Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Dmitry Gluhkovsky - Metro 2033
Dr. Borstel
16.12.2008, 18:25
Es ist das Jahr 2033. Nach einem verheerenden Krieg liegen weite Teile der Welt in Schutt und Asche. Auch Moskau ist eine Geisterstadt. Die Überlebenden haben sich in die Tiefe des Metro-Netzes zurückgezogen und dort eine neue Zivilisation errichtet. Eine Zivilisation, wie es sie noch nie zuvor gegeben hat.
Dies sind die Abenteuer des jungen Artjom, der von seiner Heimatstation aufbricht, um die Metro vor einer dunklen Bedrohung zu bewahren. Denn die letzten Menschen sind nicht allein dort unten ... [Buchrücken]
Dies ist zweifelsohne eines der ungewöhnlichsten Settings der letzten SF-Jahre, in denen sich das Romandebüt Dmitry Gluhkovskys bewegt. In Russland wurde "Metro 2033" ein Riesen-Bestseller, und bei all der Werbung, die der Heyne-Verlag auch in Deutschland um das Buch veranstaltet hat, beschloss ich spontan und ohne vorherige Einsicht von Rezensionen, was ich nicht allzu oft tue, mir den Roman zuzulegen.
Das Setting verfehlt seine faszinierende Wirkung nicht. Auf den ersten hundert Seiten bleibt es in jedem Fall fesselnd. Gluhkovskys Stil erinnert (und da hat die Werbetrommel einmal nicht vollständig daneben gelegen) tatsächlich zum Teil an Sergej Lukianenkos, und in der Folge baut er seinen Roman vor allem auf den unterschiedlichen Abschnitten von Artjoms Reise auf, die er nur lose miteinander verknüpft, indem er seine (was sich vor allem nach jenen genannten hundert ersten Seiten bemerkbar macht) äußerst farblose Hauptfigur all die unterschiedlichen Kulturen durchlaufen lässt, die sich in der Metro angesiedelt haben: Von kriminellen Syndikaten über ein faschistisch-nationalistisches Militärregime und sozialistischen Brigaden bis zu den Zeugen Jehovas. Dabei legt Gluhkovsky sehr viel mehr Wert auf die korrekte Darstellung seiner unteriridschen Zivilisation als auf Charakterentwicklung oder eine fortlaufende Story, deren Zusammenhänge oft arg konstruiert wirken. Die Geschichte könnte zudem durchaus einen Schuss Selbstironie vertragen.
Die Story selbst scheint dem klassisch-altbewährten Muster entnommen zu sein, das von Star Wars bis Eragon schon in jeder erdenklichen Konstellation benutzt und abgenutzt wurde. In diesem Fall muss ich dem Buch aber zugute halten, dass es der Junge-wird-zufällig-in-großen-Konflikt-verwickelt-und-schließlich-zum-Held-Geschichte sehr viel mehr neues abpresst als erwartet. Obgleich sich besagte Zufälle tatsächlich häufen.
Artjom wird von einem Mann namens Hunter gebeten, eine wichtige Information in die ferne Polis zu bringen, den letzten Hort der verlorenen Zivilisation. Mutierte Kreaturen tauchen an den äußersten Rändern der Metro auf; ihre ersten, ungeordneten Angriffe können noch abgewehrt werden. Doch der gesamten überlebenden Menschheit droht eine große Kathastrophe, wenn diese feindliche Invasion nicht abgewendet wird. So muss Artjom die komplette Metro durchqueren und gelangt schließlich sogar an die Oberfläche, in die zerstörte Metropole Moskau, wo nun mutierte Monster ihr mörderisches Dasein fristen.
Das alles ist chaotisch, aber dennoch oder gerade deswegen sehr unvorhersehbar und auch fesselnd. Glukhovsy verliert sich nicht in heilloser Action, wie man es hier vermuten könnte, sondern gewinnt der Geschichte sogar oft genug realpolitische oder philosophische Betrachtungsweisen ab. Das Setting allein reicht schon nahezu für einen akzeptablen Roman, und das Ende ist allererste Sahne. In diesem Sinne, für einen zwar unausgegorenen, aber sehr innovativen Mix aus politischer SF und Horror gibt es von mir 7/10 Punkten und eine Empfehlung für alle, die gerne einmal etwas Neues abseits ausgetretener Pfade ausprobieren wollen.
Vielen Dank für deine Rezension, Dr. Borstel!
Der massive Werbeeinsatz von Heyne ist mir auch (unangenehm) aufgefallen. Fast auf jeder Seite, die sich mit Fantasy/SciFi beschäftigt (außer dem werbefreien Fantasy-Forum;)) flackert einem momentan ein nerviges 2033 Banner entgegen, schön mal aus erster Hand zu erfahren, ob das Buch was taugt.
Eine kleine Bitte noch: Wir haben ein Bewertungssystem *nach oben rechts zeig* Statt verbal 7/10 Punkten zu geben, hätte ich die Bitte an dich, doch einfach Sternchen zu vergeben, dann könnne andere schon in der Themenübersicht die Qualität des Buches erkennen.
Warin, das mit den Bewertungen ist schwierig, weil dem Leser nicht unbedingt klar ist, ob er nun das Buch, oder ob er die Rezension und den Informationsgehalt des Threads bewertet. In der Vergangenheit hat sich immer wieder gezeigt, dass Usern dies nicht klar war. Ich weiß aber auch nicht, wie man dies klarer machen könnte.
Zum Buch: Nach einigen Lukianenko Romanen war mir nicht gleich wieder nach einem russischen Autoren. Das Szenario für dieses Buch ist schon gewaltig: Die moskauer U-Bahn. Ich hatte schon das Glück, ein paar Stationen zu sehen und ich kann nur sagen: unglaublich schön. Von dieser Schönheit ist in dem Buch wahrscheinlich nichts mehr übrig und er wird wohl vom Glanz vergangener Tage schreiben.
Liathano
04.01.2009, 01:23
Sehr schöne Rezension!
Ich bin bekennender Fan russischer (nicht nur phantastischer) Literatur, dementsprechend war "Metro 2033" für mich Pflichtlektüre. Positiv fiel mir sofort die beklemmende, sehr dichte Atmosphäre auf, die der Autor schafft. Ich fand auch sehr beeindruckend, was er aus dem Setting gemacht hat, wie viel "world building" er da betreibt - in der Enge der Metro erschafft er eine ganze Welt! Zudem fand ich sehr interessant, wie Glukhovsky anhand seiner U-Bahn Jahrhunderte russischer/europäischer Geschichte aufarbeitet, wenn auch manchmal etwas platt. Sprache und Stil fand ebenfalls angenehm, sehr russisch eben, auch von den Motiven und Topoi her.
Negativ fielen mir diverse Charaktere auf, die für meinen Geschmack zu stereotyp und flach beschrieben wurden - so manches Mal assoziierte ich da an geschmacklose Actionfilme der 80er.
Fazit: Ein gelungener Endzeitroman, der mich vor allem durch das interessante Setting und die dichte Atmosphäre gefesselt hat, der aber dem Riesenhype nicht ganz gerecht wird.
Hab's sofort gelesen nachdem es rauskam und muß sagen: Geniales Buch!
Endlich mal eines dessen Ende mich nicht enttäuscht hat!
Der Rezension kann ich sonst nicht viel hinzufügen, nur soviel, daß irgendwie alles stimmig ist.
Ich kann auch nicht sagen, daß ich die Charaktere zu flach fand - ok, es wäre mehr Tiefe möglich gewesen, aber entweder wäre das Buch dann doppelt so dick geworden (obwohl, hätte mich auch nicht gestört, war eh viel zu schnell zuende), oder es wäre auf Kosten der Umgebung geschehen, (so eine geniale Idee will ich auch mal haben) und dann ist mir das Setting wichtiger als die Figuren.
Aber ich für meinen Teil sehe das als sehr marginale Kritikpunkte, ein 'klagen auf hohem Noveau' weil ich sonst auch nichts auszusetzen habe. :-)
Damarien
14.01.2009, 10:49
Ich muss meinen Vorrednern zustimmen, die Atmoshpäre und die Welt die der Author aufbaut ist einfach genial. Leider bleiben die Figuren und Personen wirklich zu grau und ein paar Dinge werden nicht wirklich aufgeklärt.
Vielleicht hat ja jemand von denen die es gelesen haben eine Antwort darauf:
Was genau war denn jetzt in dem Tunnel vor dem Artjom Khan und der dritte im Bunde dessen Name mir gerade entfallen ist, weglaufen?
Hab ich das nur überlesen oder gabs da wirklich keine Erklärung dazu?
Desweiteren noch:
Hat Artjom wirklich nen Zug oder den großen Wurm gesehen, als er dem Geräusch bei der Flucht von den Kindern des Wurms nachgeht? Mit der späteren Erzählung von Pawel mit dem Tunnelbohrer kann ich mich nicht richtig anfreunden.
Und noch eine Frage zum Ende:
Waren die Schwarzen wirklich freundlich gesinnt und wollten nur Kontakt aufnehmen? Oder haltet ihr das für einen Plan der es ihnen erleichtert hätte in die Metro einzufallen? Bin an eurer Meinung interessiert.^^
Alles in allem aber wirklich ein Buch das ich denjenigen weiterempfehle denen das Setting gefällt. Dabei ist mir aufgefallen das dieses Buch mit weniger Gewalt auskommt wie ich bei solch einem düsteren Szenario vermutet hätte.
Gruß
Damarien
Die ersten beiden Fragen wollte der Autor denke ich bewusst offen lassen.
Ich hatte den Eindruck er spielt damit nur so viele Informationen zu geben, daß man es verstehen kann, aber eben auch falsch auslegen.
Auch wie es zu der ganzen Katastrophe kam bleibt ja weitgehend offen, aber man ahnt, was für ein Krieg getobt haben muß.
Zur letzten Frage:
Ich denke die kamen wirklich mit friedlicher Absicht, immerhin haben sie sich mehrmals niederschiessen lassen und es kamen immer wieder welche... Danach zu urteilen waren sie auf keinen fall auch nur annähernd so aggressiv wie Menschen - offenbar konnten sie sich auch nicht vorstellen, daß jemand so Angst vor ihnen hat.
das Ganze dürfte wirklich ein Fall von 'saudumm gelaufen' sein.
Das gefällt mir an dem Buch so sehr. Kein tollen Happy End, sondern ein dreckiges menschliches Ende.
Ich habe das Buch vor kurzem zu ende gelesen. Ich muss sagen, ich werde ein immer größerer Fan von russischer Fantasy und SciFi-Literatur.
Ich fand die ganze Grundidee - Menschheit muss in der Metro leben- sehr interessant und ich wurde nicht enttäuscht.
Gerade das ende hat es mir angetan. Ich denke mal niemand hat bei der Story mit einem Happy End gerechnet, aber das Ende hat mich schon sprachlos gemacht. Das die Schwarzen gar nicht feindlich gesinnt waren - darauf wäre ich nie gekommen!:eek: Das war echt so ein typisches "Ach du Sch***"-Ende.
PaganPunk
07.06.2009, 01:10
Was ich auch sehr interessant fand, was zwar nicht zu dem Thread passt, aber mir durch das Buch bewusst geworden ist: Die Meisten Ideologien in diesem Buch wurden in Deutschland "erfunden". Fand ich z.T. interessant , aber auch erschreckend. Was sagt ihr dazu?
Was heisst 'die meisten'?
Den Faschismus würd ich nun wirklich nicht als Ideologie bezeichnen...
Und der Rest - Christliche Sekten?
Der Kommunismus ist nicht direkt ne rein deutsche Erfindung, ok, einige deutschstämmige Philosophen waren involviert...
Aber welche 'Ideologien' meinst du denn genau?
PaganPunk
07.06.2009, 12:47
Ja eben Faschismus, ok kommt aus Italien aber die in dem Buch beziehen sich ja auch den deutschen Nationalsozialismus.
Die Sowjets und Trotzkisten beziehen sich beide auf Marx. Und was heißt es waren deutsche involviert? Karl Marx hat das kommunistische Manifest geschrieben und darauf hat sich auch Lenin bezogen. Dann haben wir noch die Hanse, auch eine deutsche Erscheinung. Fand das irgendwie seltsam. Vielleicht auch ein Baustein für eine Verschwörungstheorie
Ok, die Hanse... Das hab ich aber nicht so sehr als Ideologie gesehen... Eine Handelsgemeinschaft mit deutschem Namen. Kann aber einfach daran liegen, daß Glukhovsky Als Journalist in Deutschland war und auch für einen deutschen Radiosender gearbeitet hat... Ok, in anderen Ländern war er wohl auch... Am besten man fragt ihn mal selbst sollte man ihn mal treffen. ;-)
Koboldkind
08.06.2009, 15:06
*ich habe mit dem Thema nichts zu tun, wollte aber mal auf PaganPunk antworten*
Warum anscheinend so viele Ideologien in Deutschland anfangen?
Ich könnte mir das durch den zentralen Standort erklären. Hier kommt quasi ganz Europa zusammen, so wie in Italien und Spanien der ganze Mittelmeerraum zusammenkommt. Spanien war nicht umsonst der Schmelztiegel von Islam, Christen- und Judentum.
Dass aber Marx und Luther Deutsche waren stempel ich als puren Zufall ab. Reformation gab es auch in Tschechien und der Schweiz und ist Marx nicht eigentlich in England gewesen? Ich meine, der Herr hatte aus der dortigen Industrialisierung seine Sozialistischen Ideen.
Weiter OT, aber bei geschichtlichen Themen kann ich mich schwer zurückhalten: Karl Marx hat das Manifest geschrieben, aber er hat den Kommunismus nicht alleine erfunden. Es gab schon vor ihm Ur-Kommunisten und Frühsozialisten, deren Gedanken er aufgegriffen hat und vor allem im "Kapital" wissenschaftlich unterlegt hat. Sind Kommunismus und Sozialismus deswegen eine deutsche Erfindung? Franzosen würden das wohl empört verneinen und auf Rousseau verweisen.
Die Hanse ist nun mal wirklich keine Ideologie.
Anfangs ging es mir so wie in allen russischen Büchern: die Namen der Personen und Stationen haben mich erschlagen... ;)
Zum Glück gibts vorne im Buch eine Aufklappseite mit den Namen der U-Bahnstationen, was ich sehr hilfreich fand und die mir half, mich durch den Namensdschungel zu wühlen. Mit den Eigennamen gings dann aber schnell sehr gut, da die meisten zum Glück immer beim selben Namen genannt wurden und nicht einmal beim Vornamen, einmal beim Spitznamen, dann beim Vatersnamen und dann zur Abwechslung noch beim Familiennamen, wie es zum Beispiel Lukianenko macht...
Gluhkovsky hat da ein ganz tolles Buch geschrieben. Am meisten hat mich beeindruckt, wie er die Stimmung in jeder Station perfekt beschrieben hat. Ich habe selten ein derart atmosphärisch dichtes Buch gelesen. Gelesen? Nein, ich war mitten in der Geschichte, sie hat mich förmlich eingesaugt. Wahrscheinlich habe ich viel zu schnell gelesen, aber ich konnte einfach nicht aufhören und schon gar nicht das Lesetempo drosseln.
Die Charaktere fand ich sehr interessant und auch gut geschildert. Auch da bleiben wie bei der Handlung keine Wünsche von meiner Seite offen.
Aber das Beste kam zum Schluss. Obwohl der Schluss eigentlich furchtbar ist. Ein Hammer. Ich saß einfach fassungslos vor dem Buch und konnte nicht glauben, was ich eben gelesen hatte...
Mein Fazit: die 5 Sterne vergebe ich ohne zu zögern.
Ich habe noch eine Frage an die, die die Fortsetzung kennen: Stimmt es, dass Metro 2034 nicht an Metro 2033 anknüpft und dass Atrjoms und Hunters Schicksal nicht oder kaum weiterverfolgt wird?
Allgemeinplatz
18.01.2010, 21:02
Ich bin bei diesem Buch geteilter Meinung. Da es mein erstes Buch eines russischen Autors war, fiel mir natrürlich der etwas andere Schreibstil auf. Irgendwie musste ich dabei an einige, alte Filme aus dem kommunistischen Osten denken (nicht wegen der benutzten Synonyme!). Es schwingt da so eine Atmosphäre in den Dialogen und der motivationen der Personen mit...naja halt anders als die technokratischen Romane des Westens. Ich kann es nicht näher beschreiben, aber die Dialoge des Buches gemahnten stellenweise an Filme dieser Ära.
Auf der anderen Seite hatte der Roman m.M. nach nicht gar so viel neues zu bieten. Im ersten Drittel die Tour durch die verschiedenen Ideologien der Stationen war für mich nicht besonders spannend. Das seltsame und unbegreifliche in den Tunneln wusste da schon mehr zu begeistern. Das waren eben nicht sofort irgendwelche deformierten Mutanten sondern erst mal Geräusche, Empfindungen und seltsame, psychische Phänomene. Das hob dann auch die seltsame Atmosphäre der Metro am besten hervor.
Erst im Mittelteil schien die Handlung dann ihren Lauf zu nehmen. Der etwas blässlich wirkende Artjom kommt am Ort seiner Bestimmung an und findet...(mag jeder selbst lesen)
Für mich persönlich hatte der Roman die stärksten Elemente am Ende der Handlung, wenn der Autor die Frage nach dem Sinn all dieser Handlungen und des Überlebens der Menschheit stellt. Für mich taucht bei solchen Romanen immer recht schnell die Frage auf, was denn wohl die Gegenseite fühlt, empfindet oder denkt. Dies zusammen bildet ja dann auch die Auflösung des Romanes, wenn man so will.
Mein Eindruck war jedoch, wie der Autor auch im Buch einmal ausführte, das die Handlung einer Geschichte aus mehr oder minder zusammenhanglosen Vorfällen besteht, welchen der Zuhörer oder Leser dann erst am Ende einen Zusammenhang gibt. Am Ende kann ein jeder dann darüber nachsinnen, wie verbohrt die Menschen sind und wie die Angst sie immer wieder dazu treibt, sich selbst und andere zu vernichten.
Mich hat die Grundidee des Buches nicht so sehr in Bann geschlagen. Es war mehr die Atmosphäre und im Nachhinnein die Bedeutung, welche der Autor mit dieser einen Bemerkung dem Roman gegeben hat. Wirklich neues vermag das Buch allerdings nicht zu geben, die Menschheit befindet sich mal (wieder) am Abgrund...
Der Allgemeinplatz
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