Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Abkehr vom Märchen
Seid gegrüßt und hallo,
Um gleich einmal die Frage an den Anfang zu stellen; kann es sein, dass sich die Fantasy immer mehr von Abenteuer- und Heldengeschichten in Richtung der Politik und des Gesellschaftlichen bewegt? Ich behaupte einfach mal, im Großen und Ganzen der Fantasyromane diese Entwicklung ausmachen zu können, siehe man nur auf das Lied von Eis und Feuer, auf Acacia, auch über den eigentlich so klassischen Eragon wird ja berichtet, er würde sich im dritten Band mehr mit Politik als mit Schwerterschwingen auseinander setzen.
Man siehe auf Locke Lamora mit seinen zahllosen Grauen Eminenzien und Verschwörungen, in Richtung Der Trolle, bei denen der Konflikt eigentlich von Politik, Besetzung und Rebellion bestimmt wird, auf Harry Potter, der sich mit dem vierten Teil aufwärts immer weiter aufs politisch-propagandistische Parkett wagt. Selbstverständlich, all jenen Geschichten haftet noch immer der Hauch von Abenteuer und Heldengeschichten an, jedoch ist verglichen mit den wirklichen Klassikern z.B. den Conanromanen, dem kleinen Hobbit, dem Herrn der Ringe, der Teil rapide gesunken und Mysterien, Legenden und Zauberei scheinen immer weiter in den Hintergrund zu treten.
Fraglich ist natürlich, wie man dieser Entwicklung gegenüber treten soll. Einerseits kann man sagen, die Fantasy werde erwachsen, andererseits kann man meinen, die Fantasy verliere ihren Zauber, ihren Glanz, ihren Ruhm. Deshalb trete ich gerade ein wenig auf der Stelle mit meinen Gedanken, denn beide Ansichten haben etwas für sich. Fraglich ist eben, was die Autoren und Künstler so sehr in Richtung des Politischen und Gesellschaftlichen drängt; Probleme mit der Gesellschaft können es sein, aber sieht man auf die 1930er, in denen benannte Klassiker verfasst worden, sind unsere Probleme eher gering.
Andererseits kann man jedoch sagen, dass sich die Künstler aktiver mit der Politik auseinandersetzen, die jedoch in Romanen meist darauf beschränkt wird, dass sich die Politiker um ihren eigenen Vorteil sorgen. Ist es also eine Art Verlust an Vertrauen in die Politik, den man versucht, aufzuarbeiten? Dass man das Gefühl hat, das Weltgeschehen werde von Egoismus geleitet und beschränkt? - Oder ist es eher die andere Richtung und der Leser hat sich gewandelt? Hat er genug von den gängigen Fantasyklischees und der Deus Ex Machina wie der Prophezeiung oder dem Messias? Haben die Leser den "Glauben" an Magie verloren?
Ich würde gerne eure Meinung dazu hören. Wie seht ihr das? Meint ihr, der Fantasyroman entfernt sich langsam vom Schwerpunkt des Heldenhaften und Mystischen und kehrt ein in die Schwerpunkte Intrige, Politik und Gesellschaft? Wenn ja, wie stündet ihr dieser Entwicklung gegenüber?
Gruß,
Ollowain
08.11.2008, 14:44
Es kann durchaus sein, dass sich das gerade so entwickelt.
Einerseits werden die Autoren sicherlich mutiger, was Gesellschaftskritik angeht.Andererseits sind die Leser auch offener für soetwas.
Wobei sicher nicht jeder seine Kritik sehr offen einbaut. Bzw. es sicher schwer ist, in einem eher im Mittelalter angesetzten Roman - was die meisten Fantasygeschichten nunmal sind - Kritik an der heutigen Gesellschaft zu üben.
Zu einem Großteil dürfte es auch Interpretationssache sein: Die einen sehen scharfte Kritik, wo andere gar keine sehen - jedoch ist dies auch in Märchen der Fall. Zum Beispiel: Wer sich nicht mit dem zufrieden gibt, was er hat, der verliert in seiner Gier alles, was er besitzt (Moral aus "Vom Fischer und seiner Frau") - könnte man auf die Finanzkriese übertragen, wenn man will.
Es ist schon recht schwer, ein "Thema" für einen Roman zu finden, zudem sind die "alten Heldenklischees" schon recht ausgelutscht. Und da bietet es sich eben an, aktuelle Themen "zu Rate zu ziehen".
Ich sag's (was mich betrifft) mal so: Solange die Kritik nicht zu sehr auffällt, bzw. in irgendwelche seltsamen Richtungen läuft, kann sie ruhig in einem Roman enthalten sein. Mehr oder weniger deutliche Parallelen zur Realität können sogar einen ordentlichen Schuss Würze in den Roman bringen. Jedoch gilt es - wie üblich - es nicht zu übertreiben.
Also meines Wissens gibt es eigentlich keine Organisation oder Regierung ohne Politik, auch im Mittelalter und in der Antike nicht. Natürlich ist die Politik heute anders als früher, aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Fantasyautoren sich immer öfter auch auf solche Themen beziehen, um ihren Romanen mehr Tiefe zu geben. Ähnlich würde ich das auch bei den von angesprochenen menschlichen Eigenschaften wie Egoismus (die ja in den Geschichten wohl nicht nur bei den Politikern zunehmen) sehen; den komplett uneigennützigen Mensch gibt es ja schließlich in der realen Welt nicht, wieso also sollte es ihn in einem Buch geben?
Ich sehe das ähnlich wie Ollowain, solange nicht übertrieben (wobei diese Grenze wieder bei jedem Menschen woanders liegt) wird, finde ich, dass diese Wendung den Romanen durchaus zuträglich ist.
Asfalasarion
11.11.2008, 00:45
Die Frage ist, inwiefern der Autor wirklich Geselschaftskritik üben möchte oder einfach ein bischen politisches Geschehen zum Aufpeppen seiner Geschichte nutzt. Tatsache ist allerdings, dass man tatsächlich von den klassischen Märchen/Sagen-Schemata abweicht. Ich würde sagen, dass das einem natürlichen Entwicklungsprozess entspricht, den ich nur begrüße. Wenn im Zuge dessen die Literatur auch noch anspruchsvoller wird habe ich Nichts dagegen.
Lythande
11.11.2008, 09:55
Hallo,
Die gesamte Fantasyliteratur ist die Weiterentwicklung des Märchens. Mit dem kleinen Unterschied, dass früher alles müdnlich weitererzählt wurde und heute gibt es massenhaft Bücher.
Wenn ich mir einen Fantasyroman kaufe und ihn lese, dann denke ich für meinen Teil am aler wenigsten an Gesellschaft, sondern an eine Fantasywelt, in die ich für kurze Zeit eintauchen kann. Mir ist es eigentlich egal, welche gesellschaftlichen Strömungen der Autor auf welche Weise auch immer aufgreift, hauptsache, es springt einem nicht knallhart ins Auge. Ich denke, es ist nur menschlich, Dinge, die sich in der Realität abspielen, auf eine erdachte Geschichte zu übertragen. Man braucht ja einen Brennpunkt, um den sich die Story dreht. Magie muss einfach mit rein, wenn es passt, sonst ist es keine Fantasy mehr. Mittelalter und eine gesalzene Schlacht sind einfach Sachen, die die Fantasyliteratur geprügt haben, aber es geht auch anders. Magie und Mysterien einer alten Kultur haben etwas, nachdem sich die Menschen sehnen und darum ein solches Buch kaufen. Ich denke da ganz speziel an MZB. Sie beschreibt ja auch die römische Herrschaft in ihrem Avalonzyklus, eingebettet in Magie und uralte Mystik.
Um gleich einmal die Frage an den Anfang zu stellen; kann es sein, dass sich die Fantasy immer mehr von Abenteuer- und Heldengeschichten in Richtung der Politik und des Gesellschaftlichen bewegt?
Nein, das denke ich nicht. Ich meine, dass Märchen und Heldensagen immer schon sehr viel Politisches und Gesellschaftliches und sogar Gesellschaftskritisches enthielten. Gerade was den Umgang mit Frauen, mit "anderen" (seien es Zwerge, Hexen oder Behinderte) und Tieren betrifft: da ist Zündstoff drin. Allerdings so verpackt, dass es wie eine unglaubliche Geschichte klingt. Weil eben vordergründig andere Themen im Vordergrund stehen: die schöne, aber dämliche Prinzessin oder der edle aber ebenso dämliche Prinz oder ein Drache oder sieben Kleinwüchsige.
Und ich unterschreibe hundertprozentig, was Lythande sagte:
Die gesamte Fantasyliteratur ist die Weiterentwicklung des Märchens. Mit dem kleinen Unterschied, dass früher alles müdnlich weitererzählt wurde und heute gibt es massenhaft Bücher.
*ja*
RickyLee
11.11.2008, 20:15
Zwei Theorien: Den Leuten fällt es immer schwerer, sich von der Wirklichkeit zu lösen und daher kupfern sie von aktuellen Themen ab.
-> nicht meine Meinung
Ich könnte mir eher vorstellen, dass Fantasy den gewissen Ruf weghat, nur "Blödsinn und Fantasie" zu sein: Also gerade der Punkt, dass es nichts oder wenig mit der Realität zu tun hat, ist ein Minuspunkt. Mit solchen politischen und aktuelleren Themen versuchen die Autoren, ihrem Werk "mehr Tiefe" zu geben, weil sie sonst fürchten, dass es keinen Inhalt hat.
Un seien wir ehrlich: Eine tiefenpsychologische Botschaft hat Conan der Barbar auch nicht...
In einem anderen Thread hier im Forum, Thema "Fantasyklischees" wurde auch mal angeprangert, dass Fantasy immer eine weisen König hat und den Adel drumherum: Die typische Märchen-Politik.
Un Harry Potter oder Bartimäus wird ein neues Prinzip aufgegriffen.
Ich denke, es ist eine interessante Sache, mal ein andere politisches System auszuprobieren und von dem "Märchenklischee" wegzugehen. Allerdings nur, wenn die Vielfalt erhalten bleibt. Dazu gehört auch, dass es Märchen gibt, denn diese sind auch sehr wandlungsfähig, gerade im psychologischen oder philosophischen Bereich kann man aus Märchen viel herauslesen.
Und vergessen wir nicht die gute alte Moral am Ende der Geschicht. :D
Oder sie sind schlicht märchenhaft, auch ohne einen erzweungenen tieferen Sinn.
den komplett uneigennützigen Mensch gibt es ja schließlich in der realen Welt nicht, wieso also sollte es ihn in einem Buch geben?
Nun ja, es kommt darauf an, wie man uneigennützig sieht. Es gibt Menschen, die würden sich einer bestimmten Sache sofort aufopfern, ob dies nun positiv oder negativ ist, sei einmal dahin gestellt. Oftmals, werden solche Leute als Fanatiker dargestellt und oftmals sind sie es sicher auch. Sie kämpfen selbstlos für ein Prinzip, für ein Ziel.
Einerseits werden die Autoren sicherlich mutiger, was Gesellschaftskritik angeht.Andererseits sind die Leser auch offener für soetwas.
Wobei sicher nicht jeder seine Kritik sehr offen einbaut. Bzw. es sicher schwer ist, in einem eher im Mittelalter angesetzten Roman - was die meisten Fantasygeschichten nunmal sind - Kritik an der heutigen Gesellschaft zu üben.
Weniger geht es mir um Gesellschaftskritik an sich, sondern vielmehr darum, inwieweit sich das Geschehen des Romans mehr um die Politik und Gesellschaft bündelt, um von ihr verursachte Probleme und Handlungen etc. pp. Das muss z.B. wie in Lied von Eis und Feuer wenig damit zu tun haben, Kritik an der heutigen Gesellschaft zu üben, wobei man das in manchen Fällen natürlich hineininterpretieren könnte. - Jedoch ist dein Ansatz nicht schlecht. Darin könnte man das mangelnde Vertrauen in Politik und Gesellschaft sehen und einen Versuch, sich damit auseinander zu setzen.
Die Frage ist, inwiefern der Autor wirklich Geselschaftskritik üben möchte oder einfach ein bischen politisches Geschehen zum Aufpeppen seiner Geschichte nutzt.
Das ist die Frage und Interpretationssache. Wie so oft. Und verschiedene Interpretationen sind ja Gang und Gebe. (Siehe Beethovens Ode an die Freude; Kamikazeflieger, Naziregime...)
Man braucht ja einen Brennpunkt, um den sich die Story dreht.
Eben jener Brennpunkt scheint sich meiner Meinung nach immer weiter in Politik zu verlagern, während er früher auf alten Legenden, Abenteuern und Monstern fußte, siehe eben Herr der Ringe und Conan.
Magie muss einfach mit rein, wenn es passt, sonst ist es keine Fantasy mehr.
Das ist die Frage. Fantasy kann man als sehr weites Feld fassen, jedoch im umgekehrten auch sehr eng. Wäre denn eine Welt ohne Magie, dafür aber mit anderen Völkern auch Fantasy? Oder wäre es eine Art Mittelalter-Sci-Fi? Natürlich keine Frage für diesen Thread hier, aber wenn man wollte, könnte man darüber in einem anderen Thread diskutieren. :)
Nein, das denke ich nicht. Ich meine, dass Märchen und Heldensagen immer schon sehr viel Politisches und Gesellschaftliches und sogar Gesellschaftskritisches enthielten.
Hier zeigt sich, dass ich den Titel wohl unglücklich gewählt habe. Das "Märchen" steht für mich rein stellvertretend für eine sehr magische Erzählung, und sollte jetzt nicht unbedingt konkret Einzug finden. Man kann aber sagen, dass eben jene Märchen auch einen Teil des Fantasystocks ausmachen, stimmt, aber würde ich die meistne Märchen mehr in die Richtung moralisch stecken als wirklich gesellschaftskritisch oder unbedingt politisch. Denn meist spielt Politik keine wirklich zentrale Rolle darin. Jedoch haben sie oft mit grundlegenden menschlichen Zügen und Fragen der Moral zu tun, ja.
Den Leuten fällt es immer schwerer, sich von der Wirklichkeit zu lösen und daher kupfern sie von aktuellen Themen ab.
Auch ich bezweifle das. Vor allem, da meist nicht unbedingt aktuelle Themen aufgegriffen werden.
Un seien wir ehrlich: Eine tiefenpsychologische Botschaft hat Conan der Barbar auch nicht...
Jau, wer das erzählt, hat wirklich ein wenig viel geraucht, und nein, nicht unbedingt Tabak. :D
Ich denke, es ist eine interessante Sache, mal ein andere politisches System auszuprobieren und von dem "Märchenklischee" wegzugehen. Allerdings nur, wenn die Vielfalt erhalten bleibt.
Ich denke auch, dass das faszinierend für den Leser sein könnte. So in der Richtung; wie würde man leben, wenn? Für den Großteil der Fantasyleserschaft sind zum Beispiel Feudalismus und so weiter wahrscheinlich unvorstellbar befremdlich, oder eben Absolutismus usw.. (Wobei das naturverbundene und in der Romantik verklärte Mittelalter natürlich die massentauglichere Grundlage ist, da eben meist ansprechender.) Da fällt mir ein, Tolkien könnte man als einen Spät-Spätromantiker sehen, rein literarisch. x)
Gruß,
Kann es sein, dass sich die Fantasy immer mehr von Abenteuer- und Heldengeschichten in Richtung der Politik und des Gesellschaftlichen bewegt?
Gruß,
Ich denke, dass man nicht generell von einer Tendenz in diese Richtung reden kann.
Zweifellos tauchen politische und gesellschafliche Aspekte öfter in der Fantasyliteratur auf. Und sicher gibt es mittlerweile Fantasy, die sich mehr um Politik und das Gesellschaftliche dreht, wie z.B. der Enwor-Zyklus von Hohlbein, den ich gerade lese. Ersetzt man die Drachen und Quorrl durch etwas aus dieser Welt, hat man ein Mittelalterroman. Vereinfacht gesagt.
Aber politische und gesellschafliche Aspekte in einen Fantasyroman einzubinden, bedeutet meiner Meinung nach nicht, Abstriche an dem Abenteuerlichen und dem Heldenhaften zu machen.
Dafür sind die Elfen- Bücher von B.Hennen das beste Beispiel: haufenweise politische Intrigen und Ähnliches, aber gleichzeitig sind sie voller Magie und und Helden, die für ihr (ideologisches) Ziel zu sterben bereit sind.
Ich sehe es so wie Asfalasarion:
Tatsache ist allerdings, dass man tatsächlich von den klassischen Märchen/Sagen-Schemata abweicht. Ich würde sagen, dass das einem natürlichen Entwicklungsprozess entspricht, den ich nur begrüße.
...man hält sich nur nicht mehr an das klassische Schema, und deshalb entstehen die unterschiedlichsten "Abzweigungen" von Fantasy, die sich mal in die eine, mal in die andere Richtung bewegen.
Dadurch kann man auch keine klare Grenze mehr ziehen, ab wann man ein Buch/ eine Geschichte nicht mehr als Fantasy bezeichnen kann.
Fantasy kann man als sehr weites Feld fassen, jedoch im umgekehrten auch sehr eng. Wäre denn eine Welt ohne Magie, dafür aber mit anderen Völkern auch Fantasy? Oder wäre es eine Art Mittelalter-Sci-Fi?
...deswegen wird es wohl eine Ansichtssache bleiben, wann genau man von Fantasy spricht und wann von einem anderen Genre. Das empfindet jeder anders.
Auf jeden Fall finde ich, dass Politik und das Gesellschaftliche auch einen Fantasyroman nachvollziehbarer machen. Weil halbwegs gebildete Menschen mittlerweile wissen, dass es seltenst ein reines "Gut" und ein reines "Böse" gibt, sondern dass die "Guten" oft "böse" Mittel anwenden, um ihr Ziel zu erreichen, und die "Bösen" eigentlich "gut" sind und nur z.B. gegen Unrecht kämpfen, das man ihnen angetan hat. Übertragen auf die Gesellschaft/ Politik in der (Fantasy-)Literatur bedeutet es, dass man als Leser die ganzen Zusammenhänge versteht und jede Position irgenwo nachvollziehen kann.
Anstatt Schwarz-Weiss (klassisches Schema) erhält man sozusagen viele Graustufen.
Cullabay
14.11.2008, 12:01
Ich denke nicht, dass politische Verhältnisse und Intrigen in Fantasybüchern immer etwas mit realen gesellschaftlichen Verhältnissen oder Gesellschaftskritik zu tun haben müssen.
In den meisten Fällen sind die politischen Verhältnisse und Missstände (schreibt man das tatsächlich mit 3 s?) im Fantasyroman meiner Meinung nach einfach Antrieb und Motivation der Handlung und der Charaktere. Ohne eine Schilderung von Machtverhältnissen Intrigen und Ungerechtigkeiten blieben sowohl Stimmung als auch Glaubwürdigkeit einer Geschichte in den meisten Fällen doch ziemlich mager.
Das als tatsächliche Gesellschaftskritik mit Bezug auf unsere Wirklichkeit zu deuten finde ich in den meisten Fälle deutlich übertrieben.
Ich persönlich finde es ehrlichgesagt schade, dass Märchen so ins Hintertreffen geraten sind.
Blickt man auf die Lektoriatsseiten der großen Verlage wird man dort immer wieder den Hinweis finden: Schicken sie uns keine Kurzgeschichten und Märchen.
Fazit: Für Märchen findet sich kein Verlag mehr. Also taufen die Autoren ihre Märchen in Fantasy um und geben ihnen vielleicht noch eine pseudopolitische Botschaft. Schade eigentlich. Wirklich märchenhafte Geschichten sind so etwas Tolles, dass sie sich m.E. nicht hinter anderen Formen der Fantasy zu verstecken brauchen. Ein Positivbeispiel sind für mich die Werke von Chris van Allsburg.
Dragonologist
08.02.2010, 14:30
Ich lese nicht so viel aktuelle Fantasy, deswegen kann ich auch keine Aussage über die Entwicklung treffen. Was mir allerdings auffällt ist, dass Märchen und Heldensagas an den unvermutesten Orten wieder auftauchen; zum Beispiel bei Germany's Next Topmodel!
Es gibt weise Mentoren, die auch mal rügend den Zeigefinger heben; ein großes Ziel, auf das eine Gruppe Heldinnen in spe hinarbeitet, aber nur eine ist die Auserwählte; Es gibt Aufträge zu erfüllen und es ist in Episoden (vgl. Die zwölf Arbeiten des Herakles und ähnliche Heldensagas, wo der Hauptcharakter mehrere arbeiten erldeigen muss).
Vielleich wird die Fantasy realitätsnäher und die Realität kippt in die Fantasie, überspitzt formuliert? Ist durch die ästhetische Medienwelt alles eh so fantastisch, dass man sich nach spannenden politischen Abenteuern sehnt und weniger nach Ablenkung von der Realität?
Ich persönlich finde Polit-Fantasy sehr spannend, wenn auch ein wenig anstrengend - mir fehlt irgendwie das Verständnis für wer mit wem weswegen packelt. Und ich denke auch, dass das ein eher neueres Phänomen ist.
Oh, da hast Du ja eine alte Diskussion wieder aufleben lassen! Find ich aber gut, denn die Frage bewegt mich auch ziemlich.
Ich empfinde es ebenfalls so, daß in der Fantasy zunehmend DIE VERHINDERUNG DES WELTUNTERGANGES oder DIE BERGUNG DES UNGLAUBLICH ALTEN UND WERTVOLLEN XY-ARTEFAKTES, DAMIT DER BÖSE FINSTERLING RABARBER ES NICHT IN DIE HÄNDE BEKOMMEN KANN oder überhaupt irgend eine gewaltige und pathetische Hintergrundgeschichte konstruiert wird, um einer Geschichte Sinn zu geben. Um diesen politischen Hintergrund zu erläutern sind oft schon mal die ersten 100 Seiten eines Buches gefüllt und man verliert (allerdings je nach Können des Autors) unter Umständen die Lust, weiter zu lesen, ehe es richtig losgeht.:(
Daß ganz normale Menschen sich auch mit Alltagsproblemen in einer Welt herumschlagen müssen, die sich allerdings von unserer unterscheidet, kommt kaum noch vor. Dabei kann es schon schwierig genug sein, mit Kastensystemen fertig zu werden, oder mit dem Fronsystem, oder einem Hungerwinter, oder Zwangsrekrutierungen anlässlich irgendwelcher Gebietserweiterungen des betreffenden Lehnsherren. Hat das damit zu tun, daß Fantasy-Autoren Sorge haben, unseriös zu wirken, wenn sie "nur" eine spannende Geschichte erzählen, ohne das Schicksal ganzer Welten zu bewegen? Ich glaub schon.
Dragonologist
08.02.2010, 19:56
Ich empfinde es ebenfalls so, daß in der Fantasy zunehmend DIE VERHINDERUNG DES WELTUNTERGANGES oder DIE BERGUNG DES UNGLAUBLICH ALTEN UND WERTVOLLEN XY-ARTEFAKTES, DAMIT DER BÖSE FINSTERLING RABARBER ES NICHT IN DIE HÄNDE BEKOMMEN KANN oder überhaupt irgend eine gewaltige und pathetische Hintergrundgeschichte konstruiert wird, um einer Geschichte Sinn zu geben.
"Rabarber"*fan*
Aber genau so eine Storyline würde ich als episch und Märchenhaft bezeichnen! Politisch wäre für mich "Herrscher WYNNYW grapscht nach den Krone von Land YLLANNY und ein Trüppchen wird losgeschickt um ihm den Garaus zu machen" oder so was in der Art. Wo jedenfalls eine/r eine Macht an sich reißen will, die vordem nicht ihm/r gehört hat.
Dabei kann es schon schwierig genug sein, mit Kastensystemen fertig zu werden, oder mit dem Fronsystem, oder einem Hungerwinter, oder Zwangsrekrutierungen anlässlich irgendwelcher Gebietserweiterungen des betreffenden Lehnsherren.
Das stimmt! Und bringt Fantasy wieder auf den Boden zurück. Der/die "kleine Mann/Frau/Wesenheit" ist nicht nur ein Statist für "die Mächtigen".
Njaaa, irgendwie hast Du recht, daß das mit dem zu Unrecht nach der Macht grabschenden Finsterling der klassische Kern einer Fantasy-Story ist, aaaber (und hier kommt das Glas Wein zum Zuge, das ich inzwischen intus habe) ich finde, es reicht, wenn man diese Problematik am Rande anhand ihrer praktischen Auswirkungen für den /die Protagonisten schildert. Muss es denn wirklich sein, daß man 100 bis 200 Seiten eines 500-seitigen Buches, das dann im Handel schon 19,00 Euro kosten wird, darauf verwendet, die Geschichte, Gesellschaftsstruktur, landschaftlichen Besondertheiten, militärischen und sonstigen bedeutenden Persönlichkeiten und die beliebstesten Kurorte einer Fantasywelt zu beschreiben? Kein Wunder, daß inzwischen so viele Reihen entstehen: In einem einzelnen Buch findet dieser ganze Kram keinen Platz und manche Geschichte schafft es bis zur Seite 500 gerade mal bis zum Ende der ersten epischen Schlacht. Gut, auch der Herr der Ringe ist in (ursprünglich) sechs Bänden geschrieben worden. Aber welcher moderne Autor hat auf diesen vielen Seiten schon so viel zu sagen, wie Tolkien?
Dragonologist
15.02.2010, 13:53
Besonders die beliebtesten Kurorte sind wichtig!*plansch*:D
Ansonsten stimme ich dir vollkommen zu... Es wäre echt schön, mal von einem normalen Leben in einer Fantasywelt zu lesen, in der es einfach um Alltagsprobleme geht und nicht gleich die ganze Welt involviert ist. Das führt auch ins Thema "Wie realistisch sollte Fantasy sein". Es ist echt ziemlich unwahrscheinlich, dass bloß weil irgendein altes staubiges Artefakt irgendwo aus einem Brunnen gefischt wird, gleich ein ganzer Planet aufheult.
Um das mit dem Thema zu verbinden: Wenn es um das Alltagsleben eines Protagonisten/einer Protagonistin in einer Fantasywelt gehen sollte, hat man wieder die Wahl, ob man es sozialkritisch oder märchenhaft angehen möchte - quasi Was-Wäre-Wenn-Die-Gebrüder-Grimm-In-Einer-Fantasy-Welt-Gelebt-Hätten? Und beides wäre spannend, aufregend und nicht ausgelutscht...
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