Lythande
18.11.2008, 18:28
Aschkantul
Prolog
Am Beginn allen Seins war der Raum und der Raum war dunkel und noch von keinem Leben erfüllt. Es existierte nur Potential zu sein, zu schaffen, sich auszubreiten. Kein Laut war zu vernehmen.
Mit einem Mal erfüllte sich der dunkle Raum mit einem unbeschreiblichen Wispern, von wo es kam, war nicht auszumachen. Es war überall. Der Raum war das Wispern und es schwoll an zu einem tiefen warmen Summen.
Das war die Kraft, durch die alles wurde und aus der alles strömte.
Das Summen wurde lauter, durchdringender, schwingend und intensiv. In dem Summen lag Fülle und der Urwille zu sein. Plötzlich verstärkte sich das Summen so, dass eine gewaltige Vibration durch den Raum lief und aus der Dunkelheit wurde ein schwaches, blaues Leuchten, welches alles zu erfüllen begann. Es war ein sanftes Blau und es wurde strahlend.
Mit einem Mal verwandelte sich das Blau in tiefes Violett, dann in purpurnes Rot, zuletzt in ein glühendes Orange, welches heiß wurde und begann sich zu formen. Aus der Hitze wurde Materie, aus der Materie flogen gewaltige Explosionen. Es bildeten sich heiß glühende Massen, die durch den nun hellen Raum schossen.
Aus der sich ausbreitenden Materie wurden Sterne, Monde, heiße Sonnen und eiskalte Planeten. Manche kühlten in einer gewaltigen Entfernung bereits ab, während andere noch fast flüssig waren. Das Summen war der Urbeginn des Seins gewesen und die Kraft, die es hervorbrachte, schien wie eine urgewaltige Quelle, aus der immer neue Formationen an noch flüssigem Gestein entsprangen.
Viele Sterne und Planeten waren entstanden, geworden aus dem füllereichen Willen der Urkraft des Seins. Die Sterne bestanden zunächst nur aus Gestein und Magma, aus Eis oder Wüsten, doch mit der unendlichen Zeit, die es im Raum gab, kamen aus der Ursuppe der Materie Lebewesen hervor, die fingen an, die Sterne zu bevölkern und begannen, sich dort zu entwickeln.
Manche Sterne machten durch ihre Atmosphäre aus ihren Bewohnern großartige Wesen mit enormen Fähigkeiten und Macht. Der Urquell allen Seins brachte Wissen, Wille und Macht hervor, die frei durch den Raum strömten.
Die verschiedenen Sphären waren geschaffen und alle waren unterschiedlich: die einen voller heißer Wüsten und mehreren Sonnen und Monden, die anderen wurden von Dschungel und Sümpfen bedeckt, wieder andere waren bergig und kühl und wieder andere Sphären bestanden aus merkwürdigem Gestein und allerlei Pflanzen, die es sonst nirgendwo gab.
Die Wesenheiten, die diese Sphären bewohnten, waren unterschiedlich stark an Geist und Körper. Es hing oft von der gesamten Vegetation ab, wie sich ein Volk entwickelte. Jede Art passte sich individuell an ihre Sphäre an und begann dort zu existieren. Viele besaßen große magische Kraft, Erfindungsreichtum oder anderes Wissen.
Doch in dem Raum kühlte es ab und es wurde außerhalb der sphärischen Bereiche und der heißen Sonnen dunkel und leer.
Dort, in der absoluten Dunkelheit bildete sich eine leere, schwarze weite Ebene, die bis in die Unendlichkeit zu reichen schien. Über dieser Ebene erstreckte sich ein dunkelviolettes Firmament, an dem keine Sonne schien, jedoch von ihm ging ein eigenes Leuchten aus, das der Ebene einen merkwürdigen Schein verlieh. Nichts spiegelte sich in der schwarzen Ebene, nichts warf einen Schatten auf den glatten Boden dieser sonderbaren Sphäre.
Auf der Ebene waren zwei mächtige Wesen: der eine weiß, der andere schwarz. Ebenbürtig standen sie sich gegenüber und keiner konnte ohne den anderen sein. Es war ein Urgefühl von Polarität in den Wesenheiten, die dort standen, lauernd, bedrohend, den anderen bei der geringsten Bewegung auslöschend. Der eine absorbierte Licht, der andere reflektierte es, doch beide wussten, dass sie eine Einheit bildeten.
Ein Glühen lag in den Augen des schwarzen Wesens, ein funkeln in den Augen des weißen Geschöpfes. Jeder hielt einen Stab in der eigenen Farbe in der einen Hand, der ihnen Macht verlieh. In der anderen Hand hielt jeder der beiden Geschöpfe eine Kugel. So standen sie da, als ob sie auf ein Zeichen warteten, ein Zeichen, dass ihnen Bewegung gestattete.
Plötzlich hob der Schwarze seinen Stab, Blitze von greller Schärfe zuckten in die Richtung seines Gegners und berührten ihn doch nicht. Der Weiße hob seinerseits seinen Stab, aus dem Blitze flammten, den Gegner nicht trafen. Die schwarze Ebene war nur von den Blitzen aus den Stäben erhellt und das Feuer der Vernichtung flammte in den Augen der kosmischen Kämpfer, denn das waren die Wesen. Sie waren die Urbrüder der Kraft, die in den Mythen oft als die mythischen Zwillinge erschienen, die Gewitter durch ihren ständigen Kampf erzeugten. Keiner würde nachgeben, bis nicht der Gegner fiel. Die Atmosphäre war mit magischer Kraft geladen, Blitz folgte auf Blitz, Schlag folgte auf Schlag. Aus den Kugeln brachen Feuerkugeln hervor, die alles erleuchteten. Die Atmosphäre wurde heiß, so unglaublich heiß, dass die Ebene sich begann zu verflüssigen.
Da glühte mit einem Mal das violette Firmament auf, wurde rot und eine sonnenähnliche Kraft traf die Kämpfer. Es strahlte und glühte, die kosmischen Brüder stürzten sich mit wildem Glanz in den Augen auf einander, einer versuchte den anderen im letzten Sein zu überwinden – eine Explosion erschütterte die Ebene und die beiden Brüder wurden in glühendes Rot gehüllt. Die Kraft ihres Kampfes verschlang sie beide, riss sie mit Urgewalt auseinander, schleuderte sie in entgegengesetzte Richtungen des Raumes...
Die Urbrüder – der weiße und der schwarze Magierkrieger – würden sich erst am Ende, am kosmischen Zusammenfall des Raumes wieder begegnen, doch ihr unendlicher Kampf, ihr Tanz des Seins, würde sich in den Sphären widerspiegeln, würde die Dualität in die Seelen der Bewohner des Raumes setzen.
Dies war der Uranfang des ewigen Kreislaufes von Werden und Vergehen, von Geburt, Tod und Wiedergeburt...
Das Ritual im Norden
„Wer ist gekommen, o Galadir?“
„Euer Hoheit, eine Abordnung der Magier vom Berg.“
„Wer ist ihr Anführer?“
„Ich muss euch sagen, es scheint, dass – ich habe dunkle Vorahnungen – es sich um Cryon handelt.“
„Mögen die Mächte uns schützen! Aber Galadir, du weißt doch, das wir in Freundschaft mit ihnen stehen. Du bist gleich so voreingenommen.“
„Soll ich ihn hereinbitten, mein Herr?“, fragte er mit erschreckter Stimme.
„Galadir, du siehst dunkle Omen, wo gar keine sind, Aber lass ihn rufen.“
Der Oberbefehlshaber von Aschkantul entfernte sich rückwärts von seinem Herrn, dem hohen Magier dieser Sphäre. Er hatte keine Furcht vor den Magiern vom Berg, doch ihm war das Volk im Norden unheimlich. Er hatte immer, wenn die Magier im Norden eines ihrer Feste feierten, so ein seltsames Gefühl, das unbestimmbarer Natur war. Er selbst kam aus einer der Städte im Westen und war schützende Mauern und höfisches benehmen gewohnt. Die Nordleute hingegen, erschienen ihm wie Menschen einer längst vergangenen Epoche, in deren Verlauf sich der Mensch vom Jäger zum Ackerbauern entwickelte. Er wusste selbstverständlich um das harmonische Gefüge der Macht in dieser Sphäre, aber die Methoden, mit denen das Magierpaar den Elementarkräften huldigte, wirkten auf ihn schauerhaft.
Er öffnete die riesige Eichentür. Der Saal, in den Galadir den dunkelgekleideten Mann führte war düster. Er war in gotischer Bauweise errichtet, die Fenster waren hoch und spitz und die Decke gewölbt mit mythischen Szenen bemalt. Einige der Bilder zeigten Drachenmuster und die gefürchteten Lindwürmer aus der Wüste Ta’in, die im Süden des Reiches lag. Die Lindwürmer, so dachte Galadir, als er auf die Szenerien blickte, bewachten große Reichtümer, von denen ihm in seiner Kindheit erzählt wurde. Sie seien furchtbare Wesen, ganz mit Schuppen bedeckt und konnten bis zu 10 Metern lang werden. Den schlanken Mann, der Galadir war, fröstelte bei dem Gedanken an Lindwürmer... gerade jetzt, da Cryon von den Hexern vom Berg gekommen war! Galadir erinnerte sich schmerzlich daran, dass er, der er diplomatische Verhandlungen mit den unterschiedlichsten Vertretern führen musste, sich vor den Nordleuten fürchtete, doch diese Tatsache half ihm jetzt wenig, denn es gehörte nun einmal zu seinen Pflichten. Er war ein angesehener Mann und stand doch fast immer im Hintergrund. Das Wohl des Magierpaares stand für ihn an höchster Stelle und da konnte kommen, wer wollte. Nicht vielen war es vergönnt, dem Herrscher so nahe zu sein und die Gäste bis vor die Stufen seines Thrones zu geleiten.
Im rechten Schiff des Kathedralenraumes befand sich ein massiver Tisch mit Stühlen darum. An den Wänden entlang waren Bänke aufgestellt, auf denen eine Menge sehr edel und wohlhabend gekleideter Leute saßen.
Von der Decke hing ein vergoldeter Kronleuchter und die Säulen, die sie stützten, waren aus fast schwarzem Holz. Der Boden knarrte unter den Schritten der beiden Männer, die sich dem Thron näherten. Der Thron stand auf einem Podest aus dem selben schwarzen Holz wie die Säulen, die Stufen bestanden aus schwarzem Turmalin und spiegelten das flackernde Kerzenlicht wieder. Der Thronsessel war aus Elfenbein und Ebenholz, hatte geschnitzte Armlehnen und die Lehne in Form eines Pfauenrades und funkelte von Blutroten Edelsteinen. Auf dem Sitz saßen zwei große Gestalten: Er war schlank und hatte dunkelbraune Haut, die aber keiner Rasse zuzuordnen war. Sein schwarzes Haar fiel ihm bis auf die Schultern und darüber hinaus, darauf trug er eine Krone mit sieben spitzen Zacken, von denen jeder mit einem grünen Smaragd geschmückt war. Sein Gesicht spiegelte in den tiefen Augen ohne Grund und Sein das Kerzenlicht wieder. Der Herrscher trug eine Kette mit einem Silberamulett daran, es zeigte geheime Zaubersymbole. Er war in ein langes, dunkelgrünes Gewand gehüllt, das mit einem Gürtel aus silbernen Blüten und Korallen umgürtet war. Seine Füße steckten in hohen Stiefeln aus schwarzem Wildleder mit Silberschnallen.
Zu der Linken des Magierkönigs saß lauernd und wachsam eine ebenfalls sehr große Frau mit ebenfalls der selben Hautfarbe und dem selben pechschwarzen Haar und auch der selben Krone mit den Smaragden. Sie hingegen trug ein anderes Amulett, welches mystische Kultsymbole eines anderen Magierkreises zeigte. Ihr Gewand war schwarz, schwarz wie ein sternenloser Alptraumhimmel und so waren auch ihre Stiefel und ihre Handschuhe. Der Gürtel bestand ebenfalls aus Silber und auf den Knien lag ein in – wie sollte es anders sein – schwarzen Satin gebundenes Buch.
„Willkommen Freund dieses Hauses“, sprach die Magierkönigin „wir freuen uns über deinen Besuch. Was führt dich aus dem hohen Norden hier her. Ist die Zeit des Opfers nah?“
Die Herrin von Aschkantul hatte feine Züge und ihre Augen strahlten Wissen und Frohsinn aus. Ihre Stimme war melodisch und voller Wärme, die ihrer Leidenschaft für den Gesang Ausdruck verlieh. Sie liebte die Magie, die sie mit ihren Gesängen wob und das Mysterium der Dunkelheit, aus der jede der zahlreichen Sphären entstammte. Ihr Wissen hatte sie in den langen Jahren des Studiums erworben. Es erforderte Disziplin, strenge Meditation und vor allem die Liebe zum Sein selbst, die jede magische Handlung erst mit Sinn und Wirkung erfüllte. Die Rituale der Zyklen des Jahreskreises waren ihr vertraut und fest im Leben der Bevölkerung und ihrer Herrscher verankert.
Cryon erhob sich von den Knien und verneigte sich:
„Ich kam hierher aus dem Norden, o viel verehrte Herrin dieses Landes, um dir eine Einladung zum Roggensaatfest auszusprechen.“
Cryon war ein großer Kerl mit Haaren, die ihm in die Stirn hingen und einem schwarzen Mantel aus einem glänzenden Pelz. Seine Augen waren schwarz und stechend, sodass man, wenn man in sie blickte, wie gelähmt war. Ein unbeschreibliches Lächeln spielte um seine Mundwinkel. Er wirkte fast etwas grobschlächtig, aber da im nördlichen Teil des Reiches ein raues Klima herrschte, war das auf die Witterung und das harte Leben voller Feldarbeit und Viehzucht zurückzuführen.
Seine Einladung war eigentlich nichts besonderes – Roggensaat ist in ganz Aschkantul nichts weltbewegendes.
Doch diese Riten der Magier vom Berg hatten es in sich: Es waren Trancefeiern mit bewusstseinsverändernden Drogen und Opfern der härtesten Art. Der Magierkönig vereinte zwar dunkle und helle Magie in seinem Reich, doch war er eher der sanfte und Fruchtbarkeitbringende Herr. Der Magierkönig von Aschkantul hatte sanfte Augen, die von innerer Stärke und doch friedlicher Absicht strahlten. Er liebte, wie seine Gemahlin die Musik und verbrachte viel Zeit in Gärten und Wäldern, deren Pflanzen und Tiere er studierte. Die Kunst des Sterndeutens und der Bestimmung der Feste durch den Lauf der Sonne waren seine Gebiete. Der Herr des Reiches reiste durch die Sphären und lernte dort von anderen Herrschern neues Wissen, vor allem für seine Forschungen der Heilkunst, der psychischen Energien und der geistigen Fähigkeiten. Das war seine Welt – das Innenleben und die Funktionen eines denkenden Wesens zu erforschen und Störungen heilen zu können.
Die Herrin war eine Frau der dunklen Künste.
Hier zum Verständnis: Die dunklen Künste waren in diesem Fall nichts Böses, sondern strengen Gesetzen unterworfene Praktiken, die ein Suchender für sich nutzen konnte, um die Geheimnisse des Seins zu ergründen.
Jeder, der gegen die Naturgesetze der Götter und des Magierpaares verstieß, war jedoch in Gefahr und musste mit der dunklen Rache der Nordvölker wie der schwarzen Südleute rechnen. Die Herrscher der Sphäre achteten alle Kulte und alle Ausübungen der Magie, sofern sie niemand schadeten oder gegen den Willen eines lebenden Geschöpfes eingesetzt wurden. Zu den Künsten, die ein sphärischer Herrscher meistern musste, gehörte das Reisen durch die Räume zwischen den einzelnen Sphären und Galaxien, die Kontrolle der Mächte, die sein Reich zusammenhielten und das Verständnis und der Respekt des Lebens. Die Magierkönige, die über ein Land herrschten, mussten fliegen können und Einsicht in die Geschehnisse in und um ihr Reich haben, die dort vor sich gingen. Oft waren die Herrscher sehr alt und regierten jahrhunderte lang ein großes Reich, das sie oft auch vergrößerten. Die Menschen und die Vegetation einer Sphäre hing von der Beständigkeit der Macht eines Magiers ab. Starb ein Herrscher gewaltsam, ging oftmals seine gesamte Schöpfung zugrunde. Oft wurden die Herrscher von den Leuten als Verkörperung des weiblichen und männlichen Prinzips verehrt und man brachte ihnen Opfer und lud sie zu geheimen Riten ein, durch die sie den Wohlstand sichern sollten.
Aschkantul war eine Sphäre in der Weite der Universen und Welten, die überall von dunklen wie lichten Königen und Magiern beherrscht wurden. Doch der Herr und die Herrin von Aschkantul waren ein Paar der mächtigsten, da sie seit dem Urbeginn existierten und sehr stark an magischen Fähigkeiten waren. Bei manchen Völkern in Aschkantul kursierte die Meinung, dass die beiden Magier die Göttin und den Gott selbst repräsentierten. Doch hin und wieder kam es auch zu Auseinandersetzungen oder sogar zu Kriegen zwischen den Sphären, denn jeder bewachte eifersüchtig sein Reich. Manche Herrscher waren machtgierig und besessen von der Vorstellung, alle Sphären beherrschen zu können. Jedes Reich war durch starke Magnetfelder und Bannkreise geschützt, doch Hass und Neid regierte in so mancher dunklen Sphäre. Doch in der Regel herrschte Freundschaft zwischen den Reichen der dunklen wie der helllen Herren.
Viele Sphären wurden von hoch technisierten Meistern beherrscht und sie hatten große Furcht vor allem, was irgendwie magisch war. Sie konnten ein menschliches Gehirn im Original nachahmen und hatten die Weite und Größe des Universums längst berechnet. Sie konnten alle Gene einsehen und hatten Maschinen, mit denen sie ein Gehirn so beeinflussen konnten, dass es eine völlig neue DNA besaß.
Andere hatten magische Macht, mit der sie bis an die weitesten Stellen des Raumes fliegen konnten. Sie kannten Riten, die sofort Wirkung zeigten und erfanden Elixiere, die den Geist in seine früheren Daseinsformen führten. Die Magier konnten in den Geist anderer sehen und ihn beeinflussen oder verändern. Bei den schwarzmagischen Meistern war es üblich, mit technischen oder geistigen Methoden sich Informationen zu beschaffen, die sie haben wollten. Oft wurden die Opfer wahnsinnig bei solchen Riten. Auch in Aschkantul gab es schwarze und weiße Magier, die jedoch friedlich nebeneinander lebten. Sie achteten die Gesetze des Magierpaares und wollten nichts, als das Wohlwollen der beiden zu gewinnen. Das Volk hatte aber keine Furcht vor dem König und der Königin, da diese gütig und gerecht herrschten.
So war nun Cryon, der Anführer der Magier vom Berg gekommen, um das hohe Magierpaar zum Opfer für die Ernte einzuladen. Der Herr sollte Fruchtbarkeit bringen doch er brachte sie nur, wenn ihm dementsprechend geopfert wurde. Die Herrin war eine wilde Magierin, die alles mitmachte und jede Droge nahm, die den Geist veränderte. Sie ließ sich feiern und trank mit den Magiern vom Berg auf eine gute Aussaat.
„Ihr seid eingeladen“, sagte Cryon „und ich hoffe, dass der Herr uns die Gnade erweist, die Saat wohl wachsen zu lassen. O nehmt unser großes Opfer an.“
Er verneigte sich und der König sagte mit getragener Stimme:
„Wir nehmen eure Einladung an und werden eurem Volk Wohlstand und Fruchtbarkeit bringen.“
Galadir geleitete den Herrn der Hexer vom Berg hinaus.
Als er zurück kam, meinte er:
„Die Magier vom Berg sind schon ein seltsames Volk, findet ihr nicht auch?“
Die Königin antwortete: „Ach, ich finde die Feiern dort ganz unterhaltsam. Die Opferriten sind doch sehr amüsant und abwechslungsreich und außerdem ist dies der Lauf des Jahreskreises, den wir jedes Mal feiern. In uns fließen die Ströme der Gezeiten und wir selbst sind ein Teil im Gefüge des Werdens und Vergehens. Auf eine halluzinogene Vision folgt der erholsame Schlaf, auf das Erntefest wieder eine Aussaat und auf unsere Sphäre wieder eine andere... so ist der Kreislauf und auch ich bin nur ein winziger Funken dieser Kraft.“
Galadir wandte sich hoffnungsvoll an den Herrn:
„Ihr wollt doch nicht etwa zu diesen Riten gehen, mein Herr?“
Doch dieser meinte: „Wie stellst du dir das vor? Die Magier wären zu tiefst beleidigt, ich gehe natürlich. Ich bin der ausgleichende Pol zu meiner Königin und werde ihr im Ritual als stützender Pfeiler dienen und meinen Teil der Energie dazu beitragen, damit auch dieses Jahr die Ernte für alle reicht.
Du musst ohnehin das Haus hüten, brauchst also nicht mit.“
Erleichtert zog sich der gar vornehme und leicht – doch im erträglichen Maße – arrogante Oberbefehlshaber zurück. Er hatte eine für einen Mann sehr hohe und melodische Stimme und ein schmales Gesicht. Hin und wieder verdüsterte ein Schatten seine Züge: Ein dunkles Leiden lastete auf seiner Seele...
Die Herrin rieb sich die Hände:
„Das wird wieder ein Spaß werden! Die düsteren Riten der Magier vom Berg sind genau das Richtige, was mir jetzt fehlt. Dort gibt es viele interessante Leute und viele Drogen und Met zu entdecken. Also ich freue mich tierisch, du nicht auch?“
Der Magier meinte: „Wenn ich an die letzte Roggenaussaat denke, dann überläuft mich ein eiskalter Schauer. Ich finde, dass die hohen Meister der Zauberkulte manchmal ein Bisschen zu weit gehen.“
Doch die Herrin schüttelte belustigt den Kopf:
„Sei nicht so verweichlicht mein Lieber, du gehst da mit und lässt mir meinen Spaß.“
So herrschten die beiden Magier zwischen hochtechnisierten Wesen und tief verwurzelten Zauberkulten, denen sie mit Respekt und Energie beiwohnten.
Da die Herrin schon jetzt begierig auf die heiligen Riten im Norden war, wollten sie in drei Tagen aufbrechen. Nach dem reichhaltigen Mittagessen am Tag der Abreise ging es endlich los.
Sie erhoben sich und verließen unter den Höflingen auf den Bänken den Thronsaal. Schöne Frauen und stattliche Männer folgten ihnen und schritten hinaus. Es waren allesamt Höflinge, Diener, Musiker, Heiler und Magier der Zauberkulte des Landes, die ihren Dienst in der Zitadelle taten oder dem Magierpaar beratend zur Seite standen. Hier, am Hof der Herrscher waren alle versammelt, die Wissen und Macht besaßen, alle, die die Suche nach Wissen bis in die höchsten Grade der Einweihungen geführt hatte.
Sie traten hinaus aus dem Portal, auf die sehr lange Wendeltreppe, die den Turm durchzog. Als sie unten anlangten, wurde das riesige Tor geöffnet und die beiden Magier traten auf die Freitreppe, von wo man auf einen Platz sehen konnte, welcher mit bunt glänzenden Steinen gepflastert war. Links und rechts der Stufen standen die Tiamat, die Kriegerschaft von Aschkantul.
Hierzu muss man wissen, dass nur auserwählte, besonders schlaue und kampferprobte Krieger diesen hohen Dienst antreten durften. Die Tiamat waren Krieger, die der Magierkönig selbst weihte und die von Magron, dem listigen Hauptmann ausgebildet wurden. Sie standen auf den Stufen und wachten über das Tor.
Trat man nun auf den Platz, so konnte man das gesamte Ausmaß der Zitadelle von Aschkantul sehen: Es war ein aus schwarz-glänzendem Stein errichteter Turm, der bis in die Wolken ragte. Die Spitze war heute mit Nebel verhüllt und nicht zu sehen. Rings um den Turm reihten sich spitze Zacken und Vorsprünge, Balkone und Erker, Giebel und Zinnen. Im Vorhof befanden sich einige Pferde und Tiamat. Der König trat hinaus.
Trommeln. Schwere Trommeln und ein Hauch von Weihrauch lagen in der Luft. Immer, wenn die Magier die Zitadelle verließen, wurden Trommeln geschlagen und so das Erscheinen angekündigt.
El, wie der Magierkönig genannt wurde, wollte jetzt möglichst bald in den Norden Aschkantuls aufbrechen, denn das Roggensaatfest war nahe.
Ilah, die Magierkönigin freute sich tierisch auf das Ritual, denn dort hatte sie die verrücktesten Visionen und Erscheinungen. Sie genoss die Träume der halluzinogenen Pflanzen und Säfte. Ihr Gemahl war da etwas zurückhaltender und musste zwar auch die Tränke trinken, aber sonst nur den Zopf des ersten Urahnen der Magier vom Berg segnen, dass es regne und die Ernte gut reifen würde.
Sie suchten die stärksten Pferde aus und wollten Carchamor, den Haus- und Hofmeister beauftragen während ihrer Abwesenheit nach dem Rechten zu sehen.
Sie gingen zurück in den düsteren Saal. Auf dem langen Marmortisch lag eine Karte von Aschkantul. Galadir saß dabei und besah sich den Reiseweg.
„Also um diese Zeit ist die Ebene von Tschorok sehr gefährlich, mein Herr“, meinte er „Die Magier bewachen eifersüchtig ihr Tal und die Herren von Tschorok wollen nicht, – und ihr wisst, dass sie mit denen unter einer Decke stecken – dass irgendjemand in ihr Reich eindringt, jedenfalls während der hohen Feste nicht.“
„Oh Galadir“, seufzte Ilah „du brauchst dir keine Sorgen machen. Wir kommen jedes Mal heil zurück und jedes Mal bist du wie ein Wachhund. Sei doch mal vernünftig, wenn ich, ja wenn ich dort aufkreuze, dann sind sie ruhig und erwarten uns mit offenen Armen. Also? Welchen Weg würdest du vorschlagen?“
Galadir meinte: „Also gut. Ich würde dann über die Hügel von Maari, wo das Volk der Schamanen lebt, welches die Elemente beherrscht und sie mit Gesängen beeinflusst, sodass ihr sicher reisen könnt und euch kein Sturm in die Quere kommt. Weiter würde ich hinauf über die Pässe der schwarzen Berge, bis zum Wolkensee, der hoffentlich nicht allzu bewölkt ist...“
„Galadir, geht das schon wieder los“, rief Ilah.
„Also weiter. Dann würde ich durch den Hohlweg bis zum Tal der Magier vom Berg reiten und ihr werdet mit mindestens 10 Kriegern reisen.“
„Auf keinen Fall“, rief Ilah „wir reisen mit höchstens 3. Ende der Diskussion.“
Somit war das Gespräch beendet und die Reise konnte beginnen.
Tschorok war eine Ebene vor den schwarzen Bergen, die von einem Magiervolk bewohnt wurde, welches nicht so düster wie die Magier vom Berg schien, jedoch auch dunkle Riten und Kulte kannte. Das Reich von Aschkantul war groß und wurde überwiegend von Schamanen und Feenvolk bewohnt. Im Süden wohnten fast schwarze Leute, die sogar – wie die Magier vom Berg - Menschenopfer praktizierten. Dann gab es im Osten die Waffenschmiede von Tirkulat, deren Klingen als die schärfsten überhaupt galten. Im Westen lagen die Weiden der Pferdezüchter von Osbarit. Im Norden lebten die Magier vom Berg, bevor man jedoch zu ihnen gelangte, musste die Ebene von Tschorok überwunden werden. Sonst lebten in Aschkantul die Schwestern von Yolbat, mächtige Kriegerinnen, deren Anführerin Flor-del-Schaan hieß. Sie waren unberechenbar und vergifteten ihre Speere und Pfeile. Es gab weiter die Erdpriesterinnen der Erdhöhlen. Sie feierten Fruchtbarkeitskulte unter der Erde und sangen magische Lieder. Im Land existierten viele Geheimkulte, die aber alle einander tolerierten.
Die Zitadelle von Aschkantul stand in der Landesmitte und überragte alles im Umkreis. Sie hatte einen wunderschönen Paradiesgarten, in dem viele Feenwesen und mächtige Naturgeister lebten. Man sollte sie sich nicht wie normale Feen oder sonst irgendetwas vorstellen. Sie waren Zaubersänger und hatten die Macht, alles zu bannen, was Aschkantuls Gärten zu nahe kam. Die Gärten waren wie ein Wunder, dass Ilah in ihrer geistigen Muße und El in seiner schöpferischen Kreativität erschaffen hatten. Es gab Wege mit bunten Steinen ausgelegt, die jedoch ungewöhnlich schimmerten. Es waren Achate, Jaspis, Onyx, Quarze und Saphire, die unter den Füßen der im Park flanierendenden Menschen knirschten. Kristallene Springbrunnen plätscherten munter und die uralten Bäume spendeten angenehme Kühle, wenn die Sonne heiß auf die Köpfe stach. Das grüne Gras war seidig und weiße Gänse, bunte Singvögel und schillernde Leguane tummelten sich im Unterholz des kleinen Wäldchens, das den hinteren Teil des Gartens bildete. Ilah deffinierte Schönheit als einen tiefen Ausdruck der Sinne – aller Sinne. So hatte in diesem Paradiesgarten das Ohr die Brunnen, das Auge die bunten Blumen, Steine und Wiesen und der Geruchsinn die Düfte der aromatischen Kräuter, die die Herrin sorgfältig in Beeten pflegte und die auch zur Heilung gezüchtet wurden. Für das leibliche Wohl, also den Geschmackssinn sorgten Dienerinnen in schimmernden Gewändern für köstliche Früchte aus dem Garten, die an runden Sitzgruppen serviert wurden. Ilah liebte es, mit ihren Fingern den Garten zu berühren, mit ihrem ganzen Wesen die Harmonie zu erfassen, die jedes Element hier verströmte. Die rissige Rinde der Bäume, das seidigweiche Gras an den Fußsohlen, die samtigen Blätter der Duftpflanzen, das Fell der Gazellen, die über die Wiesen tollten und Els Anwesenheit, der ihr Geliebter Gefährte war. El verkörperte die Polarität des männlichen Prinzips, war Ilahs gesalbter Jüngling und oft auch ihr Schüler den sie in die geheimen Künste der verborgenen Kräfte einweihte. Der Herr von Aschkantul war Meister des Heilens, hatte Kenntnis über die Planeten und die Macht der Elemente. Er war der Hirte dr Ziegen, der seine Göttlichkeit durch den Zyklus von Werden und Vergehen beschloss, wenn sich der Jahreskreis dem Ende zuneigte. Ilah verehrte er als seine Göttin, die ihm durch alle Zeiten hindurch treu sein würde, jedoch auch sein Opfer fordern konnte, wenn das Land öde und trocken lag. In den Gärten der Zitadelle gehörten den beiden verborgene Winkel, deren lauschige Atmosphäre ihnen Erholung und Verschwiegenheit bot.
„Vorwärts, vorwärts“ schrie El, denn er wollte schnell reiten. El ritt auf seinem weißen Pferd Feuerflügel, Ilah auf ihrem Rappen Schattenblume. Die 5 Reiter waren schon auf der Ebene von Tschorok und eilten weiter nach den schwarzen Bergen. Als sie durch die Hügel von Maari streiften, sahen sie vereinzelt Bauernhäuser stehen, aber keine Menschenseele. Das Schamanenvolk war nirgends zu sehen.
Schließlich erreichten die Reiter die hohen Pässe der Berge und quälten sich durch enge Felswege und schmale Pfade, die von einer Seite mit überhängenden Felsen begrenzt waren, an der anderen jedoch steil in den Abgrund stürzten. Die Reise verlief alles in allem ruhig und El war zufrieden. Der Himmel war verhangen und die Wolken trieben dahin wie Himmelsschafe.
Als sie in einen scheinbar nicht endenwollenden Hohlweg einbogen, tat dieser sich plötzlich auf und gab den Blick frei auf ein Tal mit sanften Hügeln und steinigen Feldern, auf denen viele Menschen mit der Aussaat beschäftigt waren.
„Seht nur“, rief Ilah „sie haben schon mit der Aussaat begonnen. Die Riten beginnen erst in der Dunkelheit und ich sehe den Rauch der Feuer. Es ist jetzt an der Zeit, Cryon zu begrüßen.“
Und tatsächlich tauchte auf einmal ein Dorf auf, dessen Hütten mit Zweigen und Laub geschmückt waren. Feuer brannten und der Geruch des Holzes lag schwer in der Abendluft.
Sie ritt an der Spitze des kleinen Zuges und hielt an der größten der Hütten und stieg ab. Ilah stimmte einen lauten Willkommensgesang an und rief die Geister der Ernte und der Fruchtbarkeit. El setzte seine Stimme mit einem tiefen Bass hinzu. Jedoch konnte er auch in höchsten Tenor singen, wie alle Magier es verstehen.
Sofort trat ein großer Mann aus der Tür und verneigte sich.
„O Herrin, sei gegrüßt. Herr, sei willkommen bei uns. Mögen euch die Riten gefallen, damit die Ernte gedeihe“, sagte Cryon demütig.
Er bedeutete ihnen, ihm zu folgen und El und Ilah, sowie die 3 Krieger gelangten auf eine große Wiese, an deren Rand sich das sandige Ufer eines Sees erstreckte. In diesem See lebte ein Wasserwesen, welches niemand so genau definieren konnte. Es wurde jedenfalls mit El und Ilah in verbindung gebracht und um Schutz angefleht.
Alle saßen ab und ließen sich um eines der Feuer nieder und Krüge mit frisch gebrautem Met reichen. Plötzlich hörten sie Musik und Männer und Frauen mit Luren, Trommeln und kleinen Zupfinstrumenten erschienen. Sie spielten eine langsame, getragene Melodie und sangen ein uraltes Erntelied auf das hohe Magierpaar. El und Ilah lauschten gebannt. Die Musik sollte sie dazu anregen, auch ja Fruchtbarkeit zu bringen. Die hohen Wesen wollten eben erst gebeten und besungen werden, ehe sie gaben.
El bleib am Feuer sitzen und unterhielt sich mit den Leuten, die eine wettergegerbte, dunkelbraune Haut und dichtes rötliches oder schwarzes Haar hatten. Ilah schlenderte jedoch auf der Festwiese umher und besah sich die Hütten und Händler, die ihre Waren auf Holztischen ausgebreitet hatten. Es gab Musikinstrumente aus Holz und Elfenbein, geflochtene Kränze aus Wurzeln und Getreideähren, Waffen aus mattem Silber und Körbe, Tongeschirr und raue Stoffe zu kaufen. Hier war es wie im Süden, doch die Hütten und Gegenstände waren rauer und der Landschaft angepasst. Das Tal war von den schwarzen Bergen umringt, die fast bedrohlich in den trüben Himmel ragten. Das Wasser des Sees war eiskalt und die Felder waren zwar fruchtbar, mussten jedoch ständig gepflegt werden, damit der Wind sie nicht austrocknete. Frauen in groben Wollstoffen boten heißes Fleisch und Brot an, Männer mit dichten Augenbrauen und Haaren malten sich geheime Symbole auf die Brust, die als Festschmuck dienen sollten. In dieser Gegend gab es viele harte Streucher und Gewächse und weniger belaubte Bäume als anderswo. In den Wäldern fanden die Magier halluzinogene Kreuter und Beeren, die sie in Säften verarbeiteten, die bei den hohen Festen getrunken wurden, um Visionen hervorzurufen. Über den Tränken sprach man dann magische Worte zur Öffnung des Geistes. Ilah wusste über diese geheimen Dinge Bescheid und genoss die kräftigen Visionen, die sie jedes Mal durchströmten.
Sie lief zurück zu El, der gerade an einer großen Rehkeule nagte.
Cryon führte El und Ilah zu einem Rundbau, der mit Stroh gedeckt war. Dies war der Tempel der Magier vom Berg, worin sie die heilige Truhe mit dem uralten, faserigen Zopf des Urahnen aufbewarten. El musste den Zopf nur in die Hand nehmen und seinen Segen sprechen.
Cryon führte die beiden zu Sitzen, auf denen sie platz nahmen. Er verschwand im Innern des Tempels und kam mit einer alten, silberbeschlagenen Truhe wieder.
„Hier nun ist der Zopf des Urahnen, o Herr, o Herrin, segnet ihn, auf das er uns schütze und Glück und Frieden bringe“, sagte Cryon.
Er öffnete die Truhe und man sah auf einem mit grünem Stoff bedeckten Truhenboden, einen uralten, schon staubdürren Zopf liegen. Er war aus langem, dunkelbraunem Haar und glänzte einst wohl auf dem Haupt des ersten Magiers vom Berg. El und Ilah nahmen ihn in beide Hände und sprachen:
„Möge die Macht der unsterblichen Götter und der großen Mutter diesen Zopf segnen, er möge Glück, Reichtum, Frieden und gute Riten bringen. Mögen die Herrscher der Elemente, die mächtigen Steingeister mit euch sein, mit euch und mit euren Tieren. So soll es sein.“
Cryon verneigte sich und legte den Zopf in die alte Truhe zurück und schloss den Deckel. Er trug die Kiste in den Tempel zurück, wo sie auf einem Steintisch ruhte.
El und Ilah schlenderten über die Wiese und sahen Magier und Wächter an Feuern sitzen und ließen sich Met und Säfte reichen. Der Abend brach an und der Rauchgeruch und der schwere Duft gemähten Grases lag in der Luft. Auf der Wiese sah man vereinzelt Leute, die sich an Kesseln oder Instrumenten zu schaffen machten. Die letzten Vorbereitungen für das Ritual waren getroffen.
El wurde in einen Umhang aus weichem Leder gehüllt und bekam eine Krone mit fünf Zacken aufs Haupt gesetzt. Er sollte den Herrn der Fruchtbarkeit symbolisieren und wurde deshalb mit Blumenketten und Knochenreifen geschmückt.
Ilah wurde in ein grünes Gewand aus feinem Leder gehüllt und bekam eine Knochenkrone und Knochenketten gereicht. Sie sollte die Säfte der Vision einnehmen und die Bilder der Macht empfangen. Ilah bekam einen Stab mit eingeritzten Tier- und Menschengestalten und einen Ritualdolch aus Silber. Mit dem musste sie eine schwarze Ziege für die Göttin opfern. Sie war die Mittlerin zwischen den Göttern und den Magiern vom Berg. Ilah brachte die Visionen aus den Reichen der Götter und Toten. Das Ritual konnte beginnen.
Die Menschen versammelten sich um das große Hauptfeuer und wurden still und alles wartete auf das Zeichen des Beginns. Die Herren von Aschkantul saßen auf großen Fellen von roten Rindern.
Plötzlich erklang ein dumpfes Horn und die Feuer loderten höher. Die Menschen strömten zusammen und sammelten sich zu kleinen Gruppen. Das Horn ertönte ein zweites Mal und Cryon begann mit ein paar anderen hohen Magiern einen getragenen Gesang anzustimmen. El und Ilah saßen ihm gegenüber. Er sang mit tiefer Bassstimme und Ilah fühlte, wie der Saft der magischen Pflanzen seine Wirkung tat. El erhob sich und sprach zu den Anwesenden:
„O ihr Magier vom Berg, wir sind gekommen um euch den Wohlstand und die neue Ernte zu bringen. Wir senden euch den Segen der Allmutter. Korn möge reifen, Vieh soll gedeihen, Wort wird erfüllt durch meinen Segen. Seht die Felder, den Hort der Macht der Göttin, hört die Stimme der Mutter, fühlt ihren alles umfassenden Zauber, schmeckt die Frucht der Leidenschaft, ohne die nichts entstehen kann!“
El verschwand auf die Felder und ließ die Saat durch sein magisches Wort wachsen. Einige behaupteten, er verliere seinen Samen, der das sofortige Wachstum der Pflanzen bewirken sollte. Es kursieren nun mal viele Gerüchte über das hohe Magierpaar.
Doch es erhob sich Ilah, die Königin von Aschkantul und sprach mit singender Stimme ihre Zauberverse und schwang die Hüften und begann um das Feuer zu tanzen. Es war ein Wunder, dass sich Ilah noch auf den Beinen halten konnte, denn sie hatte reichlich von den berauschenden Tränken gekostet.
Ilah war durch dunkle Schatten gewandert und hörte die Stimmen und Gesänge nur von Ferne. Sie fühlte einen kalten Windstoß und die Visionen hüllten ihren Geist ein, führten ihn fort, trugen ihn:
Es war dunkel, dort wo sie war: Sie sah nichts, sondern fühlte nur. Da war die Göttin, allumfassend, alldurchwebend, sich selbst berührend. Sie war Sein und Sein war Raum. Und in dem Dunkel hob ein sanftes dunkles Summen an, dass den gesamten Raum erfüllte. Die Göttin berührte mit ihren Schritten nur sich selbst. Das Summen wurde zu einem Ton: sie hörte ein warmes, erdiges G, den Ton der Erde, darauf folgte ein Gis, der Ton des Mondes, schließlich erklang ein Zis und alles wurde hell. Die Sonne war geboren, aus dem Singen der Mutter. Ilah schwebte und flog durch die Sonnenglut und berbrannte nicht, denn die Hitze machte ihr nichts aus. Sie war die Mutter selbst und plötzlich fühlte sie, wie wieder Dunkelheit sie befiel.
Sie befand sich in einem überirdisch schönen Garten voller Wiesen, Obstbäume, Laubgehölze, weißer Kieswege und runden Häusern aus buntem, Glitzerstein. Überall liefen Männer und Frauen von berauschender Schönheit herum und sangen. Ilah sang auch: So schien man sich hier zu unterhalten. Die Götter wanderten durch den Garten in versteckt, lauschige Winkel mit kühlen Springbrunnen aus weißem und grünem Marmor. In den Baumschatten standen hohe, mit Fruchtbarkeitssymbolen bedeckte Phallussteine. Um die Steine lagen runde Sitzsteine, die das Weibliche verkörperten. Die Wiesen waren saftiggrün und sie lief mit einem jungen, gutaussehenden Mann durch die sanften, regennassen Wälder. Sie gelangten an Bäume, auf deren Zweigen Vögel mit schillernden Federn lieblich zwitscherten. Und es schien, als würden die Zweige bei jedem Windhauch sanft klingen. Über allem lag der Duft betörender Blumen, die in farbenfrohen Mustern die Rasen bedeckten. Plötzlich streifte sie etwas nasses. Es war eine der weißen Gazellen, die über die Wege tollten. Es gab auch Wesen, die Rehen ähnelten, jedoch seidig-schwarzes Fell hatten.
Ilah sah an den Bäumen gar köstliche Früchte von besonderer Größe hängen. Der junge Mann sprach mit ihr und sie antwortete. Es war eine singende, fließende Sprache, mit vielen Selbstlauten. Sie gelangten in eine grüne Waldlaube, in der dichte, buschige Laubsträucher wuchsen. Das Gras war seidig und angenehm kühl. Frieden lag über dem Garten der Götter, in dem sie nun mit einem jungen Gott saß und ihn ansah. Er war dunkelbraun und hatte warme, schwarze Augen. Sein Leib war dem ihren so unglaublich nah…..
Ilah roch Feuer, es war dunkel. In der Höhle war es warm und behaglich.
Sie trug einen Mantel aus weichem Pelz und in dem geschnitzten Gürtel steckten ein Stab aus Knochen und ein Zauberdolch aus Obsidian mit einer scharfen Klinge. Auf dem Kopf trug sie einen Schmuck aus Knochen und Federn. Eine Kette mit grünen und roten Steinen zierte ihren Hals. Ihr Körper war tätouwiert mit zahlreichen Zeichen, wie: Drachen, Schlangen, Flügelwesen und Raubtieren.
Sie stand auf und ging hinaus, denn die Zeremonie des Vollmondes war nah. Auf dem Platz hatten sich einige Menschen in Fellen und mit bunt geschmückten Speeren versammelt. Sie erhob die Arme und rief in einer archaischen Sprache die Göttin des Mondes an. Ein Feuer brannte und sie warf Kräuter hinein, die sogleich ihre süßlichen Düfte entfalteten. Mit einem Spiegel aus blankem Obsidian fing sie das Mondlicht ein und zitierte so die Mondmutter herbei. Vor ihren Augen zog Nebel auf und die gleichmäßigen Gesänge der anderen Priester versetzten sie in einen Zustand der Trance. Sie sah das rotglühende Feuer und griff einfach in die Kohlen. Es war kalt! Das Feuer konnte ihr nichts anhaben. Dann wurde ihr schwarz vor Augen und sie sank auf ein Wolfsfell zurück. Sie hatte den Leuten den Willen der Allmutter kundgetan.
Es war, als würde sie ihren Körper von oben sehen. Um sie herum standen Menschen in dunklen Gewändern, die ihren Körper salbten und ölten. Es war das Begräbnis eines archaischen Herrschers und er war sie. Sie bekam goldnen Schmuck und Waffen sowie Trinkgefäße und Speisen in die Grabkammer gebracht. Ihr Leib wurde in Leinen und Damast gehüllt, mit Seide und anderen feinen Stoffen umwickelt. Schließlich bekam sie ein schweres, dunkelgrünes Gewand angezogen. Ein Gürtel aus Jade und großen Perlen wurde ihr umgelegt. Schuhe aus reinem Gold steckten an den Füßen und eine Kette mit einem Amulett mit Tiersymbolen hing an ihrem Hals. Die Armbänder und Fingerringe waren von Silber und mit Edelsteinen aller Farben verziert.
Dann kam ein Mann im Jaguarfellmantel und legte ihr die Totenmaske aufs Gesicht. Sie bestand aus feiner hellgrüner Jade und hatte lange Federn des Quetzalvogels an den Seiten. Der Kopfschmuck war nicht weniger prunkvoll: Perlen, Rubine, Pyrit und Federn.
Ilah hörte schwere Trommeln und hohe Flöten. Es wurde Kopalharz verbrannt, zu Ehren der Götter. Bunte Vögel und ein Jaguar wurden für sie geopfert. Es dunkelte um sie, denn eine schwere Platte wurde über die vielen Stufen der Grabpyramide geschoben.
Plötzlich war sie wieder auf dem Festplatz der Magier vom Berg. Cryon beugte sich über sie und reichte ihr einen Krug mit klarem Wasser.
„Herrin, was habt ihr gesehen“, fragte er „sind die Götter gnädig zu uns?“
Ilah sah sich verwirrt um. Sie musste sich erst mal sammeln. Die vielen Bilder schwirrten immer noch in ihrem Kopf herum. Dann schüttelte sie den Kopf, stand auf und war wieder einigermaßen klar.
„Die Götter haben gesprochen“, rief sie „euer Volk wird noch viele gute Magier hervorbringen, denn die Göttin hat mit Gesang dieses Universum geschaffen und ihr singt auch. Lebt in Leidenschaft! Alle Dinge sind in der tiefen Leidenschaft der Göttin und des Gottes geworden. Der Garten eurer Lüste ist die Erde, lebt auf ihr, denn sie nähert euch. Die Göttin hat euch die Stimme gegeben, damit ihr singt und euch des vollen Lebens erfreut.
Die Riten sind heilig. Feiert sie in Ehrfurcht und mit Wissen, dass jedes Bild von der Mutter selbst stammt. Die Kräfte der Erde sind da, damit ihr sie nutzt: Feuer und Erde, Wasser und Wind, die Sterne dort oben und die Erde unter meinen Füßen. Sie alle mögen diesen Ort und diese Stunde segnen und mich, die ich mit ihnen bin.“
Alle verneigten sich und lauschten der Stimme Ilahs, denn sie hatte die Visionen gedeutet.
So endete die Roggenaussaat und Cryon reichte El- der von den Feldern zurückgekommen war - und Ilah einen Kranz aus Getreide und eine Flöte aus Knochen, mit der man die Geister der Ahnen ruft. Ilah opferte die schwarze Ziege und füllte ihr Blut in ein goldenes Gefäß und gab es Cryon, der es trank und an die anderen weiterreichte. So war die Ernte sicher und das hohe Magierpaar machte sich, als der Morgen graute auf den Heimweg nach der Zitadelle.
Als sie sich nach zweitägigem Ritt der Zitadelle näherten, ertönte von weitem schonb der Hornstoß der Krieger. Das Tor war weit geöffnet und sie ritten in den weiten Hof ein. Galadir kam ihnen aufgeregt entgegen und rief:
„O mein Herr, meine Herrin, habt ihr die Opferriten heil überstanden?!“
„Galadir, wie du siehst sind wir froh und wohlbehalten hier“, sagte El.
Galadir wirbelte herum und verschwand wie ein Blitz um die nächsten Türen für die beiden zu öffnen. Er war ein sehr geschäftiger Mann und immer vorne dabei, denn er war der Oberbefehlshaber der Zitadelle und musste schauen, ob alles in Ordnung kam. Carchamor, der stille und ernste Haus- und Hofmeister stand lächelnd an der Tür zum Turm und begrüßte die Heimkehrenden.
Ilah eilte die lange Treppe in den Hauptflügel der Zitadelle hinauf und begab sich in die Wohngemächer. Dort gab es offene Säle mit lichten Fenstern und bunt bemalten Kacheln an den Wänden. Auf dem Boden sah man leuchtende Mosaikmuster. Sie schritt in einen großen Saal, der von zahlreichen Diwans geschmückt wurde. Auf den Sitzmöbeln lagen weiche Kissen und Decken mit Perlen und Stickereien. Ilah setzte sich auf einen Diwan und leutete ein winziges Silberglöckchen, worauf eine zierliche Frau erschien und fragte:
„Was ist euer Begehr Herrin?“
„Ach, Sile, bring mir doch Malventee. Die Reise war so anstrengend für mich.“
Sile, die junge Frau verschwand und kam gleich mit einem Teegeschirr aus feinem Porzellan zurück. Ilah nahm die Tasse mit den goldenen Verzierungen und trank gemütlich. Im Raum war es kühl und von draußen klang der melodische Gesang vieler Paradiesvögel, die in den hohen, uralten Bäumen zwitscherten. Auf dem Boden des Saales lag ein dicker Teppich und auch hier waren die Wände mit Wandbehängen geschmückt. Die Decken und Kissen auf dem Diwan waren aus grünem Samt und Ilah lehnte sich entspannt zurück.
Sie war zufrieden mit ihren Visionen des Opferfestes. Plötzlich überkam sie der Gedanke, in den Garten zu wollen. Sofort stand Ilah auf und eilte aus dem Raum, einen langen Flur entlang, durch eine Tür mit Rundbogen und auf die Außentreppe hinaus. Die weißen Marmorstufen führten in eine saftig grüne Wiese mit vielen Obstbäumen und silbernen Springbrunnen. Hier war es einfach nur schön! Der Paradiesgarten der Zitadelle war herrlich. Auf den Kieswegen lagen Halbedelsteine als Belag, in den knorrigen Bäumen nisteten viele Vögel, es gab luftige Lauben und weite Wiesen mit runden, aus Stein gehauenen Sitzbänken. Man konnte im Kreis sitzen und plaudern. Die Sonne wärmte alles und Ilah spürte ein angenehmes Prickeln auf der Haut, denn sie liebte die Wärme und den wunderschönen Garten der Zitadelle.
Der unterirdische Tempel und der verwunschene Garten
Ilah gesellte sich zu einer Gruppe schön gekleideter Frauen, die auf einer Baumwurzel saßen. Es waren Magierinnen des Erdkultes. Sie feierten ihre Zeremonien in Erdhöhlen, sangen magische Lieder und verehrten die Fruchtbarkeit der Erde und tanzten in mondhellen Nächten auf den Wiesen um Feuer mit duftenden Kräutern. Manchmal hörte man nachts hohe Flöten und dumpfe Trommeln. Die Erdpriesterinnen sagten, dass alles Sein allein durch die magische Vereinigung von Mutter-Erde und Vater-Himmel stammt. Sie feierten magische Rituale mit Farben und Klängen, Sprüchen und bis an die Grenzen des Vorstellbaren gehenden Zaubern. Keiner wusste so genau, was in den dunklen Höhlen vor sich ging. Ilah jedenfalls war immer gern dabei, denn sie mochte die Magier und Getränke dort.
Sie setzte sich nun zu den Priesterinnen und unterhielt sich mit ihnen.
Da saß Dilana, eine ältere Priesterin, die ein langes, graues Gewand trug. Grau war die Farbe, die alle Energie störungsfrei überträgt. Sie bekleidete den Rang einer Magierin der Klänge im Tempel der Erdmutter und sie verband eine alte Freundschaft mit der Herrin von Aschkantul.
Da saßen auch Tullya, Camilis und Zyora, die allesamt Novizinnen waren. Sie wurden noch in die Geheimnisse der Erdmagierinnen eingeweiht. Sie mussten mit 11 Jahren in den Tempel und geheime Sprüche, Riten, Farbkombinationen, Fruchtbarkeitszauber, Naturgesetze und alte Weisheit auswendig lernen. Sie lernten, wie man die Stimme so einsetzt, dass man Menschen, Dinge und Pflanzen beeinflusst. Die Magier wussten, wie Sonne, Mond und Sterne klangen. Sie kannten die Macht der Allmutter und die sphärischen Töne, die sie sang und die Sprache der Macht, die die Göttin zu ihnen sprach.
Ilah fragte Dilana:
„Wann ist wieder einmal eines eurer Riten, Schwester Dilana?“
„Ihr Könnt jeder Zeit zu uns kommen“, antwortete Dilana mit ihrer klarer Stimme sanft, „die Zeit des Rituals der Allmutter ist nah. Wenn ihr zu uns kommen wollt und den Zaubern beiwohnen möchtet, dann ist es jedoch Zeit, sich in den Tempel zu begeben. Die Priesterinnen würden sich sehr über den Besuch und die aktive Mitwirkung an den Riten der großen Magierin freuen. Die Erdkräfte sind dieses Jahr sehr intensiv und wir brauchen eine unterstützende Kraft, einen Anker, der uns nach dem Ritual wieder erdet und die Energien in die rechte Position lenkt. Wollt ihr diese Rolle übernehmen, Herrin?“
Die „Allmutter“ war eine der mächtigsten Priesterinnen, die das Ritual leitete. Sie vereinte alle an diesem Ort fließenden Mächte und Formeln, die entfesselt wurden. Die Erdpriesterinnen hatten viele Anhänger, die diese Aufgabe übernehmen hätten können, doch es war eine Ehre für die Herrin des Reiches, selbst die Position der „Allmutter“ zu bekleiden.
Ilah überlegte. Sie wollte gerne an dem großen Ritus teilhaben, musste erst jedoch El Bescheid geben. Ilah konnte es nicht haben, wenn er nicht wusste, wo sie war. Im Erdtempel schien die Zeit anders zu verlaufen und Ilah konnte deshalb nicht sagen, wie lange sie abwesend sein würde. Also stand sie auf und sagte:
„Ich nehme eure Einladung an und komme sobald ich El benachrichtigt habe.“
Ilah ging davon und machte sich auf die Suche nach El. Schließlich fand sie ihn in den Pferdeställen, wo er sein Pferd Feuerflügel striegelte.
„Na El“, rief sie „bei der Arbeit! Das wird Galadir nicht gern sehen, wenn du Feuerflügel putzt. Du weißt ja, von wegen das hohe allgeschätzte Magierpaar soll keine „schmutzigen Hände“ bekommen. Das ich nicht lache, Galadir würde uns am liebsten den ganzen Tag lang auf den Thron setzen und keinen Finger krümmen lassen. Naja, falsch gedacht. Ich werde dich für einige Zeit verlassen.“
„Wohin gehst du?“, fragte El und sah von seiner Putzarbeit auf.
„Die hohen Priesterinnen der Erdtempel haben mich zum Ritual der Allmutter geladen. Ich soll in den Tempel kommen, mich reinigen und fasten.“
El grinste: Wenn du danach in deiner originalen Gestalt wiederkehrst und nicht als ein Wesen, das nur aus Farben und Duft besteht. Aber ich hoffe, du hast viel Spaß, denn die Riten bei den Priesterinnen sind immer nach deinem Geschmack: viele Sprüche, Farben, Gerüche und Gesänge. Dilana bringt die Fruchtbarkeit der Erde in Aschkantul. So kann das gesamte Reich funktionieren und durch alle eins sein.“
Die Existenz Aschkantuls hing nicht nur von den Magiern ab, sondern auch von den Priestern und den anderen Völkern, die alle dazu beitrugen, dass dieses Gefüge in den Sphären bestehen konnte.
Ilah küsste El auf die Wange und schwebte aus dem Stall. Sie ging in den Turm und rief nach den Dienerinnen. Sie wählte für die Reise in die Unterwelt Aschkantuls nur ein schlichtes graues Gewand, ähnlich dem der anderen Priesterinnen. Außerdem einen Gürtel aus Kupfer mit uralten Zaubersymbolen, einen Bergkristall an einem ledernen Band und keine Schuhe. Ja, Ilah ging barfuß. Das war das heilige Gebot des Tempels, sie musste, um würdig zu sein, die Erde mit bloßen Füßen betreten. So gewandet machte Ilah sich auf den Weg aus der Zitadelle, über die Felder, durch die grünen Hügel zu dem großen Kupferberg. Der Berg hieß deshalb Kupferberg, weil fast aller Schmuck und alle Gebrauchsgegenstände der Magier aus diesem Metall bestanden. Kupfer war rot, das Blut der Erde. Gold war das Blut der Sonne, Silber das des Mondes und alle anderen Legierungen nannte man einfach Fleisch der Erde.
Dann lag er vor ihr, der „Ort des dunklen Kruges“ so nannten die Magier ihren Tempel, denn der Krug war ein Symbol für die Erdmutter, aus deren Bauch alle Fruchtbarkeit entsprang. Langsam umrundete Ilah den Hügel und kam an eine Öffnung, die vor lauter Farnkraut und Efeu kaum zu erkennen war. Dumpfe, warme Trommelschläge und ein Summen, welches sich Ilah nicht erklären hätte können, wüsste sie es nicht von den Priesterinnen, ertönte aus der Tiefe.
Das Summen stammte von den sogenannten Schwirrhölzern, (an den Enden abgeflachte Hölzer mit Löchern, die man durch die Luft schwang) die bei den geheimen Zeremonien gespielt wurden. Sie sollten die Mächte der kosmischen Strömungen anrufen und durften von keinem Uneingeweihten je gesehen werden. Derjenige würde sonst taub und sein Gehirn würde verrückt.
Ilah jedenfalls beruhigten die warmen dumpfen Summtöne und nahmen ihr die kribbelnde Aufregung vor dem, was sie in der dunklen Öffnung erwarten würde.
Langsam stieg sie die Stufen aus Erde und festgeklopftem Lehm hinab in das Urdunkel der Göttin vor der Zeit.
Sie gelangte in eine kleine Grotte, an deren Wänden Fackeln brannten. Zu beiden Seiten des Treppenfußes saßen zwei Männer in grauen Mänteln. Es waren die Priester, welche den Erdtempel bewachten: Taion und Saidon.
„Sei gegrüßt, Herrin“, sagten sie zu Ilah und verneigten sich.
In dem niedrigen Gang war es angenehm warm und schummrig. Sie hob grüßend die Hand, ging an den Wächtern vorbei und lief in die Höhle hinein. Sie gelangte an eine Öffnung, welche in eine geräumige Grotte führte. Da traten zwei Priesterinnen auf sie zu: Dilana im roten Gewand, Antaris im grünen Kleid.
„Sei gegrüßt Ilah. Wir erwarten dich schon. Die Riten der vorbereitenden Reinigung sollen heute Abend beginnen.“
Ilah meinte: „Wo findet sie statt?“
Antaris, die jüngere der Beiden sagte. „Sie finden im grünen See statt.“
Der grüne See war ein See, der trotz der Höhle außerhalb lag. Im Felsen befand sich ein Loch, durch das die Sonne eine große Fläche beschien. Dort erstreckte sich ein See, dessen Boden mit grünem Sand bedeckt war. Darin badeten die Priesterinnen und Priester sowie die Novizinnen und alle, die am Ritual teilhatten. Es gab am See beheizte Bänke aus Stein, auf die man sich legte um zu meditieren. Die Höhlen waren so weitläufig, dass man ohne einen kundigen Führer verloren war. Die zwei Priesterinnen und Ilah durchquerten die Grotte, in der es von Menschen wimmelte. Dann waren sie von nahezu vollkommener Schwärze umgeben. Doch sie sahen im Dunkeln und kamen nach einigen Metern an eine Abzweigung, von der die eine nach unten führte, die andere, der sie folgten führte nach oben. Der See lag nicht tief im Berg, jedoch so, dass keiner ihn von außen erreichen konnte. Der Gang führte an mehreren Räumen vorbei, in denen es stockdunkel war. Dies waren die stillen Kammern, in die die Priesterinnen sich zur Ruhe und Meditation zurückzogen. Ilah sah, dass sie sich auf einen Lichtfleck zubewegten, der immer größer wurde. Dann hatten die drei es geschafft, sie befanden sich in einer weitläufigen, gewölbten Halle.
Die Wände ragten steil in die Höhe und sahen etwas bedrohlich aus, da sie sich leicht in die Tiefe neigten. In der Höhe sah man den Himmel. Hoch oben strahlten ein azurblauer Fleck, der sich in einem tiefgrünen Wasser wiederspiegelte. Der See war gigantisch! Das andere Ufer war kaum auszumachen und er war bestimmt tief. Doch in dem warmen Termalwasser tummelten sich viele Leute, die lachten und sangen. Es ging hochher vor den Riten, die ein Anlass zur Freude waren. Schnell entkleidete sich Ilah und ließ ihre Kleider auf einer der beheizten Bänke liegen. Dilana und Antaris folgten ihr und stiegen in das anfangs flache Gewässer. Ilah fühlte, wie das warme, leichte Wasser sie umgab, sie trug und reinigte. Der Sandboden war kribbelig unter den Füßen und das grüne Wasser hatte eine merkwürdige Anziehungskraft. Ilah fühlte, wie es allen Stress abwusch, alle Schwernis von ihr nahm und in ihrer Seele ein wohltuendes Prickeln auslöste. Sie planschte mit den Händen und merkte, dass dieser See sehr weiches Wasser führte. Er wurde von einem unterirdischen Fluss gespeist, in den sie hin und wieder tauchte. Ilah konnte, so wie El die Luft anhalten und unter Wasser atmen. Der unterirdische Fluss war dunkel und voller Fische, deren grüne Farbe zur Tarnung diente. Diese Fische schwammen nun auch um Ilahs Füße und sie griff nach ihnen. Die Fische waren rauh und schuppig. Sie dienten zur Heilung, da sie eine Flüssigkeit ans Wasser abgaben, die das Nervensystem stimulierte und den Geist belebte.
Es war schön an diesem Ort der Reinigung und Ilah wurde von der Atmosphäre im Erdtempel ganz und gar umgeben. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf das kommende Ritual.
In der selben Zeit strich El durch die Gärten seiner Zitadelle und langweilte sich. Er verließ den Turm und wanderte über die Felder und kornbestandenen Äcker der Bauern. Die Sonne war warm und die Felder rochen nach Weizen und Roggen. Das Heu duftete verführerisch und alles lag in einem warmen Braun-grün-Ton, der von dem leisen Zirpen der Grillen unterstrichen wurde. Auf einem der Äcker mähte eine Schar Bauersleute Korn und am Himmel flogen Schwalben und langbeinige Vögel, die darauf warteten, dass Körner für sie abfielen. Auf dem Feldweg wuchsen lange Grashalme und Blumen, die El an den braunen Beinen kitzelten. Er genoss die Ruhe und Idylle der ländlichen Gegenden Aschkantuls.
Plötzlich kam ihm ein Mann entgegen mit sehr langem Haar. Mit melodischer Stimme sagte er: „O Herr, wo ist die Herrin hin? Ich suche sie schon lange.“
El antwortete: „Sie ist zu den Hügeln der Erdpriesterinnen gegangen und feiert die Riten der Erdmutter mit ihnen. Warum suchst du sie?“
Der Mann meinte geheimnisvoll: „Nur wenn dein Haar so lange ist wie dunkle, schlaflose Nächte, dann kannst du die Herrin finden.“
El verstand nicht so recht. Der Mann wirkte sehr in sich gekehrt und schien ein Geheimnis zu verbergen. El beschloss, dem Mann nicht weiter Beachtung zu schenken, denn Aschkantul bot viele Geheimbünde und Priestergemeinschaften auf und es umgaben sie viele Geheimnisse. El ging weiter und der Himmel verdunkelte sich zu einem warmen Sommerregen. Prickelnd fiel er auf El nieder und machte seine braune Haut glänzend und über den Feldern hing ein Dunst, wie er nur im Sommer zu sehen war. El ging weiter und kam schließlich in einen kleinen Wald mit Laubbäumen. Dort setzte er sich auf einen moosbewachsenen Stein und verspeiste einige Beeren. Die roten Feldbeeren wuchsen hier in Hülle und Fülle. Er stand auf und lief durch den Wald. Plötzlich vernahm er, wie sich der Regen legte und Stille eintrat. Es war eine Stille, wie er sie von Wäldern nicht kannte. Und dieser Nebel! Er lag einfach über allem. Im Sommer gab es zwar Nebel, doch nur vom Regen. Was war hier?
Hier wurden die Bäume dichter und er sah eine Mauer vor sich. Wie kam eine Mauer in diesen Wald? Wer hatte sie gebaut? El schlich die Mauer entlang und gelangte zu einem großen schmiedeeisennen Tor. Es war fest verschlossen. Doch plötzlich kam auf der anderen Seite ein Wächter und sah El.
„Was wollt ihr hier, Herr?“, fragte der Wächter.
El sagte: „Ich wüsste gerne, was dies für eine Mauer ist und zu welchem Zweck sie erbaut wurde?“
Der Wächter hatte auffallend langes Haar, was El an den seltsamen Mann auf den Feldern erinnerte. Der Mann sagte mit ernster Mine:
„Eigentlich haben hier nur Männer des Gartens und Ilah Zutritt.“
El fand die ganze Geschichte immer seltsamer und merkwürdiger. Warum Ilah? Was hieß „Männer des Gartens“?
Sehr komisch! El war die Sache unheimlich, zumal es nun immer nebliger wurde und man kaum die Bäume erkennen konnte.
„Ich möchte trotzdem hinter die Mauer blicken“, meinte El bestimmend.
Der Wächter sah ihn an und stellte fest, dass El auch Haar bis über die Schultern hatte.
„Also gut“, meinte er und wurde sich wohl der Tatsache bewusst, dass er hier dem Herrn von Aschkantul gegenüberstand, „aber nur für eine Stunde. Ilah ist die Herrin dieses Gartens.“
Der Wächter schloss das Tor auf und El trat ein. Der Nebel war wie weggeblasen und El fand alles nur um so merkwürdiger, als er durch weiches, seidiges Gras lief und nichts sah außer hohen Laubbäumen und Blumen, Büsche und lauschige Ecken in tiefer Ruhe und Eintracht. Er lief durch das Gras und merkte, dass der Wächter ihm unerwartet nicht folgte. Er blieb am Tor zurück.
El gelangte auf einen Kiesweg mit weißen Steinen, der zu einem palastartigen Gebäude führte, das aus rotem und blassgrünem Marmor erbaut war. Überall war es ruhig. Es schien, als würde hier keiner wohnen außer der Wind in den Zweigen und das Murmeln in den Springbrunnen. Der Garten war erfüllt von einer prickelnden Stimmung, so als läge ein Hauch juugendlicher Erregung in der Luft. In den Sträuchern sangen nicht sichtbare Vögel sanfte Melodien und es gab Sitzgruppen mit weich aussehenden Marmorbänken. Alles war rund und füllig, wohlklingend und aufregend. El sah sich verzaubert um und konnte all das nicht fassen. Wer wohnte hier und warum hatte Ilah ihm nie etwas von diesem Garten erzählt, der so viele Geheimnisse zu bergen schien?
Er ging um das Haus herum und fand alles leer. Er wurde immer gespannter, was ihn hier sonst noch erwarten würde und lief weiter. Schließlich sah er zwischen den Bäumen Rauch aufsteigen. Wort auf einer mit weichem Gras bewachsenen Lichtung sah El ein Feuer und in dem Rauch stand ein Mann. Wieder mit sehr langen Haaren.
„Ist das die Vereinigung der Langhaarigen“, dachte El belustigt.
Der Mann sah erstaunt auf und erschrak, als er El ansah.
„Wer seit ihr Fremder?“, fragte er entsetzt.
El wunderte sich, denn sonst kannte jeder im Reich sein Gesicht. Er trat in das Blickfeld des Mannes und meinte: „Ich bin El, der Herr von Aschkantul. Wer seit ihr und was ist dies für ein Ort?“
Der andere antwortete und erkannte jetzt, das er hier den Herrn des Landes vor sich hatte: „Mein Name ist Siluko und dies ist der Lustgarten der Herrin. Wir erlernen hier die geheimen und hohen Künste der heiligen Leidenschaft und sind allesamt Schüler der Gebieterin des Reiches. Die Kunst der Magie ist der der heiligen Leidenschaft gleichzusetzen und führt zu tiefer Einsicht und verborgenen Fähigkeiten.
Wir sind 32 insgesamt. Ilah kommt hierher um der reinen Freude und göttlichen Ekstase zu huldigen.“
El verschlug es die Sprache. Noch nie hatte Ilah ihm von diesem Paradiesgarten berichtet. So war das also. Ilah hatte sich Schüler genommen, die hier eine uralte Form der Magie lernten. Ilah steckte voller Rätsel und unergründlicher Fähigkeiten. Er wunderte sich zwar, dass der Mann ihm so freimütig von dem Garten und seinem Zweck erzählte, doch El kannte sich mit der Kunst der Magie aus und wusste, dass Siluko im Energiefeld des magiers die gute Absicht erkannt hatte, sonst hätte er vermutlich nichts dergleichen erklärt.
Siluko bedeutete ihm ins Haus zu kommen. Dort gab es in der Eingangshalle mit Edelsteinen geschmückte Springbrunnen und am Boden konnte man reiche Mosaike bewundern. Alles war in grün und rot gehalten, den Farben der Leidenschaft und Lust. Ilah hatte sich hier einen Traum erfüllt – so schien es El. Siluko geleitete ihn in den Salon, wo sich viele runde Sitzpolster und Diwans befanden, auf denen jedoch keiner zu sehen war.
„Wo sind all die Männer hier?“, fragte El verwundert.
Siluko sah verlegen zur Seite und antwortete: „Sie zeigen sich nur, wenn Ilah kommt. Sobald andere Männer den Garten betreten ziehen sie sich in die oberen Räume zurück.“
„Führe mich durch den Palast“, forderte El. Der Mann erkannte, das auch El in den Künsten der göttlichen Ekstasetechniken bewandert war, denn er bewegte sich hier, als nehme er die Aura der Macht wahr, die von wundersamen Riten und himmlischen Gefilden zeugte.
Bereitwillig ging Siluko voran und stieg zunächst eine breite Marmortreppe hinauf. Überall war mildes Licht und an den Wänden hingen Bilder von merkwürdig verdrehten Tänzerinnen, Frauen mit magischen Werkzeugen in den Händen und mehrarmigen Wesenheiten, die milde auf sie herablächelten. Alle blickten abwesend und verklärt. Im oberen Stockwerk lagen dicke Seidenteppiche auf dem Boden und Vasen mit bunten Blumen standen herum. An der Wand hing hin und wieder ein kostbarer Dolch oder ein bewebter Wandbehang. Doch alles war still. Siluko öffnete eine Tür. El sah einen in violett eingerichteten Raum. Die Farbe blendete ihn fast nach all den warmen Tönen. Ein großes Bett mit violetten Vorhängen stand darin. Im nächsten Zimmer war alles blau: die Vorhänge, die Sofas, das Bett. Weiter gab es rote, orangene, zartgrüne und altrosane Zimmer in denen überall Betten und runde Sitzpolster mit Kissen waren. Die Muster auf den Möbeln und Stoffen zeigten Drachen, Phönixe und verschlungene Pflanzenranken. Gerade wollte El seinen Blick von einem Sitzpolster abwenden, da sah er einen jungen, gutaussehenden Mann darauf liegen. Sein Haar lag ausgebreitet auf den Kissen und er schlief.
„Wer ist das?“, fragte El Siluko.
„Das“, meinte er „ist Hyazinth. Er ist einer der besten Schüler der Herrin. Er kann tagelang in Meditation verharren und beherrscht die Telepathie in hohem Maße. Er schläft tief und fest“, meinte Siluko mit leiser Stimme.
„Wie viele sind noch hier?“, wollte El wissen.
Siluko zuckte die Schultern. „Die anderen sind im Stockwerk über uns, hier ist niemand, wie ihr gesehen habt.“
Siluko führte El über eine Hintertreppe in den Garten. Und als sie in einen kleinen Hain traten, da waren sie plötzlich alle da! Von allen Seiten wisperte das Gras und viele Männer in teuren Gewändern und mit langen Haaren kamen auf sie zu.
Siluko meinte: „Seht ihr alle! Der Herr von Aschkantul ist hier, um sich unseren schönen Wohnort anzuschauen. Es ist nicht gerade nett von euch, so zu tun, als ob keiner da wäre. Stellt euch vor!“
Die Männer trugen Amulette mit mystischen Symbolen darauf und bildeten um El einen Halbkreis. Sie waren alle jung, gutaussehend und voller Lebensenergie und dienten hier an diesem paradiesischen Ort der Herrin. Nacheinander traten sie vor und nannten ihre Namen. Da waren Ilkon, Eomar, Dragomir, Eldan, Galafin, Mahano, Quendolin und Maron Jeder verneigte sich und El lächelte amüsiert, denn er fand diesen Ort wunderbar und voller Kraft. Dann schlichen sich die juungen Männer wieder in die baumbestandenen Wiesen und Siluko blieb allein zurück. El war erstaunt und überrascht von den energievollen Schülern, die sich Ilah hier zusammengesucht hatte, denn sie bildeten eine Gruppe mystischer Adepten, die es sonst in Aschkantul so nirgends gab. Es war ein Wunder, dass sie ihm so leicht vertrauten, denn ihr strenges Studium verbot es ihnen, mit anderen Kontakt zu haben oder sich durch fremde Einflüsse ablenken zu lassen.
El kannte Ilah zwar gut, doch alle Geheimnisse der Magierin dann doch auch wieder nicht. Die hohe Kunst der Leidenschaft war eine der ältesten und am komplexesten zu erlernenden Fähigkeiten. Durch bestimmte Techniken der Ekstase konnte man unbewusste Macht wecken, die man jedoch völlig beherrschen musste, um nicht bei den Riten whansinnig zu werden. Es erforderte eine jahrelange Ausbildung, bestimmte Grundfähigkeiten und ein intensives Studium unter Anleitung eines Meisters, damit jeder die einzelnen Schritte des Lernprozesses genauestens verstand.
In ganz Aschkantul gab es nirgendwo so schöne Männer wie hier. Es waren die schönsten der Schönen und die langhaarigsten. Dragomir hatte Haare, die bis über die Hüfte wallten. Er hatte sie kunstvoll in den Gürtel gesteckt. Siluko meinte:
„Dragomir ist der Meisterschüler der Herrin, denn er steht kurz vor der vollendeten Meisterschaft. Sie meint vieles mit vielen Worten“, meinte er versonnen und verstummte. Er wollte anscheinend nichts mehr weiter erklären und versank in mystischem Schweigen.
El wandte sich zum Haus und fragte:
„Du hast mir vorhin etwas von einem Bad erzählt, welches sehr kunstvoll verkleidet sein soll. Zeige es mir.“
Siluko gehorchte und führte El durch die Hintertür in den Palast zurück. Dort wies er El im ersten Stock eine große Tür. Als El sie öffnete, verschlug es ihm fast den Atem. Hier war alles golden und silbern. In dem übergroßen Basin in der Mitte des Raumes – natürlich rund -, gab es türkise und blaue Kacheln mit erhabenen Seetieren und Korallen darauf. Im Raum herrschte eine sanfte Helligkeit, die von den Steinen selbst zu kommen schien. An der Wand hing ein überdimensionaler Spiegel mit Goldrand. Es gab beheizte Bänke mit weichen Tüchern zum hinlegen. Auf einem Wandregal aus geschnitztem Holz standen allerhand Tiegel, Töpfe und Schalen sowie eine Auswahl zahlreicher Flaschen mit duftenden Ölen und Bädern. El roch in jedes Gefäß hinein und war am Ende wie berauscht von den Gerüchen. In der letzten Flasche war Wacholder-Zitroneöl und er konnte nichts mehr riechen nach all diesen himmlischen Düften. Reines Sandelholz, Rosenöl, Mischungen aus Beeren, Säften und Pulvern, die alle Leidenschaft und Wohlbehagen erzeugten.
Siluko hatte sich entschuldigt und wartete draußen im Garten auf El. Plötzlich ging die Tür auf und ein junger Mann trat ein. Es war Hyazinth.
„Oh!“, rief er erschrocken „wer ist hier drin? Ich dachte ich könnte einmal in Ruhe….“ Weiter kam er nicht, denn Hyazinth bemerkte, dass es sich hier nicht um einen seiner Mitbewohner handelte, sondern um den Herrn von Aschkantul selbst.
„Ver….. Verzeihung, Herr. Ich ahnte nicht, dass ihr hier seit. Was führt euch hier her und wer hat euch überhaupt hereingelassen?“
„Siluko“, antwortete El, „seit ihm nicht böse, denn ich forderte ihn auf, mir den Garten zu zeigen. Ich will euch in keinster Weise bei euren Übungen oder eurer Meditation stören.“
„Und was“, fragte Hyazinth, der sehr misstrauisch zu sein schien, „tut ihr dann in unserem Bad? Hat euch die Herrin nicht gesagt, dass keiner unser Reich betreten darf?“
El lachte und nickte verständnisvoll: „Ich roch gerade an euren fantastischen Badeölen. Die sind herrlich! Um deine Frage zu beantworten: Nein. Ilah erzählte mir nichts von diesem Garten und schon gar nicht, dass hier eine magische Gemeinschaft lebt. Es tut mir leid, wenn ich eure Gesetze verletzt habe.“ Der Schüler seufzte und trat ganz in den Raum.
Hyazinth trug einen schwarzen Hausanzug aus Seide und hatte ein schmales Gesicht, das den Völkern in Tirkulat, der Waffenschmiede ähnelte. Er nahm sich einen Tiegel von einem der Marmorwaschbecken und begann sich in aller Ruhe das Gesicht zu salben. El traute seinen Augen nicht! Hier wollte er nicht weiter stören.
El verschwand so schnell er konnte durch die Tür und lief in den Garten hinaus, wo Siluko auf ihn wartete. Er wollte so bald wie nur irgend möglich diesen seltsamen, fast ein Bisschen entrückten Ort verlassen. Der Magier kannte die Künste seiner Ilah so gut, dass er wusste, wenn es gefährlich war, sich in magische Angelegenheiten zu mischen. Er selbst hatte vor sehr langer Zeit ein strenges Studium und eine lange Zeit der Zurückgezogenheit durchlaufen, um tieferes Wissen zu erlangen und hier gedieh nicht nur ein wunderbarer Garten, sondern auch Blüten neu entdeckter Macht.
Siluko begleitete El bis zum Tor und verneigte sich.
„Mir war es eine Ehre, euch den Garten der Langhaarigen zu zeigen. Wenn Ilah wieder kommt, würden wir uns sehr freuen. Sie sollte bald wieder bei uns sein.“
Schnell lief El den Weg zu den Feldern und Äckern der Bauern entlang und schlug den Weg zur Zitadelle ein.
Ilah wusste ihre Schätze zu schützen. Er hoffte, sie würde bald von den Riten heimkehren. El war gespannt, was Ilah sagen würde, fragte er sie nach dem verborgenen Garten im Wald und den Männern und dem seltsamen Zaubernebel über allem. Er erinnerte und sehnte sich nach der Zeit der langen Meditation und der großen Tiefe, mit welcher er damals eigene Erkenntnisse erworben hatte.
Hier geht's zum Feedback-Thread (http://www.fantasy-forum.org/showthread.php?t=1611)
Prolog
Am Beginn allen Seins war der Raum und der Raum war dunkel und noch von keinem Leben erfüllt. Es existierte nur Potential zu sein, zu schaffen, sich auszubreiten. Kein Laut war zu vernehmen.
Mit einem Mal erfüllte sich der dunkle Raum mit einem unbeschreiblichen Wispern, von wo es kam, war nicht auszumachen. Es war überall. Der Raum war das Wispern und es schwoll an zu einem tiefen warmen Summen.
Das war die Kraft, durch die alles wurde und aus der alles strömte.
Das Summen wurde lauter, durchdringender, schwingend und intensiv. In dem Summen lag Fülle und der Urwille zu sein. Plötzlich verstärkte sich das Summen so, dass eine gewaltige Vibration durch den Raum lief und aus der Dunkelheit wurde ein schwaches, blaues Leuchten, welches alles zu erfüllen begann. Es war ein sanftes Blau und es wurde strahlend.
Mit einem Mal verwandelte sich das Blau in tiefes Violett, dann in purpurnes Rot, zuletzt in ein glühendes Orange, welches heiß wurde und begann sich zu formen. Aus der Hitze wurde Materie, aus der Materie flogen gewaltige Explosionen. Es bildeten sich heiß glühende Massen, die durch den nun hellen Raum schossen.
Aus der sich ausbreitenden Materie wurden Sterne, Monde, heiße Sonnen und eiskalte Planeten. Manche kühlten in einer gewaltigen Entfernung bereits ab, während andere noch fast flüssig waren. Das Summen war der Urbeginn des Seins gewesen und die Kraft, die es hervorbrachte, schien wie eine urgewaltige Quelle, aus der immer neue Formationen an noch flüssigem Gestein entsprangen.
Viele Sterne und Planeten waren entstanden, geworden aus dem füllereichen Willen der Urkraft des Seins. Die Sterne bestanden zunächst nur aus Gestein und Magma, aus Eis oder Wüsten, doch mit der unendlichen Zeit, die es im Raum gab, kamen aus der Ursuppe der Materie Lebewesen hervor, die fingen an, die Sterne zu bevölkern und begannen, sich dort zu entwickeln.
Manche Sterne machten durch ihre Atmosphäre aus ihren Bewohnern großartige Wesen mit enormen Fähigkeiten und Macht. Der Urquell allen Seins brachte Wissen, Wille und Macht hervor, die frei durch den Raum strömten.
Die verschiedenen Sphären waren geschaffen und alle waren unterschiedlich: die einen voller heißer Wüsten und mehreren Sonnen und Monden, die anderen wurden von Dschungel und Sümpfen bedeckt, wieder andere waren bergig und kühl und wieder andere Sphären bestanden aus merkwürdigem Gestein und allerlei Pflanzen, die es sonst nirgendwo gab.
Die Wesenheiten, die diese Sphären bewohnten, waren unterschiedlich stark an Geist und Körper. Es hing oft von der gesamten Vegetation ab, wie sich ein Volk entwickelte. Jede Art passte sich individuell an ihre Sphäre an und begann dort zu existieren. Viele besaßen große magische Kraft, Erfindungsreichtum oder anderes Wissen.
Doch in dem Raum kühlte es ab und es wurde außerhalb der sphärischen Bereiche und der heißen Sonnen dunkel und leer.
Dort, in der absoluten Dunkelheit bildete sich eine leere, schwarze weite Ebene, die bis in die Unendlichkeit zu reichen schien. Über dieser Ebene erstreckte sich ein dunkelviolettes Firmament, an dem keine Sonne schien, jedoch von ihm ging ein eigenes Leuchten aus, das der Ebene einen merkwürdigen Schein verlieh. Nichts spiegelte sich in der schwarzen Ebene, nichts warf einen Schatten auf den glatten Boden dieser sonderbaren Sphäre.
Auf der Ebene waren zwei mächtige Wesen: der eine weiß, der andere schwarz. Ebenbürtig standen sie sich gegenüber und keiner konnte ohne den anderen sein. Es war ein Urgefühl von Polarität in den Wesenheiten, die dort standen, lauernd, bedrohend, den anderen bei der geringsten Bewegung auslöschend. Der eine absorbierte Licht, der andere reflektierte es, doch beide wussten, dass sie eine Einheit bildeten.
Ein Glühen lag in den Augen des schwarzen Wesens, ein funkeln in den Augen des weißen Geschöpfes. Jeder hielt einen Stab in der eigenen Farbe in der einen Hand, der ihnen Macht verlieh. In der anderen Hand hielt jeder der beiden Geschöpfe eine Kugel. So standen sie da, als ob sie auf ein Zeichen warteten, ein Zeichen, dass ihnen Bewegung gestattete.
Plötzlich hob der Schwarze seinen Stab, Blitze von greller Schärfe zuckten in die Richtung seines Gegners und berührten ihn doch nicht. Der Weiße hob seinerseits seinen Stab, aus dem Blitze flammten, den Gegner nicht trafen. Die schwarze Ebene war nur von den Blitzen aus den Stäben erhellt und das Feuer der Vernichtung flammte in den Augen der kosmischen Kämpfer, denn das waren die Wesen. Sie waren die Urbrüder der Kraft, die in den Mythen oft als die mythischen Zwillinge erschienen, die Gewitter durch ihren ständigen Kampf erzeugten. Keiner würde nachgeben, bis nicht der Gegner fiel. Die Atmosphäre war mit magischer Kraft geladen, Blitz folgte auf Blitz, Schlag folgte auf Schlag. Aus den Kugeln brachen Feuerkugeln hervor, die alles erleuchteten. Die Atmosphäre wurde heiß, so unglaublich heiß, dass die Ebene sich begann zu verflüssigen.
Da glühte mit einem Mal das violette Firmament auf, wurde rot und eine sonnenähnliche Kraft traf die Kämpfer. Es strahlte und glühte, die kosmischen Brüder stürzten sich mit wildem Glanz in den Augen auf einander, einer versuchte den anderen im letzten Sein zu überwinden – eine Explosion erschütterte die Ebene und die beiden Brüder wurden in glühendes Rot gehüllt. Die Kraft ihres Kampfes verschlang sie beide, riss sie mit Urgewalt auseinander, schleuderte sie in entgegengesetzte Richtungen des Raumes...
Die Urbrüder – der weiße und der schwarze Magierkrieger – würden sich erst am Ende, am kosmischen Zusammenfall des Raumes wieder begegnen, doch ihr unendlicher Kampf, ihr Tanz des Seins, würde sich in den Sphären widerspiegeln, würde die Dualität in die Seelen der Bewohner des Raumes setzen.
Dies war der Uranfang des ewigen Kreislaufes von Werden und Vergehen, von Geburt, Tod und Wiedergeburt...
Das Ritual im Norden
„Wer ist gekommen, o Galadir?“
„Euer Hoheit, eine Abordnung der Magier vom Berg.“
„Wer ist ihr Anführer?“
„Ich muss euch sagen, es scheint, dass – ich habe dunkle Vorahnungen – es sich um Cryon handelt.“
„Mögen die Mächte uns schützen! Aber Galadir, du weißt doch, das wir in Freundschaft mit ihnen stehen. Du bist gleich so voreingenommen.“
„Soll ich ihn hereinbitten, mein Herr?“, fragte er mit erschreckter Stimme.
„Galadir, du siehst dunkle Omen, wo gar keine sind, Aber lass ihn rufen.“
Der Oberbefehlshaber von Aschkantul entfernte sich rückwärts von seinem Herrn, dem hohen Magier dieser Sphäre. Er hatte keine Furcht vor den Magiern vom Berg, doch ihm war das Volk im Norden unheimlich. Er hatte immer, wenn die Magier im Norden eines ihrer Feste feierten, so ein seltsames Gefühl, das unbestimmbarer Natur war. Er selbst kam aus einer der Städte im Westen und war schützende Mauern und höfisches benehmen gewohnt. Die Nordleute hingegen, erschienen ihm wie Menschen einer längst vergangenen Epoche, in deren Verlauf sich der Mensch vom Jäger zum Ackerbauern entwickelte. Er wusste selbstverständlich um das harmonische Gefüge der Macht in dieser Sphäre, aber die Methoden, mit denen das Magierpaar den Elementarkräften huldigte, wirkten auf ihn schauerhaft.
Er öffnete die riesige Eichentür. Der Saal, in den Galadir den dunkelgekleideten Mann führte war düster. Er war in gotischer Bauweise errichtet, die Fenster waren hoch und spitz und die Decke gewölbt mit mythischen Szenen bemalt. Einige der Bilder zeigten Drachenmuster und die gefürchteten Lindwürmer aus der Wüste Ta’in, die im Süden des Reiches lag. Die Lindwürmer, so dachte Galadir, als er auf die Szenerien blickte, bewachten große Reichtümer, von denen ihm in seiner Kindheit erzählt wurde. Sie seien furchtbare Wesen, ganz mit Schuppen bedeckt und konnten bis zu 10 Metern lang werden. Den schlanken Mann, der Galadir war, fröstelte bei dem Gedanken an Lindwürmer... gerade jetzt, da Cryon von den Hexern vom Berg gekommen war! Galadir erinnerte sich schmerzlich daran, dass er, der er diplomatische Verhandlungen mit den unterschiedlichsten Vertretern führen musste, sich vor den Nordleuten fürchtete, doch diese Tatsache half ihm jetzt wenig, denn es gehörte nun einmal zu seinen Pflichten. Er war ein angesehener Mann und stand doch fast immer im Hintergrund. Das Wohl des Magierpaares stand für ihn an höchster Stelle und da konnte kommen, wer wollte. Nicht vielen war es vergönnt, dem Herrscher so nahe zu sein und die Gäste bis vor die Stufen seines Thrones zu geleiten.
Im rechten Schiff des Kathedralenraumes befand sich ein massiver Tisch mit Stühlen darum. An den Wänden entlang waren Bänke aufgestellt, auf denen eine Menge sehr edel und wohlhabend gekleideter Leute saßen.
Von der Decke hing ein vergoldeter Kronleuchter und die Säulen, die sie stützten, waren aus fast schwarzem Holz. Der Boden knarrte unter den Schritten der beiden Männer, die sich dem Thron näherten. Der Thron stand auf einem Podest aus dem selben schwarzen Holz wie die Säulen, die Stufen bestanden aus schwarzem Turmalin und spiegelten das flackernde Kerzenlicht wieder. Der Thronsessel war aus Elfenbein und Ebenholz, hatte geschnitzte Armlehnen und die Lehne in Form eines Pfauenrades und funkelte von Blutroten Edelsteinen. Auf dem Sitz saßen zwei große Gestalten: Er war schlank und hatte dunkelbraune Haut, die aber keiner Rasse zuzuordnen war. Sein schwarzes Haar fiel ihm bis auf die Schultern und darüber hinaus, darauf trug er eine Krone mit sieben spitzen Zacken, von denen jeder mit einem grünen Smaragd geschmückt war. Sein Gesicht spiegelte in den tiefen Augen ohne Grund und Sein das Kerzenlicht wieder. Der Herrscher trug eine Kette mit einem Silberamulett daran, es zeigte geheime Zaubersymbole. Er war in ein langes, dunkelgrünes Gewand gehüllt, das mit einem Gürtel aus silbernen Blüten und Korallen umgürtet war. Seine Füße steckten in hohen Stiefeln aus schwarzem Wildleder mit Silberschnallen.
Zu der Linken des Magierkönigs saß lauernd und wachsam eine ebenfalls sehr große Frau mit ebenfalls der selben Hautfarbe und dem selben pechschwarzen Haar und auch der selben Krone mit den Smaragden. Sie hingegen trug ein anderes Amulett, welches mystische Kultsymbole eines anderen Magierkreises zeigte. Ihr Gewand war schwarz, schwarz wie ein sternenloser Alptraumhimmel und so waren auch ihre Stiefel und ihre Handschuhe. Der Gürtel bestand ebenfalls aus Silber und auf den Knien lag ein in – wie sollte es anders sein – schwarzen Satin gebundenes Buch.
„Willkommen Freund dieses Hauses“, sprach die Magierkönigin „wir freuen uns über deinen Besuch. Was führt dich aus dem hohen Norden hier her. Ist die Zeit des Opfers nah?“
Die Herrin von Aschkantul hatte feine Züge und ihre Augen strahlten Wissen und Frohsinn aus. Ihre Stimme war melodisch und voller Wärme, die ihrer Leidenschaft für den Gesang Ausdruck verlieh. Sie liebte die Magie, die sie mit ihren Gesängen wob und das Mysterium der Dunkelheit, aus der jede der zahlreichen Sphären entstammte. Ihr Wissen hatte sie in den langen Jahren des Studiums erworben. Es erforderte Disziplin, strenge Meditation und vor allem die Liebe zum Sein selbst, die jede magische Handlung erst mit Sinn und Wirkung erfüllte. Die Rituale der Zyklen des Jahreskreises waren ihr vertraut und fest im Leben der Bevölkerung und ihrer Herrscher verankert.
Cryon erhob sich von den Knien und verneigte sich:
„Ich kam hierher aus dem Norden, o viel verehrte Herrin dieses Landes, um dir eine Einladung zum Roggensaatfest auszusprechen.“
Cryon war ein großer Kerl mit Haaren, die ihm in die Stirn hingen und einem schwarzen Mantel aus einem glänzenden Pelz. Seine Augen waren schwarz und stechend, sodass man, wenn man in sie blickte, wie gelähmt war. Ein unbeschreibliches Lächeln spielte um seine Mundwinkel. Er wirkte fast etwas grobschlächtig, aber da im nördlichen Teil des Reiches ein raues Klima herrschte, war das auf die Witterung und das harte Leben voller Feldarbeit und Viehzucht zurückzuführen.
Seine Einladung war eigentlich nichts besonderes – Roggensaat ist in ganz Aschkantul nichts weltbewegendes.
Doch diese Riten der Magier vom Berg hatten es in sich: Es waren Trancefeiern mit bewusstseinsverändernden Drogen und Opfern der härtesten Art. Der Magierkönig vereinte zwar dunkle und helle Magie in seinem Reich, doch war er eher der sanfte und Fruchtbarkeitbringende Herr. Der Magierkönig von Aschkantul hatte sanfte Augen, die von innerer Stärke und doch friedlicher Absicht strahlten. Er liebte, wie seine Gemahlin die Musik und verbrachte viel Zeit in Gärten und Wäldern, deren Pflanzen und Tiere er studierte. Die Kunst des Sterndeutens und der Bestimmung der Feste durch den Lauf der Sonne waren seine Gebiete. Der Herr des Reiches reiste durch die Sphären und lernte dort von anderen Herrschern neues Wissen, vor allem für seine Forschungen der Heilkunst, der psychischen Energien und der geistigen Fähigkeiten. Das war seine Welt – das Innenleben und die Funktionen eines denkenden Wesens zu erforschen und Störungen heilen zu können.
Die Herrin war eine Frau der dunklen Künste.
Hier zum Verständnis: Die dunklen Künste waren in diesem Fall nichts Böses, sondern strengen Gesetzen unterworfene Praktiken, die ein Suchender für sich nutzen konnte, um die Geheimnisse des Seins zu ergründen.
Jeder, der gegen die Naturgesetze der Götter und des Magierpaares verstieß, war jedoch in Gefahr und musste mit der dunklen Rache der Nordvölker wie der schwarzen Südleute rechnen. Die Herrscher der Sphäre achteten alle Kulte und alle Ausübungen der Magie, sofern sie niemand schadeten oder gegen den Willen eines lebenden Geschöpfes eingesetzt wurden. Zu den Künsten, die ein sphärischer Herrscher meistern musste, gehörte das Reisen durch die Räume zwischen den einzelnen Sphären und Galaxien, die Kontrolle der Mächte, die sein Reich zusammenhielten und das Verständnis und der Respekt des Lebens. Die Magierkönige, die über ein Land herrschten, mussten fliegen können und Einsicht in die Geschehnisse in und um ihr Reich haben, die dort vor sich gingen. Oft waren die Herrscher sehr alt und regierten jahrhunderte lang ein großes Reich, das sie oft auch vergrößerten. Die Menschen und die Vegetation einer Sphäre hing von der Beständigkeit der Macht eines Magiers ab. Starb ein Herrscher gewaltsam, ging oftmals seine gesamte Schöpfung zugrunde. Oft wurden die Herrscher von den Leuten als Verkörperung des weiblichen und männlichen Prinzips verehrt und man brachte ihnen Opfer und lud sie zu geheimen Riten ein, durch die sie den Wohlstand sichern sollten.
Aschkantul war eine Sphäre in der Weite der Universen und Welten, die überall von dunklen wie lichten Königen und Magiern beherrscht wurden. Doch der Herr und die Herrin von Aschkantul waren ein Paar der mächtigsten, da sie seit dem Urbeginn existierten und sehr stark an magischen Fähigkeiten waren. Bei manchen Völkern in Aschkantul kursierte die Meinung, dass die beiden Magier die Göttin und den Gott selbst repräsentierten. Doch hin und wieder kam es auch zu Auseinandersetzungen oder sogar zu Kriegen zwischen den Sphären, denn jeder bewachte eifersüchtig sein Reich. Manche Herrscher waren machtgierig und besessen von der Vorstellung, alle Sphären beherrschen zu können. Jedes Reich war durch starke Magnetfelder und Bannkreise geschützt, doch Hass und Neid regierte in so mancher dunklen Sphäre. Doch in der Regel herrschte Freundschaft zwischen den Reichen der dunklen wie der helllen Herren.
Viele Sphären wurden von hoch technisierten Meistern beherrscht und sie hatten große Furcht vor allem, was irgendwie magisch war. Sie konnten ein menschliches Gehirn im Original nachahmen und hatten die Weite und Größe des Universums längst berechnet. Sie konnten alle Gene einsehen und hatten Maschinen, mit denen sie ein Gehirn so beeinflussen konnten, dass es eine völlig neue DNA besaß.
Andere hatten magische Macht, mit der sie bis an die weitesten Stellen des Raumes fliegen konnten. Sie kannten Riten, die sofort Wirkung zeigten und erfanden Elixiere, die den Geist in seine früheren Daseinsformen führten. Die Magier konnten in den Geist anderer sehen und ihn beeinflussen oder verändern. Bei den schwarzmagischen Meistern war es üblich, mit technischen oder geistigen Methoden sich Informationen zu beschaffen, die sie haben wollten. Oft wurden die Opfer wahnsinnig bei solchen Riten. Auch in Aschkantul gab es schwarze und weiße Magier, die jedoch friedlich nebeneinander lebten. Sie achteten die Gesetze des Magierpaares und wollten nichts, als das Wohlwollen der beiden zu gewinnen. Das Volk hatte aber keine Furcht vor dem König und der Königin, da diese gütig und gerecht herrschten.
So war nun Cryon, der Anführer der Magier vom Berg gekommen, um das hohe Magierpaar zum Opfer für die Ernte einzuladen. Der Herr sollte Fruchtbarkeit bringen doch er brachte sie nur, wenn ihm dementsprechend geopfert wurde. Die Herrin war eine wilde Magierin, die alles mitmachte und jede Droge nahm, die den Geist veränderte. Sie ließ sich feiern und trank mit den Magiern vom Berg auf eine gute Aussaat.
„Ihr seid eingeladen“, sagte Cryon „und ich hoffe, dass der Herr uns die Gnade erweist, die Saat wohl wachsen zu lassen. O nehmt unser großes Opfer an.“
Er verneigte sich und der König sagte mit getragener Stimme:
„Wir nehmen eure Einladung an und werden eurem Volk Wohlstand und Fruchtbarkeit bringen.“
Galadir geleitete den Herrn der Hexer vom Berg hinaus.
Als er zurück kam, meinte er:
„Die Magier vom Berg sind schon ein seltsames Volk, findet ihr nicht auch?“
Die Königin antwortete: „Ach, ich finde die Feiern dort ganz unterhaltsam. Die Opferriten sind doch sehr amüsant und abwechslungsreich und außerdem ist dies der Lauf des Jahreskreises, den wir jedes Mal feiern. In uns fließen die Ströme der Gezeiten und wir selbst sind ein Teil im Gefüge des Werdens und Vergehens. Auf eine halluzinogene Vision folgt der erholsame Schlaf, auf das Erntefest wieder eine Aussaat und auf unsere Sphäre wieder eine andere... so ist der Kreislauf und auch ich bin nur ein winziger Funken dieser Kraft.“
Galadir wandte sich hoffnungsvoll an den Herrn:
„Ihr wollt doch nicht etwa zu diesen Riten gehen, mein Herr?“
Doch dieser meinte: „Wie stellst du dir das vor? Die Magier wären zu tiefst beleidigt, ich gehe natürlich. Ich bin der ausgleichende Pol zu meiner Königin und werde ihr im Ritual als stützender Pfeiler dienen und meinen Teil der Energie dazu beitragen, damit auch dieses Jahr die Ernte für alle reicht.
Du musst ohnehin das Haus hüten, brauchst also nicht mit.“
Erleichtert zog sich der gar vornehme und leicht – doch im erträglichen Maße – arrogante Oberbefehlshaber zurück. Er hatte eine für einen Mann sehr hohe und melodische Stimme und ein schmales Gesicht. Hin und wieder verdüsterte ein Schatten seine Züge: Ein dunkles Leiden lastete auf seiner Seele...
Die Herrin rieb sich die Hände:
„Das wird wieder ein Spaß werden! Die düsteren Riten der Magier vom Berg sind genau das Richtige, was mir jetzt fehlt. Dort gibt es viele interessante Leute und viele Drogen und Met zu entdecken. Also ich freue mich tierisch, du nicht auch?“
Der Magier meinte: „Wenn ich an die letzte Roggenaussaat denke, dann überläuft mich ein eiskalter Schauer. Ich finde, dass die hohen Meister der Zauberkulte manchmal ein Bisschen zu weit gehen.“
Doch die Herrin schüttelte belustigt den Kopf:
„Sei nicht so verweichlicht mein Lieber, du gehst da mit und lässt mir meinen Spaß.“
So herrschten die beiden Magier zwischen hochtechnisierten Wesen und tief verwurzelten Zauberkulten, denen sie mit Respekt und Energie beiwohnten.
Da die Herrin schon jetzt begierig auf die heiligen Riten im Norden war, wollten sie in drei Tagen aufbrechen. Nach dem reichhaltigen Mittagessen am Tag der Abreise ging es endlich los.
Sie erhoben sich und verließen unter den Höflingen auf den Bänken den Thronsaal. Schöne Frauen und stattliche Männer folgten ihnen und schritten hinaus. Es waren allesamt Höflinge, Diener, Musiker, Heiler und Magier der Zauberkulte des Landes, die ihren Dienst in der Zitadelle taten oder dem Magierpaar beratend zur Seite standen. Hier, am Hof der Herrscher waren alle versammelt, die Wissen und Macht besaßen, alle, die die Suche nach Wissen bis in die höchsten Grade der Einweihungen geführt hatte.
Sie traten hinaus aus dem Portal, auf die sehr lange Wendeltreppe, die den Turm durchzog. Als sie unten anlangten, wurde das riesige Tor geöffnet und die beiden Magier traten auf die Freitreppe, von wo man auf einen Platz sehen konnte, welcher mit bunt glänzenden Steinen gepflastert war. Links und rechts der Stufen standen die Tiamat, die Kriegerschaft von Aschkantul.
Hierzu muss man wissen, dass nur auserwählte, besonders schlaue und kampferprobte Krieger diesen hohen Dienst antreten durften. Die Tiamat waren Krieger, die der Magierkönig selbst weihte und die von Magron, dem listigen Hauptmann ausgebildet wurden. Sie standen auf den Stufen und wachten über das Tor.
Trat man nun auf den Platz, so konnte man das gesamte Ausmaß der Zitadelle von Aschkantul sehen: Es war ein aus schwarz-glänzendem Stein errichteter Turm, der bis in die Wolken ragte. Die Spitze war heute mit Nebel verhüllt und nicht zu sehen. Rings um den Turm reihten sich spitze Zacken und Vorsprünge, Balkone und Erker, Giebel und Zinnen. Im Vorhof befanden sich einige Pferde und Tiamat. Der König trat hinaus.
Trommeln. Schwere Trommeln und ein Hauch von Weihrauch lagen in der Luft. Immer, wenn die Magier die Zitadelle verließen, wurden Trommeln geschlagen und so das Erscheinen angekündigt.
El, wie der Magierkönig genannt wurde, wollte jetzt möglichst bald in den Norden Aschkantuls aufbrechen, denn das Roggensaatfest war nahe.
Ilah, die Magierkönigin freute sich tierisch auf das Ritual, denn dort hatte sie die verrücktesten Visionen und Erscheinungen. Sie genoss die Träume der halluzinogenen Pflanzen und Säfte. Ihr Gemahl war da etwas zurückhaltender und musste zwar auch die Tränke trinken, aber sonst nur den Zopf des ersten Urahnen der Magier vom Berg segnen, dass es regne und die Ernte gut reifen würde.
Sie suchten die stärksten Pferde aus und wollten Carchamor, den Haus- und Hofmeister beauftragen während ihrer Abwesenheit nach dem Rechten zu sehen.
Sie gingen zurück in den düsteren Saal. Auf dem langen Marmortisch lag eine Karte von Aschkantul. Galadir saß dabei und besah sich den Reiseweg.
„Also um diese Zeit ist die Ebene von Tschorok sehr gefährlich, mein Herr“, meinte er „Die Magier bewachen eifersüchtig ihr Tal und die Herren von Tschorok wollen nicht, – und ihr wisst, dass sie mit denen unter einer Decke stecken – dass irgendjemand in ihr Reich eindringt, jedenfalls während der hohen Feste nicht.“
„Oh Galadir“, seufzte Ilah „du brauchst dir keine Sorgen machen. Wir kommen jedes Mal heil zurück und jedes Mal bist du wie ein Wachhund. Sei doch mal vernünftig, wenn ich, ja wenn ich dort aufkreuze, dann sind sie ruhig und erwarten uns mit offenen Armen. Also? Welchen Weg würdest du vorschlagen?“
Galadir meinte: „Also gut. Ich würde dann über die Hügel von Maari, wo das Volk der Schamanen lebt, welches die Elemente beherrscht und sie mit Gesängen beeinflusst, sodass ihr sicher reisen könnt und euch kein Sturm in die Quere kommt. Weiter würde ich hinauf über die Pässe der schwarzen Berge, bis zum Wolkensee, der hoffentlich nicht allzu bewölkt ist...“
„Galadir, geht das schon wieder los“, rief Ilah.
„Also weiter. Dann würde ich durch den Hohlweg bis zum Tal der Magier vom Berg reiten und ihr werdet mit mindestens 10 Kriegern reisen.“
„Auf keinen Fall“, rief Ilah „wir reisen mit höchstens 3. Ende der Diskussion.“
Somit war das Gespräch beendet und die Reise konnte beginnen.
Tschorok war eine Ebene vor den schwarzen Bergen, die von einem Magiervolk bewohnt wurde, welches nicht so düster wie die Magier vom Berg schien, jedoch auch dunkle Riten und Kulte kannte. Das Reich von Aschkantul war groß und wurde überwiegend von Schamanen und Feenvolk bewohnt. Im Süden wohnten fast schwarze Leute, die sogar – wie die Magier vom Berg - Menschenopfer praktizierten. Dann gab es im Osten die Waffenschmiede von Tirkulat, deren Klingen als die schärfsten überhaupt galten. Im Westen lagen die Weiden der Pferdezüchter von Osbarit. Im Norden lebten die Magier vom Berg, bevor man jedoch zu ihnen gelangte, musste die Ebene von Tschorok überwunden werden. Sonst lebten in Aschkantul die Schwestern von Yolbat, mächtige Kriegerinnen, deren Anführerin Flor-del-Schaan hieß. Sie waren unberechenbar und vergifteten ihre Speere und Pfeile. Es gab weiter die Erdpriesterinnen der Erdhöhlen. Sie feierten Fruchtbarkeitskulte unter der Erde und sangen magische Lieder. Im Land existierten viele Geheimkulte, die aber alle einander tolerierten.
Die Zitadelle von Aschkantul stand in der Landesmitte und überragte alles im Umkreis. Sie hatte einen wunderschönen Paradiesgarten, in dem viele Feenwesen und mächtige Naturgeister lebten. Man sollte sie sich nicht wie normale Feen oder sonst irgendetwas vorstellen. Sie waren Zaubersänger und hatten die Macht, alles zu bannen, was Aschkantuls Gärten zu nahe kam. Die Gärten waren wie ein Wunder, dass Ilah in ihrer geistigen Muße und El in seiner schöpferischen Kreativität erschaffen hatten. Es gab Wege mit bunten Steinen ausgelegt, die jedoch ungewöhnlich schimmerten. Es waren Achate, Jaspis, Onyx, Quarze und Saphire, die unter den Füßen der im Park flanierendenden Menschen knirschten. Kristallene Springbrunnen plätscherten munter und die uralten Bäume spendeten angenehme Kühle, wenn die Sonne heiß auf die Köpfe stach. Das grüne Gras war seidig und weiße Gänse, bunte Singvögel und schillernde Leguane tummelten sich im Unterholz des kleinen Wäldchens, das den hinteren Teil des Gartens bildete. Ilah deffinierte Schönheit als einen tiefen Ausdruck der Sinne – aller Sinne. So hatte in diesem Paradiesgarten das Ohr die Brunnen, das Auge die bunten Blumen, Steine und Wiesen und der Geruchsinn die Düfte der aromatischen Kräuter, die die Herrin sorgfältig in Beeten pflegte und die auch zur Heilung gezüchtet wurden. Für das leibliche Wohl, also den Geschmackssinn sorgten Dienerinnen in schimmernden Gewändern für köstliche Früchte aus dem Garten, die an runden Sitzgruppen serviert wurden. Ilah liebte es, mit ihren Fingern den Garten zu berühren, mit ihrem ganzen Wesen die Harmonie zu erfassen, die jedes Element hier verströmte. Die rissige Rinde der Bäume, das seidigweiche Gras an den Fußsohlen, die samtigen Blätter der Duftpflanzen, das Fell der Gazellen, die über die Wiesen tollten und Els Anwesenheit, der ihr Geliebter Gefährte war. El verkörperte die Polarität des männlichen Prinzips, war Ilahs gesalbter Jüngling und oft auch ihr Schüler den sie in die geheimen Künste der verborgenen Kräfte einweihte. Der Herr von Aschkantul war Meister des Heilens, hatte Kenntnis über die Planeten und die Macht der Elemente. Er war der Hirte dr Ziegen, der seine Göttlichkeit durch den Zyklus von Werden und Vergehen beschloss, wenn sich der Jahreskreis dem Ende zuneigte. Ilah verehrte er als seine Göttin, die ihm durch alle Zeiten hindurch treu sein würde, jedoch auch sein Opfer fordern konnte, wenn das Land öde und trocken lag. In den Gärten der Zitadelle gehörten den beiden verborgene Winkel, deren lauschige Atmosphäre ihnen Erholung und Verschwiegenheit bot.
„Vorwärts, vorwärts“ schrie El, denn er wollte schnell reiten. El ritt auf seinem weißen Pferd Feuerflügel, Ilah auf ihrem Rappen Schattenblume. Die 5 Reiter waren schon auf der Ebene von Tschorok und eilten weiter nach den schwarzen Bergen. Als sie durch die Hügel von Maari streiften, sahen sie vereinzelt Bauernhäuser stehen, aber keine Menschenseele. Das Schamanenvolk war nirgends zu sehen.
Schließlich erreichten die Reiter die hohen Pässe der Berge und quälten sich durch enge Felswege und schmale Pfade, die von einer Seite mit überhängenden Felsen begrenzt waren, an der anderen jedoch steil in den Abgrund stürzten. Die Reise verlief alles in allem ruhig und El war zufrieden. Der Himmel war verhangen und die Wolken trieben dahin wie Himmelsschafe.
Als sie in einen scheinbar nicht endenwollenden Hohlweg einbogen, tat dieser sich plötzlich auf und gab den Blick frei auf ein Tal mit sanften Hügeln und steinigen Feldern, auf denen viele Menschen mit der Aussaat beschäftigt waren.
„Seht nur“, rief Ilah „sie haben schon mit der Aussaat begonnen. Die Riten beginnen erst in der Dunkelheit und ich sehe den Rauch der Feuer. Es ist jetzt an der Zeit, Cryon zu begrüßen.“
Und tatsächlich tauchte auf einmal ein Dorf auf, dessen Hütten mit Zweigen und Laub geschmückt waren. Feuer brannten und der Geruch des Holzes lag schwer in der Abendluft.
Sie ritt an der Spitze des kleinen Zuges und hielt an der größten der Hütten und stieg ab. Ilah stimmte einen lauten Willkommensgesang an und rief die Geister der Ernte und der Fruchtbarkeit. El setzte seine Stimme mit einem tiefen Bass hinzu. Jedoch konnte er auch in höchsten Tenor singen, wie alle Magier es verstehen.
Sofort trat ein großer Mann aus der Tür und verneigte sich.
„O Herrin, sei gegrüßt. Herr, sei willkommen bei uns. Mögen euch die Riten gefallen, damit die Ernte gedeihe“, sagte Cryon demütig.
Er bedeutete ihnen, ihm zu folgen und El und Ilah, sowie die 3 Krieger gelangten auf eine große Wiese, an deren Rand sich das sandige Ufer eines Sees erstreckte. In diesem See lebte ein Wasserwesen, welches niemand so genau definieren konnte. Es wurde jedenfalls mit El und Ilah in verbindung gebracht und um Schutz angefleht.
Alle saßen ab und ließen sich um eines der Feuer nieder und Krüge mit frisch gebrautem Met reichen. Plötzlich hörten sie Musik und Männer und Frauen mit Luren, Trommeln und kleinen Zupfinstrumenten erschienen. Sie spielten eine langsame, getragene Melodie und sangen ein uraltes Erntelied auf das hohe Magierpaar. El und Ilah lauschten gebannt. Die Musik sollte sie dazu anregen, auch ja Fruchtbarkeit zu bringen. Die hohen Wesen wollten eben erst gebeten und besungen werden, ehe sie gaben.
El bleib am Feuer sitzen und unterhielt sich mit den Leuten, die eine wettergegerbte, dunkelbraune Haut und dichtes rötliches oder schwarzes Haar hatten. Ilah schlenderte jedoch auf der Festwiese umher und besah sich die Hütten und Händler, die ihre Waren auf Holztischen ausgebreitet hatten. Es gab Musikinstrumente aus Holz und Elfenbein, geflochtene Kränze aus Wurzeln und Getreideähren, Waffen aus mattem Silber und Körbe, Tongeschirr und raue Stoffe zu kaufen. Hier war es wie im Süden, doch die Hütten und Gegenstände waren rauer und der Landschaft angepasst. Das Tal war von den schwarzen Bergen umringt, die fast bedrohlich in den trüben Himmel ragten. Das Wasser des Sees war eiskalt und die Felder waren zwar fruchtbar, mussten jedoch ständig gepflegt werden, damit der Wind sie nicht austrocknete. Frauen in groben Wollstoffen boten heißes Fleisch und Brot an, Männer mit dichten Augenbrauen und Haaren malten sich geheime Symbole auf die Brust, die als Festschmuck dienen sollten. In dieser Gegend gab es viele harte Streucher und Gewächse und weniger belaubte Bäume als anderswo. In den Wäldern fanden die Magier halluzinogene Kreuter und Beeren, die sie in Säften verarbeiteten, die bei den hohen Festen getrunken wurden, um Visionen hervorzurufen. Über den Tränken sprach man dann magische Worte zur Öffnung des Geistes. Ilah wusste über diese geheimen Dinge Bescheid und genoss die kräftigen Visionen, die sie jedes Mal durchströmten.
Sie lief zurück zu El, der gerade an einer großen Rehkeule nagte.
Cryon führte El und Ilah zu einem Rundbau, der mit Stroh gedeckt war. Dies war der Tempel der Magier vom Berg, worin sie die heilige Truhe mit dem uralten, faserigen Zopf des Urahnen aufbewarten. El musste den Zopf nur in die Hand nehmen und seinen Segen sprechen.
Cryon führte die beiden zu Sitzen, auf denen sie platz nahmen. Er verschwand im Innern des Tempels und kam mit einer alten, silberbeschlagenen Truhe wieder.
„Hier nun ist der Zopf des Urahnen, o Herr, o Herrin, segnet ihn, auf das er uns schütze und Glück und Frieden bringe“, sagte Cryon.
Er öffnete die Truhe und man sah auf einem mit grünem Stoff bedeckten Truhenboden, einen uralten, schon staubdürren Zopf liegen. Er war aus langem, dunkelbraunem Haar und glänzte einst wohl auf dem Haupt des ersten Magiers vom Berg. El und Ilah nahmen ihn in beide Hände und sprachen:
„Möge die Macht der unsterblichen Götter und der großen Mutter diesen Zopf segnen, er möge Glück, Reichtum, Frieden und gute Riten bringen. Mögen die Herrscher der Elemente, die mächtigen Steingeister mit euch sein, mit euch und mit euren Tieren. So soll es sein.“
Cryon verneigte sich und legte den Zopf in die alte Truhe zurück und schloss den Deckel. Er trug die Kiste in den Tempel zurück, wo sie auf einem Steintisch ruhte.
El und Ilah schlenderten über die Wiese und sahen Magier und Wächter an Feuern sitzen und ließen sich Met und Säfte reichen. Der Abend brach an und der Rauchgeruch und der schwere Duft gemähten Grases lag in der Luft. Auf der Wiese sah man vereinzelt Leute, die sich an Kesseln oder Instrumenten zu schaffen machten. Die letzten Vorbereitungen für das Ritual waren getroffen.
El wurde in einen Umhang aus weichem Leder gehüllt und bekam eine Krone mit fünf Zacken aufs Haupt gesetzt. Er sollte den Herrn der Fruchtbarkeit symbolisieren und wurde deshalb mit Blumenketten und Knochenreifen geschmückt.
Ilah wurde in ein grünes Gewand aus feinem Leder gehüllt und bekam eine Knochenkrone und Knochenketten gereicht. Sie sollte die Säfte der Vision einnehmen und die Bilder der Macht empfangen. Ilah bekam einen Stab mit eingeritzten Tier- und Menschengestalten und einen Ritualdolch aus Silber. Mit dem musste sie eine schwarze Ziege für die Göttin opfern. Sie war die Mittlerin zwischen den Göttern und den Magiern vom Berg. Ilah brachte die Visionen aus den Reichen der Götter und Toten. Das Ritual konnte beginnen.
Die Menschen versammelten sich um das große Hauptfeuer und wurden still und alles wartete auf das Zeichen des Beginns. Die Herren von Aschkantul saßen auf großen Fellen von roten Rindern.
Plötzlich erklang ein dumpfes Horn und die Feuer loderten höher. Die Menschen strömten zusammen und sammelten sich zu kleinen Gruppen. Das Horn ertönte ein zweites Mal und Cryon begann mit ein paar anderen hohen Magiern einen getragenen Gesang anzustimmen. El und Ilah saßen ihm gegenüber. Er sang mit tiefer Bassstimme und Ilah fühlte, wie der Saft der magischen Pflanzen seine Wirkung tat. El erhob sich und sprach zu den Anwesenden:
„O ihr Magier vom Berg, wir sind gekommen um euch den Wohlstand und die neue Ernte zu bringen. Wir senden euch den Segen der Allmutter. Korn möge reifen, Vieh soll gedeihen, Wort wird erfüllt durch meinen Segen. Seht die Felder, den Hort der Macht der Göttin, hört die Stimme der Mutter, fühlt ihren alles umfassenden Zauber, schmeckt die Frucht der Leidenschaft, ohne die nichts entstehen kann!“
El verschwand auf die Felder und ließ die Saat durch sein magisches Wort wachsen. Einige behaupteten, er verliere seinen Samen, der das sofortige Wachstum der Pflanzen bewirken sollte. Es kursieren nun mal viele Gerüchte über das hohe Magierpaar.
Doch es erhob sich Ilah, die Königin von Aschkantul und sprach mit singender Stimme ihre Zauberverse und schwang die Hüften und begann um das Feuer zu tanzen. Es war ein Wunder, dass sich Ilah noch auf den Beinen halten konnte, denn sie hatte reichlich von den berauschenden Tränken gekostet.
Ilah war durch dunkle Schatten gewandert und hörte die Stimmen und Gesänge nur von Ferne. Sie fühlte einen kalten Windstoß und die Visionen hüllten ihren Geist ein, führten ihn fort, trugen ihn:
Es war dunkel, dort wo sie war: Sie sah nichts, sondern fühlte nur. Da war die Göttin, allumfassend, alldurchwebend, sich selbst berührend. Sie war Sein und Sein war Raum. Und in dem Dunkel hob ein sanftes dunkles Summen an, dass den gesamten Raum erfüllte. Die Göttin berührte mit ihren Schritten nur sich selbst. Das Summen wurde zu einem Ton: sie hörte ein warmes, erdiges G, den Ton der Erde, darauf folgte ein Gis, der Ton des Mondes, schließlich erklang ein Zis und alles wurde hell. Die Sonne war geboren, aus dem Singen der Mutter. Ilah schwebte und flog durch die Sonnenglut und berbrannte nicht, denn die Hitze machte ihr nichts aus. Sie war die Mutter selbst und plötzlich fühlte sie, wie wieder Dunkelheit sie befiel.
Sie befand sich in einem überirdisch schönen Garten voller Wiesen, Obstbäume, Laubgehölze, weißer Kieswege und runden Häusern aus buntem, Glitzerstein. Überall liefen Männer und Frauen von berauschender Schönheit herum und sangen. Ilah sang auch: So schien man sich hier zu unterhalten. Die Götter wanderten durch den Garten in versteckt, lauschige Winkel mit kühlen Springbrunnen aus weißem und grünem Marmor. In den Baumschatten standen hohe, mit Fruchtbarkeitssymbolen bedeckte Phallussteine. Um die Steine lagen runde Sitzsteine, die das Weibliche verkörperten. Die Wiesen waren saftiggrün und sie lief mit einem jungen, gutaussehenden Mann durch die sanften, regennassen Wälder. Sie gelangten an Bäume, auf deren Zweigen Vögel mit schillernden Federn lieblich zwitscherten. Und es schien, als würden die Zweige bei jedem Windhauch sanft klingen. Über allem lag der Duft betörender Blumen, die in farbenfrohen Mustern die Rasen bedeckten. Plötzlich streifte sie etwas nasses. Es war eine der weißen Gazellen, die über die Wege tollten. Es gab auch Wesen, die Rehen ähnelten, jedoch seidig-schwarzes Fell hatten.
Ilah sah an den Bäumen gar köstliche Früchte von besonderer Größe hängen. Der junge Mann sprach mit ihr und sie antwortete. Es war eine singende, fließende Sprache, mit vielen Selbstlauten. Sie gelangten in eine grüne Waldlaube, in der dichte, buschige Laubsträucher wuchsen. Das Gras war seidig und angenehm kühl. Frieden lag über dem Garten der Götter, in dem sie nun mit einem jungen Gott saß und ihn ansah. Er war dunkelbraun und hatte warme, schwarze Augen. Sein Leib war dem ihren so unglaublich nah…..
Ilah roch Feuer, es war dunkel. In der Höhle war es warm und behaglich.
Sie trug einen Mantel aus weichem Pelz und in dem geschnitzten Gürtel steckten ein Stab aus Knochen und ein Zauberdolch aus Obsidian mit einer scharfen Klinge. Auf dem Kopf trug sie einen Schmuck aus Knochen und Federn. Eine Kette mit grünen und roten Steinen zierte ihren Hals. Ihr Körper war tätouwiert mit zahlreichen Zeichen, wie: Drachen, Schlangen, Flügelwesen und Raubtieren.
Sie stand auf und ging hinaus, denn die Zeremonie des Vollmondes war nah. Auf dem Platz hatten sich einige Menschen in Fellen und mit bunt geschmückten Speeren versammelt. Sie erhob die Arme und rief in einer archaischen Sprache die Göttin des Mondes an. Ein Feuer brannte und sie warf Kräuter hinein, die sogleich ihre süßlichen Düfte entfalteten. Mit einem Spiegel aus blankem Obsidian fing sie das Mondlicht ein und zitierte so die Mondmutter herbei. Vor ihren Augen zog Nebel auf und die gleichmäßigen Gesänge der anderen Priester versetzten sie in einen Zustand der Trance. Sie sah das rotglühende Feuer und griff einfach in die Kohlen. Es war kalt! Das Feuer konnte ihr nichts anhaben. Dann wurde ihr schwarz vor Augen und sie sank auf ein Wolfsfell zurück. Sie hatte den Leuten den Willen der Allmutter kundgetan.
Es war, als würde sie ihren Körper von oben sehen. Um sie herum standen Menschen in dunklen Gewändern, die ihren Körper salbten und ölten. Es war das Begräbnis eines archaischen Herrschers und er war sie. Sie bekam goldnen Schmuck und Waffen sowie Trinkgefäße und Speisen in die Grabkammer gebracht. Ihr Leib wurde in Leinen und Damast gehüllt, mit Seide und anderen feinen Stoffen umwickelt. Schließlich bekam sie ein schweres, dunkelgrünes Gewand angezogen. Ein Gürtel aus Jade und großen Perlen wurde ihr umgelegt. Schuhe aus reinem Gold steckten an den Füßen und eine Kette mit einem Amulett mit Tiersymbolen hing an ihrem Hals. Die Armbänder und Fingerringe waren von Silber und mit Edelsteinen aller Farben verziert.
Dann kam ein Mann im Jaguarfellmantel und legte ihr die Totenmaske aufs Gesicht. Sie bestand aus feiner hellgrüner Jade und hatte lange Federn des Quetzalvogels an den Seiten. Der Kopfschmuck war nicht weniger prunkvoll: Perlen, Rubine, Pyrit und Federn.
Ilah hörte schwere Trommeln und hohe Flöten. Es wurde Kopalharz verbrannt, zu Ehren der Götter. Bunte Vögel und ein Jaguar wurden für sie geopfert. Es dunkelte um sie, denn eine schwere Platte wurde über die vielen Stufen der Grabpyramide geschoben.
Plötzlich war sie wieder auf dem Festplatz der Magier vom Berg. Cryon beugte sich über sie und reichte ihr einen Krug mit klarem Wasser.
„Herrin, was habt ihr gesehen“, fragte er „sind die Götter gnädig zu uns?“
Ilah sah sich verwirrt um. Sie musste sich erst mal sammeln. Die vielen Bilder schwirrten immer noch in ihrem Kopf herum. Dann schüttelte sie den Kopf, stand auf und war wieder einigermaßen klar.
„Die Götter haben gesprochen“, rief sie „euer Volk wird noch viele gute Magier hervorbringen, denn die Göttin hat mit Gesang dieses Universum geschaffen und ihr singt auch. Lebt in Leidenschaft! Alle Dinge sind in der tiefen Leidenschaft der Göttin und des Gottes geworden. Der Garten eurer Lüste ist die Erde, lebt auf ihr, denn sie nähert euch. Die Göttin hat euch die Stimme gegeben, damit ihr singt und euch des vollen Lebens erfreut.
Die Riten sind heilig. Feiert sie in Ehrfurcht und mit Wissen, dass jedes Bild von der Mutter selbst stammt. Die Kräfte der Erde sind da, damit ihr sie nutzt: Feuer und Erde, Wasser und Wind, die Sterne dort oben und die Erde unter meinen Füßen. Sie alle mögen diesen Ort und diese Stunde segnen und mich, die ich mit ihnen bin.“
Alle verneigten sich und lauschten der Stimme Ilahs, denn sie hatte die Visionen gedeutet.
So endete die Roggenaussaat und Cryon reichte El- der von den Feldern zurückgekommen war - und Ilah einen Kranz aus Getreide und eine Flöte aus Knochen, mit der man die Geister der Ahnen ruft. Ilah opferte die schwarze Ziege und füllte ihr Blut in ein goldenes Gefäß und gab es Cryon, der es trank und an die anderen weiterreichte. So war die Ernte sicher und das hohe Magierpaar machte sich, als der Morgen graute auf den Heimweg nach der Zitadelle.
Als sie sich nach zweitägigem Ritt der Zitadelle näherten, ertönte von weitem schonb der Hornstoß der Krieger. Das Tor war weit geöffnet und sie ritten in den weiten Hof ein. Galadir kam ihnen aufgeregt entgegen und rief:
„O mein Herr, meine Herrin, habt ihr die Opferriten heil überstanden?!“
„Galadir, wie du siehst sind wir froh und wohlbehalten hier“, sagte El.
Galadir wirbelte herum und verschwand wie ein Blitz um die nächsten Türen für die beiden zu öffnen. Er war ein sehr geschäftiger Mann und immer vorne dabei, denn er war der Oberbefehlshaber der Zitadelle und musste schauen, ob alles in Ordnung kam. Carchamor, der stille und ernste Haus- und Hofmeister stand lächelnd an der Tür zum Turm und begrüßte die Heimkehrenden.
Ilah eilte die lange Treppe in den Hauptflügel der Zitadelle hinauf und begab sich in die Wohngemächer. Dort gab es offene Säle mit lichten Fenstern und bunt bemalten Kacheln an den Wänden. Auf dem Boden sah man leuchtende Mosaikmuster. Sie schritt in einen großen Saal, der von zahlreichen Diwans geschmückt wurde. Auf den Sitzmöbeln lagen weiche Kissen und Decken mit Perlen und Stickereien. Ilah setzte sich auf einen Diwan und leutete ein winziges Silberglöckchen, worauf eine zierliche Frau erschien und fragte:
„Was ist euer Begehr Herrin?“
„Ach, Sile, bring mir doch Malventee. Die Reise war so anstrengend für mich.“
Sile, die junge Frau verschwand und kam gleich mit einem Teegeschirr aus feinem Porzellan zurück. Ilah nahm die Tasse mit den goldenen Verzierungen und trank gemütlich. Im Raum war es kühl und von draußen klang der melodische Gesang vieler Paradiesvögel, die in den hohen, uralten Bäumen zwitscherten. Auf dem Boden des Saales lag ein dicker Teppich und auch hier waren die Wände mit Wandbehängen geschmückt. Die Decken und Kissen auf dem Diwan waren aus grünem Samt und Ilah lehnte sich entspannt zurück.
Sie war zufrieden mit ihren Visionen des Opferfestes. Plötzlich überkam sie der Gedanke, in den Garten zu wollen. Sofort stand Ilah auf und eilte aus dem Raum, einen langen Flur entlang, durch eine Tür mit Rundbogen und auf die Außentreppe hinaus. Die weißen Marmorstufen führten in eine saftig grüne Wiese mit vielen Obstbäumen und silbernen Springbrunnen. Hier war es einfach nur schön! Der Paradiesgarten der Zitadelle war herrlich. Auf den Kieswegen lagen Halbedelsteine als Belag, in den knorrigen Bäumen nisteten viele Vögel, es gab luftige Lauben und weite Wiesen mit runden, aus Stein gehauenen Sitzbänken. Man konnte im Kreis sitzen und plaudern. Die Sonne wärmte alles und Ilah spürte ein angenehmes Prickeln auf der Haut, denn sie liebte die Wärme und den wunderschönen Garten der Zitadelle.
Der unterirdische Tempel und der verwunschene Garten
Ilah gesellte sich zu einer Gruppe schön gekleideter Frauen, die auf einer Baumwurzel saßen. Es waren Magierinnen des Erdkultes. Sie feierten ihre Zeremonien in Erdhöhlen, sangen magische Lieder und verehrten die Fruchtbarkeit der Erde und tanzten in mondhellen Nächten auf den Wiesen um Feuer mit duftenden Kräutern. Manchmal hörte man nachts hohe Flöten und dumpfe Trommeln. Die Erdpriesterinnen sagten, dass alles Sein allein durch die magische Vereinigung von Mutter-Erde und Vater-Himmel stammt. Sie feierten magische Rituale mit Farben und Klängen, Sprüchen und bis an die Grenzen des Vorstellbaren gehenden Zaubern. Keiner wusste so genau, was in den dunklen Höhlen vor sich ging. Ilah jedenfalls war immer gern dabei, denn sie mochte die Magier und Getränke dort.
Sie setzte sich nun zu den Priesterinnen und unterhielt sich mit ihnen.
Da saß Dilana, eine ältere Priesterin, die ein langes, graues Gewand trug. Grau war die Farbe, die alle Energie störungsfrei überträgt. Sie bekleidete den Rang einer Magierin der Klänge im Tempel der Erdmutter und sie verband eine alte Freundschaft mit der Herrin von Aschkantul.
Da saßen auch Tullya, Camilis und Zyora, die allesamt Novizinnen waren. Sie wurden noch in die Geheimnisse der Erdmagierinnen eingeweiht. Sie mussten mit 11 Jahren in den Tempel und geheime Sprüche, Riten, Farbkombinationen, Fruchtbarkeitszauber, Naturgesetze und alte Weisheit auswendig lernen. Sie lernten, wie man die Stimme so einsetzt, dass man Menschen, Dinge und Pflanzen beeinflusst. Die Magier wussten, wie Sonne, Mond und Sterne klangen. Sie kannten die Macht der Allmutter und die sphärischen Töne, die sie sang und die Sprache der Macht, die die Göttin zu ihnen sprach.
Ilah fragte Dilana:
„Wann ist wieder einmal eines eurer Riten, Schwester Dilana?“
„Ihr Könnt jeder Zeit zu uns kommen“, antwortete Dilana mit ihrer klarer Stimme sanft, „die Zeit des Rituals der Allmutter ist nah. Wenn ihr zu uns kommen wollt und den Zaubern beiwohnen möchtet, dann ist es jedoch Zeit, sich in den Tempel zu begeben. Die Priesterinnen würden sich sehr über den Besuch und die aktive Mitwirkung an den Riten der großen Magierin freuen. Die Erdkräfte sind dieses Jahr sehr intensiv und wir brauchen eine unterstützende Kraft, einen Anker, der uns nach dem Ritual wieder erdet und die Energien in die rechte Position lenkt. Wollt ihr diese Rolle übernehmen, Herrin?“
Die „Allmutter“ war eine der mächtigsten Priesterinnen, die das Ritual leitete. Sie vereinte alle an diesem Ort fließenden Mächte und Formeln, die entfesselt wurden. Die Erdpriesterinnen hatten viele Anhänger, die diese Aufgabe übernehmen hätten können, doch es war eine Ehre für die Herrin des Reiches, selbst die Position der „Allmutter“ zu bekleiden.
Ilah überlegte. Sie wollte gerne an dem großen Ritus teilhaben, musste erst jedoch El Bescheid geben. Ilah konnte es nicht haben, wenn er nicht wusste, wo sie war. Im Erdtempel schien die Zeit anders zu verlaufen und Ilah konnte deshalb nicht sagen, wie lange sie abwesend sein würde. Also stand sie auf und sagte:
„Ich nehme eure Einladung an und komme sobald ich El benachrichtigt habe.“
Ilah ging davon und machte sich auf die Suche nach El. Schließlich fand sie ihn in den Pferdeställen, wo er sein Pferd Feuerflügel striegelte.
„Na El“, rief sie „bei der Arbeit! Das wird Galadir nicht gern sehen, wenn du Feuerflügel putzt. Du weißt ja, von wegen das hohe allgeschätzte Magierpaar soll keine „schmutzigen Hände“ bekommen. Das ich nicht lache, Galadir würde uns am liebsten den ganzen Tag lang auf den Thron setzen und keinen Finger krümmen lassen. Naja, falsch gedacht. Ich werde dich für einige Zeit verlassen.“
„Wohin gehst du?“, fragte El und sah von seiner Putzarbeit auf.
„Die hohen Priesterinnen der Erdtempel haben mich zum Ritual der Allmutter geladen. Ich soll in den Tempel kommen, mich reinigen und fasten.“
El grinste: Wenn du danach in deiner originalen Gestalt wiederkehrst und nicht als ein Wesen, das nur aus Farben und Duft besteht. Aber ich hoffe, du hast viel Spaß, denn die Riten bei den Priesterinnen sind immer nach deinem Geschmack: viele Sprüche, Farben, Gerüche und Gesänge. Dilana bringt die Fruchtbarkeit der Erde in Aschkantul. So kann das gesamte Reich funktionieren und durch alle eins sein.“
Die Existenz Aschkantuls hing nicht nur von den Magiern ab, sondern auch von den Priestern und den anderen Völkern, die alle dazu beitrugen, dass dieses Gefüge in den Sphären bestehen konnte.
Ilah küsste El auf die Wange und schwebte aus dem Stall. Sie ging in den Turm und rief nach den Dienerinnen. Sie wählte für die Reise in die Unterwelt Aschkantuls nur ein schlichtes graues Gewand, ähnlich dem der anderen Priesterinnen. Außerdem einen Gürtel aus Kupfer mit uralten Zaubersymbolen, einen Bergkristall an einem ledernen Band und keine Schuhe. Ja, Ilah ging barfuß. Das war das heilige Gebot des Tempels, sie musste, um würdig zu sein, die Erde mit bloßen Füßen betreten. So gewandet machte Ilah sich auf den Weg aus der Zitadelle, über die Felder, durch die grünen Hügel zu dem großen Kupferberg. Der Berg hieß deshalb Kupferberg, weil fast aller Schmuck und alle Gebrauchsgegenstände der Magier aus diesem Metall bestanden. Kupfer war rot, das Blut der Erde. Gold war das Blut der Sonne, Silber das des Mondes und alle anderen Legierungen nannte man einfach Fleisch der Erde.
Dann lag er vor ihr, der „Ort des dunklen Kruges“ so nannten die Magier ihren Tempel, denn der Krug war ein Symbol für die Erdmutter, aus deren Bauch alle Fruchtbarkeit entsprang. Langsam umrundete Ilah den Hügel und kam an eine Öffnung, die vor lauter Farnkraut und Efeu kaum zu erkennen war. Dumpfe, warme Trommelschläge und ein Summen, welches sich Ilah nicht erklären hätte können, wüsste sie es nicht von den Priesterinnen, ertönte aus der Tiefe.
Das Summen stammte von den sogenannten Schwirrhölzern, (an den Enden abgeflachte Hölzer mit Löchern, die man durch die Luft schwang) die bei den geheimen Zeremonien gespielt wurden. Sie sollten die Mächte der kosmischen Strömungen anrufen und durften von keinem Uneingeweihten je gesehen werden. Derjenige würde sonst taub und sein Gehirn würde verrückt.
Ilah jedenfalls beruhigten die warmen dumpfen Summtöne und nahmen ihr die kribbelnde Aufregung vor dem, was sie in der dunklen Öffnung erwarten würde.
Langsam stieg sie die Stufen aus Erde und festgeklopftem Lehm hinab in das Urdunkel der Göttin vor der Zeit.
Sie gelangte in eine kleine Grotte, an deren Wänden Fackeln brannten. Zu beiden Seiten des Treppenfußes saßen zwei Männer in grauen Mänteln. Es waren die Priester, welche den Erdtempel bewachten: Taion und Saidon.
„Sei gegrüßt, Herrin“, sagten sie zu Ilah und verneigten sich.
In dem niedrigen Gang war es angenehm warm und schummrig. Sie hob grüßend die Hand, ging an den Wächtern vorbei und lief in die Höhle hinein. Sie gelangte an eine Öffnung, welche in eine geräumige Grotte führte. Da traten zwei Priesterinnen auf sie zu: Dilana im roten Gewand, Antaris im grünen Kleid.
„Sei gegrüßt Ilah. Wir erwarten dich schon. Die Riten der vorbereitenden Reinigung sollen heute Abend beginnen.“
Ilah meinte: „Wo findet sie statt?“
Antaris, die jüngere der Beiden sagte. „Sie finden im grünen See statt.“
Der grüne See war ein See, der trotz der Höhle außerhalb lag. Im Felsen befand sich ein Loch, durch das die Sonne eine große Fläche beschien. Dort erstreckte sich ein See, dessen Boden mit grünem Sand bedeckt war. Darin badeten die Priesterinnen und Priester sowie die Novizinnen und alle, die am Ritual teilhatten. Es gab am See beheizte Bänke aus Stein, auf die man sich legte um zu meditieren. Die Höhlen waren so weitläufig, dass man ohne einen kundigen Führer verloren war. Die zwei Priesterinnen und Ilah durchquerten die Grotte, in der es von Menschen wimmelte. Dann waren sie von nahezu vollkommener Schwärze umgeben. Doch sie sahen im Dunkeln und kamen nach einigen Metern an eine Abzweigung, von der die eine nach unten führte, die andere, der sie folgten führte nach oben. Der See lag nicht tief im Berg, jedoch so, dass keiner ihn von außen erreichen konnte. Der Gang führte an mehreren Räumen vorbei, in denen es stockdunkel war. Dies waren die stillen Kammern, in die die Priesterinnen sich zur Ruhe und Meditation zurückzogen. Ilah sah, dass sie sich auf einen Lichtfleck zubewegten, der immer größer wurde. Dann hatten die drei es geschafft, sie befanden sich in einer weitläufigen, gewölbten Halle.
Die Wände ragten steil in die Höhe und sahen etwas bedrohlich aus, da sie sich leicht in die Tiefe neigten. In der Höhe sah man den Himmel. Hoch oben strahlten ein azurblauer Fleck, der sich in einem tiefgrünen Wasser wiederspiegelte. Der See war gigantisch! Das andere Ufer war kaum auszumachen und er war bestimmt tief. Doch in dem warmen Termalwasser tummelten sich viele Leute, die lachten und sangen. Es ging hochher vor den Riten, die ein Anlass zur Freude waren. Schnell entkleidete sich Ilah und ließ ihre Kleider auf einer der beheizten Bänke liegen. Dilana und Antaris folgten ihr und stiegen in das anfangs flache Gewässer. Ilah fühlte, wie das warme, leichte Wasser sie umgab, sie trug und reinigte. Der Sandboden war kribbelig unter den Füßen und das grüne Wasser hatte eine merkwürdige Anziehungskraft. Ilah fühlte, wie es allen Stress abwusch, alle Schwernis von ihr nahm und in ihrer Seele ein wohltuendes Prickeln auslöste. Sie planschte mit den Händen und merkte, dass dieser See sehr weiches Wasser führte. Er wurde von einem unterirdischen Fluss gespeist, in den sie hin und wieder tauchte. Ilah konnte, so wie El die Luft anhalten und unter Wasser atmen. Der unterirdische Fluss war dunkel und voller Fische, deren grüne Farbe zur Tarnung diente. Diese Fische schwammen nun auch um Ilahs Füße und sie griff nach ihnen. Die Fische waren rauh und schuppig. Sie dienten zur Heilung, da sie eine Flüssigkeit ans Wasser abgaben, die das Nervensystem stimulierte und den Geist belebte.
Es war schön an diesem Ort der Reinigung und Ilah wurde von der Atmosphäre im Erdtempel ganz und gar umgeben. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf das kommende Ritual.
In der selben Zeit strich El durch die Gärten seiner Zitadelle und langweilte sich. Er verließ den Turm und wanderte über die Felder und kornbestandenen Äcker der Bauern. Die Sonne war warm und die Felder rochen nach Weizen und Roggen. Das Heu duftete verführerisch und alles lag in einem warmen Braun-grün-Ton, der von dem leisen Zirpen der Grillen unterstrichen wurde. Auf einem der Äcker mähte eine Schar Bauersleute Korn und am Himmel flogen Schwalben und langbeinige Vögel, die darauf warteten, dass Körner für sie abfielen. Auf dem Feldweg wuchsen lange Grashalme und Blumen, die El an den braunen Beinen kitzelten. Er genoss die Ruhe und Idylle der ländlichen Gegenden Aschkantuls.
Plötzlich kam ihm ein Mann entgegen mit sehr langem Haar. Mit melodischer Stimme sagte er: „O Herr, wo ist die Herrin hin? Ich suche sie schon lange.“
El antwortete: „Sie ist zu den Hügeln der Erdpriesterinnen gegangen und feiert die Riten der Erdmutter mit ihnen. Warum suchst du sie?“
Der Mann meinte geheimnisvoll: „Nur wenn dein Haar so lange ist wie dunkle, schlaflose Nächte, dann kannst du die Herrin finden.“
El verstand nicht so recht. Der Mann wirkte sehr in sich gekehrt und schien ein Geheimnis zu verbergen. El beschloss, dem Mann nicht weiter Beachtung zu schenken, denn Aschkantul bot viele Geheimbünde und Priestergemeinschaften auf und es umgaben sie viele Geheimnisse. El ging weiter und der Himmel verdunkelte sich zu einem warmen Sommerregen. Prickelnd fiel er auf El nieder und machte seine braune Haut glänzend und über den Feldern hing ein Dunst, wie er nur im Sommer zu sehen war. El ging weiter und kam schließlich in einen kleinen Wald mit Laubbäumen. Dort setzte er sich auf einen moosbewachsenen Stein und verspeiste einige Beeren. Die roten Feldbeeren wuchsen hier in Hülle und Fülle. Er stand auf und lief durch den Wald. Plötzlich vernahm er, wie sich der Regen legte und Stille eintrat. Es war eine Stille, wie er sie von Wäldern nicht kannte. Und dieser Nebel! Er lag einfach über allem. Im Sommer gab es zwar Nebel, doch nur vom Regen. Was war hier?
Hier wurden die Bäume dichter und er sah eine Mauer vor sich. Wie kam eine Mauer in diesen Wald? Wer hatte sie gebaut? El schlich die Mauer entlang und gelangte zu einem großen schmiedeeisennen Tor. Es war fest verschlossen. Doch plötzlich kam auf der anderen Seite ein Wächter und sah El.
„Was wollt ihr hier, Herr?“, fragte der Wächter.
El sagte: „Ich wüsste gerne, was dies für eine Mauer ist und zu welchem Zweck sie erbaut wurde?“
Der Wächter hatte auffallend langes Haar, was El an den seltsamen Mann auf den Feldern erinnerte. Der Mann sagte mit ernster Mine:
„Eigentlich haben hier nur Männer des Gartens und Ilah Zutritt.“
El fand die ganze Geschichte immer seltsamer und merkwürdiger. Warum Ilah? Was hieß „Männer des Gartens“?
Sehr komisch! El war die Sache unheimlich, zumal es nun immer nebliger wurde und man kaum die Bäume erkennen konnte.
„Ich möchte trotzdem hinter die Mauer blicken“, meinte El bestimmend.
Der Wächter sah ihn an und stellte fest, dass El auch Haar bis über die Schultern hatte.
„Also gut“, meinte er und wurde sich wohl der Tatsache bewusst, dass er hier dem Herrn von Aschkantul gegenüberstand, „aber nur für eine Stunde. Ilah ist die Herrin dieses Gartens.“
Der Wächter schloss das Tor auf und El trat ein. Der Nebel war wie weggeblasen und El fand alles nur um so merkwürdiger, als er durch weiches, seidiges Gras lief und nichts sah außer hohen Laubbäumen und Blumen, Büsche und lauschige Ecken in tiefer Ruhe und Eintracht. Er lief durch das Gras und merkte, dass der Wächter ihm unerwartet nicht folgte. Er blieb am Tor zurück.
El gelangte auf einen Kiesweg mit weißen Steinen, der zu einem palastartigen Gebäude führte, das aus rotem und blassgrünem Marmor erbaut war. Überall war es ruhig. Es schien, als würde hier keiner wohnen außer der Wind in den Zweigen und das Murmeln in den Springbrunnen. Der Garten war erfüllt von einer prickelnden Stimmung, so als läge ein Hauch juugendlicher Erregung in der Luft. In den Sträuchern sangen nicht sichtbare Vögel sanfte Melodien und es gab Sitzgruppen mit weich aussehenden Marmorbänken. Alles war rund und füllig, wohlklingend und aufregend. El sah sich verzaubert um und konnte all das nicht fassen. Wer wohnte hier und warum hatte Ilah ihm nie etwas von diesem Garten erzählt, der so viele Geheimnisse zu bergen schien?
Er ging um das Haus herum und fand alles leer. Er wurde immer gespannter, was ihn hier sonst noch erwarten würde und lief weiter. Schließlich sah er zwischen den Bäumen Rauch aufsteigen. Wort auf einer mit weichem Gras bewachsenen Lichtung sah El ein Feuer und in dem Rauch stand ein Mann. Wieder mit sehr langen Haaren.
„Ist das die Vereinigung der Langhaarigen“, dachte El belustigt.
Der Mann sah erstaunt auf und erschrak, als er El ansah.
„Wer seit ihr Fremder?“, fragte er entsetzt.
El wunderte sich, denn sonst kannte jeder im Reich sein Gesicht. Er trat in das Blickfeld des Mannes und meinte: „Ich bin El, der Herr von Aschkantul. Wer seit ihr und was ist dies für ein Ort?“
Der andere antwortete und erkannte jetzt, das er hier den Herrn des Landes vor sich hatte: „Mein Name ist Siluko und dies ist der Lustgarten der Herrin. Wir erlernen hier die geheimen und hohen Künste der heiligen Leidenschaft und sind allesamt Schüler der Gebieterin des Reiches. Die Kunst der Magie ist der der heiligen Leidenschaft gleichzusetzen und führt zu tiefer Einsicht und verborgenen Fähigkeiten.
Wir sind 32 insgesamt. Ilah kommt hierher um der reinen Freude und göttlichen Ekstase zu huldigen.“
El verschlug es die Sprache. Noch nie hatte Ilah ihm von diesem Paradiesgarten berichtet. So war das also. Ilah hatte sich Schüler genommen, die hier eine uralte Form der Magie lernten. Ilah steckte voller Rätsel und unergründlicher Fähigkeiten. Er wunderte sich zwar, dass der Mann ihm so freimütig von dem Garten und seinem Zweck erzählte, doch El kannte sich mit der Kunst der Magie aus und wusste, dass Siluko im Energiefeld des magiers die gute Absicht erkannt hatte, sonst hätte er vermutlich nichts dergleichen erklärt.
Siluko bedeutete ihm ins Haus zu kommen. Dort gab es in der Eingangshalle mit Edelsteinen geschmückte Springbrunnen und am Boden konnte man reiche Mosaike bewundern. Alles war in grün und rot gehalten, den Farben der Leidenschaft und Lust. Ilah hatte sich hier einen Traum erfüllt – so schien es El. Siluko geleitete ihn in den Salon, wo sich viele runde Sitzpolster und Diwans befanden, auf denen jedoch keiner zu sehen war.
„Wo sind all die Männer hier?“, fragte El verwundert.
Siluko sah verlegen zur Seite und antwortete: „Sie zeigen sich nur, wenn Ilah kommt. Sobald andere Männer den Garten betreten ziehen sie sich in die oberen Räume zurück.“
„Führe mich durch den Palast“, forderte El. Der Mann erkannte, das auch El in den Künsten der göttlichen Ekstasetechniken bewandert war, denn er bewegte sich hier, als nehme er die Aura der Macht wahr, die von wundersamen Riten und himmlischen Gefilden zeugte.
Bereitwillig ging Siluko voran und stieg zunächst eine breite Marmortreppe hinauf. Überall war mildes Licht und an den Wänden hingen Bilder von merkwürdig verdrehten Tänzerinnen, Frauen mit magischen Werkzeugen in den Händen und mehrarmigen Wesenheiten, die milde auf sie herablächelten. Alle blickten abwesend und verklärt. Im oberen Stockwerk lagen dicke Seidenteppiche auf dem Boden und Vasen mit bunten Blumen standen herum. An der Wand hing hin und wieder ein kostbarer Dolch oder ein bewebter Wandbehang. Doch alles war still. Siluko öffnete eine Tür. El sah einen in violett eingerichteten Raum. Die Farbe blendete ihn fast nach all den warmen Tönen. Ein großes Bett mit violetten Vorhängen stand darin. Im nächsten Zimmer war alles blau: die Vorhänge, die Sofas, das Bett. Weiter gab es rote, orangene, zartgrüne und altrosane Zimmer in denen überall Betten und runde Sitzpolster mit Kissen waren. Die Muster auf den Möbeln und Stoffen zeigten Drachen, Phönixe und verschlungene Pflanzenranken. Gerade wollte El seinen Blick von einem Sitzpolster abwenden, da sah er einen jungen, gutaussehenden Mann darauf liegen. Sein Haar lag ausgebreitet auf den Kissen und er schlief.
„Wer ist das?“, fragte El Siluko.
„Das“, meinte er „ist Hyazinth. Er ist einer der besten Schüler der Herrin. Er kann tagelang in Meditation verharren und beherrscht die Telepathie in hohem Maße. Er schläft tief und fest“, meinte Siluko mit leiser Stimme.
„Wie viele sind noch hier?“, wollte El wissen.
Siluko zuckte die Schultern. „Die anderen sind im Stockwerk über uns, hier ist niemand, wie ihr gesehen habt.“
Siluko führte El über eine Hintertreppe in den Garten. Und als sie in einen kleinen Hain traten, da waren sie plötzlich alle da! Von allen Seiten wisperte das Gras und viele Männer in teuren Gewändern und mit langen Haaren kamen auf sie zu.
Siluko meinte: „Seht ihr alle! Der Herr von Aschkantul ist hier, um sich unseren schönen Wohnort anzuschauen. Es ist nicht gerade nett von euch, so zu tun, als ob keiner da wäre. Stellt euch vor!“
Die Männer trugen Amulette mit mystischen Symbolen darauf und bildeten um El einen Halbkreis. Sie waren alle jung, gutaussehend und voller Lebensenergie und dienten hier an diesem paradiesischen Ort der Herrin. Nacheinander traten sie vor und nannten ihre Namen. Da waren Ilkon, Eomar, Dragomir, Eldan, Galafin, Mahano, Quendolin und Maron Jeder verneigte sich und El lächelte amüsiert, denn er fand diesen Ort wunderbar und voller Kraft. Dann schlichen sich die juungen Männer wieder in die baumbestandenen Wiesen und Siluko blieb allein zurück. El war erstaunt und überrascht von den energievollen Schülern, die sich Ilah hier zusammengesucht hatte, denn sie bildeten eine Gruppe mystischer Adepten, die es sonst in Aschkantul so nirgends gab. Es war ein Wunder, dass sie ihm so leicht vertrauten, denn ihr strenges Studium verbot es ihnen, mit anderen Kontakt zu haben oder sich durch fremde Einflüsse ablenken zu lassen.
El kannte Ilah zwar gut, doch alle Geheimnisse der Magierin dann doch auch wieder nicht. Die hohe Kunst der Leidenschaft war eine der ältesten und am komplexesten zu erlernenden Fähigkeiten. Durch bestimmte Techniken der Ekstase konnte man unbewusste Macht wecken, die man jedoch völlig beherrschen musste, um nicht bei den Riten whansinnig zu werden. Es erforderte eine jahrelange Ausbildung, bestimmte Grundfähigkeiten und ein intensives Studium unter Anleitung eines Meisters, damit jeder die einzelnen Schritte des Lernprozesses genauestens verstand.
In ganz Aschkantul gab es nirgendwo so schöne Männer wie hier. Es waren die schönsten der Schönen und die langhaarigsten. Dragomir hatte Haare, die bis über die Hüfte wallten. Er hatte sie kunstvoll in den Gürtel gesteckt. Siluko meinte:
„Dragomir ist der Meisterschüler der Herrin, denn er steht kurz vor der vollendeten Meisterschaft. Sie meint vieles mit vielen Worten“, meinte er versonnen und verstummte. Er wollte anscheinend nichts mehr weiter erklären und versank in mystischem Schweigen.
El wandte sich zum Haus und fragte:
„Du hast mir vorhin etwas von einem Bad erzählt, welches sehr kunstvoll verkleidet sein soll. Zeige es mir.“
Siluko gehorchte und führte El durch die Hintertür in den Palast zurück. Dort wies er El im ersten Stock eine große Tür. Als El sie öffnete, verschlug es ihm fast den Atem. Hier war alles golden und silbern. In dem übergroßen Basin in der Mitte des Raumes – natürlich rund -, gab es türkise und blaue Kacheln mit erhabenen Seetieren und Korallen darauf. Im Raum herrschte eine sanfte Helligkeit, die von den Steinen selbst zu kommen schien. An der Wand hing ein überdimensionaler Spiegel mit Goldrand. Es gab beheizte Bänke mit weichen Tüchern zum hinlegen. Auf einem Wandregal aus geschnitztem Holz standen allerhand Tiegel, Töpfe und Schalen sowie eine Auswahl zahlreicher Flaschen mit duftenden Ölen und Bädern. El roch in jedes Gefäß hinein und war am Ende wie berauscht von den Gerüchen. In der letzten Flasche war Wacholder-Zitroneöl und er konnte nichts mehr riechen nach all diesen himmlischen Düften. Reines Sandelholz, Rosenöl, Mischungen aus Beeren, Säften und Pulvern, die alle Leidenschaft und Wohlbehagen erzeugten.
Siluko hatte sich entschuldigt und wartete draußen im Garten auf El. Plötzlich ging die Tür auf und ein junger Mann trat ein. Es war Hyazinth.
„Oh!“, rief er erschrocken „wer ist hier drin? Ich dachte ich könnte einmal in Ruhe….“ Weiter kam er nicht, denn Hyazinth bemerkte, dass es sich hier nicht um einen seiner Mitbewohner handelte, sondern um den Herrn von Aschkantul selbst.
„Ver….. Verzeihung, Herr. Ich ahnte nicht, dass ihr hier seit. Was führt euch hier her und wer hat euch überhaupt hereingelassen?“
„Siluko“, antwortete El, „seit ihm nicht böse, denn ich forderte ihn auf, mir den Garten zu zeigen. Ich will euch in keinster Weise bei euren Übungen oder eurer Meditation stören.“
„Und was“, fragte Hyazinth, der sehr misstrauisch zu sein schien, „tut ihr dann in unserem Bad? Hat euch die Herrin nicht gesagt, dass keiner unser Reich betreten darf?“
El lachte und nickte verständnisvoll: „Ich roch gerade an euren fantastischen Badeölen. Die sind herrlich! Um deine Frage zu beantworten: Nein. Ilah erzählte mir nichts von diesem Garten und schon gar nicht, dass hier eine magische Gemeinschaft lebt. Es tut mir leid, wenn ich eure Gesetze verletzt habe.“ Der Schüler seufzte und trat ganz in den Raum.
Hyazinth trug einen schwarzen Hausanzug aus Seide und hatte ein schmales Gesicht, das den Völkern in Tirkulat, der Waffenschmiede ähnelte. Er nahm sich einen Tiegel von einem der Marmorwaschbecken und begann sich in aller Ruhe das Gesicht zu salben. El traute seinen Augen nicht! Hier wollte er nicht weiter stören.
El verschwand so schnell er konnte durch die Tür und lief in den Garten hinaus, wo Siluko auf ihn wartete. Er wollte so bald wie nur irgend möglich diesen seltsamen, fast ein Bisschen entrückten Ort verlassen. Der Magier kannte die Künste seiner Ilah so gut, dass er wusste, wenn es gefährlich war, sich in magische Angelegenheiten zu mischen. Er selbst hatte vor sehr langer Zeit ein strenges Studium und eine lange Zeit der Zurückgezogenheit durchlaufen, um tieferes Wissen zu erlangen und hier gedieh nicht nur ein wunderbarer Garten, sondern auch Blüten neu entdeckter Macht.
Siluko begleitete El bis zum Tor und verneigte sich.
„Mir war es eine Ehre, euch den Garten der Langhaarigen zu zeigen. Wenn Ilah wieder kommt, würden wir uns sehr freuen. Sie sollte bald wieder bei uns sein.“
Schnell lief El den Weg zu den Feldern und Äckern der Bauern entlang und schlug den Weg zur Zitadelle ein.
Ilah wusste ihre Schätze zu schützen. Er hoffte, sie würde bald von den Riten heimkehren. El war gespannt, was Ilah sagen würde, fragte er sie nach dem verborgenen Garten im Wald und den Männern und dem seltsamen Zaubernebel über allem. Er erinnerte und sehnte sich nach der Zeit der langen Meditation und der großen Tiefe, mit welcher er damals eigene Erkenntnisse erworben hatte.
Hier geht's zum Feedback-Thread (http://www.fantasy-forum.org/showthread.php?t=1611)