Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Fortsetzungsgeschichte Schicksalsschmiedin
Poste ich hier auch mal was^^" *etwas nervös sei*
Mein neustes "Projekt"... noch nicht fertig, auch wenn ich stark hoffe, dass es das irgendwann sein wird :) Bisher hat es 177 (DinA4-)Seiten und ich hoffe mal, dass es hier zumindest ein paar Leuten gefallen wird^^"
Ein (provisorisches) Cover hat das Ganze auch...
http://s6.directupload.net/images/080131/temp/5dticmep.jpg (http://s6.directupload.net/file/d/1324/5dticmep_jpg.htm)
Das ist mein erster Versuch in Richtung realistisch Malen & ausschließlich am Comp malen... und man sieht's^^"
Hab jetzt mal gleich 2 Kapitel reingestellt, damit ein bissl mehr Inhalt drinsteckt *ja*
Viel Spaß wünsch ich :) (Und hoffe, dass ihr ihn habt^^)
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Prolog
Wenn man klein ist, ist es vor allem wichtig, Spaß zu haben und wesentliche Dinge zu verstehen und zu lernen, wie zum Beispiel, dass eins und eins nicht elf ist oder, dass die Welt nicht nur das Heimatland oder sogar nur der eigene Wohnort ist.
Später ist es wichtig, seinen Weg langsam zu finden und wichtige Erfahrungen zu sammeln.
Aber was wirklich wichtig ist im Leben, das muss jeder für sich selbst herausfinden und festlegen. Jedenfalls habe ich das früher gedacht. Das war, bevor ich erfahren musste, welche Macht manche Wesen doch haben. Solche Macht, dass sie es vermögen, anderer Schicksal zu beeinflussen, nein, eigentlich sogar zu steuern.
Kapitel 1
Man sagte mir immer, ich sei viel zu neugierig; mir würde noch irgendwann die Nase abfallen, wenn ich sie überall hineinsteckte. Natürlich war das auch aus der Sicht der Erwachsenen nur eine Floskel, nichts weiter als eine lose Drohung, die auch ein Kind nicht mehr glaubt, wenn sie zweimal ausgesprochen wurde. Hätten sie damals gewusst, wie Recht sie hatten, hätten sie noch besser aufgepasst, gewisse Dinge von mir fernzuhalten.
Als kleines Mädchen hatte ich eine gute Freundin. Wir waren gemeinsam aufgewachsen, sie war auf den Tag genau einen Monat jünger als ich. Wir waren immer stolz darauf, dass wir so viel gemeinsam hatten – äußerlich; innerlich waren wir wie Yin und Yang. Ich unendlich neugierig und wissbegierig, gleichzeitig in mich gekehrt, kühl, starrsinnig, bissig, berechnend, auch wenn sich das als Kind noch nicht sehr stark zeigte.
Was mein Aussehen anbelangte, passte es ebenfalls recht gut zu meinem Charakter. Helle Haut, die nicht mal im Hochsommer viel brauner wurde, schwarze struppige, stets kurz gehaltene Haare und schmale grüne Augen, aus denen ich die Leute meistens nur kalt anfunkelte. Meine Kleidung war immer in irgendeiner Weise zerrissen oder dreckig, meine Mutter kam mit dem Flicken nicht mehr hinterher. Kleider und Röcke trug ich nie. Unpraktischer Flatterkram.
Im Gegensatz dazu stand meine Freudin. Obowhl sie eine typisch Blondine war, wurde sie ziemlich schnell braun. Ihre hellblauen Augen blitzten die ganze Zeit nur so vor Lebensfreude und Tatendrang. In ihrer üppigen Haarpracht war immer eine leichte Wellung.
Sie war auch neugierig, aber auf andere Weise als ich; sie war eher das, was man als naseweis bezeichnet. Wenn ihre Mutter mit Teig hantierte, stützte sie sich hoch auf die Anrichte und fragte: „Was backst du da? Woraus ist das? Darf ich das später essen? Oder vielleicht jetzt schon?“ Und ähnliche Dinge. Lebhaft war sie, quirlig, fröhlich. Immer am Springen, Laufen, Singen, Lachen, während ich lächelnd hinter ihr herkam.
„Du bist wie ein Junge, Nanna“, sagte sie dann, „Immer die Hände in den Taschen, kurze Haare, diese schmutzige Kappe, deine rotzigen Antworten... wie ein Junge, Nanna.“
Nanna. Alle liebten diesen Namen. Weil er so schön klang mit den zwei gleichen Silben und weil seine Bedeutung zu mir passte, wie sie sagten. „Die Kühne“. Ich hatte mir angewöhnt, ihn dumm zu finden. Warum, das wusste ich längst nicht mehr, wahrscheinlich einfach, um dagegen zu gehen. Oder vielleicht auch, weil viele der anderen Kinder mich stattdessen „Natter“ nannten. Sie fanden, das passe noch besser zu mir als die Bedeutung meines Namens.
Meine Freundin hatte auch so einen Namen: Lilja. Es passte schon. Zwar war sie eindeutig keine Lilie, aber sie konnte genauso hübsch und anmutig sein wie eine. Jeder Blumenname hätte wahrscheinlich gepasst. Strahlend und scheinbar unerschöpflich voller Leben, nett anzusehen, verletzlich, aber trotzdem stark... jedenfalls habe ich sie so in Erinnerung. Seit diesem Vorfall damals haben die Leute nicht mehr viel über sie geredet, schon gar nicht in meiner Gegenwart.
Es war an einem dieser wunderschönen Tage, die man als Kind auf keinen Fall drinnen verbringen kann, passiert. Auch Lilja und ich waren damals noch solche Kinder – wir waren damals fast zehn Jahre alt. Das heißt, ich war es schon; ihr Geburtstag war in der Woche darauf und wir freuten uns schon beide mächtig auf die Feier, die wir – wie immer – gemeinsam veranstalten würden.
An diesem Tag hatten wir uns etwas Besonderes vorgenommen. Wir wollten zu einem der Steilhänge gehen und ein paar seltene Blumen für unsere Mütter pflücken. Blumen, wie man sie nur bei uns fand. Eine dieser Schönheiten nannte sich zum Beispiel Kailanie, einen riesigen Blütenkelch in einem tiefen, reinen Rot hatte sie. Nur leider einen etwas unangenehmen Geruch; das war auch der Grund, aus dem man sie höchstens vor dem Haus hatte und nicht in einer Vase im Schlafzimmer. Besser geeignet dafür waren die kleinen, violetten Innisia mit ihren flachen, puscheligen Kronen, die ausschließlich an rohen Steinwänden wuchsen. Sie waren auch im Sommer so voll mit Nektar, dass wir Kinder genauso gern aus ihren Blüten tranken wie die Insekten. Oft schon hatten wir unseren Müttern Sträuße nur aus Exemplaren dieser Sorte und schneeweißen Berglilien zusammengestellt.
Wir lebten im Gebirge, in einem vergleichsweise kleinen Dorf, dem „Traum eines jeden kleinen Mädchens“, wie meine Mutter mit einem Zwinkern zu sagen pflegte. Ich machte darauf immer nur ein undefinierbares Geräusch. Man wisse eben nie, ob es einem irgendwann zum Verhängnis würde, wenn man soetwas zustimmte – das wiederum sagte mein Vater dann stets und tätschelte mir stolz den Kopf. Na ja, eher anerkennend. Von ihm hatte ich die pessimistische Einstellung zu allem. Eigentlich fast meinen gesamten Charakter.
Es war bei uns also nicht schwer, einen Abgrund mit Steilwänden zu finden, an denen die schönsten Blümchen wuchsen. Lilja und ich wussten genau, wie wir an sie herankamen; die älteren Kinder hatten uns früher manchmal Blumen geholt und uns das Klettern dann beigebracht; das war auch der Grund, aus dem wir uns so sicher in dieser Sache waren. Berechtigterweise, ja, ohne jede Frage... aber nicht ohne jedes Risiko. Zusätzlich hatten wir an diesem Tag niemandem erzählt, wohin wir gingen – es sollte eine gelungene Überraschung werden.
Wir hielten uns am oberen Rand der Wand; dort gab es noch ziemlich viele Möglichkeiten, sich festzuhalten und durch das um einen Baum geknotete Seil gesichert fühlte man sich, als bestünde überhaupt keine Gefahr.
Wir hatten gerade beide einen schönen Strauß gesammelt, den wir noch mit einigen Wiesenblumen ergänzen wollten, da schien mir von etwas tiefer irgendwas Blutrotes entegenzuleuchten. Ich rief Lilja, die schon hochgeklettert war, zu: „Lilja! Komm mal an den Rand!“
„Mmmmh?“ Mit diesem aufdringlichen, neugierigen Laut und dem dazugehörigen Lächeln, bei dem sie die Lippen nach innen stülpte, tauchte ihr Gesicht über der Klippe auf.
„Würdest du dein Seil an meins knoten, damit es länger ist? Da unten is’ was, das will ich mir mal ansehen!“
„Gut, aber dazu musst du hochkommen, sonst stürzt du ab!“
Also kam ich flink nach oben. Wir banden unsere Sträuße locker mit Gras zusammen und legten sie ab, dann verbanden wir die beiden Seile gemeinsam mit einem festen Knoten, der auf jeden Fall halten würde. Das Seil wurde wieder um den dicken Baum am Rand der Schlucht gewickelt. Dann stieg ich wieder die Steilwand hinab.
„Sei aber vorsichtig!“, rief Lilja, offensichtlich ein wenig besorgt.
„Jaja!“, rief ich mit einem ermutigenden Lachen. Lilja grinste.
Das Gestein war rau und kantig, aber es schien mir wie ein Freund, der mir nichts antun würde. Die obere Region war schnell durchklettert, ich kannte sie an dieser Stelle so gut wie auswendig; ich wusste genau, wo ich meine Füße setzen, meine kleinen Hände hineinklammern musste. Je tiefer ich kam, desto langsamer wurde ich.
Ich blickte über die Schulter und zog verwundert die Augenbrauen zusammen: Das leuchtende Etwas war weg. Ich sah mich um. Vielleicht war ich ja zu weit zur Seite geklettert.
Ich sah noch einmal genau nach und dann sah ich es wieder: Es war noch ein Stück weiter unten. Ich machte ein böses Gesicht. „Na warte, du...“, murmelte ich und machte mich wieder ans Klettern. Das Gestein schien auf einmal sein wahres Gesicht zu zeigen. Meine Handflächen schmerzten leicht, ich kam ins Schwitzen und atmete schwerer. Um mich herum wurde es ganz langsam dunkler.
Ich behielt das rote Glimmen beim Abstieg ganz genau im Auge. Es bewegte sich kein Stück mehr. Mich durchzuckte ein beflügelnder Gedanke: Vielleicht ist es ja ein roter Edelstein!
Was würden sich meine Eltern freuen, wenn ich so einen fände! Wir würden ihn verkaufen und den Ertrag mit Liljas Familie teilen. Vielleicht sogar mit dem ganzen Dorf, wenn es genug war.
Ich wurde hibbelig und hastete tiefer. Ich achtete nicht mehr genau darauf, wo ich hintrat. Es kam das Unvermeidliche: Ich rutschte ab und sauste mit einem kurzen Aufschrei des Schreckens ein Stück tiefer, dann spannte sich das Seil ganz plötzlich. Ich stöhnte keuchend auf, als meine Schultern und meinen Brustkorb ein stumpfer Schmerz durchschnitt.
„Nanna?!“, rief Lilja beunruhigt, „Alles in Ordnung? Soll ich dir hochhelfen?“
„Nein, alles in Ordnung, ich bin bloß kurz abgerutscht!“
Ich blickte zu der Stelle, wo das rote Glimmen eben gewesen war; wieder war es weg.
„Wa...?“, entkam es mir leise.
Ich sah intuitiv nach unten und sah es wieder rot funkeln – wiederum ein ganz kleines Stück weiter unten.
Ich sah böse hinab und wollte gerade wieder nach einem Halt suchen, da passierte es: Auf einmal durchzuckte das Seil eine Art Schauer der Lockerung. Mich durchfuhr ein heißer Schrecken und bevor ich mich schnell irgendwo festhalten konnte, kam das Seil auf mich zu gefallen. Ich stieß einen gellenden Schrei aus, als ich fiel.
Da spannte sich das Seil plötzlich wieder.
„Nanna!“, keuchte Lilja in heller Panik, „Halt dich fest!“
„Ja... ja!“ Hastig suchte ich nach einem Halt, aber die Wand vor mir hatte kaum Ritzen oder Vorsprünge, nur sehr kleine. Ich konnte förmlich spüren, wie Lilja über mir immer weiter dem Abgrund entgegenrutschte.
„Na... nna....“, hörte ich sie keuchen. Es hallte von den Wänden wieder, dass ich schauderte.
„Ah!“ Ich sah über mir eine Möglichkeit, mich festzuhalten. Ich musste nur erst hinkommen. Das bedeutete, ich musste mich am Seil hochhangeln.
„Halt aus, ich hab’s gleich!“, rief ich zu Lilja rauf. Dann packte ich das Seil und zog mich keuchend nach oben.
Gerade, als ich festen Halt gefunden hatte, hörte ich über mir einen Schrei. Ruckartig riss ich den Kopf hoch – und sah Lilja auf mich zustürzen.
Wir brüllten beide aus Leibeskräften, ich spürte, wie mir das Blut aus dem Kopf gesogen zu werden schien.
Da ruckte es an mir; ich schaffte es nur knapp, mich weiter festzuhalten.
„Nanna... nicht loslassen!“, rief Lilja. Ihrer Stimme nach war sie den Tränen nahe. Ich hätte vor Erleichterung fast losgelassen; sie hatte das Seil also noch in der Hand.
„Was denkst du denn?! Pass lieber auf, dass du selber nicht loslässt!“, rief ich trotzdem und versuchte, mich hochzuziehen.
„Warum bist du so schwer?“, keuchte ich und hoffte, die Situation auflockern zu können. Kurz darauf sah ich ein, dass ich das nicht konnte. Ich selbst war krank vor Angst und Lilja wusste das. Sie konnte sowas hören – vielleicht sogar spüren.
Also zog ich mich schnaufend höher. Noch ein paar Zentimeter... nach dem nächsten Halt sehen, wieder ziehen.
„Du schaffst es, Nanna!“, rief Lilja immer wieder, fast, als wolle sie sich selbst Mut machen und nicht nur mir.
„Jadoch...“, murmelte ich verbissen; nicht, weil ich genervt war. Eher, weil ich es mir selbst in den Kopf hämmern wollte. Ich durfte nicht loslassen. Und ich musste mich beeilen, wie ich nur konnte.
Die Hälfte der Strecke war geschafft und ich gönnte mir eine kurze Verschnaufpause, da spürte ich das Seil wieder zucken. Ich sah nach unten, genau in dem Moment, als Lilja entsetzt einen abgehackten Schrei ausstieß. „Nanna, der Knoten, er löst sich!“, rief sie in panischer Angst.
„Scheiße!“ Mein Gesicht war bedeckt von Schweiß – dem warmen Schweiß der Anstrengung und dem eiskalten Schweiß der Angst. „Schnell, du musst hoch! Mach schon!“
Lilja begann sich hastig und zitternd an dem Seil hochzuziehen. Der Knoten knarzte. Er würde jeden Moment reißen oder sich auflösen. Ich kniff betend die Augen zusammen und verkrampfte meine Hände in das Gestein.
„Ich bin gleich da...“
„Beeil dich, du schaffst es!“ Ich glaubte es wirklich. Sie schaffte doch immer alles... irgendwie schaffte sie immer alles.
Es knallte kurz und leise.
Ich riss die Augen auf und sah nach unten.
„Ah...“, machte Lilja leise.
„Ha...!“, entkam es mir entsetzt.
„Ah... AAAAAAAAAH!“, brüllte Lilja, als sie fiel.
Ich hätte mir am liebsten die Hände auf die Ohren gepresst oder wäre hinterhergesprungen oder irgendwas sonst. Aber ich konnte mich nur festhalten und sie fallen sehen, während sich Tränen in meinen Augen sammelten.
„Lilja...“, flüsterte ich nach ein paar Sekunden. Ich meinte, sie noch irgendwo da unten zu sehen. Zu hören. Sie war nicht tot. Sicher nicht, nein. Sie hatte doch in einer Woche Geburtstag, sie konnte jetzt nicht sterben...
Ich holte Luft und brüllte aus Leibeskräften: „LILJA!“
Aber auch nachdem ich mir die Kehle längst heiser geschrien hatte, bekam ich keine Antwort.
Ich schaffte es irgendwie, nach oben zu kommen. Irgendwie gelang es mir, meine zerkratzten, schmerzenden Hände bis ganz nach oben zu zwingen. Oben krallte ich mich ins Gras und fiel flach hin.
Doch kurz darauf richtete ich mich wieder auf. Nein, ich konnte jetzt nicht ausruhen. Lilja war bestimmt noch irgendwo da unten, bestimmt hatte sie irgendein Baum aufgefangen oder, oder...
Ich musste irgendwie Hilfe holen. Aber ich konnte mich nicht mehr bewegen. „Hilfe...“, flüsterte ich. „Helft uns, irgendwer... helft ihr... sie ist bestimmt verletzt...“ Wieder stiegen mir brennend die Tränen in die Augen. Ich schüttelte den Kopf, um sie loszuwerden und schrie, so laut es noch ging: „HILFE! Verdammt noch mal, kommt doch endlich! Hilfe!“ Meine Stimme hallte von den Bergen wieder. „Bitte...“, bekam ich noch heraus, bevor ich vollkommen entkräftet ins Gras fiel. Ich konnte nur an eine Sache denken. Lilja war gefallen. Und ich war schuld. Ich konnte nicht einmal dem verdammten roten Ding die Schuld geben. Ich war runtergeklettert. Ich war gefallen. Ich hatte sie mit mir gezogen. Ich hatte nichts getan. Im Grunde... hatte ich sie getötet.
Kapitel 2
Meinen Hilferuf schien wohl niemand gehört zu haben. Es war reines Glück, dass einige Zeit später, als es schon dämmerte, ein Junge vom Dorf vorbei kam und mich in der Wiese liegen sah.
Ich hörte vage, wie etwas zu Boden geworfen wurde. „Hallo?“, rief mir jemand beunruhigt zu. Ich rührte mich nicht.
„Hal – Um Himmels Willen! Nanna!“ Er fiel neben mir ins Gras, packte mich bei den Schultern und zog mich hoch. „Mensch, Kleine, deine Mutter sucht nach dir, die ist ganz außer sich vor Wut und Sorge! Was hast d – Moment, du weinst ja... was ist los?“
„Lilja“, sagte ich leise.
„Ha?“
„Lilja ist gefallen!“, brüllte ich ihm aus heiterem Himmel ins Gesicht. „Sie ist verletzt! Ich hab um Hilfe gerufen und ihr seid nicht gekommen! Ihr seid...“ Ich wurde durch einen Hustenanfall unterbrochen. Meine Kehle war vollkommen wund geschrien und ich hatte furchtbaren Durst.
„Du lieber... was redest du denn da? Was soll das heißen, Lilja ist gefallen? Was habt ihr überhaupt gema... Nanna? He, Nanna!“
Ich war ohnmächtig geworden. Später hörte ich, dass der Junge, Toivo war sein Name, mich den ganzen Weg bis zum Dorf getragen hatte, zusammen mit dem Beutel voller Einkäufe, den er für seine Mutter auf dem Markt besorgt hatte.
Alles ist Schicksal. Und die Behauptung, man könne dieses selbst in die Wege leiten, ist nichts als Schwachsinn. Träumerischer Optimismus, der irgendwelchen Vollidioten an einem lauwarmen Nachmittag voller Langeweile eingefallen sein mag, während sie an ihrer Pfeife nuckelten. Jedes Schicksal ist vorbestimmt. Nicht von seinem Besitzer. Nicht von der Natur. Nicht von Gott. Es gibt keinen Gott. Es gibt einen Herrscher und es gibt die, die ihm schutzlos ausgeliefert sind. Wer er ist und woher er kommt, das weiß ich nicht. Aber ich werde es herausfinden und ihn leiden lassen, wie er mich hat leiden lassen. Das hatte ich mir geschworen, noch bevor ich bewusstlos in Toivos Arme gekippt war.
„Und wo ist Lilja? Sie ist doch bestimmt mit ihr gegangen?“
„Ich weiß nicht... sie sagte etwas von wegen, Lilja sei gefallen... aber ich versteh das alles nicht.“
Meine Mutter schwieg kurz, dann fragte sie: „Du hast sie neben einer der Schluchten gefunden, oder?“
„Ja. Neben ihr lagen zwei Blumenträuße... Lilja muss wohl wirklich bei ihr gewesen sein.“
„Was, wenn Lilja... oh Gott, sie wird doch nicht etwa in die Schlucht gestürzt sein?!“
„Wa...?!“, stieß Toivo hervor.
„Ich hole sofort Liljas Mutter.“
„Mama...“, flüsterte ich. Als ich die Augen aufschlug, drehte sich meine Mutter gerade ruckartig um. „Nanna... du dummes Kind...“ Sie weinte fast. Sie sagte das immer, wenn sie wegen mir fast weinte, aber dieses Mal traf es mich direkt ins Herz. „Mama... Lilja...“ Meine Stimme zitterte. Im nächsten Moment begann ich zu schluchzen. Meine Mutter kam und nahm mich in den Arm. „Ruhig... was ist passiert, meine Kleine?“
„Das Seil hat sich gelöst... erst vom Baum, dann voneinander... sie – sie ist runtergefallen... sie...“ Ich fuhr hoch und sah meine Mutter an. „Wir müssen sofort hin! Sie liegt bestimmt da unten und hat Schmerzen! Wir müssen –“ Das traurige Kopfschütteln meiner Mutter stoppte mich sofort. „Was? Was, Mama?“
„Wenn Lilja gefallen ist... dann ist sie nicht mehr am Leben, Nanna.“
Ich wollte widersprechen, aber dieser Satz nahm mir die Luft. Mir wurde kalt, als hätte man mich mit Eiswasser übergossen.
„Sollten wir nicht erst mal nach ihr suchen...?“, merkte Toivo vorsichtig an. Meine Mutter sah auf, offensichtlich alles andere als begeistert von der Idee.
„Ja! Suchen!“ Ich konnte schon gar keine Sätze mehr bilden, in meinem Kopf explodierten die Gedanken.
Meine Mutter schüttelte den Kopf. „Ich gehe jetzt erstmal zu Liljas Eltern... und dann wird ein Suchtrupp losgeschickt...“ Als ich den Mund öffnete, hob sie kurz die Stimme, um zu zeigen, dass sie noch nicht fertig war, „...dem du dich sicher nicht anschliessen wirst. Ich muss erstmal deine Wunden versorgen. Und essen musst du auch was...“ Ich wusste, dass das nicht ihre tatsächlichen Gründe waren. Ich konnte förmlich hören, was sie dachte. Sie dachte, es würde eine Katastrophe geben, wenn ich die Leiche meiner Freundin sah.
Vielleicht hat sie ja doch Recht..., dachte ich bitter. Und dann hörte ich mich selbst aufschluchzen. Dann nochmal. Und nochmal, immer häufiger wurden die Schluchzer, während mir dicke Tränen übers Gesicht liefen.
„Oje, Nanna...“ Meine Mutter machte Kehrt, kam wieder zu mir und nahm mich in den Arm. Dann bat sie Toivo, an ihrer Stelle den Botengang zu machen. Toivo nickte ernst, dann lief er los.
Meine Mutter legte mich ins Bett, wusch meine Wunden, verband mir die Hände... aber ich merkte praktisch nichts von all der Fürsorge. Mein ganzer Kopf war voller Schuldgefühle und dem verzweifelten Suchen nach einer Möglichkeit, die Zeit irgendwie zurückzudrehen.
Liljas Leiche wurde nie gefunden. Nirgends war auch nur ein Knochen oder Blutfleck auffindbar gewesen, der darauf hinwies, dass irgendwo in den kleinen Wald in der Schlucht ein Mädchen hineingestürzt war. In den ersten Wochen machte ich mir deshalb neue Hoffnung, aber mit der Zeit verschwanden auch die letzten Funken von Zuversicht. Ich wurde immer stiller, immer bitterer. Mein Gesicht nahm die ständig düsteren Züge an, die für den Rest meines Lebens mein normaler Gesichtausdruck sein würden. Ich wurde noch starrköpfiger als zuvor. Insgesamt, so sagten die Leute, schien mich das alles irgendwie noch härter gemacht zu haben. Manchmal wirke ich wie ein Stein, wurde gemunkelt. Ich saß ja inzwischen manchmal sogar reglos da, ohne auch nur das Geringste zu bewegen außer meiner Nasenflügel und Augenlider, aber auch das Blinzeln versuchte ich mir für immer größere Zeitspannen abzugewöhnen.
Aber noch etwas sollte sich ändern, eine der wichtigsten Veränderungen, die Liljas Sturz mit sich gebracht hatte: Bald stellte ich fest, dass ich meinen immer wiederkehrenden Frust irgendwie ausleben musste. Ich hatte schon Regale umgeworfen und Geschirr zertrümmert. Einige Dorfbewohner hielten mich inzwischen für verrückt.
Da kam ich eines Tages auf eine Idee. Ich suchte also an einem vergleichsweise schwülen Nachmittag Ende Mai Toivo auf. Er war im letzten Jahr ganz schön in die Höhe geschossen, seine Stimme begann langsam umzukippen; die jüngeren und gleichaltrigen Mädchen konnten sich immer wieder aufs Neue köstlich darüber amüsieren, wenn er mitten in seinem schon recht männlichen Tonfall auf einmal anfing zu „piepsen“, wie sie sagten. Mich kümmerte das weniger. Es war eben so. Mädchen mussten sich dafür mit einem immer weiter wachsenden zusätzlichen Gewicht an der Brust abfinden. Glücklicherweise würde mein Rücken wohl nicht so viel aushalten müssen. Mit meinen zwölf Jahren hatte ich noch immer nicht mehr Brust als jemals zuvor in meinem Leben, während einige meiner Altersgenossinen schon stolz ihre hochgebundenen Minibrüste präsentierten, wenn wir Mädchen unter uns waren.
Als ich an diesem Nachmittag zu Toivo kam, schnitzte er gerade gelangweilt an einem dünnen, geraden Stock herum.
„Ein Pfeil?“, fragte ich knapp, als ich neben ihm stand.
„Ha? Oh, Nanna. Mh, keine Ahnung, eigentlich hatte ich dafür keine Pläne... ich kann ja nicht mal sonderlich gut Bogenschießen...“
„Aber mit dem Schwert umgehen kannst du doch, oder?“
„Ja, das will ich doch meinen“, sagte er grinsend, aber dann stutzte er. „Wieso fragst du?“
„Bring’s mir bei.“
„Hä...?“
„Hast doch gehört, was ich gesagt hab“, sagte ich kühl. „Wenn ich nicht weiter Sachen von der Wand reißen soll, muss ich mich irgendwie abreagieren.“
„Wieso Sachen von der Wand reißen?“
„Meine Eltern sagen, das sei ein Trauma oder so, weil Lilja doch gefallen ist... damals...“ Mein Gesicht verfinsterte sich noch mehr und ich machte eine Pause. Dann: „Ich glaube eher, das habe ich mir während dieser Traumaphase aus Versehen angewöhnt und mache es jetzt automatisch...“
„Mh“, machte Toivo nachdenklich.
„Jedenfalls sollst du mir Schwertkampf beibringen. Und reiten. Und Nahkampftechniken. Und, wie man richtig gut klettert. Alles, was du kannst.“
Toivo schien für einen Moment sprachlos, dann begann er zu lachen.
„Was?!“, rief ich bissig.
„Ach, es ist nur... weißt du, Kleine, du willst ja gleich alles auf einmal. Ich bin jetzt gerade mal fünfzehn und habe noch nicht ausgelernt; ich mache diese Dinge nun schon fast, seit ich dazu in der Lage bin. Das einzige, was du davon schon angefangen hast zu lernen, ist Klettern. Ich meine... was erwartest du, wie schnell das gehen soll?“
„Ist mir egal. Wenn du mir nicht weiterhelfen willst, frag ich halt deinen Bruder.“ Kaum hatte ich ausgeredet, setzte ich mich auch schon in Bewegung.
„Hehe, warte mal, so war das gar nicht gemeint“, sagte Toivo schnell. „Klar kann ich dir das beibringen. Aber es wird nicht von heute auf morgen gehen, das wollte ich damit sagen.“
„Das habe ich auch nie verlangt.“
„Gut. Wann willst du denn anfangen?“
„Jetzt.“
„Jetzt...?“ Er sah mich erstaunt an. Doch dann lächelte er schief. „Alles klar. Hol dir einen langen, geraden Stock, der was aushält. Ich warte auf der großen Wiese vorm Dorf.“
Wenig später trafen wir uns wieder auf der Wiese. Toivo trug seine schlichten, abgenutzten Trainingskleider, ich hatte schnell die ältesten Sachen genommen, die ich hatte. So war mir das zerschlissene Hemd etwas zu klein und die Hose ging mir gerade mal bis zu den Knien. Wenigstens war sie nicht zu schmal.
„Gut. Zuerst müssen wir ein paar grundlegende Regeln, Schläge, Schritte und so weiter üben“, salbaderte Toivo. Offenbar gefiel ihm die Rolle des Lehrers. Mir dagegen gefiel dieses unterschwellig überhebliche Gehabe überhaupt nicht; das war auch der Grund, weshalb ich ihn sofort wieder von seinem hohen Ross herunter holte: „Jaja, schon klar, das weiß ich auch. Fangen wir jetzt an oder willst du lieber noch mehr reden?“
Toivo verzog missbilligend den Mund, doch dann begann er mit dem Unterricht. Ich war ehrgeizig und schon als es dämmerte, konnte ich die erste Schrittfolge samt einiger Schläge perfekt ausführen. Unterlegen war ich ihm trotzdem um Längen, was er mich auch immer wieder merken ließ. Ständig stupste er mir mit seinem Stock in den Bauch, schlug mir die Füße weg oder hielt mir das Holz an den Hals, dass ich schlucken musste. Und jedes Mal sagte er grinsend: „Schon wieder tot.“
Ich gewann schnell Freude am Kämpfen und Toivo übte jeden Tag mit mir. Bis zum Abend waren wir beschäftigt, dann liefen wir mit knurrenden Mägen nach Hause und fielen wie die Steine ins Bett, um am Morgen wieder von vorn zu beginnen.
Ich lernte schnell dazu und kam seinem Niveau immer näher, das merkte er genauso wie ich. Er wurde dadurch manchmal leicht verstimmt, mich spornte es nur noch mehr an. Ich wurde wieder ein wenig redseliger und manchmal hatte ich das Gefühl, dass meine Mutter Toivo dafür heimlich hin und wieder eine kleine Belohnung unterschob. Mir sollte es recht sein. Solange ich nur weiter lernen konnte. Inzwischen hatte Toivos älterer Bruder Jarl damit begonnen, mir das bessere Klettern beizubringen. Das lief ebenfalls recht gut. Ich behielt zwar immer noch mein sicherndes Seil um, aber ich war inzwischen beinahe genauso gewandt am Steilhang wie auf der Wiese – weitaus schneller als alle meine Altersgenossen war ich längst und ich steuerte darauf zu, mich auch ohne Seil vollkommen sicher fühlen zu können.
Reiten dagegen konnte ich überhaupt nicht. Hatte Toivo scheinbar ein großes Talent dafür, mit Tieren umzugehen und sich auch auf dem Rücken eines solchen wohl zu fühlen, schien ein Pferd allein bei meinem Anblick auszutreten. Scheinbar verbreitete ich eine Art unangenehme Aura. Noch dazu machte mich die Tatsache, dass ich beim Reiten die Bewegungen nur bedingt steuern konnte, ziemlich nervös. Toivo sagte mir, ein Pferd würde sowas sofort merken und sich dementsprechend unsicher fühlen. Also gab ich das Reiten ohne Toivo bald auf und machte stattdessen jeden Morgen einen Dauerlauf, dessen Länge ich immer weiter vergrößerte. Ich hatte schließlich selbst zwei Beine, um mich fortzubewegen.
Bald war es kein Problem mehr, eine Stunde zu laufen, ich konnte sogar vergleichsweise lange in schnellem Tempo rennen. Seit ich immer mehr Erfolgserlebnisse hatte, murrte mein Vater immer öfter: „Jetzt ist sie noch stolzer als je zuvor... bestimmt tanzt sie uns demnächst vor lauter Selbstbewusstsein erst richtig auf der Nase herum.“
Aber Toivo sorgte immer mal wieder dafür, dass ich an mir zweifelte. Noch immer war er besser im Schwertkampf und beim Laufen überholte er mich mit jedem Pferd, das schneller war als Glynis, das älteste Tier in der ganzen Umgebung. Ein Grund mehr, weiterzuüben.
Ein Jahr nachdem ich mit dem Training begonnen hatte, fand Toivo einen Lehrmeister in der nächsten Stadt, bei dem er seine Kampfkünste perfektionieren wollte. Die Sache hatte einen gewaltigen Haken, der mir mehr stank als jeder einzelne von Toivos provokativen Kommentaren: Dieser altmodische Kerl weigerte sich strikt, Mädchen zu unterrichten.
„Die taugen eh nichts, sagt er“, berichtete Toivo und zuckte bedauernd mit den Schultern.
„Aber du ziehst nicht in die Stadt um wegen dem Training, oder?“, fragte ich.
Er hielt für einige Sekunden inne.
Ich setzte automatisch eine bedrohliche Miene auf. „Oder?!“, wiederholte ich lauter.
„Ah, nein, nein“, sagte Toivo mit einem nervösen Lachen. „Wie kommst du darauf, so weit ist es schließlich nicht.“
Ich seufzte. „Und wie soll ich mich jetzt weiterbilden?“
„Seit wann sprichst du so geblasen?“, wollte er wissen und verzog das Gesicht.
„Tu ich nich’!“, fauchte ich.
„Tust du wohl. Jarl hat schlechten Einfluss auf dich...“
„Wieso, du willst doch immer, dass ich nicht so „abgehackt“ rede!“
„Ts“, machte er, „Jaja, is ja schon recht...“
„Also, hast du noch Zeit, mir weiterzuhelfen?“
Er sah mich an.
„Sag es ehrlich.“
„Ich...“ Er verzog den Mund. „Ich glaube nicht. Jarl hat auch bei dem Kerl gelernt, der hat es abends gerade noch so geschafft, nach Hause zu...“
„Ah, danke!“, rief ich mit einer Eingebung, drehte mich um und rannte davon.
Toivo machte ein verwirrtes Geräusch, das mich zum Grinsen brachte.
Einige Minuten später hatte ich Jarl gefunden. Er stand wie so oft auf dem kleinen Marktplatz in der Mitte des Dorfes und war umringt von Mädchen. Ich verdrehte die Augen und boxte mir meinen Weg durch die kichernde und plappernde Schar.
„Jarl, komm mal mit!“ Schon hatte ich ihn am Arm gepackt und weggezogen.
„Du kamst gerade recht...“, murmelte er erleichtert.
„Solltest dir mal überlegen, nicht ganz so vorbildlich und edel zu sein, dann würde das auch nicht mehr passier’n“, schlug ich vor.
„Ich weiß zwar nicht ganz was du meinst, aber...“
„Genau das mein ich. Aber mir geht’s um was anderes. Toivo will zu diesem Schwertmeister in der Stadt.“ Mir fiel auf, dass Toivo mich jetzt unterbrochen hätte. Jarl dagegen hörte mir geduldig zu. „Na ja, und er sagte, du hast auch mal bei dem gelernt und da wollt’ ich fragen, ob du’s mir beibringen kannst... weil Toivo ja jetzt keine Zeit mehr haben wird...“
„Du bist ganz schön enthusiastisch...“, murmelte Jarl.
„Hä?“
Er lachte. „Nichts, nichts. Gut, ich denke, das lässt sich machen.“ Er lächelte.
Ich strahlte. Jarl würde mich auch nicht dauernd zwischendurch aufziehen; so kamen wir schneller voran und ich musste mich nicht ganz so viel ärgern.
„Nanu, Nanna sieht ja fröhlich aus“, sagte er mit einem beinahe liebevollen Lächeln.
Ich zuckte verlegen mit den Schultern.
Am Tag darauf begannen wir mit dem Training. Anfangs sammelten sich noch einige Mädchen am Rand unseres Kampfplatzes und spornten Jarl ordentlich an, auch, wenn er sie freundlich bat, uns nicht zu stören. Das ging, bis ich einer – natürlich ganz aus Versehen – das hintere Ende meines Stocks in den Bauch rammte. Ab da kamen sie nicht mehr, was mir gleich noch mehr Freude am Üben brachte.
Weiter zog ich meine Dauerläufe und sonstigen Konditions- und Kraftübungen durch. Außerdem übte und verbesserte ich die Nahkampftechniken und Verteidigungsgriffe, die mir Toivo beigebracht hatte. Ich erfuhr bald, dass dieser sie selbst von seinem großen Bruder hatte und ich empfand Jarl immer angenehmer als Lehrer.
Vormittags kämpften wir, nach dem Mittagessen ging es weiter mit Klettertouren. Ich war inzwischen so weit, dass wir uns abseilen und um die Wette wieder hochklettern konnten. Jarl hatte längere Gliedmaßen, dafür konnte ich mich flinker bewegen.
Um meine Schnelligkeit zu testen, ließ ich manchmal ein Pferd laufen und versuchte es wieder einzufangen. Einige Male hatte mir meine Mutter dafür schon den Hintern versohlt, nämlich dann, wenn ich das Tier nicht wieder erwischte und ein Riesenaufwand getrieben werden musste.
So verstrich die Zeit. Toivo sah ich nur selten und wenn, dann sehr müde und manchmal mit Prellungen oder sogar kleinen Schnitten. In solchen Momenten spürte ich mir sonst eher unbekanntes Mitgefühl und war ein wenig erleichtert, dass dieser komische Lehrer keine Mädchen unterrichten wollte.
Genauso wenig wie Toivo sah ich inzwischen Liljas Eltern. Auch, wenn meine Mutter mir das stets und sofort ausredete, konnte ich nicht umhin zu denken, dass sie mich in gewisser Weise hassten. Sie grüßten mich nur recht knapp und schenkten mir kein Lächeln mehr, auf Festen saßen sie möglichst weit entfernt von uns und ihren zweijährigen Sohn schienen sie von mir fernzuhalten. Es ließ mir jedes Mal das Herz bluten. Liljas Eltern waren immer aufgeschlossen und sehr freundlich gewesen, besonders zu mir und meinen Eltern, wir hatten uns eigentlich alle sehr gut verstanden. Aber jetzt... Ihr Verhalten verstärkte meine Schuldgefühle und machte meine zeitweiligen nächtlichen Weinkrämpfe länger und bitterer, sodass mir meine Mutter mir manchmal ein ermüdendes Kraut verabreichen musste, damit ich überhaupt Schlaf bekam.
Mein Trost waren die Umarmungen meiner Mutter – auch wenn ich mich meistens dagegen wehrte -, das Training mit Jarl, die kurzen Treffen mit Toivo und die seltenen Spielereien mit ein paar anderen Mädchen meines Alters. Wenn er Lust hatte, bastelte oder baute mein Vater etwas mit mir; für solche Tage ließ ich das Training links liegen. Einmal baute ich ein kleines Haus aus rotem Holz. Das erste Mal seit langem hörte ich dafür aufrichtiges Lob von meinem Vater und aus seinem Lachen schloss ich, dass ich daraufhin ausgesehen haben musste wie ein Honigkuchenpferd.
Ich wurde größer, meine Beine länger, mein Gesicht schmaler, meine Hüften breiter, meine Brust wuchs nach vorne, sodass ich sie nun abbinden musste, um zu trainieren. Trotzdem blieb sie im Vergleich noch klein und auch wenn ich das durchaus praktisch und auch figurlich nicht hässlich fand, hätte es etwas mehr sein können, wie ich manchmal fand. Wenn ich Jarl fragte, was er dazu meine, lachte er nur freundlich und sagte, ich sei schön, wie ich wäre.
Auch meine Mutter schien ganz angetan von meinem Aussehen. Meine grünen Augen seien strahlender denn je und die kurzen Haare stünden mir gut, sagte sie. Ja, meine kurzen, struppigen Haare. Sie standen im krassen Unterschied zu den langen, welligen, geschmeidigen Haarflüssen der anderen Mädchen, die sie drei Mal am Tag kämmten.
Der einzige lange Teil an meiner Frisur war der dünne Strang Haare in meinem Nacken, auf den ich vor einem knappen Jahr Holzperlen in Braun-, Blau- und Grüntönen gefädelt hatte. Alle drei bis vier Monate hängte ich eine Neue an und band wieder meinen schlichten, aber starken Faden darunter.
Im Frühling, in dem ich sechzehn wurde, hatte Toivo sein Training beendet und er platzte fast vor Stolz über sein Können. Wie ein Gockel kam er nach Hause stolziert, mit einem prunkvollen Langschwert, wie auch Jarl eins von dem seltsamen Alten bekommen hatte.
„Na, Nanna, wie kommst du voran mit deinem Kampftraining?“, fragte er grienend, als ich ihn staunend ins Dorf kommen sah.
„Bild dir bloß nichts ein!“, rief ich ihm kühl entgegen.
„Tu ich ja nicht.“ Er lachte überlegen. „Wie wär’s denn mit einem kleinen Kampf, mh?“
„Ts... meinetwegen, du Großmaul...“
Und so stellte sich die alte Gewohnheit wieder ein, bevor wir überhaupt dazu kamen, uns einander fremder als früher zu fühlen. Toivo und ich kämpften den halben Tag und hatten reichlich Spaß. Jarl saß auf einem großen Stein und sah uns lächelnd zu. So verbrachten wir wiederum einiges an Zeit.
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Namen & ihre Bedeutungen für dieses Kapitel:
Nanna: nordisch „Die Kühne“; außerdem alte nord. Blütengöttin (Frau des
Sonnengottes Balder)
Lilja: schwedisch „Lilie“
Toivo: finnisch „Hoffnung“
Jarl: schwed./finn. „Edelmann“
Zeichnungen zu diesem Kapitel:
http://s3.directupload.net/images/080131/temp/jm72loq7.jpg (http://s3.directupload.net/file/d/1324/jm72loq7_jpg.htm)
Kapitel 3
Ich stand am Brunnen außerhalb des Dorfes und wusch mir das Gesicht, da hörte ich hinter mir Schritte. Ich grinste in mich hinein und fuhr herum, nicht ohne vorher den Stock neben mir zu packen.
„Ah!“ Toivo stolperte mit einem Arm vorm Bauch zurück.
„Schon wieder tot“, höhnte ich.
„Sag mal, spinnst du...?“
„Musst dich ja nich’ so anschleichen.“
„Was soll ich denn machen? Brüllend angerannt kommen? Erschreckt dich das weniger, ja?“
„Ts, da wird er gleich wieder pampig...“
„Ach, Weiber...“
„Sieh dich vor, was du sagst, du...!“
„Seid ihr schon wieder am Streiten?“ Jarl kam mit einem belustigten, aber auch ratlosen Lächeln dahergeschlendert. Hinter dem nächsten Baum sah ich schon wieder eine Vierzehnjährige hervorluken.
„Was denn, wenn die mir auch immer ihren Stock aus dem Nichts in den Magen rammt, die blöde Kuh...“
„Ich kann den noch ganz woanders hinrammen, pass auf“, drohte ich. „Du bist heute wieder besonders ätzend.“
„Danke, gleichfalls“, erwiderte Toivo nüchtern. „Ich wollte eigentlich bloß fragen, ob wir dann mal weitermachen.“
„Klar doch. Schon unterwegs.“ Ich stolzierte an ihm vorbei. Mir war klar, dass er sich jetzt wieder bei Jarl ausheulen würde und spitzte die Ohren.
„Sie ist unerträglich... benimmt sich immer noch wie dreizehn...“
„Na ja, das kannst du auch recht gut“, gab Jarl mit einem unterschwelligen, aber nicht unhöflichen Lachen zu bedenken.
„Pf... aber gleichzeitig dauernd einen auf erste Geige machen... wer hat ihr denn den ganzen Kram beigebracht, den sie jetzt kann?“
„Wahrscheinlich hätte sie das mit genug Willenskraft auch allein geschafft.“
„Aber klar doch! Du stehst ja immer auf der Seite der Damen, was?“
Kurz darauf kam er wütend an mir vorbeigestapft, während ich in mich hineingrinste.
„Ach ja, ihr seid beide noch solche Kinder...“, sagte Jarl mit seinem weise wirkenden, liebevollen Lächeln, das es sogar mir unmöglich machte, darauf eine rotzige Antwort zu geben.
Kurz darauf hieß es wieder: Kämpfen. Dies beinhaltete inzwischen auch verbale Gefechte, wenn wir gerade genug Puste hatten. Wovon ich oftmals mehr hatte. Vielleicht, weil ich tatsächlich ausdauernder war, vielleicht aber auch nur, weil ich mich auf keinen Fall geschlagen geben wollte, wenn es irgend möglich war.
Auch die eigentlichen Kämpfe gewann ich immer öfter. Jarl klatschte mir manches Mal Beifall und lachte dann. Daraufhin beschwerte Toivo sich immer lauthals; er sei schließlich Jarls Bruder, da habe er auf seiner Seite zu stehen und nicht auf meiner.
Eines Tages machte Jarl einen Vorschlag: „Toivo, dein Training beim Alten ist doch noch gar nicht so lange her, er erkennt dich bestimmt noch, wenn er dich sieht; warum nimmst du Nanna nicht mal mit in die Stadt und überredest ihn dazu, sich ihr Können anzusehen?“
„Was für’n Können?“, fragte Toivo mit gespielter Unschuld.
Ich trat ihm auf den Fuß, ohne eine Miene zu verziehen.
„Ach kommt, lasst das doch mal, ich mein das ernst!“, sagte Jarl mit einem seltenen Anflug von Ärger in der Stimme.
„Na ja... aber er nimmt doch keine Mädchen...“, sagte Toivo nachdenklich.
„Deswegen sollst du sie ihm ja vorstellen. Er ist sehr versteift in seinen Prinzipien, aber wie ich ihn kenne, ist er auch für Neues zu begeistern, wenn er es interessant findet. Und Nanna hat inzwischen so einiges auf dem Kasten.“
„Mh... aber ich hab doch das meiste schon von dir gelernt...“ Ich wog die Möglichkeiten und Gewinne ab. Vielleicht lohnte es sich ja nicht einmal, extra in die Stadt zu gehen, nur um sich von einem Greis sagen lassen zu müssen, wie wertlos man sei.
„Ja, schon... aber seine letztendliche Prüfung kannst du bei Toivo oder mir nicht machen... die gestaltet er auch für jeden seiner Schüer individuell. Genauso wie das Schwert, das man zur Belohnung bekommt.“
Ich wurde hellhörig. „Was, die Dinger sind extra angefertigt?“
„Ja. Er ist seit Jahren mit einem Schmied befreundet, der ihm auch Spezialwaffen wie solche nur für ein paar Münzen macht.“
„Und was ist so verschieden an den Schwertern?“
„Nun, im Allgemeinen ist da erstmal die Gestaltung; die Klinge sieht unten vielleicht immer mal wieder etwas anders aus, der Griff verändert sich soweit ich weiß jedes Mal. Aber das wirklich Besondere an diesen Schwertern ist, dass sie alle eine Art besondere Fähigkeit haben.“
„Besondere Fähigkeit?“, echote ich neugierig.
„Ja!“, platzte Toivo heraus. „Meins zum Beispiel kann schießen!“
„W-Wie jetzt?“ Ich hatte ein wissbegierdiges Lachen in den Mundwinkeln.
„Ich kann’s gleich mal holen; aber Jarls kann auch was Tolles.“ Er sah seinen Bruder erwartungsvoll an. Der lächelte. Als er nichts sagte, sprach Toivo weiter: „Es reinigt sich selbst, weil zum Beispiel Regenwasserasser an der Oberfläche abperlt! Und noch dazu wird es durch jedes Sandkorn geschliffen, weil die Metallmischung sich so leicht zuspitzen lässt; ein leicht verunreinigter Regenschauer reicht also schon, um es sowohl zu säubern als auch zu schärfen.“ Seine Augen glänzten. Man musste kein Genie sein, um zu erkennen, dass dieses Thema ihn begeisterte.
„Stellt mich diesem Schwertmeister vor“, verlangte ich und konnte meine Aufregung nicht vollständig verbergen.
Jarl grinste triumphierend. „Morgen gehen wir in die Stadt.“
Es stellte sich jedoch heraus, dass Jarl keine Zeit hatte, uns zu begleiten. Er hatte irgendwann in den letzten Monaten ein Mädchen gefunden, dass nicht immer an ihm hing wie eine Klette und das er, noch wichtiger, wohl auch wirklich lieb gewonnen hatte. Da seine Eltern langsam etwas ungeduldig betrefflich einer Heirat wurden, waren die beiden wohl bereits ansatzweise am Planen.
So war ich also gezwungen, allein mit Toivo in die Stadt zu gehen. Na ja, oder auch nicht zu gehen.
„Ich dachte, wir laufen, das ist doch nicht so weit!“
„Jetzt mach doch nicht so ein Theater...“ Toivo schwang sich auf den Rücken seiner Stute Asdis.
„Ich reite nicht! Wie oft noch, zum Teufel?!“
Toivo holte Luft; offensichtlich wollte er sich nicht zu sehr aufregen. „Nanna“, begann er langsam, „wenn wir laufen, brauchen wir eine halbe Ewigkeit.“
„Quatsch.“
„Schon mal dran gedacht, dass ich nicht so ein Läufer bin wie du?“
„Schon mal dran gedacht, dass das nicht mein Problem ist?“
Er seufzte. „Gut, du kannst ja laufen.“ Er gab Asdis einen leichten Stoß. Das Pferd setzte sich in Bewegung.
„Sag mal...“ Kochend vor Wut rannte ich ihm hinterher und lief in mittlerem Tempo neben ihm her. „Wir waren noch nicht fertig. Wenn wir zusammen gehen, müssen wir uns wohl oder übel auf dieselbe Weise fortbewegen!“
„Gut, dass dir das klar geworden ist. Steig auf.“ Er brachte das Tier zum Stehen und reichte mir mit einem freundlichen Lächeln die Hand.
„Du verdammter...“ Meine Arme wackelten, um Dampf abzulassen.
„Ach, jetzt komm, so schlimm ist es nun auch wieder ni...“
„ICH STEIG’ AUF KEINEN VERDAMMTEN PFERDERÜCKEN!“, brüllte ich zu ihm hinauf. „Ich bin’s langsam Leid, dir das immer wieder sagen zu müssen!“
Toivo machte ein ratloses Gesicht.
„Wieso...?“, setzte ich knurrend an.
„Weil es die praktischere Art ist, sich fortzubewegen, darum“, unterbrach mich Toivo trocken.
„Ich hab noch überhaupt nicht ausgeredet, du Vollidiot! Ich hab’ mich gefragt, wieso ich mich immer wieder von dir zu diesem Horrortrip überreden lasse!“, pflaumte ich ihn an und hielt mich einen Moment später panisch an ihm fest, als die durch mein Verhalten irritierte Asdis über eine Wurzel strauchelte.
„Ja, eben, das mein ich doch.“
„Jaja, klar, das hätte ich jetzt auch gesagt...“, knurrte ich und bemühte mich, meine Arme in seinen Magen zu drücken. „Ich hasse dieses blöde Festgehalte.“
„Ts“, machte er. „Ich bin auch nicht sonderlich scharf darauf, dass du dich dauernd an mich klammerst. Du hast ja nicht mal ein bisschen was vorne dran, das einem polsternd in den Rücken drücken könnte...“
Mir blieb für einen Moment die Luft weg. Dann rief ich: „Du bist ein Schwein! Du könntest dir echt mal ’ne Scheibe von Jarl abschneiden!“ Damit sprang ich vom Pferd. Die Stadt war bereits in Sicht.
„Fängst du jetzt auch noch damit an?!“, rief er, auf einmal stinkwütend. „Mein ach so toller Bruder, zu dem alle aufsehen, ja, von dem könnte sich doch jeder mal eine Scheibe abschneiden, sicher doch, komisch, dass der jüngere nicht auch so ist, aber da lässt sich wohl nichts machen! Wird wohl immer im Schatten seines Bruders bleiben, der arme Kleine. Aber na ja, Jarl ist ja da, wofür braucht man da den dummen Toivo?“
„Jaja, gleich ersäufst du im Selbstmitleid...“, murmelte ich, aber ich sah ihn dabei nicht an. Ich hatte nicht gedacht, dass ich ihn damit so verletzen würde. Den Rest des Weges über trotteten Asdis und ich nebeneinander her, während Toivo und ich bedrückte Gesichter machten.
Bald darauf passierten wir die Stadtmauer.
Dahinter erwartete uns ein Markt, und was für einer. Lärm aller Art drang an meine Ohren – anpreisende Händler, betrunkene Leute, unzufriedene Kinder, alles brüllte und lief durcheinander. Hoffentlich wohnte der Kerl nicht irgendwo direkt an der Hauptstraße.
„Du solltest dich möglichst an mich halten“, sagte Toivo. Er klang nicht sauer, aber recht nüchtern.
Ich legte wortlos eine Hand an Asdis’ Flanke und ließ mich durch den Trubel führen.
Die Gassen, die wir durchquerten, wurden immer kleiner und irgendwann gab Toivo Asdis bei einem öffentlichen Stall ab, weil sie auf dem weiteren Weg nur hinderlich gewesen wäre. Mir fiel auf, wie liebevoll er sich von dem Tier verabschiedete und musste beinahe lächeln.
Kurz darauf gingen wir nebeneinander weiter unseres Weges, ohne ein Wort zu wechseln. Ich achtete einfach auf Toivos Füße und folgte ihm auf Schritt und Tritt.
„Wo wohnt denn der Kerl...?“, murmelte ich einmal und sah mich um. Die Höhe der Häuser blieb gleich, ihr Abstand jedoch wurde immer kleiner, ihre Mauern immer dreckiger und älter. Ratten und andere Tiere huschten an den Häusern entlang. Insgesamt war das hier alles andere als einladend. Manchmal hatte ich das Gefühl, die Bauwerke würden im nächsten Moment über mir zusammenbrechen.
„Er mag den Trubel nicht“, antwortete Toivo, „Hat er noch nie gemocht.“
Ich nickte.
Die Stimmung blieb weiterhin abgekühlt, bis wir schließlich vor einer etwas baufälligen Tür standen. Eine baufällige Tür in einem kleinen Haus mit riedgedecktem Dach und schiefem Schornstein. Insgesamt sah das Gebäude irgendwie ein klein wenig lächerlich und allein aus. Die Gasse hier war zwar wieder etwas breiter und heller und führte am Ende irgendwo auch auf eine größere, jedoch liefen hier keine Kinder herum wie auf vielen anderen, an denen wir vorbeigekommen waren. Hier hörte ich nur das vereinzelte Klingen eines Hammers auf Eisen aus einer Schmiede einige zehn Meter weiter.
„Hier?“
„Ja.“ Toivo klopfte an die Tür.
„Da hängt doch eine Glocke.“
„Der bringt mich um, wenn ich das Teil benutze...“
„Oh“, bekam ich noch heraus, da wurde die Tür aufgerissen. Ich starrte den alten Mann paralysiert an. So leicht, wie Toivo die Tür berührt hatte, hätte ich das wahrscheinlich nicht gehört, wenn ich nicht danach gehorcht hatte... schon gar nicht in so hohem Alter. Ich schätzte den Mann auf achzig.
„Toivo“, sagte der Mann ohne jegliche Regung in Stimme oder Gesicht.
Toivo deutete eine respektvolle Verbeugung an. „Meister Alfsig. Das hier ist...“
„Ein Freund von dir, wie?“, unterbrach ihn Meister Alfsig mit seiner rauen Stimme und näherte sich mir ein Stück. Seine Augen verengte er dabei forschend zu Schlitzen.
Ich wäre am Liebsten ein Stück zurückgewichen, aber ich blieb standhaft und starrte den Greis genauso kalt und hochnäsig an, wie ich jeden Menschen anstarrte.
Es blieb für einige Augenblicke still.
„So so“, sagte er dann und fuhr sich nachdenklich über einen seiner hervorstehenden Wangenknochen. „Hat er auch einen Namen, dein Freund? Sprechen kann er ja scheinbar nicht, wie?“
Mir fiel erst jetzt auf, dass er in der Pause, die er gemacht hatte, eine Vorstellung erwartet hatte.
Toivo, ganz offensichtlich irritiert darüber, dass sein großer Meister mich für einen jungen Mann hielt, bekam zunächst kein Wort heraus, dann sagte er unüberlegt: „Ähm, der Name ist Nanna...“
Eine Stille entstand, in der Meister Alfsig Toivo irritiert ansah.
„...riel“, ergänzte ich schnell. „Ich bin hier, um Euch mein Können zu zeigen.“
„Mh. Du hast eine helle Stimme, Nanariel. Deine Arme sehen etwas kräftiger aus, aber du machst mir sonst keinen sonderlich vor Kraft strotzenden Eindruck...“
Ich verkrampfte mich wütend und öffnete bereits den Mund zu einem bissigen Widerwort, da hob Toivo die Stimme und sagte: „Nanariel hat bei meinem Bruder Jarl Eure Künste erlernt, während ich sie von Euch selbst erlernte. Nun möchte s... er gern wissen, ob seine Fähigkeiten gut genug für Eure Prüfung sind.“
„Aha, Jarl also...“ Meister Alfsig betrachtete mich wieder für einen Moment und ich überlegte bereits, ob ich wieder etwas sagen sollte, als er fortfuhr: „Er war immer ein guter Schüler, dein Bruder. Sehr lerneifrig, freundlich, galant... ein wahrer Musterschüler, möchte man meinen.“
Toivo zeigte keine Reaktion, aber aus den Augenwinkeln sah ich seine Brauen zucken.
„Aber ich glaube, im Schwertkampf ist er dir letztendlich nicht gewachsen. Dafür hast du das weitaus größere Talent, wie mir scheint. Außerdem fehlt es ihm an Kampfgeist.“ Er drehte sich endlich einmal zu Toivo, nachdem er mich zuvor ohne Unterlass angestiert und scheinbar inspiziert hatte. Es schien mir, als habe er nicht einmal geblinzelt. Der Alte war das erste seit Langem, was mir unheimlich war.
„Nun“, sagte der Schwertmeister, wobei er leise mit der Zunge schnalzte, „Wie wäre es, wenn wir uns hinein begeben? In meinem Alter steht man nicht mehr so gerne steif in der Sommerhitze.“
„Welche Hitze?“, flüsterte ich in mich hinein. Überall ragten die Häuser aus den Straßen und warfen reichlich Schatten und auch sonst war es an diesem Tag nicht sonderlich heiß, wie ich fand.
„Mag auch sein, dass ich da inzwischen etwas empfindlicher geworden bin als die Jugend“, knurrte der Alte und fokussierte mich mit einem bohrenden Blick. Toivo verzog Böses ahnend den Mund.
„Mh“, machte ich trotzig und ärgerte mich gleichzeitig, dass dieser Laut das einzige war, was mir über die Lippen kam.
„Sag, Nanariel, hast du Schwestern?“, fragte der Alte scheinbar aus heiterem Himmel heraus.
„Nein. Einzelkind“, antwortete ich knapp.
„Aha. Dann ist es noch seltsamer. Jungen, die mit vielen Mädchen zusammen leben, sind im allgmeinen femininer als andere.“
„Ts“, machte ich, „Wollt Ihr damit andeuten, Frauen seien weniger wert als Männer?“
Der Meister machte ein überraschtes Gesicht.
„Ah, Nanariel“, beeilte sich Toivo zu sagen, „Diesen Kram solltest du nicht hier abziehen, alles klar?“
„Kram?“, wollte Alfsig wissen.
„Nun ja, Nanariel neigt zu Feminismus“, reimte Toivo entschuldigend zusammen, während ich empört die Backen aufbließ. „Er ist in der Tat femininer als andere... in... vielen Hinsichten...“ Er merkte selbst, dass er sich langsam in eine Sackgasse redete. Aber der Meister hatte seine Aussage glücklicherweise völlig falsch verstanden.
„Aha. So einer bist du also“, stellte er mit einem amüsierten Lächeln fest und drehte sich wieder zu mir.
„Hä?!“, platzte es aus mir heraus.
„Nun, ich habe nichts dagegen, es hat schließlich jeder andere Vorlieben, nicht wahr? Wollen wir dann?“
Er wandte sich ab und ging zur Tür. Wir folgten ihm mit einem kleinen Abstand.
„Du Vollidiot!“, zischte ich Toivo zu. „Jetzt denkt er, ich sei einer von diesen Abnormalen!“
Toivo verzog das Gesicht. „Na, mal langsam, das sind auch nur normale Menschen. Haben eben andere...“
„Jaja, Vorlieben, schon klar“, murrte ich. In diesem Moment kratzte mir etwas über den Kopf und ich zuckte zusammen.
„Ach, du dummer Vogel!“, schimpfte Alfsig unmittelbar und sah wütend zu dem seltsamen Federvieh hoch, dass sich langsam in einer der oberen Ecken des Raumes niederließ.
„Was war das denn?“, fragte ich und warf dem Vogel einen vernichtenden Blick zu.
„Das ist Broin, irgendeine seltsame Mischung aus einem Raben, einem Habicht und was weiß ich noch alles... der greift jeden Neuen an, Jarl hat er damals den ganzen Kopf zerkratzt...“, begann Toivo zu erzählen.
„Irgendeine seltsame Mischung ist sehr gut“, gluckste Alfsig, der aus einem anderen Raum mit einem Holzschwert zurückkam. „Er war eine Sonderzüchtung meiner Frau, ihr ganzer Stolz.“
„Ach?“, machte ich, überrascht zu hören, dass dieser frauenfeindliche Kauz eine Ehe geführt haben sollte.
Er sah mich an, als sei ich der Kauz in dem kleinen Raum. Dann warf er mir das Holzschwert zu. „Das brauchst du später.“
Er sah wieder säuerlich zu dem Vogel hinauf. „Mir wäre es lieber andersherum gewesen, dass dieses Mistvieh gestorben wäre anstelle meiner Frau... aber der scheint noch älter als ich werden zu wollen.“
„Na, wenigstens sind die Füße eher die eines Raben...“, murmelte ich und fasste mir an den Kopf.
„Das ist die erste Prüfung in diesem Haus. Wen Broin immer wieder angreift, der hat hier nichts zu suchen. Anfangs hab ich auf das Vieh ja nicht viel Acht gegeben, aber die Schüler, auf die er es besonders abgesehen hatte, erwiesen sich jedes Mal als Nieten.“
„Und Jarl...?“, begann ich.
„Tja, fast hätte ich ihn nicht genommen“, brummelte der Alte. „Aber er war so voll Enthusiasmus... na ja, letztendlich hat sich die Kratzerei ein einziges Mal als nicht ganz richtig erwiesen.“
„Von mir hat er sich nur kurz abgestoßen“, berichtete Toivo stolz.
„Mh, pass auf, dass er nicht anfängt, irgendwann genervt mit dem Schnabel auf dir rumzuhacken“, stichelte ich.
„So wie du immer, ha?“
Alfsig stöhnte genervt auf. „Wenn ich gewusst hätte, was ich mir antue, wenn ich euch zu zweit hier Einlass gewähre, hättet ihr bis zum Sankt Nimmerleins Tag draußen bleiben können!“, pflaumte er uns an.
„Verzeihung!“, riefen wir beide aus Reflex und ich ärgerte mich sofort darüber, dass ich mich so von diesem Greis aufscheuchen ließ.
Alfsig knurrte. „Gut“, sagte er dann. „Dann gehen wir in den Übungsraum.“ Er setzte sich in Bewegung, Toivo und ich folgten ihm.
Ich hörte es hinter mir flattern und konnte mich gerade noch umdrehen, da kam Broin auf mich zugestürzt. Ich erschrak und wollte ausweichen, aber dieser komische Vogel schien das einkalkuliert zu haben und landete ohne jegliche Probleme auf meiner Schulter.
Toivo verzog verwundert den Mund und machte überrascht: „Woh...“
Alfsig drehte sich um und hob erstaunt die Augenbrauen. „Nun, das... ist nun wirklich das Seltsamste von allem, was in dieser Woche passiert ist. Broin ist über zwanzig Jahre alt und hat sich nie jemandem auf die Schulter gesetzt, mal abgesehen von meiner Frau.“ Er verzog grüblerisch das Gesicht, dann zuckte er mit den Schultern.
„Moment, sollten wir nicht den Grund dafür suchen?“, wollte ich ihn aufhalten.
„Ich bin ein Kämpfer, kein Denker, mein lieber Nanariel. Und ich dachte eigentlich, dass du aus ähnlichen Gründen zu mir gekommen bist.“ Damit wandte er sich erneut ab, zog einen Vorhang beiseite und duckte sich durch den niedrigen Eingang.
„Und wenn ich beides bin?“, presste ich zwischen den Zähnen durch.
„Vorsicht, hier geht’s runter“, warnte mich Toivo lässig, als er Alfsig durch das Loch in der Wand folgte.
„Hätt’ ich schon selbst gemerkt.“ Ich duckte mich unter den Türbogen, dann stakste ich die Stufe hinunter und aufrecht in den mit Stroh ausgelegten Raum.
„Kann man sich hier denn überhaupt richtig bewegen?“ Ich trat misstrauisch an dem Stroh herum.
„Du kannst entweder ein wenig schneller rennen oder weich fallen. Wenn es mal ernst wird, sind die Vorraussetzungen ohnehin eventuell noch schlechter“, salbaderte Alfsig und griff sich ebenfalls ein Holzschwert von der Wand.
„Das wollen wir ja sehen, ob ich falle“, murrte ich.
Zum ersten Mal sah ich den alten Mann lachen. „Ja, das werden wir sehen, und wie!“
„Pft!“, machte ich hochnäsig. Ich umfasste das Holzschwert, das ich die ganze Zeit achtlos hinter mir hergeschleift hatte.
Toivo setzte sich auf eine Bank an der Wand, lehnte sich in die Ecke und verschränkte mit einem erwartungsvollen Gesicht die Arme vor der Brust.
Alfsig drehte das Holzschwert geschickt mit einer Hand einmal im Kreis und grinste mich provozierend an. In mir kochte die Wut hoch. Was für ein Angeber!
„Arroganter Greis!“, rief ich abschätzig und lief auf ihn zu. Aus der Ecke hörte ich noch ein ratloses Seufzen Toivos.
„Fehler“, kommentierte der Alte. Als ich mit den Schwert voraus auf ihn zu gestürzt kam, wich er im richtigen Moment aus, worauf ich zwar in gewisser Weise vorbereitet gewesen war, aber scheinbar nicht gut genug. Trotz allem musste ich nämlich natürlich abbremsen und mich umdrehen. Doch bevor ich das tun konnte, war Alfsig mit erstaunlicher Geschwindigkeit hinter mich geglitten und kurz darauf spürte ich, wie mir kaltes Holz in den Nacken schlug. In meinem Kopf brachen Schwindelgefühle aus und ich klatschte auf den Boden.
„Meine Güte“, seufzte Alfsig. „Was für ein Anfängerfehler. Ist das alles, was du kannst?“
Ich richtete mich möglichst langsam auf alle Viere gestützt auf, meinen Kopf so weit gesenkt, dass ich seine Füße fixieren konnte.
Dann riss ich meine Beine mit einem Ruck herum, wodurch ich ihn zu Boden riss, dann sprang ich selbst in die Höhe und richtete mit einem triumphierenden Grinsen mein Holzschwert gegen ihn.
Er grinste. „Aha, schon besser. Aber wäre dies ein echter Kampf gewesen, hättest du jetzt gar keine Möglichkeit mehr, mich so zu bedrohen. Selbst mit dem Holzschwert hätte ich dich mit einem wirklich festen Schlag töten können.“
„Hast du aber nicht getan - also halt’ den Mund, ich brauch’ solche Belehrungen nicht.“ Ich klatschte ihm mit der Schwertspitze ans Kinn.
„He, Nan...“, begann Toivo empört, aber Alfsig unterbrach ihn: „Es ist in Ordnung.“ Er sah mich mit einem grimmigen Grinsen an. „Er hat ganz schön Kampfgeist und Biss. Ich kann es sogar spüren. Sowas hab ich hier schon lange nicht mehr gehabt.“
Noch bevor ich es wirklich wahrgenommen hatte, schnellte sein Fuß mit aller Kraft nach oben und knallte genau auf mein Handgelenk.
„Ah!“ Mein Griff lockerte sich, er konnte sich wegrollen und aufstehen. Sein faltiges Gesicht und seine weißen Haare waren auf einmal der einzige Hinweis auf sein hohes Alter.
„Aber so leicht kriegst du mich nun doch nicht! Ich hatte dich unterschätzt.“
„Fehler“, grinste ich höhnisch und holte zum Schlag aus.
Er blockte, als wäre das gar nichts. Immer und immer wieder – und er schien nicht erschöpfter werden zu wollen, wärend ich langsam ins Schwitzen gerat. Das Holz knallte laut aufeinander in einem immer wieder kehrenden Rhythmus. Schlag, Pause, Blocken. Schlag, Pause, Blocken. Das war ein simples Muster, an das ich längst nicht mehr denken musste. Aber es gab einen gewaltigen Unterschied zwischen dem Training mit Jarl oder sogar Toivo und diesem Kampf. Alfsig kannte keinerlei Erbarmen. Jede Schwäche wurde schamlos ausgenutzt, jede noch so kleine Lücke in der Verteidigung brachte mir Schläge und Stürze ein.
Toivo in seiner Ecke saß aufrecht da und war offensichtlich ganz hibbelig vor Aufregung. Auch wenn ich kaum Gelegenheit bekam, einen Blick auf ihn zu werfen, sah ich den Kampfgeist in seinen Augen. Er hatte offenbar Mühe, nicht mitzumischen.
„Du atmest ja schon schwer, Nanariel!“, spottete der Meister.
„Offenbar hast du Wahnvorstellung vor Erschöpfung!“, gab ich bissig zurück und bemühte mich, nicht hastig einzuatmen. „Das Alter scheint sich doch zu zeigen, wie ich sehe!“
„Ha!“ Er lachte, als er so fest auf mein Schwert hieb, dass ich ein Stück rückwärts rutschte. „Du gefällst mir, Junge, du bist klasse!“
Wir kämpften weiter, besessen von der Sucht danach, den anderen zu Boden zu zwingen und beflügelt von jedem noch so kleinen Erfolg oder Vorteil gegenüber dem anderen.
Doch irgendwann ordnete Alfsig eine Pause an.
„Einen Kampf mittendrin abbrechen? Was ist das denn für’n Quatsch?“, empörte ich mich und wischte mir Schweiß von der Stirn.
„Mag sein, dass du unermüdlich bist, mir geht es anders. Ich werde demnächst hundert Jahre alt, da braucht man ab und an eine Verschnaufpause, wie peinlich es auch sein mag.“ Mit diesen Worten packte er sein Hemd und zog es aus. Dann warf er es in eine Ecke.
„Willst du nicht auch etwas Kleidung loswerden?“ Er holte tief Luft.
Toivo sah mich beinahe panisch an, aber ich schüttelte den Kopf. „Mir ist nicht zu warm.“
Es dämmerte, als wir die Hütte verließen, die zur Straße hin so unbedeutend wirkte.
„Morgen will ich euch zum Morgengrauen wieder hier sehen!“, ordnete Alfsig an. Dann schloss er die Tür aus sprödem Holz ohne weitere Worte. Nur ein miesepetriges Gesicht hatte er uns noch gezeigt.
„Haben wir ihm was getan?“, murmelte ich und fuhr mir über die Augen.
„Nein, nein, das ist immer so bei ihm“, lächelte Toivo. Dann machte er ein besorgtes Gesicht. „Du kannst ja kaum noch stehen.“
„Blödsinn! Und wie ich stehen ka...“ Ich war gezwungen, mich selbst mit einem Gähnen zu unterbrechen.
„Soso.“ Er hob skeptisch eine Augenbraue.
„Gehn’ wir jetzt mal?“, fragte ich, mies gelaunt wie so oft.
Er setzte sich wortlos in Bewegung.
„Wirklich praktisch, dass er dich so selbstverständlich für einen Jungen gehalten hat“, griente er.
„Ja, wirklich klasse... vor allem, weil er jetzt wahrscheinlich auch noch denkt, ich sei in dich verknallt oder sowas...“
„Wieso da... ach so. Mensch, Nanna, jetzt sei nicht so, das hab ich nicht gewollt. Es ist doch nicht so, dass er dich deswegen weniger leiden kann...“
„Nein, aber er hat mich angegrinst als wolle er sagen Sieh an, ein fremdes Wesen!“
„Das denkst du! Vielleicht bist du eher diejenige, die sowas denken würde bei einem von diesen Kerlen...“
„Wahrscheinlich hast du damit sogar Recht! Aber das ändert nichts an seinem Blick!“
„Hör auf, immer solche künstlichen Streitgespräche aufzubauen, das ist sowas von ätzend! Ich komm mir schon vor wie so ein unglücklich verheirateter Knacker!“
„Ha!“, machte ich verächtlich, „Das hättest du wohl gern, wie?“
„Sicher nicht!“, rief er. „Außerdem wollte ich mich eigentlich nur ganz normal mit dir unterhalten! Aber das geht ja scheinbar nicht!“
Ich verzog ärgerlich das Gesicht.
„Wie kamst du auf den Namen Nanariel?“, fragte er kurz darauf.
„Weiß nicht. Ich brauchte irgendeine Endung, die ich an deinen Ausrutscher hängen konnte.“
„Jetzt beschuldigst du mich schon wieder...“
Ich verdrehte die Augen. „Ich dachte, du wolltest normal reden...?!“
„Mh.“
„Scheint doch ganz gut zu sein, dass ich so wenig „vorne dran“ hab, meinst du nicht?“, fragte ich sarkastisch.
Er seufzte. „Hör mal, das war nicht so gemeint... tut mir auch Leid, wenn dich das so getroffen hat... es ging mir einfach auf die Nerven, dass du... na ja, immer nur am Motzen bist.“ Er sah mich ernst an.
Einmal fiel mir nichts anderes ein, als den Mund zu verziehen.
Einige Augenblicke später waren wir bei dem öffentlichen Stall angekommen. Asdis wurde ganz ungeduldig, als wir hereinkamen und stieß Toivo liebevoll mit der Schnauze gegen die Wange. Für einen Moment bedauerte ich es, nicht reiten und deshalb kein eigenes Pferd bekommen zu können.
Bald darauf verließen wir die Stadt. Ich hatte ohne weitere Beschwerden hinter Toivo Platz genommen; ich war viel zu müde, um noch mehr zu streiten. Sämtliche Knochen taten mir weh. Seltsam war nur, dass ich das bis vor wenigen Minuten nicht wirklich bemerkt hatte.
Als ich Toivo darauf ansprach, lachte er kurz und sagte: „Ja, das ging mir auch immer so... bis das Adrenalin wieder aus dem Blut ist, dauert es eben noch etwas.“
„Wer hat dir denn das erzählt?“, fragte ich skeptisch.
„Na ja, Jarl“, sagte er, als wäre das vollkommen selbstverständlich.
„Ach so...“ Ich gähnte herzhaft und ließ mich gegen seinen Rücken fallen.
„He, schlaf mir hier bloß nicht ein, ich hab keine Lust, dich aus dem Stall heim zu tragen.“
„Mh...“, machte ich.
„Hörst du mir überhaupt zu?“, fragte er mit einem amüsierten Geräusch.
„Mh...“
Es entstand eine kurze Pause, dann fragte er, hörbar grinsend: „Darf ich dich vom Pferd werfen?“
„Mh...“
Ich spürte, wie er meine Schulter packte und wurde sofort hellwach. „He, lass das!“
Er lachte. „Na also! Wenn du müde bist, bist du als Gesprächspartner geradezu erträglich, das muss ich doch ausnutzen können.“ Er grinste mich über die Schulter an, bevor er sich wieder abwandte.
„Du bist so ein Kind“, murmelte ich, allerdings einmal ohne ihn verärgern zu wollen. Es war mehr etwas wie eine bloße Feststellung.
„Tja, mag sein“, meinte er mit einem bedauernden Seufzen.
Ich lachte kurz auf. „Das war gar nicht böse gemeint! Weißt du, so sehr du mir auch auf die Nerven gehst, du musst auch irgendwas an dir haben, das dich zu meinem Freund macht. Ich weiß zwar nicht, was es ist, aber das ist mir im Grunde egal.“
„Wow, sowas hab’ ich ja noch nie von dir gehört“, murmelte er, hörbar überrumpelt und verlegen. „Wenn ich nicht wüsste, dass das momentan unmöglich ist, würde ich sagen, du bist betrunken...“
Ich grunzte amüsiert. „Ich hasse Alkohol.“
„Ich weiß.“
„Gut.“
„Immer das letzte Wort“, seufzte er.
„Jaja, gleichfalls.“
Daraufhin lachte er nur.
Etwas später brachten wir Asdis im großen Stall unter und machten uns auf den Weg nach Hause. Die Straßen waren vollkommen leer und nur blässlich beschienen vom Mond, schwaches Kerzenlicht sah man nur noch in wenigen Zimmern der zweiten Etage...
„Meine Mutter bringt mich um... Und ich war gerade froh, dass dein eigenes Training beendet ist! wird sie sagen.“ Toivo schüttelte mit einem gequälten Gesicht den Kopf.
„Mh“, machte ich mit einem amüsierten Lächeln. „Meine Eltern werden auch alles andere als begeistert sein, dass ich erst so spät komme.“
„Tja“, lachte er. Dann stutzte er. „Was ist, warum bleibst du stehen?“
Ich nickte zu der Wiese am Rand des Dorfes, die man zwaischen den schwarzen Silhouetten der Häuser sehen konnte. „Da, die Blumen da... siehst du sie?“
„Klar seh ich sie... Tarelunen.“
„Wie auch immer sie offiziel heißen...“, murmelte ich. Dann ging ich auf die Wiese zu.
„He, Nanna!“, rief Toivo mir flüsternd nach.
Ich ging weiter, immer weiter auf die strahlend leuchtenden und glänzenden Blumen zu. Sie schienen weiß, aber wenn man genau hinsah, erstrahlten hier und da Spuren von sonnigem Gelb und eiskaltem Blau. Ich kniete mich zu einer hinunter und atmete ihren Duft ein. Der große Kelch leuchtete mich an, als sei er der Mond selbst und nicht nur ein Spiegel für sein kühles Licht.
„Was ist denn?“, fragte Toivo irritiert, als er neben mir in die Hocke ging.
„Manchmal, wenn Vollmond war wie heute“, sagte ich leise, während ich sanft über die lederartigen Blütenblätter strich, „Und diese Blumen am prächtigsten aussahen, sind wir oft rausgeschlichen, um sie uns anzusehen...“
„Wir?“
„Strahlenblume“, sagte ich mit einem Lächeln. „Lass sie uns Strahlenblumen nennen, Nanna.“
Toivo neben mir öffnete leicht den Mund.
„Die Strahlenblume mit dem Gelb des Aidan und dem Blau des Eises. Zwei Gegensätze direkt nebeneinander, so wie wir. Eine Blume nur für uns! Ist das nicht toll, Nanna?... Ja...“ Meine Hand sank vor mir ins Gras.
„Nanna...“, sagte Toivo vorsichtig.
Mich durchfuhr ein Zucken. Und bevor ich wusste, was ich tat, hatte ich die Blume abgerissen und zerrupft. „Scheiße!“, schrie ich. „Warum?!“
Toivo streckte vorsichtig eine Hand nach mir aus, aber als sie mich berührte, schnellte meine Hand in die Höhe und kratzte ihm über die Wange.
„Wa...?“, machte er perplex.
„Warum sind hier überall diese Dinge? Warum? Warum muss ich... dauernd an sie denken?! Es kotzt mich an! Verdammt nochmal!“ Meiner Kehle entkam ein Schluchzen. Dann sank ich im Gras zusammen. „Warum...?“
Toivo atmete leise, aber offenbar entsetzt aus. „He“, sagte er vorsichtig und legte mir eine Hand auf den Rücken.
„Überall sind Erinnerungen... überall lauern sie und glotzen auf einen herab, als würden sie nur darauf warten, dass man... heulend... zusammenbricht.“ Ich schluchzte wieder laut auf. „Lass mich allein...“
„Nanna...“, setzte Toivo an.
„Du sollst dich verziehen, hab ich gesagt!“, schrie ich, als ich mich ruckartig aufrichtete.
Toivos Gesicht wechselte von Besorgnis zu Ernst. Vielleicht war es auch Trotz, ich konnte es bei dem blassen Licht und meinen verschleierten Augen nicht erkennen. Jedenfalls schüttelte er den Kopf, dann legte er sich auf den Rücken. „Du kannst machen, was du willst.“
Ich atmete erschöpft aus. „Du Vollidiot...“, flüsterte ich und wandte mein Gesicht von ihm ab.
Es blieb still, einige Minuten wahrscheinlich, dann sagte Toivo leise, aber bestimmt: „Nanna... Lilja kommt nicht zurück...“
„Ich weiß! Ich weiß es doch, zum Donner nochmal!“
„... Und es war nicht deine Schuld, dass sie damals gefallen ist. Du solltest aufhören, dich damit herumzuquälen...“
„Wer wollte denn tiefer klettern?“ Meine Stimme war leise und zittrig, ein unterschwelliges Grollen lag darin. „Wer hat denn gedacht, dass das Seil schon halten wird?“
„Genau das meine ich. Lilja hat genau dasselbe gedacht wie du. Sonst hätte sie dich gar nicht runterklettern lassen.“
„Schieb ihr nicht auch noch die Schuld zu, du...“ Im Bruchteil einer Sekunde war ich bei ihm und hatte ihm am Kragen gepackt.
„Ich schiebe niemandem die Schuld zu.“ Sein Gesicht verhärtete sich. „Wann siehst du es endlich ein? Niemand hatte Schuld! Sowas nennt man einen Unfall! Einen Unfall, hörst du?“
„Du kannst mich mal mit Unfall! Das war... ich war...“ Ich spürte, wie mir wieder die Tränen kamen und wurde nur noch wütender.
„Brauchst du das eigentlich? Musst du dich irgendwie selber runtermachen?“, fragte Toivo kühl.
Ich ließ ihn los, zitternd vor Wut.
Und bevor ich irgendeinen klaren Gedanken fassen konnte, knallte meine Hand auf seine Wange, dass es nur so schallte.
„Wa... Aua!“ Er sah mich empört an und kurz darauf spürte ich einen brennenden Schmerz im Gesicht.
„Du... du hast...“ Ich sah ihn vollkommen konfus an, während meine Hand zu meiner Wange fuhr.
Er richtete sich auf. „Ja, hab ich. Bist du jetzt zufrieden?“
Ich atmete aus, dass mein ganzer Körper zusammensackte, dann schüttelte ich energisch den Kopf. „Nein! Nein, zum Teufel! Du verdammter...“ Anstelle einer Beschimpfung gab ich ein weiteres Schluchzen von mir. Dann stützte ich mich an seiner Schulter hoch und lief davon.
Als ich kurz darauf die Holztür unseres Hauses öffnete, stand meine Mutter dahinter.
„M... Ma? Du bist noch wach?“
„Eher schon wieder. Ich hab einen leichten Schlaf und bin darauf getrimmt, wegen deiner Schreie aufzuwachen.“ Sie hob den zuvor leicht gesenkten Kopf. „Was ist passiert?“
Ich schüttelte den Kopf und wandte mein Gesicht ab.
Ohne ein weiteres Wort kam sie auf mich zu und nahm mich in den Arm. „Du musst einen wirklich harten Tag hinter dir haben, mh?“
Ich bemühte mich, nicht wieder anzufangen mit der Heulerei, aber als mir meine Mutter über den Hinterkopf strich, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten.
„Du hast wieder an Lilja gedacht, hab ich Recht?“
Ich nickte wortlos in ihr Nachtgewand.
Ihre Arme schlossen sich fester um mich.
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Namen & ihre Bedeutungen für dieses Kapitel:
Asdis: isländisch „Gott/Göttin“
Alfsig: nordisch eigentlich Alfsigr: „Sieg“
Broin: irisch „Rabe“
Zeichnungen zu diesem Kapitel:
Kapitel 4
„Und, hast du genug geschlafen?“
Bevor ich mehr tun konnte, als auch nur den Mund zu öffnen, redete Alfsig munter weiter: „Ich jedenfalls schon. Ich will für dich dasselbe hoffen, ich bin heute in Topform!“
Ich ging wortlos in den Übungsraum und nahm ein Holzschwert von der Wand.
Ich hörte, wie Toivo draußen fragte: „Was meint Ihr denn nun zu seinem Können?“
„Noch nicht auf deinem oder gar meinem Niveau, aber es fehlt im Grunde lediglich an Perfektionen hier und da. Wenn er sich weiter so ins Zeug legt wie gestern, kann ich ihn schon bald die Prüfung machen und Finn das Schwert schmieden lassen.“ In seiner Stimme war ein stolzes Lachen, als habe er mich eigens aufgezogen.
„Ihr scheint wirklich in Beststimmung...“, stellte Toivo ein wenig verblüfft fest.
„Natürlich. Nach den Übungen gestern habe ich mich so abgekämpft gefühlt wie schon seit einiger Zeit nicht mehr. Ich kann es gar nicht erwarten, dass er noch besser wird.“
„Na ja, das dürfte nicht sehr lange dauern...“
„Wie meinen?“
„Nun... na ja, Nanariel ist einer von den Menschen, die sich in ihren Zielen festbeißen und alles immer schneller als möglich meistern wollen...“
Alfsig lachte herzhaft. „Ja ja, genau das habe ich mir gedacht! Nun, es wäre mir recht, wenn ich heute allein mit ihm trainieren könnte – und für dich ist ein Ausflug in die Stadt auch sicher angenehmer als ein Nachmittag auf der Bank in der Ecke.“ Ich konnte mir nicht genau vorstellen, was für ein Gesicht Alfsig dazu machte, aber er veranlasste Toivo damit zu einem leicht verlegenen Lachen.
Kurz darauf kam Meister Alfsig in den Übungsraum, während ich die Haustür ins Schloss fallen hörte.
„Nun denn“, sagte er. „Wollen wir weiter an dir arbeiten, mein Lieber.“
Ich sagte nichts und ging in Kampfstellung.
So begannen wir also wieder unser Training. Ich stürzte etwas seltener als am Vortag, aber viel besser war es nicht. Es war deprimierend zu merken, dass Training bei einem ehemaligen Schüler eben doch noch etwas anderes war, als das beim Meister selbst.
Trotzdem ließ ich mich nicht unterkriegen, achtete auf meine Verteidigung und Beinarbeit und darauf, dass das Hemd genug Abstand von meinerm Körper hielt und nicht daran festklebte, um verräterische Kurven zu offenbaren.
In der Pause, die wir einmal im Wohnraum machten, kam Broin zu uns geflattert und setzte sich erneut auf meine Schulter.
„Der scheint dich ja wirklich gern zu haben“, murmelte Alfsig.
„Tja.“
„Dabei bist du noch griesgrämiger als ich... daran liegt es wohl doch nicht.“
„War deine Frau das nicht?“
Er hob eine Augenbraue. „Geht dich das was an?“
„Fragen darf man ja wohl“, gab ich frostig zurück.
Broin zupfte mir am Ohr. Automatisch drehte ich den Kopf in Richtung Tür, an die es im nächsten Moment anklopfte.
Ich öffnete den Mund, aber Alfsig schüttelte den Kopf. „Zufall. Vogel bleibt Vogel.“ Er klang jedoch nicht wirklich überzeugend.
Vor der Tür stand ein großer, breitschultriger Mann mittleren Alters, dessen Oberkörper lediglich von einer abgewetzten Lederschürze bedeckt war.
„Oh, Finn. Möchtest du reinkommen?“
„Ah, nein... oder doch, aber es dauert nicht lange. Ich wollte bloß etwas fra... oh.“ Der Mann hatte sich in den Raum geduckt und natürlich mich entdeckt. „Dann hat mich der Bursche also nicht verkohlt.“
„Ha?!“, rief ich leicht panisch. Hatte Toivo etwa –
„Nun, vorhin war dieser Ti... Tvo... ach, dieser Schüler, den du letztens hattest...“
„Toivo“, sagte Alfsig mit einem geduldigen Nicken.
„Ja, Toivo. Der war eben bei mir und sagte, du habest schon wieder einen neuen Schüler...“
Ich war fast sicher, dass ich vor Erleichterung zusammensank wie ein Mehlsack.
„... und da wollte ich mal sehen, was das so für einer ist. Schmächtig, der Kleine.“ Er grinste und zeigte zwei Reihen blitzweißer Zähne, die im vollkommenen Kontrast zu seiner braunen, rußbedeckten Haut standen.
„Kann ja nicht jeder so’n Schrank sein...“, murmelte ich und hielt Broin ein Stückchen von dem Brot hin, das wir gerade zu uns genommen hatten.
Alfsigs Freund lachte schallend. „Na, der müsste doch von der Art her bestens zu dir passen!“
„Ach was, erzähl keinen Blödsinn...“, murmelte Alfsig und sah zu mir hinüber. Ich ignorierte den provokanten Blick.
Auf einmal stand der Wandschrank vor mir. „Tag. Ich bin Finn, der Schmied.“ Er grinste wieder, als er mir seine per Lederhandschuh verpackte Pranke hinstreckte.
„Mh“, machte ich, meine Standardantwort. Meine lange, schlanke Hand kam mir auf einmal mikrig vor, als ich sie in die des Riesen legte.
Ich stand auf. Größer schön und gut, aber man konnte es auch übertreiben, so weit wollte ich dann doch nicht unterlegen sein.
„Du hast ziemlich weibliche Gesichtszüge.“ Er drehte prüfend den Kopf. Ich verzog keine Miene.
„Nun, mal etwas anderes.“ Er grinste. „Du erinnerst mich an jemanden. Ihr Blick war zwar nicht so kalt, aber ansonsten ähnelst du ihr in gewisser Weise.“
Ich hob fragend die Augenbrauen.
„Trotz allem ist er ein Junge“, sagte Alfsig und kratzte sich am Kopf. Er klang fast etwas hastig, als hätte er die sich anbahnenede Erklärung unterbinden wollen. „Und mein Schüler. Deshalb wäre es mir ganz recht, wenn...“
„Bin schon weg“, grinste Finn. Im Gegensatz zu Alfsig ließ er sich wohl durch gar nichts die Laune vermiesen.
Kurz darauf war er draußen.
„Erinnert mich an Toivo, der Kerl“, sagte ich mehr zu mir selbst.
„Ja, sie haben gewisse Ähnlichkeiten.“
Wir sahen uns an.
„Kuck nicht so arrogant“, knurrte er.
„Gleichfalls“, erwiderte ich unterkühlt. „Wir sollten uns langsam wieder ans Kämpfen begeben, sonst kühle ich noch vollständig ab.“
„Sieh an, du kannst ja sogar ganze Sätze von dir geben.“ Damit ging er in Richtung Trainingsraum.
„Hack ihm nachher von mir auf den Kopf“, flüsterte ich Broin zu und grinste, als der Vogel ein Mittelding zwischen Krächzen und Kreischen von sich gab.
Draußen war der Himmel noch mit knalligen Farben gefüllt, als es ein weiteres Mal an der Tür klopfte. Zumindest musste es das wohl getan haben, denn Alfsig schlug mein Schwert weg und ging dann zur Tür.
„He!“, rief ich ihm noch hinterher, da war er schon dabei, die Haustür zu öffnen und ich verdrehte verständnisvoll die Augen. Dann folgte ich ihm. Kaum war ich außerhalb des Übungsraumes, machte Broin es sich auch schon wieder auf meiner Schulter gemütlich.
Vor der Tür stand Toivo.
„Oh, mit dir hatte ich noch nicht gerechnet“, sagte Alfsig und hob die Augenbrauen.
„Verzeihung“, sagte Toivo mit einem entschuldigen Lachen. „Aber gerade ist mir ein Junge aus unserem Dorf über den Weg gelaufen. Ihm zufolge soll ich dringend nach Hause kommen, ich wollte Nanariel nur Bescheid geben, dass...“
„Ich komm’ mit“, entschied ich kurzerhand.
„Ja, aber was wird aus deinem Training...?“
„Morgen ist auch noch ein Tag. Wenn so dringend nach deinem Typ verlangt wird, muss wohl irgendwas Besonderes los sein. Noch dazu...“ Ich brach ab, mit einem Seitenblick auf Alfsig. Wenn ich jetzt sagen würde, dass sein Training mich so schrecklich ermüdete, würde er sich sicher ins Fäustchen lachen. Also hob ich arrogant den Kopf. „Ach was, ich brauch’ mich nicht zu rechtfertigen. Ich geh’ mit und damit basta.“
„Ja ja, ist ja in Ordnung, ich hab gar nichts dagegen...“ Toivo zuckte genervt mit den Augenbrauen.
Kurz darauf standen wir vor der Tür.
„Morgen lass’ ich dich hier sicher nicht wieder früher weg“, knurrte Alfsig.
„Ich werd’ auch nicht früher gehen. So oft benötigt man Toivo nun wirklich nicht.“
„Herzlichen Dank“, murmelte Toivo säuerlich.
„Is doch so“, sagte ich schulterzuckend und warf meinen Perlenzopf über meine Schulter.
Toivo knurrte irgendetwas in sich hinein.
„Nun ja. Bis morgen.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, schloss Alfsig die Tür.
Als wir losgingen, fragte ich: „Was ist denn nun eigentlich los?“
Toivo zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Aber meine Mutter will wohl dringend, dass ich heimkomme...“
„Mein Gott, dass du immer noch so auf deine Mutter hörst...“
„Na, du hast gut reden! Deine haut dir ja auch nicht schon eine runter, wenn du ihr auf den Fuß trittst...“
Ich prustete. „Ist das dein Ernst?“
„Hat sie gestern gemacht...“
„Oh weia, die wird auch immer schlimmer.“
Toivo grinste bitter.
„Ist das nicht wunderbar?“
Toivo stand einen Moment lang mit fassungslosem Gesichtsausdruck da, dann fragte er ganz langsam: „Moment... wofür hast du mich holen lassen...?“
„Nun, du solltest es doch wohl erfahren, wenn dein Bruder heiraten wird, oder nicht?“
„Das ist jetzt nicht dein Ernst.“ Toivo sah so verstört aus, dass ich fast lachen musste. „Ich glaub’s nicht. Wegen sowas Belanglosem lässt du mich hier antanzen? Nanna hat ihr Training dafür abgebrochen!“
„Nun, danach hat niemand verlangt“, entgegnete seine Mutter schnippisch.
„So ungerne ich dir das auch sage, das war wirklich etwas unnötig, Mutter“, mischte sich Jarl freundlich, aber selbstsicher ein. „Es ist ja nicht so, dass heute schon der Termin wäre...“
„Aber wichtig ist es doch! Schließlich ist das eine Familienangelegenheit.“
Jarl seufzte und schüttelte mit einem ratlosen Lächeln den Kopf.
„Oh Mann, ich glaub’s nicht...“, murmelte Toivo und sah seine Mutter säuerlich an. „Sonst noch was?“
„Werd nicht frech!“
„Mam... ich werd demnächst neunzehn... würdest du aufhören, mich wie ein Kleinkind zu behandeln?“
Ich musste lachen. Als Toivo mich genervt ansah, sagte ich: „’tschuldigung, aber... ich find diese Auseinandersetzungen sowas von unnötig.“
„Da hörst du’s!“, rief Toivo. „Das nächste Mal ruf’ mich nur bei wirklich ernsten Dingen, zum Teufel nochmal! Jetzt macht sie sich wieder tagelang über mich lustig!“
Jetzt war es an Jarl, zu lachen. „Ihr zwei seid mir echt ein tolles Paar!“
„Ach, ihr nehmt das alle nicht ernst genug“, seufzte die Mutter ratlos und verzog sich ins Haus.
Toivo machte eine wütende Geste. „Sie regt mich auf! Sie regt mich noch mehr auf als du!“, rief er und sah mich an.
„Gemeinsamkeiten stoßen sich nun mal ab“, schmunzelte Jarl.
„Wa...?“
„Na ja, hast du dich schon mal gefragt, woher du deine Naivität und zeitweilige Reaktanz hast?“ Dazu lächelte er so freundlich und versöhnlich, dass man ihm das gar nicht böse nehmen durfte.
Toivo bließ die Backen auf und sagte dann, an mich gewandt: „Das ist typisch meine Familie! Die eine macht mich runter und der andere reibt’s mir rein! Und dazu grinst er, dass man nichts dagegen sagen kann, ohne des unberechtigten Angriffs bezichtigt zu werden! Es ist sowas von ungerecht!“
Jarl und ich konnten nur lachen.
Toivo seufzte. „Na ja... wann ist denn nun die Hochzeit?“
„In knapp drei Monaten. Mutter konnte es gar nicht schnell genug gehen und Siv ist auch ziemlich ungeduldig, auch, wenn sie es versucht zu verbergen.“ Jarl lächelte.
Toivo zuckte von einem kurzen Lachen. „Wie passend, als deine Braut „Braut“ zu heißen. Unter den Mädchen hier dürfte sie doch schon längst zu der Braut an und für sich ernannt worden sein, seit das mit der Hochzeit mehr oder weniger feststeht.“
Jarls einzige Antwort war ein schiefes Lächeln.
„Hör auf mit diesem vorbildlichen Verhalten!“, stöhnte Toivo.
Ich kicherte. „Bist wohl doch neidisch, was?“
„Was? Quatsch! Das wär mir zu langweilig.“
Jarl lachte amüsiert und warm.
Toivo schüttelte hoffnungslos den Kopf. „Nicht mal mehr zu mir ist er ab und an unfreundlich.“
„Sei doch froh.“
„Stimmt, dafür hab’ ich ja dich“, knurrte er.
In dem Moment hörten wir schnelle Schritte und wandten uns in die Richtung des Geräusches.
Ein Mädchen kam auf uns zu gelaufen, vielleicht ein, zwei Jahre älter als Toivo. Sie hatte lange, haselnussbraune Haare und mandelförmige Augen im selben Farbton.
„Woah...!“, machte Toivo. Ich sah skeptisch zu ihm hinauf. „Die ist ja... wer ist das, die hab ich hier noch nie geseh’n!“
Jarl lächelte. „Wahrscheinlich ist sie dir eher nicht aufgefallen.“
Toivo wandte sich zu ihm um. „Wie meinst du das?“
„So, wie ich es sage. Sie lebt hier schon seit etwa sieben Jahren.“
„Hä?!“ Toivo sah ein wenig enttäuscht aus. „Und ich bin ausgerechnet mit Nanna befreundet...“
„Sag mal, geht’s noch?!“, rief ich stocksauer.
Jarl lachte.
„Jarl!“, rief das Mädchen und lachte fröhlich.
Er winkte ihr lächelnd entgegen.
„Moment mal...“ Toivo drehte sich ein weiteres Mal zu seinem Bruder um.
„Ja, auch schon gemerkt?“, höhnte ich, zufrieden darüber, einen Weg gefunden zu haben, ihm seine vorherige Bemerkung heimzuzahlen.
Im nächsten Moment war das Mädchen an uns vorbei und kuschelte sich an Jarl. Er legte lächelnd einen Arm um ihre Schultern.
Sie drehte den Kopf und lächelte uns an. „Guten Tag.“
„Tag“, murmelte ich ausdruckslos.
Toivo lächelte bloß breit. Ich fand, dass das unheimlich dämlich aussah.
Siv lachte fröhlich. „Du siehst Jarl wirklich ähnlich. Du bist mir früher gar nicht aufgefallen.“ Sie lächelte entschuldigend.
„Gleichfalls... leider.“ Er beachtete meinen Blick nicht. „Aber...“ Er sah seinen Bruder an. „Nee, dem seh’ ich doch nicht ähnlich.“
Siv und Jarl lachten.
„Was gibt es denn?“, fragte Jarl seine Zukünftige.
„Ach, nichts weiter. Ich habe dich nur seit gestern Abend nicht mehr gesehen.“ Sie lächelte liebevoll zu ihm hinauf.
„Mein Gott, wie lang“, sagte ich sarkastisch und lehnte mich an die Hauswand.
Das war das erste Mal, dass Jarl mir einen eiskalten Blick zuwarf.
Aber Siv lachte verlegen. „Ich weiß, aber mir kam es wie eine halbe Ewigkeit vor.“
„Ich dachte, ihr hättet heute die Hochzeit angefangen zu planen?“, fragte Toivo irritiert.
„Ja, allerdings erst einmal rein familiär... also wir haben hauptsächlich mit unseren Eltern gesprochen“, antwortete Siv, während sie ihn die ganze Zeit mit ihren rehartigen Augen ansah. Viel schönere Augen als meine. „Noch dazu hatte ich noch ein paar Hausarbeiten zu erledigen.“
„Ach so.“
„Sagt mal, hättet ihr Lust, uns mit den Vorbereitungen ein wenig zu helfen?“
Bevor Toivo eine vorschnelle Antwort geben konnte, fragte ich mit erhobener Stimme: „Was für eine Art von Vorbereitungen denn?“
„Mh...“ Siv ließ Jarl los und dachte für einen Moment nach.
„Weil Blumenstecken oder sowas mach’ ich sicher nicht“, stellte ich klar.
Jarl machte ein belustigtes Geräusch, Siv lachte warm. „Nein, nein, das nicht, um diese Arbeit haben sich die kleinen Mädchen schon gerissen. Nein, ich dachte eher an so etwas wie alles, was wir nicht hier haben, in der Stadt besorgen zu gehen. Ihr müsst natürlich nicht, aber es würde uns sehr helfen...“
„Klar, wir sind ohnehin erstmal jeden Tag dort“, stimmte Toivo sofort zu. Ich hätte mir am liebsten eine Hand vor die Stirn geschlagen, aber ich nickte. Irgendwie war Siv ja schon sehr nett.
Nun strahlte sie uns an. „Oh, das ist sehr nett, vielen lieben Dank!“ Mit ihrer beinahe kindlichen Begeisterung brachte sie mich doch tatsächlich zum Lächeln. Sie erinnerte mich an Lilja... aber nicht so, dass ich sie gerne beseitigt hätte, so wie alles andere, was mir Erinnerungen an sie verschaffte, es war eher eine Art Trost, auch wenn ich das nicht so recht verstand.
„Also, vorerst brauchen wir natürlich erst einmal nur solche Sachen wie Stoff und all das, Lebensmittel müssen wir dann direkt vor dem Termin besorgen“, erklärte Siv. Dann klatschte sie in die Hände. „Stimmt ja, ich sollte ja eigentlich Wasser holen gehen!“ Sie lachte verlegen. „Ich muss weg.“ Und schon war sie weitergelaufen.
Toivo sah ihr lächelnd hinterher. Ich hob die Augenbrauen. „Toivo... die ist mehr als vergeben...“
„Hä? Äh, ja, weiß ich doch...“ Er schielte verlegen zum Himmel.
Jarl lachte locker. „Es hat auch seine guten Seiten, wenn meine Familie sie so sehr mag, oder nicht?“
„Oh Mann, du bist echt nicht mehr zu retten...“ Toivo sah ihn fast besorgt an.
Jarl schmunzelte. „Wenn ich jedem verbieten wollte, sie auch nur anzukucken, hätte ich viel zu tun. Alles andere würde meine Einstellung ändern.“
„Wa... was denkst du von mir?!“, rief Toivo schockiert.
„Ich denke gar nichts“, sagte Jarl gelassen und hob mit einer unschuldigen Geste die Hände.
Die Tage, Wochen und Monate vergingen und ich wurde immer besser im Schwertkampf. Broin folgte uns inzwischen auch in den Übungsraum, auch wenn er sich nicht auf meine Schulter setzte. Er beobachtete alles von einer sicheren Fensternische aus und kam sofort zu mir geflattert, wenn wir eine Pause machten. Toivo wurde richtig neidisch.
„Frechheit... dabei heißt es doch immer, er wählt nach Talent aus“, sagte er einmal.
„Na, jetzt werd mal nicht gleich überheblich“, sagte ich abschätzig.
„Was denn, die Leute werden schon nicht alle Unrecht haben...“
„Das kannst du denken, aber nicht sagen!“, rief ich ungehalten.
„Na, du bist ja die richtige, anderen Anstandsregeln beibringen zu wollen!“
Meine Stürze wurden seltener und Alfsig musste sich längst sichtlich anstrengen, was mich jedes Mal anspornte.
Und dann... dann kam dieser Tag, der zwei Herausforderungen für mich mit sich brachte. Es war etwa eine Woche vor Jarls Hochzeit und das ganze Dorf war eifrig dabei, die letzten Vorbereitungen abzuschließen.
Vielleicht war der ganze Rummel der Grund, aus dem Toivo mich heute zu Alfsig begleitete und nicht wie sonst erst wieder kam, um mich abzuholen, vielleicht war es aber auch nur ein Zufall. Das Schicksal.
Jedenfalls waren wir gerade hereingekommen – Broin hatte sofort wieder auf meiner Schulter Platz genommen – da bemerkte ich Alfsigs Gesichtsausdruck, der selbst für ihn außergewöhnlich düster schien.
„Was ist los?“, fragte Toivo.
„Nichts weiter. Wieso bist du eigentlich hier?“
„Ich hatte heute irgendwie Lust, Nanariel zu begleiten.“
„Ach, lass dieses Nanariel!“
Ich verzog erstaunt das Gesicht. Was hatte denn das jetzt zu bedeuten?
Alfsig sah mich an. „Ich habe genau nachgedacht und beschlossen, dass du genug gelernt hast für die Prüfung. Falls du bereit bist, können wir sie heute machen.“
„Sicher bin ich bereit.“
„Vorher müssen wir jedoch etwas klären.“
„Was?“
„Wie lautet dein echter Name?“
Mich durchfuhr ein heißer Schauer, aber ich verzog keine Miene und sagte: „Nanariel.“
„Nein! Hört auf, mich zum Narren zu halten, ihr zwei verdammten Kinder!“ Er schien auf einmal wirklich sauer zu sein. Er beruhigte sich ein wenig, dann sagte er: „Mädchen heißen nicht Nanariel. Überhaupt frage ich mich schon seit jeher, was das für ein komischer Name ist.“
„Ah...“ Mir fiel wirklich nichts mehr ein. Wie hatte er das herausbekommen?
Toivo neben mir sah gleichermaßen entsetzt aus.
„Ihr fragt euch, was mich zu der Annahme, vielmehr Sicherheit, nach eurer Reaktion, führt? Es sind mehrere Dinge.“ Er funkelte zu meiner Schulter und mir wurde klar, dass er Broin anstarrte.
„Dieses Vieh“, begann er, „Hat sich nie von jemandem auch nur mit dem kleinen Finger berühren lassen. Erstrecht von mir nicht. Da du mir so ähnlich bist, hat es mich umso mehr gewundert, dass er dauernd so an dir hing. Dann fiel mir vor ein paar Tagen ein, dass er neben meiner Frau oft zu Finns Frau kam. Genauso war es mit den Mädchen, die meine Schüler manchmal hierher begleiteten. Dazu passte allerdings nicht sein klassisches Begrüßungsritual bei deinem ersten Aufkreuzen, denn Frauen hat er nie angegriffen. Aber auch Broin hat sich schon getäuscht. Oder er hat eine Art Gespür dafür, wer zum Lernen herkommt und deshalb seine Prüfung machen muss und wer nicht. Ich habe nie herausfinden können, warum er sich nur zu Frauen gesellt, aber dass es so ist, steht fest.“
„Und wenn er sich auch in dieser Hinsicht einmal geirrt hätte?“, hakte ich kühl nach, auch wenn ich wusste, dass es jetzt ohnehin egal war.
„Das habe ich dann auch gedacht. Aber dann fiel mir ein, dass ich dir während des Trainings einmal vor die Brust geschlagen hatte. Deine Schmerzempfindung daraufhin war ganz offensichtlich stärker als bei Männern, auch wenn du krampfhaft versucht hast, es zu verbergen.“
Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Ich erinnerte mich an diesen Moment. Ich hätte ihm am liebsten auf der Stelle den Kopf abgesäbelt für diesen Schlag.
„Übrigens ist das mit einer der Gründe, warum ich keine Mädchen unterrichte. Erstens gäbe es jedes Mal ein Riesentheater, wenn sie an der Brust getroffen würden und noch dazu ist das nichts als unpraktisch beim Kämpfen, mit dem Vorbau.“
„Ach, Frauen sollen sich also nicht verteidigen können, weil sie von der Natur mit einer größeren Brust ausgestattet wurden als die Männer, die genau deshalb hinter vielen Mädchen herlechzen?“, rief ich wutentbrannt.
Toivo sah mich mit großen Augen an.
„Sicher sind Frauen schwächer als Männer“, fuhr ich fort, „Aber genau das ist doch wohl der wichtigste Grund für sie, zu lernen sich verteidigen zu können! Und wegen altmodischen Dreckskerlen wie dir sind sie im Ernstfall nicht in der Lage, etwas zu tun, was ihr Leben, ihre „Unschuld“, oder sonst etwas schützt! Aber soetwas können Männer sich natürlich nicht vorstellen! Wenn eine Frau bedroht wird, sind die edlen Männer immer sofort zur Stelle, um sie zu retten! Und wenn nicht? Und wenn die Frau sich lieber selbst retten möchte? Ha? Was dann?!“
Toivo starrte mich an, als sei ich der Leibhaftige.
Alfsig sah mich immer noch mit demselben ernsten, düsteren Ausdruck im Gesicht an. Es schien mir auch fast ein wenig, als sähe er älter aus als sonst.
„Sicher, es ist etwas Wahres an dem, was du sagst“, sagte er dann langsam. „Dennoch hat jeder seine Prinzipien. Jedoch magst du gemerkt haben, dass ich dich deine Prüfung trotzdem machen lassen will.“
Mein in Zorn verkrampftes Gesicht entspannte sich ein wenig.
„Aber denk’ nicht, dass ich milder sein werde als sonst“, knurrte er.
„Sicher nicht. Im Gegenteil, wenn du es bist, kannst du dich auf was gefasst machen.“
„Das werden wir sehen. Jedenfalls sollte dir klar sein, dass neben deinem persönlichen Bestehen noch etwas anderes auf dem Spiel steht. Nämlich, ob ich wieder Mädchen unterweisen werde.“
„Wieder?“, platzte es aus Toivo heraus.
Alfsigs Gesicht verdüsterte sich erneut. „Früher kamen auch Mädchen her, ja. Aber nachdem...“ Er brach ab und schüttelte den Kopf. „Schluss damit. Sowohl ich als auch...“ Er machte eine Pause und sah uns fragend an.
„Nanna“, sagte ich.
„Sowohl ich als auch Nanna müssen sich konzentrieren.“ Damit verschwand er in einem seiner Nebenräume, nachdem mir die Anweisung erteilt hatte, in den Übungsraum zu gehen und Toivo strengstens verboten hatte, mir zu erzählen, was sich in der Prüfung gegenüber dem Training ändern würde.
Das machte mir nicht viel aus, ich würde es ja ohnehin in kurzer Zeit erfahren.
Broin flatterte an seinen Platz in der Fensternische, Toivo setzte sich auf die Bank in der Ecke und sah säuerlich zu dem Vogel hoch, der sich unschuldig unter seinem etwas zerfledderten Flügel putzte.
Kurz darauf kam Alfsig wieder. Ich verzog überrascht das Gesicht. In den Händen hielt er zwei echte Schwerter.
„Du kannst dir eins aussuchen.“ Er hielt sie mir beide entgegen.
„Mh...“ Ich drehte den Kopf hin und her. Ich verstand nicht allzu viel von Schwertern, jedenfalls nicht bis ins Detail. Sie waren beide etwa gleich lang, jedoch war das eine dicker als das andere und somit mit Sicherheit auch schwerer. Allerdings war es eventuell auch widerstandsfähiger. Und schöner bearbeitet war es auch...
Ich ärgerte mich, dass ich an etwas Unwichtiges wie das Aussehen dachte und griff mir intuitiv das schmalere. Zunächst war ich von dem Gewicht überrascht, aber man merkte es mir scheinbar kaum an. Jedenfalls hielt sich Alfsig mit Bemerkungen zurück.
Ich sah aus den Augenwinkeln, wie Toivo nachdenklich die Lippen spitzte. Wahrscheinlich wägte er ab, welches Schwert für mich günstiger war. Aber nun hatte ich ohnehin schon gewählt.
Ich konnte nicht umhin, die Klinge vorsichtig zu berühren. Sofort trat ein kleiner Blutstropfen aus meiner Fingerspitze, ohne dass ich jeglichen Schmerz gespürt hätte. Ich zuckte anerkennend mit den Augenbrauen. „Ganz schön scharf.“
„Muss es auch. Dieses hier ist nicht weniger scharf.“ Er sah mich an, als erwarte er, ich würde einen Rückzieher machen wollen.
„Was ist?“, fragte ich flapsig. „Denkst du, ich krieg’ jetzt Schiss, weil ich ein Mädchen bin, oder was?“
Wortlos hob Alfsig sein Schwert.
Toivo setzte sich aus seiner angelehnten Haltung auf und sah interessiert zu uns herüber.
Ich sah das Metall vor mir glänzen und spürte, wie sich ein Grinsen auf meine Lippen zauberte bei dem Gedanken, dass das hier mein erster ernster Kampf werden würde.
Für weitere Überlegungen blieb mir keine Zeit, denn Alfsig ging zum Angriff über und das kalte Eisen krachte aufeinander.
Tatsächlich steckte Alfsig nicht im Geringsten zurück, im Gegenteil, er schien mir eher noch energischer zu sein als sonst, aber dieser Eindruck mochte an dem größeren Gewicht des Schwertes liegen.
Während des Kampfes gelang es mir trotz allem zu analysieren, was genau er an mir prüfte. Es war so ziemlich alles, was mir ebenfalls eingefallen wäre. Schnelligkeit, Geschick, Ausdauer, gute Beinarbeit in kniffligen Situationen, fester Stand beim Abwehren, die Stärke meines Griffs und vieles andere. Seine Augen schienen überall zu sein, genauso wie sein Schwert.
Er machte mir ganz schön zu schaffen und so einige Schnitte hatte ich bereits eingesteckt. Aber ich ließ mich nicht unterkriegen.
Während des Kampfes fiel mir auf, dass ich vielleicht Angst um mein Leben haben sollte. Schließlich kämpften wir mit echten Schwertern und Alfsig war trotz allem noch besser als ich. Zusätzlich schien es wirklich nicht so, als würde er mehr oder weniger „notfalls“ nicht ernst machen. Aber trotzdem verspürte ich keinerlei Angst. Das einzige, das da war, war ein ungeheurer Spaß am Kämpfen und an dem Bewusstsein, dass die Waffen nicht mehr aus Holz waren. Dass ich mit einem Schwert umgehen konnte. Dass ich nicht mehr zu Boden klatschte. Dass ich meinen Lehrer ins Schwitzen brachte. Das alles war viel zu erfreulich, um Angst zu bekommen. Nur führte es leider dazu, dass ich mich selbst bis zu meinem ersten echten Kampf völlig falsch einschätzte.
Die Kleidung klebte mir schon am Körper wie eine zweite Haut, da blockte Alfsig ein letztes Mal und gab mir dann ein Zeichen, dass ich aufhören sollte.
Er atmete einige Male gut durch.
Toivo wurde sichtbar hibbelig.
Ich wischte mir ein wenig Blut vom Arm, das aus einem Schnitt an der Schulter lief.
Schließlich sah Alfsig mich ernst an, dann reichte er mir seine Hand. „Glückwunsch. Du hast’s geschafft, Nanna. Mit Bravur gemeistert.“
Ich gab ihm ausdruckslos die Hand.
Da grinste er auf einmal schief und veranlasste mich zu einem überraschten Gesicht. „Du kannst stolz auf dich sein. Ich bin es jedenfalls. Du hast vielleicht nicht ein solches Talent wie Toivo und nicht ganz so viel Kraft, aber du bist schneller und verdammt geschickt. Du blühst im Kampf geradezu auf. Ich hab dich vorher noch nie aus Freude grinsen gesehen.“ Und dann lachte er doch tatsächlich.
Toivo öffnete mit einem überraschten Lachen auf den Lippen den Mund.
Ich musste lächeln. Dann grinsen. Und dann stieß ich vor Freude kurz beide Arme in die Luft, wobei ich das sofort aussehen ließ, als hätte ich mich nur gestreckt. Aber das geschah mehr aus Reflex. In Wirklichkeit wäre es mir ein einziges Mal egal gewesen, wenn jemand meine wahren Gefühle bemerkt hätte.
„Morgen bekommst du dein Schwert. Finn wird sicher mit Freude an die Arbeit gehen... er war vollkommen begeistert von eurer ersten Begegnung.“
„Aha.“ Ich hob skeptisch die Augenbrauen. Dann spürte ich auf einmal, wie warm mir war. „Oh Mann... ich schmilze gleich.“ Ich begann, mein Hemd abzupellen.
„Ah, Nanna, lass den Mist!“, rief Toivo mit einem Rotschimmer im Gesicht.
„Was denn, was denn, da ist doch ein Tuch drum gebunden“, sagte ich und schnaubte dabei belustigt. Alfsig lachte ebenfalls. „Hätte ich nie gedacht, du bist ja fast noch anständiger als dein Bruder“, griente er.
„Äh?“, machte Toivo noch, dann drehte er sich weg, weil ich das Hemd über die Schultern zog.
„Das war ja wirklich ein schönes Theater, dass du da gemacht hast“, lachte ich später.
„Was denn, man sieht Frauen eben nicht beim Ausziehen zu...“, murmelte Toivo und wurde wieder ein wenig rot.
„Ach komm, wir kennen uns, seit wir Kinder sind. Noch dazu denken viele deines Geschlechts da etwas anderes.“
„Also bitte! Das muss noch lange nicht heißen, dass ich diesen Standard übernehmen muss!“, empörte er sich und brachte mich zum Lachen. „Du bist so ein Feigling!“
„Mh. Na wenigstens hast du heute mal gute Laune...“
„Und wie“, grinste ich. „Ach so, wir müssen noch Sivs Kleid abholen, oder?“
„Ach ja...“
„Na dann los, komm.“ Ich lief los – dabei wusste ich nicht einmal genau, wo der Schneider seinen Laden hatte.
Etwas später waren wir mit dem Kleid wieder zuhause. Siv freute sich wie eine Schneekönigin und konnte nicht oft genug sagen, dass es noch schöner sei, als sie es sich vorgestellt habe.
Es war auch wirklich ein schönes Stück. Der Stoff war in einem kräftigen Sonnengelb gefärbt und am Dekoltier zu schönen Schlaufen aufgesteckt. Hier und da waren auf den ausladenden Rock Stoffrosen aufgenäht, genauso auf einer Schulter. In die Blüten war jeweils ein glitzernder, goldfarbener Faden eingenäht. Um die Taille herum waren auch einige Stickereien angebracht, gerade so viele, dass es weder zu wenig noch zu viel war. Und an Siv sah es eigentlich noch einmal so gut aus – die Farbe stand ihr ausgezeichnet.
Als ich Jarl erzählte, wie Alfsig mich beurteilt hatte, lächelte er breit und lobte mich in seiner Art, durch die man sich sofort wohl und übermäßig bestätigt fühlte.
Siv schien ebenfalls sehr froh darüber zu sein, dass ich es geschafft hatte.
„Ist doch schön, wenn wir alle gute Laune haben, nicht?“, stellte sie fest und lächelte. Ich lächelte zurück. Ich mochte sie inzwischen richtig gern. Und ich hatte mir abgewöhnt, sie als Störfaktor anzusehen. Ich war schließlich weder an Jarl noch an Toivo in einer anderen Weise als der freundschaftlichen interessiert. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, dass ich ein wenig wütend wurde, wenn Toivo Siv wieder mal nachschielte. Es war weniger die Tatsache, dass er mir eventuell abhanden kommen könnte, sondern einfach das Bewusstsein, dass sie interessaner war als ich. Was sie ohne Frage war. Aber trotzdem; ich war schließlich diejenige, die er seit Jahren kannte und außerdem war Siv so gut wie mit seinem Bruder verheiratet. So kam es manchmal vor, dass ich ihm ganz aus Versehen auf den Fuß trat, meinen Ellenbogen in den Rücken rammte oder gegen ihn stieß.
Die Vorbereitungen liefen nach wie vor auf Hochtouren, das ganze Dorf schien geputzt zu werden, überall wurden Girladen gespannt, die kleinen Mädchen sammelten Blütenblätter, um sie zu trocknen und suchten schon einmal die Blumen aus, die sie zu Kränzen machen wollten. Sie würden in der Nacht vor der Hochzeit extra aufstehen und Tarelunen pflücken, da diese nach der Trennung von der Wurzel ja offen blieben, hörte ich sie einmal reden. Ich hätte am liebsten bemerkt, dass das bei jeder Blume der Fall sei, konnte mich aber gerade noch zurückhalten.
Am Tag nachdem ich meine Prüfung bestanden hatte gingen wir also noch einmal in die Stadt, um mein Schwert abzuholen. Als wir in die Gasse einbogen, die zu Alfsigs Haus führte, hörten wir über uns ein Flattern und kurz darauf saß Broin auf meiner Schulter.
„Nanu, was macht denn der hier draußen?“, fragte Toivo verwirrt.
„Werden wir ja gleich sehen...“
Kurz darauf kamen wir an. Alfsig wartete mit Finn vor seinem Haus.
„Ah, da ist Broin ja. Er ist mir vorhin weggeflogen. Muss schon geahnt haben, dass ihr kommt“, knurrte Alfsig.
„So, Nanna“, grinste mich Finn an, „Willst du dir dein Schwert ansehen?“
„Sicher“, antwortete ich und hob eine Augenbraue.
„Dann komm mit, ich bin vor ein paar Stunden fertig geworden.“
Wir folgten dem Schmied.
„Ich war ganz aus dem Häuschen, als ich hörte, dass du ein Mädchen bist. Ich hab schon lange kein Schwert für eine Frau mehr gemacht. Es kommen immer weniger weibliche Kunden.“
„Was ist denn da der Unterschied?“, fragte ich skeptisch.
„Na ja, die Schwerter sind im Falle einer Sonderanfertigung leichter und ich verkünstele mich immer an ihnen, ich weiß auch nicht.“ Er lachte.
Ich zuckte gespannt mit den Augenbrauen.
Einige Minuten später standen wir in Finns Schmiede. Toivo und Alfsig etwas abseits, damit Finn mir möglichst feierlich sein Werk präsentieren konnte. Mit einem stolzen Lächeln zeigte er mir mein Schwert.
Es war ein schmaler Zweihänder. Er wurde zur Spitze hin immer dünner. Die obere Hälfte der Klinge war mit einem wunderschönen filigranen Rankenmuster geschmückt, direkt an der Parierstange war ein großer, cyanfarbener Stein eingearbeitet. Rein äußerlich war es sehr schön, aber...
„Es ist wunderschön“, sagte ich und wog meinen Kopf hin und her, „Aber ich sehe die besondere Fähigkeit, von der Toivo mir erzählte, nicht.“
Er grinste wieder sein breites Grinsen. „Das ist ein Teil seiner besonderen Fähigkeit.“
Ich sah fragend auf.
„Wo endet die Klinge?“, fragte er.
Ich kam mir ein wenig veralbert vor. „Na, da.“ Ich berührte mit dem Finger die Kante des silbrigen Metalls. Dann stutzte ich. Mein Finger stieß nicht einseitig auf Luft, sondern auf etwas Massives. „Ha?“ Ich sah genauer hin. „Geht es da etwa noch weiter?“ Ich war völlig baff.
Finn nickte lächelnd. „Es ist so dünn, dass man es gar nicht sieht. Eine gefährliche Tücke, findest du nicht? Ich dachte mir, das passt zu dir. Du bist schwer einzuschätzen und man tut dich schnell als arrogant, aber harmlos ab, aber wenn man nicht aufpasst, ist man schnell um einen Kopf kürzer.“ Er grinste und hängte an: „Im drastischen Fall.“
„Ja aber... wie kann man denn Eisen... durchsichtig machen?“
„Eine besondere Mischung aus verschiedenen Erzen und es dann ganz dünn schmieden“, erklärte Finn, als sei das ganz alltäglich. „Man muss sich nur ein wenig damit auskennen.“
„Ein wenig auskennen? Von sowas hab ich aber noch nie gehört.“
„Ach was, das können bestimmt noch andere. Aber nochmal zu dem Schwert: Sieh mal.“ Er schwang es kurz durch die Luft. Ich zuckte mit den Schultern. „Was denn?“
„Sieh genau hin.“ Er wiederholte den Vorgang und diesmal sah ich es: Ein blässlicher blauer Schimmer bildete sich um den unsichtbaren Teil der Klinge. So hauchdünn, dass man ihn gar nicht sah, wenn man ihn nicht unbedingt sehen wollte. „Was ist das?“, fragte ich interessiert.
„Dadurch, dass es so dünn und zugepitzt ist, schärft es die Luft um die Klinge herum. Zwar nur ein wenig, aber wenn du es schnell genug bewegst, bleibt die Luft auch noch einen kurzen Moment nach der Bewegung scharf.“
„Da muss ich aber verdammt schnell sein...“, murmelte ich.
„Genau. Und deshalb... nimm es mal.“
Ich nahm es, vorbereitet auf das Gewicht des letzten Schwertes. Aber als ich das Stück in die Hand gelegt bekam, machte ich ein überraschtes Geräusch. „Das ist ja federleicht!“
Finn lachte. „Drei Kilogramm. Ich habe mir sagen lassen, dass du dich sehr schnell bewegen kannst. Mit dem geringen Gewicht dieses Schwertes wirst du darin kaum eingeschränkt sein.“
Wahrscheinlich hatte ich seit Jahren nicht mehr so glücklich ausgesehen. Ich spürte, wie mein Mund sich zu einem breiten Lachen verzog. „Das ist ja ein echtes Wunderwerk! Du bist ein Genie!“
Finn lachte verlegen. „Oh, danke...“
„Ha, das ist wirklich sagenhaft, man sieht es ja gar nicht, wenn ich einen schnellen Schlag mache... schmal ist es ja schließlich auch noch... einfach wunderbar!“
Finn lächelte. Dann holte er eine Lederscheide aus seiner Werkstadt. „Hier, das kommt noch dazu.“
Ich betrachtete das Stück. Es war überzogen mit feinem, schwarz-bläulichem Leder vom pechschwarzen Gebirgsrind, gestärkt wurde es durch mehrere blaue Riemen und seine eigentlich eiserne Beschaffenheit im Inneren. Damit ich es mir umbinden konnte, war ein Lederband daran befestigt, die mit einem Farbverlauf von schwarz nach hellbraun gefärbt waren. Am unteren Ende war ein weiterer dieser cyanfarbenen Steine eingearbeitet und blinkte zwischen dem samtigen Schwarz hervor.
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, lachte ich. „Das ist das Beste, was mir seit einiger Zeit passiert ist.“
Finn lächelte ein weiteres Mal.
Viele Wochen später erst erzählte mir Toivo von dem Gespräch, dass er mit Alfsig geführt hatte, während ich mich so über das neue Schwert freute.
Alfsig lächelte zu Nanna hinüber. Auf Toivos fragenden Blick hin sagte er: „Ich habe nie einem meiner späteren Schüler von ihr erzählt, aber... Ich bin nicht der einzige Mensch, an den mich Nanna erinnert... vielmehr ähnelt sie meiner Tochter...“
Toivos Augen weiteten sich.
Alfsig sah zu Boden. „Sie war der Grund, aus dem ich keine Mädchen mehr unterrichtete... natürlich hat sie Kämpfen gelernt und sie hatte großes Talent... und ihrem Dickkopf entsprechend setzte sie sich irgendwann in den Kopf, dass sie allein auf Reisen gehen könne. Ich hörte auch bald, dass sie schon einen Ruf als große Kämpferin hatte... aber einmal hat sie sich mit einem Gegner angelegt, dem sie einfach nicht gewachsen war. Er war ein Riese und hatte ein besseres Schwert als sie... er tötete sie und dann...“ Er brach ab. Sein Gesicht verhärtete sich.
Toivo schluckte. „Ein Lustmord?“, fragte er leise.
Alfsig nickte. „Damals beschloss ich, dass ich mir und den Angehörigen meiner Schülerinnen etwas wie das nicht mehr antun wollte. Vielleicht war es egoistisch... aber das Risiko war mir zu groß. Dass eine junge Frau aufgrund ihrer Selbstsicherheit über ihr Können meint, sie könne es mit jedem aufnehmen und ein solches Ende findet... ich schwor mir, keine Mädchen mehr zu unterrichten, damit sie immer einen Begleiter auf Reisen mitnahmen... eigentlich bin ich immer noch dieser Ansicht... aber ich kann Nannas Standpunkt verstehen... als sie gestern so ausrastete, sah ich für einen Moment meine Tochter vor mir...“ Er lächelte ein trauriges Lächeln.
Dann sah er Toivo an. Sein Gesicht zeigte wieder den alten ernsten Ausdruck. „Sollte Nanna je beschließen, aus irgendwelchen Gründen allein in die Welt zu ziehen, wirst du sie begleiten?“
Toivo nickte zögerlich.
„Wenn du einwilligst, versprich es mir.“
Toivo sah kurz zur Schmiede, dann nickte er. „Ja. Ich verspreche es.“
Alfsig nickte. „Es ist ungerecht... aber das weibliche ist das schwächere Geschlecht.“
„Körperlich“, erwiderte Toivo. „Aber... haben Frauen Männer nicht auch irgendwie in der Hand?“
Alfsig lächelte. „Du ähnelst deinem Bruder mehr, als du denkst.“
Toivo lachte. „Manchmal denke ich, auch das ist nur auf den ersten Blick so. Jarl akzeptiert diese verborgene Überlegenheit zum Beispiel einfach und ordnet sich Frauen in gewisser Weise unter... aber jedes Mal, wenn ich Nanna ansehe, sehe ich ihre Macht und es macht mir beinahe Angst... vielleicht, weil sie mir überlegen ist, vielleicht aber auch, weil sie sich selbst so leicht zu zerstören vermag...“
Alfsig sah ihn für einen Moment erstaunt an.
Dann lachte Toivo verlegen. „Verzeihung. Solche Gedankengänge sollte ich lieber weiterhin für mich behalten. Es liegt mir nicht, nachzudenken...“
Alfsig lächelte schief, ohne jegliche Bewertung im Gesicht.
Ein wenig später befanden wir uns auf dem Rückweg. Ein weiteres Mal hatte ich ausgesprochen gute Laune. Dann fiel mir etwas ein.
„Toivo, du sagtest einmal, dein Schwert könne schießen. Ich hab es aber immer noch nicht gesehen.“
„Ah, ja. Ich zeig es dir, wenn wir wieder zuhause sind.“
Im Dorf angekommen, folgte ich Toivo in das Haus seiner Eltern, dann in sein Zimmer. In einer dunklen Ecke stand eine fuchsrote Lederscheide, die mit hellbraunen Riemen umbunden war. Sie war ziemlich breit und nicht weiter verziert. Nur am oberen Ende hatte sie einen feinen Goldrand. An der Seite hob sich ein kleines Täschchen ab.
Toivo holte sie hervor und zog das Schwert heraus. Es blitzte mir entgegen. „Mensch, ist das grell!“
Toivo lachte. „Das liegt an der Metallmischung. Finn hat unter anderem auch ein wenig Gold mit hinein getan.“
„Aber dadurch wird es doch noch schwerer...“
„Das ist auch ganz gut so. Je leichter eine Schusswaffe ist, desto leichter kann sie auch aufgrund des Rückstoßes verwackeln, noch bevor die Kugel den Lauf verlässt.“
„Aha...“
Er grinste. Dann kniete er sich mit dem Schwert vor mich. „Siehst du, da?“
Ich sah hin und nickte mit einem interessierten Lächeln. Direkt an der Parierstange hob sich ein Pistolenlauf aus der Klinge ab. Er war nur durch eine feine Metallspur mit dem Schwert verbunden. Ich hatte noch nie eine Feuerwaffe gesehen, aber gehört hatte ich davon. Ich drehte den Kopf. „Ja, aber wo ist der Abzug?“
Toivo grinste wieder, griff innerhalb vom Bruchteil einer Sekunde in die Seitentasche der Schwertscheide und zog einen kleinen Griff mit einem Abzug daran heraus. „Tada!“, rief er lachend.
„Das war ganz schön schnell..“
„Ja, das hab’ ich auch reichlich geübt“, sagte er stolz. „So, hier.“ Genauso schnell steckte er den Abzug an einen verdickten Teil der Parierstange und drehte ihn kurz, bis es leise klickte. Dann hob er das Schwert mit beiden Händen an, den Zeigefinger seiner rechten Hand am Abzug. „Und so funktioniert das dann. Ist eben sehr wichtig, die Balance gut zu halten beim Schießen, aber das hab ich schnell gelernt.“
Ich lächelte schief.
Er grinste mich an. „Damit kann ich dir sogar auf Distanz helfen.“
Ich machte ein verächtliches Geräusch, musste aber grinsen. „Ich brauche keinen Beschützer.“
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Namen & ihre Bedeutungen für dieses Kapitel:
Siv: nordisch „Verwandte/Ehefrau/Braut“
Zeichnungen zu diesem Kapitel:
http://s5.directupload.net/images/080212/temp/s393qx8z.jpg (http://s5.directupload.net/file/d/1336/s393qx8z_jpg.htm)
Kapitel 5
Schließlich war es dann soweit: Der Tag der Hochzeit war gekommen. Auch Leute aus der Stadt waren eingeladen, wie bei jeder Hochzeit. Alles war voller Schmuck, auf den größeren Straßen lagen Blütenblätter, die große Wiese war mit Tischen und Bänken bestückt und der Aidan strahlte vom Himmel, um dem Brautpaar perfektes Wetter an ihrem wichtigsten Tag zu bescheren.
Die Zeremonie war wirklich schön und sowohl Siv als auch Jarl sahen wirklich glücklich aus. Die kleinen Mädchen setzten ihnen ihre Blumenkränze auf und dann begann das Hochzeitsritual.
Die beiden gaben sich die Hände, sodass ihre Arme gekreuzt waren und somit ihre Handflächen jeweils zum Gesicht des anderen zeigten. Sie verankerten ihre Finger, dann legten sie sich die Hand des anderen an die Stirn, schlossen sie die Augen, während Jarls Mutter und Sivs Vater das hauchdünne Tuch über ihre Köpfe legten.
Jetzt mussten sie fünf Minuten so stehen bleiben können, ohne sich zu bewegen und vor allem ohne die Hand des anderen auch nur ein wenig zu verschieben.
Man hörte, wie die Menge die letzten zehn Sekunden zählte, dann zogen die Eltern das Tuch unter lautem Jubel der Menge weg und die Kinder begannen, die beiden lachend mit Blumen zu bewerfen. Mit dem Kuss der beiden wurde das Ganze schließlich besiegelt.
Meine Mutter lächelte meinen Vater an. Der mied mit peinlich berührtem Gesicht möglichst ihren Blick. Ich verkniff mir ein Grinsen.
„Was soll diese Zeremonie eigentlich immer wieder?“, fragte mich Toivo wenig später. „Ich meine, man könnte doch einfach sagen Ihr seid jetzt verheiratet, oder nicht?“
„Das ist doch der Witz an der ganzen Sache“, erklärte ich mit einem schiefen Grinsen. „Bei diesem Ritual geht es darum, dass man dem anderen vertrauen kann. Wenn er sich wegen irgendwas wegbewegt, zeigt er, dass die Heirat und damit die Beziehung für ihn nicht wichtig genug ist.“
„Ja aber... fünf Minuten ist nicht wirklich viel...“
Ich lachte. „Das ist doch schon eine Weile nicht mehr ganz so streng. Aber ich finde das mit dem Brauch besser, als wenn jemand einfach von heute auf morgen verheiratet wäre.“
„Das sind sie doch auch so.“
„Ach, du bist blöd.“ Ich wandte den Kopf und sah Siv und Jarl auf uns zukommen. Ich grinste sie an. Siv lächelte strahlend.
„Du weißt aber schon, dass sich alle möglichen Mordgedanken um dich drehen, oder?“, fragte Toivo sie grinsend.
Sie lachte. „Dafür habe ich ja jetzt einen Beschützer.“
Toivo lachte zurück. „Stimmt auch wieder.“
Hjörtur, ein Freund Jarls, kam an uns vorbei und fragte schelmisch: „Und, sorgt ihr heute schon für Nachwuchs?“
Die Umsetehden Leute brachen in Gelächter aus. Siv errötete mit einem verlegenen Lächeln, während Jarl mit einem Kopfschütteln lachte. „Du bist heute wieder so einfallsreich“, sagte er.
„Tja, so bin ich eben“, erwiderte Hjötur mit einem breiten Grinsen.
„Wenn ich das gesagt hätte, hätte ich jetzt schon wieder eine geklebt bekommen“, motzte Toivo und schielte säuerlich zu seiner Mutter, die energisch nickte.
„Also wenn, ist das Kind arm dran, mit so einem unreifen Onkel“, zog ich ihn auf.
„Jetzt fängt sie schon wieder damit an“, seufzte Toivo, während Siv belustigt kicherte.
Da drängte sich ein Kind durch die Menge auf uns zu. „Nanna!“
Ich sah runter. Ein kleiner blonder Junge mit glänzenden blauen Augen stand vor mir und strahlte mich an. Mein Lächeln wurde ein wenig kleiner. Es war Ari, Liljas jüngerer Bruder. Trotzdem bemühte ich mich wieder um ein breiteres Lächeln. „Hallo Ari.“
„Kommst du mal mit?“
„Wohin?“
„Einfach nur mitkommen.“ Er grinste mich frech an, genau wie Lilja immer gegrinst hatte.
„Na ja, gut... ich bin mal eben weg“, verkündete ich den anderen, dann folgte ich Ari.
Er führte mich von der Feier weg, immer weiter den Hang hinunter.
„Du weißt doch, dass deine Eltern dich nicht gern mit mir seh’n, oder?“
„Ach, die. Die sind immer so komisch zu dir und ich weiß nicht mal wieso.“
Ist vielleicht auch ganz gut so..., dachte ich.
„Sag mal, was willst du nun eigentlich von mir?“
„Ich will dir was zeigen.“
Mehr erfuhr ich nicht, bis wir uns irgendwann dem Ort näherten, um den ich stets einen großen Bogen machte. Da stand der große Baum. Er war noch weiter gewachsen in den letzten Jahren. Die feinen Schabmale der harten Seile waren bestimmt längst nicht mehr auf der Rinde.
„Was willst du denn hier? Ich weiß doch, wie gut du klettern kannst...“
„Aber das ist es doch gar nicht. Jetzt hab’ dich nicht so.“ Er grinste mich über die Schulter an.
„Ts. Freches Gör“, murmelte ich mit einem schiefen Grinsen.
Doch kurz darauf war mir nicht mehr so nach Lachen zumute. Ari steuerte immer weiter auf den Abgrund zu. Und so sehr ich auch versuchte, es zu verhindern, in mir keimte die durch die Erinnerung hervorgerufene Panik auf.
„Ich hab da unten sowas geseh’n, das muss ich dir zeigen.“ Er kniete sich an die Schlucht und sah hinunter. „Ah! Da, siehst du’s?“
„Was denn?“ Ich kniete mich vorsichtig neben ihn und suchte die Schlucht mit den Augen ab. Zunächst sah ich überhaupt nichts. Vielleicht war ich auch nicht konzentriert genug, weil sich in meinem Kopf der Druck einer unterschwelligen Angst ausbreitete.
„Na da. Daaaa.“ Er streckte seinen Arm aus.
„Ja, was denn...?“ Ich suchte weiter und dann – exakt in der entgegengesetzten Richtung von Aris Fingerzeig – sah ich es. Und mit der Entdeckung brach mir der Schweiß im Gesicht aus. Etwa zehn Meter unter uns blinkte etwas Rotes. Strahlendes dunkelrot. Es blinkte mich an und schien mich zu locken. Ich atmete stockend.
„Nanna?“
Bilder rasten mir durch den Kopf. Das Seil kam auf mich zu, es straffte sich, es kam ein weiteres Mal auf mich zu. Mit Lilja. Dann hing sie unter mir.
„Nein...“, flüsterte ich panisch und wedelte mir vorm Gesicht herum. Aris verstörten Blick nahm ich nur vage war.
„Schnell, du musst hoch! Mach schon!“
„Ich bin gleich da...“
„Beeil dich, du schaffst es!“
Ein Reißen, ein Knallen...
„Nein!“, schrie ich und schlug nach beiden Seiten mit den Armen um mich in dem verzweifelten Versuch, von dem Abgrund wegzukommen.
Ich plumpste ins Gras. Genau in dem Moment, als ich den Schrei hörte. „Was...?“ Ich sah mich um. Die Stelle, an der Ari gesessen hatte, war leer.
„Verdammt... Ari!“, brüllte ich.
„Hier...“, hörte ich ihn keuchen. So schnell ich konnte, krabbelte ich zum Abgrund zurück. Er hing etwas mehr als einen halben Meter unterhalb von mir an einer Felskante.
„Oh mein Gott... warte, ich helf dir hoch...“ Ich spürte, dass ich am ganzen Körper zitterte, als ich mich hinabbeugte. Scheiße, dabei bin ich so oft geklettert!, dachte ich verbissen. Aber das hier war etwas anderes.
Ich packte Aris Arme. Dann zog ich ihn ein Stück hoch, er hielt sich fest, ich rutschte etwas zurück, zog ihn wieder hoch...
Als wir den Prozess gerade das dritte Mal wiederholten, hörte ich Schritte. Schnelle Schritte. Aber ich drehte mich nicht um.
Dann höre ich jemanden schreien. „Ari! Um Himmels Willen!“ Der hysterische Schrei einer Mutter.
Bevor ich mich umsehen konnte, stieß mich jemand weg, sodass ich einen Meter weiter im Gras landete. Liljas Mutter zog ihren kleinen Sohn aus der Schlucht und begann zu schluchzen. „Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht! Wie oft hab ich dir gesagt, dass du nicht mit diesem Mädchen allein sein sollst?!“
Diese Worte taten weh wie nichts seit dem Unfall an dem Abhang. Dieses Mädchen. Früher war ich immer Nannalein für sie gewesen.
„Aber sie wollte mir helf - “
„Blödsinn! Sie hat dich gestossen, nicht wahr?“
„Aber Mama...“
„Ja...“, sagte ich leise.
Sie sah ruckartig auf. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. „Du...“
„Es war ein Unfall...“, begann Ari.
„Das hat man mir beim letzten Mal auch erzählen wollen!“, schrie seine Mutter auf einmal, dass er erschrocken zusammenfuhr.
Erneut waren Schritte zu hören. Diesmal war es Aris Vater. „Was ist passiert?“, fragte er außer Atem.
„Sie... sie hat versucht, unser Kind in den Tod zu stoßen...“, flüsterte seine Frau gehässig und erhob sich. Mein Kopfschütteln beachtete sie gar nicht. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie hinter ihr noch mehr Leute angerannt kamen.
„Du wolltest ihn umbringen!“, schrie sie mich auf einmal an. „Sie wollte schon wieder mein Kind töten!“
„Beruhige dich!“, sagte ihr Mann eindringlich und besorgt. „Nanna hat Lilja nicht umgebracht!“
„Natürlich hat sie das! Sie ist doch die, die runtergeklettert ist! Sie hat sie umgebracht! Und genauso werd ich sie jetzt umbringen!“
Ari wich mit Tränen in den Augen vor seiner Mutter zurück.
„Du verdammte...!“ Sie weinte. Sie weinte, während sie weiterschrie und sich aus dem Griff ihres Mannes zu winden suchte, um sich auf mich zu stürzen.
Ich war inzwischen aufgestanden und stand mit gesenktem Blick da.
„Nanna...“, hörte ich Toivos verwirrte Stimme. Es tat weh. Ich kniff die Augen zu.
„Schafft sie weg! Ich will sie nicht mehr sehen, diese Schlange! Sie bringt meiner Familie nichts als Unglück! Ich wusste, dass das irgendwann passiert! Ich wusste, dass Ari auch irgendwann an der Reihe sein würde!“
„Pilvi, beruhige dich!“ Liljas Vater klang beinahe panisch.
„Verschwinde! Verschwinde, du verdammte Mörderin! Wenn du nicht gehst, lebst du nicht mehr lange weiter! Ich kann dich nicht mehr sehen! Du...“
Irgendwas knallte laut.
„Toivo!“, hörte ich Jarl entsetzt rufen. Ich öffnete vorsichtig die Augen. Dann riss ich sie vor Erstaunen weit auf. Liljas Mutter hielt sich mit geweiteten Augen die Wange. Ihr Mann starrte Toivo böse an. Und Toivo sah aus, als würde er gleich explodieren.
„Es reicht“, zischte er mit vor Zorn zitternder Stimme. „Es reicht längst. Haben Sie sich je überlegt, wie sich das anfühlt, von einem ganzen Dorf kalt angesehen oder ignoriert zu werden, wenn man sich selbst die Schuld gibt? Ha?!“
Ich konnte nicht einmal die Luft finden, um seinen Namen auszusprechen, wie ich es gerade dachte. Aber das musste ich auch nicht. Im nächsten Moment kam er mit seinem stocksauren Gesichtsausdruck auf mich zu und zog mich am Handgelenk vom Schauplatz weg. Dann begann er zu laufen und blieb nicht wieder stehen, bis man das Dorf nicht einmal mehr am Horizont sehen konnte.
Irgendwann hatte ich mir geschworen, dass Toivo mich nie weinen sehen würde. Und nun war es schon das zweite Mal. Er saß still neben mir, während ich zusammengekrümmt vor mich hinschluchzte.
Irgendwann legte er mir eine Hand auf den Rücken. „Nanna... es ist... es war ein dummer Zufall... du bist nicht Schuld und warst es nie... weder heute noch damals...“
„Das stimmt nicht!“, schluchzte ich. „Ich hab Ari gestossen! Weil ich schon wieder dieses rote Ding geseh’n hab! Ich hab es geseh’n und dann kamen die Erinnerungen und ich hab ihn gestossen! Sie hat Recht... sie hat verdammt nochmal Recht...“
„Nein, hat sie nicht!“, rief er erbost. „Hör auf damit! Die Frau ist verrückt, auf sowas darfst du nicht hören!“
„Aber wenn sie doch Recht hat...“, flüsterte ich verzweifelt.
Er seufzte. „Was soll ich denn sagen, um dich zu überzeugen? Du bist die einzige, die noch stocksteif davon überzeugt ist, dass...“
„Es geht doch gar nicht um Lilja“, schluchzte ich, zu erschöpft, um ihn anzuschreien. „Ich hab den Kleinen fast umgebracht...“
Toivo stöhnte. „Das meine ich. Du bist immer so stark, aber in Wirklichkeit machst du dir wegen jedem kleinsten Fehler Vorwürfe, selbst wenn es gar nicht wirklich an dir lag.“
„Aber es lag doch an mir!“ Nun wurde ich doch lauter. Ich richtete mich auf und schlug ihm mit beiden Fäusten vor die Brust. „Ich hab ihn doch gestossen! Warum willst du nicht einseh - “
Ich stockte erstaunt, als er mich einfach umarmte.
„W-Was...?“, murmelte ich perplex.
„Manchmal denke ich, das ist alles, was du brauchst. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber das lässt sich herausfinden.“
„Ah...“ Ich wollte widersprechen – aber dann spürte ich, wie mir eine weitere Träne aus dem Auge lief. Aber sie war anders als die davor. „Danke“, sagte ich leise und schloss die Augen.
„Bitte, bitte“, erwiderte er mit einem Lächeln in der Stimme.
Später befanden wir uns auf dem Rückweg. Es wurde bereits dunkel.
„Jetzt hab ich Jarl seine Hochzeit versaut“, murmelte ich zerknirscht.
„War doch nicht deine Schuld. Dumme Reihe von Zufällen... er wird es dir nicht übel nehmen.“ Er lächelte mich aufmunternd an. Ich lächelte halbherzig zurück. Ich würde ihm vielleicht von meinem Beschluss erzählen müssen. Aber noch nicht jetzt.
Als wir im Dorf ankamen, war nur in der kleinen Gastwirtschaft noch ein Zeichen davon, dass jemand Hochzeit feierte. Fröhliche Stimmen waren zu hören, Gläserklirren und die üblichen Festgeräusche.
„Du hast wahrscheinlich keine Lust, dich dazu zu gesellen, oder?“, fragte Toivo.
Ich schüttelte den Kopf. „Aber du kannst ruhig gehen, wenn du möchtest.“
„Mh. Ich hab nicht so wirklich Lust. Was hast du denn jetzt vor?“
„Ach, ich... ich geh nach Hause und leg mich hin oder so... war mir etwas zu viel heute...“
„Na gut. Ich komme später mal und seh’ nach dir.“
„Toivo!“
Toivo wandte sich überrascht um.
„Da seid ihr ja wieder“, sagte Jarl erleichtert. „Ich hatte mir schon Sorgen gemacht...“
„Jarl... tut mir Leid, dass...“, begann ich kleinlaut, aber Jarl winkte mit einem ermutigenden Lächeln ab. „Ist schon in Ordnung. Wie du hörst, ist die Stimmung auch so wieder hoch gekommen. Überhaupt, ihr solltet auch wieder dazu kommen.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nee, danke... ich hab für heute echt genug...“
„Mh, kann ich verstehen... aber du kommst doch nochmal mit, oder, Toivo?“
„Muss ich...?“
„Zwingen kann ich dich nicht. Aber es würde mich freuen.“
„Na, meinetwegen...“, murmelte Toivo.
„Ich muss nicht fragen, ob du auch allein gut nach Hause kommst, oder?“, fragte Jarl, wieder an mich gewandt.
Ich bemühte mich, zu lächeln. „Nein.“
„Gut.“ Er lächelte warm, dann wandte er sich ab, gefolgt von Toivo.
Es tat weh, ihnen nachzusehen und dabei zu wissen, dass es das letzte Mal war. Aber es ging nicht anders.
Ich trat in unser kleines Haus ein, in dem ich all die Jahre gewohnt hatte. Ein letztes Mal durchquerte ich den gemütlichen Wohnraum, stieg die knarzende Treppe hinauf und betrat mein Zimmer.
Ich warf mir passende Reisekleidung über: Ein einfaches Hemd, eine Lederweste, eine Hose aus weicherem Leder. Dann befestigte ich noch einen kleinen Hüftbeutel an meinem Gürtel. Ich nahm mir die Ledertasche aus dem Schrank, die ich nie benutzt hatte. Sie war nicht sehr groß, aber sie würde für das Nötigste reichen.
Ich warf ein paar Kleidungsstücke hinein, darunter eine Mütze, Schal, Socken und lederne Handschuhe ohne Finger. Sachen wie Hemden oder Hosen nahmen zu viel Platz ein, ich würde die eine Ausstattung immer wieder waschen müssen.
Ein kleiner Beutel mit meinen Perlen wanderte auch in die Tasche. So belanglos, aber irgendwie war es mir wichtig, sie mitzunehmen. Genauso wie ein zweites Lederbändchen, falls das, was ich momentan um den Zopf trug, einmal reißen sollte.
Geld nahm ich auch mit. Ich hatte mich immer gefragt, warum mir meine Eltern überhaupt Geld gaben; es gab nichts, was ich mir hätte kaufen wollen. Jetzt kam es mir beinahe so vor, als hätten sie gewusst, dass ich es irgendwann einmal brauchen würde, so wie jetzt. Ich stopfte es alles in einen kleinen Lederbeutel, schnürte ihn fest zu und verstaute ihn ganz unten in der Tasche.
Dann sah ich mich um. Am liebsten hätte ich den ganzen Raum eingesteckt... es war schwer sich vorzustellen, das alles zurückzulassen, sogar die unwichtigen winzigen Dinge, an die längst niemand in diesem Haus mehr bewusst dachte. Erinnerungen.
Ich griff mir das schöne Messer vom Tisch, das mein Vater mir zu meinem vierzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Ich drehte es hin und her. Das Mondlicht, das durchs Fenster fiel, verlieh ihm einen geheimnisvollen Schimmer. Es blinkte mir zu, sodass ich lächeln musste. Dann grub ich die dazugehörige Scheide unter einigen Sachen auf meinem Tisch aus. Darauf fiel das Messer mit den anderen Sachen in die Ledertasche.
Schließlich schnappte ich mir noch mein Schwert aus der Zimmerecke, band es mir um, sodass der Griff neben meinem Hals hervorlugte. Die Tasche band ich mir um die Taille, dann verließ ich mein Zimmer, ohne noch einmal zurückzublicken. Es würde nur unnötiges Zögern mit sich bringen, wenn ich das alles noch einmal betrachtete.
Ich eilte die Treppe hinunter, dann in die Küche. Proviant brauchte ich dringend, bis zum Morgengrauen konnte ich schließlich nirgendwo etwas kaufen. Und wer konnte schon wissen, wo ich mich zu diesem Zeitpunkt dann befinden würde.
Ich suchte also alles zusammen, das mir nahrhaft und sättigend erschien.
Einmal schreckte ich zusammen: Hatte ich da gerade die Tür gehört? Ich horchte angestrengt, aber ich konnte keine weiteren Geräusche wahrnehmen. Also fuhr ich mit meinen Vorbereitungen fort.
Schließlich hatte ich Käse, Brot, Wurst, etwas Obst und genügend Wasser beisammen. Ich legte es in einem Leinenbeutel und verstaute das Ganze in meiner Tasche.
Für einen Moment zögerte ich noch. Vielleicht sollte ich meinen Eltern eine Nachricht hinterlassen. Aber mir fiel nichts ein, das ich hätte schreiben können. Also verwarf ich die Idee. Zwar spürte ich den Schmerz der Reue, schaffte es aber, ihn nach einigen Sekunden zu unterdrücken.
Als ich wieder aus der Küche kam und durch den Wohnraum ging, schrak ich zusammen: In der Ecke stand jemand. Also hatte ich die Tür doch gehört.
„Wer ist da?“, fragte ich scharf.
„Nur ich.“
Meine Mutter. Sie kam besorgt auf mich zu. „Bist du... Ist alles in Ordnung?“ Sie senkte den Blick. „Ich hätte nicht gedacht, dass Pilvi so etwas sagen könnte. Es muss schrecklich für dich gewesen sein...“
„Ist schon in Ordnung...“, murmelte ich. Allerdings wich ich ihrem Blick aus.
„Was ist? Du hast doch was vor...?“
Bei ihrem besorgten Blick schaffte ich es einfach nicht, es zu verbergen. Also holte ich Luft und sagte: „Ich gehe weg. Ich halt’s einfach nicht mehr aus und spätestens seit heute fühle ich mich hier unwillkommen. Ich will... ich muss meinen eigenen Weg finden.“
Meine Mutter sah mich ernst an. „Das ist ein ziemlich schwerwiegender Entschluss... es ist deine Entscheidung... aber ich sehe dich nicht wirklich gerne gehen, das weißt du sicher...“
„Ja... aber es steht bereits fest für mich...“
„Was ist mit Toivo?“
Ich sah sie fragend an.
„Er ist dein bester und eigentlich einziger Freund... willst du ihn einfach so zurücklassen, ohne ein Wort des Abschieds?“
„Wenn ich das tun würde, würde er nur mitkommen wollen“, wandte ich ein und musste mich beherrschen, sie nicht anzuschreien.
„Vielleicht ist das gar nicht mal so schle...“
„Ich hab’ doch gesagt ich geh’ allein!“, rief ich, doch im nächsten Moment tat es mir Leid. „’tschuldigung“, murmelte ich. „Aber es geht nicht anders... es ist nun mal so... es war nie so gedacht, dass ich hierbleibe.“
„Was redest du denn da?“
Ich schwieg kurz, dann schüttelte ich den Kopf. „Nicht so wichtig.“
Ich sah sie wieder an. „Du wirst mir fehlen... Pa genauso... könntest du ihm das sagen? Und dass ich...“ Ich hatte sowas noch nie gesagt, nicht so wirklich. Aber es war vielleicht das letzte Mal, dass ich mit ihr sprach. „Dass ich ihn lieb hab’, könntest du ihm das auch sagen?“
„Sicher“, sagte meine Mutter leise. Sie machte eine Pause, dann sagte sie noch: „Pass auf dich auf, ja? Und komm mal wieder her... oder lass uns irgendwie eine Nachricht zukommen...“
Ihre Augen glänzten nass. Sie blinzelte schnell, damit ich es nicht sah.
„Ma... es tut mir Leid...“
„Blödsinn!“ Ihre Stimme zitterte, auch wenn sie es angestrengt zu unterdrücken versuchte. „Deine Entscheidungen haben dir nicht Leid zu tun! Bleib so selbstsicher und beständig wie bisher, ja?“
„Ja“, sagte ich mit einem traurigen Lächeln.
„Ach, komm her.“ Sie umarmte mich. „Meine Kleine...“
Fast hätte ich wieder geweint, aber ich biss mir auf die Lippen. Mein Entschluss stand fest.
Kurz darauf war ich bei der Tür. „Leb wohl, Ma.“
Sie nickte nur und lächelte mich aufmunternd an.
Einige Augenblicke später war ich auf dem Weg zu den Ställen. Ich würde ein Pferd mitgehen lassen, auch, wenn mir der Gedanke nach wie vor eigentlich widerstrebte. Ein schnelles, das mich einigermaßen kannte wäre am besten gewesen.
Ich musste an Asdis denken, aber dann schüttelte ich den Kopf. Auch, wenn ich ihn nie wieder sehen würde, würde ich Toivo soetwas nicht antun.
Ich entschied mich also dafür, eins der Pferde, die quasi dem ganzen Dorf gehörten, zu nehmen. Auf einem von ihnen hatte ich für kurze Zeit das Reiten geübt. Wenn ich mich zusammennahm, würde es mich sicher akzeptieren. An einem späteren Zeitpunkt würde ich es auf gut Glück nach Hause schicken.
In Gedanken versunken und mit gesenktem Kopf kam ich bei den Ställen an. Ich betrat das Gebäude und ging an den leise wiehernden Tieren vorbei, auf der Suche nach dem besagten Übungspferd.
Als ich an Asdis’ Box vorbeikam, konnte ich nicht umhin, zu ihr hinüberzugehen und ihr über die Schnauze zu streichen. „Du bist schon eine Liebe“, flüsterte ich. „Pass mir auf Toivo auf, ja?“
Sie schnaubte leise und wackelte mit dem Kopf. Ich lächelte.
Ich ging weiter meines Weges, da hörte ich hinter mir ein Geräusch. Dann: „N-Nanna?“
Ein heißer Schauer des Schreckens durchfuhr mich. Hastig wandte ich mich um. Toivo stand in der offenen Stalltür.
„Was machst du denn hier?“, fragte ich perplex.
„Ich wollte noch einmal nach Asdis sehen, bevor ich nach Hause gehe... aber was machst du hier?“
Ich senkte den Blick. Mir fiel nichts ein. Mitten in der Nacht, Gepäck auf dem Rücken... was hatte es für einen Sinn, ihn anzulügen?
„Ich geh’ weg.“
„Was...?!“ Er klang so entsetzt, dass es beinahe wehtat.
Trotzdem hob ich den Kopf und sah ihn selbstsicher an. „Ich hab mir die gehässigen Blicke wirklich lang’ genug angetan. Außerdem möchte ich noch etwas anderes sehen als das Dorf hier.“
„Ja, aber... was wird denn aus deinem bisherigen Leben? Willst du das alles wegen der Sache heute Nachmittag aufgeben, ist es dir das wert?“
„Das hat damit überhaupt nichts zu tun!“, schrie ich ihn an. „Ich hab’ es einfach nur satt!“
„Ja, was denn?!“
„Einfach... alles! Diese gesamte verdammte Umgebung kotzt mich an!“
Toivo schwieg kurz. Dann sagte er etwas leiser: „Ich kann dich ja eh nicht überzeugen...“
Ich richtete mich erleichtert ein Stück auf.
„Also werde ich dich begleiten.“
Ich musste zunächst verdauen, was er gesagt hatte, dann rief ich: „Was?!“
„Ich komme mit. Wir sind Freunde, oder nicht?“
„Ja, aber... das geht dich doch überhaupt nichts an!“ Ich spürte, wie in mir die Wut hochkochte.
„Natürlich geht es mich was an! Alles, was mit dir zu tun hat, geht mich in gewisser Weise etwas an.“
„Was redest du da für einen Stuss?“ Ich schüttelte wütend den Kopf, dann sagte ich: „Wie auch immer. Du kommst nicht mit.“
„Oh doch. Ich bin ein freier Mensch, ich gehe, wohin ich will.“
„Das hat dir ja auch niemand verboten! Aber genauso hast du gefälligst meine Entscheidungen zu akzeptieren!“
„Tu ich ja. Aber deshalb ändere ich doch nicht meine eigenen.“ Er klang seltsam angespannt und bemüht. Als würde er gleich platzen. Trotzdem blieb ich standhaft. „Nein. Ich gehe allein.“ Damit drehte ich mich um und ging weiter auf das angepeilte Pferd zu.
„Nein, zum Teufel, das tust du nicht!“, schrie er, dass ich zusammenfuhr. „Du denkst auch immer, dass es letztendlich nach deinem Dickkopf geht, was? Aber so läuft das Leben nicht!“
Ich sah über die Schulter und sah ihn kühl an. „Was genau bringt dich eigentlich dazu, dich darin so festzubeißen? Das ist ganz allein meine Sache.“
„Das kann dir doch gestohlen bleiben. Jedenfalls bleib’ ich dabei.“
„Geht mir genauso. Bis du deine Vorbereitungen getroffen hast, bin ich schon über alle Berge.“
Er atmete mit einem ratlosen Seufzen aus. „Was hast du denn für ein Problem damit, wenn ich mitkomme?“
Ich biss mir auf die Unterlippe. Wenn ich ihm das sagte, hatte es ohnehin keinen Sinn mehr, dass ich ihn zurücklassen wollte. „Das kann ich dir nicht verraten“, sagte ich wahrheitsgemäß.
Er runzelte die Stirn. „Was? Wieso das denn nun wieder?“ Er machte eine Pause, dann seufzte er wieder leise. „Hör mal, Nanna... ich kann ja verstehen, dass dich die Leute hier irgendwie ankotzen... und es ist ja auch soweit in Ordnung, dass du weggehen willst, du bist ja langsam alt genug... nur... du hast keine Ahnung, was da draußen vor sich geht.“
„Genau deshalb will ich ja hin und es mir ansehen.“
„Ja, das wohl, aber du weißt trotzdem nicht, ob du allein vielleicht irgendwann nicht mehr weiterkommst. Selbst, wenn es zu zweit nicht möglich ist, kann man sich immer noch gegenseitig aufbauen...“ Er brach ab. Er musste meinen mehr als nur skeptischen Blick bemerkt haben. Er senkte den Kopf. „Es kommt mir einfach nur so unsicher vor, wenn du ganz allein gehen willst...“
„Und du meinst, mit dir bin ich sicherer, oder wie?“
„Nein!“, rief er hastig. Dann machte er eine Pause. „Doch... vielleicht schon... jedenfalls könnte ich dann für dich da sein... weißt du, es gäbe mir so ein machtloses Gefühl, dich einfach gehen zu lassen. Und jetzt, wo du mir nicht einmal verraten willst, warum du gehst... das beunruhigt mich nur noch mehr.“
Ich überlegte für einen Moment, dann zuckte ich mit den Schultern. „Du wirst schon irgendwann drüber hinwegkommen. Aber ich muss jetzt gehen, sonst bin ich hier bei Morgengrauen immer noch nicht weg.“ Ich wandte mich wieder ab und zog mein Tempo diesmal etwas an. Ich würde mich nicht mehr von Worten umdrehen lassen.
Da hörte ich Schritte hinter mir und bevor ich reagieren konnte, packte er mich an den Schultern und riss mich herum.
„Wa... lass mich los!“, rief ich ärgerlich und versuchte mich aus seinem Griff zu wenden.
„Nein! Ich lass’ dich nicht einfach allein abhauen! Lass gefälligst dieses egoistische Gehabe sein!“ Er sah wirklich sauer aus. Ich verstand absolut nicht, warum ihm so viel daran lag.
Ich sah zu Boden und dachte nach. Warum eigentlich wollte ich nicht, dass er mitkam? Weil ich dachte, dass ich es allein schaffen musste? Weil ich ihn nicht da mit hineinziehen wollte? Weil er mich vielleicht für verrückt halten würde?
Andererseits war er immer für mich da gewesen... sogar fast noch mehr als meine Eltern. Er hatte mir immer zugehört und wenn er über mich gelacht hatte, dann nur bei Dingen, die nicht wirklich wichtig waren. Es fiel mir ja schließlich auch nicht leicht, ihn einfach dazulassen. Aber...
„Nanna.“ Seine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Als er eine Pause machte, sah ich ihn fordernd an.
Seine Lippen verspannten sich, dann sagte er leise: „Bitte.“
Die Art, wie er das sagte, dieses flehentliche, nahm mir jede weitere freche Antwort aus dem Mund. Er sah aus, als könnte er im nächsten Moment losheulen.
Ich senkte ein weiteres Mal den Kopf und nach einigen Momenten der Besinnung sagte ich leise und zerknirscht: „Na gut... schön, meinetwegen!“ Dann riss ich mich wütend aus seinem Griff und marschierte endlich zur Box, die ich die ganze Zeit zu erreichen suchte.
„Wenn wir zusammen gehen, können wir doch einfach Asdis nehmen“, schlug Toivo vor.
Ich schüttelte den Kopf. „Auf kurzen Strecken mag das gehen, aber ich hab’ keine Lust, mich die ganze Zeit an dir festhalten zu müssen. Dann bin ich ja noch abhängiger als ohnehin schon, wenn ich reite.“
Ich holte also das Pferd aus der Box.
„Warte, ich räume mir schnell meinen Kram zusammen!“ Damit war er schon aus dem Stall. Auf einmal war er fröhlich und lebhaft, ganz der Alte. Der bestimmte, demütige junge Mann von eben schien verschwunden zu sein.
Ich holte auch Asdis aus ihrem Unterstand und führte die beiden Tiere in die warme Herbstnacht hinaus.
Asdis wieherte leise, das andere Pferd schnaubte unzufrieden und schüttelte seinen starken, scheckigen Hals. Sicher hätte es jetzt viel lieber geschlafen. Ich konnte es ihm nachfühlen. Ich strich beiden nacheinander über die Schnauze und musste lächeln. Es hatte eine gewisse Ironie, dass ich Pferde doch eigentlich gerne hatte, mich aber nicht auf ihnen fortbewegen mochte.
Einige Minuten später kam Toivo angelaufen. Genau wie ich hatte er sein Schwert auf dem Rücken und ein Bündel um die Taille.
Kaum war er bei uns, saß er im Prinzip auch schon auf Asdis. Ich kraxelte unbeholfen auf die andere Stute, die geduldig stillhielt. Einmal meinte ich Toivo leise kichern zu hören, aber als ich verärgert aufsah, sah er mich nicht einmal an. Dafür wirkte sein Gesicht beinahe übertrieben ernst. Ich knurrte in mich hinein.
„Weißt du“, sagte er langsam, „Wahrscheinlich kucken mich die Leute ab jetzt ohnehin schräg an...“
Ich hatte es endlich auf den Pferderücken geschafft und sah ihn an. „Wieso?“ Dann fiel es mir ein und ich senkte den Blick. „Mh.“ Und dann: „Danke nochmal... auch, wenn ich die einzige sein dürfte, die dir das anerkennt...“
Er lächelte schief. „Ist doch kein Problem. Sowieso nicht schlecht, dass ich hier mal wegkomme.“
Ich sah ihn aus den Augenwinkeln an, sodass er meine Augen nicht sehen konnte. Er gab sich Mühe und war ziemlich überzeugend, aber ich hatte das Gefühl, dass er nicht vollständig zufrieden war mit dieser Entscheidung. Das war der Grund dafür, dass ich einen Stich in der Brust fühlte, weil ich ihn vor diese gestellt hatte. Und dafür, dass ich meinem Pferd im nächsten Moment einen ungelenkten Klaps mit den Füßen gab, woraufhin es sofort loslief, was mir wie reine Schikane vorkam.
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Namen & ihre Bedeutungen für dieses Kapitel:
Hjörtur: isländisch „Rotwild“
Ari: nordisch „Adler“
Pilvi: finnisch „Wolke“
Zeichnungen zu diesem Kapitel:
http://s2.directupload.net/images/080218/temp/tuasvsme.jpg (http://s2.directupload.net/file/d/1342/tuasvsme_jpg.htm)
Kapitel 6
Wir ritten den ganzen nächsten Tag durch, nur einmal ruhten wir aus, aßen und schliefen ein wenig. Als der Morgen dämmerte, befanden wir uns dann wieder irgendwo mitten in der Pampa. Hohes Gras wucherte überall, wir durchquerten immer wieder Wälder und meinten, Häuser von Dörfern sehen zu können. Das Land war überall üppig, trotz des im Allgemeinen kühlen Klimas.
Unser Dorf und auch die kleine Stadt, in der Alfsig lebte, hatten wir schon vor einer Ewigkeit hinter uns gelassen, so schien es mir.
Als wir dort über den menschenleeren Marktplatz geritten waren, kreiste ein großer, dunkler Vogel über uns. Als er seinen einzigartigen Ruf ausstieß, musste ich lächeln. Auch ihn würde ich wahrscheinlich nie wieder sehen.
Nun machten wir direkt an einem kleinen Fluss eine Pause. Erst jetzt bemerkte ich, wie müde mich die ganzen Geschehnisse doch gemacht hatten, der Schlaf letzten Mittag hatte bei weitem nicht gereicht. Toivo döste schon seit einer Weile vor sich hin, vielleicht war er inzwischen sogar ganz eingeschlafen. Asdis und Kennocha, die Kaltblüterstute, die ich hatte mitgehen lassen, standen ebenfalls recht schläfrig da, festgebunden an einem dicken Ast.
Mein Schwert lag direkt neben mir. Ich fragte mich, wann ich es zum ersten Mal benutzen würde. Wann ich es wieder schärfen musste. Wann es mir jemand aus der Hand schlagen oder wann ich einen Sieg mit ihm erringen würde.
Ich hatte schon ein paar Mal meine Hände um den Griff gelegt, einfach so. Jedes Mal gab es mir das Gefühl der Macht und ich konnte den Ernstfall gar nicht erwarten.
Ich wandte meinen Blick von dem schönen Handwerk Finns wieder zum morgendlichen Himmel. Unser leicht grünlicher, großer Mond war noch sichtbar, genauso wie einige Sterne. Über die fernen Berge drang ein Schimmer des Sternes Aidan, unserer Sonne, mit der Ankündigung, dass er uns in kurzer Zeit entgegenstrahlen würde wie zu keiner anderen Zeit des Tages. So grell und faszinierend, dass man gleichzeitig hin- und wegsehen wollte.
Vögel sangen in den Bäumen. Ihre Klänge waren sehr verschieden und man konnte nicht ganz erkennen, ob sie um den Platz des besten Sängers kämpften oder gemeinsam musizieren wollten. Ich erkannte nur zwei oder drei der Vogelstimmen. Auf Tiere hatte ich nie wirklich geachtet.
Die Blätter des Baumes direkt über uns rauschten leise und langsam in der leichten, warmen Morgenbrise und der Fluss plätscherte sanft vor sich hin, als müsse er auch erst wach werden. Neben mir sprang eine Grille durchs Gras. Viele Mädchen in unserem Dorf hatten panische Angst vor diesen Insekten gehabt. Ich hatte es nie verstanden. Wahrscheinlich war ich einfach zu burschikos, wie Jarl immer gesagt hatte. Ich hatte mir noch immer nicht ganz klar machen können, was das eigentlich war. Aber scheinbar war es nichts weiter Schlimmes und es schien mit solchen Dingen zusammenzuhängen.
Ich ließ mir den vorgestrigen Abend noch einmal durch den Kopf gehen. Warum hatte ich Ari gestossen?
Meine Augen weiteten sich ein Stück. Da war wieder dieses rote Ding gewesen. Das rote, von dem ich immer gedacht hatte, es sei damals nur Einbildung gewesen. Auf einmal war es dort unten gewesen und hatte mich angeblinkt. Und da hatte ich an Lilja denken müssen. Oder wohl besser: an ihren Sturz. Mein Gesicht verkrampfte sich. Sollte das jetzt also heißen, dass dieses Ding immer auftauchen würde, wenn ich mich mit jemandem an einem Abgrund befand? Nein, das konnte nicht so recht sein... mit Jarl war ich schließlich auch dort unten gewesen. Aber was war es dann? Ich glaubte längst nicht mehr daran, dass es tatsächlich ein Edelstein oder etwas tatsächlich Materielles war... aber was war es denn dann? Eine Halluzination? Eine Reflektion des Lichts? Was immer es war, es war nun schon das zweite Mal erschienen, als ich... ja, was denn eigentlich? Was war denn davor gewesen, was danach? Eigentlich war in beiden Fällen nichts Besonderes passiert, davor nicht... danach dann schon... aber das war wirklich etwas weit hergeholt, ein rotes Blinken mit Schicksalsschlägen in Verbindung bringen zu wollen.
Mein Gesicht verzog sich ein weiteres Mal. Schicksal. Wie ich dieses Wort doch hasste. Man hatte keinen Einfluss darauf und es schien einem immer nur Schlechtes zu bringen. Oder hatte es je dafür gesorgt, dass ich mich wohl fühlte in meiner Haut? Das eine Mal, ja, die Zeit, in der ich mit Lilja befreundet gewesen war. Aber das hatte es ja verdammt endgültig zu beenden gewusst, sodass es umso stärker zuschlagen konnte.
Mein Blick wanderte unwillkürlich zur Seite. Da lag er, träumend, mit einem dümmlichen Lächeln im Gesicht, während der Aidan seinen langen Körper langsam in goldenes Licht tauchte. Ist das nicht auch etwas Gutes?, schoss es mir durch den Kopf. Ihn zum Freund zu haben?
Sicher hatte diese Freundschaft schöne Seiten... aber die meiste Zeit waren wir ja doch nur am Zanken. Und wer konnte schon wissen, wann das Schicksal mir auch ihn entreißen würde?
Ihr seid unverbesserliche Pessimisten, du und dein Vater!, hörte ich meine Mutter meckern. Das Leben wäre manchmal viel angenehmer, wenn man es einfach einmal von seinen guten Seiten betrachten würde!
Sicher. Da war etwas dran. Aber war es nicht besser, auf das Schlimmste gefasst zu sein, anstatt sich immer wieder falsche Hoffnungen einzureden? Wie meine Mutter. Wie Jarl. Wie Toivo. Wie Ari.
Ich presste die Lippen aufeinander. Und wie Lilja. Jemand optimistischeren hatte ich nie kennen gelernt...
Ich schlug mit der Hand auf den sandigen Boden, dass es schmerzte. Verdammte Erinnerungen! Immer und immer und immer wieder tauchten sie zu vollkommen unmöglichen Gelegenheiten auf!
Ich hörte Toivo stöhnen. Als ich hinsah hielt er sich lustlos eine Hand über die Augen. „Scheißlicht...“, murmelte er und gähnte. Dann drehte er langsam den Kopf. Seine Augen waren nur zur Hälfte geöffnet.
„Morgen.“
„Von wegen Morgen, ich bin schon die ganze Zeit wach.“
„Ist das mein Problem? Morgen ist es trotzdem.“ Er gähnte ein weiteres Mal.
„In der Tat ist es Morgen. Und eigentlich heißt das, dass wir schon viel weiter sein sollten, als wir sind!“, giftete ich. „Aber du musstest ja unbedingt schlafen!“
Toivo seufzte. „Du kannst einem echt sehr schön die Laune vermiesen...“
„Welche Laune denn?“, knurrte ich.
Dann knurrte noch etwas anderes, nämlich Toivos Magen. „Oh“, sagte er. „Scheint, als hätte ich Hunger.“
„Dann iss was, ich will weiter.“
„Zu Befehl“, sagte er genervt, erhob sich und nachdem er sich gestreckt hatte, ging er zu seinem Beutel. Danach band er ihn an Asdis’ Sattel. „Willst du nicht lieber auch was essen?“
„Wenn ich das wollte, hätte ich es schon längst getan!“, fauchte ich ihn an, dann erhob ich mich ebenfalls, band Kennocha los und stieg auf ihren Rücken. Wieder hielt sie geduldig still. Ich kam schon viel besser hoch als am Vorabend.
„Du machst ja schon Fortschritte“, höhnte Toivo und schwang sich ohne Weiteres auf Asdis.
„Ach, halt dein Maul!“, pflaumte ich ihn an und strich energisch eine Haarsträhne aus meinem Gesicht. Es wurde mal wieder Zeit, das schwarze Gezottel ein wenig zu stutzen.
Kurz darauf waren wir wieder unterwegs. Ohne ein genaues Ziel, einfach immer weiter vorwärts.
„Sag mal... du hast mir immer noch nicht erklärt, was eigentlich der Grund für diese Reise war. Ich weiß zwar, dass du dich im Dorf nicht mehr wohlgefühlt hast, aber das war ganz offensichtlich nicht der einzige Grund...“, setzte Toivo irgendwann vorsichtig an.
Ich schwieg kurz, dann begann ich zögerlich: „Ja, es hat einen anderen Grund...“
Als ich nichts weiter sagte, fragte Toivo irritiert: „Und...?“
„Ich überlege, wie ich das erklären kann!“, fauchte ich.
Er zuckte bloß mit den Augenbrauen und wartete auf meine Erklärung.
Langsam fing ich an zu erzählen: „Ich hatte es eigentlich schon fast vergessen, aber damals, als Lilja fiel, bin ich den Abgrund runter, weil da irgendwas rot blinkte. Damals hielt ich das für einen Edelstein oder sowas... na ja... und als ich gestern mit Ari an der Schlucht war, da...“ Ich hielt kurz inne, dann schüttelte ich den Kopf. „Vielleicht war es auch nur ein Trugbild von den Erinnerungen, aber da war dieses rote Blinken wieder da. Und dann kamen all die Erinnerungen... deswegen hab’ ich Ari gestossen, ich wollte weg von dem Abgrund...“
„Siehst du, es war nicht deine Schuld!“, sagte Toivo und grinste mich aufmunternd an.
Ich lächelte gequält. „Mag sein. Aber Gefühle sind nicht logisch.“
„Das klang ja direkt poetisch...“ Es klang sarkastisch, aber er grinste nicht. Überhaupt war es mehr gemurmelt, als wirklich selbstbewusst an mich gerichtet.
„Tja, wie auch immer“, sagte ich mit einem Seufzen und richtete mich auf. „Jedenfalls wollte ich nicht riskieren, dass soetwas noch einmal passiert. Außerdem war das jetzt schon das zweite Mal, dass dieses Blinken auftauchte, bevor...“ Ich musste eine Pause machen, dann fuhr ich selbstsicher fort: „Bevor sich eine wichtige Wendung in meinem Leben ereignet hat. Egal, ob das nun ein Trugbild oder tatsächlich existent war, es ist, wie es ist. Und ich will dem nachgehen.“
„Was denn? Was genau willst du nachgehen?“ Toivo hob verständnislos eine Augenbraue.
Ich musste kurz nachdenken. Ja, was war es denn eigentlich, dem ich nachging? Als es mir wieder einfiel, verhärtete sich mein Gesicht. „Das kann ich dir nicht sagen.“
Toivo brachte Asdis zum Stehen. „Du vertraust mir nicht.“
„Was?“
„Du willst es mir nicht sagen, weil du mir nicht vertraust.“ Er sah ernst aus, ein wenig verletzt vielleicht.
„Was? Ach, Quatsch... Blödsinn!“
„Warum kannst du es mir dann nicht sagen?“
„Weil... weil du mich für verrückt halten würdest, darum!“
„Siehst du, genau das mein’ ich doch.“
„Das hat doch mit Vertrauen nicht das Geringste zu tun...“ Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut.
„Natürlich hat es das. Weil du mir nicht glaubst, dass ich dich nehme, wie du bist. Das nennt man Vertrauen.“
„Tut man nicht!“, rief ich.
„Doch!“
„Nein!“
Er holte Luft für ein weiteres „Doch!“, aber dann schüttelte er den Kopf. „Sowas Kindisches...“
Einen Augenblick später war er von seinem Pferd gestiegen und kam auf mich zu.
„Was...?“
Er zog einen Dolch mit einem goldenen Griff aus den Bünden an seinem Halbstiefel. Es gab ein helles Geräusch, als die Klinge mit einer der Eisenschnallen zusammenstieß.
Er reichte mir den Dolch.
„Was soll ich damit?“, fragte ich kühl.
„Nimm ihn. Wenn ich dich auch nur komisch ankucke, darfst du tun, was du willst.“
Skeptisch nahm ich die kleine Waffe. „Ist das so ’ne Art Bestechung?“
Er lachte. „Aber nein. Ich will den Dolch schließlich wiederhaben und heil bleiben will ich auch. Es ist mehr so eine Art Druckmittel. Für mich.“ Er zwinkerte mir zu, dann lehnte er sich nach vorne, an Kennochas warmen Bauch. „Jetzt erzähl’ schon.“
Ich sah weiter skeptisch auf ihn hinab. Dann auf den Dolch. Und dann meinte ich, zu erkennen, was das hier war. Es war ein Test. Ein Test, den ich mit Sicherheit bestehen würde, und wenn er ihn noch so klug versteckt hatte.
Ruckartig hielt ich ihm den Dolch wieder hin.
„Mh?“, machte Toivo irritiert und nahm seine blauen Augen wieder von mir.
„Ich hab’ schon verstanden. Ich glaub’ dir auch so, dass ich dir... vertrauen kann.“
Er lächelte schief. „Ich hab’ das mit dem Dolch ernst gemeint. So schlau bin ich nicht, hintenrum Aufgaben zu stellen, weißt du doch.“ Aber er nahm das Messer und steckte es wieder an seinen Platz, immer noch lächelnd.
Ich beobachtete ihn nachdenklich. Ich kannte ihn von kleinauf, Freunde waren wir seit meinem zehnten Lebensjahr. Aber manchmal fiel es mir schwer, ihn zu durchschauen. Sehr schwer.
„Also?“ Er sah mich an wie ein Kind, das seine Gute-Nacht-Geschichte erwartet.
Ich verzog den Mund, dann seufzte ich und sagte: „Ich habe irgendwann festgestellt, dass man im Grunde genommen keinen Einfluss auf sein Schicksal hat.“ Ich warf kurz einen verstohlenen Blick nach unten. Toivo verzog keine Miene.
„Zwar denken wir Menschen das immer, aber eigentlich sind wir doch nur alle... Puppen. Egal, was passiert, es ist alles vorgesehen und passiert nach einem Schema. Ich glaube längst nicht mehr, dass jemand Dichter, Schlachter oder auch einfach bloß aufgespießt wird, weil er das selbst irgendwann so eingerichtet und für sich aufgebaut hat. Und genauso ist es auch bei mir. Aber ich sehe den Zweck nicht. Vielleicht sehe ich ihn auch einfach nur nicht ein, aber das ist mir dann auch egal. Jedenfalls werde ich diesen Puppenspieler finden. Den Kerl, der mit dem Leben von uns allen spielt.“ Meine Stimme war immer gehässiger geworden, ich presste die Worte nur noch durch die Zähne.
„Mh“, machte Toivo. Obwohl keinerlei wertender Tonfall in seiner Stimme gelegen hatte, starrte ich säuerlich auf ihn hinab.
„Hört sich gruselig an... dass jemand mein Leben lenken soll...“ Er machte ein nachdenkliches Gesicht. „Aber wie bist du zu dieser Ansicht gekommen?“
„Das interessiert dich doch gar nicht“, sagte ich spitz. „Das heuchelst du mir jetzt vor, damit ich nicht von dir enttäuscht bin.“
„Nein, nein, ich frag’ mich nur... ich habe nie an diese Möglichkeit gedacht... dass ich mein Leben nicht selbst in der Hand haben könnte.“
„Es ist aber so“, sagte ich verbissen.
„Und wo willst du ihn finden, diesen Puppenspieler?“
Ich hatte schon den Mund geöffnet, blieb aber still. Ja, wo, das war eine gute Frage. Wo, wohin, welcher Weg, welche Hinweise? Vielleicht sollte ich sogar an meinem Ziel zweifeln?
„Ich... ich weiß es nicht“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Aber irgendwie wird es schon klappen.“
„He, das ist mein Spruch!“, empörte sich Toivo halbernst und ging zu Asdis zurück.
Mein Mund verzog sich zu einem kleinen, schiefen Lächeln. Letztendlich war es vielleicht doch nicht so schlecht gewesen, ihn mitreisen zu lassen.
Am späten Nachmittag tauchte vor uns eine Stadtmauer auf, nachdem wir einen großen Hügel überwunden hatten.
„Da sieht man’s mal, hier kenne ich mich schon gar nicht mehr aus“, seufzte Toivo. „Wirklich höchste Zeit, mal woanders hinzugehen...“
Ich erwiderte nichts. Die Stadt sah seltsam aus. So unfreundlich. Trostlos. Die Mauern schienen dreckig und baufällig, das Tor stand sperrangelweit offen wie ein riesenhafter, hungriger Mund. Niemand war zu sehen, der das Tor bewachte, keine Menschen, die ein und aus gingen, alles schien wie eine einzige Einöde.
Wir sollten jedoch lernen, dass der Schein oft trügt. Nachdem wir die menschenleere Mauer passiert hatten und schon überlegten, ob wir nicht wieder gehen sollten, gab Toivo einen überraschten Laut von sich. Ich folgte seinem Blick.
Am anderen Ende einer kleinen Gasse in unserer Nähe fand offensichtlich ein Markt statt. Die Geräusche waren mehr als gut abgedämpft durch die ganzen kalten, alten Mauern der Häuser.
„Irgendwie ist das hier verdammt unheimlich...“, sagte Toivo im Flüsterton, als könne ihm sonst jemand in den Nacken springen.
„Ach was, Feigling!“ Ich riss an Kennochas Zügeln und steuerte auf die Gasse zu.
„Wa... he! Nanna!“
Schließlich war er dann gezwungen, mir zu folgen.
Als wir auf den Marktplatz kamen, umringte uns sofort eine neugierige Kinderschar. Ich sah missbilligend auf sie hinab. Dämliche Blagen, sie standen nur im Weg.
Ohne weiter auf sie Rücksicht zu nehmen, stieg ich ab. Schwerer Fehler.
„Du hast aber ein schönes Pferd!“, rief ein Mädchen.
„Wie heißt das?“ – „Darf ich das mal anfassen?“ – „Ist das eine Stute oder ein Hengst?“ – „Hat dich das Pferd lieb?“ – „Das sieht aber dick aus, gibst du ihm zu viel zu Essen?“ – „Es ist nicht dick! Ist es ein Kaltblüter?“ – „Dürfen wir mal drauf reiten?“ – „Oder es streicheln?“ – „Oder füttern?“ – „He, sag mal, kann dein Pferd irgendwas Besonderes?“ – „Wie schnell kann denn das rennen?“ – „Wie alt ist es denn?“ – „Hat das auch Kinder?“ – „Kannst du überhaupt reden?“
„Jetzt haltet endlich die Klappe!“, schrie ich gereizt dazwischen. Zwar ging es im allgemeinen Lärm unter, aber es erfüllte seinen Zweck. Für’s erste. Kaum hatten sie sich vom ersten Schock erholt, liefen sie alle zu Toivo und löcherten ihn über Asdis. Er lachte verlegen, als sie alle auf ihn einstürmten. Ich verdrehte genervt die Augen. Drecksgören. Dreckstoivo. Ich hatte wirklich keine Lust und Zeit, mich von solchem Kleinkram aufhalten zu lassen.
Ich sah mich um. Was für ein Kontrast zu den baufälligen Bruchbuden von gerade eben.
Die Straßen waren vollgestellt mit bunten Ständen mit Süßigkeiten, Gebäck, Obst, Schmuck, Spielzeug, Teppichen, Eisenwaren – eigentlich konnte man fast alles kaufen, was einem nur einfiel. Ein wahrlich riesenhafter Markt. Girlanden waren zwischen den Häusern gespannt, rote, gelbe, blaue. In der Luft lag der Duft von diversen Leckereien, zusammen mit dem Lachen all der vergnügten Menschen.
Überall sprangen Leute durch die Gegend, bunt gekleidete Leute. Solche Menschen hatte ich noch nie gesehen. Sonnengebräunte Haut hatten sie und Augen, die mich an Katzen erinnerten. Die Frauen trugen lange, wehende Röcke in wunderschönen, abenteuerlichen Farben und Mustern. Selbst hätte ich ein solches Kleid nie tragen wollen, aber es war toll mitanzusehen, wie sie darin tanzten, ihn durch die Luft zogen und die kleinen Goldplättchen daran zum Klingeln brachten. Viele der Männer liefen herum und spielten dabei alle möglichen Instrumente, als gäbe es nichts Schöneres im Leben. Die Kinder taten es ihnen gleich – oder sie streuten Blumen und liefen lachend herum.
„Ziehende Spielleute“, hörte ich eine vergnügte Stimme neben mir. Ich schrak leicht zusammen und sah dann in die Richtung der Stimme. Neben mir stand ein untersetzter Mann mittleren Alters und lächelte mich an.
„Hä?“, rutschte es mir heraus.
Er lachte schallend, sodass ich missbilligend das Gesicht verzog. „Ihr scheint von weit her zu sein, junger Herr! Sonst hättet Ihr bestimmt schon ziehendes Volk gesehen. Sie sind, soweit ich weiß, überall willkommen mit ihrem Gesang und Tanz und... oh, das müsst Ihr Euch anhören! Das ist einer der Höhepunkte – seht Ihr die Frau dort, die auf das Holzpodest steigt? Sie wird singen!“
Ich verzog skeptisch das Gesicht. Singen, na und? Was war schon so Besonderes daran?
Alles wurde um Einiges stiller, die Leute hörten auf, von Stand zu Stand zu laufen.
Dann begann eine Flöte zu spielen. Der Ton war hell, klar, andererseits schien er auch dunkel und etwas traurig. Nachdem der Flötenspieler eine kleine Melodie vorgetragen hatte, die mir eine Gänsehaut über die Arme schickte, fuhr ein anderer Musikant leise über eine Laute. Ein Mädchen mit ellenlangen, schwarzen Haaren griff in eine wunderschön bearbeitete nussbraune Harfe.
Und dann begann die Frau zu singen. Mit einer Stimme, wie ich sie nie gehört hatte und nie wieder gehört habe. Sie erfüllte einen mit Wärme und gleichzeitig jagte sie einem Schauer über und durch den Körper. Leise und doch kraftvoll sang sie ihr Lied, ein wunderschönes Lied in einer wunderschönen, fremden Sprache. Mal sang sie hoch, dass man sich an einen Vogel erinnert fühlte, mal so tief, wie man es ihr nie und nimmer zugetraut hätte. Eine Weile spielte nur das Mädchen seine Harfe, dieselbe Melodie in verschiedenen Tonlagen, dann stimmte der Flötenspieler wieder mit ein. Ich sah Tränen in den Augen einiger nahestehender Leute.
Als reine Begleitung dienend setzte der Mann mit der Laute kurz darauf ebenfalls ein. Zwar hörte man nicht viel von ihm, aber er unterlegte das Stück mit einer zusätzlichen Harmonie. Und alles das wurde angeführt von dem wunderschönen Gesang dieser Frau auf dem Podest. Ihre Stimme war inzwischen laut, sehr laut, aber dennoch klang sie so... lieblich. Irgendwie tat mir das Herz weh von ihrem Gesang, nicht aus Trauer, es war einfach nur so unbeschreiblich schön.
Das Lied glitt dahin wie Seide und als es zuende war, brauchte die Menge einen Moment, um es zu realisieren. Doch dann brach der Jubel aus und wollte gar nicht mehr enden. Die Sängerin verbeugte sich mehrere Male strahlend, genauso die Musikanten.
Dinge wurden auf das Holzpodest geworfen – Geld, Lebensmittel, Blumen, Hüte, was man gerade zur Hand hatte, so schien es mir.
Der Mann neben mit lachte. „Ach, sie ist wundervoll! Heute war sie wieder besonders gut. Das wird ihr nachher nocheinmal soviel Geld einbringen!“
„Nachher?“ Ich riss den Kopf herum. Toivo stand auf einmal neben mir, hinter sich Asdis und die Kinderschar, die sich nun langsam zerstreute – nicht, ohne sich vorher von ihm und Asdis zu verabschieden, natürlich. Und mir böse Blick zuzuwerfen.
„Sie hat doch gerade Geld bekommen?“, fragte Toivo nach.
Der Mann lachte erneut. „Mein Güte, Ihr müsst tatsächlich von einem anderen Stern sein. Fahrendes Volk hat nicht sehr viel Geld, die nehmen, was sie kriegen können!“
„Wie darf man das verstehen?“, hakte ich nach, da ich die Andeutung nicht recht zu interpretieren wusste.
Toivo dagegen runzelte die Stirn. „Sie verkauft... sich?“, fragte er ungläubig.
Der Mann nickte. „Ja, sicher! Eine ertragreichere Weise an Geld zu kommen gibt es für sie gar nicht, nachdem sie sich jedes Jahr als noch größere Sängerin zeigt. Die Männer hier warten nicht zuletzt deshalb auf dieses Fest. Die Frauen haben gelernt, es zu akzeptieren. Schließlich haben wir auch für den Rest des Tages ein Bordell hier.“
„Welche Stadt hat das nicht...“, murmelte Toivo.
Ich sah ihn skeptisch an. Er wich meinem Blick aus.
„Du redest ziemlich viel, was?“, fragte ich den Mann.
Er lachte fröhlich. „Sicher, gut möglich. Jedenfalls kann ich euch beiden nur raten, es einmal mit dem Mädchen zu probieren! Ihr scheint nur auf der Durchreise zu sein, es passiert nicht alle Tage, dass man einen solchen Tag antrifft!“
„Was wird hier eigentlich gefeiert?“, fragte Toivo.
„Wir feiern ein weiteres Jahr, in dem wir gut gelebt haben!“, grinste der Mann.
„Sag mal, warum sehen die Häuser auf der Hauptstraße und die Stadtmauer denn eigentlich so miserabel aus?“, fragte ich beiläufig.
Es entstand eine Pause, dann rief der Mann auf einmal: „Oh, ich muss los, man hat soeben nach mir gerufen! Amüsiert Euch gute, junge Herren!“
„Ich hab’ überhaupt niemand rufen gehört“, stellte Toivo verdattert fest.
„Natürlich nicht, der hatte nur keine Lust, mit uns darüber zu reden...“
In dem Moment holte Toivo entsetzt Luft.
„Was?“, fragte ich hellhörig.
„Sieh mal da, in der Gasse da...“
Ich folgte seinem Blick und sah im Schatten der Häuser ein Kind sitzen. Klein, dürr, verängstigt, gierig den Geruch des Festes inhalierend. Kurzentschlossen ging ich auf das Kind zu. Es schrak zusammen, als es mich sah und wollte weglaufen. Aus purem Reflex rief ich mit böser Stimme: „Bleib stehen!“
Es vereiste auf der Stelle und drehte sich wieder um. Dann begann es zu zittern.
„Du machst ihm Angst!“, sagte Toivo verärgert, ließ Asdis los und stieß mich zur Seite. Empört sah ich ihm hinterher. Dann nahm ich die Pferde bei den Zügeln und folgte ihm.
Vor dem Kind ging Toivo vorsichtig in die Hocke und lächelte es an. „Hallo.“
Das Kind zitterte weiter vor sich hin.
„Mh... Oh, warte mal...“ Toivo griff in seinen kleinen Hüftbeutel und holte ein Stück Käse heraus. Mit einem auffordernden Lächeln hielt er es dem Kind auf der flachen Hand hin. Als es nur hungrig darauf starrte, sagte er: „Das ist nicht vergiftet.“ Er biss eine kleine Ecke ab. „Siehst du?“
Sofort riss ihm das Kind den Käse aus der Hand und stopfte es in sich hinein. Ich hatte noch nie jemanden so essen sehen. In wenigen Sekunden war der ganze Käse weg. Das Kind schluckte schwer, dann lächelte es Toivo mit Tränen in den Augen an.
Toivo lächelte zurück. „Warum gehst du denn nicht auch auf das Fest?“
Der kleine Junge schüttelte den Kopf.
„Das Fest ist nicht für uns.“ Wir sahen auf. Aus dem Schatten trat eine etwas größere Person hinter den Jungen. Ein Mädchen, vielleicht vierzehn, fünfzehn Jahre alt. Der kleine Junge klammerte sich an ihren verschlissenen Rock, der ihr gerade bis zu den Knien ging.
„Was soll das heißen, nicht für euch?“, fragte ich.
„Wie sollen wir ein solches Fest feiern, wenn es uns nicht betrifft?“, fragte das Mädchen zurück, dann lächelte es Toivo an, der sich aufrichtete. „Vielen Dank. Er hat seit zwei Wochen nichts gegessen.“
Auf Toivos Gesicht machte sich Entsetzen breit.
Das Mädchen lachte verständnisvoll. Ein hohles, keuchendes Lachen. „Das ist für uns normal. Wir sind daran gewöhnt.“ Nach einer Pause fragte sie: „Ihr seid Reisende, nicht wahr?“
Wir nickten.
Sie lächelte. „Ja. Niemand aus der Stadt wäre so gütig uns bewusst zu essen zu geben.“
„Wartet, ich hab noch mehr dabei“, sagte Toivo und griff wieder nach der kleinen Tasche, aber das Mädchen schüttelte den Kopf. „Lass nur. Die Gefahr, dass wir alles auf einmal essen, ist zu groß. Und unsere Mägen sollen sich gar nicht erst auf bessere Zeiten einstellen, sagt Mutter.“
„Ach was, dann teilt ihr es euch eben ein.“ Unbeirrt zog Toivo den restlichen Proviant aus seinem Hüftbeutel und hielt ihn dem Mädchen hin.
Es lächelte traurig. „Ich hab noch nie so einen netten Menschen getroffen...“
Der Kleine zog an Toivos Hemd und als dieser ihm lächelnd das Stoffbündel mit den Lebensmitteln reichte, leuchteten seine Augen. Ich mochte keine kleinen Kinder. Hatte sie nie gemocht. Aber als ich diesen kleinen Jungen so begeistert nach ein wenig zu essen greifen sah, musste ich für eine knappe Sekunde traurig den Mund verziehen.
„Warum lebt ihr hier so miserabel? Den Bewohnern auf der Straße da scheint es blendend zu gehen“, stellte ich fest und nickte zu den Feierlichkeiten.
„Ja, denen geht es gut... aber der Preis dafür ist eben, dass andere weniger gut leben. Man kann nun einmal nicht steuern, wie man geboren wird, nicht wahr?“ Das Mädchen lächelte wieder so traurig.
Ich biss mir auf die Lippe. Überall schlug es zu, das verdammte Schicksal. Ein paar wurden gut situiert und dafür mussten andere umso mehr leiden. Das war doch nicht gerecht. Meine Hände ballten sich zu Fäusten.
„Dann ist das der Grund für das abgerissene Aussehen der Stadt von außen?“, fragte Toivo stirnrunzelnd. „Warum sorgen sie denn nicht dafür, dass sie auch so aussieht, wie es zu den Reichen dieser Stadt passen würde?“
„Damit Fremde fernbleiben“, sagte das Mädchen gelassen. „Damit nicht allzu viele etwas davon mitbekommen, dass sie hier das ganze Jahr in Saus und Braus leben, während wir für sie schuften. Sie wissen auch, dass das zumindest in diesem Landstrich nicht ganz legal ist. Zwar haben uns auch schon andere Reisende gesehen, aber es ist ihnen zu großer Aufwand, zu einer Machtperson zu gehen. Wen kümmert es auch, was mit uns passiert? Es ist eben, wie es ist...“
„Warum geht ihr dann nicht weg?“, fuhr Toivo kopfschüttelnd fort. Ich hätte ihm die Antwort auch geben können.
„Sie lassen uns nicht weg. Sie sind viel stärker als wir. Und selbst wenn einer von uns es nach draußen schaffen würde, wir könnten keine einzige kalte Nacht überleben. Unter unserer Haut ist nichts anderes als Knochen, so jedenfalls fühlt es sich an. Wenn ich den Bauch einziehe, meine ich manchmal meine Wirbelsäule sehen zu können.“
Toivo schauderte.
„Wir müssen weiter“, sagte ich und wandte mich ab.
„Warte doch mal...!“ Toivo griff nach meiner Schulter.
„Was bringt es, damit zu hadern? Willst du das alles vielleicht hier und jetzt und womöglich allein beenden? Glaubst du, dass du das kannst?“, fauchte ich und riss meine Schulter weg.
„Sie hat Recht...“, sagte das Mädchen und lächelte müde.
Ich sah sie skeptisch an. Sonst hielten mich schließlich viele für einen Mann, noch dazu in dieser Kleidung.
„Ich beobachte die Leute täglich“, sagte das Mädchen, als habe es meine Gedanken erraten. „Du tarnst dich gut, aber dein Gang ist etwas zu leichtfüßig für einen Mann, deine Füße zu klein. Jedenfalls hatte ich darauf getippt, dass das so stimmt.“ Jetzt war ihr Lächeln triumphierend. Ich musste zurücklächeln. „Wir finden eine dieser Machtpersonen“, sagte ich auf einmal. „Wir finden sie und wir zwingen sie, etwas zu unternehmen, das versprech’ ich euch.“
Das Mädchen hatte auf einmal Tränen in den Augen. „Danke. Habt vielen Dank.“
Toivo lächelte noch einmal herzlich, während ich mich schon abwandte.
Als wir uns auf der Straße verstohlen umsahen, waren die beiden Kinder wieder im Schatten verschwunden.
Wir suchten uns einen öffentlichen Stall, um die Pferde lozuwerden, solange wir zu tun hatten. Im Gedränge hielten sie uns nur auf.
„Siehst du jetzt, was ich meine?“, fragte ich bitter, als wir wieder auf die Straße traten.
„Was?“
„Na die Kinder da. Wir werden alle gesteuert... wie sonst lässt sich bitte erklären, dass so derartig ungerechte Verhältnisse herrschen?“
„Wenn es allen immer gut gehen würde... nein, anders gesagt, das kann doch gar nicht funktionieren, dass es allen gut geht. Wie will man das anstellen? Was, wenn zwei Menschen gegeneinander kämpfen und beide wollen gewinnen? Was wäre denn dann, wenn beide gewinnen sollten? Sowas geht nicht...“
„Das ist aber auch ein primitives Beispiel, du Oberklugscheißer!“, brauste ich auf, „Ich meine solche Dinge wie die Situation in dieser Stadt! Oder dass ohne jeglichen Sinn Menschen sterben!“
Toivo sah aus, als wolle er noch etwas sagen, aber er verzog nur den Mund und schüttelte den Kopf.
Wir gingen schweigend ein gutes Stück über den Markt. Ich hielt Ausschau nach einem Stand, bei dem wir etwas zu Essen kaufen konnten, das nicht innerhalb eines Tages vergehen würde oder in sonstiger Weise unbrauchbar war.
Einmal lief mir ein übermütiges Kind zwischen die Beine, worauf ich ihm fluchend einen Tritt versetzte. Dafür pflaumte mich Toivo empört an, weshalb wir uns weiterhin eingeschnappt anschwiegen.
Ich horchte auf interessante Geräusche in all dem Gemurmel, als mir ein leises Gespräch ein Stück hinter uns auffiel. Ich strengte mich an, es mithören zu können, auch wenn es irgendwie vollkommen belanglos und hohl zu sein schien. Ich hatte nichts Besseres zu tun.
„Jetzt sag es mir doch endlich, du spannst mich schon den ganzen Tag auf die Folter!“
„Jaja... also, gestern Abend war ich betrunken und hab da dieses rötliche Blinken gesehen...“
Mich durchfuhr ein Hitzeschauer und ich hörte noch angestrengter hin.
„Tja, aber als ich hinterherlief, war da nichts. Stattdessen war das Blinken etwas weiter vor mir. Und je weiter ich ihm folgte, desto weiter entfernte es sich.“
„Sag bloß.“
„Du glaubst mir kein Wort, kann das sein?“
„Nicht wirklich.“
Der andere Typ gluckste belustigt, dann sagte er lauter: „Dazu hast du auch allen Anlass!“
„Das ist überhaupt nicht komisch, hör auf mich am laufenden Band zu verarschen!“
„Hehe, dafür habe ich gestern aber tatsächlich noch etwas gefunden. Einen Edelstein, einen roten. Wenn ich den verkaufe, kann ich endlich einen Verlobungsring besorgen und...“
Ich hörte genervt weg. Idiot.
Dann schob sich ein anderes Gespräch hinter uns, das noch leiser gesprochen wurde als das davor, aber der eine der Männer hatte eine raue Stimme, sodass ich automatisch hinhörte.
„Die sieht doch echt mal heiß aus...!“
„Ach komm, lass das, du bist doch betrunken.“ Der zweite Mann klang ein wenig besorgt. „Noch dazu siehst du wohl nicht recht, das ist doch ein Mann.“
Ich runzelte die Stirn.
„Ach was, so einen Hintern kann gar kein Mann haben!“
„Nicht so laut...! Er hat auch noch einen Begleiter dabei, handel dir keinen unnötigen Ärger ein.“
„Blödsinn! Ich werd dir schon zeigen, dass ich Recht hab...“
Ich wollte mich gerade umdrehen, da spürte ich eine grobe Hand auf meinem Gesäß.
Kochend vor Wut riss ich ohne weitere Überlegungen mein Bein herum und erwischte den Mann – wie ich es mir erhofft hatte – direkt am Hals. Dummerweise war es ein sehr starker Hals, weshalb er nicht in Ohnmacht, aber doch zumindest zu Boden fiel.
„Woah...?!“, machte er verwundert.
„Verdammtes Drecksschwein!“, zischte ich. Toivo sah mich irritiert an.
„Seit wann darf man einer Schlampe nicht mehr an den Hintern packen?“, lallte der Mann, offensichtlich wirklich verständnislos.
Jetzt sah Toivo sauer aus. Blitzmerker.
„Hildur, reiß dich zusammen!“, zischte der andere Mann, ein dünner Kerl, der mir gerade bis zu den Schultern ging, panisch.
„Was war das?“ Ich kam einige Schritte auf den Schrank am Boden zu und trat ihm in den Magen. „Schlampen findet man in Bordellen und nirgendwo anders, du Arschloch.“
„Dir geht’s wohl zu gut, du kleine...“, grollte er, während er schwankend aufstand. Er war eineinhalb Köpfe größer als ich, mindestens.
„Hildur, bitte...!“
„Halt dich gefälligst raus, Sindri! Sie verlangt offensichtlich dringend nach einer Abreibung, die soll sie kriegen.“
Mein Mund verzog sich zu einem schiefen Grinsen der Verachtung. „Ich beginne immer mehr zu verstehen, warum du alter Fettsack noch keine Frau hast.“
„Geht’s dir zu gut?!“, gröhlte er und schlug nach mir. Ich konnte meinen Kopf ohne Probleme aus seiner Bahn nehmen.
Inzwischen waren mehrere Leute um uns herum stehen geblieben und sahen erstaunt zu.
„Nanna, lass es...“ Toivo klang nervös. Wirklich nervös. Ich verstand nicht ganz warum, was mit zu meiner Wut führte. „Halt dich raus, das geht dich nichts an!“
„So, du willst allen Ernstes kämpfen?“ Hildur lachte grunzend, als hätte ein Kind behauptet, es könne ein Pferd in die Luft werfen.
„Sicher.“ Damit hatte ich ihm schon mein Knie in den Schritt gerammt. Ich hörte, wie Toivo hinter mir ein mitleidiges Geräusch von sich gab.
„Jetzt setzt es was!“, rief Hildur zittrig. Ob vor Bemühen, die Tränen zurückzuhalten, oder aus Wut, konnte ich nicht feststellen.
Er kam auf mich zu, die große Faust zum Angriff geballt. Dabei schrie er laut und wütend. Genauso hatte ich Toivo beim ersten Versuch angegriffen. Und ich wusste nur noch zu gut, was er daraufhin getan hatte.
Kurz bevor er mich erreichte, wich ich zur Seite aus und versetzte ihm einen Tritt in den dicken Hintern, dass er ein weiteres Mal zu Boden krachte.
Die Menge begann zu kichern.
„Ist das alles, was du kannst?“, fragte ich gelangweilt und erzwang ein Gähnen.
„Na warte...“
Als mich seine Faust streifte, wurde mir klar, dass ich ihn unterschätzt hatte. Durch die Geschwindigkeit seines Schlags spürte ich Reibungshitze an meiner Wange.
Er schien auf einmal nüchtern oder doch zumindest nüchterner zu sein. Er trat und schlug nach mir, scheinbar unkoordiniert, aber irgendwo doch effektiv. Ich kam nicht zum Schlag, musste dauernd ausweichen oder blocken. Die Umstehenden murmelten unzufrieden.
Einmal traf er mich in den Magen, dass ich einen Schritt zurückschlitterte und kurz bewegungsunfähig war. Das brachte mir einen Tritt ein, der mir die Beine wegriss. Mit einem rachsüchtigen Grinsen kam er auf mich zu. Hinter ihm sah ich Toivo nach seinem Schwert greifen und fühlte mich augenblicklich zum Handeln gedrängt.
Ich hatte noch einen Trumpf, einen wichtigen: Meine Körperbeherrschung war besser als Hildurs, diese Sicherheit ließ ich mir trotz all dem nicht nehmen – zu Recht. Innerhalb einer Sekunde wand ich mich unter seinem nahenden Fuß weg, stand auf, glitt noch im selben Moment hinter ihn und rammte meinen Ellenbogen in sein Kreuz. Es folgte ein weiterer Tritt zwischen seine Beine und als er zu Boden fiel, rammte ich ihm die Kante meiner Hand auf die Halswirbel.
Dann stand ich wieder auf und knallte meinen Fuß auf sein Kreuz, so fest ich konnte.
Hildur konnte nur noch stöhnen.
„Jetzt zufrieden?“, rief ich außer Atem und trat noch einmal zu. Dann wischte ich mir mit einem Ruck etwas Schweiß unter der Nase weg. „Überheblicher Fettsack!“
„Hildur...!“, jammerte der Kleinere, Sindri.
Immer noch voll mit Adrenalin, riss ich den Kopf hoch und stierte den zarten Mann an, dass er erschrocken einen Schritt zurücksprang. „Warum hängst du eigentlich so an diesem Stück Sch – “
„Er ist mein Bruder!“, sprudelte es aus Sindri heraus. „Er trinkt oft zu viel, ich wollte ihn noch abhalten, aber...“
„Halt die Schnauze, Sindri“, knurrte Hildur in die Straße und hob langsam den Kopf.
„Bis’ ja ganz schön verbittert“, murmelte er kurz darauf.
„Hä?“, machte ich unwirsch.
„Alles andere als entspannt bis’ du, du kleines Luder, drück ich mich echt so undeutlich aus?“
„Ja“, sagte ich frostig und trat ihm für das Luder an den Hinterkopf.
Die Menge begann sich langsam wieder aufzulösen. Der Kampf war vorbei, die Festspiele waren wieder interessanter.
Hildur spuckte etwas Dreck aus, dann fuhr er mit einem heiseren Lachen fort: „Du has’ bestimmt irgendwas erlebt, was bei dir zu dauernder Anspannung führt, wie? Pass auf, wennich nich’ betrunken wär’, lägs’ du jetz hier am Boden.“
„Sicher.“ Konnte ja sein, dass er Recht hatte, aber es war nicht so schwer jemandem ein Trauma zu unterstellen.
Er lachte wieder dieses Lachen. „Je mehr Feinde du dir machst, desto leichter ist es für sie, dein Leben zu erschweren...“, murmelte er dann.
„Für wen?“, wollte ich wissen.
„Die, die alles können.“
„Was...?“
Hildur richtete sich ohne Mühe auf. Erstaunt machte ich einen Hechtsprung zurück und bereitete mich auf einen weiteren Angriff vor. Aber der kam nicht.
„Das is’ nicht von mir, das is’ nur, was mir die Olle gesagt hat.“
„Die Olle?“, fragte jetzt Toivo, bevor ich es tun konnte. Er schien wirklich interessiert.
„Mallalai“, erklärte Sindri seinen Bruder. „Die Nomadin, die vorhin gesungen hat.“
„Ach“, machte ich und runzelte die Stirn. „Wen meint sie mit Die, die alles können?“
„Na ja, eben die halt. Hat irgendwas von „Schicksalschmieden“ oder so nem Kram geredet“, sagte Hildur mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Das Geschwafel ist mir gleich, deswegen geh’ ich schließlich auch nicht jedes Jahr zu ihr.“
In mir stieg ein Anflug von Übel hoch. Wie konnte eine Frau sich solchen Kerlen hingeben? Aber das andere war viel interessater. Als Hildur sich zum Gehen wandte, machte ich einen Satz auf ihn zu und griff ihn beim Kragen. „Wo finde ich diese Mallalai?“
„Oho, gleichgeschlechtlich interessiert, die Kleine“, griente Hildur. Ich hätte ihn am Liebsten noch einmal in sein rundes Gesicht geschlagen. „Wo?!“, fuhr ich ihn stattdessen an.
„Im Bordell, wo sonst, du Armleuchter“, brummelte Hildur und riss sich los. „Wir gehen“, sagte er zu Sindri. Der folgte ihm ohne ein Wort. Jedoch wandte er noch einmal den Kopf und lächelte uns entschuldigend und unsicher an.
Ich sah ihnen noch kurz grimmg hinterher, dann wandte ich mich mit einem Ruck um und begann, mich im Gehen umzusehen. Woran erkannte man ein Bordell?
„Warte doch mal!“ Toivo kam mir hinterhergehetzt.
Ich drosselte mein Tempo ein wenig.
„Also echt, dass du immer gleich Streit mit allen anfangen musst“, seufzte er, als er aufgeholt hatte. Dann wurde er abrupt still und aus den Augenwinkeln schien es mir, als würde er sich zurücklehnen. Ein Blick zur Seite zeigte mir, dass ich Recht hatte. „Was ist?“
„Mh“, machte er nachdenklich.
„Was ist denn?!“ Ich konnte es nicht leiden, wenn er mir etwas vorenthielt.
„So attraktiv ist dein Hintern eigentlich gar nicht mal...“, stellte er sachlich fest.
Nach einem Moment der Sprachlosigkeit zog ich ihn am Kragen zu mir herunter und schrie: „Sag mal, geht’s noch?!“
In diesem Moment brach ganz in unserer Nähe ein Aufrur aus. Eine große Menschenmenge drängte auf eins der größten Gebäude zu, die ich bisher in dieser Stadt gesehen hatte.
„Was ist denn da los?“ Ich ließ Toivo los und lief zu einem der Menschen auf der Straße, die ein ganzes Stück leerer als vorher war. „Was findet denn da statt?“, fragte ich die junge Frau. Erst jetzt merkte ich, dass sie ein wenig genervt aussah. Als sie mich sah, lächelte sie jedoch freundlich. „Das ist hier jedes Jahr so. Sobald es heißt, dass die Nomadinnen jetzt im Bordell sind, wollen die Männer alle hinein.“
„Ach so...“ Dann wurde mir wieder klar, was das hieß. „Danke!“, rief ich der Frau noch zu, während ich auf die Menschenmasse zulief. Sie glotzte mir irritiert hinterher.
Als Toivo bei mir ankam, prügelte ich mich bereits durch die protestierenden Menschen- oder wohl eher Männermassen. Viele von ihnen stanken widerwärtig.
„He, was soll denn das, so läuft das hier nicht!“, rief einer empört und packte mich an der Schulter.
Sofort drehte ich mich um und schlug ihm ins Gesicht.
Dasselbe Schicksal erlitt jeder andere, der mir übermäßigen Widerstand leistete. Mein Leben war viel wichtiger als ihre Gelüste.
Endlich erreichte ich die offene Tür. In dem Haus war es stickig und es herrschte nur ein leichtes Dämmerlicht. Rötliches Dämmerlicht. Es gab eine Holztheke, an der junge Frauen über die Witze fremder Männer lachten. Wahrscheinlich ungeachtet dessen, ob sie gut waren oder schlecht. Ich sah mich um und hielt Ausschau nach den Nomadinnen. So schwer sollten sie doch eigentlich nicht zu erkennen sein, verdammt...
Ich musste nicht lange warten. Vier Hände griffen nach meinen Armen.
„Na Süßer“, hauchte eine zarte Stimme. „So jung und schon hier? Willst uns wohl eine Freude machen?“ Das eine der Mädchen, die wahrscheinlich sogar etwas jünger als ich waren, sah mit großen, strahlend blauen Augen aus ihrem braunen Gesicht zu mir hoch, während ihre Freundin sich an meinen Arm schmiegte.
Klar, sie waren froh, wenn mal etwas anderes als immer die reguläre Kundschaft kam. Aber das war es nicht, wonach ich suchte.
„Wisst ihr, wo ich Mallalai finde?“, fragte ich gerade heraus. Enttäuscht ließen sie meine Arme los.
„Die hat gerade einen Kunden“, sagte die eine mit leicht geschürzten Lippen. „Aber wir sind nicht schlechter als sie oder so, weißt du?“
„Das mag sein, aber das ist gar nicht der Grund für mein Kommen...“ Ich sah mich um. Hoffentlich war sie bald fertig mit ihrem „Kunden“, ich hatte keine Lust, mir in diesem stickigen Laden die Beine in den Bauch zu stehen.
Die Mädchen seufzten enttäuscht. Da kam mir ein Gedanke. Vielleicht konnten sie ja auch weiterhelfen...
„Wartet mal – TOIVO!“, brüllte ich durch die Menge, dass einige eingeschüchtert verstummten.
Er drückte sich zwischen ein paar Männern mittleren Alters hindurch, entschuldigte sich höflich und kam dann angeeilt. „’tschuldige, aber ich kam da einfach nicht so schnell durch.“
„Geh’ mit den beiden“, sagte ich ohne Interesse an seiner Erklärung. Die beiden Mädchen strahlten mich begeistert an.
„Wa...? Hä?! Moment!“ Er schien ein wenig panisch.
„Ach, komm, denk mal wie die anderen Männer!“, fuhr ich ihn an. „Und vergiss nicht, sie ein wenig zu befragen.“
„Befragen? Wie...? Nanna!“, rief er, als ich auf die hölzerne Treppe am anderen Ende des Raumes zuging.
„Komm schon, so schlimm wird’s schon nicht werden“, hörte ich eines der Mädchen überdreht kichern.
Ich überlegte noch, ob ich Toivo da gerade etwas wirklich Unangenehmes aufgehalst hatte, da öffnete sich auf dem offen liegenden oberen Stockwerk eine Tür. Zuerst kam ein Mann mit rötlichem Gesicht heraus und dann...
Ich hetzte zur Treppe. Das war sie ganz sicher, die Sängerin von vorhin. Ich schlug einige einen freudigen Laut ausstossenden Männer zur Seite und sprang die ersten Stufen hinauf.
„Mallalai!“, rief ich und ignorierte das Gemurmel hinter meinem Rücken. Sie sah überrascht zu mir hinunter.
In dem Moment zuckte ein roter Funken auf, direkt vor ihrem Gesicht. Ich kniff stöhnend die Augen zu. Dann riss ich sie wieder auf. Ich sah wieder zu ihr. Wieder blinkte es rot, diesmal neben ihr und nicht mehr ganz so intensiv.
Ich stürzte die letzten Stufen hinauf, packte sie beim Handgelenk und riss sie durch die noch offen stehende Tür. Draußen hörte ich sarkastisch gemeinte Beifallspfiffe.
Sie wich vor mir zurück, mit einem verstimmten Gesichtsausdruck. „Es gibt Sicherheitsleute hier drin, die beschützen sogar fahrendes Volk wie mich“, sagte sie ruhig. „Denk also gar nicht erst daran. Du wirst dich an den normalen Verlauf halten müssen wie alle anderen.“ Ihre Stimme war genauso wunderschön wie vorhin.
„Das will ich doch gar nicht!“, rief ich viel zu giftig.
Nun sah sie erstaunt aus. „W-Was?“
„Ich will nicht... na ja, was alle hier wollen eben.“ Entgegen meiner Gewohnheiten sah ich meinem Gegenüber nicht in die Augen.
„Aha. Dann kannst du ja wieder gehen.“ Sie nahm sich ein Schultertuch vom Bett, legte es um und ließ sich in die unordentlichen Polster fallen. Ihr wunderschönes schwarzes Haar verteilte sich in den Falten der Decken und Kissen. Dann sah sie mich auffordernd an.
Ich holte tief Luft. „Ich habe von einem früheren Kunden von dir gehört, dass du etwas über... über die Schicksalsschmiede weißt.“
Sie hob die Augenbrauen und ihre Augen blitzten kurz auf. „Interessant. Ich kann mich nicht erinnern, je mit einem meiner Kunden über so etwas gesprochen zu haben.“
In mir stieg Wut hoch. Ganz ruhig bleiben, sagte ich mir. Sie ist nur noch sauer wegen eben.
„Hildur hieß er.“
„Ich erinnere mich nicht an jeden meiner –“ Sie hielt inne. Dann sah sie mich nachdenklich an. „Doch, das kann sein... weil er alles und jeden anhasste. Aber das war nicht ganz ernst gemeint. Männer nehmen solches Gerede schnell ernst.“
„Aber etwas Wahres muss doch dran sein. Irgendetwas musst du darüber wissen, sonst würdest du nicht darauf kommen.“
Sie schwieg kurz, dann verengten sich ihre Augen nachdenklich. „Warum bist du so überzeugt davon, dass ich etwas davon weiß?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Intuition.“ Eins dieser schönen Worte, die mir Jarl beigebracht hatte.
„Soso... und wieso willst du etwas über sie wissen, über die Schicksalsschmiede?“
„Weil –“ Ich musste kurz überlegen. „Weil ich sie finden muss.“
Sie lachte. „Das wird schwer, mein Lieber!“
„Ich bin eine Frau“, sagte ich trocken. Ich konnte es nicht ausstehen, wenn mich jemand auslachte.
Wieder hob sie die Augenbrauen. „Oh. Verrätst du mir auch deinen Namen?“
„Nanna.“
„Gut, Nanna... wenn du dringend etwas über sie wissen willst... Alles, was ich weiß, habe ich von meiner Großmutter. Was ich über sie weiß ist, dass sie nur wenige sind, die die Leben aller kontrollieren. Und dass sie sich nicht ins Handwerk pfuschen lassen. Versuch es lieber nicht, wie auch immer deine Gründe sind.“
„Das ist meine Sache. Wie und wo finde ich sie?“
„Ich weiß es nicht... wieso bist du der Meinung, dass du das könntest?“
„Weil sie... mir Zeichen zu geben scheinen. Immer, wenn etwas Wichtiges in meinem Leben passiert, sehe ich ein rotes Leuchten, das niemand sonst zu sehen scheint. Ich weiß ja nicht, weshalb sie das tun, aber mir soll es recht sein.“
„Warum folgst du diesen Zeichen dann nicht einfach weiter, dann wirst du sie schon finden.“
„Wenn mich diese Zeichen zu dir führen, musst du mir doch wohl etwas sagen können“, hakte ich nach.
Sie spitzte nachdenklich die Lippen. „Meine Großmutter“, begann sie langsam, „Sagte einmal soetwas. Dass sie ab und an Menschen zu sich rufen. Menschen, die nie wieder gesehen werden. Sie sagte, die Schicksalsschmiede leben in einer Parallelwelt, die man nur erreichen kann, wenn sie einen hineinlassen. Nur an bestimmten Orten. Nur die vorgesehenen Personen. Von dort steuern sie uns... es ist seltsam, das zu wissen... aber solange ich das Gefühl habe, Einfluss auf mein Leben zu haben, ist das für mich in Ordnung.“ Sie lächelte mich freundlich an. Mir fiel auf, was für ein süßes Gesicht sie eigentlich hatte. Sie sah nur so unbeschreiblich müde und genervt aus.
„Für mich nicht... allein die Vorstellung bringt mich fast zum Kotzen...“
„Das sieht man dir an“, kicherte sie. Langsam schien sie aufzutauen. Doch dann wurde ihr Gesichtsausdruck wieder ernst. „Ich bin nie dort gewesen... ich weiß ja nicht mal, ob es vielleicht nur eine Legende ist... aber wenn es stimmt... bist du wirklich sicher, dass du dahin willst?“
„So schlimm wird es schon nicht werden“, sagte ich mit einer wegwerfenden Handbewegung.
„Sie kontrollieren das Schicksal, Nanna. Wenn sie dir nicht gut gesinnt sind, könnte es mehr als nur schlimm werden.“
Ich verzog den Mund. „Ich brauche keine Ratschläge dieser Art. Ich tue, was ich für richtig halte.“ Ich machte eine Pause, dann fragte ich: „Ist das wirklich alles, was du weißt?“
„Ich denke, ja... wenn du ernsthaft versuchen willst, mehr Informationen zu sammeln, solltest du vielleicht einen Weg suchen, in möglichst viele Städte zu kommen...“
„Und wie soll ich das deiner Meinung nach anstellen?“
Sie verzog nachdenklich das Gesicht. „Vielleicht solltest du Söldner werden. Dein Schwert lässt jedenfalls darauf schließen, dass du zumindest ein wenig kämpfen kannst. In einem der Nachbarländer gibt es momentan dauernd Zank zwischen den beiden Herrschaftsgebieten... ein komisches Land ist das...“
„Woher weißt du das?“
„Wir haben Boten. Wenn es sich nicht lohnt, an einen bestimmten Ort auf unserer jährlichen Route zu ziehen, geben sie uns Bescheid. Und als einen für Vergnügen ungünstigen Zeitpunkt kann man Bürgerkriege ja wohl bezeichnen. Jedenfalls solltest du dich einem der Heerführer unterordnen, dann kannst du zumindest alle Städte des besagten Landes absuchen.“
„Und welches der Nachbarländer ist das?“
„Atakuri heißt es. Es liegt im Südosten von hier, glaube ich.“
„Gut. Danke.“ Ich griff nach der Türklinke.
„Bleib doch noch. Die draußen erwarten ohnehin noch nicht, dass du herauskommst. Wir könnten etwas trinken...“
Ich wollte gerade ablehnen, da fiel mir ein, dass Toivo unter Umständen ohnehin noch beschäftigt war. „Gut.“
Also trank ich mit Mallalai. Ein heißes Getränk, das mich an den Tee erinnerte, den man bei uns im Dorf immer getrunken hatte. Allerdings war es nicht ganz so klar und schmeckte weniger herb.
Mallalai erzählte mir ein wenig von ihrem Volk. Wo sie ursprünglich herkamen, wusste niemand mehr so genau, eindeutig war nur, dass man sie aus ihrem Land vertrieben hatte. Daraus war die Tradition entstanden, von Ort zu Ort zu ziehen, anstatt sich auf etwas festzulegen. Sie verdienten ihr Geld, indem sie die Leute unterhielten und wundervollen Schmuck und anderes anfertigten, das nur noch ihr Volk anfertigen konnte.
Als ich sie auf ihre dunkle Haut und die außergewöhnlichen Augen ansprach, zuckte Mallalai dezent mit den Schultern. „Ein Teil unserer Bräune kommt vom natürlichen Licht, der Rest ist einfach in unserem Erbgut. Manche sagen deswegen, dass mir mit dem Volk Algarids verwandt sind, aber denen sind wir ansonsten so gar nicht ähnlich. Und die Augen... meine Großmutter sagte mir immer, sie seien die Belohnung dafür, dass wir auch nach unserer Vertreibung nicht aufgegeben und eine neue Existenz gelernt hatten aufzubauen. Wir sehen besser als andere Menschen. Viele denken deshalb, dass wir Kreuzungen aus Katzen und Menschen sind... für die meisten Menschen sind wir doch nur bloße Unterhaltungsobjekte, keine vollwertigen Lebewesen...“
Sie sah für einen Moment sehr traurig aus, dann lächelte sie mich an, als sei ich diejenige, die traurig war. „Langsam musst du gehen, glaube ich“, sagte sie dann. „Sonst rennen sie die Tür ein...“
Ich lachte. „Das wollen wir vermeiden.“
Sie lächelte. „Es war schön, sich mit dir zu unterhalten, Nanna.“
Ich nickte. „Ja, fand ich auch.“ Dann fiel mir etwas ein. Ich öffnete meinen Hüftbeutel und holte etwas von dem Geld heraus, das ich darin aufbewarte. „Hier.“
„Ach was, schließlich war das auch für mich Freizeit.“
„Aber ich habe dir etwas von deiner Zeit gestohlen und Zeit ist Geld, jedenfalls in diesem Fall.“ Ich legte die drei silbrig schimmernden Münzen auf den kleinen Tisch, an dem wir gesessen hatten, dann ging ich zur Tür. „Wiedersehen.“
Sie gab einen Abschiedsgruß in der Sprache ihres Volkes zurück, an den ich mich shcon bald darauf nicht mehr erinnern konnte. Aber es klang wunderschön, wie sie es sagte.
Als ich nach draußen trat, empfingen mich einige Männer mit ironischem Beifall. Mit einem arroganten Gesichtsausdruck schritt ich die Treppe hinunter, stieß einige zur Seite und sah mich nach Toivo um.
Er stand an der Theke und spielte mit einer der dünnen Goldmünzen, die die Nomadinnen an ihren Röcken hängen hatten. Als er mich kommen sah, steckte er die Münze weg und lächelte mich an.
„Los, raus hier, ich halt’s hier nicht mehr aus“, sagte ich naserümpfend und ging auf den Ausgang zu. Draußen drehte ich mich um und sah ihn auffordernd an. „Und?“
„Was und?“
Ich verzog skeptisch das Gesicht. „Was du herausgefunden hast.“
„Ähm, ich wusste nicht so recht, was ich fragen sollte...“
Ich stöhnte knurrend auf und sah ihn stocksauer an. „Das kann doch nicht wahr sein!“
„Du hast doch gesagt, ich soll wie die anderen Männer denken“, sagte er eingeschnappt und sah zur Seite.
„Also hast du tatsächlich nichts gefragt!“
„Natürlich hab ich das!“, fuhr er mich an.
Erstaunt hielt ich inne, dann verengte ich die Augen. „Wieso hast du das dann eben gesagt?“
„Um dir zu zeigen, dass du dir selbst widersprochen hast“, sagte er trocken. „Ich hab gefragt, ob sie irgendwas über Schicksalsschmiede wissen.“
„Und?“
„Nein. Sie sagten, da solle ich Mallalai fragen und mir dann verboten, jegliche weitere „vom Thema abweichende“ Frage zu stellen.“
Ich seufzte. „Na ja, zumindest wusste Mallalai etwas.“
„Ach?“
Ich erklärte ihm, was Mallalai mir erzählt und geraten hatte, mit einigen Aussparungen.
„Mh... Söldner? Ich weiß ja nicht...“
„Was soll das denn jetzt wieder heißen?“
„Könnte das nicht auch einfach nur dazu führen, dass wir noch weiter von unserem eigentlichen Ziel entfernt werden?“
„Mach dir nicht immer so überflüssige Gedanken. Wir holen jetzt die Pferde und machen uns auf den Weg. Diese Stadt geht mir allmälig auf die Nerven.“
Nachdem wir die Tiere wieder geholt hatten, kauften wir noch etwas Proviant.
„Wir sollten uns wohl wirklichen eine Arbeit besorgen...“, bemerkte Toivo, was ich ohne Kommentar hinnahm. Er hatte Recht. Unser Geld würde nicht ewig reichen. Noch ein Grund, Mallalais Ratschlag zu befolgen.
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Namen & ihre Bedeutungen für dieses Kapitel:
Hildur: isländisch „Kampf“
Sindri: isländisch „Klein“
Mallalai: afghanisch „Schön“
Ich hab mich jetzt einfach selbstständig entschieden, die Kapitel häppchenweise zu posten :D
Kapitel 7 - Teil 1
Etwas später befanden wir uns auf einer Landstraße. „Wir müssen nach Südosten...“, sagte ich nachdenklich.
„Und wo ist das?“, fragte Toivo ratlos zurück und kratzte sich den Kopf.
„Im Südosten“, antwortete ich frostig. „Es dämmert ohnehin gerade, schlagen wir einfach ein Lager auf und warten auf das Morgenlicht, dann wissen wir, wo wir hinmüssen.“
„Ach so, der Aidan geht ja im Süden auf, stimmt ja!“, rief er einsichtig, als ich schon vom Pferd stieg. Ich verdrehte genervt die Augen.
Wir banden die Pferde an eine dicke Wurzel des nächstbesten Baumes und sattelten sie ab. Toivo holte eine Bürste hervor und fuhr damit über Asdis’ Fell.
„Ist ja eigentlich seltsam, dass man Pferde mit Bürsten aus Pferdemähnen pflegt“, sagte ich. Bestimmt gab es auch besseres Material dafür. Außerdem war es doch irgendwie komisch – ich wollte mich auch nicht wirklich mit den Haaren anderer Leute kämmen.
Toivo lachte leise, dann räumte er die Bürste wieder weg.
Über mir flog ein großer Vogel.
„Wohin fliegst du?“, fragte ich ihn leise. „Du bist bestimmt viel freier als ich...“
„Oh Mann, hab ich einen Hunger“, hörte ich Toivo hinter mir.
„Ihr Männer seid unmöglich. Ständig am Essen!“
„Bitte? Vorhin hab ich für dich Informationen gesammelt!“, empörte er sich, während er in seinem Bündel kramte.
„Ja, sicher, du hast ja auch so viel herausgefunden“, stichelte ich.
„Was kann ich denn dafür, wenn die nichts davon wissen?! Du wolltest doch, dass ich mit ihnen gehe!“
Ich schnaubte verächtlich. „Jetzt tu doch nicht so, als hättest du ernsthaft was dagegen gehabt.“
Er schüttelte ärgerlich den Kopf.
Einige Zeit später lag ich an einer stark bewachsenen Stelle des recht harten Bodens und versuchte zu schlafen. Lange gelang es mir nicht. Die Ereignisse des Tages spukten mir durch den Kopf. Zu viel zu verarbeiten, zu viel, was ich noch tun musste. Doch irgendwann wiegte mich das Grübeln in den Schlaf.
Um mich herum war es dunkel. Kein einziger Lichtschimmer. Meine eigene Gestalt konnte ich ohne Probleme sehen, aber um mich rum war nichts als gähnende, schwarze Leere.
„Toivo?“
Keine Antwort. Wo war er? Wirklich nicht da? Hörte er mich nicht? Schlief er?
„Toivo!“ Wieder nichts. „Verdammt.“
Ich streckte meine Arme zu allen Seiten. Hinter mir war eine massive Wand, wenn mich mein Tastsinn nicht trügte, genauso wie zu meiner Rechten. Die Wände fühlten sich seltsam hölzern an, außerdem schienen Wölbungen darin zu sein. Wie Bäume. Nur, dass die Zwischenräume scheinbar ausgefüllt waren.
Links und vorne war gar nichts. Ich stand unschlüssig da. Wo war ich hier, was sollte das? Es war so dunkel, als hätte mir nachts jemand ein Tuch vor die Augen gebunden.
Da.
Rot. Vor mir. Ein rötliches Licht. Das rötliche Licht, um genau zu sein. Ich stolperte nach vorn. Wo dieses Ding war, musste ich hin. Es hatte mich einmal ins Unglück gestürzt und mich einmal zu einem Anhaltspunkt geführt – mal sehen, wie es weiterging.
In meinem Weg lag gar nichts. Keine Steine, Stöcke, Wurzeln, Erhebungen, nichts.
Nach einer Weile sah ich vor mir ein dämmeriges Licht und erkannte, was vor mir lag. Wieder eine Wand. „Mist!“ Ich hätte doch die linke Seite nehmen sollen!
„Komm her.“ Eine zarte Frauenstimme. Sie kam von der Wand vor mir.
„Wer bist du?“
„Komm einfach her, Nanna.“ Sie klang freundlich, aber bestimmt.
Ich leckte mir über die trockenen Lippen, dann ging ich vorsichtig auf die Wand zu. Ich legte eine Hand daran und...
...fiel hindurch. Ein kurzer Schrei entkam mir, dann lag ich auf der Nase. Inmitten eines Strudels aus allen möglichen Farbtönen. Dazwischen überall Fetzen von Rot – und trotzdem hatte ich irgendwie noch immer den Eindruck, im Schwarzen zu stehen. Doch auf einmal war es gar nicht mehr dunkel, ganz im Gegenteil.
„Was soll das?“, rief ich aus kniender Position. „Zeig dich endlich!“
Wie auf Stichwort erschien vor mir eine Gestalt. Wellige, rotblonde Haare fielen bis auf den Boden und breiteten sich aus wie ein Teppich und ich konnte nicht sagen, ob die Person saß oder stand.
„Ich habe schon gewartet.“
„Dreh dich um.“
„Ich wollte dich gern wiedersehen.“
„Wer bist du?“
„Weißt du, wo wir hier sind?“
„Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?!“, brüllte ich sie an. „Dreh dich gefälligst um, wenn du was von mir willst!“
Sie kicherte fröhlich. Irgendwie mochte ich das Kichern, obwohl es mich wirklich nervte, was auch eigentlich mehr Sinn machte.
„Du bist wieder so ungestüm.“
„Wer bist du, woher kennst du mich und was willst du von mir?“, fragte ich gezwungen ruhig.
„Ich bin...“
Ein Rütteln riss mich aus dem Schlaf.
„Nanna! Der Aidan geht auf.“
Meine Hand erzeugte ein lautes Klatschen auf seiner Haut. Ich hatte noch nicht einmal die Augen öffnen müssen, so nah war er. Ich spürte seinen Atem und es führte dazu, dass ich mich verkrampfte.
„Au! Was hab ich denn jetzt schon wieder gemacht?!“
„Erstens: Weck mich nie wieder einfach so auf! Zweitens: Komm mir nie wieder – und das mein ich genauso – so nah, dass ich deinen Atem auf meinem Gesicht spüre!“ So sauer war ich noch nie auf ihn gewesen. „Beim nächsten Mal geh ich dir an die Kehle. Ich kann das nicht ab, wenn mir jemand so nah kommt.“
„Als ob du nicht wüsstest, dass ich dir nie was tun würde“, maulte er, stand auf und ging zu Asdis, die ihn schläfrig anblinzelte.
„Darum geht’s überhaupt nicht“, knurrte ich. Schon gar nicht heute. Hauptsächlich war ich wütend, weil mir der Traum von vorhin wie ein tausendfach verknoteter Wollknäuel im Kopf herumspukte.
Ich hörte lautes Kinderlachen, das Trappen kleiner Füße und ihre hohen Stimmen. Genervt ging ich um den Baum herum. Musste so ein Gebrüll unbedingt hier stattfinden? Ich wollte gerade etwas zu ihnen hinüberrufen, da sah ich, was sie da machten: Einer hatte einen kleinen, selbstgebastelten Bogen samt Pfeil mit Steinspitze und er zielte damit in die Luft.
„Der ist hässlich, wenn du den triffst, ist es auch nicht so schlimm. Außerdem wird er schon nicht sterben!“, kicherte ein Junge mit abstehenden Ohren.
Ich folgte den Blicken der Halbwüchsigen und schluckte. Da oben kreiste ein Vogel. Ahnungslos, dass er gleich aufgrung eines dummen Jungenstreiches versehentlich umkommen würde. Die Blagen waren sich der Spitze eines solchen geschärften Feuersteins wahrscheinlich nicht einmal bewusst.
Der Vogel stieß seinen Ruf aus. Ich konnte gegen das Sonnenlicht nichts an seiner Gestalt erkennen, aber dieser Ruf war mehr als unverwechselbar. Kalte Angst fuhr mir in die Glieder.
„Lass das!“, rief ich mit der bösesten Stimme, die ich auf Lager hatte. Dabei ging ich mit großen Schritten auf die Rasselbande zu. Ich musste ausgesehen haben, wie ein äußerst hungriges Monster, jedenfalls begannen sie zu rennen, als ginge es wirklich um ihr Leben. Als würde ich Kinder umbringen. Selbst, wenn sie mal aus Versehen mit ihrem Spielzeug unschuldige Tiere töten.
Ich sah zu dem Vogel hoch. „Bedank dich gefälligst“, murmelte ich.
Wie auf Kommando krächzte er wieder heiser und kam dann zu mir herabgesaust. Dann machte er es sich auf meiner Schulter gemütlich.
„Na, was machst du hier, du Drecksvieh?“, fragte ich ihn und kramte ein Stückchen Brot aus meinem Hüftbeutel.
Er krächzte wieder nur, dann ging ich zu unserem Lager zurück.
„Was war denn das eben für ein Geschrei?“, fragte Toivo, der Asdis bepackte.
„Ein paar Gören wollten einen meiner Freunde töten.“
„Was?“, lachte er, wobei er immer noch nicht zu mir sah. „Wen können Kinder schon umbringen? Außerdem bin ich der einzige, mit dem du reist, oder ni...“
„Kuck doch her, du Torfkopf, dann weißt du’s“, knurrte ich.
Er sah mich an. Er öffnete erst lautlos den Mund, dann entkam ihm ein „Oh.“
Ich grinste schief.
„Was macht der denn hier?“
„Was weiß ich.“
„Kuck mal, er hat was am Bein...“
Ich grabschte Broin in die Brustfedern und zog ihn von meiner Schulter, während er krächzend gegen meine Grobheit protestierte. „Halt’s Maul, anders hätt ich dich ja doch nicht da runter bekommen“, murmelte ich. „Hast Recht, Toivo. Sieht aus wie ein Zettel oder sowas...“ Im Bruchteil einer Sekunde krallte ich mir das Papier, dann ließ ich den zeternden Broin los, der sofort Asyl auf Toivos Schulter suchte. Der sah ihn skeptisch an und entfernte den Kopf langsam von seiner rechten Schulter.
Derweil faltete ich den Zettel auf. Zuerst hatte ich enorme Schwierigkeiten, den Text zu entziffern. Erstens konnte ich nicht sehr gut lesen – ich hatte es irgendwann soweit gelernt, dass ich die meisten Dinge entziffern konnte, aber das war es dann auch gewesen. Der zweite Grund war Alfsigs Schrift. „Männerschrift“, brummte ich. Hätte mir ja klar sein sollen, woher sollte Broin sonst herkommen, wenn nicht von seinem Herren... oder doch zumindest Dach-überm-Kopf-Bieter.
Ich dachte mir, es sei vielleicht klug, euch mittels Broin eine Nachricht zukommen zu lassen. Falls er überhaupt tut, was er soll, und instinktiv nach dir sucht, Nanna.
Zuerst einmal ist Toivos Mutter sauer und wird ihm wahrscheinlich den Kopf einschlagen, wenn er das nächste Mal heim kommt.
Es ist nicht meine Art, nach anderer Leute Wohlbefinden zu fragen, trotzdem täte es gut zu hören, dass es euch gut geht.
Dieser Brief soll euch an und für sich nur demonstrieren, dass ihr in der Lage sein solltet, Briefkontakt mit mir zu halten. Sollte Broin bei euch ankommen und ihr Papier und Schreibzeug zur Hand haben, natürlich.
Kommt er ohne Brief zurück, schicke ich ihn noch einmal los.
A.
„Und, was schreibt er?“ Toivo sah mich fragend an.
„Nur, dass wir so in der Lage sind, Kontakt zu ihm zu halten.“ Ich winkte Broin zu, der sofort wieder auf meine Schulter geflattert kam. Offenbar war er mir nicht mehr böse.
„Dafür musstest du so lange lesen...?“
„Wir haben keine Zeit für Diskussionen. Der Aidan hat sich schon vom Horizont gelöst.“
Ich ging zu Kennocha und mühte mich auf ihren Rücken. Meine Sachen hatte ich am Vorabend erst gar nicht abgepackt, sie störte das ja auch nicht weiter.
Kurz darauf ritten wir Richtung Südosten. Broin flog ein Stück über uns und hielt erstaunlich gut mit dem Galopp der Pferde mit.
Bald erreichten wir mitten in der Einöde ein kleines Gebäude, das ein wenig wie eine Festung aussah, die man auf das Nötigste beschränkt hatte. Ein Grenzposten, wie mir bald dämmerte. Mein Vater hatte mir manchmal gesagt, ich solle mich auf keinen Fall so einem nähern, wenn ich mal auf Reisen sei. Die Wachmänner dort neigten dazu, sich mehr als nur den gewöhnlichen Zoll zu nehmen, hatte er mir gesagt.
Aber wenn wir legal in das andere Land einreisen wollten, mussten wir wohl an ihnen vorbei.
„Wer seid ihr?“, fragte einer der diensthabenden Wachmänner, als wir an der Grenze ankamen. Nun sah ich, dass entlang der Grenze eine Art Draht gespannt war, in mehreren Reihen. Nur sichtbar durch das morgendliche Licht. Man konnte also nirgends über die Grenze, ohne dass eine Art Signal an die Posten gesandt wurde. Gut, dass wir es nicht versucht hatten.
„Wir sind Söldner und kommen zurück von einem Einsatz“, antwortete ich kühl.
„Soso. Für wen?“
„Für den Lord.“
„Welchen Lord?“
Ich verengte die Augen. „Geht Euch das irgendwas an?“
„Ja. Ich diene weder dem einen noch dem anderen direkt und diese Fragen gehören zu meiner Arbeit. Hört mal, ihr besitzt nicht mal eine Rüstung, ihr seid keine Söldner.“ Er grinste wissend.
Ich holte empört Luft, aber Toivo fiel mir ins Wort: „Nein, es stimmt, sind wir nicht. Aber wir möchten welche werden.“
„Und wieso sollte ich glauben, dass ihr keine Spione seid, nachdem ihr mich schon einmal angelogen habt?“
„In Atlar, auf dieser Seite der Grenze, herrscht kein Krieg“, erklärte Toivo mit einem freundlichen Lächeln. Ich hob die Augenbrauen. Er konnte so galant sein. Und ich konnte nicht abstreiten, dass ich das irgendwie mochte. „Wieso sollten wir spionieren wollen?“, fuhr er fort, „Wir sind lediglich auf der Suche nach etwas Arbeit.“
Der Wachposten dachte nach, sah seinen Kollegen an. Dieser nickte, daraufhin nickte der andere auch. „Nun gut. Aber Einreise kostet zusätzlich.“
„Wofür, für zusätzlichen Wein?“, fauchte ich ihn an.
Er sah verdutzt aus, der andere lachte. „Nein, das sind die Vorschriften, junge Dame. Ich kann euch gern das Zertifikat zeigen, dass die Landesherrscher gemeinsam unterschrieben haben.“
„Das wird nicht nötig sein“, sagte Toivo schnell. „Wie viel?“
„Ein Goldstück.“
„Na, das geht doch noch.“ Er lächelte mich aufmunternd an und kramte dann das Geld hervor.
„Danke, junger Herr. Ihr dürft passieren“, sagte der erste Wachposten lächelnd und reichte Toivo irgendeinen Wisch.
„Ich danke Euch“, erwiderte Toivo mit einer angedeuteten Verbeugung, dann ritten wir in das fremde Land.
„Man muss nicht allen in den Hintern kriechen“, murmelte ich.
„Man muss auch nicht immer lügen“, erwiderte Toivo seufzend.
„Ich hab nicht gelogen, ich hab diesen schmierigen Typen einfach nicht sofort mein Vertrauen schenken wollen!“ Ich holte Luft, um mich zu beruhigen, dann setzte ich ein Grinsen auf. „Du hast mich gerade sehr an Jarl erinnert, übrigens.“
„Ach ja? Ist da gut oder schlecht?“
„Eigentlich gut.“
„Oho, dann bist du doch in ihn verknallt, ich hab’s mir ja schon immer gedacht!“, lachte er triumphierend.
„Wa...?! Dir geht’s wohl zu gut, du verdammter...“ Ich schlug nach ihm, erwischte ihn aber nicht. Ärgerlich bemerkte ich, wie mir das Blut in die blassen Wangen schoss und riss meinen Kopf wieder nach vorn. „Du weißt genau, dass das totaler Blödsinn ist!“
„Ach ja, warum regst du dich dann so auf?“, grinste er. Dann verflog das Lachen allerdings. Er verzog entschuldigend den Mund, sagte aber nichts. Für einen Moment herrschte absolute Stille zwischen uns. Das war noch nie passiert, wenn wir nicht gerade äußerst sauer aufeinander gewesen waren.
Ich spürte das Blut immer noch in meinen Wangen kochen. Ich kam mir blöd vor. Warum sah er mich auf einmal so an? Er legte den Kopf leicht schief, wahrscheinlich unbewusst. Es war überhaupt nichts zu hören, außer dem leisen Trappen der Pferde und Broins dezentem Flügelschlag alle paar Sekunden.
„Was? Was ist?“, fragte ich und wedelte unnötigerweise mit dem Arm.
„Nichts, ist nichts, nein, gar nichts“, stammelte er sofort und sah ruckartig nach vorn. Ich sah irritiert zu ihm hinüber, aber sein Blick war starr nach vorn gerichtet. Also sah ich auch wieder geradeaus. Einige Sekunden später sagte ich unsicher: „Hast du’s gemerkt? Der eine Kerl wusste, dass ich eine Frau bin.“
Er lachte. Anders als sonst, irgendwie so... übertrieben. Scheinbar war ihm das von eben immer noch peinlich. „Ja. Du solltest nicht schreien, dann klingst du überhaupt nicht mehr wie ein Mann.“
Ich grunzte belustigt.
Wir ritten den Tag durch, ohne in einer der Städte Rast zu machen; wir verbrachten eine weitere recht kurze Nacht im Freien, um im Morgengrauen wieder loszureiten. Bisher war noch nicht viel von einem Krieg zu sehen gewesen...
Bald tauchte vor uns eine weitere Stadt am Horizont auf.
„Oh“, machte Toivo. „Sieh mal.“
„Hab schon gesehen. Da sollten wir uns erstmal darüber informieren, was hier so los ist im Moment.“
Kapitel 7 - Teil 2
In der kleinen Stadt sah es alles andere als verwüstet oder in anderer Weise nach einem Krieg aus. Alles war ordentlich, die Straßen sauberer als in der Stadt, in der Alfsig gelebt hatte. Der Baustil hier unterschied sich von dem, den ich bisher kannte. Jedes Haus hatte ein auf Säulen gestütztes Vordach rund um das Haus, genauso wie eine vorgelagerte Terrasse, auch rund um das Haus verlaufend. Das einzige, was zu unseren Häusern ähnlich war, waren die Fachwerkfassaden.
Alles wirkte filigran und doch robust. Genauso war es auch mit den Leuten. Was ich an diesen aber besonders seltsam fand, war etwas ganz anderes.
„Hast du gesehen, Toivo?“
„Mh, was?“
„Die Männer haben alle Haare im Gesicht.“
„Bärte.“
Ich sah ihn verdutzt an.
„Jarl hat doch in der Stadt bei einem Weisen gerlernt. Der wusste so einiges über die anderen Länder. Die Menschen, die nicht aus Atlar stammen, haben Haare im Gesicht und am Körper.“
„Hä? Wozu das denn?“ Ich verzog das Gesicht. Hatten diese Menschen Fell...?
„Also nicht der ganze Körper“, verbesserte sich Toivo. „Nur stellenweise. Eigentlich wäre das doch auch bei uns in den Bergen praktisch... Haare wärmen und bei uns war es immer kalt.“
„Mir nicht.“
„Jaja, du bist in allem eine Ausnahme, weiß ich ja schon“, winkte er etwas genervt ab.
Eine Frau kam auf uns zu. Sie trug ein geblümtes Kleid, das ziemlich eng anlag. Als sie vor uns ankam, legte sie die Hände gefaltet ineinander und nickte lächelnd, dann begann sie zu sprechen: „Guten Tag, Reisende. Verzeihung, aber sucht ihr eine Bleibe?“
Ich verzog skeptisch das Gesicht. „Wir haben nie nach etwas in der Art gefragt...“ Sie war mir irgendwie verdächtig, gerade jetzt, da sie mich irritiert anlächelte.
„Lass mal, das macht man hier so, immer zuvorkommend sein“, sagte Toivo schnell und trat vor. „Das nehmen wir gerne an, danke. Würden Sie uns zu der Bleibe führen?“
„Aber gern!“, rief sie lächelnd. „Folgt mir bitte!“ Sie drehte sich um und ging los. Sie hatte einen ganz schön zügigen Schritt drauf.
„Woher weißt du sowas?“, fragte ich Toivo erstaunt, als wir ihr folgten.
„Jarl sagte, wenn ich in andere Länder käme wäre es ganz nützlich, die Bräuche dort zumindest ansatzweise zu kennen.“
„Jarl, Jarl, Jarl“, äffte ich ihn nach. „Es kommt mir fast so vor, dass du gar nicht in der Lage bist, ohne ihn zu denken!“
„Muss ich ja nicht, dafür hab ich ja dich, oder?“, fragte er schnippisch.
„Stimmt“, grinste ich.
Kurz darauf standen wir vor einem der fremdartigen Gebäude, nachdem die nette kleine Frau uns einen Stall für unsere Pferde geboten hatte. Sehr komfortabel hatte es ausgesehen da drinnen.
„Wir sind da. Bitte tretet ein“, säuselte die Frau mit einer angedeuteten Verbeugung.
„Vielen Dank“, sagte Toivo, ich sagte nichts und kam mir ungelenkt vor.
Wir betraten einen großen Raum, der von warmem Licht und diversen mir fremden Gerüchen erfüllt war. Ich sog die neue Luft neugierig ein. Mir war klar, dass es irgendwelche Kräuter sein mussten, aber was es war, war unmöglich zu sagen. „Hier riecht’s gut“, sagte ich zufrieden.
Toivo nickte. „Find ich auch.“
„Es freut mich, wenn es euch gefällt“, lächelte unsere Gastgeberin, die auf einmal wieder neben uns auftauchte. „Es würde mich freuen, euch während eures Aufenthaltes dieses Dach über dem Kopf anbieten zu dürfen.“
Toivo sah aus, als wollte er zustimmen, deshalb sagte ich schnell: „Wieviel?“
„Oh, das hängt davon ab, wie lang ihr gedenkt zu bleiben. Momentan habe ich viele Gäste, es wäre mir eine Ehre, euch umsonst hierbleiben zu lassen, wenn es für nur für einige Tage sein sollte.“
„Drei Tage, höchstens“, murmelte ich nachdenklich.
„Das wird gehen“, nickte sie eifrig. „Gäste aus dem Ausland sind mir noch einmal so willkommen.“
„Das ist schön zu hören“, lächelte Toivo. „Wir bleiben.“
Sie nickte. „Sehr gern.“ Sie stutzte, dann begann sie langsam: „Da fällt mir ein... es tut mir Leid, aber ich habe keine Einzelzimmer mehr... wäre es Euch Recht, ein Doppelzimmer zu besetzen?“ Es schien ihr wirklich unangenehm zu sein.
Ich warf Toivo einen prüfenden Blick zu. Er sah nachdenklich aus. Na ja, es würde gehen.
„Das wird sich schon einrichten lassen“, antwortete ich mit dem Nicken, das ich inzwischen auch schon erlernt hatte.
Sie strahlte. „Schön! Dann lasst mich euch euer Zimmer zeigen.“
Wir folgten ihr die leicht gewundene Treppe aus lackiertem Holz hinauf, bis sie vor einer Tür anhielt, sie aufschloss und mir einen Ersatzschlüssel reichte.
„Zu Abend essen könnt ihr um acht Uhr in der großen Halle. Das wird dann vor Ort angerechnet“, sagte sie noch, dann schloss sie die Tür hinter uns, sich noch einmal knapp verbeugend.
Kurz herrschte Stille, während wir uns umsahen. Dann streiften sich unsere Blicke. Ich verdunkelte sofort meine Mine. „Wehe.“
„Wehe was?“
„Wehe du nutzt das in irgendeiner Weise aus.“
„Was denn?“ Er schien ziemlich hilflos.
„Das da!“, rief ich genervt und zeigte auf das breite Bett an der Wand, das einzige im Raum.
Er brauchte einen Moment, dann sagte er: „Oh. Soll ich auf dem Boden schlafen?“
„Hä?“
„Wie hast du das denn dann gemeint...?“
Ich legte mir zwei Finger an die Stirn und sagte bemüht ruhig: „Du kannst ruhig in dem Bett schlafen. Du sollst bloß von mir wegbleiben. Jetzt kapiert?“
„Oh, klar. Jaja, ist schon klar“, lachte er.
Ich hob die Augenbrauen, dann schüttelte ich den Kopf. „Ich schlafe jetzt jedenfalls erstmal ein wenig. Bis zum Abendessen ist es noch eine Weile...“ Ich sah zur Wand, an der eine hölzerne Uhr hing.
„Gut. Ich glaube, ich brauch auch mal Ruhe in einem Bett.“ Er gähnte herzhaft.
Ich stieß seufzend etwas Luft durch die Zähne. Dann legte ich Schwert, den engen Gürtel, die Weste und meine Tasche irgendwo auf den Boden, schnallte die Stiefel ab und ließ mich in das weiche Bett fallen. „Whoa, das ist ja wie Schnee!“, rief ich überrascht, als ich fast vollständig in der Bettdecke versank. Der Stoff des Überzugs fühlte sich an wie zu Fäden geflochtene Flüssigeit und glänzte wunderschön.
Ich kroch ganz an die Stelle, an der das Bett in der Zimmerecke stand und drehte mich zur Wand, dann zog ich die Beine an, ohne mich zuzudecken. Derweil hatte sich Toivo schon neben mich gelegt und die Arme hinterm Kopf verschränkt. „Nacht“, sagte er mit einem ironischen Grinsen in der Stimme.
„Mh, Nacht“, gähnte ich. Kurz darauf war ich schon in einen tiefen Schlaf gesunken.
Als ich wieder aufwachte, verzog ich das Gesicht. Ich hatte ja darauf gehofft, den Traum von letzter Nacht weiterzuträumen. Aber nichts dergleichen war passiert, ich wusste nicht einmal mehr, ob und was ich geträumt hatte.
Ich drehte den Kopf und sah Toivo daliegen, immer noch in derselben Pose, in der er eingeschlafen war. Er lächelte milde.
Ich hätte ihn am liebsten ins Gesicht geschlagen. Vielleicht würde ich nun nie erfahren, wer die Person in dem Traum gewesen war und er war schuld daran!
Ich schloss noch einmal kurz die Augen, dann entschied ich mich dazu, aufzustehen. Ich kletterte nicht allzu vorsichtig über Toivo hinweg (was ihn allerdings nicht weiter zu stören schien) und legte meinen Gürtel, die Stiefel und meine Weste wieder an. Schwert, Tasche und unser Gepäck, das wir sonst auf den Pferden lagerten, schob ich unter das Bett, sodass sie nicht mehr zu sehen waren, wenn man sie nicht gerade dort vermutete und suchte.
Ich fuhr mir vor dem kleinen runden Spiegel an der Wand einige Male mit den Fingern durch die wuscheligen Haare, damit sie nicht zu sehr verfilzten, bis ich den nächsten Kamm in die Finger bekam.
Dann sah ich auf die Uhr. Abendessen gab es in einer halben Stunde. Das hieß dann wohl vorerst langweilen...
Vor dem offenen Fenster flatterte es. Einen Augenblick später saß Broin auf dem Fensterbrett und fuhrwerkte mit dem Schnabel unter seinem Flügel herum.
„Na, hast du im Stall geschlafen?“, fragte ich schmunzelnd und setzte mich auf den Boden. Er hupfte hinunter, dann kam er auf mich zu gestakst.
Ich strich ihm lächelnd über den Kopf. Ich wusste nicht, wie und wann genau es passiert war, aber irgendwie hatte ich dieses hässliche, alte Federvieh lieb gewonnen.
„Sag mal, Broin, was würdest du machen, wenn du in meiner Situation wärst?“
Er legte den Kopf schief und krächzte. Ich lächelte schief, dann legte ich mich mit einem Seufzen auf den Rücken.
Etwas später wachte Toivo ebenfalls auf und stieß zunächst einmal gähnend die Arme in die Luft.
„Los, aufstehen, ich hab Hunger“, wies ich ihn an und sprang auf.
„Sehr wohl“, gähnte er in amüsiertem Tonfall.
Fünf Minuten später waren wir unten. Es roch anders als vorhin. Und zwar nach Essen, weshalb mein Magen nochmal so laut knurrte.
Unsere Gastgeberin kam um eine Ecke gewuselt, als habe sie dort schon seit Stunden auf uns gewartet.
„Guten Abend! Ich werde euch zum Abendtisch führen.“
Also führte sie uns zum Abendtisch. Eine endlos lange Tafel, die sich durch den gesamten Speisesaal erstreckte, der nur durch eine dünne Schiebetür vom Empfangssaal getrennt war.
Und auf den Stühlen um den Tisch saßen Massen von Leuten und schnatterten vergnügt vor sich hin. Alle nebeneinander, als gehörten sie zusammen in eine Gruppe. Es gab keinerlei Trennung, man saß einfach irgendwo in der Reihe. Also setzten Toivo und ich uns dazu, nicht ohne vorher unsichere Blicke zu tauschen.
„Das Abendbrot ist angerichtet!“, rief die kleine Frau mit kräftiger Stimme über die Tischgespräche hinweg und klopfte an eine der hölzernen Wände. Dort, wo der Tisch auf die Wand stieß, öffnete sich eine Klappe. Unsere Gastgeberin begann an einer Kurbel zu drehen und eine verschiebbare Latte in der Mitte des Tisches setzte sich in Bewegung. Und dann kam das Ungewöhnlichste: Aus der kleinen Klappe kamen alle möglichen Arten von Speisen auf den Tisch gefahren, immer weiter, bis die vorderste Schüssel am Ende des Tisches stand, wo Toivo und ich saßen.
Es folgte noch ein herzlicher Essensgruß unserer Gastgeberin in einer uns fremden Sprache, dann stürzten sich alle auf ihre Teller. Hatte ich alles andere einfach nur seltsam gefunden, fand ich dies nun umso besser. Ich schaufelte mir selbst etwas auf den Teller und probierte die fremden Speisen. Ungewöhnlich gewürzt war das Zeug, für mich ungewöhnlich, aber es war eine alles andere als unangenehme Abwechslung.
Toivo war etwas vorsichtiger zu Beginn, doch bald aß er auch mit Appetit.
An der anderen Tischseite uns gegenüber hatte bisher niemand gesessen, nun ließ sich dort ein Mann von etwa dreißig Jahren nieder.
Ich sah kurz von der Mischung aus Nudeln, Fleisch und sonderbaren Arten von Gemüsen und Soßen auf meinem Teller auf und blieb an seinem Blick hängen, genauso wie er scheinbar an meinem. Solche Augen hatte ich noch nie gesehen. Strahlend wie von einem Raubtier, eisblau und äußerst scharf geschnittene Lider. Sie wirkten kalt, hart und abweisend, gleichzeitig aber irgendwie sehr tiefgründig. Interessant und faszinierend waren sie. Nur nett, nett waren sie sicher nicht.
„Interessante Augen“, grinste er in dem Moment und entblößte einen scharfen, spitzen Eckzahn.
„Was?“, fragte ich unwirsch, da er mich aus meinen Gedanken gerissen hatte.
„Ich hab noch nie grüne Augen gesehen“, ergänzte er, immer noch mit diesem schiefen Grinsen.
„Geht mir ähnlich mit deinen“, murmelte ich und wandte mich wieder meinem Essen zu. Ich hatte keine Lust, schon wieder einen neuen Menschen kennen zu lernen.
Toivo sah jetzt endlich auch auf. Der Fremde sprach ihn sofort an. „Seid ihr neu hier?“
„Genau genommen sind wir nur auf der Durchreise“, antwortete Toivo freundlich. „Wir sind auf der Suche nach – Au!“ Er sah mich empört an. Ich aß seelenruhig weiter, während mein Fuß sich wieder von seinem entfernte.
„So so, ist ja interressant. Ihr seht nämlich wirklich nicht aus, als wäret ihr aus dieser Gegend.“
„Du auch nicht“, platzte es aus mir heraus.
„Nein, bin ich auch nicht“, grinste er. „Ich bin ein Söldner aus Ankad.“
„Wo liegt das?“, fragte ich.
„So weit im Norden, wie es nur geht, sagen wir es so. Ich habe einen weiten Weg hinter mir und immer noch ein paar Probleme mit der allgemeinen Sprache...“
„Merkt man irgendwie, Ihr habt einen recht starken Akzent“, lächelte Toivo.
„Allgemeine Sprache?“, fragte ich, als der Ankader gerade eine Augenbraue über Toivos Bemerkung hob.
„Das habt Ihr noch nicht gehört?“, fragte er nun verdutzt.
„Nein.“
„Aber Ihr sprecht sie doch perfekt, wie kann es sein, dass Ihr nichts davon wisst?“, fragte er glucksend.
„Wir kommen aus Atlar“, sagte Toivo im erklärendem Tonfall, auch wenn ich nicht verstand, was das erklären sollte. Der Fremde dagegen öffnete verständnisvoll den Mund. „Na, dann ist es kein Wunder, schließlich ist die allgemeine Sprache ja dann Eure Muttersprache, nicht?“
„Genau.“
Ich verstand überhaupt nichts mehr. Ich wusste nicht einmal, was diese allgemeine Sprache war, abgesehen davon, dass das scheinbar die einzige Sprache war, die ich beherrschte.
„Na ja, die Bildung in Atlar ist ja in manchen Gebieten sehr mangelhaft, nach dem, was man so hört“, fuhr der Fremde mit einem Schmunzeln fort und zauberte mir damit einen bösen Blick aufs Gesicht.
„Und was machst du hier, wenn du von so weit weg kommst?“, fragte ich schnippisch.
„Ich bin Söldner, das sagte ich doch bereits“, lächelte er. „Darf man übrigens Eure Namen erfahren? Ich komme mir immer so ungelenk vor, wenn ich die Namen meiner Gesprächspartner nicht kenne.“
„Toivo“, lächelte Toivo und reichte dem Fremden eine Hand. „Und das hier ist Nanna.“
„Nanna also?“ Er lächelte wieder und nickte mir dann höflich zu. „Bedeutet das nicht so viel wie Die Kühne?“
„Doch“, murmelte ich.
„Kein weit verbreiteter Name. Aber ich intressiere mich für Namen“, erklärte er, ohne dass ihn jemand dazu aufgefordert hätte. „Noch dazu sind die Namen in Atlar und Ankad nicht mal sehr verschieden, nicht wahr? Seltsam, dass unsere Sprachen trotzdem nicht sonderlich ähnlich zu sein scheinen...“
„Haben sie nicht denselben Stamm?“, fragte Toivo stirnrunzelnd.
„Ja, die Nordsprache. Aber das ist jetzt tausende von Jahren her... seit damals haben die Sprachen sich ziemlich weit auseinander entwickelt...“
„Könntet ihr endlich mit diesem wissenschaftlichen Geschwätz aufhören?“, knurrte ich. Ich kam mir wahnsinnig ungebildet vor.
Toivo machte ein belustigtes Geräusch, der Fremde grinste.
„Darf man jetzt auch endlich deinen Namen erfahren?“, fragte ich schlecht gelaunt.
„Sicher“, erwiderte er freundlich. „Mein Name ist Náttfari.“
„Ah“, sagte ich. Ich mochte den Klang dieses Wortes, aber das sagte ich ihm nicht. Ich mochte ihn irgendwie nicht, er war so subtil überheblich.
Daraufhin war erst einmal Stille. Wir aßen mit Appetit und legten keinen großen Wert auf weitere Unterhaltungen.
Irgendwann erhob sich Toivo. „Ich muss noch nach Asdis sehen“, erklärte er in entschuldigendem Tonfall. Dann ließ er mich mit Náttfari allein.
Ich konzentrierte mich noch intensiver auf meinen Teller, aber wie ich erwartet hatte, sprach er mich erneut an. „Aus welchem Grund seid ihr denn hier?“
„Wir...“ Ich überlegte kurz, dann sprach ich weiter: „Ich glaube nicht, dass ich jedem Wildfremden bei der ersten Begegnung meine Absichten schildern möchte.“
„Wildfremd?“, fragte er und klang ein wenig beleidigt.
„Ja. Was weiß ich denn schon über dich außer deinem Namen und deiner Herkunft, ha?“, erwiderte ich und ärgerte mich gleichzeitig, dass ich mich meinte rechtfertigen zu müssen.
„Mh, noch nichts, das stimmt. Aber das ließe sich ja ändern.“
„Sicher. Ist das eigentlich so deine Art, dich an Mädchen ranzuschleimen?“
Er lachte schallend. „Aber Nanna. Ich habe nur Gefallen an dir und dem Gespräch mit dir gefunden, das ist alles.“
„Nein, das ist schon zu viel“, knurrte ich.
„Na ja, ich sollte mir ohnehin keine Hoffnungen machen, nicht wahr?“
„In der Tat, aber wie kommst du zu der Annahme?“
„Na hör mal, du hast einen Freund, was soll ich mich da dazwischendrängeln.“
Ich verschluckte mich an einem Knäuel Nudeln. Dann rief ich, noch immer halb hustend: „Toivo ist nicht mein Freund, er – wir sind nur zusammen unterwegs!“ Das Blut stand mir im Gesicht.
„Ach so?“ Er wirkte ehrlich erstaunt, gleichzeitig erfreut. Ich hätte bejaen sollen, durchfuhr es mich.
„Wie alt bist du denn eigentlich?“, fragte er weiter und überging diese Peinlichkeit einfach.
Ich zögerte kurz, dann gab ich eine ehrliche Antwort: „Siebzehn.“
„Oh, so jung. Rein vom Aussehen könntest du auch leicht zwanzig sein.“ Er lächelte.
Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte einmal gehört, dass schreckliche Erlebnisse einen schnell altern ließen. Vielleicht stimmte das ja wirklich.
„Und selbst?“, fragte ich.
„Achtundzwanzig“, grinste er. „Was dachtest du?“
„Nichts hab ich gedacht“, erwiderte ich stirnrunzelnd.
Er schnaubte belustigt. „Wie langweilig.“ Aber er zwinkerte mir zu, offenbar ein Zeichen dafür, dass das nicht ganz ernst gemeint war.
„Darf man auch wissen, welches Zimmer du hier hast?“, fuhr er mit dem Fragespiel fort.
„Nein, darf man nicht. Soweit kommt’s noch, dass ich nächtlichen Besuch bekomme.“
Er lachte. „Nun, Toivo ist ja mit auf dem Zimmer und könnte dich beschützen, nicht? Oder ist es am Ende doch, weil ihr zusammen seid?“ Er grinste schelmisch.
„Wa...? Was bildest du dir eigentlich ein?!“, fuhr ich ihn an. „Erstens hab ich es nicht nötig, beschützt zu werden und außerdem...“ Ich holte wütend Luft, dann sprach ich ruhiger weiter. „Ich hab doch grad schon mal gesagt, dass er nicht mein Freund ist.“
„Was dann?“
„Ein Freund.“
Er hob irritiert die Augenbrauen.
„A-Also, ein Freund, wie man ihn als Kind hat, so, wie man eben... na ja, Freunde, wie Kinder sie zum Spielen haben, mein’ ich“, stammelte ich vor mich hin, bevor ich gedanklich hinterher kommen konnte. Dann schlug ich mir stöhnend eine Hand an die Stirn. Meine Wangen brannten, Náttfari grinste. „Du bist süß“, sagte er belustigt.
„Bin ich nicht!“, fauchte ich.
Er zuckte grinsend mit den Schultern. Ich schüttelte erbost den Kopf und verwünschte meinen Körper dafür, Blut in meine Wangen gepumpt zu haben. Er würde noch denken, dass ich auf diesen Quatsch ansprang.
„Wenn du mich dann entschuldigst“, sagte er freundlich und stand auf.
„Jederzeit“, murmelte ich. Ich stützte mein Gesicht auf eine Faust und schmollte, den Kopf von ihm abgewandt. Er sollte bloß abhauen. Es war eine Weile her, dass ich mich zuletzt so ungeschickt und peinlich berührt gefühlt hatte.
Ich merkte gerade noch, wie Náttfari neben mir stehen blieb, da hauchte er mir schon einen Kuss auf die rote Wange.
„Verzieh dich!“, rief ich und wollte ihm mit der Rückhand in sein überhebliches Gesicht schlagen, aber er hielt einfach meinen Arm fest. Augenscheinlich schien er gar nicht fest zu drücken, aber mein gesamter Arm fühlte sich an wie im Schraubstock. „Man sieht sich“, zwinkerte er, ließ meinen Arm wieder los, dann war er weg.
„Ich hasse Männer. Immer derselbe Mist“, grollte ich und funkelte einen Gaffer böse an, der sich sofort wieder seinem Teller zuwandte.
Kurz darauf stand ich dann auch auf, ich war schließlich längst fertig und satt.
Kapitel 7 - Teil 3
Ich saß auf dem Bett und starrte an die Wand, als die Tür aufging. Ich riss aufgeschreckt den Kopf herum.
„Ich bin’s nur“, sagte Toivo und schloss die Tür wieder.
Ich fühlte mich irgendwie erleichtert.
„Dieser Náttfari ist ätzend“, sagte ich und senkte den Blick.
„Wieso?“
„Weil er sich an mich ranmacht, deswegen.“ Ich schielte nach zu ihm hoch. Toivo reagierte anders als ich erwartet hatte.
„Was, wie meinst du das?“ In einer Sekunde war er neben mir und ließ sich auf das Bett fallen. „Wie ranmachen? Irgendwas... Schlimmes?“ Er wackelte nervös mit den Händen.
Ich sah ihn für einen Moment erstaunt an, dann musste ich lachen, laut lachen.
„Was, was ist so komisch?“ Das schien ihn nur noch mehr zu beunruhigen.
„Du bist so blöd“, grinste ich ihn an. „Nein, nichts Schlimmes... er hat mich „nur“ ausgefragt und als er vom Tisch aufgestanden ist, hat mir einen Kuss da hin gegeben.“ Ich bohrte mir einen Finger in die Wange.
Toivo gab einen leisen Seufzer von sich. „Du hast mich erschreckt.“
„Was, denkst du, der hätte sich vor den ganzen Leuten da an mir vergriffen? Und meinst du allen Ernstes, dass ich das zugelassen hätte?“ Ich musste fast schon wieder lachen. Wieder hatte ich ihn falsch eingeschätzt. Anstatt verlegen zu grinsen sah er mich ernst an.
„Das ist nicht lustig.“ Er sah wieder vor sich auf den Boden. „Das ist überhaupt nicht lustig. Du bist immer noch eine Frau.“
Jetzt wurde ich wütend. „Ja und?! Was willst du damit sagen, drück dich gefälligst deutlicher aus!“
„Ich sag ja gar nichts dagegen! Es ist nur...“ Er überlegte kurz und anstatt den Satz zu beenden, packte er auf einmal meinen Arm und presste ihn in die Polster, dann griff er sich auch den anderen, und bevor ich auch nur die Chance gehabt hatte, irgendwas zu sagen, lag ich festgenagelt in der weichen Decke, direkt über mir Toivo. Sein Gesicht sagte gar nichts.
„Was – lass mich sofort los!“ Ich spannte meine Muskeln, meine Arme zitterten vor Anspannung, aber ich konnte mich nur einige Zentimeter bewegen, bevor er den Druck verstärkte.
„Kannst du dich bewegen?“
„Was soll der Mist, lass mich endlich...!“
„Kannst du dich bewegen oder nicht?“, fragte er noch einmal etwas lauter.
„Nein, das kann ich nicht, du Vollidiot! Wenn ich es könnte, hättest du schon keine Zähne mehr! Bist du jetzt endlich zufrieden, ja?!“ Ich zitterte wieder, dieses Mal aufgrund meiner unglaublichen Wut. Was sollte das?!
„Was meinst du, was passiert, wenn ein anderer es so weit schafft? Irgendwer, der seine Macht demonstrieren oder dich umbringen oder was weiß ich noch will?“ Seine Augen waren kalt. Und auf einmal bekam ich Angst.
Er stand mit den Füßen noch am Boden. Mein Unterkörper war frei. Mit diesem plötzlichen Einfall riss ich mein Bein hoch. Toivo stöhnte kurz auf, sein Griff lockerte sich. Ich wand mich frei und stieß ihn nach vorne weg, so fest ich konnte.
„Das passiert dann, genau das!“ Zu meinem Ärger musste ich feststellen, dass meine Stimme zitterte. „Ich hab dir gesagt, du sollst von mir wegbleiben! Du bist noch schlimmer als dieser nordische Dreckskerl! Du... ach!“ Ich spürte ein paar Tränen in meinen Augenwinkeln und rauschte zur Tür. Auf dem Gang wischte ich das Salzwasser ärgerlich weg. Warum fühlte ich mich so aufgerieben, warum musste ich heulen und warum, warum lief ich jetzt weg? Es war lächerlich. Er hatte nur ein dummes kleines Spiel gespielt, mich ärgern wollen, es war nicht so, dass er auf einmal etwas gegen mich hatte...
Mein zuvor eiliger Schritt verlangsamte sich. Ich blieb stehen. Und wenn doch?
Ich schüttelte energisch den Kopf. Das konnte nicht sein, was für einen Anlass sollte er haben? Werd nicht melancholisch wegen dieser Kleinigkeit, dachte ich energisch und klemmte meine Unterlippe zwischen die Zähne. Es war vielleicht besser, wenn ich noch ein wenig allein war.
Also verließ ich die Gaststätte und trat auf die fremde Straße. Es dämmerte schon, an den Häusern entflammten überall rötlich-orange Lampen. Es roch nach den gegrillten Köstlichkeiten von den ganzen Imbissbuden – auch diese waren etwas Neues für mich, aber die Idee gefiel mir wirklich.
Als ich durch die Straßen schlenderte, nickten mir die Leute alle freundlich zu, manche falteten auch die Hände dabei wie unsere Gastgeberin heute Mittag.
Alles schien mir noch genauso ungewöhnlich ordentlich und akurat wie vor einigen Stunden. Viel zu akurat für einen angeblichen Krieg. War das am Ende doch eine falsche Information gewesen? Andererseits... Náttfari hatte gesagt, er sei Söldner... er kam von viel weiter her als wir, was sollte er hier, wenn es keinen zumindest einigermaßen großen Kampf und den dementsprechenden Sold gab, für den sich diese lange Reise lohnte?
Fragen war keine schlechte Idee. Aber ich hatte überhaupt keine Lust, einen von all diesen Fremden anzusprechen.
Nach einigen Minuten voller Ungewissheit rang ich mich dann jedoch doch noch dazu durch. Ich hielt einen Mann mittleren Alters an und fragte: „Verzeihung. Ich bekam die Information, in diesem Land herrsche Krieg. Aber hier sieht es überall so... ordentlich aus.“
Er hob zunächst die Augenbrauen, dann antwortete er: „Nun, wir achten darauf, dass alles möglichst sauber bleibt, ja...“
„Nein, nein, Sie verstehen meine Frage nicht...“ Ich bemühte mich, ruhig zu bleiben. „Ich meine, stimmt es, dass es hier einen innerländlichen Krieg gibt?“
„Ach so! Ja.“ Nun lächelte er freundlich. Ich verstand diese Leute nicht. „Tatsächlich gibt es momentan in diesem Land zwei mehr oder weniger gleichstarke Männer, die beide einen Teil des Gebietes beherrschen... Nun kam einer der beiden auf die Idee, er bräuchte mehr Fläche und sofort lagen sie sich in den Haaren... aber wir sind hier noch nicht allzu weit von der Grenz, der Kampf tobt noch ein ganzes Stück weiter innlands; wir bekommen davon gar nichts mit, eigentlich. Wir bekommen nur nach wie vor Information zu den aktuellen Ständen; unser Kommunikationssystem ist recht gut ausgearbeitet.“ Er machte eine Pause und ich schaffte es rechtzeitig, mir ein anerkennendes Lächeln abzuringen. „Jedenfalls... warum interesseirt Euch das eigentlich, wenn man fragen darf?“
„Ich bin eine Söldnerin.“
„Söldnerin?“
„Ja... wissen sie etwa nicht, was ein Söldner ist?“ Ich war ehrlich erstaunt.
„Doch, das wohl, aber... ich meine, was geben Frauen schon für Kämpfer ab, nicht wahr?“ Er lächelte freundlich, als erwarte er, dass ich das doch sicher auch so sehen müsse.
„Sehr gute, weitaus bessere als überhebliche Männer wie du jedenfalls. Guten Tag“, sagte ich kühl und machte mich wieder auf den Weg. „Arschloch“, murmelte ich im Weggehen.
Ich war erst ein paar Schritte weg, da legte sich eine Hand um meinen Arm. „Verzeiht vielmals, ich habe die Unterhaltung eben mitverfolgt – Ihr müsst wissen, das Frauenbild in diesem Land ist anders als in den meisten anderen Ländern. Hier sind wir in vielen Bereichen weniger wert als Männer. Und nach dieser Vorstellung ist auch dieser Mann erzogen worden, er weiß es nicht besser.“ Ein dunkles Augenpaar sah zu mir hoch. Die kleine Frau nahm ihre Hand wieder von meinem Arm.
„Aber er sollte in der Lage sein, selbstständig zu denken.“
Sie lächelte wissend. „Ja, das habe ich auch schon gedacht. Leider sind viele Männer nicht in der Lage, sich in andere Menschen hineinzudenken, nicht wahr?“
Ich dachte automatisch zuerst an Toivo und fand, dass man ihr da nicht ganz Recht geben konnte.
„Nun, kann sein.“ Ich seufzte. „Sagen Sie, wissen Sie auch etwas über diesen Krieg oder enthält man Frauen derartige Informationen vor?“
Sie kicherte amüsiert. „Nein, nein, ich weiß auch Bescheid. Habt Ihr noch eine Frage?“
„Ja... welche ist die stärkere Partei?“
„Da habt Ihr Glück, hier gelandet zu sein – so weit ich weiß, ist das der Mann, der auch über diesen Ort die Macht hat. Wenn Ihr Euch also seinen Truppen anzuschließen gedenkt, seid Ihr hier auf der sicheren Seite.“ Sie machte eine nachdenkliche Pause. Dann: „Wobei, wer weiß, wann sich das ändert. Das ist es eben mit dem Krieg, nicht? Man weiß nie, was passiert.“
Ich lächelte. „Ja, das kann gut sein. Vielen Dank für die Information.“
„Oh, gern geschehen, gern geschehen!“ Sie verbeugte sich freudig, als ich mich abwandte und wieder in Richtung Gasthof ging.
Inzwischen war es dunkel. Mit den Lampignons war es zwar einfach, zurückzufinden, allerdings schlich ich mich in das Gebäude, da ich keine Ahnung hatte, ob einige schon schliefen. Doch die Hausherrin kam wieder auf mich zu, als sei ich schon erwartet worden. „Das ist schön, dass Ihr kommt! Demnächst ist nämlich Nachtruhe – ich lasse danach nur ungern noch jemanden herein.“
„Tut mir Leid“, entschuldigte ich mich mit einer der üblichen angedeuteten Verbeugungen.
„Oh kein Problem, ist schon in Ordnung“, erwiderte sie die Geste.
Ich stieg die Treppe zu den Zimmern hinauf.
Vor der richtigen Tür blieb ich kurz stehen und atmete tief durch. Ganz ruhig, du hast schon oft mit ihm gestritten. Eigentlich streitest du dauernd mit ihm. Und immer kommt alles in Ordnung, auch wenn du die ungerechtfertigtesten Sachen gesagt hast. Diesmal ist es nicht anders.
Ich griff mir die Klinke und drückte die langsam nach unten, dann trat ich genauso langsam in den Raum ein und sah mich um. Hoffentlich war er jetzt wenigstens auch da.
War er.
Er lehnte am Fenster und starrte auf die Straße hinunter. Vollkommen regungslos, mit starrem Blick. Wahrscheinlich sah er nicht mal, was seine Augen erfassten, dafür sah er viel zu teilnahmslos aus. Seine Arme waren auf das Fensterbrett gelegt und verschränkt, die Hände zu Fäusten geballt.
„Du siehst jämmerlich aus“, rutschte es mir raus und ich biss mir auf die Lippe. Nicht schon wieder Streit, heute nicht mehr...
Er drehte sich um und richtete sich gleichzeitig ruckartig auf, wobei er mit dem Kopf an den Fensterrahmen stieß. Er war eigentlich zu groß für das Zimmer. „Verdammt“, hörte ich ihn mehr an sich selbst gewandt zischen.
Während er sich den Kopf hielt starrte er mich einfach nur an.
Ich senkte den Blick. Ich hatte die Leute noch nie bei sowas ansehen können. „Hör zu, das vorhin, also... es...“
„Es tut mir Leid.“
Ich sah auf. „Wie?“ Ich hatte mich gerade so sehr auf meine eigene Entschuldigung konzentriert, ich hatte kein Wort verstanden.
„Ich wollte nur... ich weiß auch nicht, was ich auf einmal hatte, ich hatte nur irgendwie Angst, du könntest leichtsinnig werden aus Selbstüberschätzung und... ach, nicht so wichtig.“ Er leckte sich kurz über die Lippen. „Es tut mir wirklich Leid, sowas wird nicht wieder vorkommen.“
Ich musste lächeln. Zwar nur ein kleines Lächeln, aber immerhin. Zumindest strahlte ich innerlich, auch wenn er das nicht sehen konnte. „Mir tut es auch Leid... die Reaktion war ungerechtfertigt...“, murmelte ich.
Er lächelte erleichtert. Eigentlich noch mehr als das, er sah heilfroh aus.
Mit aus Unsicherheit gesenktem Blick ging ich in Richtung Bett. Dann legte ich alles ab, was nachts stören würde; was bedeutete, dass ich am Ende über meiner untersten Kleidungsschicht nur noch meine Hose und ein dünnes Hemd trug. Ich musste feststellen, in was für einem Kontrast das zu dem stand, was vorhin passiert war. Welche Frau würde sich schon bis aufs Hemd ausziehen vor einem Mann, den sie zuvor als Abwehr der Nähe zu Boden gestossen hatte. Andererseits waren um meine Brust nach wie vor Bandagen und mit dem Hemd darüber sollte es kein Problem werden.
„Ich bin müde“, sagte ich, als sei das nicht offensichtlich.
„Ich auch“, gähnte Toivo. Auch er warf alle unbrauchbaren Sachen ab, allerdings ließ er ein Hemd mehr an als ich.
Einige Momente später lag ich zusammengekringelt unter der warmen Decke. Ich schlief seit sieben Jahren so, ich kam mir sonst so nackt und hilflos vor. Meine Mutter hatte immer schmerzvoll das Gesicht verzogen, wenn sie mich in dieser Haltung sah. Für mich war es meine normale Schlafpose, auch wenn mir durchaus bewusst war, dass ich nicht schon immer so geschlafen hatte.
„Nanna?“
Ich drehte mich um, so dass ich nun Toivo statt der Wand ansah. „Was?“
„Sag mal...“
„Falls du wieder das von vorhin meinst, es ist in Ordnung, wirklich. Ich hab nur einen Schreck bekommen... und ich kann es nicht ab, wenn man mich meint beschützen zu müssen...“
Er lächelte schief. „Ich weiß.“
„Ich werd schon aufpassen mit dem Kerl... ich versuche einfach, mich von ihm fernzuhalten – wir bleiben ja nicht so lange hier.“
Er nickte. „Gut.“
Mir fiel wieder ein, was ich herausgefunden hatte und öffnete schon den Mund, um es ihm zu erzählen – aber dann dachte ich mir, das könne auch bis morgen warten.
Er sah mich einfach nur an. Nur ab und zu ein Blinzeln. Irgendwie fand ich es nicht unangenehm, aber es irritierte mich.
„Was? Schläfst du schon?“, fragte ich grinsend.
Er erwachte aus seiner Trance und schien ein wenig peinlich berührt. „Nein, nein.“ Er lächelte noch einmal. „Gute Nacht.“ Dann drehte er mir den Rücken zu.
„Nacht“, wisperte ich, sodass er es nicht hörte. Ich sah noch einen Moment seinen Rücken an, dann drehte ich mein Gesicht wieder zur Wand.
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Namen & ihre Bedeutungen für dieses Kapitel:
Náttfari: isländisch „Nachtschwärmer/-falke"
Kapitel 8 - Teil 1
Ich schlenderte über den Markt und biss hin und wieder in einen saftigen Apfel. Als wir am Morgen unser Zimmer verlassen hatten, hatte unsere Gastgeberin uns an der Treppe empfangen und uns vorgeschlagen, auf den Markt zu gehen, der heute in der Stadt war. Regelrecht aufgedrängt hatte sie es uns, aber ich war ihr nicht böse dafür. Mir gefiel das Treiben seltsamerweise, wo ich doch sonst große Menschnmassen lieber mied, wenn es ging.
„Sieh mal.“ Toivo packte mich am Arm, dass ich mich fast an meinem Apfel verschluckte und zerrte mich zu einem kleinen Stand.
Auf dem Ausstellungstischchen lag alles Mögliche an Schmuck. Ich sah ihn schief an. „Was soll denn das jetzt werden?“
„Nur mal kucken. Ich find dieses Klimperzeug irgendwie nett anzusehen“, grinste er.
„Pf. Hilft uns das in irgendeiner Weise bei unserer Suche weiter? Ist eh alles zu teuer und für überkandidelte Frauen...“
„Ich nehme eine von den blauen Ketten, bitte.“
Wir drehten uns um. Náttfari lächelte mich freundlich an.
„Was machst du denn jetzt schon wieder hier?“, fragte ich genervt.
„Holla, nicht so unfreundlich“, grinste er. Er tauschte die Kette gegen ein paar Münzen und hielt sie mir hin.
„Nimm dieses Ding weg“, sagte ich trocken.
„Wie du willst.“ Er warf es kurz in die Luft, fing es wieder auf und steckte es noch mit derselben Bewegung in die Tasche. Ohne Frage ein eleganter Bewegungungsablauf.
„Was macht ihr?“, fragte er.
„Wir sehen uns nur ein wenig um“, antwortete Toivo freundlich. Dennoch kam ich nicht um den Eindruck, dass diese Freundlichkeit nicht mehr so ehrlich war wie am Vorabend. Náttfari schien es ähnlich zu gehen.
„Mh, mir scheint, ich bin euch ein wenig unsympathisch... passt auf, was haltet ihr davon, wenn wir zusammen essen gehen? Ich lade euch ein.“
Toivo schien unentschlossen, ich willigte schließlich ein. Er war zwar nervig, aber harmlos.
Náttfari kannte die Stadt erstaunlich gut und bald darauf saßen wir in einem netten kleinen Lokal in einer Seitenstraße.
Anders als beim gestrigen Abendessen bekamen wir das Essen zusammen mit einem Paar Stäbchen aus dunklem Holz vorgesetzt.
„Was zum Teufel ist das denn?“ Ich hob die Stäbe mit gerümpfter Nase hoch und betrachtete sie skeptisch.
„Essstäbchen“, erklärte Náttfari grinsend. „Das ist das normale Besteck hier.“
„Aha. Und wie benutzt man den Kram?“ Während ich das fragte, versuchte Toivo neben mir schon krampfhaft, sich die Stäbe zwischen die Finger zu klemmen.
Náttfari lachte. „Man gewöhnt sich daran. Hier, so musst du sie nehmen.“ Er nahm einfach meine Hände und friemelte die Essstäbchen zwischen meine Finger. Ich konnte nur gespannt zusehen.
„So. Versuch sie mal zu bewegen.“
Ich wackelte mit den Finger und eines der Stäbchen rutschte auf den Boden, in dem Moment, als Toivo dasselbe passierte. Náttfari musste erneut lachen und er steckte mich an.
Schließlich lief es dann darauf hinaus, dass wir eine Art Kinderbesteck bekamen, ein Paar Stäbchen mit einer Verbindung am hinteren Ende. Dann konnten wir endlich essen.
Während der Mahlzeit kamen wir ein weiteres Mal auf den Krieg im Landesinneren zu sprechen.
„Habt ihr euch schon für eine Partei entschieden?“, fragte Náttfari.
„Ja.“
„Ach, haben wir?“, fragte mich Toivo verdattert.
Ich grinste und erzählte ihm dann, was ich herausgefunden hatte. Er stimmte mir darin zu, dass es für uns nur zeitweilige Söldner wohl vorteilhaft wäre, sich den Stärkeren anzuschließen.
Náttfari zuckte mit den Augenbrauen.
„Und du?“, fragte ich ihn.
„Mh? Ach, ich... ich habe mich noch nicht entschieden...“, sagte er zögerlich, doch dann grinste er wieder. „Aber da ich jetzt weiß, welche Partei ihr vorzieht, wird der Entschluss vielleicht etwas schneller fallen.“
Daraufhin handelte das Gespräch nur noch von irgendwelchen belanglosen Kleinigkeiten, bis wir alle mit dem Essen fertig waren. Náttfari wartete nicht lange und bezahlte, worauf wir aufstanden und gingen.
Als wir gerade auf die größere Straße traten, packte mich Náttfari, der hinter mir ging, am Arm und zog mich ein Stück zurück, sodass Toivo ihn nicht mehr über den Straßenlärm hörte.
„Sag, Nanna, würdest du dich heute Nacht hier mit mir treffen, ohne Toivo?“
„Wieso?“
„Das kann ich dir jetzt schlecht erzählen, wir können nicht lange genug allein reden... es wäre allerdings absolut notwendig, dass du allein kommst. Ich... ich weiß etwas über das, was du suchst.“
Ich riss die Augen auf. Das Angebot konnte ich mir nicht entgehen lassen, so seltsam es auch klang. Aber gut, wenn er mich allein sehen wollte, warum nicht. Inzwischen hatte ich ja eigentlich auch erneut Vertrauen zu ihm gefasst. „Gut, ich komme. Und jetzt lass mich los.“
„Oh, Verzeihung“, sagte er freundlich, mit einer kleinen Verbeugung.
„Wo bleibt ihr denn?“, rief Toivo, der nun endlich unsere Abwesenheit bemerkt hatte. Wir holten auf; dann verabschiedete sich Náttfari. Er müsse noch jemanden auf dem Markt treffen, sagte er entschuldigend, dann war er im Gedränge verschwunden.
„Was hälst du wirklich von ihm?“
„Mh?“
„Na von Náttfari.“
„Wieso?“ Toivo sah mich schief an.
„Weil ich immer nicht ganz weiß, was ich von ihm halten soll, deshalb.“
Er zuckte mit den Schultern, ohne den Blick von der Straße unter ihm zu nehmen. „Soweit ist er nett, aber er ist mir ein wenig zu schmierig.“
Ich lachte. „Schmierig trifft es recht gut!“
Er wandte grinsend den Kopf.
„Was gibt’s da unten eigentlich so intressantes zu beobachten?“
„Nichts weiter. Nur das tägliche Treiben...“ Er kicherte auf einmal.
„Was?“ Ich stand vom Boden auf und kam zum Fenster.
„Da, kuck mal.“
Auf der Straße wurde ein junger Mann von einigen Mädchen umkreist. Er lächelte nur höflich, sah allerdings nicht so aus, als sei er wirklich zufrieden mit dieser Situation und wenn er sich noch so viel Mühe gab.
„Scheinbar ist Jarl nicht der einzige mit dem Problem“, grinste Toivo.
„Sicher nicht, was hast du erwartet“, grinste ich zurück, „Muss ja nicht jeder so unpopulär bei den Mädels sein wie du.“
„Das war jetzt wieder sehr diskret. Wirkt aber nicht. Ich hab mich inzwischen dran gewöhnt...“
„Wie philosophisch.“
„Ja ja, lach du nur. Ich versteh nur nicht, woran es liegt.“
„Du bist zu nett“, sagte ich mit einer wegwerfenden Handbewegung.
„Hä?“ Er sah mich an, als hätte ich etwas Seltsames zwischen den Zähnen.
„Na ja, zu viel Nettigkeit wird den meisten Mädchen schnell langweilig...“
„Quatsch. Jarl ist viel netter als ich.“
Ich grinste. „Das ist ein Unterschied. Jarl ist galant. Bis er sich aufregt, muss man ihm schon fast ein Bein abhacken, er tut alles, um es den Frauen recht zu machen und er weiß sich schön auszudrücken und all diese Sachen.“
„Wundert mich ja, dass du die Hochzeit nicht unterbrochen hast“, murmelte Toivo.
„Idiot. Für mich ist das auf Dauer nichts... ein wenig Reibung ist schon nötig, sonst hat man sich irgendwann nichts mehr zu sagen...“
„Mh.“ Das war alles, was er von sich gab. Nachdenklich starrte er an die gegenüberliegende Hauswand.
Da mir langsam dämmerte, wie er das hätte verstehen können, was ich gerade von mir gegeben hatte, wechselte ich schnell das Thema: „Was ich schon länger fragen wollte, du kannst doch schreiben, oder?“
Er sah mich ein wenig verblüfft an, dann sagte er: „Ja, ja, sicher.“
Ich boxte ihm vor die Brust.
„Wofür war denn das jetzt?“
„Ich hab damals gesagt, du sollst mir alles beibringen, was du weißt! Und was machst du, du bringst mir nicht mal richtig Schreiben bei, du Vollidiot!“
Eine Sekunde später hielt er sich den Bauch vor Lachen.
„Was ist so komisch?“, fragte ich trocken.
„Ich hab dich nur grade wieder als diese verstockte Zwölfjährige vor mir gesehen, die ein Gesicht macht, als wollte sie mir die Augen auskratzen“, kicherte er.
„So hab ich geschaut?“
Er nickte. „Ich hab vielleicht einen Schreck bekommen.“
„Ts.“
„Warum fragst du überhaupt?“
„Dann bring es mir jetzt bei.“
„Wie? Du kannst echt nicht schreiben?“
„Nicht so richtig, das hat mich als Kind nicht die Bohne interessiert. Also los.“
„Wie... jetzt?“
„Jetzt. Papier und Schreibzeug werden wir schon irgendwo auftreiben.“
„Hab ich sogar dabei...“
„Gut, raus damit, ich will anfangen.“
So, mal wieder ein längeres Stück, das lässt sich so schlecht zerstückeln...
Kapitel 8 - Teil 2
Als wir am Abend im Bett lagen, konnte ich bereits wirklich schreiben. Mit den Grundlagen, die ich noch hatte aufbringen können, war es recht schnell gegangen. Zwar klappte es nicht einmal halb so schnell wie bei Toivo, trotzdem hatte ich jetzt zumindest die Möglichkeit.
Es war zwar nett gewesen, schreiben zu lernen und für einige Stunden nicht zu streiten, aber eigentlich war es doch alles nur ein Ablenkungsmanöver gewesen. Das Thema Náttfari hatte ich ganz zu Anfang angesprochen und dann weit davon abgelenkt, sodass der Kerl hoffentlich das Allerletzte war, an das Toivo denken würde, wenn er mitten in der Nacht aufwachte und merkte, dass ich nicht da war.
Nach einiger Zeit des Wachliegens und Horchens auf unwichtige Geräusche beschloss ich, dass es jetzt spät genug war, um loszugehen.
Ich kletterte am Fußende vorsichtig über den schlafenden Toivo und schlich mich zum Fenster. Ein Blick auf die Straße versicherte mir, dass ein Sprung mir nichts anhaben würde. Angezogen war ich schnell.
Ich überlegte noch kurz. Brauchte ich irgendetwas? Mein Blick huschte zum Bett, unter dem noch immer unser Gepäck lag. Ich ging durch, was das alles war. Dann blieben die Gedanken an meinem Schwert hängen. Würde ich wohl kaum brauchen.
Ich hatte schon einen Fuß auf dem Fensterbrett, da beschlich mich ein mulmiges Gefühl.
Noch einige Augenblicke später hing ich mit den Händen am Fensterbrett und ließ mich kurz darauf auf die Straße hinab fallen – mit dem Schwert auf dem Rücken. Sicher war sicher, man konnte nie wissen.
Einmal hatte ich das Gefühl, hinter mir jemanden laufen zu hören. Aber als ich herumfuhr war da absolut nichts. Wahrscheinlich wurde ich bloß langsam aber sicher paranoid.
Während ich lief, ging ich den Weg durch, den wir am Nachmittag gegangen waren. Ich würde das Lokal sicher finden; obwohl das Gässchen so versteckt lag, war es erstaunlich leicht zu finden. Nicht schlecht von Náttfari, gerade diesen Ort auszusuchen.
Schließlich war ich da. Ich ging bedächtig in die dunkle Gasse. Man sah so gut wie gar nichts; nur die Mauern rechts und links waren mehr als spärlich vom Mond beleuchtet. Das heißt, von dem, was vom Mond zu sehen war; dunkle Wolken schoben sich über den Himmel. Wahrscheinlich würde es demnächst zu regnen beginnen.
„Hallo?“, zischte ich, während ich immer weiter vordrang. Schließlich kam ich an einer Wand an. Er war also noch nicht da.
Ich drehte mich um – am Eingang zur Gasse stand eine schattenhafte Gestalt.
„Wer ist da?“, rief ich und legte eine Hand an den Griff meines Schwertes. Es war doch gut gewesen, es mitzunehmen.
„Nimm die Hand ruhig wieder da weg, ich bin es nur.“ Sicher, das war er, ohne Zweifel. Er verließ die hell beschienene Hauptstraße und wurde von den Schatten verschluckt.
„Also, was ist so wichtig, dass du mich mitten in der Nacht in diese Gasse bestellst?“, fragte ich.
„Wie ich sagte, ich weiß, wonach du suchst und habe eine wichtige Information dazu.“ Er kam immer näher und ich fand es unheimlich, obwohl ich ihn gut hören konnte. Irgendwas war seltsam. Seine Stimme klang etwas rauer als sonst. Als er kurz von einem Lichtstrahl berührt wurde, sah ich an seinem Gürtel etwas blitzen.
Eine Klinge? Ich verspannte mich. Aber halt, ich hatte auch ein Schwert dabei, es war eine Sicherheitsmaßnahme. Was konnte er mir schon tun wollen, er mochte mich schließlich, richtig?
„Und wie lauten diese Informationen?“
„Gleich so eilig? Willst du nicht erst etwas anderes fragen?“
„Das da wäre?“ Langsam wurde es mir doch mulmig.
„Na, zum Beispiel...“ Innerhalb einer Sekunde riss er ein Kurzschert in die Höhe und ich sah seine schneeweißen, spitzen Zähne im Mondlicht blitzen. „...was es denn ist, nach dem du suchst?“
Meine Reaktion war schnell, wie immer. Mein Schwert war gezogen, kaum dass ich den Griff in der Hand hatte.
„Du weißt überhaupt nichts darüber, richtig?“
„Richtig. Ich weiß nur zufällig, dass ihr etwas sucht. Und dass du scheinbar mehr daran interessiert bist als dein einfältiger Kumpane.“
Mit einem heißen Schauer fiel mir ein, was ich gestern an dem Schmuckstand gesagt hatte.
Pf. Hilft uns das in irgendeiner Weise bei unserer Suche weiter?
„Du verdammter... warum?!“
„Weil ihr für die falsche Seite arbeitet. Stell dir mal vor, hättet ihr euch für den anderen Trupp entschieden, hätten wir Freunde bleiben können.“
„Wa...? Dieses Mittagessen war nur, um uns auszuhorchen?! Du Schwein!“
„So sind die Regeln im Krieg – es gibt keine, meine liebe Nanna.“
„Ich bin nicht deine Nanna und schon gar nicht deine Liebe!“
„Ach nein? Ganz sicher nicht?“
„Nein!“
Ich holte aus und schlug nach ihm. Er glitt mit einer eleganten Bewegung unter dem Schwert weg und hechtete nach vorn. Ich spürte einen brennenden Schmerz im Oberschenkel. Um den Schnitt färbte sich meine Hose rot. Ich stöhnte auf.
„Söldner willst du sein?“ Er lachte verächtlich. „Du bist nichts als ein kleines Mädchen! Söldner brauchen Mordlust, Kampfgeist und vor allem Erfahrung! Seit ich vierzehn bin, töte ich solche Leute wie dich!“
„Halt’s Maul!“ Der Schnitt in meinem Bein war tief, meine Bewegungsmöglichkeit dadurch eingeschränkt. Trotzdem wagte ich einen Schritt. Der Schmerz durchfuhr mich wie ein weiteres Messer.
Wieder verfehlte ich. Er war zu schnell.
Oder war er es gar nicht, lag es an mir?
„Lasch.“
Schnitt.
Schmerz.
Blut.
Eine kreuzförmige Wunde verziehrte meinen rechten Oberschenkel. Mein Bein knickte fast weg unter mir. Warum, warum konnte ich ihn nicht treffen, verdammt nochmal?!
Es donnerte und ein kalter Tropfen Wasser traf mich auf die Nase.
„Du hast Hemmungen. Ich wusste es.“ Er grinste triumphierend. „Du hast mich gern, Nanna.“
„Hab ich nicht, du Arschloch! Bleib weg oder ich schlitz dich auf!“
„Das will ich sehen. Wie ich schon sagte. Du bist zu unerfahren. Du hast nicht den Willen zu töten. Aber soll ich dir was sagen?“
Er schlug mir kraftvoll auf die Schulter. Ich sackte mit einem Schmerzensschrei auf den Boden.
Vom Himmel kamen immer häufiger Tropfen und sickerten kalt durch meine Kleidung.
Er kniete sich zu mir hinab und packte mein Gesicht. Dann kam er ganz nahe, dass ich seine raue Haut auf meiner Wange spürte und hauchte mir ins Ohr: „Ich hab ihn momentan eigentlich auch nicht.“
Ich schluckte schwer. Ich konnte meinen Schwertarm nicht heben, er blockierte ihn mit seinem Körper und das Schwert war zu lang. Den anderen Arm presste er mit einer Hand an die kalte Steinmauer hinter mir. Mein eines Bein fühlte sich taub an, das andere war zwischen den seinen eingeklemmt. Er machte mich mit dem bloßen Stillsitzen bewegungsunfähig.
„Ich bin einer von Lord Hajimes besten Männern. So leicht schlägt mich ein unerfahrenes Mädchen sicher nicht.“
Er strich in die andere Richtung mit dem Gesicht noch einmal an meiner Wange entlang.
„Weiche Haut... Wie lange hab ich das nicht mehr gespürt.“
Für einen Moment sah ich nur diese eiskalten Augen.
Dann spürte ich, was ich die ganze Zeit gefürchtet hatte. Er küsste mich, während ich seinen warmen Körper noch näher kommen spürte. Und ich konnte nicht einmal den Kopf bewegen. Ich konnte höchstens...
Mit aller Kraft, die in meinen Gesichtsmuskeln steckte, biss ich zu.
Er schrie auf und ließ meinen Arm los.
Ohne lange zu zögern schlug ich ihm ins Gesicht, dann trat ich ihm mit dem heilen Bein in den Magen. So schnell es ging, stand ich auf. Mein rechtes Bein durchzuckte ein brennender Schmerz und mein Gesicht verkrampfte sich angestrengt.
Hingefallen war er nicht, nur ein großes Stück rückwärts gestolpert. Sein Gleichgewichtssinn war gut, viel zu gut. So konnte ich nicht einmal weglaufen, was sonst wirklich nicht zu meinem Repertoire gehörte.
Inszwischen prasselte der Regen klatschend auf die Straße und verschlechterte meine Sicht noch weiter.
Ich hob mein Schwert. Ich musste abwehren und auf eine Gelegenheit warten, ihn aus der Nähe zu verletzen. Laufen ging nicht.
„Was für eine Schlange du doch bist“, fluchte er, während er sich über die Unterlippe strich. Seine Augen blitzten wie die eines hungrigen Raubtieres. „Vielleicht töte ich dich besser doch gleich.“ Er schien überhaupt nicht mehr ruhig und selbstsicher wie zuvor, scheinbar hatte ich ihn wirklich wütend gemacht.
Mit einer triumphierenden Mischung aus Lachen und Schreien hob er das Schwert in die Höhe – ich biss die Zähne zusammen und bemühte mich um einen festen Stand – und kam wieder auf mich zugestürmt.
Auf einmal knallte es laut.
Náttfari vereiste in seiner Position und atmete ruckartig aus. Dann begann er zu schreien. Presste eine Hand auf seine Schulter und schrie, während er langsam in die Knie ging. Es steckten auch Überraschung und Wut in diesem Schrei, nicht nur der reine Schmerz, das war deutlich zu hören.
Ich hörte laute, unregelmäßige Atemstöße und fokusierte meinen Blick auf’s Ende der Gasse. Da stand jemand. Mir blieb das Herz fast stehen. Noch einer, der es auf mich abgesehen hatte? Ich sank zusammen. Mein Bein schmerzte unter den Regentropfen, die immer wieder auf die Wunde trafen. Noch einer. Das konnte ich nicht schaffen.
„Du Mistkerl. Du verdammtes Drecksschwein!“
Ich horchte auf.
Mit langen Schritten kam die Person in die Gasse gelaufen. Ein Schwert hatte sie in der Hand.
Meine Unterlippe zitterte.
Ein Fuß stellte sich auf die Schulter, die Náttfari noch immer krampfhaft festhielt.
„Tut es weh? Ha?!“ Seine Stimme klang rau und tiefer als sonst. Ein Tritt und es klatschte. Nach hinten weggekippt war er, einfach so, Náttfari, der Mann, der mich noch vor einer knappen Minute fast umgebracht hätte. Er stöhnte laut auf vor Schmerz.
„Man kann niemandem vertrauen. Es scheint doch zu stimmen.“ Er klang wirklich deprimiert. Gleichzeitig rammte er eine Ferse in Náttfaris Wunde, sodass dieser erneut aufschrie. Es klang schrecklich, es ging mir durch Mark und Bein, ich hätte mir am liebsten die Hände vor Augen und Ohren geschlagen.
„Warum?“
„Weil ihr dumme Kinder seid, die keine Ahnung von dem haben, was wirklich in der Welt vor sich geht. Warum sollte ich allen Ernstes eine Freundschaft mit euch aufbauen wollen? Ihr seid zum Sterben verurteilt“, presste Náttfari zwischen den Zähnen hindurch und lachte heiser. „Ihr habt nichts von dem gesehen, was ich gesehen und durchlebt habe, nichts.“
„Sicher“, war die einzige Antwort, die von einem verächtlichen Lachen begleitet wurde.
Dann riss er auf einmal den Kopf herum. Seine Augen hatten wieder diese Härte wie am vorigen Abend. Er sah kurz an mir hinab, dann wandte er sich wieder ab und ohne ein weiteres Wort versetzte er Náttfaris Bein einen tiefen Schnitt.
Ein weiterer schrecklicher Schrei.
Kaum war das erledigt, sanken seine Schultern etwas ab, er sah nicht mehr ganz so machtvoll aus, eher so... wie immer.
Er kam zu mir, ließ das Schwert fallen, packte mich an den Schultern und fragte: „Nanna, alles in Ordnung?“
„Nein.“ Es war nur ein Hauchen, bei dem ich einige Regentropfen von meiner Lippe bließ. Meine Kleidung war durchnässt, mein Körper eiskalt.
„Du hättest nicht allein gehen dürfen...“ Er rieb mir an den Armen entlang, wahrscheinlich in dem Versuch, mich zu wärmen. „Ich hab überhaupt nicht mitbekommen, wann er dich zu diesem Treffen überredet hat...“ Er redete mehr vor sich hin, hatte ich den Eindruck.
„Ha“, hörte ich auf einmal. Ich brauchte einen Moment um zu realisieren, dass es von Náttfari gekommen war. Er hatte sich kein Stück bewegt, jetzt hob er leicht den Kopf, um mich ansehen zu können. „Wie war das? Du hast es nicht nötig, beschützt zu werden? Dass ich nicht lache. Nicht mal allein aufstehen kannst du mehr!“
„Ignorier ihn einfach“, murmelte Toivo mir zu. „Komm, ich helf dir hoch...“
„Ruhe!“, fuhr ich ihn an, stützte mich auf seine Schulter und stand schwerlich auf.
„Und jetzt tust du wieder stark.“ Náttfari lachte verächtlich. „Du bist so ein dummes Kind.“
Mit einem Mal kam alles auf einmal hoch. Der Ärger über meine eigene Unvorsicht, der Schmerz in meinem Bein, die blinde Wut auf mich, weil ich nicht in der Lage war, einen Bekannten uneingeschränkt anzugreifen, die Tatsache, dass ich allein gestorben wäre, womöglich ohne Náttfari auch nur einen kleinen Kratzer beizufügen, das alles schoss mir mit einem Mal durch den Körper.
Ich hechtete schreiend vorwärts und packte ihn beim Kragen. „Wer ist denn derjenige, der gerade am Boden liegt?!“, brüllte ich ihn an.
„Wer ist derjenige, der das veranlasst hat?“, grinste er zurück. „Du kannst allein rein gar nichts ausrichten.“
Ohne lang zu überlegen schlug ich zu.
Dann nochmal.
Und nochmal. Blut und Regenwasser spritzen auf die Straße.
Ich hörte nichts mehr. Nicht meine eigenen Schreie, nicht Toivo, der mich abzuhalten versuchte, nicht das unterdrückte Wehklagen Náttfaris.
Ich schlug immer weiter auf ihn ein. Immer weiter. Meine Fingerknöchel schmerzten, waren wund beschmiert mit seinem Blut. Er sollte nicht denken ich sei schwach, wie konnte er es überhaupt wagen? Ich wusste, dass ich irgendwelche wirren Worte ausstieß, hatte aber keinen blassen Schimmer, welche es waren. Blut spritzte mir an die Kleidung und ins verzerrte Gesicht. Er bewegte sich schon nicht mehr. So viel sah ich, aber das war auch schon alles, was ich sah. Tränen und Regenwasser standen mir in den Augen. Blinde Wut. Einen treffenderen Ausdruck kann es gar nicht geben.
„Nanna, hör auf! Hör auf!“ Meine Arme wurden gewaltvoll nach hinten gezerrt, sodass ich vor Überraschung und Schmerz aufschrie.
„Er bewegt sich nicht mehr, merkst du’s nicht?“
Ich sah auf ihn hinab. Doch, ich hatte es gemerkt, aber was das hieß, war mir irgendwie nicht klar geworden.
„Wie? Ja und?“
„Er ist tot, verdammt nochmal.“ Toivo ließ meine Arme wieder los.
Ich sah auf das entstellte, blutige Gesicht hinab. Tot. Das hieß dann... dass ich ihn umgebracht hatte.
Mir wurde auf einmal übel. Das war alles zu viel.
Aber hatte ich das nicht gewollt? Und war das nicht genau das, von dem ich gedacht hatte, es ohne jegliche Probleme tun zu können?
Scheinbar hatte ich mich falsch eingeschätzt. Wieder so ein Schicksalsschlag, mit dem ich würde leben müssen. Wieder war das, mein Schicksal, das letzte, an was ich dachte, bevor ich wegen der Erschöpfung und dem Schock zur Seite wegkippte und mit dem Kopf auf dem Pflaster aufschlug.
Als ich hochfuhr, zwang mich ein schrecklicher Schmerz an und in meinem Kopf wieder in die liegende Position. Ich landete in weichen Polstern und öffnete perplex die Augen.
Irgendwo im Raum brannte eine Kerze und erfüllte denselben mit einem dämmrigen, warmen Licht. Das Fenster war geschlossen und ich selbst vollständig angezogen, aber seltsamerweise trocken, genauso wie das Bett unter mir. Trocken und warm. Scheinbar schlief ich schon eine Weile. Ich hörte draußen auch keinen Regen mehr.
Mein Bein brannte noch immer ein wenig, aber als ich die Decke leicht anhob, erkannte ich unter der verschlissenen Hose einen Verband. Ich hob skeptisch die Augenbrauen.
Da hörte ich irgendwas leise aufplätschern.
Als ich mich danach umsah, sah ich Toivo mit einem Lappen auf mich zukommen. Er legte ihn mir mit konzentriertem Blick auf die Stirn. Dann bemerkte er scheinbar erst, dass ich ihn ansah. „Oh, du bist wach.“
Ich zuckte leicht mit den Schultern, wie ein trotziges Kind.
„Du hast mich ganz schön erschreckt vorhin“, sagte er und versuchte es mit einem schiefen Lächeln. Aber so leicht war ich nicht aufzumuntern, leider. Er senkte den Blick und wandte sich leicht ab. „Tut mir Leid, dass ich nicht früher da war.“
Ich fuhr hoch, diesmal ließ ich mich auch nicht durch die Schmerzen bekehren. Der nasse Lappen klatschte auf die Decke. „Dir hat überhaupt nichts Leid zu tun!“, schrie ich ihn an. „Ich hätte das auch allein geschafft!“
Er sah mich zweifelnd an.
„...wahrscheinlich“, hängte ich murmelnd an und sah mich gezwungen, zerknirscht den Blick zu senken.
Er schwieg kurz, dann: „Nein, hättest du nicht.“
„Woher willst du denn das wissen?!“
„Du hast Angst vorm Töten.“
Ich schrak kurz zusammen. Dann: „Was redest du da? Angst vorm Töten, so ein Schwachsinn!“
„Es ist kein Schwachsinn!“, fuhr er mich an. „Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein, sonst kann man es nicht ändern! Verdammt nochmal, Nanna, der Kerl hätte dich fast umgebracht!“
„Aber letztendlich gestorben ist er, oder nicht? Umgebracht habe ich ihn, oder nicht?“
„Aber erst, nachdem er am Boden lag! Noch dazu warst du doch blind vor Wut!“ Er schien wirklich zornig. „In der Verfassung hättest du jeden umgebracht! Aber in dem Moment, in dem es ohne mich drauf angekommen wäre, da hast du es nicht gekonnt!“
„Das weißt du doch überhaupt nicht, zum Teufel nochmal! Er hat mich ja nicht mehr angegriffen, weil du ihn vorher abgeknallt hast!“
„Ich hab ihn nicht abgeknallt. Ich hab ihn aufgehalten. Das ist ein wichtiger Unterschied.“
„Aha, also hast du auch Angst vorm Töten!“
„Nein, ich gehe nicht leichtfertig mit dem Tod um, das ist alles! Wenn er trotzdem weitergelaufen wäre, hätte ich ihn getötet!“ Er sah wieder weg. „Das ist es, was dir fehlte in deiner Ausbildung. Das ist auch kein Wunder, Jarl kann es auch nicht. Er eignet sich nicht zum Kämpfen.“
„Du behauptest also, ich eigne mich nicht zum Kämpfen?!“ Ich kochte vor Wut. Die Verletzung an meinem Kopf pochte schmerzhaft und mir wurde langsam schwindlig.
„Das hab ich doch überhaupt nicht gesagt! Warum musst du immer alles falsch verstehen? Nur hast du zu lang bei Jarl gelernt. Er kann kämpfen, sehr gut sogar, aber er tut es nicht gern. Und er würde nicht töten. Vorher würde er wahrscheinlich flüchten. Das ist auch der Grund, aus dem Broin ihn damals angegriffen hat.“
„Jetzt hat also auch noch dein Bruder kein Rückrad, ja“, fasste ich frostig zusammen.
Er atmete genervt aus. „Nein. Nicht töten wollen heißt nicht, dass man feige ist. Das ist eine Frage der... ich weiß nicht, vielleicht der Moral.“ Er legte wieder eine Pause ein, dann sprach er langsam weiter. „Es war nicht einfach, ihn nicht zu töten. Es braucht ziemlich viel, um dich dazu zu bringen, Angst zu zeigen, auch wenn du sie längst hast. Aber... du hast dagestanden wie... wie eine Maus vor einer Katze, die schon zum Sprung ansetzt. Allein dafür hätte ich ihn schon töten wollen. Aber so kann man nicht mit Menschenleben umgehen. Auch wenn es... Befriedigung bringt.“
„Warum bist du so anders, wenn du jemandem deine Macht demonstrierst“, murmelte ich.
Er sah ruckartig auf.
„Warum bekommst du so kalte Augen, warum ist deine Stimme so anders, warum bist du überhaupt in der Lage, dein Wesen zu verändern?“, rief ich.
Er sah mich kurz mit leicht geöffnetem Mund an, dann stand er auf. „Ich hab auch keine Antwort. Du solltest jetzt weiterschlafen...“
„Ich bin kein Kind und du nicht meine Mutter!“, fauchte ich.
„Es war ein Ratschlag, kein Befehl.“ Er war vollständig von mir abgewandt und klang wieder recht gefasst.
„Ich hab immer noch keine Antwort“, bemühte ich mich in ruhigem Tonfall zu sagen.
„Herrgott nochmal, ich weiß es nicht!“, fauchte nun er. „Es ist einfach so! Was würdest du denn sagen, wenn ich fragen würde, warum du manchmal auf einmal so in dich gekehrt und geduldig wirkst, obwohl du sonst immer nur Giftspritzen verteilst?“
Das hatte gesessen. Ich sah ihn für einen Moment böse an, dann drehte ich mich um und legte mich wieder hin. Schlafen war vielleicht doch besser. Auch wenn es mir lange nicht gelang.
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Namen & ihre Bedeutungen für dieses Kapitel:
Hajime: japanisch „Anfang/Beginn“
Kapitel 9 - Teil 1
„Erinnerst du dich noch?“
„Ha?“
„Hier bin ich. Nicht da drüben.“ Sie kicherte.
Ich fuhr herum und sah auf einmal in blendendes Licht, das ich zuvor irgendwie gar nicht bemerkt hatte, als ich mit dem Rücken zu ihm stand.
Lange, wellige, rotblonde Haare.
„Wer...?“ Dann fiel es mir wieder ein. „Du bist das wieder! Was willst... nein, halt! Ich weiß immer noch nicht, wer du eigentlich bist!“
Sie gab ein leises Geräusch von sich, ein Ausatmen, wie man es tut, wenn sich der Mund auf einmal zu einem Lächeln verzieht.
„Was ist jetzt schon wieder so komisch?!“
„Ich finde es nur irgendwie amüsant, dass du nicht im Geringsten in der Lage zu sein scheinst, mich zu erkennen.“
„Vielleicht hättest du endlich mal die Güte, dich umzudrehen, das würde mir dann eventuell weiterhelfen!“ Ich wusste gar nicht, warum ich so unheimlich wütend war. Aber sie regte mich auf. Sie regte mich einfach nur auf.
„Gut.“ Sie drehte sich also um. Vor ihrem Gesicht hingen ihre Haare auch. Sie hob den Kopf und strich einige Strähnen beiseite. „Na?“ Sie grinste mich aus ihrem rosigen Mund an. Ein freches Grinsen.
Ich konnte nur Luft holen und spürte auf einmal, wie mir die Tränen in die Augen schossen. Ich wollte etwas sagen, blieb aber still. Aber nicht, weil ich tatsächlich nichts sagte, sondern weil der Traum sich plötzlich aufzulösen schien.
„Nein... nein, nein! NEIN!“ Schreiend streckte ich die Arme aus, während mir die Tränen die Wangen hinunterliefen. Ich wollte sie festhalten, sie sollte dableiben, ich brauchte Erklärungen, so viele Antworten –
– meine Finger berührten etwas Weiches. Aber als ich mit einem Zucken die Augen aufriss, war es nur Toivos Brust. Er öffnete schläfrig ein Auge und sah mich ausdruckslos an. Er war noch im Halbschlaf, ganz eindeutig.
Ich richtete mich auf. Ich konnte nicht genau sagen, was es war, aber irgendetwas sagte mir, dass ich zum Fenster gehen sollte. Ohne große Rücksichtsnahme kletterte ich über Toivo hinweg. Vielleicht war es noch eine Art Verbleibsel von dem Traum, ich wusste es nicht. Vielleicht war es auch nur Einbildung. Aber auf Liegen hatte ich wirklich keine Lust mehr.
Ich riss das Fenster auf. Unten, direkt am Stall der Herberge, sah ich, wie jemand die Zügel eines Pferdes an das Brustgeschirr eines anderen band. Also doch nichts Besonderes. Mit müdem Blick sah ich ihm zu. Hatte ja nichts Besseres zu tun.
Dieses Geschirr war mir so unvertraut, dass ich erst merkte, was vor sich ging, als der Mann schon aufstieg.
Das waren unsere Pferde!
„Hey!“, brüllte ich. Mit einem Satz war ich aus dem Fenster gesprungen. Unter meinem eigenen Gewicht, aber vor allem wegen der Verletzung an meinem Oberschenkel, in der sofort der Schmerz aufflammte, sank ich kurz ein – da sah ich den Mann schon vor mir wegpreschen.
„Stehenbleiben, du Dreckskerl!“ Warum war Toivo nie da, wenn er wirklich gebraucht wurde?! Er ritt auf Asdis, dieser verdammte Dieb, Asdis hörte auf jeden Quatsch, den Toivo von sich gab! Auf mich hörte sie nicht und Kennocha war ja noch nicht einmal mein Pferd. Noch dazu konnte ich nicht so schnell rennen wie sonst und auch das nur unter Schmerzen.
Ich rannte trotzdem, was meine Beine hergaben und holte tatsächlich auf. Wir waren hier immer noch in einem Ort, er konnte das Pferd nicht zu vollem Tempo antreiben.
„Bleib stehen oder ich hol dich da runter!“, schrie ich ihn an.
Er lachte verächtlich und trat nach mir – mit Erfolg. Ich knallte mit dem Rücken an die Holzwand eines Hauses und fiel über meine eigenen Füße, da ich noch zu viel Tempo hatte. Da ritt er. Mit unseren Pferden. Ich schlug mit geballter Faust auf den Boden, dass es schmerzte. Nicht, dass wir nicht zu Fuß gehen konnten. Aber Asdis war weg.
Toivo würde mich umbringen.
Dachte ich zumindest.
Eigentlich war es fast noch schlimmer.
„WAS?!“
„Ja... ich hab’s nicht früh genug gemerkt und hab mich abschütteln lassen...“
„Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt?!“, fuhr er mich an. „Du weißt doch genau, dass sie nicht auf dich hört!“
„Ja, ich weiß. Ich dachte eben, ich krieg sie noch...“
Er lachte verächtlich. „Wie oft genau hast du schon festgestellt, dass Pferde schneller sind als du? Noch dazu mit der Verletzung.“
Langsam verlor sich meine Reue. „Hör mal, es tut mir Leid, in Ordnung?“
„Nein! Nein, es ist nicht in Ordnung! Ich versteh einfach nicht, wieso du so dumm bist!“
„Dumm? Unvorsichtig vielleicht! Hab ich jetzt Schuld an dem Diebstahl oder was?!“
„Zumindest daran, dass er auch tatsächlich durchgeführt werden konnte!“ Mir war noch nie so richtig aufgefallen, wie bedrohlich er mit seinen eins dreiundneunzig wirken konnte, wenn er wütend war. Schon gar, wenn er direkt vor einem stand. Ich trat einen Schritt zurück und sah ihm fest in die Augen.
„Ich versteh ja, dass du wütend bist, aber ich hab wirklich getan, was ich konnte.“
„Das ist es ja, du hast überhaupt nichts getan! Du hast ja nicht einmal versucht, eines der Pferde zum Stehen zu bringen!“
„Hör auf damit! Ich bin kein Übermensch, ich denke auch nicht immer an alles!“
„Du tust doch sonst auch immer so!“
Ich holte empört Luft. „Sag mal, hast du sie noch alle? Du tust ja gerade so, als hätte ich die Pferde gestohlen! Überhaupt ist dieses Theater wohl mehr als unangemessen!“
„Das sagt ja die Richtige! Wann hast du überhaupt den Stall offen gelassen? Unsere Pferde waren schließlich die einzigen Tiere im Stall!“
„Ich? Ich war kein einziges Mal bei den Pferden innerhalb der letzten zwei Tage!“
„Na, ich hab die Tür sicher nicht offen gelassen!“ Er wandte sich ruckartig ab.
Ich holte Luft, um ihn ein weiteres Mal anzuschreien, da fiel mir etwas ein. „Moment. Wenn weder du noch ich die Tür offen gelassen haben... und niemand sonst seine Tiere dort abgestellt hatte... dann muss jemand aus diesem Haus aufgemacht haben.“
Er zuckte mit den Schultern, immer noch wütend. Höchstwahrscheinlich hatte er nicht einmal zugehört.
Ich verzog das Gesicht. Dann würde ich es eben allein herausfinden. Stillsitzen konnte ich jetzt jedenfalls nicht.
Ich stürzte die Treppe hinunter und begegnete sofort unserer Gastgeberin – die mich allerdings nicht wie sonst freundlich begrüßte, sondern gespielt auf eine Liste in ihrer Hand konzentriert an mir vorbeigehen wollte.
Ohne lang zu überlegen packte ich die kleine Frau am Kragen. Sie sah mich entsetzt an.
„War das die Bezahlung für die Übernachtungen, oder was?“
„Wovon redet Ihr...?“
„Du weißt genau, wovon ich rede, verdammt!“ Ich schüttelte sie. Sie konnte mich nicht verarschen, mich ganz sicher nicht.
„Nein, nein, ich weiß es nicht! Lasst mich los, ich bitte Euch!“
„Was soll das eigentlich? Macht man das hier so, Ausländer bestehlen, ha?“
Sie riss sich los und stürzte zu meiner Überraschung auf die Knie. „Es tut mir Leid! Es ging nicht anders, ich habe Schulden und muss sie irgendwie abzahlen! Und eure Pferde waren so schöne Tiere, sie sind viel wert!“ Sie murmelte zittrig etwas in ihrer eigenen Sprache, während ihr Gesicht praktisch im Fußboden versank.
„Mir doch scheißegal. Wir hätten dir Geld gegeben, wir hätten dir wahrscheinlich sogar mehr gegeben, als angemessen gewesen wäre, wenn du einfach danach verlangt hättest. Verdammt, warum meinen alle, mich bescheißen zu können?!“
„Tut mir Leid, tut mir Leid!“ Sie verbeugte sich mehrer Male und ihrer Stimme nach weinte sie.
Wahrscheinlich hätte sie mir Leid tun sollen.
„Geschenkt. Wir reisen jetzt ab.“ Ich wandte mich um und stürmte nach oben. Nur schnell weg hier. Ich hatte wirklich keine Lust mehr auf diese zwielichtige Stadt.
„Wir gehen“, sagte ich, als ich die Tür zuknallte.
„Wie?“
„Zusammenpacken, zur Tür raus. So. Bezahlt haben wir ja schon.“
„Hä?“
Ich sah ihn kurz an, dann schüttelte ich den Kopf. „Sag mal, bist du eigentlich blöd? Das mit den Pferden war geplant, hast du’s immer noch nicht geschnallt?“
„Woher denn? Du bist ja mal wieder so mundfaul“, gab er säuerlich zurück, dann holte er sein Zeug unter dem Bett hervor. Meins nicht.
Also holte ich es selbst. Zum Glück hatten wir wenigstens unser Gepäck von den Pferden genommen. Besser selber getragen als gar keins.
Mal ein schnelleres Update, mir war gerade danach^^ Sry für meine launische Unregelmäßigkeit xDD
Kapitel 9 - Teil 2
Eine Viertelstunde später befanden wir uns auf einer leeren Landstraße, ohne eine wirkliche Idee, wo wir jetzt hingehen sollten. Immer noch herrschte dicke Luft und wir taten äußerst interessiert an der kaum vorhandenen Umwelt, auf den ersten Schritt des anderen wartend. Von mir würde er sicher nicht kommen. Andererseits sahen die Chancen dafür, dass Toivo sich versöhnen wollte, diesmal wirklich schlecht aus. Ich hatte ihm in keinster Weise gedankt, dass er mir das Leben gerettet hatte, hatte mir das Pferd stehlen lassen, das er aufgezogen hatte, und ihn trotzdem praktisch die ganze Zeit angemotzt. Ja, ja, ja, ich wusste das alles, aber ich war es absolut nicht gewohnt, den ersten Schritt zu machen. Und recht gut darin, mir einzureden, ich bräuchte eigentlich keine Versöhnung.
Andersherum hatte er sich aber ziemlich verstockt gezeigt. Das war nur sehr selten so gewesen und wenn, nicht sehr lange. Er konnte wohl kaum erwarten, dass ich mich daran so schnell, nein, überhaupt gewöhnte.
Bäume standen hier nur vereinzelt herum, sahen irgendwie verloren aus. Zudem wirkten sie nicht sehr gesund. Klein, mit trockenen, glanzlosen Blättern. Meistens umrandet von dickhalmigem, aber ebenso trockenem Gras. Je weiter wir uns von der Ortschaft entfernten, desto spärlicher wurden die Vegetation und alles andere. Ich konzentrierte mich weitgehend auf den Weg vor mir, um mich herum gab es ja ohnehin nicht viel zu sehen.
Broin flatterte langsam vor sich hin, hoch über uns. Er hatte wahrscheinlich auch keine Lust auf die miese Stimmung. Konnte ich verstehen. Ich beneidete ihn um seine Flügel.
Der Weg führte immer weiter abwärts. Je weiter talwärts wir uns begaben, desto nebliger wurde es. Man sah nicht mehr sehr weit, obwohl es längst hell war. Noch dazu war das Atmen unangenehm und unsere Kleidung wurde immer feuchter.
Wir waren schon lange unterwegs, eine Stunde mindestens, wenn nicht länger. Irgendwann entschied sich Toivo wortlos, eine Pause zu machen. Er setzte sich an einen dicken Baum, Broin ließ sich in der Krone desselben nieder. Auch ich lehnte mich an den Baum, allerdings setzte ich mich nicht, auch wenn ich mein Bündel ablegte. Sitzen war mir bei dieser geringen Sichtweite zu unsicher.
Mein Bein schmerzte. Ein leichter Schorf hatte sich schon gebildet, nach dem, was ich unter dem Verband erfühlen konnte. Blut hing in dem ehemals weißen Stoff, genässt hatte die Wunde scheinbar auch. Hoffentlich entwickelte sich das ganze nicht zu einer Entzündung.
„Hast du die Wunde desinfiziert, bevor du mich verbunden hast?“, fragte ich Toivo leise und monoton.
Er nickte nur.
So schwiegen wir eine Weile vor uns hin, während wir so gut es ging durchatmeten. Es war ein ekliges Gefühl. Hoffentlich klärte sich dieser Nebel auch bald im Tal...
Irgendetwas zischte, dann klackte es laut und ich hörte Toivo entsetzt Luft holen. Als ich mich schnell umsah, sah ich etwas Langes direkt neben seinem Kopf aus dem Baum stecken.
„Was... ein Pfeil?!“ Meine Stimme war ein wenig heiser. Ich hatte zu lange nicht gesprochen.
„Sei froh!“, ertönte auf einmal eine helle Stimme von irgendwo aus dem Nebel. „Sei froh, dass es neblig ist! Sonst wärst du jetzt tot!“
„Wer ist da?“ Ich zog mein Schwert. „Zeig dich, du feiges Kind!“
„Findest du es wirklich klug, einen Fernkämpfer im Nebel zu provozieren?“ Die Stimme kicherte albern. „Ich jedenfalls nicht.“ Es zischte erneut. Ich gab automatisch einen halb überraschten, halb angestrengten Laut von mir, als etwas meinen Arm streifte und einen feinen, jedoch nicht ganz sauberen Schnitt hineinriss.
„Oh, hab ich dich erwischt? Tut mir Leid, ich habe auf den Boden neben dir gezielt!“ Am Tonfall war zu erkennen, dass sie alles andere als das getan hatte.
„Komm endlich raus! Das ist kein Kampf, das ist ein saudummes Spiel!“, schrie ich ins Weiße, während Toivo langsam und vorsichtig aufstand. Sein Blick ruhte dabei verstört auf dem Pfeil im Baum.
„Warum, weil du nicht verlieren kannst?“ Sie kicherte wieder. „Gut, wenn du meinst. Aber nimm das Ding vorher runter.“
„Erst, wenn du nah genug bist, um nicht mehr angreifen zu können.“
Die Stimme seufzte. „Männer. Keine Kompromisse möglich.“ Ich hörte, wie etwas leise im Gras aufkam, dann gar nichts, dann knirschende Schritte, allerdings nur, weil sie vom Gras auf den kiesigen Weg getreten war.
Zuerst sah ich nur eine Silhouette, die sich leicht wie ein Vogel auf mich zubewegte, dann erkannte ich eindeutig weibliche Proportionen und dann endlich das dazugehörige, fuchsähnliche Gesicht.
Sie war klein, ging mir gerade mal bis zur Brust, aber sie sah stolz hoch.
Eine eng anliegende pinke, reich verziehrte Bluse hatte sie an, dazu eine knielange dunkelblaue Hose, ein Paar fingerlose Lederhandschuhe und zwei Schuhe aus weichem Rotleder. Die Schuhe hatten keine Sohlen. Kein Wunder, dass ich sie bei ihrem Gang zuerst gar nicht und dann kaum gehört hatte.
Sie strich sich mit einem Lächeln eine Strähne ihres kurzen Haares aus dem Gesicht, dann legte sie eine Hand auf ihre Hüfte. Die andere hing mit einem Langbogen darin hinter ihrem Rücken herunter. „Zufrieden?“
Zögerlich steckte ich das Schwert weg. „Was soll das werden?“
„Dasselbe könnte ich euch fragen. Ihr wisst scheinbar nicht, wo ihr hier seid.“ Sie grinste überlegen.
„Und du weißt es, wie?“
„In der Tat, niemand weiß es besser als ich.“ Sie legte den Kopf schief und lächelte. Alle ihre Bewegungen sahen leicht und elegant aus, ihr Gesicht war einfach nur als niedlich zu beschreiben. Das erklärte wahrscheinlich, warum Toivo sie nur ansah, nichts weiter.
„Sagst du es uns?“, fragte ich leicht genervt weiter.
„Das kommt ganz darauf an. Wenn ihr mir sagt, was ihr hier wollt – vielleicht.“
„Wir sind Söldner. Mehr kriegst du nicht zu wissen.“
Sie zog die Nase kraus und spitzte dabei die Lippen. „Mmh, so ganz reicht mir das aber noch nicht. Söldner ist gut, aber für welche Seite?“
„Wissen wir noch nicht“, sagte ich schnell, als Toivo den Mund öffnete.
Sie betrachtete mich skeptisch. Dann begann sie langsam: „Schon mal von Lord Hajime gehört?“
Ich wägte kurz die Antwortmöglichkeiten ab und sagte schließlich die Wahrheit: „Nur Schlechtes.“
Sie starrte noch einen Moment, dann verzog sich ihr Mund langsam zu einem Lächeln, dann grinste sie breit. „Gut so! Ihr seid auf der richtigen Seite! Warum sagt ihr nicht gleich, dass ihr zu uns gehört?“ Sie hielt mir eine Hand entgegen.
Zögerlich nahm ich sie. Sie schüttelte sie kräftig, dann ließ sie ruckartig los. Ich wedelte dezent mit der Hand. Ganz schön fester Griff.
„Und du? Kannst du nicht sprechen?“ Sie ging grinsend auf Toivo zu. Ich musste ebenfalls grinsen. Schließlich war sonst oft ich diejenige, die den Mund hielt.
„Was, ich? Ahm...“
Sie kicherte. „Du bist vielleicht süß. Bist du sicher, dass du kämpfen kannst?“
„Natürlich bin ich sicher!“ Er sah ungelenk zur Seite.
Sie grinste. „Dann ist ja gut. Mir nach, die Herren.“
„Hier ist nur ein Herr“, bemerkte ich trocken.
„Wie? Du willst mir doch nicht erzählen, dass das ein Mädchen ist, oder?“ Sie zeigte auf Toivo.
„Nein. Aber ich.“ Dumme Göre.
„Ach, echt?“ Sie grinste schief. „Ist mir nicht aufgefallen.“
„Merkt man irgendwie. Kann ja nicht jede so’n Kissen am Oberkörper hängen haben wie du.“
„Hey, warum so ernst?“ Sie sah mich mit gespitzten Lippen an und machte ein übertrieben ernstes Gesicht. „Du siehst ja aus, als kämest du von ner Bestattung.“
„Besser man ist auf das Schlechte vorbereitet, anstatt dauernd fatale Enttäuschungen zu erleiden.“
„Mh, so kann man es auch sehen. Man kann allerdings auch einfach nur versuchen, das Schlechte gar nicht erst kommen zu lassen.“ Sie grinste frech. „Ist ja nicht so, dass wir von einer höheren Macht gesteuert würden, oder siehst du das etwa anders?“ Sie kicherte wieder.
Ich zog verärgert die Nase kraus. „Tu nicht so klug. Du hast keine Ahnung vom Leben, du bist ein dummes Kind, das ist alles.“
„Ach?“ Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Bin ich das, ja? Zumindest Halberwachsene, wenn ich bitten darf.“
„Wenn ich Kind sage, meine ich Kind.“
„Ich bin fünfzehn!“
„Sag ich doch.“
„Hört auf damit“, meldete sich Toivo zu Wort. „Da wir ja scheinbar auf deiner Seite sind, wie du gesagt hast, dürfen wir jetzt vorbei?“
„Mehr als das. Ihr dürft mir folgen.“
„Wie großzügig“, schnaubte ich.
„In der Tat ist es das. So leicht werdet ihr nämlich sonst nicht zu Lord Dachi gelangen und bei ihm vorsprechen, das könnt ihr mir glauben.“
„Und was macht es leichter, wenn wir dich dabei haben? Wirst du irgendwelche Wachen zu Tode kichern?“ Ich schüttelte verächtlich den Kopf.
„Ich weiß ja nicht, ob das eine deiner üblichen Kampfmethoden ist“, gab sie trocken zurück, „Zu meinem Repertoire zählt es jedoch sicher nicht. Leichter wird das Ganze deshalb, weil ich zu seinen Truppen gehöre. Zu seiner Eliteeinheit, wenn man’s genau nimmt. Seit drei Jahren ist das Heer mein einziger Lebensinhalt.“
„Solltest du nicht lieber zu Hause bei deinen Eltern sein und irgendwelchen Jungs hinterherhopsen?“, fragte ich augenrollend. „Die haben doch sicher was dagegen, dass du dich an nem Krieg beteiligst.“
„Kann schon sein. Aber fragen kann ich sie schlecht.“ Ihr Blick war auf einmal nicht mehr ganz so voll von Lebensfreude.
„Wenn du schon dabei bist, erzähl uns doch auch noch den Grund, es intressiert mich brennend“, sagte ich sarkastisch, während ich an ihr vorbeimarschierte.
„Sie sind tot, darum.“
Ich blieb stehen und biss mir auf die Lippe.
„Du bist unmöglich, Nanna!“, mischte sich nun Toivo auch wieder ein. „Du musst echt immer zu weit gehen!“
„Hättest ja eingreifen können“, pflaumte ich ihn an.
„Ist schon in Ordnung“, sagte das Mädchen mit fester Stimme. „Gehen wir endlich.“
Wir liefen schon eine ganze Weile. Der Nebel hatte sich immer noch nicht gelichtet, aber unsere neue Bekanntschaft führte uns problemlos an, ohne auch nur ein einziges Mal anzuhalten.
Irgendwann ging Toivo an mir vorbei und schloss zu dem Mädchen auf. „Sag mal, wie heißt du eigentlich?“, fragte er.
„Willst du das wirklich wissen oder mich nur aufmuntern? Brauchst du nicht.“
„Nein, es intressiert mich wirklich.“
„Gut, das ist schön zu hören. Ich heiße Sayuri.“
„Das klingt schön“, lächelte Toivo und veranlasste mich damit zu einem leisen verächtlichen Laut.
„Es bedeutet kleine Lilie“, hängte Sayuri in neutralem Tonfall an und wedelte mit der Hand.
Ich blieb stehen. Wollte sie mich verarschen?
Dann fiel mir ein, dass sie ja nichts von mir und meiner Vergangenheit wusste, sie kannte ja gerade mal meinen Namen. Trotzdem. Als sie das sagte, fühlte ich ein Stechen in der Brust. Langsam setzte ich mich wieder in Bewegung.
„Und wie heißt du?“
„Toivo.“
„Hat das auch eine Bedeutung?“
„Ja, es bedeutet so viel wie Hoffnung.“
„Das ist aber ein schöner Name!“, freute Sayuri sich und klatschte entzückt in die Hände.
Toivo zuckte mit den Schultern. „Na ja, es geht...“
„Das hast du mir nie gesagt“, rief ich.
Er wandte sich um. „Echt nicht? Mh. Mag daran liegen, dass mir das eigentlich ziemlich egal ist.“
„Aha.“ Nicht, dass mich das wirklich etwas angehen würde, was ihn interessierte. Aber irgendwie tat es weh, dass er diesem Kind das beim ersten Gespräch erzählte und es mir gegenüber noch nie erwähnt hatte. Die Bedeutung meines Namens kannte er ja schließlich auch.
„Sag mal, warum bist du eigentlich mit zwölf schon dem Militär beigetreten?“, fragte Toivo weiter.
„Weiß nicht genau, vielleicht brauchte ich etwas, an dem ich mich sozusagen festhalten konnte. Meine Eltern kamen um, als ich fünf Jahre alt war und danach bin ich bei einem Töpfer aufgewachsen, der sich nicht mehr als nötig um mich kümmerte... na ja, und dann kamen eines Tages Soldaten in unsere Stadt und warben Rekruten an. Erst wollten sie mich natürlich nicht nehmen“ – sie machte ein amüsiertes Geräusch – „Aber einige der Jungen, mit denen ich immer spielte, haben sich für mich eingesetzt und na ja, schließlich haben sie sich dann doch bereit erklärt. Das war schon seltsam, als Kind zwischen lauter jungen Männern einen Eid der Treue abzulegen und eine extra angefertigte Rüstung zu bekommen und das alles...“
„Du trägst doch gar keine Rüstung“, stellte Toivo nachdenklich fest.
„Ich trage ein feines Kettenhemd, aber es stimmt, mehr nicht. Alles andere würde auch nur behindern in der Position, die ich heute habe. Aber zunächst war eben unklar, wofür ich eingesetzt werden würde.“
„Sag mal, wie weit ist es zum Herrschersitz?“, fragte ich. Dieses ganze Vergangenheitsgeschwafel interessierte mich nicht die Bohne.
„Zwei Tage werden wir schon brauchen, denke ich. Wenn wir nicht zu viele Pausen machen und weiterhin so stramm gehen.“
Über uns krächzte etwas. Ach ja, Broin. Dem hatte ich überhaupt keine Beachtung mehr geschenkt... musste er wohl gemerkt haben.
Sayuri sah zum Himmel. „Was ist das denn für ein Geier?“
„Das ist kein Geier, das ist eine Mischung aus Rabe und Habicht, wenn du’s genau wissen willst“, sagte ich trocken. „Und wenn du ihn abschießt, kriegst du Probleme.“
Sie lachte. „Ach, der gehört zu euch? Kein Grund böse zu werden, er ist nur irgendwie...“ – sie sah noch einmal hoch – „... na ja, sogar auf die Entfernung hässlich.“
Dazu sagte ich nichts – ich hatte keine Lust, ihr recht zu geben.
Kapitel 9 - Teil 3
Der Rest des Tages floss so dahin. Wir machten nur einmal kurz Rast, als Toivos Magen sich lautstark zu Wort meldete.
Die ganze Zeit unterhielten sich die beiden vor mir über unwichtige Dinge und hatten offenbar eine Menge Spaß. Ich konnte nur immer wieder schiefe Blicke mit Broin auf meiner Schulter tauschen und kam die ganze Zeit nicht um den Eindruck herum, dass Toivo sich langsam aber sicher in dieses unreife Gör verguckte. Wenn es nicht schon längst soweit war. Wahrscheinlich sogar verständlicherweise, er war auch nur ein Mann und Sayuri eins der hübschesten Geschöpfe, die mir bisher untergekommen waren (wobei ich persönlich Mallalai viel schöner fand). Aber es passte mir trotzdem nicht, weshalb ich am Abend eine ziemlich miese Laune mit mir rumschleppte.
Wir liefen inzwischen an einem leise plätschernden Flüsschen entlang, das neblige Tal hatten wir vor Stunden endlich hinter unter gelassen. Einige weiße Lichter funkelten schon am dämmrigen Himmel auf.
Irgendwann ging Sayuri vom Weg ab, auf eine Gruppe von Bäumen zu, die weder zu weit noch zu nah am Weg lag und aussah wie ein Wald im Kleinformat. Bildete also eine Art perfektes Nachtlager, das vor Regen und wahrscheinlich auch Dieben schützte. Und Kindern. Hoffte ich zumindest.
Sayuri warf ihre kleine Tasche auf den Boden zwischen den dicken Wurzeln und ließ sich dann selbst auf den weichen Boden fallen. „Ach, die Rast am Abend ist doch immer wieder das Beste an der ganzen Sache“, seufzte sie und kratzte sich am Arm. Dann fuhr sie sich mit dem Unterarm unter der Nase entlang. Ich hob die Augenbrauen, was sie natürlich sofort sah.
„Wenn man drei Jahre nur mit unmanierlichen Männern zusammen ist, gewöhnt auch frau sich sowas schnell an“, grinste sie. „’tschuldigung, wenn’s dich stört.“
„Ach, Quatsch.“ Durfte ich mich nicht mal mehr wundern...?
„Gut, dann... essen wir was?“, fragte sie grinsend.
„Gern!“, nickte Toivo.
„Meinetwegen“, sagte ich schulternzuckend. Broin flatterte zustimmend mit den Flügeln und veranlasste Sayuri zu einem perlenden Lachen.
Nach dem Essen legten wir uns sofort schlafen. „Morgen schmeiß’ ich euch früh raus“, warnte Sayuri noch lächelnd. Dann war sie auch schon weggenickt.
Schwarz.
Aber diesmal war ich ja vorbereitet.
„Du bist hier irgendwo, oder?“, fragte ich unsicher.
„Ja, hier.“
Ich drehte mich um. Kein gleißend helles Licht dieses Mal, nur ein Schimmer um sie herum, gerade hell genug, um mich überhaupt etwas sehen zu lassen.
„Du hast geweint beim letzten Mal“, sagte sie deprimiert.
Ich senkte den Blick. „Ja...“
„Warum? Liegt es an mir?“
„Nein!“, rief ich und riss den Kopf hoch, dann schüttelte ich ihn energisch. „Nein, nein, alles nur das nicht.“
Sie lächelte erleichtert.
„Es ist nur...“ Ich brach ab. Wie sollte ich das sagen? Ist schon komisch, einer Toten im Traum zu begegnen, weißt du?
„Ich wäre auch überrascht gewesen, wenn ich dich nicht aufgesucht hätte“, lächelte sie mit schiefgelegtem Kopf.
Ich musste lächeln. „Du kannst immer noch meine Gedanken lesen, was?“
Sie lachte fröhlich. „Wie ein Buch! Aber bei mir ist es ja gut aufgehoben.“
„Ich weiß.“ Schweigen. Wo sollte ich nur anfangen? Mein Kopf sank immer weiter ab.
„Nanna, was ist?“
Ich nahm all meinen Mut zusammen. Mein Herz klopfte wie verrückt. „Bist du... bist du mir böse?“
„Wieso sollte ich dir böse sein?“, lachte sie freundlich.
„Vielleicht, weil ich dich umgebracht habe...?“
Ihr Lachen verstummte, dann sah sie auf einmal sauer aus. „Wie kommst du auf so eine blöde Idee? Das Seil ist gerissen, was kannst du denn dafür?“
„Du redest gerade so davon, als sei es egal...“
„Nein.“
Ich sah überrascht auf.
„Nein, es ist nicht egal. Aber du bist nicht schuld. Selbst wenn du es nicht mal mir glauben willst.“
„Was heißt nicht mal dir?“
„Den anderen hast du es doch auch nicht geglaubt.“
„Was...?“
„Ich habe dich beobachtet. Eigentlich alle, die mir wichtig waren. Nur hatte ich nie den Mut, mit irgendwem in Kontakt zu treten. Und der Wunsch mich wiederzusehen verblasste langsam bei allen, sogar bei meiner Mutter. Wenn der Wunsch nicht stark genug ist... würden sie gar nichts von mir mitbekommen in ihrem Traum...“ Sie sah sehr niedergeschlagen aus. Ich spürte einen Stich im Herzen. Wenn sie nicht gefallen wäre, müsste sie sich jetzt nicht damit herumplagen... dann wäre sie bestimmt schon verheiratet, so schön, wie sie war...
„Du denkst schon wieder daran“, grollte sie. „Ich habe... ich habe selber entschieden, deiner Bitte nachzugeben, ich hätte dir das Seil auch verweigern können. Also hör endlich auf, dich dauernd schuldig zu fühlen, das macht dich kaputt.“
„Aber...“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich konnte doch die Gefühle, die sich über all die Jahre immer weiter gefestigt und festgebissen hatten nicht mit einem Schnippsen einfach abstellen... es fiel mir schwer genug, nicht in Tränen auszubrechen, ich wusste irgendwie nicht mehr so ganz, was ich denken sollte... sie war doch tot... wie konnte das sein, dass ich ihr jetzt gegenüberstand und mit ihr redete, von ihr aus wahrscheinlich am Besten, als wäre nie etwas passiert...
„Ich bin eine Seele, Nanna. Eine bloße... Existenz, die herumschwirrt und von niemandem mehr wahrgenommen wird, die die Menschen nur als Erinnerung noch kennen. Weißt du... kannst du dir vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn man feststellt, dass doch noch jemand an einen denkt?“ Erst jetzt bemerkte ich die Tränen in ihren hellblauen Augen. Sie unterdrückte mühevoll ein Schluchzen. „Als du dich auf die Reise machtest, hatte ich die Hoffnung schon fast verloren darauf, dass du noch in irgendeiner Weise an mich dachtest. Du hattest so viele andere Dinge – Toivo, Jarl, den Schwertkampf, Alfsig, Broin, Siv... wo sollte da noch Platz sein für mich?“ Sie machte eine Pause und holte Luft. Ich konnte sie nur sprachlos anstarren. „Aber als ich dir dann folgte, wurde mir klar, dass irgendwo mein Sturz und damit... ich der Auslöser für diese Reise war...“ Sie wischte sich das Wasser von der Wange. „Ich weiß, wonach du suchst. Ich weiß glaube ich auch, wo du es finden kannst.“
„Was?!“, rief ich aus. Die Tränen, die mir langsam in die Augen zu klettern drohten, verschwanden augenblicklich.
„Ja.“ Sie sah irgendwie unsicher aus, als sie das sagte. „Ja, nur... ich kann es dir nur zeigen, dir Zeichen geben, es lässt sich nicht gut genug beschreiben...“
„D... du warst das?“, fragte ich fassungslos. „Du warst das, die mir die roten Zeichen gab?“
„Nein!“, rief sie und wirkte auf einmal panisch. „Nein, das war nicht ich, das waren sie!“ Sie schlug sich eine Hand auf den Mund.
„Sie? Wer sie? Die... Schicksalschmiede?“
„Ich kann nicht“, sagte sie kopfschüttelnd.
„Was kannst du nicht?“
„Ich... oh, deine Freundin versucht dich zu wecken. Ich muss gehen...“
„Sie ist nicht meine Freundin! Warte!“ Sie wurde immer dunkler und kleiner, ich konnte mich aus irgendeinem Grund nicht von der Stelle bewegen. „Bleib hier, bitte! Lilja!“
Kapitel 9 - Teil 4
Etwas klatschte mir auf die Wange und verursachte einen brennenden Schmerz.
Ich riss die Augen auf.
„So. Das wurde auch Zeit!“ Sayuri sah mit besorgtem Gesicht auf mich hinab. „Du hast komisches Zeug geredet und wolltest nicht aufwachen... wir haben uns schon Sorgen gemacht!“
Kommentarlos erwiderte ich ihre Ohrfeige und stand dann ruckartig auf, sodass mein Kreislauf umkippte und ich fast mit ihm. Scheißtag. Das wusste ich jetzt schon.
„Da versucht man zu helfen und dann sowas“, maulte sie und ging, ihre Wange reibend, zu ihrem Gepäck zurück.
Ich schulterte ebenfalls meine Sachen und ging dann auf den Ausgang aus dem Miniwäldchen zu.
„Warte doch mal!“, rief Sayuri hastig. Als ich mich umdrehte, sah ich wie Toivo, schon fertig bepackt, neben ihr stand und wartete. Ich verdrehte genervt die Augen. „Beeil dich halt mal ein wenig, so schwer kann das doch nicht sein.“ Dann ging ich weiter.
Kurz darauf kam sie leichtfüßig neben mich gehüpft. „Sag mal, warum magst du mich eigentlich nicht?“
Ich sah sie genervt an. „Es ist nicht so, dass ich dich nicht mag, aber du gehst mir tierisch auf die Nerven.“
„Oh.“ Sie sah kurz nachdenklich geradeaus, dann fragte sie: „Was nervt dich denn? Vielleicht kann ich ja was daran ändern.“
„Ich glaub nicht, dass du das kannst. Du bist einfach so. Die ganze Zeit dieses Rumgehopse und... ach, was weiß ich. Einfach nur deine Art.“
Sie schürzte die Lippen. „Das ist in der Tat nur schwer zu ändern... soll ich lieber stramm gehen?“ Sie setzte die Schritte schwerer, rollte nicht mehr ab und machte die Beine steif. Dann musste sie lachen.
Ich schüttelte den Kopf. Allerdings konnte ich nicht bestreiten, dass sie auch irgendwas für sich hatte.
Den ganzen Marsch zum Weg zurück sagte niemand mehr ein Wort. Toivo aß irgendeine Frucht als Frühstück und schlenderte kauend hinter mir und Sayuri her.
Als wir einige Minuten gelaufen waren, hörten wir hinter uns Pferdegetrappel. Ich sah mich um, just in dem Moment, als Sayuri herumfuhr und in derselben Bewegung ihren Bogen zusammen mit einem Pfeil aus dem Köcher zog und spannte.
„Anhalten!“, schrie sie den Fahrer des Planwagens an. Sofort griff er erschrocken in die Zügel.
„Über diesen Weg kommt man ausschließlich zur Festung Lord Dachis! Was wollt ihr dort?“, fragte sie mit scharfer Stimme. Ich erkannte sie kaum wieder.
„Ich liefere Lebensmittel. Nicht schießen, bitte“, sagte der Mann mit zittriger Stimme.
„Aha. Würdet ihr den Wagen durchsuchen?“, bat sie uns in freundlichem, aber bestimmtem Tonfall.
Also taten wir es. Tatsächlich waren in dem Wagen nur Lebensmittel. „Alles in Ordnung!“, rief Toivo.
„Gut.“ Sayuri nahm ihren Bogen runter, als wir wieder zu ihr liefen. Sie sah jetzt wieder freundlich aus. „Ihr könnt weiterfahren. Eine gute Fahrt noch.“ Sie lächelte.
Der Fahrer nickte unsicher und gab seinen Pferden den Befehl, weiterzulaufen. Da kam mir eine Idee.
„Einen Moment noch“, sagte ich. „Wenn er uns mitnimmt, sind wir schneller, oder nicht?“, fragte ich Sayuri. Sie überlegte kurz und nickte dann. „Stimmt. Also aufsteigen. Und wenn es Euch nicht stört, etwas schneller bitte“, lächelte sie den Fahrer an. Der nickte und als wir im Wagen auf einigen Fässern saßen, setzte er sich wieder schaukelnd in Bewegung, diesmal schneller.
„Ich hab mich eben ziemlich erschreckt“, sagte Toivo.
Sayuri lächelte entschuldigend. „Gerade in Kriegszeiten muss jedes kleinste Etwas kontrolliert werden, dass in die Burg soll. Und es ist besser, gleich einen rauen Ton anzuschlagen, sonst wird man eventuell nicht ernst genommen. Gerade, wenn man so klein ist wie ich.“
Toivo und ich nickten verständnisvoll.
Der Rest der Fahrt verlief eher still. Ich sah aus der Rückseite des Wagens und betrachtete die Landschaft hinter uns. Wir kamen jetzt auch ein paar Mal an Wachen vorbei, die Sayuri alle mit einer tiefen Verbeugung begrüßten. Sie musste wirklich einen hohen Rang haben.
Aber die Landschaft sah mir immer noch nicht kriegerisch genug aus, genauso wenig kamen wir an irgendwelchen Schlachten vorbei. Auf meine Frage hin sagte Sayuri grinsend: „Das liegt daran, dass Hajime momentan im Nachteil ist. Die Kämpfe finden alle in seinen Hoheitsgebieten statt. Ist nicht weiter verwunderlich, er hat schon einige seiner Eliteleute verloren und seine Truppen sind auch nicht gerade in Hochform.“ Sie lehnte sich mit einem selbstzufriedenen Gesicht gegen die straff gespannte Plane. „Während Lord Dachi stets darauf bedacht ist, dass wir auf den Ernstfall vorbereitet sind oder werden, hat Hajime in den letzten Jahren praktisch nur gefaulenzt. Den Leuten in seinem Gebiet geht es nicht sehr gut. Sein ganzer Hoheitsbezirk ist verwarlost.“ Sie rümpfte die Nase. „Ich stamme ursprünglich aus seinen Gefilden. Meine Mutter war aus Atlar und...“
„Atlar?“, unterbrach sie Toivo aufgeregt. „Wirklich, da kommen wir her!“
Sie lächelte. „Ja, ich weiß. In den anderen Ländern gibt es nur wenige, die die allgemeine Sprache völlig akzentfrei sprechen. Außerdem seid ihr beide sehr hochgewachsen und schlank. Wobei...“ Sie sah an mir herab. „Was seltsam ist, ist, dass deine Füße so vergleichsweise klein sind. Sogar meine sind größer.“
Da hatte sie Recht. Ich hatte schon immer ziemlich kleine Füße gehabt. Für scharfe Augen ein eindeutiger Beweis, dass ich kein Mann war, wie für das Mädchen in der seltsamen Stadt, in der ich Mallalai getroffen hatte.
„Ich weiß auch nicht, woran es liegt“, sagte ich schulterzuckend und wackelte mit meinen kleinen Füßen. „Vielleicht bin ich ja eine Missgeburt“, grinste ich. Die beiden lachten.
Aber eigentlich war das gar nicht mal so witzig. Schließlich brachte ich anderen dauernd nur Unglück und Ärger, das war doch wohl nicht normal.
„Na ja, weil unsere Familie sozusagen unrein war, wurden wir immer etwas gesondert behandelt“, kam Sayuri auf ihr Thema zurück und runzelte die Stirn. „Hajime ist ein grausamer Dummkopf. Er hat keine Ahnung von Menschen und duldet Fremde nur dann, wenn sie außergewöhnliche kriegerische Qualitäten vorweisen können. So wie dieser Pimpf damals...“ Ihr Gesicht verspannte sich hasserfüllt. „Niemand von uns bei Lord Dachi weiß, wo und wie er eigentlich her kam. Er war einfach auf einmal da, genauso wie sein Meister vor ihm. Sie standen in unserer Tür und starrten uns an mit ihren seltsamen Augen... und keiner aus der Stadt traute sich, uns zu helfen...“ Ihre Hände ballten sich zu Fäusten.
Toivo sah mitleidig aus, ich merkte, wie ich mich verspannte. Was war passiert?
„Mein Vater sagte, ich solle laufen... also versteckte ich mich irgendwo, unter einem Tisch mit langer Decke, glaube ich. Dann hörte ich nur noch das Flehen und Schreien meiner Eltern und das Kichern von dem Jungen, wie er sich darüber lustig machte, wie erbärmlich sie doch aussähen.“ Sie schauderte. „Ich war fünf Jahre alt, ich konnte mich nicht bewegen... schon gar nicht, als sich der Geruch von Blut langsam ausbreitete...“
Ich verzog angeekelt das Gesicht. Was für Feiglinge, einfach so wehrlose Menschen abzuschlachten...
„Und dann?“, fragte Toivo heiser und räusperte sich.
„Sie haben mich gesucht, der Junge zumindest. Er war etwas jünger als ich jetzt, glaube ich. Dreizehn vielleicht. Aber er schien gar nicht genug vom Töten zu kriegen, er trampelte durch das ganze Haus, bis ihn sein Meister zurückrief. Und diese stählernen Augen hatte er, nein, eigentlich wirkten sie eher wie Eis. So kalt wie das Eis in dem Land, aus dem er und sein Meister kommen.“
Ich runzelte die Stirn.
„Danach zog mich dann ein Töpfer auf... und bald ging ich eben zur Armee, ursprünglich nur aus dem Beschluss, die beiden zu finden und zu töten.“
„Wie haben es denn Lord Dachis Männer geschafft, in Hajimes Bezirken Rekruten zu suchen?“, warf ich skeptisch ein.
„Sie haben damals nur Kinder gesucht, unter dem Vorwand, sie wollen nur die Kinder, die keiner haben will, bei ihnen zu Pflegeeltern geben. Und da Hajime sowieso gern lieber andere die Drecksarbeit machen lässt, dachten die Wachen an der Grenze wohl auch, dass das wohl in Ordnung wäre. So hat man es mir zumindest erzählt – damals waren die Verhältnisse noch nicht so angespannt wie momentan.“
„Und weißt du, wie du an die beiden herankommst?“, fragte Toivo, inzwischen scheinbar wirklich gebannt von Sayuris Geschichte.
„Der Krieg ist natürlich die Gelegenheit. Vom Meister, Vin, weiß ich, dass er sich immer in Hajimes Nähe aufhält, nur habe ich keine Idee, was mit dem Schüler ist... der war sehr lange immer im Schlepptau, aber seit einer Weile wird er viel für Arbeiten im Untergrund eingesetzt, nach dem, was ich weiß. Daher habe ich keine Ahnung wo es ist, das Schwein...“
Ich schürzte die Lippen. „Kennst du seinen Namen?“
Sayuri runzelte nachdenklich die Stirn. „Natürlich habe ich Nachforschungen angestellt... ich weiß aber im Grunde über ihn nur, dass er noch einen älteren Bruder hat, der ebenfalls von Vin unterrichtet wurde. In der Burg kennen ein paar meiner Kameraden zumindest dessen Namen, wenn dich das weiterbringt. Wieso fragst du überhaupt?“
Ich schwieg einen Moment, dann sagte ich langsam: „In so einer Stadt sind wir einem Mann aus Ankad über den Weg gelaufen... Náttfari. Sagt dir der Name was?“
Sie sah mich an wie einen Geist, dann stammelte sie: „Ja, das ist sein Name, glaube ich, der des Bruders. Was heißt über den Weg gelaufen?“
„Er hat uns darüber ausgehorcht, auf welche Seite wir uns schlagen wollen und dann versucht, Nanna umzubringen“, sagte Toivo und klang auf einmal gereizt.
Sayuri gab einen empörten Laut von sich. „Dieser Mistkerl! Und wie seid ihr ihn losgeworden?“ Sie sah mich fordernd an, fast, als könne ich noch im Nachhinein bestimmen, was ich getan hatte.
„Ich hab sein Gesicht zu Brei geschlagen“, sagte ich trocken. Das hatte sie ja wohl hören wollen.
„Ha!“, rief sie, ohne jegliche Anzeichen ihres sonst so mädchenhaften Verhaltens, und schlug sich triumphierend auf’s Knie. „Nichts anderes verdient hat er! Aber ihr müsst echt verdammt gute Krieger sein, um ihn zu Boden zu kriegen!“ Sie sah mich ehrfürchtig an. Ich wich ihrem Blick aus. Ihr schien es nicht weiter aufzufallen und zu meiner Erleichterung sagte Toivo nichts.
Nach einem langen Tag auf dem Wagen kamen wir am Abend endlich an der Burg an. Wachen hielten den Wagen an.
„Kommt, wir steigen lieber ab, sonst kriegt der Mann Probleme“, sagte Sayuri und sprang aus dem Wagen.
„Kennen die dich nicht alle?“, fragte ich und stupste Broin in die Seite, der aufgeplustert vor sich hindöste.
„Doch, aber trotzdem. Es geht um’s Prinzip.“
Wir gingen um den Wagen herum, wieder wurde Sayuri mit einer Verbeugung begrüßt, die sie mit einem knappen Nicken annahm. „Wer ist das?“, fragte der Wachmann trotzdem mit einem Fingerzeig auf Toivo und mich.
„Rekruten.“
„Und wenn sie Spione sind?“
„Sind sie nicht. Und wenn sie es doch sind, übernehme ich die Verantwortung. Und jetzt entschuldigt uns bitte.“ Sie klang so zackig und sachlich.
„Was ist das denn?“, fragte er weiter und wies auf Broin.
„Ein Vogel, was denn sonst“, erwiderte ich trocken. Der Wachmann verzog ärgerlich das Gesicht. Sayuri warf mir einen warnenden Blick zu. „Der ist auch sicher“, sagte sie.
Dann ging sie auf das große Tor zu, wir folgten ihr.
Kurz darauf betraten wir das Gemäuer. Riesige Teppiche mit seltsamen Zeichen und farbenfrohen Stickereien hingen von den sonst kahlen Wänden, dazwischen waren Fackeln angebracht. Alles schien viel zu sauber für eine Burg.
Wir befanden uns scheinbar auf einer Art Hauptstraße im Inneren dieser Burg. Dauernd liefen uns Leute von quer verlaufenden Gängen her über den Weg. Einige sprachen Sayuri ebenfalls auf uns an, jedesmal gab sie dieselbe Antwort: Man könne uns vertrauen und dafür würde sie garantieren.
„Wieso überprüfen die deine Aussagen nicht weiter?“, fragte ich.
„Ich hab doch schon mal gesagt, ich hab einen ziemlich hohen Rang hier. Mich zu lange in Frage zu stellen, wäre als Untergebener unhöflich. Übrigens steht es dir nicht zu, einen Wachposten in derartigem Tonfall anzusprechen, du bist noch nicht einmal eingeschrieben.“ Sie klang sehr spitz, als sie das sagte.
Ich gab einen verächtlichen Laut von mir. „Ich sage, was ich will. Anmaßend war das eben nun wirklich nicht, was war das auch für eine dämliche Frage.“
„Der Vogel könnte auch eine Art Tasche sein, in der du irgendwas einschmuggelst.“
„Klar, eine Tasche, die auf meiner Schulter sitzt und blinzelt.“
„Theorethisch!“, fauchte sie mich an und blieb stehen. „Es gibt hier Regeln, ohne die gar nichts läuft! Wenn du dich nicht mal an die halten kannst, fliegst du morgen wieder raus!“
„Komm, Nanna, lass es gut sein“, mischte sich Toivo ein, als ich den Mund öffnete. „Beim Militär geht es eben nicht ohne Regeln.“
Sayuri nickte ihm dankbar zu. „Das meine ich.“
„Yuri!“
Wir fuhren alle herum. Ein junger Mann mit jeweils einem Eimer in beiden Händen stand nicht weit entfernt von uns und strahlte in unsere Richtung. Ich hob erstaunt die Augenbrauen. Weiße Haare, porzellanfarbene Haut und blutrote Augen. Was war das denn für einer?
„Shiro!“, rief Sayuri mindestens ebenso begeistert, auf einmal wieder in ihrer alten Verfassung. Sie rannte auf ihn zu und umarmte ihn stürmisch.
Toivo und ich sahen uns verwirrt an. Wie war das eben gewesen mit den Regeln und der Diskretion?
Als wir näher kamen, schnatterten die beiden in einer uns fremden Sprache aufeinander ein. Ich konnte nur große Augen machen. „Was...?“, rutschte es mir heraus.
Sofort stoppte Sayuri ihren Redefluss und grinste uns an. „Entschuldigt. Das hier ist Shiro. Er ist aus demselben Dorf wie ich und auch schon genauso lang bei der Armee. Und er ist mein bester Freund.“
„Guten Tag.“ Shiro nickte freundlich. „Wie man sieht, steigt nicht jeder so schnell auf wie Sayuri. Ich muss hier immer noch von Zeit zu Zeit das Wasser schleppen.“ Er grinste.
„Ähm“, begann ich. Wie sollte man das denn fragen? Aber ich wollte es unbedingt wissen. Ich hob einen Finger. „Wieso bist du so... weiß?“
Er sah mich für einen Moment perplex an, dann lachte er schallend. Ich schürzte verärgert die Lippen.
„Tut mir Leid, aber das haben mich schon so viele gefragt. Nur noch niemand so direkt wie du.“ Er kicherte noch kurz in sich hinein, dann räusperte er sich. „Ich bin ein Albino.“
„Ihm fehlen die Dinger, die die Farbe am Körper machen“, lächelte Sayuri und piekste sich erklärend am eigenen Arm herum. „Und die Augen sind rot, weil man das Blut dahinter dann durchsieht.“
Shiro seufzte halb im Scherz. „Sie kann das schon besser erklären als ich. Immer musst du mir das Wort aus dem Mund nehmen.“
Sayuri streckte ihm frech die Zunge heraus. Dann stellte sie sich stramm hin. „So, aber jetzt muss ich die beiden hier zu Lord Dachi bringen.“
„Was denn, ihr wollt allen Ernstes im Krieg der Armee beitreten?“ Jetzt war es an Shiro, große Augen zu machen.
„Ja. Wir haben da so unsere Gründe“, nickte ich.
„Ja, so geheime Gründe sogar, dass nicht mal ich sie so ganz verstehe“, sagte Toivo argwöhnisch.
„Ach, halt die Klappe“, pflaumte ich ihn an. Es passte mir überhaupt nicht, wie er mich meinte behandeln zu können, seit Sayuri da war.
Shiro grinste. „Jaja, die kleinen Streiterein, was? Aber wie heißt es so schön, was sich liebt, das neckt sich.“
„Wie bitte?!“ Das kam so synchron, als hätten wir es einstudiert. Das war wohl auch der Grund, aus dem Sayuri und Shiro im nächsten Moment losprusteten.
„Und wieso bist du bei der Armee?“, fragte ich Shiro schnell und fuhr mir unbeholfen über das Gesicht, als könnte ich so das Blut aus meinen Wangen schieben.
„Was, ich? Mh, ich bin mit Sayuri mitgegangen, weil ich nicht wusste, ob sie allein zurechtkommt“ – grinsend nahm er den Ellenbogen in Kauf, der in seine Seite stieß – „und wer denkt nicht mal darüber nach, zum Militär zu gehen? Es ist schließlich eine große Ehre. Außerdem hatte ich Probleme mit der Familie.“
Sayuri gab einen verächtlichen Laut von sich. „Deine Mutter ist so eine Schnäpfe...“
„Nun, so kann man es auch ausdrücken...“
„Was ist denn mit ihr?“, fragte Toivo.
„Sie war nicht in der Lage zu akzeptieren, dass ich das mit der Liebe nun mal anders sehe als die meisten anderen Männer, vorsichtig ausgedrückt.“
Ich hob ahnungsvoll die Augenbrauen, Toivo machte ein fragendes Gesicht.
Shiro grinste provokant. „Ich bevorzuge Männer.“
„Oh, achso“, nickte Toivo. „Und damit hatte sie ein Problem?“
„Scheinbar. Aber was soll man auch erwarten... nur kann ich es mir schlecht aussuchen.“
Ich schürzte nachdenklich die Lippen. Gehört hatte ich ja schon von solchen Menschen und die Idee irgendwie abstossend gefunden. Allerdings benahm sich Shiro eigentlich ganz normal... aber ob die wohl alle so weiß waren? Eine seltsame Vorstellung...
„Ach so, aber solltest du nicht eigentlich auf deinem Beobachtungsposten sein?“, wandte sich Shiro wieder an Sayuri.
„Doch, doch, da war ich ja auch, so hab ich die beiden hier entdeckt. Oh, weißt du was, Náttfari ist tot.“
Shiro machte große Augen. „Nein!“
„Doch“, grinste Sayuri.
„Hast du ihn etwa umgebracht...?“
„Nein, das... waren wir“, sagte ich mit einem Seitenblick auf Toivo.
„Ach so. Alle Achtung. Das muss ich bei nächster Gelegenheit unters Volk bringen. Wie heißt ihr eigentlich?“
„Toivo. Und das hier ist...“
„Nanariel.“ Ich ignorierte die irritierten Blicke, die mir zwei Augenpaare zuwarfen.
„Interessante Namen... Ihr seid aus Atlar, richtig?“, fragte er weiter und betrachtete uns genauer.
„Richtig.“
„Ha, meine Augen täuschen mich nicht, so farblos sie auch sind“, grinste er.
„He, Shiro! Beweg dich, sonst mach ich dir Beine!“, hallte eine wütende Stimme durch den Gang.
„Ah, ich wusste, dass das passiert... Verzeihung, ich beeile mich!“, rief er mit einem Nicken zurück.
„Das will ich auch hoffen! Wenn ich dich nochmal rumtrödeln sehe, kürz’ ich dir die Ration, verdammter Faulpelz!“
Shiro nickte bloß stramm, dann packte er seine Wassereimer. „Tja, das ist der Grund, aus dem ich noch nicht wirklich aufgestiegen bin, nehme ich an... man sieht sich!“ Dann flitzte er los.
Sayuri schüttelte den Kopf, dann sagte sie: „So, und wir gehen jetzt auch weiter. Ich erkläre euch auf dem Weg, wie ihr euch vor dem Lord zu verhalten habt.“
Wupsala, dieser Post wird etwas unproportional klein im Vergleich zu den anderen... : D
Kapitel 9 - Teil 5
Ein riesiges Tor mit schnörkeligen Verziehrungen versperrte uns die Sicht zum Thronsaal, als Sayuri mit den Wachen sprach. Ich fühlte mich ein wenig eingeschüchtert. Was für ein Mann musste sich hinter solchen Türen verbergen...?
Die Wache betrat den Raum hinter der Tür, kam kurz darauf wieder heraus und wechselte wiederum einige Worte mit Sayuri.
„Wir können jetzt eintreten“, sagte sie zu uns und schritt durch das sich langsam öffnende Tor.
Wir kamen zögerlich nach.
Der Raum war vom Licht geflutet, das durch die Fenster drang. Wir befanden uns im einzigen Turm der Burg und überall waren Fenster in den Mauern, die einen großen Kreis formten. Auch hier hingen Wandteppiche mit Darstellungen von Schlachten und wiederum viele dieser Zeichen, die so schön und kompliziert aussahen.
Vom Umsehen hätte ich fast vergessen, mich hinzuknieen, wie Sayuri es uns gesagt hatte.
Dann sah ich den Mann, der für’s Erste mein Herr sein sollte. Er war vielleicht ein paar Zentimeter größer als ich und doch wirkte er so erhaben. Sicher trug auch der Mantel dazu bei, der ihm von den Schultern hing, aber das war es nicht. Vielleicht lag es an dem Glanz in seinen Augen, vielleicht an der Erfahrung und Entschlossenheit, die in jeder Pore seines Gesichts zu liegen schien. Und dabei wirkte er nicht einmal sonderlich alt. Sein Haar war voll und ich sah keine einzige graue Strähne. Genauso war es mit dem eleganten, spitzen Kinnbart.
„Lord Dachi“, sagte Sayuri in viel tieferem Tonfall, als sie sonst sprach und neigte ihren Oberkörper. „Dies sind zwei junge Männer, die ich von meinem Beobachtungsposten mitbringe. Sie wollen sich Eurem Heer anschließen.“
„Du weißt, dass du deinen Posten nicht hättest verlassen dürfen, ohne vorher für einen Ersatz zu sorgen“, tadelte sie Lord Dachi stirnrunzelnd. Seine Stimme war tief und warm, er klang sehr geduldig und die Strenge in seinem Tonfall war nicht wirklich unangenehm, nicht einmal mir.
„Ja, das weiß ich. Verzeiht. Ich werde nach der Audienz sofort dafür sorgen, dass sich jemand auf den Weg macht.“
„Gut.“ Nun schritt er von dem Podium, auf dem er bis eben gestanden hatte, auf uns zu. Wie Sayuri gesagt hatte, ließen wir uns auf unseren Unterschenkeln nieder und machten dann eine bodentiefe Verbeugung.
„Was zählt ihr zu euren Fähigkeiten?“
„Wir beherrschen den Schwertkampf und einige Nahkampftechniken“, antwortete Toivo mit gesenktem Blick.
„Das gilt für euch beide?“
Ich nickte.
„Und was ist das dort?“ Er wies mit offener Hand auf Broin, der angespannt mit dem Kopf zuckte.
„Er ist ein Vogel, den wir aus unserer Heimat mitgebracht haben. Wir kommen aus Atlar.“ Ich war selbst ein wenig erstaunt, wie förmlich ich klingen konnte.
„Hat er sonstige Funktionen?“
Ich überlegte kurz, was er meinen könnte. Dann fiel mir etwas ein. „Ja. Er kann Nachrichten zwischen uns und unserem alten Wohnort hin- und hertragen, mein Lord.“
„Nun, das wird nicht ohne weiteres zu akzeptieren sein. Sayuri.“
„Jawohl, mein Herr?“
„Bis absolut sicher ist, dass wir den beiden vertrauen können, wirst du die Briefe kontrollieren, die sie bekommen oder verschicken.“
„Wie Ihr wünscht.“
„Nun dann. Neue Krieger sind mir immer willkommen. Zunächst wird euer Können getestet, dann werdet ihr einer Einheit zugeteilt und wahrscheinlich bald in den Kampf geschickt. Es scheint, als habe mein Gegenspieler sich Verstärkung aus einem an sein Reich grenzenden Kleinstaat besorgt. Es ist wahrscheinlich, dass wir bald alle Truppen brauchen, die wir schicken können.“
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Namen & ihre Bedeutungen für dieses Kapitel:
Hajime: japanisch „Anfang/Beginn“
Sayuri: japanisch „kleine Lilie“
Dachi: japanisch „(großer) erster Sohn“
Shiro: japanisch hier: „Weiß“
Zeichnungen zu diesem Kapitel:
http://s7.directupload.net/images/080617/temp/cevna8ru.jpg (http://s7.directupload.net/file/d/1463/cevna8ru_jpg.htm) http://s2.directupload.net/images/080617/temp/8j6n3e58.jpg (http://s2.directupload.net/file/d/1463/8j6n3e58_jpg.htm)
Kapitel 10 - Teil 1
Meine Schrift war krakelig und ich schrieb immer noch sehr langsam, aber zumindest konnte ich selbst lesen, was ich da verfasst hatte. Hoffentlich würde es Alfsig zumindest ähnlich gehen.
In dem Brief hatte ich so ziemlich alles zusammengefasst, was uns bisher passiert war. Was ich ausließ, waren unsere tatsächlichen Absichten und die Tatsache, dass man uns unsere Pferde gestohlen hatte. Alfsig würde ohnehin die Nachricht, dass wir im Krieg waren, wahrscheinlich als einzige interessant finden. Ich schrieb auch einen kurzen Brief an meine Eltern. Nur, dass es uns gut ging und wir ja jetzt Kontakt halten könnten... aber es fiel mir sehr schwer, die richtigen Worte zu finden.
Sayuri überflog das Geschriebene nur, das sah man ihr ganz genau an. Wahrscheinlich war es ihr ähnlich unangenehm wie mir, mich überprüfen zu müssen.
Toivo schrieb nichts. Er wusste nicht was, sagte er. Also schrieb ich dazu, dass er allen einen Gruß bestellte.
Sayuri faltete das Papier zusammen, rollte es zusammen und band die Schnur wieder darum. „Alles klar. Komm her“, rief sie Broin mit einer lockenden Fingerbewegung.
Broin hüpfte unsicher auf einer Stelle und sah mich an. Ich nickte in Sayuris Richtung. Also flatterte er zu ihr.
Kaum war das Papier festgebunden, flog der Vogel zum Fenster hinaus.
„Hoffentlich passiert ihm auf dem Weg nichts“, sagte Sayuri. Ich hob erstaunt die Augenbrauen. Sie kannte Broin doch gar nicht.
Die Tür wurde aufgestossen. Wir rissen die Köpfe herum.
„Yuri! Notfall!“, schrie Shiro panisch.
Toivo und ich sahen uns gespannt an.
Sayuri verzog zu meinem Verwundern sarkastisch den Mund. „Damit kriegst du mich nicht mehr.“
Shiro grinste. „Schade. Aber es ist wirklich ein Notfall, ich verhungere gleich.“
„Dann geh in die Schenke, was hab ich damit zu tun?“
„Ich kann doch nicht ohne meine Yuri gehen“, griente er. „Außerdem kennen die beiden sich doch noch nicht aus. Wäre nett, zusammen zu gehen, hab ich gedacht...“
„Schon überredet“, lächelte Sayuri und stand auf. „Kommt ihr? Ihr habt doch sicher Hunger.“
„Klar!“, rief Toivo.
„Na ja.“ Ich erhob mich trotzdem.
Draußen auf dem Gang fragte ich Sayuri: „Wieso habt ihr eine Schenke in einer Burg?“
Sie lachte. „Es ist nicht wirklich eine Schenke. Wir nennen es nur so, eine Art Kosename. In Wirklichkeit ist es einfach ein riesiger Raum mit lauter langen Tischen darin.“
Bald darauf waren wir angekommen. Überall war Lärm, es roch nach deftigem Essen.
„Gut. Ihr könnt euch da hinten was zu Essen holen, folgt am Besten immer nur Shiro. Ich muss mich an einen anderen Tisch setzen, wegen dem Rangunterschied“, sagte sie entschuldigend und ging.
Wir folgten also Shiro und kamen so auch an unsere Ration. Das Zeug sah irgendwie komisch aus, obwohl es ganz gut roch.
„Man gewöhnt sich dran“, grinste Shiro, als wir saßen und er mein Gesicht sah.
„Ich hoff’s...“, murmelte ich und starrte skeptisch auf den Teller, während Toivo schon aß – scheinbar schmeckte es ihm auch.
Ich wollte gerade die Stäbchen, mit denen man hier essen musste, zum Mund führen, da hörte ich Shiro, der mir gegenüber saß, freudig rufen: „Kuroi!“
Ich sah auf. Einige Meter entfernt drehte sich ein junger Mann um, dann kam er auf uns zu und ließ sich neben Shiro nieder.
„Neue Freunde?“, fragte er neugierig.
„Ja, sie haben sich heute eingeschrieben, Yuri hat sie mitgebracht. Toivo und Nanariel heißen sie.“
„Ah. Hallo, ich bin Kuroi.“ Er reichte uns nacheinander die Hand.
„Verbeugt man sich hier nicht zum Gruß?“, fragte ich.
Er stutzte kurz, dann lachte er. „Doch, aber da hier auch oft Leute aus Atlar ankommen, habe ich mir das Händeschütteln angewöhnt. Ihr seid doch aus Atlar, oder?“
„Ja. Du siehst auch nicht aus, als seist du von hier“, fragte ich weiter.
„Ganz ursprünglich bin ich das auch nicht...“
„Seine Eltern mussten aus Ahok flüchten, bevor er geboren wurde“, mischte sich Shiro ein. „Da herrschte damals noch Bürgerkrieg.“
„Ahok?“
„Ein kleiner Nachbarstaat von Ankad“, erklärte mir Toivo mit vollem Mund. Ich nickte verständnisvoll.
„Und jetzt ist er schon wieder im Bürgerkrieg“, sagte Shiro mit gespieltem Bedauern. „Der Kampf verfolgt dich, du Unglücksbringer.“
„Ts, herzlichen Dank“, sagte Kuroi mit einem schiefen Grinsen. Dann sah er uns an. „Man fragt sich ja echt manchmal, warum so ein weißer Spargel ins Militär durfte, was?“
„He, das ist unfair, du hast keine ungewöhnliche Hautfarbe!“, motzte Shiro.
„Na und? Ist doch gut für mich.“ Kuroi streckte ihm die Zunge raus.
„Blödmann.“ Shiro drehte sich beleidigt weg.
Toivo und ich sahen uns irritiert an. Komisches Schauspiel.
„Bist du mir jetzt böse?“, fragte Kuroi deprimiert.
Shiro grinste, drehte sich blitzschnell um und küsste Kuroi auf die Wange. „Natürlich nicht, Dummkopf.“
Ich riss verwirrt die Augen auf. Shiro grinste mich an. „Ich hab’s euch vorhin gesagt, oder nicht?“
„Wa-? Ach so, ähm, ja klar, hast du.“ Ich wedelte wirr mit der Hand durch die Luft und wäre am Liebsten ganz wo anders gewesen.
„Auch daran gewöhnst du dich“, zwinkerte er und lachte über meinen irritierten Blick. Ich sah schnell weg und schielte zu Kuroi. Er sah eigentlich ziemlich gut aus. Scharf geschnittene, hellbraune Augen hatte er und kastanienbraunes, zerzaustes Haar. Er war gut gebaut, anders als Shiro, der tatsächlich eher eine Bohnenstange war.
Er sah auf einmal auf. „Aber sag mal, war Sayuri nicht...“
„Richtig, auf ihrem Posten, aber dann sind ihr die zwei dazwischen gekommen.“
„Mh. Und gibt’s irgendwas Neues? Oder bringt ihr was Interessantes mit?“, wandte er sich wieder an uns.
„Nicht wirklich...“, murmelte ich.
„Ah!“, rief Shiro mit einem Einfall und schnippte mit den Fingern. „Doch, Yuri erzählte vorhin was, aber das hat sie auch von Nanariel und Toivo.“
„Und was?“
„Ja, was?“, fragte auch Toivo verdutzt.
„Er meint das mit Náttfari“, murmelte ich und aß etwas.
„Mit Náttfari?“ Kuroi hob die Augenbrauen.
Shiro nickte grinsend. „Endlich tot, das Schwein. Nanariel hat ihn zusammengeschlagen.“
„Zusammengeschlagen?! Hört sich ja übel an“, lachte Kuroi, klang aber nicht ganz überzeugend. Scheinbar fand er den Gedanken ziemlich unschön. „Aber das wurde langsam wirklich mal Zeit. Eine Last weniger.“ Er sah mich einen Moment lang mit einem Blick an, den ich nicht deuten konnte.
„Was ist?“
„Mh? Nichts, du hast da nur glaub ich nen Fleck an der Wange...“
Ich rieb mir mit einer Hand über beide Gesichtshälfen. „Weg?“
„Ja.“
„Los, raus aus den Betten, sofort!“ Die Decke wurde mir weggerissen. „Macht, dass ihr hochkommt!“ Sayuris Stimme klang harsch.
„Was ist denn los...?“, fragte Toivo schlaftrunken.
„Wir rücken aus. Hajimes Verstärkung ist eingetroffen und Ausschlag gebender, als wir erwartet hatten. Könnt ihr reiten?“
„Ja.“
„Nein!“
Sayuri sah mich irritiert an.
„Ich geh zu Fuß“, sagte ich starrköpfig.
„Gut. Und jetzt macht euch fertig, anziehen und damit hat sich das Ganze. Wir gehen sofort los. Ihr sammelt euch mit allen anderen am Tor, ich muss zu den anderen Offizieren. Tut mir echt Leid, dass sowas schon an eurem ersten Tag passiert.“ Dann rauschte sie zur Tür hinaus. Toivo und ich beeilten uns, uns fertig zu machen.
Als wir am Tor eintrafen, stand dort schon eine riesige Menschenmasse. Alle in Reih und Glied, dem passten wir uns an.
Kurz darauf erschien neben uns Shiro und stierte uns erstaunt an. „Ihr seid aber spät dran.“
„Gilt dasselbe dann nicht auch für dich?“, fragte ich trocken.
Er lachte verlegen.
„Sieht wohl ziemlich übel aus, was?“, fragte ihn Toivo.
Shiro schüttelte gelassen den Kopf. „Das ist im Prinzip nur eine Vorsichtsmaßnahme, denke ich. Aber ein bisschen Panik machen kann manchmal ganz nützlich sein. Kein Grund zur Sorge, solange ihr kämpfen könnt. Hajimes Kämpfer sind allesamt Schlappschwänze, der steckt seinen wenigen Grips mehr in die Spionage und den ganzen Kram. Nur hat ihm das bisher nicht viel gebracht“, grinste er selbstsicher.
Ein großer Mann in schwerer Rüstung stieg auf ein Podest an der Wand und redete uns mit schnörkeligen Formulierungen Mut ein. Dann kam das Förmliche. Erst würden wir alle unsere Rüstungen bekommen, dann wurden die Waffen geprüft und die Pferde zugeteilt, sagte er uns. Als er fertig war, wurden wir in Gruppen unterteilt, erst in Fußvolk und Reiter, dann in kleiner Trupps, die jeweils von einem Offizier zu einer der Vorbereitungsstellen geführt wurden.
Ich musste ein Kettenhemd anlegen, mehr nicht. „Rüstungen sind knapp“, knurrte der Mann, der die Ausrüstung austeilte und durchcheckte. „Du bist ja fit und jung – außerdem ist das eh kein großes Ding, du wirst nicht mal nen Kratzer abbekommen.“ Mein Schwert war auch in Ordnung. Ich sollte mich vor der Burgmauer aufstellen, hieß es. Machte ich. Es war alles sehr einfach, man durfte nur nicht zu viel selbst nachdenken.
Dann rückten wir aus. Fußvolk innen, Reiter drumherum. Als wir waldigere Gebiete betraten, sah ich die Bogenschützen durch die dichten Bäume springen. Sie waren erstaunlich schnell, man sah sie kaum wegen der hastigen Bewegungen und dem Blattwerk. Irgendwo da war Sayuri. Irgendwo in den äußeren Reihen ritt Toivo. Irgendwo im Fußvolk befand sich Shiro. Nur hatte ich von keinem Ahnung, wo genau er war. Ich würde das Ganze allein durchstehen müssen – logisch bei dieser Masse von Menschen.
„Erstes Mal auf dem Weg in die Schlacht?“, sprach mich jemand an. Als ich zur Seite sah, lächelte mich Kuroi an.
„Na ja, ja, eigentlich schon... wie kommst du drauf?“, fragte ich zurück und versuchte mich gleichzeitig noch auf ein gleichmäßiges Tempo zu konzentrieren.
„Du bist blass.“
„Das bin ich immer.“
Er grinste schief. „Na dann...“
Es herrschte kurz Stille, dann fragte er: „Sag mal, wie genau hast du diesen Náttfari getötet?“
„Wieso fragst du?“
„Der Kerl war einer unserer Erzfeinde und eine harte Nuss, soweit ich weiß. Und dann bekommt man die Nachricht, jemand habe ihn umgebracht... da werde zumindest ich neugierig.“
„Also, eigentlich...“ Ich biss mir auf die Lippe. „Ich war unvorsichtig und wurde von ihm angegriffen. Toivo hat ihm in die Schulter geschossen und naja... als er dann am Boden lag... hab ich ihn totgeprügelt...“
„Das heißt, im Grunde warst du das gar nicht?“
Mein Gesicht verkrampfte sich verärgert. Aber er hatte ja Recht... „Nein, eigentlich nicht.“
„Du bist gar kein Mann, kann das sein?“
„Hä, wie kommst du denn darauf?“
„Ach, nichts Großartiges... Dein Gesicht ist nur nicht wirklich maskulin. Außerdem hast du sehr kleine Füße.“
Ich gab keine Antwort.
„Also hab ich Recht“, sagte er triumphierend.
„Nein, hast du nicht“, sagte ich trocken und sah stur geradeaus.
„Warum willst du es verstecken?“
Ich dachte kurz nach, dann: „Weil man als Frau wie ein minderwertiges Wesen behandelt wird, darum.“
„Das stimmt nicht, sieh dir Sayuri an.“
„Ja... bei ihrem Rang ist das wohl selbstverständlich...“
„Na ja, ich weiß nicht... aber es ist deine Entscheidung. Darf ich trotzdem deinen echten Namen wissen?“
„Nanna“, murmelte ich.
„Aha... Hat einen schönen Klang, obwohl er so simpel ist“, lächelte er. „Wie alt bist du eigentlich? Irgendwas um die zwanzig?“
„Siebzehn...“
„Oh, so jung.“ Er hob erstaunt die Augenbrauen. „Du wirkst älter.“
Ich zuckte mit den Schultern.
Stille. Gesprächsstoff aufgebraucht. Man hörte nur das Getrappel vieler Füße und Hufe und leises Gemurmel unter den Soldaten. Der warme Wind fuhr durch die rauschenden Baumkronen und strich mir wispernd um die Ohren. Wie es wohl so war, im Krieg?
„Was hast du da?“
Ich folgte verwirrt Kurois Finger und sah, dass er den Riss in meiner Hose meinte, den ich am Vorabend erst zugenäht hatte.
„Das ist... da hab ich mir die Hose aufgerissen, am Gebüsch.“ Er musste nicht alles wissen.
„Aha. Bist wohl ziemlich tollpatschig, was?“, grinste er mich an.
Ich hob missbilligend die Augenbrauen. „So würde ich mich nicht bezeichnen, aber wenn du meinst...“
„Meine ich.“ Er sah mit einem unschuldigen Lächeln geradeaus.
Von vorne kam ein Befehl, wir sollten halten.
Kuroi verzog das Gesicht. „Sieht aber nicht so aus, als seien wir schon vor Ort... noch weniger hört es sich so an...“
Die Bogenschützen sprangen von den Bäumen.
„Wir teilen uns auf!“, hörte ich Sayuri mit lauter Stimme rufen. „Fünf Abteilungen! Alle mit niedrigem Rang zu mir!“
Die anderen Befehlshaber teilten ihre Gruppen ein, während ich mich auf den Weg zu Sayuri machte.
Die meisten waren zu Fuß, es waren nur wenige Reiter in unserer Abteilung. Neben Sayuri gab es nur zwei weitere Bogenschützen, viele, die ich auf den ersten Blick erfassen konnte, sahen noch jung aus.
Ich hörte mehrere Stimmen zur selben Zeit und die anderen Gruppen setzten sich allesamt in Bewegung.
„Gut, hört mir zu. Wir nehmen einen Weg durch den Wald und umgehen das Schlachtfeld. Wir haben keine Mittel, die Mauern der Festung zu erklimmen, das übernehmen andere. Wir werden durch den Burggraben gehen – irgendwo im Wasser gibt es einen vergitterten Durchgang, durch den wir in die Katakomben kommen. Wahrscheinlich ist der Bezirk nicht sehr gut bewacht, ansonsten müssen wir weitersehen – auch wenn ihr zu Teilen unerfahren seid, habt ihr gelernt zu kämpfen.“
„Aber wenn wir durch den Burggraben gehen, müssen wir die Pferde zurücklassen“, rutschte es mir heraus.
Sayuris Kopf schnellte in meine Richtung. Ihr Blick wirkte verärgert. „Das ist richtig, deshalb lassen wir sie im Wald“, sagte sie knapp. „Sonstige Infragestellungen meiner Anweisungen?“, wandte sie sich an alle. Die anderen schüttelten den Kopf.
„Ich habe noch eine simple Frage“, sagte ich im bemüht höflichen Tonfall. „Was machen wir, wenn sie erwarten, dass wir über diesen Weg eindringen wollen?“
„Hajimes Heer ist nicht so groß wie unseres. Seine Strategie hat oft Lücken – soweit meine Informationen ausreichen, ist es bisher immer möglich gewesen, ihn auszutricksen. Falls das nicht der Fall sein sollte, benutz dein Schwert.“ Damit drehte sie sich um. „Und jetzt los. Zwei der Reiter hinter mich, zwei hinter den Fußtrupp. Ihr zwei stellt euch an den Seiten auf und haltet Ausschau nach Angreifern“, wies sie die beiden Bogenschützen an, dann ging sie los.
Wir bahnten uns unseren Weg durch das Dickicht und kamen nur langsam voran. Ein mühsamer Marsch war das. Nach nicht allzu langer Zeit sahen und hörten wir den Kampf jenseits des frischen Grüns des Waldes. Es stank nach Blut und dauernd hörte man laute Schreie. Ich brannte darauf zu erfahren, wie es sich anfühlte, selbst eine Schlacht zu schlagen.
Nach vielen hundert Schritten hob Sayuri die Hand. „Bindet die Pferde an, wir sind weit genug vom Kampfgeschehen entfernt.“
Kapitel 10 - Teil 2
Soweit war Sayuris Plan aufgegangen. Wir waren auf keine Menschenseele getroffen, als sie unsere kleine Truppe anhalten ließ. „Da an der Mauer ist das Zeichen unserer Spione“, sagte sie mit einem Fingerzeig. „Shiro.“
Ohne weiter zu fragen, legte Shiro seine Rüstung und alles andere bis auf eine Eisenstange ab und sprang in den Wassergraben.
Wir warteten viel länger, als ich es für möglich gehalten hatte – wie konnte man so lange die Luft anhalten?
Schließlich tauchte er prustend und klitschnass wieder auf. „Gitter ist raus. Im Gang wartet niemand, die Katakomben scheinen ziemlich leer zu sein.“
„Gut.“ Sayuri drehte sich zu uns um. „Gibt es hier irgendjemanden, der nicht schwimmen kann?“
Keiner meldete sich zu Wort. Ich hoffte nur, meine alles andere als überdurchschnittlichen Schwimmkapazitäten würden hierfür ausreichen... ich war ein Gebirgsmensch und hatte noch nie allzu viel Wert auf Wasser gelegt und das aus einem simplen Grund: Die Gewässer in unserer Gegend waren auf Dauer sogar mir zu kalt.
„Fein. Ihr habt alle trainierte Körper, eure Panzerungen bestehen zum größten Teil aus Stoff – das Schwerste an eurer Ausrüstung sind die Waffen und das Kettenhemd. Wie tief ist der Graben?“, fragte sie Shiro, der seine Rüstung wieder überstreifte.
„Knapp vier Meter, würde ich sagen. Das Gitter ist auf halber Höhe, im Gebäude kann man stehen.“
„Das heißt also, ihr müsst mit dem Gewicht etwa sechs Meter weit schwimmen, ohne mehr als zwei Meter abzusinken. Wer sich das nicht zutraut, sollte jetzt umkehren.“
Niemand kehrte um.
Alle schafften es durch das Gitter, wenn auch die meisten vollkommen erledigt waren, als wir in den Katakomben standen. Sayuri und Shiro schienen putzmunter und ich selbst fühlte mich auch erstaunlich frisch – das jahrelange Laufen zahlte sich aus.
Sayuri sprach leise zu unserer Gruppe, die aus etwa fünfzig Leuten bestand. Ein winziger Teil des Heers, über das Lord Dachi verfügte. „Die Aufstellung ändert sich bis auf weiteres. Ihr zwei“ – sie zeigte auf die Bogenschützen – „geht nach ganz innen. In diesen dunklen, ziemlich engen Gängen sind Bogen ungeeignet.“ Mit diesen Worten zog sie etwas aus ihrem Köcher, das zwar Ähnlichkeit mit einem Pfeil hatte, allerdings offensichtlich aus Eisen bestand und auch etwas wie einen Griff hatte. Fast ein wenig wie eine Harpune sah es aus.
„Die Vorhut bilden ich und vier, die Nachhut fünf große Männer, das heißt...“ Sie sah sich um. Dann zeigte sie wortlos auf neun derselben, darunter Toivo – und ich.
„Der Rest geht ebenfalls in Fünferreihen – so schleifen wir nicht direkt an der Wand, bieten aber auch nicht genug Raum, um von der Seite angreifen zu lassen. Sollten wir tatsächlich in einen Kampf geraten, werden danach die Positionen gewechselt, sodass die inneren Reihen sich etwas ausruhen können. Aber das Allerwichtigste: Habt die Augen und vor allem Ohren immer offen. Das gilt für alle. Aufstellen.“
Ich stellte mich neben ihr auf, kurz darauf gingen wir los.
„Also was genau werden wir tun?“, fragte ich sie nach einigen Metern und schüttelte mich kaum merklich. Die Wände waren feucht und unsere Schritte hallten von ihnen wieder, obwohl der Platz hier nun wirklich nicht unbegrenzt war. Nur etwa alle fünfzig Meter hing eine Fackel an der Wand und offenbarte das alte, algenbesetzte Gestein.
Sayuri sah mich zweifelnd an. „Nanna, du hast keine Sonderstellung, ich hoffe, dass dir das klar ist...“
„Das weiß ich auch“, sagte ich und rollte genervt mit den Augen. „Es war eine einfache Frage. Wenn du sie nicht beantworten willst, lass es eben.“
Sie überlegte noch kurz, dann zuckte sie mit den Schultern und erklärte es mir: „Wir bahnen uns einen Weg hier durch, bis wir eine Möglichkeit finden, nach oben zu kommen. Das könnte eine Weile dauern, die Katakomben hier sind wohl ziemlich unübersichtlich... Bis wir in die oberen Stockwerke gelangen, sollten die anderen Abteilungen schon auf verschiedenen Wegen eingedrungen sein. So können wir Hajime vielleicht einkesseln und töten.“
„War das der Plan von Anfang an?“
Sie sah mich irritiert an. „Ich denke schon, erst die Truppen ermüden, dann den wirklichen Angriff starten, ja... wieso?“
„Es wäre ziemlich ungeschickt, solche Dinge dem Zufall zu überlassen... in dem Fall verläuft sonst letztendlich doch alles anders, als man will.“
„Da brauchst du dich nicht zu sorgen, Lord Dachi überlässt nur selten etwas dem Zufall“, sagte sie trocken und schien mir pikiert.
Ich grinste schief. „Du findest ihn schon verdammt toll, deinen Herrn, was?“
Sie warf mir einen kühlen Blick zu. „Pass mal auf, ja. Ich bin momentan deine Vorgsetzte. Diesen Ton verbitte ich mir.“
„Ts.“
„Da vorne leuchtet was“, sagte Toivo, der zu Sayuris Linken lief.
Sayuri hob sofort die Hand und brachte alle zum Halten.
Wir hörten etwas, das wie Schritte klang, außerdem das Rasseln von Rüstungen.
Sayuri runzelte die Stirn. „Eine Patrouille – macht euch kampfbereit. Haltet eure Positionen, wenn sie auf diesem engen Raum unseren Trupp zerschneiden können, bekommen wir ernsthafte Probleme.“ Mit diesen Worten klemmte sie sich ihre harpunenartige Waffe zwischen die Zähne, zog ihren Bogen und ließ innerhalb weniger Sekunden ein Dutzend Pfeile von der Sehne schnellen.
Wir hörten entfernte Schreie.
„Damit machst du sie auf uns aufmerksam! Vielleicht hätten sie ja noch einen anderen Weg genommen“, beschwerte ich mich, wobei ich versuchte, nicht zu aggressiv zu klingen.
Sayuri steckte den Bogen wieder weg und nahm die Waffe für den Nahkampf aus dem Mund. „Ruhe. Wir haben hier keine Möglichkeit, uns zu verstecken oder sonst etwas. Besser, wir beseitigen sie, anstatt sie irgendwann im Rücken zu haben – falls überhaupt die Möglichkeit bestanden hätte, dass sie irgendwo abgebogen wären.“
Wir hörten erneut Schreie – diesmal klangen sie angriffslustig.
„Waffen ziehen.“ Schwerter klingelten.
Es war für mich unerträglich, stehenzubleiben, während die schnellen Schritte und Rufe immer näher kamen – bald sahen wir ihre Helme im Fackelschein glänzen und mir fiel auf, dass wir gar keine solchen trugen.
Keine weiteren Gedankengänge möglich.
Ich festigte meinen Griff, als auch schon eine gegnerische Waffe auf die Klinge traf. Ich spürte den warmen, stinkenden Atem meines unbekannten Gegenübers im Gesicht.
Er holte aus und gab mir so genug Zeit, dasselbe zu tun – Blut spritzte auf die eben noch so reine Klinge meines Schwertes und in mein Gesicht.
Ich hörte ratschende Geräusche links von mir, als Sayuri ihr Kurzschwert mit der hakenförmigen Spitze durch Stoff und Fleisch riss.
Die Gegner gingen ähnlich vor wie wir, sie bildeten Reihen und füllten die Lücken auf – Lücken, die dauernd gerissen wurden. Trotz ihren dickeren Rüstungen schienen wir ihnen haushoch überlegen zu sein.
Ein kleines Streifchen von meinem Schwert geschliffene Luft schlitzte einem weiteren Soldaten die Kehle auf, der knapp dem eigentlichen Angriff ausgewichen war. Ich spürte die langsam erkaltenden Blutstropfen in meinem Gesicht gemächlich nach unten laufen.
Keine Zeit, sie wegzuwischen.
Die Gegnerzahl reduzierte sich weiterhin rapide, bisher war in unserer Reihe noch niemand gefallen, was mir irgendwie unlogisch erschien.
Dann hörte ich einen Schrei in meiner Nähe, für den ich nicht verantwortlich war – und sah aus den Augenwinkeln, wie der junge Mann neben mir in sich zusammenklappte. Sein Gegner wollte vorpreschen, aber in dem Moment füllte Kuroi die Lücke aus. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass er auch in unserem Trupp war. Mit einer einzigen zackigen Bewegung hieb er dem anderen Mann den Kopf ab. Sein Gesicht zeigte dabei keinerlei Regung, nicht einmal eine Spur von Anstrengung.
Noch zwei Gegner lernten durch meine Waffe den Tod kennen, dann lag die ganze Meute blutend auf dem Boden.
Sayuri wischte sich ein wenig Blut von der Lippe. „Wie erwartet waren sie nicht vorbereitet. Wenn wir weiterhin so leichtes Spiel haben, ist Hajime so gut wie tot“, murmelte sie, ein wenig außer Atem. Sie grinste schief und sah für einen Moment geradezu dämonisch aus. „Los, weiter.“
Wir stiegen nacheinander durch den Leichenberg, keiner sah zurück, um den Toten weitere Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht einmal dem Kameraden, den wir verloren hatten.
Wir trabten weiter durch das kalte, feuchte Gemäuer. Dreimal passierten wir einen Ausgang, jedes Mal sagte Sayuri, wir seien noch nicht weit genug ins Schloss eingedrungen.
Einer weiteren Patrouille begegneten wir nicht. Irgendwie kam mir das seltsam vor. Aber als ich Sayuri darauf ansprach, schüttelte sie den Kopf. „Das muss nichts heißen. Nur ein weiterer Beweis dafür, wie unvorsichtig Hajime ist.“
„Ist es nicht genauso unvorsichtig anzunehmen, er sei unvorsichtig?“, fragte ich und sah sie an, ohne den Kopf zu drehen.
„Ich nehme es nicht an, ich weiß es“, sagte sie bissig.
„Aha, wenn das so ist... ich meine nur, dass uns das in Gefahr bringen könnte.“
„Wenn du dich fürchtest, hättest du dem Militär nicht beitreten sollen.“
„Ich fürchte mich nicht“, erwiderte ich wütend. „Ich wundere mich nur. Wenn tatsächlich etwas passiert, hieße das dann nicht, dass du verantwortungslos gehandelt hast?“
„Wenn wir zurückkehren, kannst du ja eine Führungsposition beantragen“, spottete sie. „Dann sehen wir weiter.“ Sie sah das Gespräch damit wohl als beendet an und ich hielt es für klüger, ein einziges Mal nicht auf das letzte Wort zu bestehen, auch wenn ich an meinem Zorn hart zu schlucken hatte.
Ich hörte auf einmal leise Geräusche, nur ein entferntes Rauschen, mehr konnte ich noch nicht erkennen.
Aber je weiter wir liefen, desto lauter und deutlicher wurden die Geräusche – das Klingen von Metall, Schritte, Stimmen, rasselnde Rüstungen.
Sayuri runzelte die Stirn, hielt uns allerdings nicht an.
Wie ich erwartet hatte, näherten wir uns einem Ausgang. Ohne ein Wort bog Sayuri ab und führte uns eine lange, modrige Treppe hinauf.
Grelles Licht drang durch große Fenster in das Gebäude und brachte mich stöhnend zum Blinzeln. Und dann sah ich, wohin Sayuri uns wirklich geführt hatte.
Mitten hinein in eine riesige Halle.
Und eine ebenso riesige Schlacht.
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ich freue mich nach wie vor über Feedback^^
Kapitel 10 - Teil 3
Direkt vor uns fiel ein Mann, von einem Pfeil getroffen, zu Boden. Er trug eine andere Rüstung als die Soldaten, auf die wir in den Katakomben gestossen waren. Einer von unseren Männern, wie es schien.
Sayuris Gesicht verzerrte sich zornig. „Hajime, dieser Mistkerl...!“
„Sieht so aus, als hätte man uns doch erwartet“, stellte Kuroi ruhig fest und sah sich um. Noch schien uns niemand bemerkt zu haben.
Sayuri zog Bogen und Pfeile und feuerte in die kämpfeden Massen. Sahen ihre Schüsse anfangs wahllos aus, so trafen sie doch nur Soldaten der gegnerischen Seite. Doch kaum war diese Aktion ausgeführt, wurde man auf uns aufmerksam. Irgendwoher aus der Meute stürmten Männer auf uns zu und griffen an. Ohne richtig teilgenommen zu haben, waren wir auf einmal in den Kampf verwickelt.
Ich wurde vom Rest der Gruppe abgeschnitten und musste sehen, wie ich klarkam. Was sich gar nicht mal als schwer entpuppte. Zwar war die Technik dieser Kämpfer weitaus besser als die derer, auf die wir unten gestossen waren, aber Alfsig hatte mich vieles gelehrt, zu viel für die armen Teufel, die mir angriffslustig in die Arme liefen. Jeden einzelnen Schlag konnte ich blocken, ablenken oder unter ihm hinwegschlüpfen. Kaum hatte der Gegner seinen Schlag ausgeführt, stürzte er blutend zu Boden.
Kampfeslust packte mich, Selbstbewusstsein, Siegessicherheit. Sie waren allesamt schwache, unvermögende Würmer, die sich freiwillig zum Zerquetschen einfanden. Ich sah nicht einmal mehr richtig, gerade noch gut genug, um meine Gegner wahrzunehmen, so schnell bewegte ich mich. Das Adrenalin pochte mir durch die Blutbahnen, ich spürte nicht einmal einen Anflug von Erschöpfung, meine Atmung ging vollkommen gleichmäßig und normal.
Wenn mein Schlag die Soldaten nicht erwischte, erwischte sie der noch geschärfte Lufthauch, wenn sie meinten, ausweichen zu können, bahnte sich der unsichtbare Teil meiner Klinge einen Weg durch ihren viel zu weichen Körper. Blocken musste ich nicht mehr, ich schlachtete sie nur noch ab, Schlag, Schlag, umdrehen, Schlag. Es war fast, als bewegte sich mein Körper von selbst. Das hier war kein Kampf, das hier war langweilig. Ich bemerkte es nicht einmal, dass mein Mund zu einem leichten Grinsen verzogen war.
Ich nahm wahr, wie ein weiterer dummer Mensch hinter mich trat und fuhr herum – doch mein Schwert wurde geblockt. Sayuri stand vor mir, die Waffe zum Blocken erhoben, gefolgt von Toivo, Shiro und Kuroi, die nach allen Seiten mit Gegnern zu tun hatten.
Meine Gedanken wurden wieder klarer. „Was, was ist?“, fragte ich hitzig.
„Das hier ist aussichtslos, wenn wir alle bis zum Ende kämpfen, sind wir zu erschöpft, um es mit Hajime aufzunehmen.“
„Was willst du tun? Flüchten?“ Meiner Kehle entkam ein übertriebenes Lachen, das durch all die überschüssige Energie, die noch in meinem Körper war und verbraucht werden wollte, produziert wurde.
„Wir werden uns zu fünft zu Hajime durchschlagen. Diese Schlacht hat zumindest einen Vorteil: Eine kleine, sich immer weiter bewegende Einheit bemerkt niemand. Los jetzt.“
Sie ging an mir vorbei, schlug einen Gegner beiseite wie eine Stoffpuppe und winkte uns zu. Eilig folgten wir ihr.
„Meint sie wirklich, wir kommen so einfach an den Kerl ran?“, murmelte ich mehr an mich selbst gewandt.
„Oh, zumindest war es in der Vergangeheit durchaus so, wie sie gesagt hat. Hajime war nie besonders vorsichtig oder bedacht“, grinste Kuroi, der schon wieder wie aus dem Nichts direkt neben mir aufgetaucht war. „Jetzt ist sie verbittert, dass er etwas weiter gedacht hat als normalerweise. Das könnte interessant werden...“
„Wieso grinst du?“, fragte ich und schaffte es gerade noch rechtzeitig, eine auf mich zu rasende Klinge zu blocken und ihren Besitzer niederzuschlagen.
„Ich grinse nicht, ich lächle. Weil sie eigentlich doch noch ein trotziges Kind ist“, lächelte er und sein Gesicht zeigte einen warmen Ausdruck. „Genau wie Shiro. Und wie du“, grinste er mich an.
„Halt die Klappe“, knurrte ich, während ich Sayuri nicht aus den Augen ließ, die uns immer noch einige Schritte voraus war und direkt auf einen großen Torbogen zusteuerte.
Er gab einen amüsierten Laut von sich. „Du bist süß“, stellte er lachend fest.
Ich sah ihn skeptisch an. Irgendwie...
„Nanna, pass auf!“ Etwas Warmes regnete mir gegen den Rücken und als ich herumfuhr, sah ich gerade noch, wie ein weiterer gegnerischer Soldat blutend zu Boden fiel. Toivo richtete sich auf, immer noch mit einem erschrockenen Gesicht.
„Danke“, lächelte ich ihn an. Er nickte nur, dann warf er Kuroi einen bösen Blick zu. „Lenk sie nicht so ab!“, fuhr er ihn an.
„Zu Befehl“, grinste Kuroi. Toivo schüttelte säuerlich den Kopf. Darüber musste ich lächeln. Auch wenn es mir manchmal lieber gewesen wäre, wenn er nicht so auf meine Sicherheit geachtet hätte, war das eines der Dinge, die ich an ihm mochte.
Die kämpfenden Massen dünnten sich aus, wir kamen immer leichter durch, auch wenn noch eine weitere Halle von ihnen erfüllt zu sein schien.
Doch auf einmal hatten wir das Kampfgeschehen hinter uns gelassen, als Sayuri uns durch einen weiteren dieser riesenhaften Torbögen führte. Zum ersten Mal hatte ich wirklich Gelegenheit, mich in Hajimes Herrschersitz umzusehen. Es sah eigentlich noch prächtiger aus als in Dachis Burg, verspielter, nicht so auf's Praktische und Nötige konzentriert. Das Gestein war weiß, fast zu weiß für Steine, und ebenfalls geschmückt von riesenhaften bunten Teppichen. Die Halterungen für die Fackeln waren ebenfalls aus weißem Gestein.
Je weiter wir vordrangen, desto niedriger wurde die Decke. Über unseren Köpfen befand sich nun offensichtlich Holz und der Boden bestand nicht mehr aus poliertem Gestein, sondern aus einem hellen Pflanzengewebe, Bast vielleicht oder etwas in der Art. Unsere Schritte und Stimmen hallten nicht mehr, der Aidan warf ein warmes Licht durch die vereinzelten Fenster aus orangefarbenem dickem Glas. An den Wänden waren jetzt auch Blumengirlanden zu sehen, die Pflanzen sahen sogar recht frisch aus. Das alles wirkte auf mich wunderbar warm, aber auch sehr verspielt... vielleicht hatte Sayuri doch Recht, vielleicht konnte man Hajime wirklich nicht ernst nehmen...
„Man könnte fast meinen, das Schloss gehörte einer Frau“, bemerkte Kuroi mit gehobenen Augenbrauen.
„Oder einem Kind“, ergänzte Shiro mit geschürzten Lippen.
„Habt ihr Hajime je gesehen?“, fragte Toivo stirnrunzelnd.
Die beiden schüttelten den Kopf. „Niemand hat ihn je gesehen, glaube ich. Er betritt nie das Schlachtfeld und verbarrikadiert sich in seinen Gemächern. Er gibt nur die Befehle, für alles andere hat er seine Generäle...“ Kuroi war offensichtlich in Gedanken versunken.
„Und eben das ist der Grund, aus dem wir ihn besiegen werden“, schaltete sich Sayuri verbissen ein, die noch immer etwa zwei Meter vor uns hereilte. „Weil er nichts als ein nichtsnutziger Feigling ist. Er hat dieses Land lange genug ausgebeutet!“
„Ich frage mich wirklich, warum Dachi und Hajime nicht einfach Seite an Seite regieren können“, seufzte Kuroi. „Das würde alles viel einfacher machen... Zwei kooperierende Herrscher wären gar nicht schlecht für das Volk...“
„Als ob wir uns mit diesem Abschaum verbünden würden!“, fauchte ihn Sayuri über die Schulter an. Kuroi hob irrtiert die Augenbrauen. „Nun mal langsam... du hast ihn auch noch nie gesehen, oder doch?“
Sie blieb stehen und fuhr herum. „Auf welcher Seite stehst du eigentlich?“ Ihre Augen verengten sich.
"Na also hört mal...", murmelte Shiro kopfschüttelnd.
Kuroi kratzte sich am Hinterkopf. „Das solltest du eigentlich wissen – ich sage ja nur, dass Kompromisse das Ganze enorm erleichtern würden.“
Sayuri schloss kurz die Augen und atmete tief durch, offenbar um sich ein wenig zu beruhigen. „Wir haben lange genug versucht, mit Hajime zu verhandeln. Selbst ist er nie in Erscheinung getreten und Kompromisse wollte er schon gar nicht eingehen. Das hat er jetzt eben davon, ich kann Lord Dachi voll und ganz verstehen.“
„Eigentlich hat sie Recht“, sagte Shiro und sah auffordernd zu Kuroi hoch.
Dieser schüttelte seufzend den Kopf. „Gut, gut, wenn ihr meint...“
„Wohin führst du uns eigentlich, Sayuri?“, unterbrach ich das in meinen Augen sinnlose Gespräch.
„Ich kenne den Grundriss dieses Schlosses inn- und auswendig. Ich hatte nur bisher nie die Gelegenheit, dieses Wissen anzuwenden – jetzt ist sie da und ich nutzte sie.“ Ihre Augen glitzerten voller Tatendrang, als sie mich anlächelte. Sie sah auf einmal überhaupt nicht mehr aus wie ein wütender General, sondern wieder wie ihr anderes Ich, das fröhliche, unbeschwerte Mädchen, das ich kennen gelernt hatte.
Sie atmete noch einmal tief durch, dann sagte sie: „Ich glaube, ich muss mich entschuldigen. Ich war ein wenig schroff. Aber ich kann es einfach nicht erwarten, diesem Kerl endlich den Gar auszumachen.“
"Schon klar", nickte Kuroi und lächelte versöhnlich.
Wir liefen weiter. Schmale Treppen hoch, Gänge entlang, immer höher. Wenn jemand von mir verlangt hätte, ihn in die Halle mit dem großen Kampf zurückzuführen, ich wäre nicht dazu in der Lage gewesen. Sayuri gab uns praktisch nicht mal richtig Zeit, uns auf dem Weg umzusehen, sie selbst musste schließlich nicht auch nur ein einziges Mal anhalten, um sich zu orientieren. Sie musste sich diesen Grundriss wirklich millimeterweise eingeprägt haben.
Niemand lief uns über den Weg, all die Gänge waren vollkommen leer. Ich fragte mich, wofür all dieser Platz nötig war, wenn Hajime ihn nicht einmal nutzte. Würde er ihn nutzen, würden hier doch wohl Wachen sein, oder nicht? Ich stellte Sayuri diese Frage, aber sie zuckte mit den Schultern. „Vor seinen eigentlichen Gemächern werden wir denke ich schon Wachen finden, aber sonst... er sieht die Nötigkeit scheinbar nicht.“
„Du nimmst das alles viel zu sehr, wie es kommt...“, murmelte ich in mich hinein. Was, wenn Hajime es genau darauf anlegte, dass niemand weiter dachte, das alles seiner Unbedachtheit zuschrieb und es einfach so annahm? Gut, wenn es bisher auch auf diese Weise funktioniert hatte – man lernte schließlich aus seiner Erfahrung, aber... irgendwie gefiel mir das alles noch nicht so recht.
„Du kuckst so verstimmt, ist was?“, fragte mich Toivo.
„Nein, geht schon... ich frage mich nur... nein, nicht so wichtig.“ Er sah mich verwundert an, sparte sich allerdings alle weiteren Nachfragen.
Die Fenster wurden immer vereinzelter, die Gänge waren nun beinahe so eng wie in den Katakomben. Die Umgebung erinnerte mich inzwischen viel mehr an ein Wohnhaus als an eine Burg, in der jemand sich verbergen können wollte. Wobei – bei diesen verstrickten Gängen war das vielleicht doch nicht so schwer. Dumm nur, wenn sich jemand so gut vorbereitet hatte wie Sayuri... derjenige, der diesen Grundriss gezeichnet hatte, hatte wirklich ganze Arbeit geleistet bei der Spionage.
Zu meiner Verwunderung ging es auf einmal wieder abwärts. „Was...?“, begann ich, aber Sayuri kam schneller mit einer Antwort, als ich die Frage ausformulieren konnte. „Der Architekt Hajimes war um einiges klüger als sein Herr. Die Gemächer befinden sich im Zentrum der Burg, ziemlich genau. Um dorthin zu kommen, gibt es aber nur einen Weg, der praktisch durch das gesamte Obergeschoss führt. Ein gut ausgetüfteltes Labyrinth – wenn man weiß, wie man es richtig nutzt. Scheinbar hat Hajime aber nicht das Bedürfnis, sich in diesem Labyrinth bewachen zu lassen. Schön dumm von ihm.“
„Vielleicht stellt er uns auch einfach nur alles an Wachen auf einmal in den Weg“, wandte ich ein.
Sie schüttelte den Kopf. „Das passt nicht zu seiner gewöhnlichen Vorgehensweise.“
„Lass sie mal“, riet mir Shiro. „Sie mag es nicht, wenn ihr jemand ihre Pläne zu sprengen versucht.“
„Ja, aber wenn ihre Pläne falsch sind?“
„Dann übernimmt sie die Verantwortung und lernt aus ihrem Fehler.“
„Ist das hier nicht etwas zu ernst für einen Fehler, den man leicht hätte umgehen können?“
Shiro zuckte mit den Schultern. „Du kannst doch kämpfen, oder nicht?“, grinste er mich an. Und ich kam nicht drumherum, ebenfalls zu grinsen.
Immer weiter in die Tiefe rankten sich die Gänge, dann liefen wir wieder auf ebenem Boden. Die Decke war hier viel niedriger als in den Räumen zuvor, knapp über drei Meter höchstens, und Licht kam nur aus Rillen zu beiden Seiten des Weges, in denen dicht an dicht Teller mit kleinen Flammen darin standen, wie eine Kette aus Feuer sahen sie aus. Flackernde Schatten huschten durch den seltsam beleuchteten Gang. Ich konnte nicht erkennen, ob der Gang irgendwo Abzweigungen hatte.
Sayuri blieb auf einmal stehen und runzelte die Stirn. „Das ist nun doch seltsam...“, murmelte sie.
„Was ist seltsam?“, fragte Kuroi und sah sich mit offensichtlichem Interesse in der neuen Umgebung um.
„Unseren Spionen zufolge sollten hier mehrere Gitter sein, die den Gang absperren... ich sehe aber keine davon...“
„Wie hattest du vor durch die Gitter zu kommen?“, fragte ich skeptisch.
„Das ist jetzt weniger wichtig...“, servierte sie mich ab und sah zur Decke. „Ich kann in dieser Dunkelheit nicht erkennen, ob in der Decke Ritzen oder sonstige Hinweise auf diese Gitter sind... und dass kein einziges runtergelassen ist, kommt mir schon sehr seltsam vor... zumal sie sonst sogar in Friedenszeiten unten waren...“
Ich sah mich um. Dann sah ich etwas im Boden, etwa sechs Meter hinter uns. Ich hatte es gar nicht bemerkt, aber da war eine Spalte im Boden, die sich quer über den Gang zog und offenbar ziemlich tief reichte.
„Tja, vielleicht sollten wir zurückgehen?“, schlug Kuroi in dem Moment so laut vor, dass es durch den ganzen Gang hallte.
„Da ist –“, bekam ich noch heraus, dann sauste mit einem lauten Rasseln ein Gitter von der Decke und mit einem ohrenbetäubenden Krachen in die Spalte, die ich entdeckt hatte. Alle fuhren herum.
„Was zur Hölle...?!“, stieß Sayuri aus. In diesem Moment knallte weitere dreißig Meter in die andere Richtung noch ein Gitter von der Decke.
Wir saßen in der Falle.
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Kapitel 11 - Teil 1
Wir rührten uns nicht von der Stelle. Alle sahen sich angespannt um. Irgendwer musste diesen Mechanismus doch wohl ausgelöst haben, hier war jemand, aber wo war er? Meine Augen huschten durch den dämmrigen, fensterlosen Gang. Hier waren so viele Stellen zu dunkel, um klar sagen zu können, was da war oder was nicht oder überhaupt, kurz: um irgendetwas ermitteln zu können, es machte mich wahnsinnig. Stressbasierter Schweiß kroch aus meinen Poren und schickte Hitzeschauer durch meinen ganzen Körper, während ich versuchte, ruhig weiterzuatmen in dieser Luft, die stickig und von Rußgeruch erfüllt war.
Nach einigen Sekunden, die mir viel länger vorgekommen waren, trat Kuroi vor. Nein, im Grunde lief er einfach los. Seelenruhig marschierte er den Gang entlang.
„Kuroi! Bleib hier!“, zischte Sayuri so leise wie möglich.
„Wieso? Ich hab nichts zu befürchten“, lächelte er, als er sich umdrehte.
„Natürlich hast du das, das haben wir alle! Komm wieder zurück!“
Er grinste nur. Das unruhige Licht malte obskure Schatten auf sein Gesicht und ließ seine schmalen Augen blitzen. „Und selbst wenn es so wäre – Du kannst dich nicht immer nur verstecken, Yuri.“
Bevor wir einen klaren Gedanken fassen konnten, traten vier vermummte Gestalten aus dem Schatten – sie kamen aus der Wand, stiegen einfach über die Feuerkette, aber als ich genauer hinsah, erkannte ich den Trick, mit dem sie uns in die Irre geführt hatten. Da war ein kleiner Seitengang in der Wand, direkt hinter der Rille mit den Minifackeln. Nur war das Gemäuer auf der Seite, die wir von dem Gang aus sahen in einem bestimmten Winkel gebaut, dass es auf den ersten Blick und mit dem spärlichen Licht wirkte, als würde der Gang dort weitergehen – zumindest sah es von unserem Standpunkt so aus. Wahrscheinlich hatten sie von dort aus auch die Gitter herabgelassen. Gut geplant, zu gut für Sayuris Behauptung, Hajime würde die Dinge unüberlegt angehen...
Die zweitgrößte der Gestalten warf als erste ihre Kutte ab und hinter sich. Zum Vorschein kam ein Mann um die sechzig mit ernsten und zugleich neutralen Gesichtszügen und einem kleinen Bart am Kinn. Aber was noch viel wichtiger war: Selbst auf diese Entfernung konnte ich erkennen, dass er nicht dieselben Gesichtszüge hatte wie die Menschen aus diesem Land, Atakuri.
Ich sah aus den Augenwinkeln, wie Sayuri neben mir bleich wurde.
Ich wandte den Kopf, aber sie sah mich nicht an. Ihr Blick ruhte auf dem Bärtigen.
Kurze Stille...
„Vin!“, stieß sie hervor, als sei dieser Name eine ätzende Flüssigkeit.
„Richtig.“ Nur aus diesem einen vollkommen gleichgültig ausgesprochenen Wort hörte ich einen Akzent heraus, den ich schon einmal gehört zu haben meinte.
„Sind sie das, Kjell?“, fragte er dann und drehte den Kopf leicht in Kurois Richtung, ohne den Blick von uns zu nehmen.
Der nickte und hob langsam einen Arm, seinen Zeigefinger ausgestreckt wie eine Waffe. Zuerst zeigte er auf Sayuri. „Die Kleine von vor zehn Jahren.“ Sayuri schrak leicht zusammen. Kuroi, nein, Kjell grinste. „Ich finde dich, ich hab’s dir damals schon gesagt.“
Dann zeigte er auf mich und seine kalten Augen wurden schmaler, sein Gesicht erfüllt von Hass. „Náttfaris Mörderin.“
Toivo. „Der hat ihr geholfen. Er hilft ihr dauernd bei irgendwas.“
Und dann Shiro, der ungläubig den Kopf schüttelte. Kjell nahm die Hand runter und lächelte. „Ist eigentlich blöd, dass er da mit hineingeraten ist. Lässt sich jetzt aber nicht mehr ändern, schätze ich.“
Er grinste noch einmal. „Du hast Pech gehabt, Nanna. Mein Bruder war leider auch nur ein Mensch und hatte seine Schwächen. Eine dieser Schwächen waren Frauen wie du. Hättest ihn nicht gleich töten sollen, dann müsste ich dich jetzt nicht auch um die Ecke bringen.“
Mein Gesicht war so vom Zorn verkrampft, dass es schmerzte. Natürlich hatte ich Wut auf ihn, aber auch auf Náttfari, der mir das Ganze erst eingebrockt hatte, auf Sayuri, die uns mit ihrer ungenügenden Vorsicht in diese Situation gebracht hatte – aber vor allem auf mich, die ich nicht gemerkt hatte, dass Kuroi nichts als eine Maskerade gewesen war. Dabei waren die Zeichen die ganze Zeit dagewesen.
Der Händedruck zur Begrüßung, obwohl er angeblich in Atakuri aufgewachsen war.
Seine nordische Herkunft, ob nun aus Ankad oder Ahok war ja letztendlich egal.
Die seltsame Reaktion auf die Nachricht von Náttfaris Tod.
Seine Augen.
Sein plötzliches Interesse an mir.
Seine gelassene Reaktion auf die Größe der Truppen Hajimes in der großen Halle.
Sein Grinsen über Sayuris Verhalten.
Sein Widerspruch gegen Sayuris Wutausbruch bezüglich Hajime.
Überhaupt, seine ganze Art, sein Charakter, er hatte sich Náttfari zu vielen Gelegenheiten viel zu ähnlich verhalten, als dass man es nicht hätte bemerken können... im Nachhinein schien es mir zumindest so.
Aber von all dem war mir nichts stark genug aufgefallen, um einen tatsächlichen Verdacht zu entwickeln und es ärgerte mich. Mehr noch, es löste eine ohnmächtige Wut aus, ein dringendes Verlangen, ihm den Kopf auf der Stelle abzureißen oder am besten die Zeit zurückzuspulen. Nur wusste ich leider allzu gut, dass das nicht möglich war. War es für mich vorgesehen, hier zu sterben? Dem jüngeren Bruder zum Opfer zu fallen, nachdem ich dem älteren knapp entronnen war?
„Kjell also?“
Ich schrak aus meinen Gedanken und drehte den Kopf.
„Ist ja schön, dass ich das auch mal erfahre!“, rief Shiro. Er zitterte. Vielleicht vor Wut, vielleicht, weil er die Tränen zurückhalten musste, vielleicht vor Ensetzen, es war nicht zu erkennen. Seine weiße Haut glänzte geschmeidig im warmen Licht der Flammen um uns herum und es war erkennbar, wie sich die Muskeln darunter verspannten.
Kjells Gesichtsausdruck blieb unverändert. Es herrschte kurze Stille. „Dummer Zufall, dass wir uns über den Weg gelaufen sind, schätze ich“, sagte er dann schulterzuckend.
„Dummer Zufall?!“, schrie Shiro fassungslos.
Im selben Moment erzitterte neben mir eine Bogensehne und das Geschoss jagte auf Kjells Gesicht zu.
Es gab ein Knacken, als er den Pfeil in der Faust anbrach. Einfach eingefangen. Ohne den Blick von Shiro zu nehmen. Nun drehte er den Kopf langsam in Sayuris Richtung, die seinem Blick tapfer standhielt.
„Neun Jahre“, lächelte er sie an, während er den Pfeil nun entgültig in zwei Hälften teilte. „So viel liegt zwischen uns, so viel fehlt dir an Erfahrung, um mich erledigen zu können, Yuri.“
„Hör auf, mich so zu nennen!“, brüllte Sayuri, dass ich meinte den Gang erzittern zu spüren. „Du Dreckschwein! Was glaubst du eigentlich wer du bist, immer nur auf Kosten anderer zu leben?!“
Kjell lachte nur und ließ den zerbrochenen Pfeil fallen. Dann griff er nach dem Schwert, das an seiner Seite hing.
Ich wollte das meine eben auch ziehen, aber Toivo war schneller. Flugs hatte er das Schwert hervorgeholt, griff in die kleine Tasche an der Lederscheide und kaum hatte der Abzug bestätigend geklickt, drückte er auch schon ab.
Kjell zog anerkennend die Augenbrauen hoch, dann stellte er gelassen sein Schwert quer und blockte die kleine silbrige Kugel. Sie hinterließ nichts als eine unerhebliche Delle und fiel dann klickend zu Boden, um in irgendeiner der Fugen am Boden zu verschwinden.
Toivos Gesicht verzog sich wütend.
„Traut euch nicht einmal, näher zu kommen, wie?“, fragte Kjell mit einem schiefen Grinsen. Jetzt, da ich wusste, wer er war, erkannte ich Náttfari in diesem Grinsen wieder und diese Erkenntnis jagte mir einen kalten Schauer den Rücken hinunter und einen Kloß des Ekels in die Kehle.
Die restlichen drei Männer streiften ihre Kutten nun auch ab. Sie sahen jünger aus als Vin, jedoch älter als Kjell. Auch sie warfen die Kleidungsstücke hinter sich zu Boden.
„Ich muss sagen, ich bin ein wenig erstaunt, dass meine Tarnung noch nicht aufgeflogen war“, sagte Kjell auf einmal. „Mein Gesicht konnte ich schließlich nicht verändern, trotz der Farbe in den Haaren, dem falschen Namen und Alter. Ich hatte spätestens bei meiner Begegnung mit Nanna befürchtet, entdeckt zu werden. Aber wie es aussieht“ – er grinste mich wieder an – „bist du dafür dann doch nicht schlau genug.“
Ich war vor Wut wie gelähmt. Ich wollte mich auf ihn stürzen, aber ich konnte nicht, meine Beine fühlten sich unglaublich schwer an.
Ich nahm eine Bewegung wahr und sah Sayuri mit einem Wutschrei an uns vorbeirauschen.
„Yuri!“, rief Shiro entsetzt und setzte sich auch in Bewegung.
Ohne uns weiter verständigen zu müssen, stürzten Toivo und ich sofort hinterher, während die gegnerische Partei in aller Ruhe ihre Waffen zog.
Kjell wich gelassen Sayuri aus und hielt stattdessen Shiro auf.
Ich prallte auf einen der drei Unbekannten, einen stämmigen Mann mit gebrochener Nase. Man sah ihm eindeutig an, dass er schon einiges an Kampferfahrung hatte. Ich hatte keine Gelegenheit, das Schwert wieder wegzuziehen – sein Druck war enorm, er hätte mich sofort aufgeschlitzt.
Toivo kreuzte bereits mit einem anderen der uns fremden Kämpfer die Klingen – der Kerl war fast so groß wie er.
Vin war unbemerkt einige Schritte zurückgewichen und nahm sich nun Sayuri vor. Ausgerechnet er. Aber ich konnte ihr nicht helfen, denn auf einmal stürzte der dritte Kämpfer auch noch auf mich zu. Ich konnte ihn zunächst mit einem Tritt in die Magengrube abwehren, auf den er nicht vorbereitet gewesen war, aber das würde nicht lange vorhalten.
„Nanna!“ Ich sah etwas Blitzendes auf mich zu fliegen, als ich den Kopf herumriss. Ich drückte mich ein Stück von meinem Gegner weg und fing den Dolch auf. Den goldenen Dolch, der stets an Toivos Stiefel befestigt war. Mir kam das Messer meines Vaters in den Kopf und ich ärgerte mich schwarz, dass ich es nicht schon längst irgendwie an meiner Kleidung befestigt hatte.
Die kleine Waffe war gerade rechtzeitig gekommen – der andere Mann richtete sich wieder auf und sprang auf mich zu.
Sayuri wurde immer weiter auf die Wand zu gedrückt, während ihr der Schweiß am Gesicht herablief. Sie spürte die Hitze der kleinen Flammen, die mit jedem Schritt größer wurde. Der gleichgültige Gesichtsausdruck dieses alten Mannes ging ihr gehörig auf die Nerven – wo war sein Kampfgeist, seine Entschlossenheit, er musste sie doch irgendwie rauslassen, seine Gefühle!
„Du scheinst gut über den Tod deiner Eltern hinweggekommen zu sein“, sagte er auf einmal. Seine Stimme war genauso neutral wie sein Gesichtsausdruck.
Sayuri spürte, wie ihr ganzer Körper erzitterte. Die Wut gab ihr neue Kraft und sie schaffte es, sich von ihm wegzudrücken. „Wag es nicht, von meinen Eltern zu sprechen, du alter Drecksack!“, fauchte sie.
Eine rasche Bewegung.
Dann spürte sie Stahl an der Kehle. Wie war er auf einmal hinter sie gekommen?
„In deiner Position würde ich nicht versuchen, anderen Leuten den Mund zu verbieten“, zischte er ihr ins Ohr.
Sayuri traute sich nicht einmal zu schlucken. Er befand sich in seiner Situatoin, in der ihm praktisch alles mögich war, ihr dagegen so gut wie gar nichts. Sein rechtes Bein hatte er vor ihr linkes gehakt, sie konnte ihn nicht treten. Wenn sie nach hinten schlug, würde er mit Sicherheit auch ihren Arm blockieren und dann war sie erstrecht erledigt.
Der Wille zum Kampf fehlte. Er war einfach nicht da.
Alles, was er momentan tat, war blocken und somit sein Leben beschützen. Wahrscheinlich hätte er die Möglichkeit gehabt, einen Angriff zu starten, aber er wollte nicht. Er bewegte sich nicht und starrte in diese Augen, in die er immer so gerne gesehen hatte.
„Was machst du da eigentlich?“, fragte Kjell amüsiert.
Shiro presste die Lippen aufeinander.
„Wenn du nicht angreifst, werd ich das wohl auch weiterhin übernehmen.“ Er war noch nicht fertig mit dem Satz, da hatte er seine Waffe auch schon weggezogen und einen Schlag auf Shiros Kopf gestartet.
Shiro hätte ausweichen und von einer anderen Seite angreifen können, schneller war er schließlich. Wahrscheinlich. Vielleicht war das ja auch nur Tarnung gewesen.
Aber er tat nichts dergleichen. Er hob seine Waffe und blockte erneut, wobei er unter dem Schlag zusammenzuckte. Er spürte einen weiteren Stich im Herzen, als hätte das Schwert ihn doch getroffen.
„Warum?“ Seine Stimme war dünn, eine Folge seines trockenen Halses.
Kjell sah erstaunt auf ihn hinunter. „Warum? Weil ich zur anderen Seite gehöre.“
„Nein!“, fuhr ihn Shiro an. „Warum – Warum hast du je etwas mit mir angefangen? Nur, um mich leichter verletzen zu können?!“ Er spürte die Wut in sich hochbrodeln und sie brachte ihm Übelkeit mit. Er wollte die Antwort eigentlich gar nicht hören.
„Du hörst dich an wie ein Mädchen“, überging Kjell die Frage feixend.
„Das geht dich nen Scheißdreck an!“, fauchte Shiro und wusste, dass er seinen Kampfeswillen wiedergewonnen hatte.
Er wand sich unter dem Schwert weg und vollführte einen Schlag von der Seite – aber Kjell blockte ihn. Hass, so musste sich wohl Hass anfühlen. Oder war es doch nur tiefreichende Enttäuschung? Denn trotzdem konnte er nichts dagegen tun, dass ihm nach Kotzen war. Er durfte an nichts anderes mehr denken, als an den Kampf. Sonst würden ihm die Tränen kommen, das wusste er jetzt schon. Noch einmal griff er an, doch Kjell blockte erneut.
„Geht doch“, grinste er.
Kapitel 11 - Teil 2
Mit zwei Waffen in den Händen versuchte ich es zuerst mit einer Drehung, aber ich erreichte so gut wie gar nichts – die Klinge meines Schwertes zerriss das Hemd des Hakennasigen, mehr nicht.
„Da musst du schon früher aufstehen, Kleine“, höhnte der andere. Als ob mir das nicht auch schon aufgefallen wäre. „Wir verkucken uns nicht so schnell wie Náttfari, schon gar nicht in solche Mannsweiber.“
„Ts.“ Mehr Atem wollte ich für diesen Abschaum nicht verschwenden. Ich hatte einen Moment später genug zu tun, als sie gleichzeitig nach mir schlugen. Trotz seines enorm geringen Gewichts war es schwer, das Schwert mit nur einer Hand zu halten, es gelang mir nur knapp, damit zu blocken. Auf der anderen Seite erwies sich der Dolch aber als durchaus hilfreich, er hielt der breiten Klinge des anderen, einem untersetzten Einheimischen, problemlos stand, wie es schien.
Ich übte Druck aus und zog die Waffen dann weg, schlüpfte nach hinten. Meine Arme schmerzten, ich konnte nicht andauernd nur pressen, dazu waren weder meine Muskeln noch mein Schwert gemacht.
Leider waren sie auf derartige Tricks vorbereitet und bremsten im Buchteil einer Sekunde ab, rannten sich nicht gegenseitig in die Schwerter.
Das wäre auch zu einfach gewesen.
Jetzt holten sie wieder beide zum Schlag aus.
Ich wollte nach vorne hechten – aber ich rutschte weg und kam unsanft auf den Knien auf. Wenigstens auf den Knien. Nur das half mir nicht allzu fiel – von zwei Seiten rauschte scharfer Stahl auf meinen Kopf zu.
„Jetzt haben wir dich!“, rief der Untersetzte triumphierend.
Mir blieb nur einige Augenblicke lang Zeit, um zu kalkulieren.
Das Schwert des Dicken würde zuerst einschlagen. Irgendwie musste ich das nutzen.
Ich riss meine rechte Hälfte aus seiner Linie und sprang, bevor mich die andere Klinge traf.
Triumphierend sah ich, wie der Kerl sein Schwert verdutzt quer stellte.
Eine Chance, der Situation zu entkommen.
Beidfüßig landete ich auf der flachen Seite und stieß mich ab, ehe er zusammensackte, sprang in hohem Bogen über ihn hinweg und schleuderte den Dolch in die ungefähre Richtung, sobald ich festen Boden unter meinen Füßen hatte.
Ein überraschter Aufschrei – dann sackte der Kerl mit der frechen Klappe in sich zusammen, Toivos Dolch im Rücken. Langsam sickerte sein Blut in die Fugen des groben Steinbodens.
Das Gesicht seines Mitstreiters verzerrte sich wütend. „Du Miststück!“, stieß er hervor. Das erste, was er von sich gab. Seine Stimme klang wie Donner, tief, laut, schneidend, grollend. Ich umklammerte den Griff meines Schwertes wieder beidhändig, bestätigt durch meinen ersten Erfolg. Ich würde hier nicht krepieren wie all diese nichtsnutzigen Soldaten. Das war nicht, was sie für mich vorgesehen hatten, die Wesen mit der Macht über uns alle. Da war ich mir sicher, so sicher, wie ich mir nur sein konnte.
„Du weißt, warum du heute noch lebst, oder nicht?“
Erwartete er darauf wirklich eine Antwort? Sie konnte weder den Kopf bewegen noch traute sie sich zu reden mit der kalten, scharfen Waffe an ihrer Kehle, die ihr ohnehin schon die Haut auftrennte und sie in einem einzigen Augenblick töten konnte.
„Du lebst noch, weil ich Kjell davon abhielt, weiterzusuchen. Unsere Mission war es, alle Atlarstämmigen und ihre Familien auszulöschen. Ich kann dir sogar sagen, warum. Dachi bezieht viele seiner Soldaten aus diesem Land, noch dazu gibt es keinen festgelegten Herrscher, nur Leute mit Geld, die irgendwann die Macht an sich gerissen haben – man kann niemandem von dort trauen. Wie man an dir sehen kann.“ Seine Stimme war immer noch sehr leise, aber klar und scharf wie ein Messer. Sayuri spürte Gänsehaut an ihrem ganzen Körper. „Niemand, der sich auf die Seite dieses Weicheis schlagen würde...“
„Wag es nicht“, zischte Sayuri, obwohl sie genau wusste, dass sie wirklich nicht in der Situation war, ihm zu drohen. Aber sie konnte nicht anders. Da war ihr auch das Mordinstrument an ihrem Hals egal. „Wag es ja nicht, schlecht über meinen Herrn zu sprechen. Das Weichei dieses Landes versteckt sich seit vielen Jahren und auch in diesem Moment in seinem Thronsaal, den er gut verteidigt weiß durch seine wirren Gänge und treudoofen Lakaien.“
Damit war sie ein wenig zu weit gegangen, das wurde ihr im nächsten Moment klar. Vin gab einen herablassenden Laut von sich und nahm zu ihrer Überraschung die Klinge von ihrem Hals. Doch bevor sie sich richtig wundern konnte, riss sie ihren Mund in einem Schmerzensschrei auf: Er hatte ihr einen Schnitt verpasst, direkt an der unteren Kante ihres Kettenhemdes entlang, über ihren ganzen Rücken.
Shiro fuhr herum, gerade noch rechtzeitig um zu sehen, wie Sayuri schreiend vornüber kippte. Entsetzen machte sich in ihm breit.
Er riss den Mund auf, doch in diesem Moment durchfuhr ihn ein brennender Schmerz. Mit einem Schwert in der Schulter knallte er gegen das eiserne Gitter direkt hinter sich. Er holte unwillkürlich viel zu tief Luft und stöhnte auf.
Kjell grinste ihn an. „Hier spielt die Musik. Im Kampf sollten dir deine Freunde egal sein.“
„Ich brauch deine Belehrungen ni – AH!“ Das Metall drehte sich weiter in seinen Muskel hinein. An Kjells Schwert lief eine dünne rote Sput hinab, sammelte sich in der Delle, die Toivos Kugel geschlagen hatte.
In Shiros Arm breitete sich Taubheit aus, er hielt nur mit Mühe sein Schwert weiter fest. Er zitterte am ganzen Leib und spürte den Schweiß an sich herablaufen. War es jetzt vorbei? Sah so das Ende aus?
„Mein armer kleiner Shiro“, hauchte ihm Kjell ins Gesicht, dass ihm erneut übel wurde.
„Lass das“, sagte er schwach, auch wenn er wusste, dass es nichts brachte. Es tat weh. Es tat noch mehr weh als das Loch in seiner Schulter.
„Warum?“ Kjell lächelte. Shiro musste an sich halten, um nicht die Augen zuzukneifen. Falsche Erinnerungen erfüllten seinen Kopf, Erinnerungen, in denen dieser Gesichtsausdruck auftauchte, dieses vorgetäuscht unschuldige Lächeln, das ihn sonst immer zum Lachen gebracht hatte. Alles nur Berechnung, pure Berechnung und ausgeführt im Zuge der Spionage, die niemand bemerkt hatte.
„Weißt du, wenn ich das Schwert jetzt einfach weiter nach hier ziehe...“
Shiro schrie auf, als seine Schulter weiter zu seinem Körper hin aufgerissen wurde.
„...dann erreiche ich irgendwann das Herz. Ist gar nicht mal so weit, die Strecke. Dumm für dich, dass du Linkshänder bist, bei einem Rechtshänder würde es länger dauern...“
„Lass diese dummen Scherze“, sagte Shiro matt. Er machte sich schon nicht mehr die Mühe zu schreien, als ein weiteres Stück Fleich zerschlitzt wurde. Er kniff Zähne und Augen zusammen und wartete auf das Ende.
Aber es kam nicht.
Was kam, war noch schlimmer. Das Schwert wurde mit einem Ruck aus der Wunde gerissen. Er spürte warmen Atem auf seiner Haut und gerade, als er die Augen wieder aufriss, berührte Kjell seine Lippen.
Das war’s.
Alles kam gleichzeitig, alles in Shiro verspannte sich, gleichzeitig fühlte er sich schlaff. Wut, Trauer, Ekel und Verzweiflung, jedes mehr oder weniger angemessene Gefühl explodierte in ihm und mit aller Kraft, die noch in seinem linken Arm steckte, riss er sein Schwert in die Höhe, nur, um all dem endlich irgendwie ein Ende zu bereiten.
Kjell gab einen überraschten Laut von sich, dann fiel er um, riss Shiro das Schwert aus der Hand, das noch in seinem Körper steckte. Er hustete und spuckte dann einige Tropfen Blut auf den Boden. Sein Kettenhemd war hochgeschoben. Wahrscheinlich hatte das Schwert seine Lunge erwischt.
Vielleicht würde er ja wieder anders sein, wenn sie sich wiedersahen. Kuroi. Nicht Kjell. Hoffentlich.
Er würde auch nicht mehr lange bleiben, das wusste Shiro. Blut überströmte seinen Arm und Oberkörper, seine Atmung ging unregelmäßig. Keiner der anderen sah zu ihnen herüber, natürlich nicht. Sie hatten selbst schwer zu kämpfen.
Shiro fiel auf die Knie und klappte zur Seite weg.
Kjell wirkte, als würde er schlafen. Sein Gesicht war entspannt und sah überhaupt nicht so aus, als hätte ihn gerade jemand aufgespießt.
Shiro schrak zusammen, als die hellbraunen Augen sich doch noch einmal ein kleines Stück weit öffneten. Kjells Mund verzog sich zu einem blutigen Lächeln. Stockend und langsam hob er eine Hand und fasste nach Shiros Arm. Kurz strich er darüber. „Ist gar nicht so schwer... sich absichtlich treffen... zu lassen...“ Seine Stimme war dünn, kaum vernehmbar über das Schwerterklingen, das unaufhörlich von der anderen Seite des Gangabschnittes herüberklang.
Dann erschlaffte der Arm und fiel zu Boden. Die Augen schlossen sich wieder. Das Lächeln blieb.
„Ist eigentlich blöd, dass er da mit hineingeraten ist.“
Shiro atmete zittrig ein. Tränen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.
Der Schmerz trieb Sayuri Tränen in die Augen. Bis zum Knochen ging der Schnitt nicht, wahrscheinlich war er sogar noch als oberflächlich zu werten, trotzdem fühlte sie sich, als würde sie auseinanderreißen, wenn sie sich bewegte.
Mit viel Mühe drehte sie sich langsam auf den Rücken, um Vin ansehen zu können, darauf bedacht, sich nicht auf die Wunde zu legen.
Er stand direkt über ihr, eine große dunkle Gestalt mit hell glitzernden Augen und im Feuerschein glänzender Haut. „Verzeih“, sagte er leise, aber unwahrscheinlich deutlich, „Aber ich habe ähnliche Probleme mit der Beleidigung meines Herrn wie du.“
„Jetzt tu doch nicht so, als hättest du diesen Schnitt nicht ohnehin gemacht“, erwiderte Sayuri gehässig, zwischen zusammengebissenen Zähnen. Ihr ganzer Rücken tat weh.
„Du hast Recht. Wofür lange reden?“ Er richtete sein blutiges Schwert auf sie. Ein Tropfen ihres eigenen Blutes tropfte auf ihre Bluse und pflanzte einen dunklen Fleck in den seidigen Stoff. „Nochmal kannst du uns schließlich nicht entkommen.“
Sayuri schluckte. So weit konnte sie ihm doch nicht mehr unterlegen sein, sie hatte so lange und hart trainiert, hatte Erfahrungen gesammelt, war zum Offizier gemacht worden... das konnte doch nicht alles auf einmal bedeutungslos sein, oder doch?
Vins Augen wanderten auf einmal zur Seite, offenbar einem Geräusch folgend, das Sayuri nicht wahrgenommen hatte.
Vins Mund öffnete sich leicht in Überraschung, die Spannung in seinem ausgestreckten Arm nahm ab und Sayuri meinte etwas wie Spuren von Entsetzen oder Trauer in den markanten Zügen seines Gesichts erkennen zu können.
Vorsichtig drehte sie den Kopf.
Alles in ihr zog sich zusammen, als sie Shiro zur Seite wegfallen sah, hinter einen durchbohrten Körper. Kjell. Er hatte ihn also getötet...
Sie brauchte einiges an Überwindung, um sich von dem Anblick loszureißen. Aber das war ihre Chance. Sie hatte sich lang immer wieder dieselben Regeln vorgebetet, so auch die Notwendigkeit des Egoismuses im Kampf. Nicht an die anderen denken.
So leise und schnell sie konnte, fuhr sie nach oben, sprang auf die Füße und schlug nach Vin, solange sein Blick noch auf seinem toten Schüler lag.
Dummerweise war er nicht umsonst seit Langem ein Kämpfer der Oberklasse – er war darauf vorbereitet gewesen. Er blockte im letzten Moment und sah gehässig auf sie hinab, scheinbar kamen nun doch Gefühle in ihm hoch.
Sayuri keuchte entsetzt auf und sprang rückwärts, nur um im nächsten Moment schreiend zusammenzubrechend. Inzwischen war fast in ihrem gesamten Oberkörper ein unerträglicher Schmerz entflammt. Sie konnte sich nicht noch einmal aufrichten – selbst wenn, dann würde er sie eben nach dem nächsten oder übernächsten Hechtsprung voller Schmerzen erwischen. Er war schnell, stark, er war einfach zu viel für sie. Sie hätte heulen können vor Wut, als er sein Schwert ein weiteres Mal auf sie richtete. Das letzte Mal. Sie hatte nicht einmal Shiro helfen können...
Ohne weiter zu fackeln holte er aus – Sayuri sah ihm mit klopfendem Herzen in die kalten Augen, darauf bedacht, möglichst nicht zu blinzeln – und schlug zu –
Es klirrte laut, als sich jemand zwischen sie und ihren eben noch so sicheren Tod warf.
„Alles in Ordnung?“, fragte Toivo außer Atem.
Sayuri sah sich um. Der Größte der Truppe, Toivos erster Gegner, lag viele Meter entfernt regungslos am Boden. „J-Ja“, sagte sie und versuchte, sich zumindest ansatzweise aufzurichten. Sie hörte das Blut in ihren Ohren hämmern.
„Gut.“ Toivo zitterte vor Anstrengung, Vins Druck war stark.
Sayuri riss den Kopf herum.
Shiro.
Sie stand mit zusammengebissenen Zähnen auf und stolperte einige Schritte vorwärts, brach wieder zusammen. Es war wohl klüger, sich vorwärts zu ziehen. Hoffentlich war sie trotzdem schnell genug.
So, nach langer Zeit mal wieder ein Update hier...
Kapitel 11 - Teil 3
Der Brocken vor mir war offensichtlich außer Atem, was mich zusätzlich anspornte. Wirklich frisch war ich zwar auch nicht mehr, aber auch noch nicht am Limit, noch lange nicht.
„Bist wohl verdammt nochmal ganz schön selbstbewusst, wie?“, knurrte er und stieß mich mit einer ruckartigen Bewegung weg. Aber so leicht würde er mich nicht zu Fall bringen.
„Wie kommst du drauf, Hakennase?“, grinste ich und wusste im selben Moment die Antwort.
„Steht dir doch ins Gesicht geschrieben, du arrogante Göre.“
Anstelle einer Antwort machte ich einen Satz nach vorn und versuchte es mit einem Schlag von der Seite, ohne mir große Hoffnungen zu machen. Ganz nach meinen Erwartungen hielt er die Attacke problemlos von sich fern. Trotz seines massigen Körpers war er erstaunlich wendig.
„Was seid ihr eigentlich, so ne Art letzte Rettung für Hajime?“, fragte ich, um Dampf abzulassen.
Er zeigte ein ironisches Lächeln, ohne etwas zu erwidern.
„Ach ja, ihr nennt euch Elite, nicht wahr?“, redete ich weiter, während ich einen Hieb seinerseits zur Seite ablenkte. „Sagte Náttfari, bevor er abgekratzt ist.“
„Du wirst schon noch erfahren, warum wir so heißen“, knurrte er mich an und drängte mich weiter auf das Gitter hinter mir zu. „Verfluch schon mal dein Schicksal dafür, dass du an mich geraten bist.“
„Oh, damit kenne ich mich bestens aus.“ Ich schlüpfte unter seinem Schwert weg, schlitterte hinter ihn und zog einen tiefen Schnitt in seinen muskulösen Oberarm. Er stöhnte auf und fuhr sofort herum.
„Aber vielleicht bist eher du derjenige, der sein Schicksal verfluchen sollte.“ Ich musste wieder einmal feststellen, wie gerne ich sinnlose Streitgespräche fortsetzte. Es spornte mich irgendwie an, gab mir das Gefühl, gut zu sein. „Genauso wie dein feiger Herr.“
Er machte ein erstauntes Gesicht und schlug mich erneut weg. Geschwindigkeit hin oder her, Muskelkraft war bei ihm eindeutig im größeren Maß vorhanden. Ich musste einen Weg finden, das hier bald zu beenden.
„Was meinst du damit?“
„Womit?“
„Dass Lord Hajime sein Schicksal verfluchen soll.“
Ich runzelte erstaunt die Stirn und war für einen Moment unaufmerksam. Es gelang mir gerade noch, meine Waffe hochzureißen, als er sich auf mich warf. Ich knallte stöhnend mit dem Rücken gegen die Steinwand und spürte Hitze unmittelbar unter meinen Unterschenkeln.
„Bist du schwer von Begriff?“, zog ich ihn trotzdem auf, ein wenig außer Atem von dem harten Aufprall. Woher die Idee zum nächsten Satz kam, konnte ich kurz darauf schon nicht mehr sagen. Wahrscheinlich suchte ich nach einer Möglichkeit, ihn hinzuhalten. „Damit meine ich, dass ihm die Schicksalsschmiede alles andere als wohlgesonnen sind.“
Der Druck ließ nach, er wich einige Schritte zurück, ich konnte mich aufrecht und ein Stück weg von den Flammen aufstellen.
Er sah mich entsetzt an. „Was bist du, ein Dämon?“, fragte er mit geweiteten Augen.
Woher er diese Idee nahm, war mir völlig schleierhaft, aber in diesem Moment mindestens ebenso egal. „Vielleicht.“ Damit schnellte ich nach vorn und rammte mein Schwert durch seinen Körper. Er keuchte überrascht auf. Dabei hatte er ähnliche Schläge zuvor schon geblockt. Scheinbar hatte ich ihn wirklich entsetzt – dabei war mir nicht einmal ganz klar, womit genau.
Nun fiel er jedenfalls blutend nach hinten um, mein nun entgültig verdrecktes Schwert riss mit einem Rucken und einem äußerst unappetitlichen Laut wieder aus der Wunde heraus.
Zitternd lag er am Boden.
„Armer Irrer.“ So würde er nur unnötig leiden. Das wünschte nicht einmal ich ihm. Mit einem kurzen Schnitt trennte ich ihm die Kehle auf, wobei ich meinen Blick so gut es ging von ihm abwandte.
Dann sah ich mich um und runzelte die Stirn. Vin hatte es nun auf einmal mit Toivo zu tun, Sayuri konnte ich auf den ersten Blick nicht sehen, ansonsten war es still. Vin war wohl das einizige Überbleibsel. Aus dieser Erkenntnis heraus sah ich mich nicht weiter nach den anderen um und hechtete auf die beiden zu; Toivo hatte es offensichtlich nicht leicht.
Vin sah mich, sobald ich zwei Schritte auf sie zu gemacht hatte. Ich sah vage, wie sein Gesicht sich unzufrieden verzog, dann stolperte Toivo plötzlich mit einem überraschten Laut nach vorn – sein Gegner war mit einem Mal verschwunden.
Ich fuhr herum und sah Vins Silhouette zu der seltsamen Vertiefung in der Wand zischen, in der er und seine Mannen auf uns gewartet hatten.
Er schlug auf einen der Steine in der Wand, der knirschend nach hinten wich.
Die Gitter rasten genauso schnell wieder hoch, wie sie herabgefallen waren. Kaum war genug Platz zwischen dem, das uns am Weitergehen gehindert hatte, und dem Boden, sauste Vin hindurch, den unheimlichen Gang entlang.
Ich wollte ihm gerade nachstellen, da rief Toivo: „Nanna, warte!“ Ich sah mich um. Er winkte mir zu, damit ich ihm folgte. Ich drehte mich in die Richtung, in die er eilte und erblickte einen Haufen, den ich als Sayuri und zwei andere Körper erkannte. Ich schluckte und rannte Toivo hinterher.
Die Flammen und Wände zu beiden Seiten zischten an ihm vorbei und waren nichts als durchgehende Streifen bei der Geschwindigkeit, mit der er sich bewegte.
Beide tot. Vor vierzehn Jahren hatte er den ersten kennen gelernt, nachdem ihn seine Eltern am Tag nach der großen Feier zu seinem vierzehnten Geburtstag aus dem Haus geworfen hatten, wie es üblich war. Eigentlich hatte Vin schon darüber nachgedacht, mit dem Ausbilden von Frischlingen aufzuhören. Aber der Junge war zu interessant für ihn gewesen. Selbstbewusst, charmant, starrsinnig, zu bestimmten Menschen sehr großzügig und im Allgemeinen irgendwie seltsam, aber Vin hatte ihn von Anfang an gern gemocht. Ein schneller und wissbegieriger Lerner war er gewesen und hätte in den ersten Jahren am Liebsten jedem einzelnen der zahllosen Obdachlosen in Ankad etwas von seinem Brot abgegeben. Und den kühlen Mädchen war er immer hinterhergerannt, denen, die er nur selten erobern konnte, fast so sehr wie den Büchern über Sprachen und Namen.
Vier Jahre später war der Jüngere ihm gefolgt, von Anfang an darauf bedacht, alles anders, aber vor allem besser zu machen als sein älterer Bruder. Frech, fröhlich, offen, schnell in einen Streit verwickelt, wenn es darum ging, etwas oder jemanden zu verteidigen. Und überhaupt nicht interessiert an den Frauen, eigentlich ein recht angenehmer Zug, zumindest war er Vin nicht dauernd abhanden gekommen. Was ihn allerdings erstaunt hatte, war die Wandlung, der Kjell im Kampf unterlag. Seine Freundlichkeit wurde zu etwas Unangenehmen und war er erst einmal im Blutrausch gewesen, war er nicht so schnell wieder herausgekommen. So auch damals in dem Haus des Mädchens. Hätte er gewusst, dass dieses Kind später ein solches Problem werden würde, hätte er Kjell weitersuchen lassen.
Die beiden hatten ihn überredet, in dieses Land, Atakuri, zu kommen, kurz nachdem Kjell zu ihnen gestossen war. Anfangs war es nur Náttfaris Faszination für die Sprache gewesen, dann hatte Kjell beschlossen, dass „Ankad ihm langsam echt gehörig stank“, wie er damals gesagt hatte, worauf Náttfari ihn mit dem ganzjährig fallenden Schnee beworfen hatte.
In Atakuri hatten sie endlich eine stetige Quelle für Lebensmittel und Geld gefunden. Leute, die die Einsamkeit abhielten, die sogar zu dritt noch manchmal aufkam. Fast ein wenig wie die Familie, die Vin aus irgendwelchen Gründen nie gehabt hatte, hatte es sich angefühlt, mit den beiden zu reisen und zu leben.
Und nun waren sie beide tot.
Bis zu Lord Hajime würden diese Gören nicht kommen, ganz sicher nicht. Und wenn es ihn auch noch sein eigenes Leben kosten sollte.
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Kapitel 12 - Teil 1
Das hellhäutige Gesicht war bedeckt von Dreck und vollkommen entspannt. Spuren von getrockneten Tränen zogen sich von den geschlossenen Lidern bis zum Gesichtsende.
„Shiro! He!“
Sie rüttelte an ihm. Sayuris Stimme zitterte genauso wie ihr Körper. Erst jetzt erblickte ich die böse Wunde in ihrem Rücken und verzog mitleidig das Gesicht. Der Schnitt blutete nicht mehr, sah sogar stellenweise schon ein wenig krustig aus und war auch nicht tief, allerdings sah ich Dreck und Stofffetzen darin kleben. Noch dazu war ein aufgeschlitzter Rücken nun wirklich eine der Wunden, die ich mir als mehr als nur unangenehm vorstellte.
Ich sah auf die anderen beiden hinab. Kjell war offensichtlich tot. Er wirkte irgendwie friedlich. Ich verzog angeekelt das Gesicht.
„Verdammt, das kann doch nicht sein... Shiro, mach die Augen auf!“
Toivo wollte ihr eine Hand auf die Schulter legen, aber sie schlug sie energisch weg. „Er ist nicht tot, wag es nicht, mich trösten zu wollen!“ Sie sank ein Stück in sich zusammen und holte schwer Luft, dann rieb sie sich hastig über die Augen, als wollte sie sich selbst zurechtweisen.
Ich senkte den Blick und ging in die Knie. „Sayuri – “
In diesem Moment holte Shiro zittrig, aber tief Luft. Sayuri gab einen seltsamen Laut von sich, eine Mischung aus Lachen, Schluchzen und dem Luftholen beim Auftauchen nach einem zu langen Aufenthalt unter Wasser. „Shiro!“
Langsam öffnete er seine roten Augen. Falls man das überhaupt wirklich sehen konnte, sah er blass aus. Fand ich jedenfalls.
„Ich... Yuri?“
Sie nickte wild. Vom tanzenden Licht zum Glitzern gebrachte Tränen ließen ihre schönen Augen glänzen.
Shiro lächelte schwach. „Und ich dachte, es wäre vorbei...“
„Ach was, wir flicken dich wieder, das geht schon, wir finden da eine Möglichkeit“, plapperte Sayuri viel zu schnell und ich fragte mich, warum sich ihre Zunge dabei nicht verknotete. „Das lässt sich doch bestimmt irgendwie machen, wir... Shiro?“
Er hörte ihr gar nicht richtig zu, das hatte sie nun scheinbar auch gemerkt. Sein Blick ruhte auf Kjells Gesicht auf seiner Augenhöhe.
Sayuri folgte seinem Blick und ihr Gesicht verzog sich zornig. „Er hat dir was vorgemacht, Shiro, denk nicht mehr an ihn...“
„Nein, er...“ Weiter kam er nicht. Er hielt inne und sah in das erstarrte, noch immer lächelnde Gesicht. „Er hat sich absichtlich von mir töten lassen“, flüsterte er schwach, ich verstand ihn kaum.
Toivo neben mir presste mitleidig die Lippen zusammen, aber Sayuri schien das nur noch mehr aufzuregen. „Hör doch, er ist einer von Hajimes engsten Vertrauten gewesen! Er hat dir das nur erzählt, weil er dir auch noch Schuldgefühle machen wollte, das darfst du ni –“ Sie stockte, als Shiro zu ihr hochsah. Er sah nicht wütend aus, aber bestimmt. Dann sah er wieder weg. Neue Tränen schimmerten in seinen Augen. „Es war nicht nötig für ihn, eine Beziehung einzugehen, um seine Spionage durchführen zu können“, sagte er leise.
„Natürlich war es das, das machte ihn weniger verdächtig“, sagte Sayuri zerknirscht.
„Dazu reichen auch Freundschaften...“ Shiro schiweg kurz. Dann: „Er... hat mich geküsst.“
Ich zog angewidert die Oberlippe hoch, Toivo öffnete mit skeptischem Blick den Mund. Sayuri riss die Augen auf und rief: „Hat der sie noch alle?!“
„Meinst du, er hätte sich eine solche Blösse gegeben, wenn er es wirklich ernst gemeint hätte mit dem Kampf und seinem Überleben?“
Sayuri fiel offensichtlich nichts mehr ein. Sie senkte den Blick und sah auf einmal unheimlich traurig aus.
„Aber er hat dich... ich meine, sieh dich doch mal an!“, rutschte es mir heraus. „Es fehlte nicht viel und du wärst tot gewesen.“
Shiro erwiderte nichts und mir war klar, dass er sich nicht von seiner Erkenntnis abbringen lassen würde. Und je länger ich darüber nachdachte, desto logischer fand ich seine Begründungen.
„Aber je sicherer ich werde...“ Shiro streckte eine Hand nach Kjells Gesicht aus und strich einige Haare aus seiner Stirn. „...desto mehr tut es weh.“
Wir schwiegen uns an. Keiner wusste, wie man ihn trösten konnte, ohne ungelenk oder verletzend zu klingen.
Auf einmal stöhnte Shiro auf und griff nach seiner Schulter. Scheinbar hatte es eine Weile gedauert, bis er auch körperlich wieder bei Bewusstsein war.
„Viel zu viel Blut verloren“, kommentierte ich mit einem Blick auf den vom getrockneten Lebenssaft glänzenden Boden.
„Hier.“ Toivo kramte in seinem Hüftbeutel und zog eine kleine Flasche heraus. Eine klare, helle Flüssigkeit schwappte darin hin und her. „Alkohol.“
Sayuri grabschte sie sich hastig, riss den Verschluss und anschließend Shiros Hemdärmel ab und goss den Alkohol vorsichtig über die große Wunde in Shiros Schulter. Shiro schrie, als die klare Flüssigkeit in das blutverklebte Loch floss. Sayuri biss die Zähne aufeinander. „Gleich vorbei“, sagte sie leise und angestrengt.
„Schmerz ist ein Beweis für Leben“, sagte Toivo mit einem schiefen Lächeln. Shiro grinste ihn tapfer an.
„Was ist mit dir?“ Ich zeigte auf die Wunde in Sayuris Rücken.
Sie schüttelte energisch den Kopf. „Nicht so wichtig.“ Kaum war sie fertig mit dem Alkohol drückte sie Toivo dankend die Flasche wieder in die Hand und riss, ohne lange zu fackeln, ein Stück vom unteren Rand ihrer Bluse ab, das sie mit ihrem Schwert antrennte. Dann wickelte sie es um Shiros Schulter – und musste feststellen, dass sie keinen Faden oder etwas Ähnliches hatte. „Verdammt!“, fluchte sie, während sie den provisorischen Verband noch immer festhielt.
„Warte mal.“ Ich legte meinen Perlenzopf über meine Schulter, löste den Knoten des Lederbandes am Ende und wickelte es ab, dann reichte ich es ihr. Sie sah mich verwundert an.
„Na los, nimm es schon.“ Ich zuckte auffordernd mit der Hand, während ich mit der anderen die Perlen auffing, die langsam von der verfilzten Haarsträhne rutschten.
Sayuri nickte lächelnd, dann nahm sie das Band und wickelte es fest um den Stoffstreifen. Sie sackte erleichtert ein Stück zusammen. Shiro lächelte sie aufmunternd an. Dann schien ihm etwas einzufallen. „Was ist mit den anderen? Wo sind Vin und die anderen Kerle?“
„Die drei anderen sind tot...“, begann Toivo.
„... aber Vin ist entkommen“, ergänzte ich ihn zerknirscht und klammerte mich grimmig ins Leder meiner Hose.
Shiro nickte leicht und schloss erschöpft die Augen.
„Wir müssen ihnen hinterher“, stellte Sayuri fest und wollte aufstehen, sank aber mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder in die Knie.
„Sie können ihnen doch nicht zu zweit hinterhergehen...“, sagte Shiro. „Sie sollten besser zurückgehen und Verstärkung holen.“
„Allein finden sie sich in dem Labyrinth im Obergeschoss nicht zurecht...“, begann Sayuri.
„Dann geh mit ihnen mit.“
„Ich wäre eher ein Hindernis. Außerdem lasse ich dich hier nicht allein liegen, wer weiß, ob Vin vielleicht Soldaten hierher schickt.“
Die ganze Diskussion dauerte mir zu lange.
„Ihr zwei bleibt hier“, kommandierte ich und sprang auf. „Wir verfolgen sie, das schaffen wir schon.“ Ich steckte die Perlen in meinen Hüftbeutel.
„Aber was ist, wenn ihr in eine weitere Falle geratet?“, fragte Shiro.
„Dann kämpfen wir“, sagte Toivo entschlossen. „Passt ihr nur auf, dass euch niemand tötet.“
„Und wie sollen wir das anstellen?“, fragte Sayuri stirnrunzelnd.
Ich zeigte auf die kurze Seitengasse. „Da ist der Schalter für diese zwei Gitter, einer von Mauersteinen, ziemlich genau in der Mitte. Kannst du da hinkommen?“
„Natürlich!“
„Gut, dann lasst die Dinger runter, sobald wir weg sind.“
Sie sah mich stirnrunzelnd an. „Täusche ich mich oder übernimmst du hier gerade das Kommando?“
„Keineswegs“, sagte ich trocken, dann wandte ich mich ab.
„Macht’s gut... wir holen euch ab, wenn wir mit ihnen fertig sind“, sagte Toivo.
„Das will ich doch hoffen!“, sagte Sayuri in befehlendem Tonfall.
Toivo lachte. Dann liefen wir los.
Wir waren schon etwa hundert Meter von den beiden entfernt, da hörten wir das vertraute Rasseln und Knallen.
Wir rannten den Gang entlang, der sich zwar schon um einige Ecken gewunden hatte und teilweise auch bereits noch weiter abgefallen war, scheinbar aber einfach nicht enden wollte.
„Du schienst echte Probleme mit Vin zu haben“, sagte ich.
Toivo nickte ernst. „Ein harter Brocken... Ankad ist ein raues Land voller kämpferischer, zäher Leute... wenn du dort ein Meister bist, bist du überall einer...“
Ich hob die Augenbrauen. „Náttfari schien mir aber nicht so...“
Toivo senkte den Blick und lächelte wissend. „Náttfari war offenbar eingenommen von dir... und sah sich trotzdem nicht in der Lage, dich für sich gewinnen zu können...“
„Ts.“ Ich musste grinsen, auch wenn ich es selber unpassend fand. „Und sein kleiner Bruder macht denselben Fehler.“
Toivos Gesicht wurde wieder ernst. „Hat Kjell sich Shiro vorhin nicht... ausgesucht?“
Ich überlegte kurz. Doch, er hatte Sayuri vorbeirennen lassen und stattdessen Shiro übernommen, anstatt ihn einem seiner Kameraden zu überlassen. „Du meinst, er hat von Anfang an geplant, sich von ihm töten zu lassen?“
„Gut möglich...“ Toivo kratzte sich am Kopf.
„Was ist das da vorn?“ Der Gang wurde einige hundert Meter weiter plötzlich heller, als wir um eine Ecke bogen.
„Scheint ein Ausgang zu sein...“
Instiktiv drosselten wir unser Tempo, um nicht unvorbereitet in den Saal hinter dem Gang hineinzurasen, und blieben stehen. Auf den ersten Blick schien er uns allerdings leer. Er war hell erleuchtet und nicht mehr aus den dunklen, leicht bläulichen Steinen wie der Gang, sondern wieder weiß wie der Rest des Schlosses. Überall hingen und standen Fackeln und tauchten den gesamten Saal in ein warmes, orangefarbenes Licht, an den Wänden hingen luftige Teppiche und Pflanzen. Es wirkte an für sich recht heimelig, abgesehen von der offensichtlich gewaltigen Höhe des Raumes... und dem Wissen, das hier etwas auf uns warten könnte.
Durch den Ausgang des Ganges konnten wir noch den Rand eines Tores in einer der hohen Wände erkennen, offensichtlich war es geöffnet. Das ganze schien wieder so freundlich, so unwahrscheinlich einladend, eigentlich schon gemütlich. Leider war mir nur allzu klar, dass es das sicher nicht war.
Ich sah mich im Zugang zum Saal um und runzelte die Stirn. In der Wand direkt an dem Loch konnte ich einige feine Lücken erkennen, als ob dort eine ausfahrbare Wand war. Warum hatte man sie nicht geschlossen, jetzt, da Vin sie ja wohl gewarnt hatte?
Als ich Toivo darauf aufmerksam machte, hob er skeptisch die Augenbrauen. „So oder so müssen wir aber da rein“, sagte er leise.
„Zumindest wissen wir jetzt, dass sie uns einkesseln wollen... wir müssen wohl oder übel weitergehen, schätze ich.“ Also ging ich los. Toivo folgte mir eilig.
Kaum standen wir in dem Saal, schloss sich hinter uns der Zugang zu dem langen Gang. Als er vollständig zu war, sah es aus wie eine massive Wand, die dort hingehörte und sich nicht von der Stelle rühren konnte und würde. Wahrscheinlich sah es von der Gangseite ebenfalls wie eine Sackgasse aus.
„Eins muss man ihnen lassen, mit Tricks arbeiten können sie ja...“, flüsterte ich Toivo zu, während wir uns wachsam in dem riesigen runden Saal umsahen. Er gab einen belustigten Laut von sich. Wir standen Rücken an Rücken in der Mitte des Raumes und warteten darauf, dass endlich etwas passierte – aber den Gefallen tat man uns nicht.
Nach einigem Warten bewegten wir uns langsam auf das große Tor zu, das wirklich sperrangelweit offen stand.
„Halt.“ Irgendwas klackte laut, es hörte sich ein wenig an wie ein Schalter zum Umlegen.
Wir sahen auf. Auf etwa drei Metern Höhe verschob sich ein Streifen der Wand und offenbarte eine ganze Reihe von Kämpfern, vierzig Stück vielleicht. Genau über der Stelle, wo eben noch die Öffnung zum Tunnel gewesen war, stand Vin, ein weiteres Mal in einem dunklen Umhang. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Hass zeigte sich darin, das konnte ich sogar auf die Entfernung erkennen.
„Ihr habt euch zu weit vorgewagt. Ihr hättet umkehren sollen, solange es noch ging“, sagte er schneidend. Zwei Bogenschützen direkt neben ihm spannten die Sehnen.
„Ist das nicht ganz schön feige?“, brüllte ich zu ihm hinauf. „Sich auf unerreichbarer Höhe in Sicherheit wiegen und die Feinde einfach abschießen lassen?“ Vielleicht bekamen wir so zumindest die Möglichkeit, uns zu verteidigen.
Er gebot den Schützen mit einem Wink seiner Hand Einhalt. „Du meinst“, begann er langsam, „Du meinst mich auf so billige Art und Weise provozieren zu können?“
„War nicht als Provokation gedacht, alter Mann. Es war eine Frage. Ich jedenfalls würde mich dem Feind stellen, wenn ich mich schon einen Meister nennen wollte. Nach wahrscheinlich vierzig Jahren Kampferfahrung oder mehr ist das doch wohl nicht zu viel verlangt, oder was denkst du?“
„Ich denke, dass du viel zu frech bist für die Situation, in der du dich befindest“, sagte er eisig. Dann gab er den Bogenschützen ein Zeichen. Pfeile regneten uns entgegen.
Ich sprang zur Seite, was sich als äußerst effektiv offenbarte. Zwei Schützen reichten eben doch nicht ganz aus. Scheinbar waren aber nicht mehr unter den Angreifern.
Toivo, der nun einige Meter von mir entfernt stand, feuerte zwei Schüsse ab.
Mit überraschten Aufschreien fielen die Bogenschützen zu Boden. Vin starrte Toivo vernichtend an. „Kommt ihr jetzt runter?“, rief dieser ungerührt und wischte sich grinsend ein paar Haare aus der Stirn.
Ohne ein Wort zu verlieren gab Vin ein weiteres Handzeichen und sprang dann zu Boden, gefolgt von sämtlichen Kämpfern.
„Nanna“, murmelte mir Toivo zu. „Das Tor führt doch wohl zu Hajime, oder nicht?“
„Ist anzunehmen.“
„Dann geh bei erster Gelegenheit durch. Mit denen hier werd ich auch alleine fertig.“
„Red keinen Mist, ich bleib hier.“
„Das hält uns zu lange auf, wer weiß, wann sie es schließen.“
Für weitere Diskussionen blieb keine Zeit. Wieder knallte mein Schwert auf die Waffe eines Unbekannten und es machte sich bemerkbar, dass ich schon Kämpfe hinter mir hatte. Meine Handgelenke sträubten sich gegen den Druck nach so kurzer Zeit der Erholung. Was die Sache nicht gerade erleichterte war, dass alle Menschen in diesem Raum es ausschließlich auf uns beide abgesehen hatten und aus diesem Grund alle gleichzeitig anzugreifen schienen. Toivo hatte ich in diesem Gedränge schon aus den Augen verloren.
Noch auf die Stärke meines letzten Gegners gepeilt, schlug ich mit aller Kraft zu und schlug den Körper eines jungen Mannes entzwei.
Es war so einfach. Geradezu amüsant, wie sie sich alle auf mich stürzten und immer noch der Meinung waren, sie könnten mich einfach besiegen. Der Blutrausch packte mich, ich schlug ein weiteres Mal wild um mich, ohne einen wirklichen Plan zu haben – aber es funktionierte.
In meinem Wahn bemerkte ich gar nicht, dass die Masse sich immer weiter dem Tor näherte, einfach deshalb, weil Toivo und ich bei dieser Menge von Gegnern manches Mal gezwungen waren, zurückzuweichen.
Ich hörte nur auf einmal, wie Vin mit eindrucksvoller Stimme schrie: „Schließt das Tor!“
Ich sprang rückwärts und fuhr herum. Die Torflügel schlossen sich erstaunlich schnell. Die Konstruktionen in diesem Gebäude waren wirklich gut ausgearbeitet.
„Nanna, geh!“, hörte ich Toivo rufen.
Ich sah mich kurz zögernd nach ihm um, dann schlug ich einen Gegner beiseite und preschte auf das Tor zu, um gerade noch rechtzeitig durch eine schmale Lücke zu hechten, bevor es sich mit einem pompösen Laut schloss.
Kapitel 12 - Teil 2
Das Licht war hier wieder viel dämmriger als in dem Saal, den ich soeben verlassen hatte, wenn auch nicht weniger angenehm.
Zwei Männer, die die Automatik für das Tor bedient hatten, flüchteten mit bleichen Gesichtern in die Schatten, aber sie interessierten mich nicht. Jetzt war ich also allein und musste Hajime ausfindig machen.
Gerade wollte ich mich weiter umsehen, da explodierte vor mir ein rotes Licht und ich fiel mit schrecklichen Kopfschmerzen und Schwindelgefühl auf die Knie. Als ich wieder aufsah, war da nichts Rotes mehr.
„Was zur Hölle war das denn jetzt schon wieder?“, murmelte ich wütend und wollte mich gerade erheben, da hörte ich eine vertraute Stimme in meinem Kopf.
Du musst ihn schnell finden, er wird sonst versuchen zu fliehen.
Ich sah mich um, aber da war niemand.
„Wo bist du?“
In deinem Kopf, nirgendwo sonst. Beeil dich.
Auch wenn weitere Fragen aufgeworfen worden waren, tat ich, was sie sagte. Etwas in mir sagte, dass sie Recht hatte. Und wenn er sich tatsächlich verdrücken wollte, musste ich mich beeilen, da er scheinbar wichtige Informationen loszuwerden hatte. Bestimmt Staatsgeheimnisse, über die Dachi Bescheid wissen musste – mit dieser Gewissheit rannte ich los, einfach den Teppich in der Mitte des Raumes entlang. Ich verwendete nur wenig Zeit darauf, mich umzusehen, aber das reichte schon, um die Halle auf mich wirken zu lassen. Dunkel und majestätisch, wäre ich zu einer anderen Gelegenheit hier gewesen, wäre ich wahrscheinlich in Ehrfurcht stehen geblieben. Die Luft war kühl wie die Steinwände, trotzdem saß mir eine unruhige Hitze unter der Haut. Das Wiederhallen meiner Schritte jagte mir einen Schauer über den Rücken. Ich hörte nur diese hallenden Geräusche und meinen eigenen Atem und diese indirekte Stille drückte mir auf’s Gemüt, als sei da jemand, der mich zum Umkehren drängte.
Sie waren überall. Natürlich, es waren ja auch noch mindestens dreißig. Was Toivo eher irritierte war, dass er Vin nirgendwo sehen konnte.
Er schob einem weiteren Mann das Schwert zwischen die Rippen, der vielleicht gerade einmal so alt war wie er. Jemand, mit dem er vielleicht gut ausgekommen wäre, wenn sie sich zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort begegnet wären. Die meisten Männer waren kein Problem. Einige waren stärker oder wendiger als die anderen, aber Alfsig war nicht umsonst ein gefragter Lehrer. Manche zögerten beim Angriff oder hielten einen Moment inne, wenn ein Kamerad schreiend zusammenklappte, leichte Beute sozusagen.
Niemand, der ihn angesehen hätte, hätte es ihm geglaubt, aber er mochte das hier nicht. Sie waren genau wie er, hatten ihr eigenes Leben, ihre eigenen Ziele und Überzeugungen – alles mit einer einzigen Bewegung durchtrennt und beendet, genau wie ihr Hals, in einem Kampf, der nicht mal ihr eigener war.
Einige Schnittwunden hatte Toivo bereits davongetragen, wenn er sich zu langsam umgedreht oder ungenau bewegt hatte... es war nicht viel anders als das Training mit Alfsig, nicht einmal wirklich auf einem andere Level... bisher.
Noch Zehn. Verzweifelt versuchten sie aus verschiedenen Richtungen, mittels Hakenschlagen oder möglichst lautlos anzugreifen, um noch rauszuholen, was sie konnten.
Noch Fünf. Eine Klinge streifte sein Bein, ein weiteres Mal seinen Arm, seine Wange...
Als Toivo den letzten getötet hatte, ging ihm langsam auf, was sie die ganze Zeit getan hatten. Hatten sie anfangs noch wirklich gekämpft, um ihn zu töten, war das nach einer Weile zu dem geworden, was sie schließlich auch erreicht hatten: ihn zu schwächen, ihr eigenes Leben wahrscheinlich bewusst opfernd. Bauernopfer.
Abscheu und Wut machten sich in ihm breit, während er sich schwer atmend umsah. Verdammt. Noch eine Falle. Und er war genau hinein gelaufen, mehr noch, es hatte gar keinen anderen Weg gegeben.
„Also. Komm raus!“, rief er außer Atem und näherte sich der Wand des Raumes. „Deine Leute haben erreicht, was du wolltest, jetzt beweise, dass ihre Opfer nicht umsonst gewesen sind.“
„Ich bin beeindruckt. Bei der Anstrengung kannst du noch logische Schlüsse ziehen?“
Toivo sah hoch, gerade noch rechtzeitig, um Vin ein weiteres Mal von der Erhöhung springen zu sehen. Den Leichen, die überall herumlagen und bluteten, schenkte er keine Beachtung. Dann zischte er los. Toivo konnte noch rechtzeitig das Schwert hochreißen, jedoch nicht ein angestrengtes Stöhnen unterdrücken.
„Warum hast du nicht versucht zu fliehen?“, fragte Vin. Sein Gesicht befand sich in seiner üblichen Regunglosigkeit.
„Wer würde in einer solchen Situation fliehen? Wohin denn? Außerdem“ – er stieß sich nach hinten weg und sprang zu Seite – „Warte ich auf jemanden.“
„Sie wird’s nicht überleben“, kommentiere Vin, holte wieder auf und schlug ein weiteres Mal zu. Toivo blockte unter Schmerzen im Arm. Wie lange würde er das durchhalten können? Zehn, vielleicht zwanzig Minuten?
„Oh doch, das wird sie“, grinste er trotzdem.
„Rührend.“ Schlag.
Blocken. Selber einen Angriff starten. Sofort wieder Blocken. Das ging viele Male so und noch immer hatte er Vin nicht verletzen können, während seine Kräfte immer weiter schwanden.
Dann – ein Hoffnungsschimmer. Mit aller Kraft schob Toivo Vins Arm beiseite und vollführte einen Schnitt auf Kopfhöhe. Vin knurrte wütend auf, als sich eine Wunde auf seiner Stirn auftat. Mist. Er war einfach zu schnell.
„Nerviges Pack.“ Noch einmal stürmte Vin auf Toivo ein, diesmal trat er ihm den Fuß weg und hatte Erfolg – Toivo fiel zu Boden und verlor ihn kurz aus den Augen. Wie hatte das passieren können? Verbissen sprang Toivo auf, aber Vin war verschwunden.
„Buh.“ Toivo fuhr erschrocken herum. Sein Arm verkrampfte sich, wehrte sich gegen die plötzliche Bewegung, die er ausführen sollte. Nicht jetzt, bitte nicht jetzt...
„Das war’s dann wohl.“
Betäubender Schmerz raste durch seinen gesamten Körper.
Die Sicht verschwamm... die Beine knickten ein...
Ich traf auf ein weiteres Tor, das sich aber nach einem festen Tritt öffnete. Keine Schlösser oder Riegel, die jemand vorgelegt hatte, noch dazu war es offenbar ein älteres Modell, das konnte ich sogar riechen. Dahinter sah ich einen unbedeutend wirkenden Raum. Er war vollkommen leer.
Ich machte einen Schritt nach vorn – und fiel.
Nicht tief, aber ich knallte auf mein Steißbein und es tat höllisch weh.
Der Boden war glatt poliert. Alles war in schwarz und weiß gehalten, es war schrecklich hell und kalt. Auch hier befanden sich Pflanzen und Wandteppiche zur Verzierung des Raumes. Mir gegenüber, direkt an der Wand, hing ein gigantisches Kunstwerk mit Darstellungen verschiedenster Szenen – Kämpfe, junge Frauen, Blumen, alles begleitet von den kunstvoll geschwungenen Schriftzeichen, von denen ich inzwischen schon so viele gesehen, aber noch kein einziges verstanden hatte.
Es roch süßlich und von der Decke hing ein glänzender Teller, aus dem bläulicher Rauch aufstieg. Felle lagen auf dem glänzenden Boden. In die hölzernen Wände waren etliche Türen eingebaut. Das ganze wirkte wie eine Eingangshalle, wäre da nicht der große, reich verziehrte Stuhl vor dem großen Gemälde gewesen.
Ein unscheinbarer Mann mittlerer Größe saß darauf.
Bisher war ales so warm gewesen in diesem Schloss und ich war bereits so darauf eingstellt gewesen, dass ich mir diese ausgeschmückte Kälte zunächst einen Moment lang ansehen musste.
Langsam stand ich auf und ging auf den Thron zu, meine Augen die ganze Zeit auf die Türen zu beiden Seiten gerichtet. Aber niemand stürmte heraus und versuchte mir den Kopf abzuschlagen. Auch der Mann auf dem Thron bewegte sich kein Stück, er ließ mich geduldig näher kommen. Ich wusste gar nicht warum, aber ich blieb etwa fünf Meter vor ihm stehen. Er war mir irgendwie nicht ganz geheuer. Dennoch fragte ich mit fester Stimme: „Lord Hajime?“
Er nickte. Sein Alter war für mich undefinierbar, sicher über dreißig, ein vollständig erwachsener Mann, aber alles andere... schwer bis unmöglich zu sagen. Sein Gesicht war hell, vollkommen glatt und rund, seine Augen schwarz, schmal und ausdruckslos. Er hatte einen ähnlichen Bart wie Lord Dachi, aber seine Haare ergrauten bereits. Trotzdem sah er eigentlich noch eleganter aus als mein Lehnsherr, mit seinem perfekten und doch noch irgendwo menschlichen Gesicht.
Ich hob mein Schwert leicht. Seine ruhige Art irritierte mich.
„Ich weiß, dass du hier bist, um mich zu töten.“
Ich sah ihn erstaunt an. Doch dann hob ich meine Waffe. „Dann wird es umso schneller gehen, denke ich.“
Er redete unbeirrt weiter. „Ich kenne mein Schicksal immer, bevor es eintrifft. Sie haben eine Verbindung zu mir, sie lassen es mich wissen.“
Ich sah ihn skeptisch an. „Wen meinst du damit?“
„Du weißt es doch.“ Auf einmal grinste er wissend.
Eine unglaubliche Wut packte mich mit einem Mal. Dieser lächerliche Herrscher hatte Informationen, die ich dringend brauchte und er enthielt sie mir vor, schlimmer noch, er zog mich damit auf.
Mit einem Satz war ich bei ihm und hielt ihm mein Schwert an die Kehle. „Sag mir alles, was du über sie weißt. Sonst bringe ich dich um!“
„Hattest du das nicht ohnehin vor? Also tu es doch“, grinste er. Seine Augen schienen mir glasig.
Bevor ich etwas tun oder sagen konnte, spürte ich einen stechenden Schmerz an meinem linken Oberarm. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wo er die Waffe auf einmal hergenommen hatte, aber sie war einfach da. Ich sprang rückwärts.
Langsam stand er auf. „Was ist? Wolltest du mich nicht töten?“
„Daran hat sich nichts geändert.“ Ich stürzte mich auf ihn und wäre fast in seinen Thron gerannt – er war plötzlich verschwunden.
„Du bist ziemlich langsam.“ Er stand neben mir.
Wieder schlug ich nach ihm, wieder verschwand er. Mein verletzter Arm behinderte mich, als ich erneut zum Blocken gezwungen wurde. Er behielt das Tempo bei, griff immer wieder von irgendwo an und war wieder verschwunden. Ich hatte keine Gelegenheit, einen Schlag anzubringen, ich war zu beschäftigt mit dem Blocken. Ich meinte immer wieder unterdrücktes Stöhnen zu hören, wenn er sichtbar wurde, als wäre er unzufrieden mit dem, was er tat.
Immer und immer wieder tauchte er einfach neben mir auf, immer mit demselben Gesichtsausdruck, ein freudloses Grinsen. Inzwischen lief mir das Blut an beiden Armen hinab, am Unterschenkel hatte ich ebenfalls einen kleinen Schnitt. Mein Atem ging schwer. Er war zu schnell. Er war unheimlich. Ein roter Schimmer folgte ihm und gab mir einfach keine Ruhe. Ich konnte mich nicht vollständig auf den Kampf konzentrieren, dieser blutrote Schimmer konnte doch nicht nur eine optische Täuschung oder Halluzination sein.
Verbindung zu den Schicksalsschmieden... was bedeutete das? Der Dicke war auch entsetzt zusammengebrochen, als ich auf diese mysteriösen Wesen zu sprechen gekommen war, an deren Existenz es für mich inzwischen keinerlei Zweifel mehr gab. Was hatte Hajime mit diesen Dingern zu tun?
Auf einmal flüchtete er an eine Stelle mehrere Meter von mir entfernt. Ich wartete ab, angreifen war ohnehin sinnlos.
Es schien, als würde er gegen etwas ankämpfen wollen, sein Gesicht verzog sich auf seltsame Weise, immer wieder. Dann brach er mit einem Mal schreiend in sich zusammen, dass ich vor Schreck zuckte. Er krallte beide Hände in seinen Kopf und schüttelte sich heftig. Und immer weiter schrie er, dass es in meinen Ohren vibrierte. Manchmal auch einzelne Wörter in der mir fremden Sprache Atakuris. Er sackte in sich zusammen und sah plötzlich nur noch lächerlich aus. Irgendetwas an diesem Schauspiel machte mir Angst.
Vorsichtig ging ich auf ihn zu, aber er schien mich gar nicht zu bemerken. Was war auf einmal los mit ihm? Ich hob mein Schwert, zögerte kurz – und stieß zu. Ich durchbohrte seinen Rücken vollständig, wahrscheinlich auch noch seinen Oberschenkel aufgrund seiner verkrümmten Haltung.
Mit einem weiteren schrecklichen Schrei klatschte er flach auf den Boden und zitterte weiter.
„Na also. War doch gar nicht so schwer“, murmelte ich grimmig und wischte mir Blut von den Armen. Meine Hände waren inzwischen glänzend rot von meinem eigenen Blut, als hätte ich einen Tierkadaver auseinander genommen. Außerdem zitterten sie, wie mir zu meinem Ärgernis auffiel. Unter der dünnen Haut auf dem Handrücken zuckten die Venen mit einem unangenehmen Kribbeln.
Ich steckte mein Schwert weg und wandte mich ab. Sollte er doch verbluten. Er hatte mich gedemütigt und zahllose Menschen jahrelang gequält, er verdiente keinen Gnadenstoss.
„Nanna...“
Ich fuhr herum. Es war nur ein leises Röcheln gewesen, aber es war so still im Thronsaal, dass ich jeden fallenden Nagel schon im Flug gehört hätte. Ich sah ihn mit einer Mischung aus Entsetzen und Abscheu an, aber ich kam noch einmal zu ihm zurück.
Er drehte sich stöhnend auf den Rücken, scheinbar wollte er mich ansehen können. Die Haare waren aus dem zuvor so eleganten Pferdeschwanz gerutscht und sahen nun aus irgendeinem Grund weitaus grauer und spröder aus als zuvor. Sein Gesicht war fahl und wies nun einiges an zu Teilen sehr tiefen Falten auf, er war wahrscheinlich über sechzig. Seine Augen waren nun klar und sahen nicht mehr ganz so schwarz aus, sondern waren eher mittelbraun. Der glasige Ausdruck war restlos daraus verschwunden. Es war, als läge auf einmal ein anderer Mensch vor mir.
„Woher kennst du meinen Namen?“
„Sie haben ihn mir gesagt, sie...“
Ich hatte mich zu ihm hinuntergekniet, er sprach leise und mit heiserer Stimme, nun wollte ich wieder aufstehen. „Das hatten wir doch gerade schon, du hast sie doch nicht mehr alle. Ruf dir doch Hilfe und erzähl denen deine Märchen.“
„Nein! Warte!“ Er packte meinen Arm. Sein Griff war noch erstaunlich stark. „Du darfst nicht... zu ihnen gehen...“
Ich ließ mich wieder zu ihm hinunterziehen. „Wie meinst du das?“, fragte ich scharf.
„Sie wollen... sie hatten die ganze Zeit geplant, dass du hierher kommen würdest, ich... ich sollte dich töten, damit deine Seele in ihren... Besitz fiele...“
„Drück dich deutlicher aus!“ Das Adrenalin brodelte in meinen Blutbahnen. „Wieso hast du dir das befehlen lassen?“
„Sie können... von Leuten... Besitz ergreifen, wenn der Charakter zu schwach ist... wenn der Person ihr Schicksal egal ist... du darfst nicht gehen“ – er schüttelte wild den Kopf – „Das alles ist geplant... du musst... dich dagegen wehren, hörst du? Sie wollen, dass du zu ihnen kommst, aber das darfst du nicht, hörst du?“ Er hatte zu viel Luft auf einmal verbraucht. Er begann wild zu husten. Es klang trocken und rau, dann spuckte er ein wenig Blut und ich hatte Mühe, mir nicht vorzustellen, wie sich seine Kehle auflöste.
„Was wollen sie von mir?“, fragte ich möglichst ruhig.
Er riss panisch die Augen auf und schüttelte wieder den Kopf. „Nicht annehmen, auf keinen Fall, darfst du sie annehmen!“
„Was, was denn, zum Teufel?!“
„Die... Aufgabe...“ Er schloss die Augen, seine Hand an meinem Arm erschlaffte langsam.
„Was für eine Aufgabe? He!“ Ich schrie ihn an, schüttelte, riss an ihm, schlug ihm vor Zorn ins Gesicht, aber nichts half. Er war gestorben und hatte mir nur die Hälfte erzählt, mir etwas verbieten wollen, ohne es zu begründen und das Schlimmste an all dem war, dass ich selbst daran die Schuld trug.
Kapitel 12 - Teil 3
Zerknirscht stapfte ich den langen Saal entlang. Direkt neben dem Loch, durch das ich gefallen war, hatte ich eine Treppe und darüber eine Falltür, die sich nur von innen öffnen ließ, vorgefunden.
Ich näherte mich dem Tor. Wahrscheinlich konnte ich es alleine öffnen, hoffentlich. Ich war nun mindestens eine halbe Stunde weg gewesen, wahrscheinlich eher länger. Toivo hatte die Soldaten wahrscheinlich längst erledigt. Und Vin. Ich konnte nur hoffen, dass er nicht selber dabei draufgegangen war. Bei diesem Gedanken wurde mir ein wenig übel.
Die Automatik ließ sich tatsächlich auch von einem Einzelnen bedienen. Ich musste zwar dreimal zwischen den beiden Seiten hin- und herrennen, um verschiedene Hebel umzulegen, aber dann konnte ich endlich eine Kurbel betätigen. Es kostete mich ungewöhnlich wenig Kraft, eine Umdrehung durchzuführen. Schnell war das Tor weit genug offen, um mich durchzulassen. Ich ließ die Kurbel los und lief eilig auf den Spalt zu. Dahinter sah ich bereits einige Leichen liegen, ein paar in den seltsamsten Posen. Es herrschte Grottenstille.
Mit steifen Beinen und einem mulmigen Gefühl betrat ich den hellen Raum.
Direkt vor mir zog sich eine ziemlich dicke, durchgehende Blutspur über den Boden. Langsam folgte ich ihr mit den Augen und hob den Kopf.
Ich musste an mich halten, um keinen entsetzten Laut auszustossen. Toivo lehnte an der Wand, direkt zwischen zwei blühenden Winzbäumen in Töpfen. Seine Augen waren geschlossen, sein Gesicht glänzte vor Schweiß, am ganzen Körper hatte er große und kleine Schnitte, ein glänzend roter Kratzer prangte auf seiner rechten Wange.
Sein Körper bebte bei jedem Atemzug. Und quer über seinen Oberkörper zog sich eine monströse Schnittwunde.
Kapitel 13 - Teil 1
Zwischen den Fetzen seines Hemdes sah ich das zerschmetterte Kettenhemd hervorblitzen. Ich hatte noch nie so eine Wunde gesehen, sie war einfach nur als riesig zu beschreiben und ich musste mich beherrschen, um nicht wegzusehen.
Ich stürzte auf ihn zu, ohne richtig auf den Boden unter meinen Füßen zu achten. Mehrere Male stolperte ich fast über einen toten Körper.
Noch einige Meter von ihm entfernt, fiel ich auf die Knie und schlitterte auf dem glatten Boden direkt vor ihn.
„Toivo!“
Er öffnete langsam die Augen und lächelte erschöpft. Doch dann änderte sich sein Gesichtsausdruck schlagartig, auf einmal sah er entsetzt aus, als würde sich ein überdimensionaler Raubvogel auf ihn stürzen. Er griff nach meiner Hand, die am Boden lag. Seine Stimme war leise, als er sprach, er klang hastig. „Du musst sofort verschwinden!“
Ich sah ihn verständnislos an.
„Es ist eine Falle, er – “
„Da bist du ja.“
Ich fuhr herum. Vin trat hinter einem der Torflügel hervor. Auf seiner Stirn zeichnete sich ein langer blutiger Schnitt ab. Ansonsten schien er recht unverletzt.
Ich stand auf und griff nach meinem Schwert. Meine Finger ziepten protestierend.
„Ich hatte die Hoffnung, Lord Hajime würde dich töten.“ Seine grauen Augen blitzten bedrohlich. „Aber es scheint, als könnte ich das übernehmen. Hast ihn wohl nicht finden können, was?“
„Er ist tot“, sagte ich kühl.
Er blieb stehen und sah mich ungläubig an, dann schüttelte er den Kopf. „Du lügst. Lord Hajime würde sich nicht von einer unbedeutenden Göre wie dir töten lassen.“
„Da irrst du dich. Aber er hat mir vorher ganz schön zugesetzt, falls dich das beruhigt.“ Ich hob meine Arme leicht in die Höhe und zeigte ihm meine Wunden.
Seine Augen verengten sich. „Ich glaube dir trotzdem nicht. Er ist zu schnell für dich.“
„War er. Er ist zusammengebrochen und war einfach nur noch ein hilfloser alter Mann.“ Ich holte Luft und sprach das aus, was ich selber noch nicht ganz glauben konnte. „Er war besessen. Von einem Schicksalsschmied.“
Vins Augen weiteten sich. Er wich einige Schritte zurück. „Er – er hat uns einmal vor diesen Wesen gewarnt“, sagte er unsicher, wobei er nicht ein einziges Mal blinzelte, als ob ich ihn in diesem kurzen Augenblick töten konnte. „Er sagte, sie lassen ihn Dinge tun, die er gar nicht tun will. Es war nichts als ein Scherz, das haben wir bald darauf festgestellt, das hat er auch gesagt.“
„Aber es ist die Wahrheit. Der Schicksalsschmied wollte nur nicht, dass ihr sie ernst nehmt.“
Vin schüttelte den Kopf. Mehr fiel ihm scheinbar nicht ein.
„Was macht euch eigentlich solche Angst vor diesen Kreaturen?“, fragte ich und erinnerte mich an die Reaktion des anderen Elitemitgliedes.
Diese Frage beschäftigte ihn scheinbar für einige Augenblicke. Dann begann er langsam. „Es gibt in diesem Land eine alte Sage. Darin heißt es, dass die Götter einmal auch das Schicksal kontrollierten und den Menschen somit keinen freien Willen ließen. Einige Menschen fanden das irgendwann heraus und begehrten dagegen auf... alles endete beinahe in einer Apokalypse. Unsere Welt besteht aus sieben Ländern mit einigen Nebenstaaten. Habt ihr euch je durch den Kopf gehen lassen, dass es anstelle des riesigen Wassers, dass diese Welt eingrenzt, einmal etwas anderes gegeben haben könnte?“ Er hielt kurz inne und senkte den Blick. „Und alles lag nur an der Gier der Menschen.“
Ich sah ihn verständnislos an, aber in diesem Moment fixierte er mich wieder. Seine Augen hatten auf einmal diese Schärfe verloren und als er sprach, klang es ungewohnt schal. „Ich habe keine Lust mehr.“
Ich riss überrascht die Augen auf.
„Es gibt nichts mehr, wofür ich wirklich kämpfen möchte.“ Er griff unter seinen Mantel und zog ein kleines Fläschchen hervor.
„Halt! Lass das fallen!“, rief ich und riss mein Schwert in die Höhe.
Unbeirrt löste er den Korken aus dem Flakon und hob ihn zum Mund. Ewig lange zwei Sekunden trank er, trank die ganze kleine Flasche leer. Dann warf er sie weg, worauf sie klirrend auf dem Steinboden zersprang. Die Scherben glitzerten im flackernden Feuerschein. Vin sah uns erneut an. Dass ihm ein dünnes Rinnsal des klaren Gites aus dem Mundwinkel lief, schien er gar nicht zu bemerken. „Ich weiß, es muss auf euch jämmerlich wirken, dass ein Schwertmeister sich auf diese Weise von seinen Pflichten und allem anderem lossagt.“ Er lächelte wissend. „Aber alles, was mir je etwas bedeutet hat, ist innerhalb der letzten Wochen verschwunden... Es wird wahrscheinlich nicht mehr lange dauern, bis diese Welt ein weiteres Mal in sich zusammenfällt. Und ich habe keine Lust, das mitzuerleben.“
Sprachlos starrte ich zu ihm hinüber. Wie gleichgültig musste man werden, um einfach so, mir nichts, dir nichts, eine Flasche Gift dabeizutragen und auch noch hinunterzukippen.
Er stand noch einige Momente, vielleicht Minuten, so da, sah uns nur an, dann knickte er ein und fiel um, zwischen all die anderen unbedeutenden Körper. Tot. Mit einem Mal. Das erschien mir so... unwürdig. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er auf einmal wieder aufgesprungen wäre, wenn das alles nur der Irritation gedient hätte. Aber das tat er nicht.
Langsam steckte ich mein Schwert wieder weg. All das wirkte auf mich unwirklich. Vielleicht träumte ich ja nur.
Nein, das wäre auch wieder unglaubwürdig gewesen.
Ich hörte Toivo hinter mir erleichtert aufatmen und drehte mich ruckartig um, dann kniete ich mich erneut zu ihm hinunter. Er sah mich an und lächelte ein weiteres Mal. „Alles in Ordnung mit dir?“, fragte er.
„Mit mir? Hast du sie noch alle, weißt du, wie du aussiehst?!“
Er atmete amüsiert aus. „Du machst dir ja Sorgen um mich.“
„Natürlich mach ich mir Sorgen, was soll ich denn ohne dich – “ Ich brach erschrocken ab. Das war falsch formuliert gewesen. Oder doch nicht? Jedenfalls schoss mir das Blut in den Kopf und ich sah weg.
Toivo machte ein verdattetertes Gesicht. „Was?“
„Nichts... vergiss es...“
Er sah noch ein wenig verwirrter aus, sagte aber nichts.
Für einige Momente schwiegen wir, offenbar beide in Gedanken versunken. Dann fiel mein Blick ein weiteres Mal auf seine Wunde. „Kannst du aufstehen?“, fragte ich.
„Ich hoff’s.“
„Wir müssen wieder zu den anderen beiden zurück...“
„Eben.“ Er stützte sich stöhnend hoch, stellte seine Füße auf und stemmte sich selbst an der Wand entlang nach oben. Seine Kleidung hinterließ rote Schmierer auf dem schönen Gestein.
Wortlos legte ich mir einen seiner Arme um den Hals und legte einen meiner eigenen unter den anderen. „So sind wir langsam, aber zumindest kommen wir überhaupt voran.“
Er lächelte erneut, aber ich nahm es kaum wahr. Da war zu viel, das mir durch den Kopf spukte. Was hatte es mit dieser Sage auf sich, von der Vin gesprochen hatte? Sollte ich auf Hajime hören und meine Suche aufgeben? Ich war mir überhaupt nicht mehr so sicher über den Sinn meines Unternehmens, ob das nicht vielleicht einfach alles Schwachsinn war und ich anderen Schwierigkeiten hätte vom Hals halten können, wenn ich diese Idee nie gehabt hätte. Aber wenn ich an meinen wirklich eigenen Meinungen festhielt, musste ich davon ausgehen, dass das alles mein Schicksal war... ich persönlich wollte diese Reise immer noch unbedingt zuende führen, genauso wie zu Beginn unserer Reise. Es war noch gar nicht mal so lange her, dass wir den Schutz unseres Dorfes verlassen hatten und doch kam es mir wie eine halbe Ewigkeit vor. Vielleicht begannen einige von unseren alten Bekannten auch bereits, uns zu vergessen. Zuhause waren wir schließlich auch nichts als ganz gewöhnliche Dorfbewohner gewesen... abgesehen davon, dass mich viele schon immer mit Vorsicht behandelt hatten, aber das war der Normalzustand geworden.
Für einen Moment wünschte ich mir mein altes Leben zurück.
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Kapitel 13 - Teil 2
Es dauerte eine ganze Weile, sich den ganzen Gang langzuschleppen. Toivo tat sein Bestes, um selbst zu gehen, trotzdem musste ich ihn stützen. Er schwitzte noch immer und verzog immer wieder das Gesicht vor Schmerzen – das war deutlich zu sehen, egal wie dunkel es war und wie sehr er es zu verbergen versuchte. Gleichzeitig wich mehr und mehr die Farbe aus seinem Gesicht. Ich bereute es immer mehr, nicht bei ihm geblieben zu sein. Auch wenn er eigentlich selber schuld war. Das war keine wirkliche Entschuldigung – ich wusste schließlich schon lange, was für ein Dummkopf er war.
Doch irgendwann bogen wir um die letzte dämmrige Ecke und sahen die Gitter vor uns. Sayuri lehnte mit dem Rücken zu uns an einem von ihnen und fuhr herum, als sie unsere schleppenden Schritte hörte. Dabei offenbarte sie Shiro, dessen Kopf in ihrem Schoß lag – er schlief anscheinend.
Als sie uns erkannte, zeigte ihr Gesicht ein Strahlen. „Da seid ihr ja wieder!“, rief sie viel zu laut und krallte ihre Hände in das Gitter. Doch als wir noch einige Schritte näher kamen, wechselte ihr Ausdruck zu Entsetzen. „Um Himmels Willen, ihr seht schrecklich aus...!“
„Heißen Dank. Was hast du erwartet?“, fragte ich schlecht gelaunt.
„Wartet, ich mache auf...“ Sie stand auf, so schnell sie konnte (nachdem sie Shiro vorsichtig auf den Boden gelegt hatte) und eilte zum versteckten Schalter. Ich sah, wie sie bei jedem zweiten Schritt leicht zusammenzuckte vom Schmerz in ihrem Rücken.
Dann zischten die Absperrgitter hoch. Shiro öffnete die Augen und sah uns freudig an. „Ich dachte schon, sie hätten euch erledigt!“, sagte er erleichtert und stand auf, ohne seine Arme zu benutzen. „Aber deine Wunde sieht echt übel aus...“, bemerkte er mit einem Blick auf den großen Schnitt in Toivos Oberkörper. Der schüttelte den Kopf und schnappte kurz nach Luft. „Das wird schon wieder.“
Ich verdrehte die Augen. „Lass dieses tapfere Gehabe.“ Dann wandte ich mich an Sayuri. „Habt ihr Besuch bekommen, während wir weg waren?“
Sie schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich kennt niemand den Weg oder alle sind der Meinung, dass Vin eh sämtliche Eindringlinge tötet – ach so! Vin, was ist mit ihm?“ Sie sah besorgt zwischen uns hin und her.
Toivo und ich schwiegen für einen Moment. Dann sagte ich langsam: „Er hat sich umgebracht. Gift geschluckt.“
Sayuri starrte mich an, als wollte ich sie von der Existenz eines bunt karierten Pferdes überzeugen. Dann schüttelte sie den Kopf. „Aber wie... was hat ihn denn dazu gebracht?“
Ich wedelte mit einer Hand vor meinem Gesicht herum. „Der hatte sie nicht mehr alle.“
„So schien es mir weniger“, wandte Toivo ein.
„Was auch immer es war“, unterbrach ich ihn genervt, „Jetzt ist er tot, genauso wie Hajime.“
„Was, hat der sich auch umgebracht?“, fragte Sayuri und ich hörte einen Hauch von Hohn in ihrer Stimme.
„Nein“, sagte ich säuerlich, „Das war in dem Fall ich.“ Doch in diesem Moment fiel mir wieder ein, was mir die Stimme in meinem Kopf gesagt hatte. Hatte sie nicht behauptet, er würde fliehen, wenn ich nicht schnell zu ihm ginge? Danach hatte es mir überhaupt nicht ausgesehen...
Sayuri sah mich ehrfürchtig an. „Wow, das ist ’ne Leistung... aber was ist mit dir passiert, Toivo?“
„Er hat Hajimes letzten Wachtrupp erledigt“, sagte ich schnell. Es war wahrscheinlich besser, wenn Toivo nicht zu viel redete.
„Allein?!“, schrie Sayuri entsetzt.
„Jadoch, brüll nicht so“, knurrte ich.
„Du lieber Himmel... das hätte auch sehr leicht schief gehen können...“ Sie starrte uns mit großen Augen an.
„Es ist schief gegangen. Hast du nicht immer gesagt, die Männer Hajimes seien Luschen?“, fragte ich.
Sie senkte den Blick und schwieg für einen Moment. „Doch... bei den normalen Soldaten war das ja auch der Fall... aber bei dem Kampf vorhin hab ich auch gemerkt, dass nicht alle so sind. Ich bin ja nicht... blöd.“
Toivo trat mir leicht auf den Fuß, als ich den Mund aufmachte, um einen bissigen Kommentar abzugeben.
„Können wir langsam mal aus diesem Drecksloch verschwinden?“, fragte Shiro und sah sich um.
„Gute Idee, nur wohin?“, fragte Toivo zurück. „Zurück auf’s Schlachtfeld?“
„Du hast sie wohl nicht mehr alle“, pflaumte ich ihn an.
„Oben in den Gemächern des Hofstaates gibt es einen geheimen Ausgang... die Hofdamen sind wahrscheinlich längst alle evakuiert worden, deswegen haben wir vorhin auch niemanden gesehen“, redete Sayuri abwesend vor sich hin.
Shiro warf ihr einen besorgten Blick zu.
„Ist irgendwas?“, fragte Toivo.
Sie hob den Kopf und versuchte es mit einem Lächeln, was angesichts ihrer nass glänzenden Augen aber nicht sehr überzeugend wirkte. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, alles gut, der Lage entsprechend.“
„Wir sehen alle, dass das nicht der Fall ist“, sagte ich.
Sie biss sich auf die Lippe und senkte erneut den Kopf. „Ich komm mir so lächerlich und unbedeutend vor...“, sagte sie leise.
„Kommt, gehen wir zu dem Geheimgang, Toivo verliert Blut“, sagte Shiro hastig und drehte Sayuri mit einem Arm in Richtung Treppe und gab ihr einen leichten Stoß. „Wir warten auf Befehle.“
Sie lächelte ihn über die Schulter an, dann ging sie los, wobei sie den Schmerz im Rücken nun wohl erfolgreich unterdrückte. „Dann kommt.“
Nach einigen Schritten fiel mein Blick auf eine der Leichen, die hier immer noch am Boden lagen. „Warte kurz“, sagte ich zu Toivo, ließ ihn los und lief zu dem reglosen Körper hinüber. Ich riss den Dolch aus seinem Rücken. Er hatte tiefer gesteckt, als ich gedacht hatte.
Ich ging zu Toivo zurück und steckte die kurze Waffe in ihre Scheide an Toivos Stiefel zurück.
Als ich mich aufrichtete, lächelte er mich an. „Danke.“
Ich schüttelte den Kopf. „Ohne den hätte ich in dem Kampf vorhin weitaus weniger Chancen gehabt; ich bin diejenige, die sich bedanken muss. Und du sollst den Mund halten, das kostet dich zu viel Kraft und Luft.“ Ich schulterte seinen Arm erneut, dann folgte ich Sayuri und Shiro, so schnell ich konnte.
Viele Minuten später liefen wir eine dunkle Treppe hinab. Es hatte lange gedauert, bis Toivo sich mit meiner Hilfe bis zum oberen Stockwerk hochgeschleppt hatte. Noch immer sickerte ab und zu Blut aus der Wunde. Er schien immer blasser zu werden.
Mir stand der Schweiß inzwischen auch auf der Stirn, meine Arme brannten höllisch. Aber ich musste das hier jetzt noch durchhalten, was war der ganze Aufwand sonst wert gewesen?
Sayuri hatte sich am Anfang der Treppe eine der nun selten werdenden Fackeln geschnappt und ging mit dem Licht voran. Ich ging ganz hinten, stützte immer noch Toivo. Seine Augen waren inzwischen halb geschlossen und er sagte überhaupt nichts mehr. Offenbar verlangte ihm das Atmen schon zu viel Konzentration ab. Shiro, der direkt vor uns lief, sah sich immer wieder besorgt nach uns um. „Wir müssten bald unten sein“, murmelte er manchmal. Dann versank er wieder in Gedanken.
Irgendwann, als ich die Stufen schon längst nicht mehr zählte, mich zu jedem Schritt zwang und alle fünf Sekunden einen Blick zur Seite warf, um Toivos Zustand zu prüfen, rief Sayuri halblaut: „Hier ist die Treppe zuende! Jetzt nur noch diesen Gang lang und dann sind wir draußen.“
Nach all den Stufen war der ebene Boden eine wahre Erlösung, auch wenn ich immer noch weitergehen musste. „Siehst du, es ist nicht mehr weit“, sagte ich leise zu Toivo. „Reiß dich zusammen.“ Er lächelte müde.
Aber es dauerte trotzdem noch eine ganze Weile, viel zu lange eigentlich, bis Sayuri endlich auf eine kleine Trittleiter stieg und eine Falltür aufstieß. Shiro kletterte hinterher, zusammen halfen sie mir, Toivo durch das Loch zu hieven.
Wir waren auf einer Wiese gelandet, die Falltür war von Gras und Moos überwachsen. Nachdem Sayuri sie geschlossen und ich kurz weggesehen hatte, wusste ich schon nicht mehr, wo sie war.
Toivo fiel schwer atmend auf den Rücken. Zwischen den rasselnden Atemzügen musste er immer wieder schlucken. Aus seinem Gesicht war inzwischen beinahe sämtliche Farbe gewichen, er hatte schon fast denselben Ton wie Shiro. Seine Kleidung war durchnässt von Schweiß und Blut.
„Wie weit ist es von hier bis zu Lord Dachis Burg?“, fragte ich Sayuri eilig.
Sie verzog den Mund. „Nicht sehr weit, aber ob er das schafft, weiß ich ni –“
Ich unterbrach sie mit einem energischen Kopfschütteln. „Die Frage steht nicht zur Debatte. Versuchen müssen wir es. Los, hoch“, sagte ich und legte mir erneut einen von Toivos Armen um den Hals. Er stöhnte auf.
„Schnell jetzt!“, sagte ich hitzig zu Sayuri, die sich eilends aus ihrer hockenden Haltung erhob. Sie warf mir einen besorgten Blick zu. „Und du? Schaffst du das denn?“
„Ich komm schon klar.“ Ich starrte sie eindringlich an.
Langsam nickte sie. „Gut.“ Dann marschierte sie eilig los.
Shiro stellte sich auf Toivos andere Seite und half mir, ihn zu stützen. Er zuckte kurz zusammen, als das Gewicht sich auf seine linke Schulter verlagerte, aber er presste die Lippen aufeinander und blieb. Und er hielt mit, den ganzen Weg.
Ich wäre gerannt, wenn ich gekonnt hätte. Dass die Situation derartig ernst werden würde, hatte ich nie wirklich mit einkalkuliert.
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Jetzt kommt ein etwas längerer Abschnitt, zerteilt wäre der glaub ich einfach nix...
Kapitel 14 - Teil 1
„Schafft sie ins Lazaret, alle drei“, befahl Sayuri mit einer zackigen Handbewegung.
„Aber was ist mit Euch...?“
„Sofort!“, rief sie aufgebracht.
„Ja – Jawohl!“ Zwei Männer nahmen mir und Shiro Toivo ab und trugen ihn in Windeseile davon, die beiden anderen nahmen sich unserer an.
Sayuri blieb, wo sie war. Wahrscheinlich würden ihr die Ärzte auf der Stelle jemanden vorbeischicken, wenn wir bei ihnen ankamen.
Man hatte uns augenblicklich, aber erstaunt in die Burg gelassen. Bisher waren nur vereinzelt Invaliden zurückgekehrt, überlebt hatten von denen noch weniger, so hatte man uns erzählt. Rosige Aussichten also.
Die Nachricht von Hajimes Tod musste sich rasch verbreitet haben, nachdem wir verschwunden waren, offenbar waren wir gerade noch rechtzeitig durch den Geheimgang geflüchtet, bevor andere sich bis dorthin vorgekämpft hatten. Der Großteil von Hajimes verbliebenen Streitkräften hatte sich zurückgezogen, der Krieg war eindeutig gewonnen. Doch auf unserer Seite hatte dieser Sieg ebenfalls hunderte, wahrscheinlich tausende von Opfern gekostet. Als wir ankamen, wurde gerade Verstärkung für den Sanitätertrupp am Schlachtfeld ausgeschickt.
Das Lazaret lag im Erdgeschoss. Als der Arzt vor mir die Tür aufstieß, hörte ich gerade noch, wie jemand darin aufschrie.
Der große Raum war ein einziges Bild des Grauens. Überall lagen Schwerverletzte oder sogar Verstümmelte, einige schrien vor Schmerz, andere hatten schon gar nicht mehr die Kraft zum Schreien und starrten nur abgestumpft an die Decke, wieder andere hatten offensichtlich aufgehört zu atmen, lagen tot auf ihren Matten. Es stank nach Blut, Schweiß, Anzeichen von Verwesung und Arzneimitteln, einer Geruchssuppe, die die Luft dick werden ließ und sich wie eine Decke über mein Gesicht zu legen und mich zu ersticken wollen schien. Überall rannten Ärzte herum und versuchten mit der Menge von Patieten klarzukommen. Alle hielten eine Art kleinen Koffer in ihren Händen, wahrscheinlich gefüllt mit Standardinstrumenten oder –mitteln.
Shiro und ich wurden auf Stühle verfrachtet, da unsere Verletzungen im Vergleich zu den meisten anderen ganz eindeutig eher harmlos waren. Der Schnitt in Shiros Brust war noch weit von seinem Herzen entfernt, auf der Wunde in der Schulter war immer noch der selbstgemachte Verband. Meine Blutungen hatten schon längst wieder aufgehört, die Schnitte waren äußerst schmerzhaft, aber sicher nicht weiter gefährlich, sie gingen höchstens mittelmäßig tief. Toivo konnte ich nirgendwo sehen, wahrscheinlich hatte man ihn schon hingelegt. Ich verschränkte unruhig die Arme. Meine Beine wippten im Flattertakt auf und ab, ohne dass ich es wirklich wahrnahm.
„Nervös?“, fragt Shiro.
Ich sah ihn erstaunt an, dann nickte ich. Ich hatte einen gehörigen Kloß im Hals.
Er nickte ebenfalls. „Kann ich verstehen. Aber er schafft das schon, meinst du nicht?“ Er lächelte mich aufmunternd an.
Ich bemühte mich ebenfalls um ein Lächeln, obwohl mir überhaupt nicht danach war.
Gleich darauf kamen zwei Ärzte angerannt, der eine wischte mir schnell, aber gründlich das Blut vom Körper, dann schmierte er eine Salbe auf die Schnitte. Es brannte schrecklich, aber ich biss die Zähne zusammen. Das war sicher nichts im Vergleich zu den Schmerzen all der anderen hier. Nach einigen raschen Bewegungen hatte ich Bandagen an Armen und an einem Bein, auf größeren Schrammen Verbandstücke, die mit irgendwelchem klebrigen Zeug bestrichen worden waren.
Shiro wurde der verdreckte Verband vom Arm gerissen, dann zogen die Ärzte ihm das Hemd und ärmellose Kettenhemd aus. Nach einer kurzen Warnung, die ich nicht verstand, spritzten sie Wasser aus einem kleinen Schlauch, an dem ein seltsamer Wasserkanister mit einigen Hebelchen hing, in die verklebte Wunde. Shiro stöhnte auf und kniff die Augen zusammen. Die Wunde wurde desinfiziert (ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie das brennen musste), dann gab es wieder warnendes Gemurmel. Mir wurde ziemlich schlecht, als ich die Mediziner eine kleine Nadel und einen Faden aus einem der Kästchen, die sie die ganze Zeit mit sich herumtrugen, holten. Shiro sah weg und atmete tief, als die wunde, gerötete Haut um den langen Schnitt Stich für Stich zusammengezogen wurde. Wieder arbeiteten die beiden rasch und der Schnitt war schnell geschlossen. Zuletzt wurde noch ein Verband um Shiros gesamten Oberkörper angebracht, um alle Wunden abzudecken, dann schienten sie ihm noch den Arm. Der eine Arzt eilte sofort davon, der andere sprach noch kurz mit Shiro, dann verschwand auch er.
Shiro ließ sich gegen seine Stuhllehne fallen und wischte sich etwas Schweiß von Stirn und Oberlippe.
„Das war ganz schön heftig“, merkte ich an und schämte mich fast, dass ich letztendlich doch so leicht davongekommen war.
„Na ja... die Wunde ist jetzt wohl wirklich sauber, sonst hätten sie den Arm vielleicht abschneiden müssen, damit sich keine Krankheiten im Körper ausbreiten oder er abfault, meinte der eine Arzt noch...“ Er schüttelte sich. „Allein diese Vorstellung, stell dir mal vor, du verrottest bei lebendigem Leibe.“
Ich musste grinsen über die Art, wie er das sagte. Wobei er Recht hatte, das war wirklich ein ziemlich widerwärtiges Bild, das mir in diesem Moment durch den Kopf spukte.
Aus irgendeinem Grund drängten sich mir die Erinnerungen an den Vormittag auf. Im Schnelldurchlauf rasten alle Kämpfe, alle Geschehnisse noch einmal durch meinen Kopf und dabei fiel mir etwas ein. Ich wandte mich noch einmal an Shiro. „Sag mal, gibt es bei euch eine Sage von Göttern, die das Schicksal beherrschen?“
Er sah mich für einen Moment verblüfft an, dann sagte er: „Ja, klar, da gibt es eine, eine der wichtigsten unserer Sagen ist das, aber woher kennst du die?“
„Ach, man bekommt eben so dies und das mit auf einer solchen Reise“, wich ich handwedelnd aus, „Aber ich habe eine Frage: Ich habe nur gehört, dass eine halbe Apokalypse stattfand, nachdem einige Menschen aufbegehrten, dass unsere Welt deshalb so ist, wie sie heute ist. Werden in der Geschichte tiefere Gründe geschildert?“
Shiro überlegte kurz, dann sagte er zögerlich: „Also... ja, schon. Das ist eigentlich sehr kurz gefasst... erst einmal suchten die Menschen die Götter auf. Das war nicht leicht, weil die schließlich in einer Art Parallelwelt leben. Na ja, nachdem sie dann da waren, gab es Streit und schließlich einen Kampf zwischen den Menschen und den Göttern. Aber weil die Menschen in diesem Moment ja im Prinzip ihr Schicksal doch selbst in die Hand nahmen, hatten sie Macht über die Götter und konnten sie besiegen. Das Problem war nur, dass sie damit eine enorme Bürde auf sich nahmen. Da es nun einmal so vorgesehen war, dass irgendwer das Schicksal regeln musste, ging diese Bürde auf die Menschen über, die die Götter getötet hatten. Erst wussten sie es nicht, später wussten sie es, wollten es aber nicht. Dann bekamen sie auch noch Streit untereinander. Einer wollte Verantwortung übernehmen, ein anderer wollte den Dingen ihren Lauf lassen, der Dritte wollte einen Weg finden, seine Macht loszuwerden und der Letzte war sich nicht sicher, was er denken sollte. Das Ganze lief dann darauf hinaus, dass aus dem Streit ein Kampf wurde und sie sich gegenseitig ermordeten. Die Macht über das Schicksal kann nicht auf Tote übertragen werden, sie kann aber auch nicht ohne Träger sein. Weil es aber keine Möglichkeit für diese Macht gab, zwischen zwei Toten überzuspringen, eskalierte es in einer Art... na ja, sagen wir Implosion und deshalb versanken etwa zwei Drittel des Landes auf diesem Planeten oder was immer es ist, vielleicht, um ein Opfer zu bringen, vielleicht, um uns zu zeigen, dass man sich nicht gegen die Götter auflehnen darf oder weil die Verantwortung sonst allzu groß für die vier geworden wäre, darüber streiten sich die Leute seit jeher, jeder hat seine eigene Meinung dazu... jedenfalls kann seitdem endlich jeder selbst über sein Schicksal entscheiden, heißt es am Ende der Sage.“
Ich hatte so gebannt zugehört, dass ich erst einige Sekunden später die Sprache wiederfand. „Und was ist deine Meinung?“, fragte ich dann.
Er sah mich an. „Meine?“ Er schüttelte lachend den Kopf. „Für mich ist das eine schöne alte Geschichte mit ein wenig Moral darin, wirklich glauben tu ich’s nicht... und selbst wenn Wahrheit dahinter steckte, wüssten wir noch immer nicht, ob es wirklich genau so geschehen ist.“
Dazu sagte ich nichts. Es wäre hirnrissig gewesen, über etwas Derartiges eine Diskussion anzufangen, außerdem war ich müde. Aber einige Fragen standen noch offen. Ich stellte die, die mir zuerst in den Kopf kam. „Warum ist Atakuri das einzige Land, in dem es diese Sage gibt?“
„Mh... also, das klingt finde ich immer ein bisschen arrogant, aber alte Schriften besagen, dass Atakuri nach dieser halben Apokalypse das Land war, das am schnellsten wieder eine richtige, zivilisierte Gesellschaft aufgebaut hatte. Es gab Überlebende, die das alles aufgeschrieben haben, so heißt es. Zwei der anderen Länder mussten noch einmal ganz von vorne anfangen, darunter Atlar. Viele halten das für den Grund, warum es dort keine geregelte, einheitliche Herrscherform oder Koordination gibt. Und in den anderen war es einfach irgendwann vergessen. Ist wahrscheinlich besser so. Aber wir sind unheimlich gut darin, uraltes Zeug aufzubewahren, das in Wirklichkeit keiner mehr haben, hören oder sehen will, vor allem solche Volksmärchen“, grinste er.
Ich öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber da hörten wir eilige Schritte auf uns zukommen. Es war ein junger Arzt. Sein Gesicht zeigte einen gehetzten Ausdruck. Er blieb stehen, sah kurz zwischen uns hin und her, wandte sich dann an Shiro (wahrscheinlich, weil er sich in der allgemeinen Sprache weniger gut ausdrücken zu können meinte) und redete wahnsinnig schnell auf ihn ein. Wahrscheinlich hätte ich es noch nicht einmal verstanden, wenn ich der Sprache mächtig gewesen wäre.
Shiro ging es da anders. Er hing an den Lippen des jungen Mannes und mit jedem Satz breitete sich größeres Entsetzen in seinem schmalen Gesicht aus.
Der Arzt machte auf dem Absatz kehrt und lief davon. Shiro stand hastig auf. „Komm!“, rief er.
„Wieso, was ist?“
„Toivo, er – “
Mehr brauchte er gar nicht zu sagen. Ich sprang von meinem Stuhl und eilte dem Arzt hinterher.
Jeder einzelne seiner Atemzüge war deutlich hörbar, er war schweißgebadet und noch immer leichenblass.
„Sie konnten die Blutung stoppen und die Wunde reinigen und sogar schließen“, erklärte Shiro, auch wenn er wahrscheinlich wusste, dass ich nur halb zuhörte. „Aber er hat zu viel Blut verloren. Lange hält er nicht mehr durch, wahrscheinlich – “
„Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben, das Blut zu ergänzen“, sagte ich und wunderte mich, wie ruhig und sachlich ich klang. Ich fasste nach Toivos Stirn. Sie war eiskalt. Auch wenn ich nach außen wahrscheinlich kühler denn je wirkte, zog sich in mir alles zusammen. Das war doch nicht fair... er, nein, wir hatten das alles überstanden, nur, damit er letztendlich hier starb? Wo doch eigentlich alles vorbei war? Ein weiteres Mal tat es mir schrecklich Leid, ihn hier mit hineingezogen zu haben.
Shiro hatte meine Frage an einen der beistehenden Ärzte weitergegeben. Der antwortete mir selbst. Seine Beherrschung der allgemeinen Sprache war geradezu perfekt. „Ja, die gibt es. Man müsste testen, welcher Blutgruppe er angehört und dann jemanden mit derselben finden, der etwas von seinem eigenen Blut hergibt.“
„Dann tun Sie das!“, sagte ich in bittendem Tonfall. Scheinbar nicht wehleidig oder verzweifelt genug, denn er schüttelte den Kopf. „Es gibt keinen Grund, einen solchen Aufwand für einen einzelnen zu treiben.“
„Er hat es mit ermöglicht, euren verdammten Krieg zu gewinnen!“, schrie ich.
„Das haben alle hier“, sagte der Arzt geduldig. „Es tut mir Leid, aber ich kann nicht für jeden einzelnen solche Maßnahmen ergreifen – und das müsste ich tun, wenn ich es für einen tue.“
„Nein, tut, was sie sagte.“
Shiro und ich fuhren herum. Sayuri trat in unser Blickfeld, immer noch genauso dreckig und blutig, wie wir sie zurückgelassen hatten. Sie war scheinbar noch nicht behandelt worden. Sie sprach weiter, in ruhigem Ton, obwohl ihre Wangen rot glänzten und man hörte, wie sie ihre Atemlosigkeit zu verbergen suchte. „Diese drei sind soeben von Lord Dachi persönlich zu Nationalhelden ernannt worden. Helden rettet man das Leben, koste es, was es wolle.“
Der Arzt zögerte noch kurz, dann verneigte er sich knapp. „Jawohl, Herrin. Holt das Blut, das wir noch von ihm aufbewahrt haben!“, befahl er zwei jungen Männern neben sich. Die liefen sofort davon, er folgte ihnen.
„Yuri... hast du...?“ Shiro sah sie ungläubig an.
Sayuri nickte lächelnd. „Wir können uns aufeinander verlassen... er empfängt mich immer“, sagte sie. „Ich habe alles in der Schnellversion erzählt. Ohne fremdes Blut überlebt Toivo nicht, da war ich so gut wie sicher. Achja, Nanna – Lord Dachi ist wirklich beeindruckt von dir“, wandte sie sich strahlend an mich. „Er sagt, er will dir einen weitaus höheren Rang anbieten. Und er hat uns vier zu Helden ausgerufen.“
Ihr Blick wurde auf einmal wieder so traurig wie in dem Gang vor einiger Zeit. „Auch wenn ich nicht sehe, womit ich das verdient hab“, hängte sie murmelnd an.
Shiro öffnete den Mund, aber sie winkte ab. „Nein, lass. Es ändert nichts, wenn du mich versuchst aufzuheitern.“
Shiro senkte den Blick und verzog unangenehm berührt den Mund.
„Du hast dir den Grundriss eingeprägt“, murmelte ich.
Sie sah erstaunt auf. „Bitte?“
Ich sah sie bestimmt an. Ich wusste nicht einmal, warum ich das eigentlich tat, aber ich fand es einfach nur ungerechtfertigt, dass sie so deprimiert war. „Du hast eine ganze Menge getan. Ich hab noch nie von jemandem gehört, der innerhalb von drei Jahren so viel gelernt und erreicht hat wie du. Schon gar nicht, wenn er mit zwölf anfing, das ist schließlich noch Kindesalter... du hast dir diesen ganzen komplexen Grundriss eingeprägt und –“
Sie schüttelte energisch den Kopf. „Das mag alles stimmen, aber genauso ist es meiner Unvernunft zuzuschreiben, dass wir in diese Bedrängnis geraten sind. Ich meine, sieh ihn dir doch mal an“ – sie nickte auf Toivo hinunter – „Ich hatte eher erwartet, dass du mich dafür hassen würdest. Ich hätte es dir nicht einmal verdenken können.“
Ich schwieg kurz. Irgendwo tief in mir hatte ich schon einen gewissen Hass auf sie, einfach wegen ihrer Unvernunft, wie sie selbst vermutete. „Aber stell dir doch mal vor, wir wären nie in diesen Gang geraten“, sagte ich langsam. „Dann wäre Vin jetzt noch am Leben, genauso Hajime. Dann hättet ihr immer noch einen Spion unter euch.“ Ich warf einen raschen Seitenblick auf Shiro, aber er rührte sich nicht.
Sayuri lächelte dankbar. „Du bist gar nicht so mies, wie du oft wirkst. Danke. Aber ich bleibe dabei.“ Sie schwieg kurz. Dann sagte sie langsam: „Und aus diesem Grund... werde ich auch aus dem Militär austreten, sobald das hier überstanden ist. Das Ziel, das ich seit Jahren verfolgte, ist jetzt erreicht. Nicht von mir, aber tot ist tot. Und einen deutlicheren Weg, mir meine Untauglichkeit zu beweisen, kann es kaum geben.“
Shiro sah überrascht zu ihr auf. „Du hast immer gesagt, das Militär sei dein Lebensinhalt...“, sagte er mit einem fassungslosen Unterton.
„Ja ja verdammt, ich weiß es doch.“ Sie klang gereizt. „Aber das war ein Irrtum. Mein wirklicher Lebensinhalt waren meine Rachegelüste und mit denen ist es jetzt vorbei, auch wenn es sic überhaupt nicht so glorreich anfühlt, wie ich es mir ausgemalt hatte. Es ist langsam auch für mich an der Zeit, erwachsen zu werden.“ Ihr Mund verzog sich zu einem traurigen Lächeln.
Shiro wollte noch etwas erwidern, aber da kam der Arzt zurück. „Wir haben seine Blutgruppe“, meldete er Sayuri. Sie nickte. Ihre Traurigkeit war von ihr abgefallen. „Und?“, fragte sie knapp.
„A Negativ“, antwortete der Arzt und kratzte sich am Kopf. „Nicht sehr leicht zu finden, schon gar nicht innerhalb des knappen Zeitraums, der uns bleibt...“
„Es muss gar nicht erst gesucht werden“, stellte Sayuri klar, die auf einmal nicht mehr ernst, sondern enthusiastisch wirkte. Wie dieses Mädchen von Sekunde auf Sekunde seine Gemütsverfassung ändern konnte, würde mir wahrscheinlich auf immer ein Rätsel bleiben. „Das ist meine Blutgruppe, das weiß ich noch von meiner Datenaufnahme hier. Bereitet alles vor.“ Es ärgerte mich fast ein wenig, dass ich meine Blutgruppe nicht kannte. Aber so ging es sicher schneller. Und je schneller, desto besser.
„Verzeiht die Widerworte, Herrin, aber...“ Der Arzt sah wirklich aus, als steckte er in einer gehörigen Klemme. „Ihr wisst wahrscheinlich nicht... es ist riskant, falls zu viel Blut übertragen wird... außerdem könnt ihr euch sicher nur schwer vorstellen, wie schmerzhaft und erschöpfend das ist. “
Sie nickte. „Nein, das kann ich nicht. Ihr sagtet eben selbst, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt. Also beginnt mit den Vorbereitungen.“
Der Arzt zögerte noch kurz, dann verbeugte er sich knapp und gab seinen beiden Helfern einige zackige Befehle in der heimischen Sprache. Wieder flitzten die beiden los.
Wenig später saß Sayuri auf einem Stuhl, inzwischen gereinigt und mit versorgter Wunde und sah, genauso wie ich und Shiro, zu, wie die Ärzte vorsichtig eine dünne Röhre in Toivos Arm einarbeiteten. Er reagierte nicht weiter darauf.
Nachdem das erledigt war, wurde der Schlauch zu Sayuri hochgeführt, dann musste er auch an ihren Arm angeschlossen werden. Sayuri wandte den Blick ab und biss kurz darauf sichtlich die Zähne zusammen, als die beiden Ärzte ein Loch in ihren Unterarm stachen und dann den Schlauch einfädelten. Mir wurde leicht übel bei der Vorstellung, dass mir jemand einen Schlauch direkt unter die Haut schob. Man sah eine Erhebung direkt an der Einstichsstelle. Kaum saß der Schlauch fest, wurde ein Stoß Blut hineingepumpt. Sayuri gab eine Art Keuchen von sich.
Fasziniert sah ich, wie die rote Flüssigkeit sich ihren Weg durch den Schlauch bahnte und schließlich problemlos in Toivos Arm floss.
„Es wird eine Weile dauern“, informierte uns der Arzt, der das Sagen hatte. „Aber wir haben leider noch keinen schnelleren Weg gefunden.“
Sayuri verzog bei jedem Pumpen ihrer Venen kaum merklich den Mund. Wahrscheinlich war es eher unangenehm als wirklich schmerzhaft, aber das reichte ja auch. Wahrscheinlich zögerte ihr Körper jedenfalls nicht, ihr die Anwesenheit eines großen Fremdkörpers mitzuteilen.
„Was Sie beide betrifft“, wandte sich der Arzt nun einmal an Shiro und mich, „So wäre es denke ich besser, wenn Sie sich außerhalb des Krankensaales ein wenig ausruhen würden. Sie sind außer jeglicher Gefahr und gehören nicht in einen Raum voller Verletzter.“
Er wies einen seiner Laufburschen noch an, bei Sayuri zu bleiben und den Verlauf des ganzen zu kontrollieren, dann ging er, um sich um andere Patienten zu kümmern.
Ich stand auf, Shiro zögerte noch kurz. „Bist du sicher, dass alles glatt verläuft?“, fragte er Sayuri unruhig.
Sie nickte lächelnd. „Wird schon. Du solltest besser ein wenig schlafen.“
Shiro lächelte schief, dann stand auch er auf. Zusammen verließen wir den ungemütlichen Raum.
Wir waren erst einige Meter gegangen, da fragte mich Shiro: „Wie kam es eigentlich, dass Toivo allein kämpfen musste?“ Seine roten Augen blitzten neugierig unter den beinahe durchsichtigen Wimpern hervor.
„Er wollte... na ja, er war der Meinung, wir würden zu lange aufgehalten, wenn nicht einer die Wachen aufhielt und der andere zu Hajime vordrang.“ Mein Gesicht verzog sich automatisch im Zorn. „Dieser Volltrottel. Das hat er jetzt davon, von seinem blöden Dickschädel.“
Shiro lächelte. „Du hast ihn wirklich gern, mh?“
Ich sah ihn erstaunt an. Er lächelte noch etwas breiter. Ich wandte den Blick wieder ab. „Mh“, machte ich. Und dann, da mir das etwas zu vieldeutig klang: „Wir sind seit Jahren befreundet, von daher... natürlich.“
Shiro nickte und grinste in sich hinein, sagte aber nichts mehr. Ich kam mir ein wenig veralbert vor.
„Wie alt bist du eigentlich?“, fragte ich aus dem Nichts heraus. Bisher hatte ich immer nur geschätzt.
„Achtzehn. Wieso?“, fragte er mit interessiertem Blick.
„Nur so... ich hab dich für jünger gehalten.“
Er lachte. „Ja, das hat Kuroi auch ge– “ Er hielt inne, das Lachen verschwand von seinen Lippen. Traurig starrte er zu Boden und biss sich auf die Unterlippe.
„Tut mir Leid“, murmelte ich.
Er sah mich fragend an. „Was tut dir Leid?“
„Dich an ihn erinnert zu haben.“
Er schüttelte den Kopf. Dann sah er geradeaus, sein Blick wirkte, als würde er durch die Mauer hindurchsehen, die den Gang vor uns abgrenzte und abknicken ließ. „Es ist seltsam, wie Kleinigkeiten dein Leben verändern können“, sagte er und legte den Kopf schief. „Wenn ich nie mit Sayuri mitgegangen oder auch einfach zu anderen Zeiten an anderen Orten gewesen wäre, hätte ich ihn wahrscheinlich noch nicht einmal kennen gelernt. Ich kenne in diesem Schloss nur einen winzigen Teil der Leute... auch jetzt noch, da so viele tot sind. Ist es da nicht irgendwie komisch, dass ich ausgerechnet auf den einzigen Maulwurf in dieser Riesenburg gestossen bin?“
„Schicksal“, murmelte ich und kickte verärgert einen Stein weg. Da war es mal wieder. Unumgänglich, das galt für alle. Mal mehr, mal weniger schlimm.
Shiro lachte bitter. „Wahrscheinlich.“
Kurz darauf trennten sich unsere Wege. Ich hatte nur noch ungefähr im Kopf, wo sich das Zimmer befand, das Sayuri mir und Toivo zugewiesen hatte. Das war vorgestern gewesen. Vorgestern. Und auch das nur, weil wir auf dem Rückweg die Nacht durchgelaufen waren, es war noch früh am Morgen. Hätte mir jemand erzählen wollen, das sei schon zwei Wochen her, hätte ich ihm ohne zu zögern geglaubt.
Nach einigem Suchen fand ich es dann aber doch. Unser Gepäck stand unangetastet auf dem Boden, alles war wie zuvor. Draußen zwitscherten ein paar Vögel und es roch nach fast gar nichts...
Ich sah an mir herab. Ich selbst war wieder sauber, meine Kleidung allerdings keineswegs, genauso war sie überall zerschnitten oder eingerissen. Ich verriegelte die Tür, dann zog ich mich bis auf meine unterste Kleiderschicht, eine kurze lederne Hose und meine Bandagen für die Brust, aus. Das dämliche Kettenhemd pfefferte ich in die hinterste Ecke des Raumes. So ein Ding hatte Toivo noch nicht einmal vor einem fatalen Schnitt bewahren können!
Dann machte ich mich ans Nähen und Stopfen. Meine Mutter hatte mir vor vielen Jahren das Wichtigste beigebracht, alles andere kam von allein. Es war seltsam, solche typischen Frauenarbeiten auszuführen, nachdem ich im Prinzip gerade erst vom Schlachtfeld kam.
Einige Male stach ich mir in die Finger, weil ich immer wieder in meine Gedanken abschweifte und nicht ganz klar sehen konnte vor Müdigkeit und zu viel von der Flüssigkeit, die meine Lider beim Wimpernschlag mitbrachten.
Hajime hatte mir gesagt, ich solle die Aufgabe nicht annehmen. Was immer das war. Wahrscheinlich irgendetwas, was mich bei den Schicksalsschmieden erwartete... etwas, was ich erledigen musste, wenn ich dort war? Oder davor?
Alles war noch zu unklar. An für sich sah ich daher keine Gefahr und somit keinen Grund, mich nicht weiterzuwagen, noch konnte mir schließlich nicht wirklich etwas passieren. Nur genau das war das Problem. Shiro hatte ganz beiläufig erwähnt, die Götter hätten in einer Parallelwelt gelebt. Wenn man davon ausging, dass es heute Wesen mit ähnlicher Macht gab, wäre es logisch, wenn es mit ihnen genauso wäre – zumal das am meisten Sinn machte, es wäre sicher irgendwem aufgefallen, wenn jemand in unserer Welt das Schicksal bestimmte. Nur hatte ich trotz oder gerade wegen dieser Gewissheit noch weniger Ahnung, wie ich an diese verdammten Dinger herankommen sollte.
Je mehr ich in Erfahrung brachte, desto weiter schien ich mich von der erwarteten Lösung zu entfernen, anstatt ihr näher zu kommen. Shiro hatte schließlich auch behauptet, heute könne jeder sein Schicksal selbst bestimmen, was die Existenz der Schicksalsschmiede unmöglich gemacht hätte.
Erneut verspürte ich ein Pieksen in einer Fingerspitze und führte sie geistesabwesend zum Mund. Ich schmeckte das metallische, warme Blut... ein seltsamer, aber interessanter Geschmack...
Was nun auch noch erschwerend dazu kam, war Toivos kritische Verfassung. Ich war auch ohne ihn in der Lage, weiterzumachen, aber im Grunde konnte ich mir das gar nicht richtig vorstellen. So oft wir uns auch den Haaren gelegen hatten in den vergangenen sieben oder doch mindestens fünf Jahren, so gut verstanden wir uns eigentlich auch. Auch, wenn mir das bisher nie so deutlich geworden war wie jetzt. Ein weiteres Mal machte ich sowohl mir als auch ihm Vorwürfe. Sobald er außer Lebensgefahr war, würde ich ihm zuallererst einmal eine scheuern, aber so richtig.
Bei diesem Gedanken musste ich lächeln, warum auch immer. Ich nahm kaum war, wie eine Träne aus meinem Auge auf die frisch geflickte Hose tropfte. War das das Opfer, das ich für das Bisschen Information, das ich in diesem Krieg bisher erhalten hatte, bringen musste? Etwas Ungerechteres konnte ich mir kaum vorstellen.
Andererseits, zu welchem Zeitpunkt war das Leben schon wirklich gerecht? Verdammtes Schicksal.
Ärgerlich wischte ich mir das Wasser aus den Augen. Noch war er nicht tot – und es würde auch nicht so weit kommen, schließlich bekam er schon Sayuris Blut.
Und trotzdem...
Für weitere Gedanken war ich inzwischen viel zu müde. Ich hatte es kaum gemerkt, jetzt fiel ich auf das Bett, auf dem ich schon die ganze Zeit saß, und schlief augenblicklich ein.
Ich wachte auf, weil eine Faust gegen die Tür hämmerte. Ich fröstelte kurz; das Fenster war die ganze Zeit offen gewesen, inzwischen war es draußen stockfinster. Ich fühlte mich noch schwummerig vor Müdigkeit.
„Nanna!“ Shiro. Ich wollte ihn gerade hereinrufen, da fiel mir ein, dass die Tür noch verschlossen war.
„Warte, ich komme!“ Schnell stand ich auf, zog mich wieder an und öffnete ihm. Aufgeregt sah er mich an. „Sayuri hat mir gerade jemanden geschickt – er ist außer Lebensgefahr.“
Ein freudiger Schauer durchfuhr meinen ganzen Körper, sogar übers Gesicht, dann lief ich kommentarlos den Gang entlang. Ohne groß nachzudenken fand ich den Weg zum Lazaret hinunter. Hastig eilten Shiro und ich an all den Verletzten vorbei, die mich nun nicht mehr im Geringsten interessierten.
Sayuri lag auf einer Matte neben Toivo. Ihre Augen waren geschlossen und dünne Ringe waren unter ihnen gezeichnet. Sie war ein wenig blass, aber sie sah uns strahlend und mit leuchtenden Augen an, als wir neben die beiden traten. Shiro ging sofort neben ihr in die Hocke. „Geht’s dir gut?“, fragte er besorgt.
„Es geht“, lächelte sie. „Aber es ist geschafft – Toivo braucht jetzt vor allem Ruhe, haben sie gesagt. Sein Blut wird sich jetzt von alleine wieder aufbauen.“
Ich sah angestrengt auf Toivo hinab. Mach die Augen auf, dachte ich angespannt, obwohl ich längst wusste, dass es eigentlich keinen Grund zur Sorge mehr gab. Ich zuckte leicht zusammen, als er tief einatemete und dann ganz langsam die Lider hob. „Wo...?“, sagte er leise.
„Du Vollidiot.“ Meine Stimme war leise und gebrochen und ich musste die Zähne zusammenbeißen, um die Tränen zurückzuhalten. Mir war nicht einmal klar, warum mich das so aufregte. Ich hatte immer gedacht, er sei mir nicht weiter wichtig. Ein guter Freund zwar, immer bei mir, ja, aber genau das war es ja – er war immer da gewesen, nie hatte es in Frage gestanden, ob er bei mir bleiben würde.
Er sah mich an und lächelte. „Hey“, sagte er. Nichts weiter.
Ich hob meinen Arm in die Luft, holte weit aus –
Und brach über ihm zusammen.
„Wa – Aua!“, rief er. „Du kannst dich doch nicht einfach so auf mich fallen –“
„Du Dummkopf!“, schrie ich zittrig, „Wenn du sowas nochmal machst, bring ich dich persönlich um!“ Ich konnte nicht verhindern, dass mir ein abgehacktes Schluchzen entkam. „Beim nächsten Mal hörst du gefälligst auf mich, klar?!“
Er lachte leise und legte einen Arm um mich. „Ich freu mich auch, dich wiederzusehen.“
Puh... it's been quite a while o_O"
Kapitel 14 - Teil 2
Mindestens eine Woche musste Toivo noch ruhen, hieß es. Man erlaubte uns allerdings, ihn aus dem Lazaret herauszuholen.
Am dritten Tag dieser Woche saß ich auf meinem Bett und fädelte meine Perlen wieder auf die Strähne in meinem Nacken. Gut, dass ich ein Ersatzband mitgenommen hatte.
Toivo lag mir gegenüber auf seinem Bett und starrte die Decke an. Es musste unglaublich langweilig sein, nur liegen zu dürfen, ich durfte fast alles tun, was ich wollte und langweilte mich trotzdem.
Ich nahm ein raschelndes Geräusch vor dem offenen Fenster wahr und wandte den Kopf, gerade, als ich das Bändchen befestigt hatte. Ein flatternder Schatten schob sich vor den Aidan, dann hüpfte Broin vom Fensterrahmen auf den Zimmerboden. An seinem Fuß war wieder eine Papierrolle befestigt.
„Hey, da bist du ja wieder!“, stellte ich freudig fest und warf meinen Perlenzopf über die Schulter, dann kniete ich mich auf den Boden. Der Vogel stakste auf mich zu und schüttelte auffordernd sein Bein, während ich versuchte, seine Last abzunehmen. Nach einem bösen Blick hielt er still.
Ich rollte den Brief auf, so gut es ging. Broin setzte sich auf meine Schulter.
Dieses Mal waren es zwei Papierstücke. „Oh“, machte ich überrascht und Toivo sah mich fragend an. Ich blickte auf. „Da ist ein Brief von Jarl dabei.“
„Was, echt? Lies vor.“ Er sah mich gespannt an.
Ich holte tief Luft, dann begann ich langsam zu lesen. Jarls Schrift war, wie ich fand, gut lesbar, was die Sache enorm erleichterte.
Hallo ihr beiden.
Alfsig hat mir euren letzten Brief gezeigt. Ich kann mir nur schlecht vorstellen, warum ihr in eurer momentanen Situation seid – genauso schlecht, wie ich mir vorstellen kann, warum ihr überhaupt gegangen seid. Vielleicht freut es euch zu hören, dass euch eigentlich alle hier vermissen.
Ich kann nur hoffen, dass ihr wohlbehalten wieder aus diesem Krieg herauskommt, schließlich ist so etwas kein Pappenstiel... vielleicht erreicht euch dieser Brief auch überhaupt nicht.
Du hast nach unserer Verfassung gefragt, Nanna. Hier ist alles wie immer, Siv hat eine kleine Grippe erwischt, aber sonst geht es allen gut. Deine Eltern machen sich Sorgen, auch wenn sie versuchen, es zu verbergen. Genauso geht es Mutter, Toivo, falls du das hier liest. Sie wird dir wahrscheinlich den Kopf abreißen, wenn ihr zurückkommt. Trotz dieser wenig schönen Aussichten hoffe ich, dass diese Rückkehr eine baldige sein wird und dass wir schnell wieder von euch hören.
Jarl
Ich sah erneut auf und musste lächeln. Toivo grinste in sich hinein. „Hatte Alfsig in seinem ersten Brief nicht auch so etwas in der Art geschrieben? Was meine Mutter wohl erst mit mir machen würde, wenn sie von dieser Riesenverletzung wüsste...“, sagte er mit einem nervösen Lachen. Wir mussten beide kurz lachen. Es war schön, etwas aus unserer Heimat zu hören, die Gewissheit zu haben, dass zumindest dort alles normal und im grünen Bereich war.
Trotzdem, als ich daran denken musste, dass unsere Rückkehr alles andere als bald sein würde und dass wir oder wohl eher ich allen verschwiegen hatte, was mit mir los war, verging mir das Lachen.
Dann faltete ich Alfsigs Brief auf. Wie bei seinem letzten Brief auch gab es keine begrüßende Zeile, er hatte einfach drauflos geschrieben.
Gibt hier im Grunde nichts Neues. Es freut mich aber zu hören, dass ihr soweit wohlauf seid. Krieg, das ist interessant... wobei die Leute in Atakuri generell dazu tendieren, sich dauernd die Köpfe einschlagen zu wollen, seit einigen Jahren – insofern hätte ich mir das eigentlich denken können. Passt bloß auf, an was für Leute ihr da geratet, da sind die übelsten Gesellen dabei.
Außerdem will ich doch stark hoffen, dass ihr auch anwendet, was ihr bei mir gelernt habt (Finn lässt übrigens grüßen, für ihn gilt dasselbe bezüglich der Schwerter) und heil wieder da rauskommt.
Auch wenn es euch wahrscheinlich schon aufgefallen ist, ich habe Broin außerdem einen Brief von Jarl mitgegeben. Vielleicht kommt er beim nächsten Mal mit noch mehr Briefen, das ganze Dorf brennt jetzt darauf, ein paar Neuigkeiten zu hören. Gut verständlich, da kriegt man ja rein gar nichts mit, zwischen euren Berggipfeln da oben...
Alsdann, bis auf weiteres.
A.
„Alter Wichtigtuer“, knurrte ich kopfschüttelnd. Obwohl ich mich innerlich mindestens genauso über seinen Brief freute wie über den von Jarl. Ich hätte am Liebsten sofort eine Antwort verfasst, aber da klopfte es an der Tür. Sekunden später ging sie auf und Sayuri kam herein, Shiro im Schlepptau. „Wie geht es dir?“, fragte sie, an Toivo gewandt.
Der lächelte. „Immer besser. Dank deines Opfers.“
Sie winkte lachend ab. „Ach was, Opfer. Das war doch –“
„Was gibt’s?“, unterbrach ich das Geplenkel trocken und mir entging nicht, dass Shiro als Kommntar schelmisch grinste.
„Wir wollten nur mal vorbeischauen“, sagte Sayuri, offenbar ein wenig verwirrt durch mein seltsames Verhalten. „Sehen, wie’s euch geht... im Moment ist hier jeder mit sich selbst beschäftigt, jeden Tag kommen neue Verletzte, Hajimes Schloss muss noch weiter ausgekundschaftet werden... tja.“ Ihr Blick fiel auf Broin, der noch immer auf meiner Schulter hockte und offenbar vor sich hin döste. „Oh!“, rief sie freudig und hockte sich neben mich. „Da ist er ja wieder... hat er wieder Post mitgebracht?“
„Ja... willst du die durchkucken?“ Ich hielt ihr die Papiere hin, aber sie schüttelte den Kopf und hob abwehrend eine Hand. „Der Krieg ist vorbei, ich glaube wirklich nicht mehr, dass ihr Spione oder etwas in der Art seid. Außerdem hab ich keine Lust, meine Freunde zu überprüfen.“
„Seine Pflichten stellt man über seine persönlichen Bedürfnisse, Sayuri!“, ermahnte sie Shiro streng, aber er grinste dabei. Sie grinste zurück. Dann streckte sie eine Hand aus und streichelte Broin vorsichtig. Der schreckte sofort hoch und kniff ihr in den Finger.
„He, du Drecksvieh!“ Ich schubste ihn mit einer groben Handbewegung von meiner Schulter, er flatterte empört krächzend ans andere Ende meines Bettes und schüttelte seine zerzausten schwarzen Federn. Sayuri lachte fröhlich. „Ein richtiger kleiner Mitbewohner“, grinste sie.
„Du magst Tiere wirklich, was?“, fragte ich mit einem Blick auf ihren leicht geröteten Finger. Sie nickte. „Früher hab ich verletzten oder kranken Tieren immer wieder auf die Beine geholfen.“
„Ich will ja nicht unterbrechen, aber sind wir nicht wegen was anderem hier?“, fragte Shiro und kratzte sich am Kopf.
„Oh, ach ja.“ Sayuri stand aus ihrer Hocke auf und klopfte ihre Hose glatt. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie praktisch dieselben Kleider trug wie vor der Aktion in Hajimes Schloss, nur war die Bluse nun in einem Goldton gefärbt, sonst sah alles gleich aus. „Also“, begann sie und klang ein wenig wichtigtuerisch, „Zuerst einmal haben wir vier Befehl, bei Lord Dachi zu erscheinen, sobald dir das wieder möglich und erlaubt ist“ – sie zeigte auf Toivo – „Und zum anderen wollten wir euch jetzt schonmal gutes Gelingen wünschen.“
„Wofür?“, fragte Toivo verwirrt.
„Für euer weiteres Leben im Militär“, erklärte sich Sayuri lächelnd. „Shiro und ich werden gehen, sobald wir diese Audienz besucht haben. Uns fehlt die Überzeugung, die wir mal hatten, wie wir feststellen mussten.“
Toivo und ich sahen uns an. „Na ja, eigentlich... hatten wir auch nicht vor, zu bleiben“, sagte ich und wusste gar nicht, warum mir das so schwer fiel. „Wir haben immer noch ein ganz anderes Ziel, das wir weiter verfolgen wollen und alles, was wir dazu in dieser Gegend in Erfahrung bringen konnten, haben wir bereits in Erfahrung gebracht.“
„Haben wir das?“, fragte Toivo und sah mich fragend an. Ich rollte mit den Augen und fasste mir an die Stirn.
Shiro sah verdutzt zwischen Toivo und mir hin und her. „Wenn ihr geht, verpasst ihr eine wirklich gute Chance... mit eurem Können wärt ihr hier in Null komma Nichts ganz oben.“
„Das kann schon sein“, erwiderte ich und bemühte mich, nicht ungeduldig zu klingen, „Aber wir werden trotzdem nicht weitermachen.“
„Aber was werdet ihr dann tun?“
Ich öffnete bereits den Mund, hielt aber doch inne. Wie konnte ich das beantworten, ohne mich lächerlich zu machen? Also sagte ich: „Wir setzen die Reise fort, die wir ursprünglich begonnen haben... das hier war nur ein... Abschnitt des Ganzen. Und was werdet ihr machen?“
Shiro und Sayuri sahen sich an, dann sagte Sayuri langsam: „Also, wir... wir haben uns gedacht, dass wir in unser altes Dorf zurückkehren. Das Land hat wirklich gelitten unter Hajimes Herrschaft, teilweise hat er seine eigenen Dörfer verbrennen lassen... eigentlich dürfte inzwischen alles verkommen sein – wir wollen dort beim neuen Anfang helfen.“
In diesem Moment hörte man in Gang ein fröhliches Rufen und Gröhlen. Sayuri verdrehte die Augen. „Jedes Jahr geht das irgendwann so.“
„Wieso, was ist denn?“, fragte Toivo.
„Die Spielleute. Die ziehen immer wieder dieselbe Runde und kommen logischerweise auch jedes Jahr hier an... na ja, wenigstens sind sie uns nicht während des Krieges in den Weg gekommen...“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich hab ja im Grunde nichts gegen sie, aber spätestens die Mädchen bringen die Soldaten immer vollkommen durcheinander, jeder noch so vernünftige Kerl wird zum... Irren!“
Ich grinste. „Männer.“
„Von wegen!“, empörte sich Shiro.
„Du zählst nicht bei sowas“, grinste Sayuri.
„Unfair. Da will man die Würde der Männer retten und muss sich sowas anhören.“ Er drehte sich beleidigt weg. Ich musste lachen wie schon eine ganze Weile nicht mehr.
„Spielleute, diese Leute mit den katzenartigen Augen?“, fragte Toivo, als unser Lachen langsam abklang.
„Oh, ihr kennt sie?“ Sayuri sah erstaunt zwischen uns hin und her.
Ich nickte. „Wir sind ihnen in Atlar einmal begegnet...“, murmelte ich, als mir das langsam auch wieder einfiel.
„Ja, das sind sie. Ihr haltet euch besser von den Gängen fern, während sie da sind... alles läuft für gewöhnlich durcheinander.“
„Hat Lord Dachi denn nichts dagegen?“, fragte Toivo verwundert.
„Er hält sich da raus und seine Leute damit bei Laune“, erklärte Shiro mit einem schiefen Grinsen. „Durch und durch ein Stratege, unser Herr. Wenn die Leute das Gefühl haben, sich sogar beim Militär ab und an vollkommen selbst bestimmen zu dürfen, sind sie meist williger.“
Ich stand auf. „Ich bin mal eben weg.“
„Was ist denn?“, wollte Sayuri wissen und sah mir hinterher, als ich an ihr vorbeiging.
„Ich will mir das Ganze nur mal ansehen“, erklärte ich trocken, dann schloss ich die Tür hinter mir.
Kurz darauf ging ich in zügigem Tempo durch die Gänge und sah mich um. Je näher ich dem Erdgeschoss und dann dem Tor kam, desto dichter wurden die Trauben aus fröhlichen Soldaten. Bald konnte ich auch Spielleute sehen, in ihren farbenfrohen Kostümen. Wieder hörte ich diese Musik, die ich schon einmal vernommen hatte. Wieder genoss ich es, auf etwas aus der Vergangenheit zu stossen.
„Nanna?!“
Ich hatte mich gerade einmal zur Hälfte umgedreht, da warf sich mir jemand an den Hals. Mir schlugen leichter Stoff und eine Wolke aus exotischen Gerüchen entgegen.
„Ich glaub’s ja nicht, das bist du ja wirklich!“ Mallalai strahlte mich an, als sie mich wieder losließ. „Was machst du denn hier?“
„Du sagtest ich solle in den Krieg und bin deinem Rat gefolgt.“
Ihr Gesichtsausdruck wurde noch ein wenig fröhlicher. Doch dann sah sie auf einmal ernst aus und fragte: „Und hat es dir denn etwas gebracht?“
„Schon... nur nicht genug, fürchte ich.“
Sie holte Luft, um noch etwas zu sagen, da rief eine tiefe Frauenstimme: „Mallalai! Wo treibst du dich rum?“
„Oh. Ich komme gleich! Tja, ich muss gleich singen“, sagte sie und wandte kurz den Kopf. „Aber bist du danach noch hier irgendwo? Ich würde gerne hören, was du in Erfahrung gebracht hast, vielleicht kann ich dir ja etwas weiterhelfen...“
„MALLALAI!“
„Jadoch, zum Teufel!“ Sie lächelte entschuldigend, dann verschwand sie im Gedränge. Ihr langer bunter Rock wehte ihr hinterher.
Kurz darauf kam ich in den Genuss eines weiteren wunderschönen Auftrittes. Es war ein anderes Lied, aber es gefiel mir fast noch besser als das letzte.
Ein wenig später stieg Mallalai also wieder von der kleinen Bühne herab, die ihre Freunde und Verwandten nun wieder abbauten.
Kaum hatte sie mich gesehen, packte sie mich am Arm und zog mich mit sich. „Los, komm. Wir haben Räumlichkeiten zugewiesen bekommen, da werden gleich wieder massenweise Männer Schlange stehen...“
Kurz darauf kamen wir vor einer der vielen Türen an, die alle gleich aussahen. Es standen schon einzelne Soldaten da. Als sie Mallalai kommen sahen, strahlten sie zunächst und drängelten sich in eine Schlange – sobald sie mich erblickten, stöhnten sie auf und sanken ein Stück in sich zusammen. Ich nickte ihnen steif zu, als ich hinter dem exotischen Mädchen die Tür schloss.
Sie schob den Riegel vor und sah sich um. „Hier ist es immer so kahl... wir dürfen die Räume nicht selber schmücken, das mag der Lord nicht“, erklärte sie augenrollend, dann ließ sie sich schwungvoll auf einem Bett nieder, stützte ihr Kinn auf eine zur Faust geballte Hand und sah mich neugierig an. Ihre hellgrünen Augen funkelten wissbergierig. „Erzähl.“
Also erzählte ich detailreich, was ich in Erfahrung gebracht hatte. Manchmal musste ich kurz überlegen und stellte fest, dass ich mir einiges erst jetzt selbst richtig vor Augen führte.
Als ich geendet hatte, schürzte sie nachdenklich die Lippen. „Und jetzt weißt du also nicht, ob du weitersuchen sollst?“
„Nein, das nicht direkt... da bin ich mir eigentlich recht sicher. Nur weiß ich immer noch nicht, wie ich zu ihnen hinkomme.“
Sie sprang auf. „Ich kann es nicht sehr gut, aber wir könnten es ausprobieren... Wo ist mein – ah!“ Mit einem Satz war sie bei einem filigran verzierten Koffer.
„Was können wir probieren?“, fragte ich verwirrt und beobachtete, wie sie voller Enthusiasmus in ihrem Gepäck kramte.
Sie richtete sich auf, ein Fläschchen und ein Döschen in den Händen. „Wir benutzen dich selbst, um den Aufenthaltsort herauszufinden.“
„Bitte, was?“, fragte ich amüsiert.
„Deine Zukunft. Sie ist zwar ungewiss, aber wenn sie tatsächlich wollen, dass du zu ihnen kommst und es dir ähnlich geht, ist es ziemlich sicher, dass du sie irgendwann erreichen wirst.“
„Und wie machst du das jetzt...?“ Ich zog meinen Kopf zurück, als sie mit dem Fläschchen näher kam, von dem sie bereits den Verschluss gelöst hatte.
„Einatmen. Na los!“ Sie hielt die Öffnung unter meine Nase und voller Skepsis atmete ich vorsichtig ein. Es roch interessant – süßlich und fremd und es löste eine Art Ruhe und Sorglosigkeit in mir aus und gern atmete ich eine weitere Ladung ein. Dann setzte ich mich auf das Bett hinter mir. „Uff.“ Ich fühlte mich ein wenig schwummerig und meinte Bilder zu sehen, die vorher nicht im Raum gewesen waren. Trotzdem sah ich, wie Mallalai sich eine Paste aus dem Döschen auf die Finger rieb. Dann kam sie näher und legte mir ihre langen, braunen Finger an die Stirn. Ich spürte ihre ein wenig überlangen Fingernägel auf meine Haut stoßen. Mit der anderen Hand stützte sie sich auf mein Knie, dann legte sie ihre Stirn an meine und von dem, was ich auf die kurze Distanz sehen konnte, schloss sie die Augen. Ich tat es ihr gleich, die Farben und unscharfen Bilder, die immer wieder und inzwischen immer häufiger erschienen, wurden mir etwas lästig.
Bilder zuckten auf und verschwanden wieder, unscharf, mit blitzartig wechselnden Farben – ich konnte fast nichts genau erkennen, nur manche der undeutlichen Bilder blieben ein wenig länger als eine Sekunde, sodass ich sie wirklich wahrnehmen konnte. Ein Haus, das musste es wohl sein, was ich als erstes ausmachen konnte – was für ein Haus war allerdings vollkommmen undefinierbar.
Ein kleiner Raum mit einem Tisch.
Ein dunkelblaues Auge.
Langes unscharfes Bilderzucken.
Und dann – dann war da endlich ein etwas deutlicheres Bild. Zuerst ein dunkler Wald mit einem Berg, der ziemlich genau in der Mitte des tiefen Grüns zu liegen schien, aus der Ferne. Dann sah es aus, als würde ich an Stämmen vorbeigehen.
Und schließlich sah ich vor mir eine Steinwand, ziemlich glatt, keine Erhebungen oder Ähnliches. Ich sah, wie meine Hand vor mir sich der Wand näherte –
Die Bilderkette brach ab. Ich riss die Augen auf und sah Mallalai mit einer Hand am Kopf einige Schritte zurücktreten. „So, das reicht denke ich erstmal... viel mehr lässt sich wahrscheinlich eh nicht erkennen“, murmelte sie und schüttelte den Kopf, als wollte sie meine Gedanken wieder loswerden. Dann wischte sie sich etwas Schweiß aus dem Gesicht.
„Ist das so anstrengend?“, fragte ich.
Sie nickte. „Ich muss meine eigenen Gedanken ja quasi abschalten, sonst funktioniert die Übermittlung nicht.“
„Kannst du nicht einfach dafür sorgen, dass nur ich das alles sehe, das wäre doch weniger erschöpfend.“
Sie schüttelte den Kopf. „Das geht, aber das kann ich nicht. Ich bin in dem Gebiet nicht sehr bewandert. Mit meinen Kenntnissen und Mitteln muss ich diese Verbindung aufbauen, sonst siehst du auch nichts... ich werfe die Bilder sozusagen in deinen Kopf zurück.“
„Aha.“ Mehr konnte ich dazu schließlich schlecht sagen. „Was meinstest du, als du sagtest, dass sich mehr nicht erkennen ließe?“, fragte ich weiter und schüttelte den Kopf. Noch immer tauchten ab und zu fetzelige Bilder irgendwo in der Luft auf.
Sie sah mich kurz erstaunt an, dann sagte sie: „Nun ja, weil alles andere bisher zu weit jenseits deines momentanen Zustandes liegt... die letzten Sequenzen waren so gut wie sicher, deswegen waren sie auch so gut zu erkennen. Der Rest davor war nicht sehr wichtig verglichen damit und kann sich außerdem jederzeit ändern, deswegen hatte man kaum Zeit, etwas zu sehen.“
Ich dachte kurz über das alles nach, dann runzelte ich unwillkürlich die Stirn. „Ja, und... wo ist das nun? Wie komme ich da hin, das weiß ich immer noch nicht.“
„Also dieser Wald mit dem Berg in der Mitte...“ Sie legte sich nachdenklich den Zeigefinger an die vollen Lippen. „Das sah aus wie diese eine Landschaft in Algarid... wir kommen da nicht jedes Jahr vorbei, aber –“
„Algarid?“, unterbrach ich sie.
„Das südlichste aller Ländern. Von hier aus liegt noch Auhoga dazwischen, allerdings nur ein kurzer Arm davon, du musst nur eben über zwei Grenzen kommen... eine davon liegt an einem breiten Meeresarm und es gibt nur bewachte Brücken.“
Ich stöhnte, aber sie winkte ab. „Die sind da nicht so streng. Beiden Ländern geht es gut und sie hegen keinen Verdacht gegen irgendwen... eigentlich könnten sie die Wachposten gleich von den Grenzen abziehen. Na ja, dieser Wald ist in Algarid so ziemlich jedem bekannt, also wird es leicht sein, sich durchzufragen...“ Sie sah mich auf einmal ernst an.
„Was?“
„Bist du wirklich sicher, dass du das durchziehen willst? Gerade jetzt, da du einige Warnungen bekommen hast. Es wäre doch vielleicht besser, umzukehren, meinst du nicht?“
Ich schüttelte energisch den Kopf. „An meinem Entschluss ist nichts mehr zu ändern.“
Sie verzog grüblerisch den Mund, dann zuckte sie mit den Schultern. „Du musst es ja wissen.“
Ich nickte.
„Gut, dann... ich schmeiße dich ja nur ungern hinaus, aber ich muss noch arbeiten“, sagte sie und lächelte entschuldigend.
Ich konnte mir einen belustigten Laut nicht verkneifen. „Arbeiten?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Anders kann man’s schlecht nennen, finde ich. Jedenfalls bringt es mir Geld und das ist das einzige, was in diesem Fall zählt.“
„Tja...“ Ich kratzte mich am Kopf. Trotzdem, ich würde nie in der Lage sein, mir so etwas anzutun, es musste doch noch einen anderen Weg geben, an Geld zu kommen. Da fiel mir etwas ein. „Sag mal, das klingt sicher komisch, aber hast du eigentlich keine Angst, dass du von einem dieser Kerle schwanger wirst?“ Ich schüttelte mich leicht.
Aber zu meinem Erstaunen lächelte Mallalai schief. Dann stand sie auf, ging ein weiteres Mal zu ihrem Koffer und kramte darin. Als sie sich wieder aufrichtete, hielt sie ein paar schmale, dunkelgrüne Blätter mit einer samtigen Oberfläche in die Höhe. „Aber nur, weil du eine Frau bist“, zwinkerte sie und kam auch mich zu. Dann ging sie vor mir in die Hocke. „Das hier ist Siminkraut, eigentlich gibt es das in dieser Welt gar nicht mehr – wir züchten es, wie viele andere Pflanzen auch. Jedenfalls hat unser Volk vor Jahrzehnten festgestellt, dass es reife Eizellen abtötet. Na ja, und bis die nächsten fertig sind, dauert es eine Weile“, grinste sie mich an. „Etwa vier Wochen, deswegen esse ich alle drei Wochen ein Blatt. Hier.“ Sie hielt mir die drei oder vier Blätter hin, die sie in der Hand hielt.
„Ich brauch den Kram nicht“, wies ich ab, ein kleines Stück zurückgelehnt.
Sie lächelte. „Wer weiß, vielleicht bist du irgendwann mal doch dankbar, dieses Mittel zu haben. Gib es nur an niemanden weiter – ich will, dass du sie nimmst.“
Skeptisch nahm ich die Blätter, von denen ein einzelnes kaum länger als sechs oder sieben Zentimeter sein konnte, in die Hand und besah sie genau. „Danke... aber ich brauche sie wirklich nicht.“
Sie sagte nichts, sondern stand auf und klopfte sich den Rock glatt. „Es hat mich gefreut, dich wiederzusehen“, lächelte sie. „Vielleicht läuft man sich ja irgendwann noch ein weiteres Mal über den Weg.“
Ich lächelte schief. „Ich glaube es kaum, aber es wäre nett.“
Sie lächelte noch etwas breiter.
Dann stand ich auf und ging zur Tür. „Danke nochmal für deine Hilfe.“
„Keine Ursache.“
Ich steckte die Blätter in meinen Hüftbeutel, nahm den Riegel weg und verließ das Zimmer. Dann quetschte ich mich durch die Männermassen und machte mich auf den Rückweg zu unserem Zimmer. Die Fragen der anderen beantwortete ich eher halbherzig. Ich musste hier so schnell wie möglich wegkommen, ich konnte es gar nicht abwarten, Mallalais Hinweise in die Tat umzusetzen.
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Rückmeldung wäre mal wieder toll :) Egal was! :D
Kapitel 15 - Teil 1
Es dauerte jedoch noch einmal fast eine Woche, bis Toivo endlich ohne Probleme aufstehen konnte. Sobald die Nachricht öffentlich war, wurden wir zuerst zu unserer Soldauszahlung und anschließend zu Lord Dachi gerufen.
Der Sold war viel höher, als ich gedacht hatte. Da von dem Geld, das ich von zu Hause mitgenommen hatte, inzwischen so gut wie nichts mehr übrig war, kam mir das sehr gelegen. Trotzdem war ich überrascht von der Menge, ich konnte mich nicht erinnern, je so viel Geld auf einmal gesehen zu haben.
Nach diesem durchaus erfreulichen Unterfangen machten wir uns also auf den Weg zum Thronsaal. Das große Tor stand bereits offen, als wir uns zu viert dem beindruckenden Raum näherten. Ich war aufgeregt, auch wenn ich es mir nicht so recht eingestehen wollte.
Der Saal sah genauso aus wie bei meinem ersten Betreten. Lord Dachi wandte sich zu uns um und deutete eine Verbeugung an. Wir wollten eben auf dem Boden niederknien, da hob er eine Hand. „Ihr müsst nicht vor mir knien.“
Also blieben wir stehen. War mir ganz recht so.
Es folgte eine vergleichsweise lange Rede, in der Dachi uns dankte und lobte, uns klarmachte, dass wir nun eigentlich sogar wichtiger seien als er und vieles andere. Sayuri fiel es offenbar schwer, seinem Blick standzuhalten. Sie hatte Schuldgefühle, das wusste ich genau, allerdings ohne es wirklich zu verstehen.
Nachdem Lord Dachi geendet hatte, trat Sayuri einen Schritt vor. Sie verbeugte sich kurz, dann begann sie langsam zu sprechen: „Ich fühle mich unglaublich geehrt, auf diese Weise von Euch empfangen zu werden. Genauso bin ich dankbar dafür, solange in Euren Diensten gestanden zu haben. Trotzdem muss ich Euch mitteilen, dass ich das Militär und Eure Burg verlassen werde, sobald ich durch die Tür dieses Saales gegangen bin. Mein Wille und meine Überzeugung reichen nicht mehr aus, um Euch weiterhin gut dienen zu können – falls ich das je getan haben sollte.“
Lord Dachi schaffte es im letzten Moment, seinen Gefühlen einen Ausdruck zu geben. Ich fragte mich, ob ich nicht vielleicht die einzige war, die für diesen einen Moment Enttäuschung über sein Gesicht hatte huschen sehen. Er trat vor Sayuri und sprach sie direkt an. „Es tut mir Leid, das zu hören. Aber ich akzeptiere diese Entscheidung und wünsche dir alles Gute. Du hast mir immer gute Dienste erwiesen, weitaus bessere als manch anderer.“
Wie ich Sayuri kannte, hätte sie ihn am Liebsten offen angestrahlt und nicht nur beherrscht gelächelt, wie sie es nun tat.
Shiro trat nun ebenfalls vor. „Ich hätte nie erwartet, eine solche Ehrung zu erhalten. Ehrlich gesagt“ – er lächelte – „hatte ich nie beabsichtigt, einen höheren Rang zu erhalten. Umso... unwirklicher kommt es mir eigentlich vor, heute hier zu stehen. Aber ich habe dieselbe Entscheidung getroffen wie Sayuri... ich glaube nicht, dass ich je wieder in der Lage sein werde, jemanden zu töten. Und solche Soldaten kann niemand brauchen.“
Lord Dachi kam auch zu ihm hinüber und nickte ihm zu. „Auch deine Entscheidung muss ich akzeptieren und kann ich anerkennen. Ich möchte dir jedoch sagen, dass es nicht viele gibt, die in der Lage sind, Opfer in dieser Größenordnung zu bringen, um andere zu retten.“
Shiro bemühte sich um ein höfliches Nicken und murmelte: „Ich danke Euch.“
Jetzt oder nie, schoss es mir durch den Kopf. Also trat auch ich einen Schritt vor. „Für mich gilt dasselbe wie für diese beiden. Ich bitte Euch jedoch, mich nicht nach den Gründen zu fragen. Ich kann nur sagen, dass es mir aus diesen Gründen nicht mehr möglich sein wird, mit vollem Einsatz für Euch zu kämpfen.“ Auch ich machte eine der in Atakuri üblichen Nickbewegungen.
„Auch bei dir betrübt es mich, das zu hören. Als die Person, die den Feind dieses Landes tötete, stünde dir die größte aller Ehrungen zu.“
Ich schüttelte unmerklich den Kopf, sagte aber nichts. Es würde unnötige und anstrengende Komplikationen hervorrufen, wenn ich versuchte, ihm alles zu erklären.
Als Toivo neben mich trat, waren keine Worte mehr nötig. Lord Dachi nickte nur ein weiteres Mal, dann richtete er das Wort noch einmal an uns alle: „Ihr vier habt in zwei Tagen mehr geleistet, als einige Menschen in ihrem ganzen Leben leisten. Ich möchte, dass ihr eines wisst: Ganz gleich, ob ihr nun hier in meinem Dienst steht oder in einem weit entfernten Land euer Leben führt, ihr werdet für mich und für mein Volk immer Helden bleiben. Ihr werdet hier immer willkommen sein. Ich finde es bemerkenswert, wie ihr euch für Interessen eingesetzt habt, die zumindest zu Teilen nicht einmal eure eigenen waren – auch, wenn das die Berufung eines jeden Soldaten sein sollte. Um ehrlich zu sein hätte ich erwartet, dass es einen weitaus größeren Teil meines Heeres erfordern würde, Hajime tatsächlich zur Strecke zu bringen.“ Er schwieg kurz, dann nickte er. „Nun denn. Wohin eure Wege euch nun auch führen mögen, ich wünsche euch viel Glück bei allem weiteren.“
Mit einem weiteren Nicken gab er uns zu verstehen, dass wir gehen konnten. Wir wandten uns ab und verließen den majestätischen Saal.
Als das Tor hinter uns zufiel, schloss Sayuri die Augen und schüttelte den Kopf. „Das ist nicht richtig“, sagte sie leise. „Es ist ungerecht, ihm das einfach so an den Kopf zu werfen, nach allem, was er für mich getan hat.“
„Er wird schon drüber wegkommen. Wir sind sicher nicht die ersten, die aus seinen Diensten austreten“, sagte ich stirnrunzelnd.
„Du musst auch mal an dich selber denken“, pflichtete mir Shiro bei und klopfte ihr auf den Rücken.
„Ich bin mir sicher, dass er auch meinte, was er gesagt hat“, lächelte Toivo. „Dass er akzeptiert, wie du dich entschieden hast. Es ist ja schließlich dein Leben.“
Sayuri lächelte ihn dankbar an. „Ja... vielleicht hast du Recht.“
„Am besten brechen wir gleich auf, oder was meint ihr?“, fragte ich etwas zu laut und sah keinen der beiden an. Es ging mir ernsthaft auf die Nerven, wenn sie sich so anlächelten.
„Von mir aus“, sagte Toivo schulterzuckend.
„Ich will hier so schnell wie möglich weg, sonst überlege ich es mir noch anders“, nickte Sayuri.
Also gingen wir unsere Sachen packen. Es war nicht viel und bald machten wir uns auf den Weg. Jeder, der uns begegnete, grüßte und verabschiedete sich freudig. Ich konnte mich nicht erinnern, je so beliebt bei irgendwem gewesen zu sein.
Wir begleiteten Shiro und Sayuri also zunächst auf ihren Heimweg. Am zweiten Abend rasteten wir in der Nähe eines kleinen Stroms und Sayuri und ich beschlossen, ein Bad zu nehmen. Es war ein paar Tage her, seit ich mich in Dachis Burg zuletzt gewaschen hatte.
„Es würde mich ja nicht wundern, wenn Toivo hinter einem von den Bäumen da sitzen würde“, sagte ich kopfschüttelnd, als Sayuri mit einem erfrischten Seufzer unter der Wasseroberfläche hervorbrach.
„Was, wieso? Meinst du wirklich, er findet was an uns?“, grinste sie und schlug ihre nassen Haare in den Nacken.
„An mir wahrscheinlich nicht, aber an dir vielleicht“, sagte ich mit einem Blick auf ihre weichen Kurven, die bis zur Hälfte ihrer Hüften aus dem Wasser ragten.
Sie lachte. „Ach was.“
„Wärst du etwa nicht froh drüber?“ Ich legte meinen Kopf auf das Gras hinter mir und schloss die Augen. Das kühle Wasser, das mir über den Körper strömte, war angenehm nach dem langen Marsch.
„Was, ich? Nein.“ Ich sah sie wieder an. Sie schüttelte ernst den Kopf. „Er ist irgendwie süß, aber sonst...“ Sie zuckte mit den Schultern.
Ich hob überrascht die Augenbrauen.
„Ich kenn ihn ja noch nicht mal besonders lang. Außerdem kann ich ihn dir ja nicht wegnehmen“, sagte sie noch, bevor sie sich wieder ins Wasser fallen ließ.
Ich gab einen verächtlichen Laut von mir. „Quatsch. Wieso sollte ich –“
„Entschuldige, was?“ Sie schüttelte Wasser aus ihren Ohren.
Ich öffnete erneut den Mund, doch dann winkte ich ab. „Ach, vergiss es...“
Wenig später kehrten wir zu den anderen beiden zurück.
„Na, erfrischt?“, fragte Shiro grinsend.
„Und wie“, seufzte Sayuri und streckte sich gähnend.
„Ihr solltet euch vielleicht auch mal waschen“, bemerkte ich und schüttelte meine kurzen nassen Haare. „Die werden wenig begeistert sein, wenn wir da mit zwei Stinktieren auflaufen.“
Shiro lachte, Toivo verdrehte die Augen. „Wieso hab ich immer das Gefühl, mit meiner Mutter unterwegs zu sein?“, motzte er und ließ sich auf den Rücken fallen.
„Weiß ich nicht“, sagte ich trocken und setzte mich neben ihn. „Ich hab nur einen Vorschlag gemacht.“
„Jaja...“
„Na ja, irgendwie hast du Recht“, sagte Shiro und sprang hoch, wie immer, ohne die Arme zu Hilfe zu nehmen. Die Stütze hatte man ihm schon vor Tagen abgenommen, aber benutzen wollte er seinen linken Arm noch immer nicht. „Wer weiß, wann sich so was das nächste Mal anbietet.“ Dann lief er an uns vorbei mit seinem federnden Gang.
Toivo überlegte noch kurz, dann stand er auf und folgte ihm. Ich sah ihm ärgerlich hinterher. „Shiro hat ihn nicht mal direkt aufgefordert... und bei mir geht er auf volle Gegenwehr“, beschwerte ich mich bei Sayuri.
Sie lächelte und setzte sich neben mich. „Du bist aber auch oft ganz schön ruppig zu ihm.“
„Ja, aber... wenn er sich auch immer so dämlich anstellt...“
„Hast du nie drüber nachgedacht, ob das vielleicht nur in deinen Augen so aussieht?“ Sie legte den Kopf schief.
„Ts. Selbst wenn, dann ist es eben so... ich kann es ja nicht ändern, dass er mir auf die Nerven geht.“
Daraufhin sagte sie nichts, sondern sah hoch zum Nachthimmel. „Der Himmel ist ganz klar heute“, sagte sie. Als ob ich das nicht selbst sehen konnte.
„Ja...“
Eine ganze Weile saßen wir stumm da und starrten hinauf in das tiefe Blauschwarz, in dem überall kleine weiße Punkte blitzten. Irgendwann ergriff Sayuri wieder das Wort.
„Kennst du dich mit Sternbildern aus?“
„Nein. So was wie Allgemeinwissen hab ich nicht, muss ich immer wieder feststellen.“
Sie kicherte. „Ich auch nicht. Aber du bist wenigstens klüger als ich.“
Ich sah sie an. „Wie meinst du das?“
Sie lächelte mich warm an. „Nun, du hast Köpfchen. Toivo ist offensichtlich gebildeter als du, aber das größere Denkvermögen hat er sicher nicht.“
Ich grinste. „Ist ja toll, dass das auch mal irgendwem außer mir auffällt.“
Sie lachte und sah wieder zum Himmel. „Ich frage mich... wie sie wohl darauf reagieren, wenn wir zurückkommen. Ob sie mich immer noch mitleidig und tuschelnd ankucken werden.“
Ich warf ihr einen Seitenblick zu. Ihre Augen glänzten im Mondlicht. „Shiro war eigentlich der einzige, der wirklich etwas mit mir zu tun haben wollte... die anderen Jungen hatten glaube ich nur Spaß daran, mich beim Spielen mit Dreck zu bewerfen.“
„Mh“, machte ich.
„Wie ist das mit Toivo und dir?“, fragte sie und sah mich immer noch nicht an.
„Mit Dreck beworfen hat er mich noch nie, nein“, grinste ich.
Sie lachte, dass ihr ganzer Körper wackelte. „Nein, ich meine: Ihr zankt euch zwar dauernd, aber ihr würdet wohl kaum zusammen reisen, wenn ihr keine guten Freunde wärt.“
„Na ja, wir – mir ging es ähnlich wie dir, glaube ich... nur, dass die anderen Kinder nicht einmal wirklich mit mir gespielt haben... ich glaube, sie hatten Angst vor mir.“
Sayuri lachte ihr helles Lachen. „Das kann ich mir gut vorstellen. Vor einem Kind mit deinem Blick hätte ich auch Angst gehabt.“
Ich grinste. „Ja...“ Dass es wahrscheinlich eher an Liljas Sturz gelegen hatte, musste ich ihr ja nicht unter die Nase binden.
„Und bei Toivo war das anders?“
Ich überlegte für einen Moment. War es das gewesen, anders? „Ich weiß nicht... wahrscheinlich. Jedenfalls ist er nicht demonstrativ weggegangen, sobald er mich sah.“
„Aber er bedeutet dir viel, oder?“
Ich riss den Kopf herum und sah sie an. „Wie meinst du das?“
„Na ja, als er außer Lebensgefahr war, hast du dich sehr gefreut“, lächelte sie.
Ich wurde rot. Zum Glück konnte sie das in der Dunkelheit wahrscheinlich nicht sehen. „Na ja, ich –“
„So, jetzt zufrieden?“ Ich hatte gar nicht gemerkt, wie Toivo und Shiro wieder den kleinen Hügel heraufgestiegen waren, auf dem wir rasteten. Shiros farblose Haare strahlten im Nachtlicht wie ein zweites Sternenmeer.
Toivo ließ sich neben mich fallen. „Das Wasser war saukalt“, murmelte er und rieb sich die Augen.
„Ist mir gar nicht aufgefallen“, murmelte ich zurück.
Er seufzte. „Natürlich nicht.“ Dann ließ er sich wieder auf den Rücken fallen, die Arme hinter seinem Kopf gekreuzt. Er saß nur ungern in letzter Zeit, wahrscheinlich tat die Narbe noch immer weh.
Er starrte für einen Moment zum Himmel hinauf, dann hob er einen Arm. „Hab ich doch eins gefunden.“
„Ein was?“
„Ein Sternbild. Das ist der –“
„Lass, ich wills gar nicht hören“, knurrte ich. Sayuri gab ein schallendes Lachen von sich, während sie mit den Fingern durch Shiros nasses Haar fuhr.
Am nächsten Tag machten wir uns früh wieder auf den Weg. Wie schon in den letzten zwei Tagen kamen wir an diversen Städten, Dörfern und Siedlungen vorbei, von denen einige wirklich verwahrlost, ein paar wenige inzwischen sogar unbewohnt schienen.
Jedes Mal, wenn wir an einem solchen Dorf vorbei kamen, sah ich eine Mischung aus Mitleid und Besorgnis in Sayuris und Shiros Gesichtern.
Am Nachmittag endlich fanden die beiden begeistert einige Dinge, an denen Erinnerungen von früher hingen. Je weiter wir gingen, desto häufiger wurden diese Dinge und schließlich erblickten wir ein Dorf, winzig, es lag in einer Vertiefung. Rundherum führte ein Palisadenzaun, das Tor stand allerdings sperrangelweit offen und war unbewacht.
Sayuri atmete tief durch, als wir nur noch einige zehn Meter entfernt waren. Zumindest konnte ich von hier aus schon gut sehen, dass sich Leute auf der breiten Straße befanden, die direkt an das offene Tor anschloss. Einige sahen uns kommen und hielten in ihrer Arbeit oder was immer es gerade war inne, andere liefen bei unserem Anblick sogar davon.
„Was haben die denn?“, fragte ich stirnrunzelnd.
„Vielleicht denken sie, wir seien Soldaten mit bösen Absichten... wir tragen schließlich alle Waffen“, überlegte Sayuri.
„Aber sie sollten euch doch erkennen, wenn wir näher dran sind, oder nicht?“, fragte Toivo.
Sayuri lachte nervös. „Ich hoffs...“
Aber ihre Befürchtungen blieben unbestätigt. Als wir in das Dorf eintraten, weiteten sich die Augen vieler Leute, viele Blicke folgten uns oder wohl eher Sayuri und Shiro.
„Ist das jetzt gut oder schlecht...?“, murmelte Shiro mit einem irritierten Lächeln. Wir gingen immer weiter, Stehenbleiben erschien so entblößend.
Da klirrte irgendetwas hinter uns, als würden mehrere Tongefäße auf dem Boden zerschellen. Wir drehten uns um, aber noch bevor ich irgendwas wirklich ins Auge fassen konnte, stolperte Shiro neben mir mit einem überraschten Laut einige Schritte rückwärts, als ihm eine Frau aus vollem Lauf um den Hals fiel.
„Ah...?“, machte er verwirrt, als sie anfing, unter Tränen auf ihn einzureden. Sie schien alles gleichzeitig zu tun, reden, weinen, lachen, aufschreien, ihn umarmen, ihn ansehen, ihm zittrig durch die Haare fahren.
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Sayuri mit skeptischem Blick einen Schritt zurücktrat.
Die Frau – sie war wahrscheinlich um die vierzig, ziemlich klein und rundlich – redete unglaublich schnell alles Mögliche an wirrem Zeug in Atakuris Sprache, dass es mir fast schwindelig wurde. Shiro rührte sich die ganze Zeit nicht, die Arme noch wie im ersten Moment in die Luft gerissen, als wolle er sie nicht berühren. Wahrscheinlich war es jedoch eher die bloße Irritation. Seinem Gesichtsausdruck nach wusste er nicht so ganz, was er hiervon zu halten hatte.
Irgendwann wiederholte die Frau immer wieder zwei Worte (zumindest nahm ich an, dass es zwei waren), immer und immer wieder, während sie Shiro an sich drückte. Auch ohne ein einziges Wort der Sprache zu kennen, verstand ich nach einer Weile, dass sie sich für etwas entschuldigte. Oder wohl eher um Vergebung flehte.
Ich sah fragend zu Sayuri hinüber. „Ist sie...?“
Sie nickte. „Seine Mutter.“
„Das von vorhin tut mir Leid.“ Shiros Mutter verbeugte sich bis zum weichen Boden aus ihrer hockenden Position heraus. „Ich habe mich noch nicht einmal bei euch beiden vorgestellt.“ Sie lächelte Toivo und mich vorsichtig an. Auf ihren Wangen waren noch immer dünne Tränenspuren. Ich verzog nervös die Mundwinkel.
„Das macht uns nichts“, sagte ich dann mit einem Seitenblick zu Toivo, der heftig nickte.
„Trotzdem, es tut mir Leid.“ Sie hatte einen starken Akzent und sprach ziemlich langsam.
Sayuri gab uns mit einem Kopfschütteln zu verstehen, dass wir darauf nichts erwidern mussten.
Wir saßen in einem recht niedrigen Raum auf einem weichen Teppichboden, der aus vielen Matten zusammengelegt war. Toivo und ich hatten uns ein Stück bücken müssen, um durch die Tür zu kommen. Dünne Vorhänge aus gelblichem Stoff hingen vor den Fenstern und verbreiteten ein seltsames Licht in dem Wohnraum. Wir saßen alle um einen kleinen, glatt polierten Tisch. Ich fand die Position, in der man hierzulande saß, den Hintern auf den eigenen Fußsohlen, auf Dauer äußerst unangenehm und versuchte möglichst unauffällig in eine andere zu rutschen.
Shiro saß anders als wir, eher zusammengesackt und mit dem Rücken an der Wand da und sah seine Mutter skeptisch an, Sayuri saß verspannt mit den Fäusten auf den Knien da und tat dasselbe.
Schritte wurden vernehmbar. „Mayu?“, hörte wir eine Stimme aus dem nahen Flur. Shiros Gesichtsausdruck wurde mit einem Mal trotzig – und erstarrte gleichzeitig in Kälte. Dann sahen wir Füße. Der Raum, in dem wir saßen, war nur durch einen mittellangen Vorhang vom Flur abgetrennt. Der Vorhang wurde von der Mitte heraus beiseite geschoben und herein kam ein Mann, ein ganzes Stück größer als Shiros Mutter und ziemlich dünn. Es war nicht schwer zu erkennen, dass er Shiros Vater war – Shiro war eine Art jüngeres und blasseres Abbild von ihm. Er blieb stehen und starrte seinen Sohn fassungslos an.
Shiros Rücken wurde vollkommen gerade und sein Blick starr. „Was?“, fragte er eisig.
„W-wie... Ich meine...Was ist mit deinem Arm?“, fragte sein Vater ungelenk beim Anblick von Shiros linkem Arm, der noch immer etwas schlaff an seiner Seite hing.
„Verletzung.“
„Ist... irgendwas?“
„Nein, nichts, was soll auch sein?“, fauchte Shiro und sah weg.
Mayu sah besorgt zwischen Mann und Sohn hin und her.
Shiros Vater seufzte und schüttelte den Kopf. „Warum bist du so giftig?“
Shiro antwortete nicht. Seine rechte Hand wanderte zu seiner verletzten Schulter.
Sein Vater wandte sich an uns. Er verbeugte sich tief. „Guten Tag. Sein Verhalten tut mir wirklich Leid –“
Sayuri holte empört Luft, aber Shiro war schneller. Er riss den Kopf herum und schrie: „Mein Verhalten?! Hast du sie noch alle?!“
Sein Vater öffnete überrascht den Mund, aber seine Frau warf ihm einen bittenden Blick zu. Kopfschüttelnd verließ er vorerst den Raum.
Shiro ließ sich zurück in seine leicht zusammengesackte Haltung und an die Wand fallen und schlug sich eine Hand vors Gesicht. Er murmelte etwas mir Unverständliches.
Seiner Mutter ging es da offenbar anders. „Das solltest du nicht sagen“, sagte sie matt. Sie sah aus, als wolle sie sich am Liebsten übergeben.
„Aber wenn es doch so ist“, knurrte Shiro. „Kommt hier rein und sieht mich nicht mal anders an als vor drei Jahren.“
„Na ja, aber du –“, setzte ich an, aber Toivo stieß mich mit dem Ellenbogen an.
„Könntest du uns kurz alleine lassen?“, bat Shiro seine Mutter und bemühte sich um einen freundlichen Tonfall.
Sie zögerte, aber dann nickte sie und stand auf, verschwand auf den Flur und kurz darauf hörten wir eine Schiebetür auf- und dann wieder zu gehen.
Shiro sah zu Boden. „Tut mir Leid“, murmelte er.
Ich stöhnte. „Warum entschuldigt ihr euch hier alle dauernd? Wäre es nicht viel einfacher, ab und an einfach mal auf den Punkt zu kommen?“
Shiro gab einen amüsierten Laut von sich. Sayuri sah auf einmal ziemlich betrübt aus. „Es ist ungerecht“, sagte sie leise.
„Was ist ungerecht?“, fragte Toivo und beugte sich vor, um an mir vorbeisehen zu können.
„Sie haben Shiro vom einen Tag auf den anderen gehasst, nur weil –“
„Ich bin wie ich bin“, unterbrach sie Shiro grimmig. Offenbar war ihm gerade nicht danach, zu dem Thema Ausführungen zu machen, aber ich verstand auch so. „Und jetzt... jetzt erwarten sie auf einmal, dass ich das so mir nichts, dir nichts vergesse, wie es scheint.“
„Mit deiner Mutter schienst du aber schon wieder besser auszukommen“, bemerkte ich stirnrunzelnd.
Er lachte tonlos. „Ja. Sie hat damals einfach nicht mehr mit mir gesprochen. Mein Vater hat dagegen jeden Tag aufs Neue versucht, mir meine Sexualität auszureden.“ Er bohrte eine Faust in den Teppichboden. Unter seiner Porzellanhaut traten deutlich die Knöchel hervor. „Als sei ich krank, so hat er mich behandelt. Wie eine verdammte Schande für das ganze Dorf.“
Sayuri sah besorgt zu ihm hinüber.
„Und jetzt...“ Er hob die Hand, als hätte er eben noch etwas darin gehalten, das auf einmal verschwunden war. „Jetzt wundert er sich, dass ich ihn hasse.“
„Das stimmt doch nicht, du hasst ihn nicht“, wisperte Sayuri.
„Doch, tu ich. Und ich hab allen Grund dazu. Es hat mir wirklich schon gereicht, dass mich alle wegen eines dämlichen Fehlers in meinen Genen wie eine Missgeburt behandelten.“
„Es ist kein Fehler“, sagte Sayuri lauter und sah ihn verzweifelt an. „Und das hätte auch nie jemand so gesagt.“
„Aber gedacht haben sie es fast alle.“
Sayuri wandte den Blick wieder ab und schwieg für eine Weile. „Wir hätten nicht zurückkommen sollen“, sagte sie dann leise.
Dazu sagte Shiro nichts. Sayuri standen die Tränen in den Augen.
„Sollen wir... euch alleine lassen?“, fragte ich unsicher.
Sayuri schniefte dezent und schüttelte den Kopf. „Nein. Tut mir Leid.“
„Was genau tut dir denn jetzt schon wieder Leid?“, grinste ich.
Sie lächelte schwach.
„Shiro!“ Es kam aus dem Flur. Shiro sah vom einen Moment auf den anderen wieder zornig aus. „Was?“, rief er patzig zurück.
„Würdest du... könntest du bitte kurz kommen?“ Sein Vater klang wirklich unsicher.
Widerwillig stand Shiro auf und verschwand.
Die Gesprächsfetzen, die zu uns herüber drangen, konnte ich wieder nicht verstehen. Sicher, ich hätte mich auch nicht in einer mir im Grunde fremden Sprache mit einem Familienmitglied über ein wichtiges Thema unterhalten. Und das war es ganz sicher, denn je mehr wir hörten, desto breiter wurde Sayuris Lächeln, bis sie schließlich in stille Freudentränen ausbrach.
Später am Tag stattete Sayuri dem Töpfer, bei dem sie aufgewachsen war, einen Besuch ab. Sie blieb eine Weile weg und als sie wiederkam, musste sie ein weiteres Mal weinen vor Rührung. Sie hatte immer gedacht, dass er sich aus bloßem Verantwortungsbewusstsein um sie gekümmert hatte, ohne sie jedoch tatsächlich als seine Adoptivtochter angesehen zu haben, sagte sie. Das Wiedersehen war jedoch wirklich herzlich ausgefallen nach dem, was ich zwischen ihrem Schluchzen verstehen konnte.
Shiro und sein Vater schwiegen sich weiter an, aber zumindest giftete Shiro nicht jedes Mal los, wenn er seinen alten Herrn zu Gesicht bekam. Mayu hätte ihren Sohn wahrscheinlich am Liebsten bei jeder Begegnung auf ein Neues umarmt und sie erkundigte sich dauernd, ob uns irgendetwas fehle.
Als es dämmerte, saßen wir in einem kleinen Raum unterm Dach, der wohl früher einmal Shiros Zimmer gewesen war. Es war eingestaubt – weshalb wir sofort das Fenster aufgerissen hatten – aber ansonsten machte es einen erstaunlich gut gepflegten Eindruck.
Sayuri lag mit dem Kopf in Shiros Schoß, hatte die Augen geschlossen und summte leise eine melancholische Melodie.
Ich stand am Fenster und sah dem Aidan beim Untergehen zu. Der Mond wurde langsam sichtbar.
Toivo lag auf dem Rücken und führte kurze Wortwechsel mit Shiro, der sich allerdings dauernd aufs Neue in seinem alten Zuhause umsah, als sei das hier ein seltsamer Traum.
„Es ist schade, dass wir morgen wieder aufbrechen müssen...“, murmelte ich.
Ich hörte, wie Sayuri hinter mir hochfuhr. „Morgen schon?“
Ich drehte mich um und nickte.
„Mh... wir hatten gehofft, dass ihr vielleicht noch etwas bleiben könntet... ihr werdet ja nicht mehr zurückkommen, nicht wahr?“
Ich mochte es nicht, sie so deprimiert zu sehen, dennoch sagte ich nach einem kurzen Zögern: „Wahrscheinlich nicht. Wir haben noch ein gutes Stück Weg vor uns und ich weiß nicht, wie alles Weitere aussehen wird...“
„Wirklich schade.“ Sayuri lehnte sich an Shiros Schulter und sah zu Boden.
„Muss es schon morgen sein, Nanna?“, schaltete sich nun auch Toivo ein.
Ich nickte bestimmt. „Es hat keinen Sinn, sich zu lange aufzuhalten. Auch, wenn es so angenehmer wäre.“
„Wäre es das wirklich oder sagst du das nur so?“, fragte Shiro mit einem schiefen Lächeln, der inzwischen weitgehend seine alte Fassung wieder hatte.
„Nein, das meine ich so.“ Ich lächelte zurück. Sie konnten einem auf die Nerven gehen, besonders Sayuri, aber irgendwo waren sie auch alle beide schlichtweg niedlich.
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