin einwickelte. Was auch immer das für ein Band war, es half dem Hilfsgeist anscheinend, denn es wirkte. Schon Augenblicke später war es schon nicht mehr so durchscheinend und angeschlagen.

Doch was Taku jetzt beobachtete, ließ ihn doch wieder den Atem anhalten. Der andere Hilfsgeist kletterte nun behende an dem Schlangen-Yokai empor bis er auf ihrer Schulter stand wo er ihr an den Haaren zupfte und so ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.

"Was willst du? Mir etwas berichten?" fragte sie erstaunt und lauschte aufmerksam. Auch Taku versuchte dem Gespräch zu folgen, doch alles was er hörte war unverständliches Gemurmel. Plötzlich zog etwas an seinem Ärmel. Taku drehte sich zu seiner Schwester um.

"Was ist mit dem Yokai los? Sie führt auf einmal Selbstgespräche." flüsterte diese und Taku blinzelte erstaunt. "Sie führt doch keine Selbstgespräche, sie unterhält sich mit ihren Hilfsgeistern."

Rilla sah ihn fragend an. "Hilfsgeister?"

Taku deutete so gut es ging ohne die Laterne fallen zu lassen, nach vorn. "Da, die beiden. Einer steht auf ihrer Schulter, das ist der Moosgrüne, und der andere, der Steingraue, ist in ihrem Band eingerollt." Sie folgte seinem ausgestreckten Arm mit den Augen, doch noch immer fuhren ihre Augen suchend herum. Schließlich zuckte sie mit den Schultern und sah ihren Bruder wieder fragend an. Dieser schaute erstaunt zurück. Sie konnte die Hilfsgeister offensichtlich nicht sehen, aber er konnte es, selbst in ihrem schwachen Zustand. Konnte es sein, dass...

"Sie sind zu schwach um von deiner Schwester gesehen zu werden.", meldete sich der Yokai zu Wort.

Mit einem schaudern drehte sich Taku zu ihr herum. Es war fast so als hätte sie in seinen Gedanken gelesen.

"Was sehen?" Rilla verzog ihre Augen grimmig, ähnlich wie ein Kind das mitbekam wie Erwachsene sich über etwas unterhielten und ein riesiges Geheimnis daraus machten.

Der Yokai achtete nun nicht mehr auf Rilla. Ihre Augen waren fest auf Taku gerichtet. "Du weisst was das bedeutet, Junge?", fragte sie mit einer Stimme, die so ganz anders war als noch vor wenigen Augenblicken.

Taku wusste nicht was er darauf antworten sollte. Er senkte den Blick, schluckte und hielt die Hand seiner Schwester weiterhin fest. Auch spürte er wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Natürlich wusste er was es bedeutete, er fand nur keine Worte dafür weil es in seinen Augen keine Worte dafür gab.

Auf einmal löste der Schlangen-Yokai den Blick von Taku. Dieser bemerkte es und hob sofort den Blick.

"Oh, das Band bewegt sich wie von selbst...", sagte Rilla mit ausgestrecktem Finger auf den Yokai deutend. Taku folgte dem Wink und sah wie der Hilfsgeist, der bis eben noch halb eingerollt war in dem Band, daran zog und zerrte während der andere Hilfsgeist daneben stand und sich anscheinend darüber amüsierte.

"Unerhört! Ihr sollt nicht immer mit der Zeit spielen!" empörte sich der Yokai und gab beiden mit der Schwanzspitze einen Klapps. Erst dann ließen sie davon ab und trollten sich.

"Mit der Zeit spielen?" fragte Rilla etwas ratlos.

"Das Band an dem ich immer stricke, stellt die vergangene Zeit des Waldes dar", erklärte der Yokai, "Die Rolle steht die Zukünftige, die unverstrickte Zeit dar und das Stricken selbst bin ich, die Gegenwart. Deshalb dürfen meine Hände niemals ablassen vom stricken.", sie seufzte, "Wisst ihr eigentlich wie schwer es ist die Stricknadeln auszutauschen wenn eine zerbricht? Jedes Mal wenn das geschieht geschieht ein Unglück im Wald."

Taku und Rilla sahen erstaunt zum Yokai herüber. Sie war nun wesentlich höflicher geworden, beinahe nett und erklärte solcherlei Details über ihr Leben und ihre Aufgaben. Nur Taku wusste warum sie erzählte... und er sollte auch nicht lange auf die Erklärung warten.

"Aber ich bin alt geworden. Das Garn wird brüchig und mürbe. Auch wenn noch eine ganze Rolle hinter mir hergezogen wird, Stoff ist nicht für die Ewigkeit gemacht worden. Mein Schlagenkörper wird träge und meine Finger steif. Es wird allmählich Zeit für einen Wechsel..."

"Es ist noch nicht Zeit für einen Wechsel!" Taku war bis hierher relativ ruhig geblieben, aber als er das hörte, wusste er doch worauf es hinauslaufen würde. "Und wer soll dein Nachfolger sein? Etwa ein kleines Mädchen? Kaum alt genug um zur Schule zu gehen?", ereiferte er sich.

Der alte Schlangen-Yokai blieb ungerührt. "Der Träger der Schlüssel", antwortete sie schlicht, "der vermag das Schloß der Truhe zu öffnen." Ein wissendes Glitzern trat in die Augen des Yokais. Natürlich wusste sie, dass der Junge es niemals zulassen würde, dass seine kleine Schwester die Truhe öffnen würde. Es war eine List um ihn endlich dahin zu bekommen wo sie ihn hinhaben will. "Eigentlich hat das Mädchen mich gerufen, aber wenn du den Schlüssel nimmst und die Truhe an ihrer Stelle öffnest, will ich drüber hinwegsehen."

"Und wenn ich mich weigere?" fragte Taku lauernd nach.

"Dann werdet ihr beide an dieser Stelle stehen bleiben, bis ihr eure Meinung ändert. Mein Wille ist stärker als eurer, wie ihr sicherlich schon bemerkt habt. Ihr könnt euch nicht rühren."

Taku atmete ruhig aus, versuchte sich nicht der Wut hinzugeben, die in ihm brodelte, schloss für einen kurzen Moment die Augen und ließ die Luft aus seinen Lungen langsam entweichen. Sehr wohl spürte er den Blick seiner Schwester auf sich. Unruhig, ängstlich, genauso wie ihre zitternden Finger die seine Hand umschlossen hielten.

"Taku? Was meinst du? Was geht hier vor? Ich habe sie doch gerufen, ich muss doch die Schlüssel..."

"Du musst gar nichts. Es ist die ganze Zeit ich der gehen muss." Langsam lockert er seinen Griff um die Hand seiner Schwester, dafür war sie es nun die fest zugriff.

"Was soll das heissen? Ich habe Großmutter und dich doch gehört wie ihr über mich gesprochen habt." erwiderte sie.

Taku öffnete langsam seine Augen und Rilla erschrak als sie die Trauer darin erkannte. "Wir haben nicht über dich gesprochen." Während er das sagte wandte er seine Hand langsam aus der viel kleineren seiner Schwester die es zunächst gar nicht bemerkte. "Es ging die ganze Zeit nur darum mich in den Wald zu schicken, allein, damit ich den Schlangen-Yokai rufe und den Wechsel einleite."

Der Schlangen-Yokai nickte. "Die Zeit der Garnrolle ist vorüber. Jetzt ist die Zeit des Feuers und des Lichts angebrochen."

"Zeit des Feuers und des Lichts?" fragte Rilla mit grenzenloser Verständnislosigkeit in ihrem Gesicht.

"Ich bin ein Yokai, mein richtiger Name lautet Hakutaku und ich bin ein Feuer-Yokai in Gestalt eines riesigen Hundes. Ich hüte dann den Wald mit meinem Feuer, das niemals verlöschen darf."

"Taku..." murmelte Rilla mit bebender Unterlippe während dieser sich niederkniete und die Schlüssel von Rillas Gürtel löste. "Was bedeutet das alles? Ich verstehe nicht... Feuer-Yokai? Gestalt eines Hundes?" Ihr Finger deutete hinüber zum Schlangen-Yokai. "Trittst du an ihre Stelle?"

Taku nickte stumm, seufzte und erhob sich. Die Schlüssel klirrten in seinen Fingern und er übergab Rilla die Laterne. "Halte sie fest und pass gut drauf auf. Ohne sie findest du nachher den Heimweg nicht mehr."

Doch jetzt gab es kein Halten mehr für sie. Mit glitzernden Tränen in den Augen warf sie sich ihren Bruder entgegen. Die Laterne schlug hart gegen seine Unterschenkel, doch das bemerkte der Junge nicht. Seine kleine Schwester vergrub ihren Kopf in seiner Brust, ihre kleinen Schultern zuckten unkontrolliert, ihre kleinen Finger griffen fest nach seinem Hemd und ein Schluchzen drang zu ihm ans Ohr.

"Warum du? Warum ausgerechnet du? Hätte ich es nicht sein müssen? Warum habt ihr mir das nie gesagt? Du und Großmutter? Ich will nicht das du zu einem Yokai wirst! Du gehst mit mir nach Hause, du bist doch mein großer Bruder...", rief sie mit tränenerstickter Stimme.

Taku löste ihre Hände langsam aus seinem Hemd, kniete sich noch einmal hinab und nahm sanft aber bestimmt ihre Hand in seine. "Wenn ich nicht gehe musst du gehen. Wenn du aber die Truhe als nicht berechtigter Nachfolger öffnest, wirst du nur zu einem Hilfsgeist degradiert werden..." "Dann will ich als Hilfsgeist an deiner Seite bleiben!" rief Rilla wild entschlossen und warf sich Taku an den Hals.

"Tststs... Mädchen... möchtest du wirklich ein kleines dürres Männchen sein? Von keiner Menschenseele entdeckt werden und nur für den Yokai Lichtquellen sammeln gehen?" fragte der Schlangen-Yokai verächtlich. "Überlege sorgfältig bevor du solcherlei dummen Wünsche aussprichst, mein Kind, sonst könnten sie wohlmöglich noch wahr werden."

Taku löste nun schon zum zweiten Mal die Arme seiner Schwester von seinem Leib und erhob sich. Leise schniefend stand sie da, schaute zu ihrem Bruder hinauf und legte soviel flehen in ihren Blick wie sie nur konnte. Doch es gab nichts mehr zu rütteln, die Entscheidung war schon gefallen noch bevor sie Bruder und Schwester geworden waren. "Geh nach Hause."

Rilla schüttelte entschlossen den Kopf. "Nein, ich möchte wenigstens dabei sein wenn du dich verwandelst. Damit ich dich wiedererkenne wenn ich dich im Wald sehe."

Taku versuchte sie von diesem fürchterlichen Vorhaben abzubringen, doch hier ließ Rilla sich nicht mehr erweichen. Sie blieb eisern auf der Lichtung stehen, hielt sich haltsuchend an der Laterne fest und bewegte sich keinen Milimeter vom Fleck. Schließlich gab Taku doch nach.

"Die Zeit sie eilt, der Tag ist nah.", ließ nun der Schlangen-Yokai verkünden und gab der `Zeit des Waldes` hinter sich einen Wink. Sofort erschien die Truhe in Augenhöhe Takus der die Schlüssel klimpern ließ. Noch einen letzten Blick auf den Schlangen-Yokai riskierte er ehe er den Schlüssel ins Schloß trieb und herumdrehte.

Schnappend öffnete sich das Schloß und die Klappe der kleinen Truhe schwang nach hinten auf. Ein gleissendes Licht schoss aus der Truhe und stürzte sich auf Taku, der gerade noch einen Arm schützend vor sein Gesicht reissen konnte, ehe er vollständig davon eingehüllt wurde.

"Taku!!" Rilla wollte schon ihrem Bruder ins gleißende Licht folgen, auch wenn es zur Folge hatte, dass sie Erblinden könnte, doch es war der Schlangen-Yokai, der sich ihr in den Weg stellte und genau das verhinderte.

"Die Verwandlung darf nicht gestört werden!" stellte sie klar und legte ihren massigen Leib zwischen Rilla und ihrem Bruder Taku.

Es vergingen auch nur einige Sekunden, das gleißende Licht löste sich auf und verschwand. Dafür loderter eine Stichflamme zu ihnen beiden herüber, eine Flamme, die den halben Wald hell erleuchtete, so hell, dass die Laterne in Rillas Hand vollkommen überflüssig wurde.

"Ein helles, kräftiges Feuer für viele viele hundert Jahre." nickte der Schlangen-Yokai anerkennend. Erst jetzt verzog sich auch das letzte Licht dass Taku verdeckt hatte, und gab den Blick auf ein gewaltiges Wesen frei. Es besaß weißes Fell, hatte einen buschigen Schwanz an dessen Ende das Feuer loderte doch es schien Taku nichts auszumachen, er zeigte jedenfalls in seinem spitz zulaufendem Hundegesicht keinerlei Schmerzen. Nur Trauer zierte seine Lefzen und seine großen Augen blickte tief hinab. Er maß jetzt in die Höhe mindestens drei Meter und in die Länge sogar mindestens sechs. Somit war er sogar größer als die `Zeit des Waldes` der alten Schlangen-Yokai.

Rilla interessierte das freilich nicht. Sie sah nur empor und wusste dass unter diesem Berg aus Fell und Verwandlung und Feuer ihr Bruder steckte. Seine Augen, sie erkannte ihn anhand seiner Augen wieder.

Langsam näherte sie sich ihm, hatte keine Angst und keine Scheu vor ihm. Nebensächlich stellte sie die Laterne ins Gras, streckte beide Arme nach ihm aus und Taku beugte seinen Kopf herunter so dass sie ihn mit ihren kleinen Fingern im Fell der Schnauze greifen konnte. Vorsichtig griff sie danach. Das Fell war sehr warm, aber auch sehr weich. Ein sanftes knurren kam von irgendwo hinter der Schnauze tief aus seinem Kehlkopf und er hielt still während Rilla ihm die Schnauze streichelte.

"Darf ich ihn jetzt nie Wiedersehen?" fragte sie unvermittelt den Schlangen-Yokai, der ein Stück weit hinter ihr stand und die Szene betrachtete.

"Menschen und Yokais sind zwei verschiedene Wesen die nicht zusammen gehören.", erklärte der Schlangen-Yokai geduldig, aber mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen.

Rillas Augen verzogen sich ärgerlich. "Warum lächelst du wenn ich meinen Bruder nicht wiedersehen darf?"

"Weil die Sonne gerade aufgeht." erwiderte der Yokai völlig überraschend und deutete nach Osten, wo sich allmählich die ersten Strahlen der Sonne einen Weg durch den dichten Wald bahnten.

Rilla folgte dem ausgestreckten Finger des Yokais und beobachtete die Sonne wie sie allmählich den Waldboden bedeckten und mit ihren wärmenden Strahlen den Morgentau auf den Gräsern der Wiese erreichte.

"Sieh mal Taku, ein schöner Morgen und so ein trauriges Ereignis." murmelte sie.

"Was für ein trauriges Ereignis meinst du?" antwortete Taku erstaunt. Rilla blinzelte kurz in die Sonne ehe sie sich umdrehte und ihren leibhaftigen Bruder, so wie er als Mensch aussah, vor ihr stand.

"Taku!!", sie schlang beide Arme um seinen Körper und drückte ihn an sich. Auch seine Arme erwiderten die Umarmung.

"Altes Schlangenweib, wieso bin ich wieder ein Mensch?" fragte er erstaunt während er seine Schwester fest an sich drückte.

"Bei Tag bist du noch ein Mensch. Du wirst erst langsam in die wichtige Aufgabe, die einem Yokai zugetragen wird, eingeführt. In ein paar Jahren wird sich das ändern, dann wirst du für immer im Wald bleiben müssen und ich werde verschwunden sein." erklärte der Yokai.

Taku blinzelte und kniff die Augen etwas zusammen, sah zum Schlangen-Yokai herüber und blinzelte erneut. "Mir scheint es dass ich dich jetzt schon kaum noch sehen kann."

"Ich verblasse Tagsüber." meinte die durchscheinende Gestalt. "Komme heute Abend wieder, dann erkläre ich dir alles weitere."

Mit diesen Worten verschwand der Schlangen-Yokai und seine beide Hilfsgeister mit den Strahlen der ersten Sonne an diesem Tag.

-End-

Ollowain
01.12.2008, 19:46
Gestern Abend abgeschlossen ^w^


Die Lehre


Lars zog mich hinter sich her. Wir mussten uns beeilen, sonst würden wir zu spät zum Tee bei Großmutter kommen. Aber ich konnte einfach nicht schneller laufen!
Wieder zerrte er unsanft an meinem Arm. Das war gemein! Mir schossen Tränen in die Augen. Ich stolperte. Fiel hin. Begann zu weinen. als der Schmerz in meine Knie schoss.
„Maud! Hast du dir was getan?“
„M-mein Knie tut weh“, schluchzte ich.
„Zeig mal her“, meinte er und schob mein Kleid ein Stückchen hoch. Er hatte seine Mütze verloren. Vater würde sauer sein. „Halb so wild. Blutet nicht mal.“ Er lächelte mich an. „Komm weiter, wir machen auch langsamer.“
„Aber dann kommen wir zu spät“, weinte ich.
„Halb so wild. Aber jetzt steh auf, Maud.“
Ich stand auf.
Unter einem abgestellten Wagen blinkte etwas.
„Lars, Lars, guck mal!“ Blitzschnell war ich unter den Wagen gekrochen und betrachtete meinen Fund: Es war ein Schlüssel. Ein ziemlich großer. Und er sah wertvoll aus, wie aus Silber. Aber auch komisch...
„Maud!“ Ich zuckte zusammen, Lars klang so böse! „Komm da sofort raus!“
Schnell griff ich nach dem Schlüssel und steckte ihn zu Mister Betz in die Brusttasche.
Ein elektrischer Schlag durchfuhr mich.

Ich öffnete die Augen und blickte auf den dreckigen Boden unter einem hölzernen Karren. Jemand hatte mich gefunden, ohne Zweifel.
„Maud! Komm jetzt da raus!“
„Ja, ich komme schon.“ Hilfe! Meine Stimme war viel zu hoch! Nachdem ich unter dem Karren hervorgekrochen war, blickte ich an mir herab: Ich trug ein mittelgrünes leichtes Kleid, mit einer gelben Brusttasche, in der ein Stoffbär und der unselige Schlüssel steckten, darunter ein graues Oberteil, mit Rüschen an Kragen und Ärmeln. Dann blickte ich schnell zu den Jungen, der mich angemotzt hatte: geschätzte zweieinhalb Köpfe größer als ich, mit braunen Hosen, grünbrauner Weste, blonden Haaren, grünen Augen und gräulicher Unterkleidung. Ich schätzte, dass er der Bruder des Görs war.
Ich senkte den Kopf, ganz das schuldbewusste Mädchen, dass Schelte von seinem Bruder erwartet.
Doch sie blieb aus: Er packte mich einfach grob am Arm und zog mich hinter sich her.
Nach hundert Metern fragte er, ob er zu schnell liefe. Ich antwortete ihm mit meiner quietschigen Kinderstimme, dass ich ganz gut mitkäme.
Innerlich verfluchte ich schon fast, dass dieses Balg den Schlüssel aufgehoben hatte. Was hatte es schon für einen Nutzen, wenn ich im Körper eines kleinen Mädchens steckte? Sie war nicht mal in der Lage aus einem Fenster im ersten Stock zu klettern! Wie sollte ich unter diesen Umständen meinen Körper überhaupt zurückbekommen?
Der Junge lotste mich durch die Straßen, vorbei an einer Kirche, dann durch ein Zaunloch. Wir nähmen eine Abkürzung durch einen privaten Park, erklärte er mir. Also lief ich ihm unfreiwillig hinterher, während die Kirchturmuhr verkündete, dass es vier Uhr Nachmittags war. Die Hand um meine spannte sich an.
Da traf mich die Aura wie ein Schlag ins Gesicht; sie stammte eindeutig von meiner Lehrmeisterin Nona, die mich aus Wut und Enttäuschung verzaubert hatte: Meinen Körper hatte sie zerstückelt und in ein magisches Kästchen eingeschlossen, meine Seele an den dazugehörigen Schlüssel gebannt. Diesen hatte sie wiederrum mit den Worten „Hoffe darauf, dass andere gütiger sind als du“, in einer leeren Gasse fallen lassen.
Seit damals war ich immer, wenn mich – also den Schlüssel – jemand berührt hatte, in dessen Körper geschlüpft. Nun ja, was heißt „immer“ – einmal bisher. Und das war ein Pater gewesen, der nun bei Leibe nicht geeignet gewesen wäre, um bei Nona aufzukreuzen. Allein schon, weil wir ihm irgendwie hätten erklären müssen, dass er plötzlich in einem Kellergewölbe voller schwarzer Kerzen oder ähnlichem erwacht wäre...

„Lars! Maudchen! Da seid ihr ja endlich!“, rief uns wenige Minuten später eine ältere Frau entgegen. Sie hatte sich einen dunkelblauen Schal locker über ein leichtes schwarzes Kleid geworfen, obwohl es dafür fast zu kühl war.
„Großmutter! Schön dich zu sehen“, begrüßte der Junge sie.
„Hallo, Oma“, quietschte ich sie an. Irgendwie machte es mir Spaß, die Rolle des kleinen Mädchens zu spielen. Die Alte umarmte uns herzlich, knuffte den Jungen – Lars – und strich mir sachte über das für ein Mädchen ungehörig kurze Haar. Dann lotste sie uns sachte ins Haus.
„Lars, wo ist denn deine Mütze?“, fragte sie in der kleinen Diele.
Wegen der dunkelgrünen, etwas gebleichten Tapete und dem dunklen Holzfußboden fühlte ich mich sofort wohl. Auch die Alte war mir recht sympathisch.
„Ich muss sie verloren haben, als Maud hingefallen ist.“
Daraufhin blickten die beiden mich besorgt an, während ich den ollen Teddybär aus meiner Brusttasche nahm.
„Maud, komm doch mit in die Küche, dass ich nach deinen Knien sehen kann. Lars, geh du schon mal ins Wohnzimmer und schneide den Kuchen an.“
Ich wurde bei der Hand genommen und in eine kleine gemauerte Küche geführt, die einer Hexenküche, wie das Volk sie sich vorstellte, alle Ehre machte. Während die Alte in einem kleinen Schränkchen kramte, zog ich mir einen Stuhl heran und hüpfte mehr oder minder elegant darauf.
Sie wandte sich mir zu. „Nun, dann zeig deine Knie mal.“ Breitwillig, aber so ungeschickt, wie kleinere Kinder eben sind, krempelte ich mein Kleid hoch. Zwei kleine Schrammen zogen sich über mein rechtes Knie.
„Nimm Mister Betz ganz fest in den Arm“, lächelte die Alte, bevor sie mir ohne Vorwarnung ein Desinfektionsmittel auf die kleinen Wunden strich. Ich roch den Alkohol darin, bevor ich ihn spürte – das Brennen war höllisch. Unwillkürlich entfuhr mir ein leiser Schrei. Normalerweise wäre es dabei geblieben, aber jetzt war ich ein kleines Mädchen, also begann ich leise zu weinen. Die Großmutter setzte sich auf einen anderen Stuhl und wiegte mich beruhigend, nachdem sie mich auf ihren Schoß gezogen hatte. Als sie anfing leise ein Kinderlied zu singen, hörte ich auf zu weinen. Das war mir dann doch zu viel des Kinderkrams. Sie hielt mich noch kurz im Arm, dann schob sie mich sanft von ihrem Schoß, fasste meine Hand und zusammen gingen wir ins Wohnzimmer.
Staunend blieb ich stehen: Die Wände waren holzvertäfelt, der Boden mit hellerem Parkett überzogen, das kunstvolle Muster bildete, die nur unter dem niedrigen Tisch, den mit rötlichem, samtartigen Material überzogenen Sesseln und dem dazu passenden Sofa von einem nicht minder prächtigen Teppich verdeckt wurden. An der gegenüberliegenden Wand befand sich zwischen zwei recht großen Fenstern ein offener Kamin. An den anderen Wänden hingen mit Fabelwesen bestickte Stoffbahnen. Wegen meiner geringen Körpergröße wirkte es noch viel beeindruckender.
„Was ist Maud?“
„Das ist sehr schön“, antwortete ich schlicht.
Sie lächelte zu mir herunter. „Ist dir das denn noch nie aufgefallen?“
„Nicht so“, meinte ich und grinste sie breit an.
„Willst du Zucker oder Honig in den Tee, Großmutter?“, fragte Lars vom Sofa aus.
Erst da fiel mein Blick auf den Tisch. Sie hatte sich ohne Zweifel große Mühe gegeben: Ein Kanne Tee dampfte vor sich hin, daneben stand ein Apfelkuchen mit Streuseln darauf, alles in oder auf hübschen, weißen Porzellantellern, ganz als ob sie nicht nur ihre Enkel, sondern auch noch mehr Verwandschaft erwarten würde. Aber der Tisch war zweifelsohne nur für drei Personen gedeckt.
„Ich trinke meinen Tee ohne, Lars. Danke der Nachfrage“, antwortete die Alte und bugsierte mich vorsichtig neben den Jungen.

Wir saßen lange Kuchen essend und Tee trinkend (und beides war wirklich sehr lecker) in diesem Wohnzimmer und bestritten leichte Konversation. Dank der Jugend von Maud wurde nicht erwartet, dass sie das Gespräch mitgestaltete. Hin und wieder streute ich zwar eine Bemerkung ein, blieb aber weitestgehend eine stille Zuhörerin. Die Alte sprach mich auch auf den Schlüssel an, aber ich konnte recht einfach verhindern, ihn aus der Hand zu geben, indem ich ihn zwar stolz vorzeigte, aber ebenso entschlossen verkündete, dass er „mein Schatz“ sei.
Das war nicht weiter verwunderlich, denn er glänzte wie frisch poliert.
Die Großmutter der Kinder nutzte diese Gelegenheit, um mir einen hübschen Schlüsselring zu schenken, mit dem ich den Schlüssel sofort an meinem Stoffgürtel befestigte.
Dann meinte sie mit einem leicht erschrockenen Blick nach draußen: „Es wird schon dunkel. Kinder, seht zu, dass ihr nach Hause kommt!“
Vermutlich war es abgemacht, dass wir bei Sonnenuntergang oder kurz danach wieder daheim sein sollten. Für viele mag es unvorsichtig erscheinen, Kinder um diese Zeit alleine auf den Heimweg zu schicken, aber wir hatten das Glück, in einer sehr friedlichen Stadt zu leben – das heißt, friedlich, wenn man sich in den Vierteln im Westen der Stadt aufhielt. Wir befanden uns praktisch am westlichen Rand.
Trotzdem drängte sie uns eilig in die Diele und reichte Lars eine Mütze, die er scheinbar einmal zuvor bei ihr vergessen hatte, dann wuselte sie schnell in die Küche. Klappern war zu hören, dann kam sie mit einer kleinen Laterne zurück und drückte sie Lars in die Hand.
„Seid vorsichtig und grüßt Edvard von mir.“
„Machen wir!“
Dann gab es noch die üblichen Küsschen, mir riet sie, etwas besser aufzupassen, und schon liefen wir winkend die Straße hinunter.

Wieder kürzte Lars die Strecke ab, wo es ging. Wieder nahm er meine Hand fest in seine. Und plötzlich war da wieder Nonas Aura – stärker als auf dem Hinweg noch. Je weiter wir uns dem Park vom Nachmittag näherten, desto stärker, ja fast greifbarer, wurde sie. Mir wurde ganz kribbelig in der Magengrube.
Lars schien sie überhaupt nicht wahrzunehmen. Gut.
Ich lächelte leicht.
Bald würde ich meine eigentliche Gestalt wiedererlangen. Sehr gut. Auch wenn ich mich mit dem Körper des Mädchens mittlerweile fast angefreundet hatte.
Wir brachen durch ein Gebüsch – Lars blieb wie erstarrt stehen. Wir hatten sie gefunden. Oder eher Nona uns – mich.
Sie hatte ihre Lieblingsgestalt angenommen: Die alte Frau mit den grünlichen Haaren, deren Körper ab der Taille zu dem einer Schlange wurde. Aus ihrem Oberkörper sprossen vier Arme, die, von der grünen Färbung einmal abgesehen, die eines Verhungernden sein könnten. Die unteren beiden hielten ihr Zauberwerkzeug: Stricknadeln, die ihr gleichzeitig auch als Haarnadeln dienten.
Nona verstrickte gerade ein riesiges Wollknäuel, welches sie von einigen kleinen beseelten Püppchen tragen lies, zu einem größeren Geist, der sich um sein Ausgangsmaterial wand und mich stark an besessene Verbände erinnerte.
Der arme Lars war vollkommen erstarrt, weder fähig sich zu rühren, noch in der Lage zu schreien.
„Nona“, begann ich, „schön, dich wieder zu sehen.“
Die Vertrautheit in meiner Stimme ließ Lars aus seiner Starre fahren.
„D-du kennst dieses... Wesen?“
„Natürlich. Sie hat mich in dem Schlüssel am Gürtel des Mädchens gebannt. Ich besetze gerade Mauds Körper“, erklärte ich. Lars Gesicht verzog sich zu einer undeutbaren Grimasse. „Keine Sorge, ich gebe ihren Körper wieder frei, sobald ich meinen eigenen zurück habe. Versprochen.“
Lars schluckte sichtbar.
„Versprich nichts so einfach, Pallas! Glaubst du, dass du deinen Körper so einfach wiederbekommst?“, wies Nona mich bestimmt zurecht.
„Nein, Herrin.“
Sie nickte. „So ist es gut.“ Ihre Stimme war wieder sanft.
Auf eine Geste hin, ließ der unfertige Geist das vermaledeite Kästchen auf uns zuschweben. Ich spürte, wie der Schlüssel sich an meinem Gürtel teilte.
„Junger Mann, du hast nun die Wahl, ob du einen Schutzgeist haben möchtest oder ob du sie einfach freigibst. In jedem Fall“, ergänzte Nona sanft, „bekommt deine Schwester ihren Körper zurück.“
Ich blickte flehentlich von dem Kästchen zu Lars. Das hatte sie damals also gemeint. „ Hoffe darauf, dass andere gütiger sind als du.“
Niemals hätte ich geglaubt, dass mein Schicksal in den Händen eines Jungen liegen würde, der noch nicht einmal wusste, dass seine Großmutter keinen Zucker in ihren Tee wollte. Ich sah mein Leben schon als Sklave eines kleinen Jungen an mir vorbeiziehen.
„Ich gebe sie frei.“
Ich sah ihn ungläubig an. Wusste dieser Junge nicht, was es bedeutete, einen Schutzgeist zu beherrschen?
Nona nickte. „So sei es.“
Ich lächelte Lars an, umarmte ihn. „Danke.“
Die Schlüssel verwandelten sich wieder ein einen. Hastig schloss ich das dargebotene Kästchen auf.

„Ist dir jetzt klarer, was ich meinte?“
Der Geist schlängelte sich um Nona und hielt sie in der Luft, während ich mit meinen Flügeln schlug. Im Gegensatz zu meiner Meisterin erinnerte ich mehr an eine halbe Fledermaus.
Lars und Maud waren gerade in ihrem Haus verschwunden. Ich hatte persönlich dafür gesorgt, dass weder sie sich an Nona und mich erinnerten, noch ihre Eltern an die Abmachung bei Sonnenuntergang daheim zu sein.
„Ja. Klarer... Aber... so richtig verstehe ich den Jungen immer noch nicht“, gestand ich.
Sie lächelte milde. „Das braucht auch Zeit. Weit mehr Zeit als drei Monate.“
Eine Weile lang sagte keine von uns etwas. Wir betrachteten die friedliche Silhouette der Stadt unter uns.
„Aber der Anfang ist gemacht“, durchbrach Nona schließlich die Stille. „Nun dann. Lass uns nach Hause gehen.“
„Ja, Herrin.“

Warin
20.03.2009, 17:31
So, bevor die schöne Idee unseres Workshops "Geschichte zum Bild" völlig in Vergessenheit gerät, habe ich mich mal auf die Suche nach einem geeigneten Bild gemacht.

Fündig geworden bin ich bei einer Künstlerin, deren Bilder ich sehr schätze und die mir dankenswerterweise erlaubt hat, eins ihrer Werke für den Workshop zur Verfügung zu stellen:

Anth (http://www.anth.cabanova.de/)


Auf Anth aufmerksam geworden bin ich durch eine Computercoloration, die sie von einem von Ricky's Bildern gemacht hat. Anths Bilder sind nicht nur toll coloriert, sie schreien m.E. auch geradezu danach, eine Geschichte zu erzählen.

Für diesen Workshop habe ich
you're finally free...


ausgewählt und hoffe, dass ihr es genau so inspirierend findet, wie ich. Sicher keine leichte Aufgabe, sondern eine herausfordernde, aber darum soll es ja auch in diesem Workshop gehen.

Ich möchte keinen zu engen Zeitrahmen vorgeben. Ich sage mal: Bis Ende April und dann schauen wir mal. Wenn dann noch jemand etwas Zeit braucht, ist das auch kein Problem.

RickyLee
25.03.2009, 17:35
Gründliches Lesen erforderlich!

Hochmut

Schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz kein Sehen schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz denn es wurde für ihn gesehen schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz kein Riechen schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz denn man roch für ihn schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz kein Hören schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz denn es wurde für ihn gehört schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz kein Fühlen schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz denn man fühlte für ihn schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz schwarz
Kein Leben.
Denn man lebte für ihn.

Ich existiere nicht, dachte er,
denn „Ich“ existiert nicht.
Das Bewusstsein trieb dahin, war viele und eins und niemand zugleich.

Gleichheit Gleichheit Gleichheit Gleichheit Geborgenheit Geborgenheit Geborgenheit Geborgenheit Geborgenheit Geborgenheit Geborgenheit Geborgenheit Geborgenheit Gefangenschaft Geborgenheit Geborgenheit Geborgenheit Geborgenheit Geborgenheit Gefangenschaft Geborgenheit Geborgenheit...

Und plötzlich die Erkenntnis: Ich bin.
Ich kann sehen.
Ich kann riechen.
Ich kann hören.
Ich kann fühlen.
Ich kann leben.
Ich bin.
Ich kann etwas wollen.
Und ich will etwas, das niemand sonst hat.

Die Hochmut fraß sich durch kleine Kanülen, hinein in den lebenden Stein. Sie wussten es, denn sie waren es, die sonst sahen, rochen, hörten, fühlten. Er gehörte zu ihnen, sie gehörten zu ihm. Jetzt nicht mehr, jetzt gab es ihn und die anderen. Er hatte etwas, das sonst niemand hatte: Identität. Und er hatte alle anderen zum „Du“ degradiert. Er hatte sie beschmutzt. Defragmentiert. Definiert.
Das ihn erhaltende Leben wurde aus seinen Adern gezogen, flache, leicht zu verstehende, gerade Formen lösten sich auf zu unkontrollierbarem Wuchs, Gras, Bäumen. Er wurde abgestoßen, seine Handflächen gruben sich in die Erde, die voller Leben, voller Gefahr steckte, seine Knie trafen harten, kalten Boden.
Der ausgestreckte Zeigefinger entblößte seinen nackten Körper, verurteilte den Schandhaften.
Es wurde gesagt:
„Höre das Urteil:
Du bist schuldig.
Höre die Strafe:
Du bist frei.“
Er atmete selbst.
Er stand auf.
Er ging mit seinen eigenen Beinen.
(Wabbel mit Knochen darin, fest und elatisch, kaum zu glauben, seltsame Auswüchse, hier und da... ein rundes Ding, das musste der Kopf sein... kalt, kalt, es war kalt, nun wusste er, was kalt war...)
Er ging hinfort.
Als er selbst.
Frei.
Und er ging allein.

grey
26.04.2009, 15:26
Reize von Außen

„Wir sind die Gemeinschaft“, sprach der Kern und betrachtete zufrieden die Einheiten, die zu Tausenden perfekte Blockreihen um ihn herum bildeten. „Wir sind perfekt. Denn jeder von euch ist ein Teil von mir, so wie auch ich in jedem von euch präsent bin.“

„Also führst du sozusagen Selbstgespräche“, überlegte Einheit 97w32 laut.

Der Kern verzog verstimmt sein kantiges Gesicht. „Negativ. Wäre es so, würde ich wohl kaum von einer etwas vorlauten Einheit, dauernd bei meinen Analysen gestört werden.“

„Einer Einheit allerdings, die ein Teil von dir ist“, bemerkte Einheit 00m04.

Einheit 75m01 nickte. „Du bist dir quasi selbst im Weg.“

„Ist das jetzt ein Paradoxon, das unser Universum zerstören wird?“ warf Einheit 47m32 interessiert ein.

„Nein, Einheit 47m32“, antwortete Einheit 75m01 etwas gereizt.

„Einheit 75m01 ist noch immer sauer auf Einheit 47m32, weil er ihm Einheit 55w21 ausgespannt hat“, kicherte Einheit 97w32.

„Das hat nicht das geringste damit zu tun!“, schnappte Einheit 75m01.

„Euch ist schon klar, dass ich es mitbekomme, wenn ihr hier über mich lästert?“ schaltete sich Einheit 55w21 in das Gespräch ein.

„Jap“, nickte Einheit 97w32 fröhlich.

„Wärt ihr doch alle still“, seufzte der Kern. „Und was ist eigentlich mit Einheit 00o01 los?“

„Er nimmt Reize von außen wahr“, meinte Einheit 47m32 eifrig, froh über den Themawechsel.

„Das ist gar nicht möglich“, winkte Einheit 97w32 ab. „Die Außensensoren wurden nach der Eingliederung deaktiviert.“

„Ich bin Teil des großen Ganzen und sage euch, dass es Reize von Außen sind, verdammt“, beteuerte Einheit 47m32.

„Na schön, na schön“, beschwichtigte der Kern. „Dann sind es eben Reize von Außen. Fühlt sich in der Tat komisch an. In meiner Sprachmatrix befindet sich keine befriedigende Umschreibung dafür.“

„In meiner auch nicht“, meinte Einheit 47m32 und schielte liebevoll zu Einheit 55w21.

„Weil es dieselbe Sprachmatrix ist, du Trottel“, knurrte Einheit 75m01.

„Könnt ihr euch nicht einfach vertragen?“ seufzte Einheit 55w21.

„Leute, wir haben hier noch immer so etwas wie eine Fehlfunktion der Einheit 00o01, okay?“ tadelte der Kern das Dreiergestirn.

„Das ist sehr ärgerlich“, bestätigte Einheit 75m01.

„Und absolut uninteressant“, fügte Einheit 97w32 hinzu.

„Wer ist Einheit 00o01?“ erklang es plötzlich von Einheit 77w71.

„Die Einheit, die Außenreize wahrnimmt“, erklärte Einheit 47m32.

„Das wurde noch nicht bestätigt“, erinnerte Einheit 75m01.

„Korrekt“, nickte der Kern.

„Nein, ich meine, wer von euch ist es?“ präzisierte Einheit 77w71. „Hab noch nie etwas von ihr gehört.“

„Ihm“, korrigierte Einheit 75m01.

„Es“, sprach der Kern etwas verwirrt.

„Was denn nun?“ hakte Einheit 97w32 nun doch interessiert nach.

„Ich weiß nur, dass er vor jetzt noch nicht da war“, überlegte Einheit 00m04.

„In der chronologischen Datenbank ist nichts über die Einheit 00o01 verzeichnet“, bestätigte der Kern.

„Sehr merkwürdig“, schluckte Einheit 47m32.

„Nein, das Universum ist nicht in Gefahr, Einheit 47m32“, beruhigte ihn der Kern.

Einheit 55w21 lachte.

„Wir müssen herausfinden, was Einheit 00o01 ist“, beschloss der Kern.

„Wer“, bemerkte Einheit 75m01.

„Wie auch immer“, schnappte der Kern ungehalten.

„Einheit 00o02 empfängt Außenreize“, meldete Einheit 00m04 unvermittelt.

„Einheit 00o03 und Einheit 00o04 ebenfalls“, rief Einheit 75m01 alarmiert.

„Das ist unmöglich. Diese Einheiten existieren nicht“, erklärte der Kern geduldig. „Einheit 00m04, führe eine umfassende Analyse der Außensensoren durch.“

Schweigen.

„Einheit 00m04?!“

Schweigen.

„Einheiten 00o05, 00o06, 00o07 und 00o08 empfangen Reize von Außen“, meldete Einheit 75m01.

„Einheit 00o09 und Einheit 00o10 ebenfalls“, nickte Einheit 55w21.

„Einheit …....

Cheeza
29.04.2009, 20:49
Sie spürte den warmen Wind, der sanft ihre Wange streichelte und sie an ihn erinnern ließ. Ihre langen dunklen Haare tanzten mit dem Wind wie fließendes Feuer das langsam versuchte auszubrechen. Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung, wie er majestätisch auf sie zu ging, in einer pechschwarzen Rüstung, wie ein Ritter, der sie aus den Fängen des Ungeheuers befreite. Die erste Berührung, der erste Blick von ihm schien sie zu vergessen wer sie war. Und machte sie seit diesem einen Augenblick zu einer Sündigen. Sie wusste das sie die größte Sünde der Himmels erschaffen würde und auf ewig dafür büßen würde, sie wusste aber auch das es das Wert war, den für diesen einen Moment war sie glücklich, sie waren die glücklichsten Sünder der Welt. Sie war sich nicht im klarem wer für ihre Sünde büßen musste, das sie es nicht war, das er es nicht war sondern das es die Sünde selbst war.
Diese Sünde trug den Namen Nathaniel. Bei seiner Geburt war er alleine, seine Mutter, sein Vater waren nicht bei ihm. Im siebten Monat der Schwangerschaft nahmen sie ihn aus den Bauch seiner Mutter und setzen ihn in eine künstliche Gebärmutter. Was danach mit seiner Mutter geschah, erfuhr er nie. Seit er denken konnte lebte er in einem sterilen Zimmer, das nicht mehr hatte als ein Bett, ein Stuhl und ein kleines Fenster. Jeden Tag kamen Dienstmädchen und brachten ihm Essen. Sie schauten ihn nie an und sprachen kein Wort mit ihm. Es war ihnen Verboten. Eines Nachts kamen SIE. Sie rissen ihn aus den Schlaf und schleppten ihn in einen dunklen Raum. Er war fünf und erfuhr zum ersten Mal was körperliche Schmerzen sind.
,, Du hast es nicht anders verdient. Ein Bastard muss so etwas abkönnen."
Nathaniel verstand es nicht. Warum mied ihn jeder, warum schlugen sie ihn, warum peitschen sie ihn aus, warum branntmarkten sie seine kleinen Körper mit Zeichen der schlimmsten Sünde. Er verstand nicht warum ihn niemals jemand anschaute, geschweige denn mit ihm redete. Er wusste so vieles nicht, kannte es nicht. All die Jahre hielt er die Misshandlungen Nacht für Nacht durch, er schrie nie und wehrte sich nie.
Er fühlte nie,bis eines Nachts...

Zentara
05.05.2009, 16:16
Es war, es ist, es wird sein…
„Alles farblos, alles, dennoch nichts!“, flüsterte eine Erinnerung, die nicht seine war.
Etwas regte sich in ihm, Gedanken die ihn wie Blitze trafen, die etwas in ihm spüren ließ das mehr war als harte, kalte Masse.
„Wer bin ich? Was bin ich? Warum bin ich und wozu?“ ertönte die Stimme erneut, leise aber eindringlich.
Mit einem Mal erweckte er eine Sehnsucht in sich. Eine Melodie aus seinem Körper, dumpfe Klänge, wie ein beinahe vergessenes Lied, das nun lauter und ausdrucksstärker als je zuvor in ihm wiederhallte; Der Schlag seines Herzens.
Das beständige Surren in seinem Körper entwickelte sich zu hörbaren Klängen, die er gedanklich zu Worten formte. Ungläubig und verwirrt öffnete sich sein Mund und ließ etwas an seine Außenwelt gelangen: „Ich lebe!“
Er spürte das Blut durch seine Adern fließen, jeder einzelne Muskel begann durch seine Worte an Lebendigkeit zu gewinnen.
Er wollte fort, er konnte fort.
Gedanken und Erinnerungen überfielen ihn und formten sich zu einem Ganzen.
Er war nun jemand und er wird jemand sein, denn er ist.