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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Fortsetzungsgeschichte Ts4EVERs Geschichte


Ts4EVER
21.12.2008, 22:52
Hallo
da ich meine 100 Posts nun zusammen habe, fange auch ich jetzt mit dem Posten einer Fortsetzungsgeschichte an. Erstmal jedoch eine kleine Einführung zur Entstehungsgeschichte:

Die Idee für die Geschichte hatte ich während des großen Herr der Ringe Hypes nach Release des ersten Films. Ich war vorher nie stark an Fantasy interessiert, der Film war jedoch klasse genug um mich auch die Bücher lesen zu lassen. Die mochte ich auch sehr, doch etwas fehlte mir und das war Realismus. Natürlich ist ein Fantasybuch nie realistisch (magie etc.), doch
mir schwebte eine Welt vor, in der Menschen handeln wie sie es auch in der Realität tun und die weniger "mythisch" wirkt.
Über die nächsten Jahre baute ich mir diese Welt mehr oder weniger im Kopf zusammen, doch erst in den Sommerferien 2006 war ich gelangweilt genug, die Sache auch aufzuschreiben. Nach den Ferien verlor ich sowohl die Zeit als auch das Interesse an dem Projekt, weshalb die geschichte leider unvollendet ist. Anfang 2008 musste ich meinen Computer formatieren, unglücklicherweise genau die Festplatte mit der entsprechenden Word-Datei. Ich glaubte die Story also verloren.
Im Herbst desselben Jahres musste ich allerdings umziehen und beim Abbauen des PCs fand ich eine Diskette (lange nicht mehr gesehen, sowas) auf der sich zu meiner großen Überraschung eine Sicherheitskopie befand, an deren Erstellung ich mich interessanterweise bis heute nicht erinnern kann.
Ich hab mir die Geschichte dann das erste mal seit 2 Jahren durchgelesen und fand sie überraschend unterhaltsam, wenn auch im nachhinein betrachtet teilweise undurchdacht.
Da ich gerne Kritik oder am besten sogar Lob für mein Werk hören möchte, werde ich den Text über die nächsten Wochen hier posten. Ich habe nichts am ursprünglichen Text verändert. Der Stil ist durchweg sehr schwarzhumorig und teilweise ironisch.
Mir sind mehrere Rechtschreibfehler und "Stilblüten" bewusst, aber ich habe wie gesagt von einer Änderung des Textes abgesehen.

Aber genug langweilige Einleitung, ich hoffe es gefällt euch.
Ts4EVER

Ts4EVER
21.12.2008, 23:02
Ts4EVERs Geschichte


Das schwierigste an einer Geschichte ist der Anfang. Vielleicht sollte ich mich als Erzähler der folgenden Geschichte kurz vorstellen: Ich bin eine Laute. Der Leser wird jetzt einigermaßen erstaunt über diesen Umstand sein, weshalb mir nichts übrig bleibt, als ihn näher zu erläutern.
Natürlich bin ich keine Laute im eigentlichen Sinne, ich bin viel mehr in einer Laute gefangen, genauer gesagt in meiner Laute, die mir jahrelange gute Dienste geleistet hatte. Wie genau meine Seele in dieses vermaledeite Musikinstrument gelangt ist, tut an dieser Stelle nichts zur Sache, nur so viel soll gesagt sein: Wenn eine Zauberin „nein“ sagt, meint sie meistens auch „nein“, nicht „ja“, nicht „vielleicht“ und auch nicht „bald“. Zu den einzigen Annehmlichkeiten meiner Situation zählt, dass ich keine Nahrungsmittel mehr zu mir nehmen muss, da ich keinen Körper mehr habe, den es zu versorgen gilt. Die Welt um mich herum kann ich noch sehr gut wahrnehmen, auch wenn mein Geruchsinn etwas gelitten hat.
Der größte Nachteil ist sicherlich, dass ich mich nicht aus eigener Kraft bewegen kann, was mich im Laufe meines Lebens zu einer Art Gepäckstück verschiedener Leute degradierte. Mein erster „Besitzer“ (wie ich das Wort hasse), war dieselbe Zauberin, die mich in meine Laute verfrachtet hatte und die Jahre die ich bei ihr verbrachte waren ein einziges Gezänk aus dummen Bemerkungen ihrerseits und scharfsinnigen Kontern meiner Wenigkeit (Hatte ich erwähnt, dass ich noch sprechen kann? Ich kann es.).
Nach einer besonders niederschmetternden Beleidigung platzte ihr schließlich der Kragen und sie verkaufte mich an einen fahrenden Händler, der allerlei magischen Tand und exotische Importwaren verkaufte. Es dauerte nicht lange bis er einen Abnehmer für so etwas Kurioses wie eine sprechende Laute fand: Der Herzog von Hohenfels erwarb mich, ein fetter, dummer, dekadenter und äußerst unhöflicher Mensch, und das ist noch zu nett. Er hatte nach geschätzten acht Stunden das Interesse an mir verloren und tauschte mich gegen eine weissagende Ziege aus. Ich selbst kam in die gut gefüllte Schatzkammer des Fürsten wo ich zwischen Zeptern, Goldschmuck und Kristallkronleuchtern geschlagene zwölf Jahre verbrachte. Dem Leser wird an dieser Stelle aufgefallen sein, dass es ein äußerst schlimmes Schicksal ist, so lange bewegungslos auf der Müllkippe der Zivilisation zuzubringen. Aus lauter Langeweile lernte ich die Inschrift auf der Goldbüste auswendig, neben der ich mein Dasein fristete, doch auch das hielt mich nur für höchstens eine Stunde beschäftigt, der Rest der Zeit gestaltete sich etwas langweilig.

Jedenfalls bis zu jenem Tag, an dem das Schloss des Herzogs erobert wurde. Wie es sich für eine Schlosseroberung gehört wurde nach Lust und Laune geplündert und gebrandschatzt, was dazu führte, dass auch meine entlegene Schatzkammer bald von der wütenden Meute aufgestöbert wurde. Nachdem die Besitzverhältnisse am Schatz durch ein paar rollende Köpfe geklärt worden waren, war ich stolzer Besitz ein paar ungewaschener Zwerge, die im Heer als Söldner angeheuert waren. Es hätte mich wirklich schlimmer treffen können. Ungewaschene Orks zum Beispiel wären deutlich schlimmer gewesen. Ich offenbarte meinen traurigen Zustand meinen neuen Besitzern. Sie zeigten Verständnis im Rahmen ihrer Möglichkeiten und nahmen mich mit. So reiste ich einige Monate im Tross der Armee durchs Land und nach den langen Jahren im Keller des Herzogs war das eine höchst erfreuliche Abwechslung. Die Zwerge an sich waren gewöhnungsbedürftig und nicht ganz auf meinem Niveau, doch wer ein Faible für Bier und dreckige Witze hat, wäre sicherlich hervorragend mit ihnen zurechtgekommen. Sie hatten ein gutes Herz und im Laufe der Zeit wurden wir wirkliche Freunde. Während meiner Zeit in der Armee plünderten wir noch zahlreiche Schlösser, Dörfer, Burgen und das ein oder andere Kloster, was meinen Zwergen einiges an Reichtum einbrachte, aber das Kriegsglück wendete sich gegen die Rebellen. Unsere Armee wurde von kaiserlichen Truppen zerschlagen und meine Zwerge konnten sich nur mit Müh und Not vor dem Galgen bewahren, den Großteil ihrer Schätze mussten sie allerdings zurücklassen.
Wie Zwerge nun mal so sind ließen sie sich nicht unterkriegen und sie suchten ihr Glück in ehrlicher Arbeit, was sich nachdem Großen Krieg aber als äußerst schwierig herausstellte, was besonders an dem nun deutlich feindlicheren Klima gegenüber Zwergen lag, die man im Verdacht hatte weiter mit den Rebellen im Bunde zu sein. Schließlich machten sie ihr Hobby zum Beruf und wurden Drachentöter. Dem Leser werden jetzt vielleicht Bilder von erschlagenen Drachen und geretteten Jungfrauen vor Augen stehen, aber hier ist die Realität des Drachentötergewerbes weitaus unspektakulärer als der Name. Die meisten Bestien die es zu töten galt waren Berglöwen oder Schimären, die in den gesetzlosen Jahren nach dem Krieg in großen Zahlen in den Wäldern des Reichs hausten. Einen Drachen bekam ich in der ganzen Zeit nicht zu Gesicht, die standen damals schon kurz vor der Ausrottung. So gingen die Zwerge ihrem blutigen Gewerbe nach und erschlugen was man ihnen auftrug und es störte sie nicht ob es nun ein Berglöwe, ein Troll oder eine untreue Ehefrau war, so lange es totgeschlagen war bekamen sie ihr Geld und sie zogen weiter.
Das wäre wahrscheinlich noch einige Jahre so weiter gegangen, doch wieder einmal schlug das Schicksal zu und meine Zwerge wurden von einem Bergtroll getötet. Der Troll selber durchwühlte daraufhin ihren Kram und nahm alles was glänzend oder interessant aussah mit, darunter auch mich. Er brachte mich in seine Höhle, wahrscheinlich als Feuerholz, und dort blieb ich weiter 86 Jahre. Diese Zeit war noch schlimmer als meine Gefangenschaft in der Schatzkammer des Herzogs, besonders zu Anfang, als ich mit meiner Verfeuerung zu rechnen hatte. Dazu kam es allerdings nicht, denn eines schönen Tages verließ der Troll seine Höhle und kam nie wieder. Was aus ihm geworden sein mag? Keine Ahnung, wahrscheinlich fiel er selber einem Jagdtrupp oder Soldaten des Kaisers zum Opfer, vielleicht ist er auch in irgendeinen Fluss gefallen und ertrunken, jedenfalls blieb ich ewig alleine in der kalten, stinkenden Höhle (Wie ich bereits darlegte, hatte mein Geruchsinn nach der Verbannung gelitten… das machte sich hier bezahlt).
86 lange Jahre, ohne irgendeine Inschrift zum auswendig lernen, es war wirklich eine prekäre Situation. Umso erstaunter war ich, als ein Mensch vorsichtig, mit gezücktem Schwert, die Trollhöhle betrat und meiner fast hundert-jährigen Einsamkeit ein jähes Ende setzte. Es war ein Mann, ein recht junger um genau zu sein, und seine entschlossene Pose passte nicht ganz zu dem eher ängstlichen Blick in seinem Gesicht.
„Hallo? Ist da jemand?“, fragte er unsicher ins Dunkel der Höhle herein. „Hallo?“, wiederholte er, einen weiteren Schritt machend.
Ich beschloss, ihn von dieser Ungewissheit zu erlösen: „Ja ich“
Wenn man bedenkt, dass das meine ersten Worte seit 86 Jahren waren, hätte ich ruhig etwas epischeres von mir geben können, aber mein neuer Freund erschreckte sich auch so schon recht heftig.
„Wo seid ihr? Kommt raus und kämpft wie ein Mann anstatt euch im Dunkeln zu verkriechen!“, rief er ohne rechte Überzeugungskraft.
„Würde ich liebend gern Freundchen, aber ich bin zur zeit eine Laute“, gab ich als Antwort zurück. „Brauchst gar nicht so zu schauen, es stimmt.“, fügte ich nach einem kurzen Blick auf sein Gesicht hinzu.
Nachdem sich der Mensch ein wenig vom Schreck erholt hatte, erzählte ich ihm meine Geschichte, die ich hier nicht noch einmal wiederholen will, um den Leser nicht zu langweilen. Sie hatte etwa den gleichen Wortlaut wie das Vorangehende, wenn man davon absieht dass mein etwas begriffsstutziger Freund mehrmals bei jedem Punkt nachfragen musste.
Ich schloss meine Erzählung mit einem freundlichen „Und wer bist du?“
„Ulrich von Steinhoff“, antwortete er mit einem Blick der mir eindeutig zu adlig aussah.
„Ein Adliger also. Von einem ‚Steinhoff’ hab ich noch nie gehört… Herzog? Graf?“ Die Frage schien ihm ein wenig peinlich zu sein.
„Nun ja… Steinhoff ist nicht gerade… im Brennpunkt der Ereignisse.“
"Das ist keine Schande", meinte ich, denn ich hatte nur zu oft erlebt wie Orte im "Brennpunkt der Ereignisse" niedergebrannt wurden. Ich beschloss nicht weiter nach seiner Herkunft zu fragen. Man hat nichts davon es sich mit dem neuen Besitzer gleich zu verscherzen.
„Und wo willst du hin?“
Hier schwellte sich seine Brust ein wenig und er antwortete mit Stolz in der Stimme: „Zum Kaiser, um ihm meine untertänigsten Dienste in der kaiserlichen Garde anzubieten.“
„Die kaiserliche Garde? Ganz schön exklusiver Verein, die nehmen nicht jeden. Bist du ein guter Kämpfer?“
„Natürlich! Jeder von Steinhoff lernt das Waffenhandwerk von der Wiege an“ Er machte eine kurze Denkpause. „Außer die Mädchen natürlich“, sagte er mit einem etwas eigenartigen Lachen.
„Natürlich nicht“, sagte ich um die eintretende Stille zu durchbrechen.
„Der kaiserlichen Garde beizutreten ist der Traum eines jeden von Steinhoffs“, fuhr er fort: „ und ich werde es schaffen. Ich werde den Kaiser gegen seine Feinde verteidigen und Ruhm und Ehre für meine Familie gewinnen!“
„Wie ist die Bezahlung?“
„12000 Gulden im Jahr“ Ich pfiff mit meinen nicht vorhandenen Lippen. „Nicht schlecht, damit könnte man drei Bauerdörfer ein Jahr lang mit durchfüttern.“
„Ich tue das doch nicht des schnöden Geldes wegen. Ich will das Kaiserreich und die ehrwürdigen Götter verteidigen und meiner Familie einen Namen machen!“
Mir dämmerte langsam an was für einen Kunden ich da geraten war, aber dass er in die Kaiserstadt wollte kam mir sehr gelegen. Um ehrlich zu sein fühlte ich das erste mal seit mindestens 100 Jahren wieder so etwas wie Hoffnung. Wo sonst sollte es fähige Magier geben als in der Kaiserstadt? Und unter denen war bestimmt auch einer der sich auf das Aufheben von Flüchen verstand und mir meinen Körper wieder geben konnte. Aber vorerst wollte ich mehr über Ulrich herausfinden und ein wenig Smalltalk hilft immer das Eis zwischen Adligen und sprechenden Musikinstrumenten zu brechen: „Wie hast du die Höhle überhaupt gefunden? Der Weg sieht ziemlich zugewachsen aus…“
Er wurde rot. „Um ehrlich zu sein: Mich drückte da ein kleines natürliches Bedürfnis… und da waren sehr viele Büsche…“
„Schon kapiert“ Es ist immer wieder ein schönes Phänomen wenn sich große Geschehnisse durch solche Banalitäten erklären lassen. „Du willst also zur Kaiserstadt? Nimmst du mich mit?“, fragte ich, denn was blieb mir anderes übrig. Ulrich hob mich auf (immer wieder ein erniedrigendes Gefühl).
„Das sollte kein Problem sein“, sagte er: „Für mich ist es eine Sache der Ehre, den Schwachen zu helfen, wie es ein wahrer Ritter… ähm… nicht dass du schwach wärst, oder so… du weißt schon… du warst sicher einmal ein sehr stattlicher Mann, und…“
„Ja, ja, schon klar…“, antwortete ich leicht zerknirscht. Er hatte es ja nicht böse gemeint, aber es war eigentlich immer meine Philosophie gewesen vor dem Sprechen zu Denken.
„Ähm, nun ja…“, fing er an: „Dann wollen wir mal. Ich habe ein Pferd.“
„Schön“, sagte ich kurz angebunden. Meine Laune war doch ein wenig in den Keller gerutscht. Das einen die Leute auch immer darauf ansprechen müssen. Er ging mit mir den kurzen Weg zur Straße hinab, wo sein Pferd gesattelt bereitstand. Halfter und Sattel waren einfach gehalten, nichts königliches, keine Goldverzierungen oder Edelsteine. Das Pferd selber war ein Fuchs und ebenfalls nichts besonderes, kein Ackergaul aber auch kein königliches Rennpferd.
„Er heißt Blümchen“, sagte Ulrich stolz.
„Blümchen? Ein etwas seltsamer Name für ein angehendes Schlachtross“, bemerkte ich spitz.
„Er gehörte einmal meiner Schwester“, antwortete Ulrich entschuldigend: „Ich konnte mir kein eigenes leisten also hab ich ihres genommen…“
„Kein eigenes leisten? Was ist nur heutzutage aus dem Adel geworden…“
„Wie gesagt, Steinhoff liegt etwas… abgelegen“ Er sattelte auf. „Ich werde dich einfach umschnallen, sollte kein Problem sein“
Meine Laute hatte einen ledernen Trageriemen, den er sich jetzt umlegte. „Passt wie angegossen nicht wahr?“, rief er fröhlich.
Ich antwortete etwas mürrisch: „Ja, klasse nicht wahr?“ Mir war nicht nach Scherzen zumute. Immerhin hatte ich einst die Laute selbst getragen, als ich noch kein Holzblock war, der von anderen Leuten durch die Gegend geschleppt werden musste.
„Also… auf zur Kaiserstadt!“
„Weniger reden, mehr traben“
Langsam ging mir diese übertriebene Vorfreude ein wenig auf den Zeiger, aber was sollte ich machen. Das Pferd jedenfalls fing etwas widerwillig mit dem Laufen an. Ich sah mich um. Es war Nachmittag und die Sonne war dem Horizont bereits näher als dem Zenit. Hoffentlich hatte sich der Bursche um eine Schlafgelegenheit in einer Herberge oder einer Taverne gekümmert, aber mir kamen da meine Zweifel. Wahrscheinlich gehörte für ihn eine ungemütliche Nacht vor dem Lagerfeuer zu einem ‚Abenteuer’ dazu. Ich persönlich halte nicht viel vom Reiten und der Ritt auf ‚Blümchen’ bestärkte mich einmal mehr in meiner Meinung. Das ewige Auf und Ab war schon schlimm genug, aber nach ungefähr einer halben Stunde fing der tapfere Rittersmann Ulrich damit an ein mir unbekanntes Lied vor sich hin zu pfeifen. Als ehemaliger Barde verstand ich etwas von Musik, aber dieses schiefe und unmelodische Pfeifen als Musik zu bezeichnen wäre eine Sünde den Göttern gegenüber gewesen. Das sagte ich ihm auch.
„Also wirklich, ich weiß gar nicht was du hast. Ein kleines Lied auf den Lippen versüßt jedem den langen Ritt“, antwortete er fröhlich und fing nun auch noch an zu singen… Irgendeinen Quatsch über tapfere Ritter und edle Jungfrauen in erhabenen Burgen. Also wirklich. Wer sich in Burgen auskennt wie ich weiß, dass es dort alles gibt außer Jungfrauen und beheizte Gästezimmer. So ging das den ganzen Abend über, bevor ich mich nach einer eventuellen Herberge erkundigte.
„Herberge? Sehe ich aus als wäre ich aus Geld gemacht? Der wahre Ritter scheut sich nicht sein Biwak im Freien aufzuschlagen!“
Das war so klar. „Hast du so was denn?“
„Was denn?“
„Na ein Biwak…“ Jetzt schaute der junge Ritter doch ein wenig ratlos aus der Wäsche.
„Ähm… nein eigentlich nicht. Aber die Nächte sind lau und das Feuer wird uns wärmen“
Ich warf einen zweifelnden Blick auf das rote Laub über unseren Köpfen. „Aber Feuer machen kannst du, oder?“
Ja ich muss zugeben, Feuer machen konnte er. Es dauerte keine zehn Minuten, da prasselte auch schon ein Lagerfeuer, das Wärme gab und wilde Tiere abhielt.
„Das magische Feuerzeug hat mir mein Großvater geschenkt“, erzählte er. „Er hatte es von seinem Vater und der hat es im großen Krieg von einem Zauberer bekommen, weil er ihm das Leben gerettet hat. Angeblich soll ein ziemlich komplizierter Feuerzauber dahinter stecken. Ist wohl ziemlich wertvoll.“
„Zu meiner Zeit konnte man die noch an jeder Ecke kaufen“ Das gab Ulrich wohl zu denken, denn es dauerte eine weil bis er wieder das Wort ergriff: „Wie heißt du eigentlich?“
Tja, das war eine gute Frage. Wenn man 100 Jahre Zeit dafür hat, vergisst man so etwas.
„Nenn mich einfach Barde“
„Barde… ja das geht. Na gut… Barde. Was willst du eigentlich in der Stadt?“
„Einen Zauberer suchen“
„Einen bestimmten Zauberer?“
„Ich war 86 Jahre in der elenden Höhle eingesperrt, wie soll ich da noch irgendeinen Zauberer kennen?“
„Hm, da ist was dran“, räumte er ein. Er griff in seine Tasche und holte etwas Dörrfleisch hinaus. „Auch was?“, fragte er bereits kauend. Aus der Tatsache, dass er mir das Fleisch nicht in die Saiten schmierte, schloss ich, dass mein vernichtendes Schweigen als Antwort genügte.
Ich beschloss weiterer Konversation aus dem Weg zu gehen: „Gute Nacht, ich schlaf jetzt.“ Ich hätte mich gerne auf die Seite gedreht um mein Anliegen zu unterstreichen, doch das war mir ja leider nicht möglich. Die Nacht an sich verlief ereignislos, das nahm ich jedenfalls an, schließlich wachte ich nicht mitten in der Nacht von Wolfsgeheul oder Kampfgeräuschen auf.

Ts4EVER
25.12.2008, 03:14
Am nächsten Morgen war Ulrichs Begeisterung für das Schlafen unter freiem Himmel etwas abgeflaut.
„Wie kannst du nur auf diesem Boden gut schlafen? Ich bin völlig steif, du nicht? Oh, richtig“
Solche Meckereien und Selbstbemitleidungen durfte ich mir den ganzen Morgen über anhören.
„An deiner Stelle hätte ich das Kettenhemd vor dem Schlafen ausgezogen“, meinte ich aufgeräumt (Ich hatte ganz hervorragend geschlafen). Nachdem er seinen Kram wieder notdürftig zusammengepackt hatte, ging er noch mal in die Büsche, danach band er sein Pferd los und der Ritt vom Vortag wurde fortgesetzt. Die Straße war recht gut ausgebaut und führte an mehreren kleinen Dörfern vorbei, deren Bewohner Ulrich misstrauisch beäugten, wohl aus Angst, er sei ein Steuereintreiber.
Die Landbevölkerung hauste nicht viel aufwendiger als zu meiner Zeit: Niedrige Hütten mit Strohdach und angrenzendem Gemüsegarten, auf den schlammigen Wegen wühlten Schweine und das einzige einigermaßen gerade und professionelle Gebäude war der Tempel der jeweiligen Schutzgottheit. Die Bewohner waren alle dreckig, leicht unterernährt und in Leinen gehüllt. Mein Herr winkte zwar allen freundlich zu, aber außer den Kindern (von denen es meistens eine ganze Menge gab) grüßte niemand zurück. Mein Reisebegleiter ließ sich davon nicht die gute Laune verderben. Immer ein Lied auf den Lippen ritt er fröhlich seines Weges und wahrscheinlich wäre es ein sehr ereignisloser Ritt geworden, wären wir nicht am insgesamt fünften Dorf vorbeigekommen. Dort zügelte Ulrich sein Pferd und warum war nicht zu übersehen: Ein wütender Mob wie aus dem Bilderbuch, mit Heugabeln und Sensen (nur die Fackeln fehlten, war ja noch hell), prügelte auf eine junge schwarz-haarige Frau ein.
„Elende Hexe! Dir werden wir das Zaubern schon noch austreiben!“, schrie ein besonders dicker und schmutziger Mann der mit einem Brett bewaffnet war, in das er vorher einen rostigen Nagel getrieben hatte. Was die Frau zu ihrer Verteidigung vorzubringen hatte ging im allgemeinen Geschrei unter. Vielleicht wird der Leser jetzt schockiert über diese Tatsache sein, doch auf dem Land sind solche Lynch-Gerichte keine Seltenheit, hier wo sich Elend, Dummheit und Fanatismus zu einer explosiven Mischung verbinden. Meistens wird die Meute vom allgegenwärtigen Dorfpriester aufgehetzt, der mit den Doktrinen des Tempels nur noch unzureichend vertraut ist und seinen Einfluss gegen eventuelle Abweichler stärken will. Ein bedauernswerter Zustand, gegen den der Tempel nur unzureichend vorgeht.
„Ein Jammer“, sagte ich. „Warum reitest du nicht weiter?“
„Ich kann die Frau hier doch nicht einfach alleine lassen!“, sagte er empört, zog sein Schwert und ritt auf den Dorfplatz. Man packt sich an den Kopf. Ich habe nie sehr viel von Helden gehalten. Man hört zwar selten davon, aber mit den meisten nimmt es ein schlimmes Ende.
„Mein Name ist Ulrich von Steinhoff und ich frage euch: Mit welchem Recht greift ihr diese Frau an?“ Sein Auftritt verschaffte ihm Respekt bei den Dorftrotteln, das muss man ihm lassen.
Die meisten ließen von ihrem Opfer ab, nur der dicke Mann trat vor: „Sie ist eine Hexe! Sie hat meiner Kuh die Milch weggehext!“
Wieder eine typische Verhaltensweise: Alle schlagen zu, aber nur der Dümmste tritt vor und spielt den Wortführer… so vorhersehbar.
„Welche Beweise habt ihr gegen diese Frau?“
Typischer Anfängerfehler: Er versuchte mit diesen Leuten vernünftig zu reden. Wäre er einigermaßen schlau gewesen, wäre er einfach einmal durchgeritten, hätte ein paar Köpfe rollen lassen und sich dann mit der Schnecke aus dem Staub gemacht.
Wäre er richtig schlau gewesen hätte er die Szene links liegen gelassen und wäre weiter geritten… so kam es wie es kommen musste: „Beweise? Wir haben Beweise! Meine Kuh gibt seit einer Woche keine Milch mehr, sie muss verhext sein! Seht sie euch an.“
Er deutete auf die Kuh. Ziemlich verhungertes Gestell, ich gab ihr noch eine Woche.
„Selbst wenn die Kuh verhext ist, wer sagt euch, dass sie sie verhext hat?“
„Die Götter“, schnarrte eine unangenehme Stimme aus dem Hintergrund. Sie fiel mir vor allem wegen ihrem… nun ja schnarrendem Tonfall auf. „Wir haben den Gottesbeweis an dem Mädchen durchgeführt… die Kröte, die wir ihr auf den Kopf gesetzt haben, hat sich nicht blau verfärbt! Sie ist des Teufels! Die Götter haben sie verflucht!“
Das war eindeutig der Dorfpriester, ein hagerer, glatzköpfiger Mann in schwarzer Kutte. Seine Stimme überschlug sich und er hatte eine sehr feuchte Aussprache. Er war mir sofort unsympathisch.
„Genau, Pater Stoicus hat recht! Sie ist eine Hexe und wir werden sie töten!“
„Keine Magie außerhalb des Tempels“, schnarrte es wieder. „So ist das Gesetz“
Das war schlichtweg gelogen, aber vielleicht war es noch nicht bis hierhin durchgedrungen.
„Ich, Ulrich von Steinhoff befehle euch: lasst von der Frau ab. Ich werde sie in die Kaiserstadt bringen, wo sie vor ein ordentliches Gericht gestellt wird. Dort wird man über ihr Schicksal entscheiden.“
„Wer bist du, dass du uns Befehle erteilen willst?“, schrie der Wortführer mit dem Nagel im Brett.
„Ich bin Ulrich von Steinhoff, ich bin von adeligem Geblüt!“
„Wo ist der Beweis? Vielleicht bist du nur ein dahergelaufener Raubritter!“, schrie er zurück. „Wir sollten ihm auch eine Kröte auf den Kopf setzen… wenn sie sich rot verfärbt ist er ein Adeliger…“, meinte die widerliche schnarrende Stimme.
Ich bin ein äußerst ruhiger Mensch, aber bei so viel geballter Ignoranz und Dummheit platzt auch einem netten Kerl wie mir der Kragen: „Warum setzen wir dir nicht eine Kröte auf den Kopf, wenn sie bei deiner schnarrenden Stimme nicht kotzt ist sie taub!“ Diese Schmähung war zwar nicht ganz auf meinem Niveau, aber der Situation angemessen. Dachte ich.
„Woher kam diese Stimme?“
„Er ist ein Hexer!“
„Er ist ein Dämon!“
„Er ist des Teufels!“
Man konnte sagen ich hatte durchschlagenden Erfolg. „Bringt ihn um!“, schrie schließlich der fette Wortführer und dieser Vorschlag sollte sogleich in die Tat umgesetzt werden. Ein heilloses Chaos brach aus, jeder rannte durcheinander, die einen warfen Steine, die anderen fuchtelten mit ihren Erntegerätschaften. Pater Stoicus murmelte etwas und schoss aus seinen Händen einen Lichtstrahl auf Ulrich.
„Das soll dich läutern, Dämon!“, schrie er. Ulrich bemerkte diesen schwachbrüstigen Zauber gar nicht, er hielt Ausschau nach der Hexe, die sich schlauerweise auf Händen und Füßen aus dem Staub machen wollte. Er gab seinem Pferd die Sporen, anscheinend mit der Absicht heldenhaft zu der zu rettenden Jungfrau durchzubrechen. Einige Bauern hatten sich ein Herz gefasst und stellten sich ihm mit ihren Heugabeln in den Weg. Anstatt sie zünftig mit dem Schwert umzuhauen ritt er sie einfach um. Langweilig. Er zügelte Blümchen neben der Angeklagten, die so gar nicht wie eine Hexe aussah, wie sie so am Boden kroch. Er streckte ihr die Hand hin.
„Halten sie sich fest ich zieh sie hoch“ Ein richtiger kleiner Held. Sie packte die Hand und ließ sich aufs Pferd ziehen.
„Danke“, sagte sie, doch ob er es noch mitbekam weiß ich nicht, denn im selben Augenblick traf ihn ein gut gezielter Stein am Kopf. Er sackte bewusstlos nach vorn. Die Hexe stieß einen recht unzüchtigen Fluch aus und versuchte ihm die Zügel aus der Hand zu ziehen. Die Dorfbewohner kamen immer näher und sahen recht entschlossen aus.
„Schnapp dir das Schwert“, riet ich leise. Sie schien nicht im Mindesten überrascht über das plötzliche Auftreten einer körperlosen Stimme zu sein, sondern gehorchte dem Rat. Ulrich hatte sein Schwert quer vor sich über dem Sattel gelegt, um beide Hände zur Rettung der Frau frei zu haben. Nun packte sie es und versuchte verzweifelt die anrückenden Bauern auf Abstand zu halten. Der erste stieß mit einer Mistgabel zu und traf auch, schaffte es allerdings nicht sie oder Ulrich vom Pferd zu stoßen. Stattdessen verfingen sich die Zinken der Gabel im Gewand der Hexe und er hätte sie bestimmt vom Pferd gezogen, wenn sie nicht geistesgegenwärtig die Spitze seiner Waffe mithilfe ihres Schwertes abgeschlagen hätte. Endlich hielt sie die Zügel in den Händen, als sie plötzlich seitwärts von Pferd rutschte. Sich nur mit einer Hand festhaltend, sah sie hinab. Einer der Bauern hatte sie am Bein gepackt und versuchte sie vom Pferd zu zerren. Purer Hass sprach aus seinem Gesicht.
Er sagte noch etwas wie: „Verrecke, Hexe“ bevor es ihr gelang ihn mit dem Schwert, mit dem sie wild herumfuchtelte, zu erwischen. Schreiend und blutend fiel er hin. Das Pferd selbst drehte jetzt völlig durch und fiel in einen unruhigen Trab. Die Bauern hatten anscheinend Erfahrung im Einfangen von ausgebrochenem Viehzeug, denn sie scheuchten es von einer Ecke des Dorfs in die andere, während Ulrich weiterhin bewusstlos über den Sattel gebeugt da saß und die Hexe verzweifelt versuchte sich wieder vollkommen aufs Pferd zu hieven, was durch Ulrichs schweren Körper fast unmöglich gemacht wurde. Schließlich schien das Pferd eine Lücke gefunden zu haben, denn urplötzlich preschte es los und zwar genau auf den fetten Wortführer mit dem Nagelbrett zu. Wie es sich für einen richtigen Wortführer gehört hatte er zwar eine große Fresse aber nichts dahinter und sprang zur Seite. Die Hexe lachte noch einmal und schwang das Schwert, die Geschwindigkeit des Tieres geschickt ausnutzend. Widerliche Einzelheiten will ich dem Leser an dieser Stelle ersparen, belassen wir es dabei, dass sich der fette Bauer endlich öffnete und sein Innerstes nach außen kehrte.
Ohne Bauern an ihren Beinen gelang es der Frau auch endlich, sich wieder aufs Pferd zu schwingen und Ulrich ein wenig nach hinten zu drücken. Wir ritten noch ungefähr eine halbe Meile bis sie Blümchen wieder unter Kontrolle hatte und sie etwas abseits der Straße in ein kleines Waldstück führte. Dort kümmerte sie sich um unseren tapferen, von einem Stein zu Fall gebrachten Helden.

Ts4EVER
28.12.2008, 22:49
Sie hatte schwarze Haare und sonnengebräunte Haut, die bewies, dass sie viel an der frischen Luft war. Ihr hervorstechendstes Merkmal waren ihre strahlend grünen Augen und ein Amulett um den Hals. Es war keiner der üblichen Glücksamulette oder Ankhe, sondern ein verschlungenes Zeichen, das mir irgendwie bekannt vorkam. Ich nahm mir vor sie später nach dessen Bedeutung zu fragen.
„Steht es schlimm um ihn?“, fragte ich stattdessen.
„Nein, er wird es überleben. Platzwunde, wird jedenfalls Kopfschmerzen haben, wenn er aufwacht.“ Sie drehte sich rum. „Wie bist du in der Laute gelandet?“
Ich muss sagen, ich war überrascht wie schnell sie es kapiert hatte. „Bist schnell im Kopf, kann das sein?“, fragte ich. „Die meisten Leute sind erstmal überascht, weil sie nicht wissen woher meine Stimme kommt“
„Die können dich nicht sehen?“
„Du kannst mich sehen?“
Wie der Leser aus dieser meiner Antwort entnehmen kann, war ich selbst überrascht.
„Natürlich kann ich dich sehen“, sagte sie: „Du bist ein junger, recht großer Mann mit einem… ähm… altmodischen Spitzbart, gepflegten Kleidern und blonden Haaren“
Sie konnte mich sehen. Erstaunlich. Außer dem ‚altmodisch’ stimmte alles. Ich war besonders froh über die Tatsache, dass ich Kleider trug. Beim Eintreten des Fluchs war ich nämlich nackt gewesen. „Ich trage nicht zufällig ein Namensschildchen? Dann wüsste ich endlich wieder wie ich heiße“
„Nein, tut mir leid.“
„Wie kommt es, dass du mich sehen kannst?“
„Keine Ahnung. Bin ich die einzige?“
„Bisher schon.“
Sie konnte mich sehen. Selten hatte mich eine Frau so verblüfft (Der letzten die das geschafft hat, habe ich meine Lauten-Form zu verdanken).
„Ich sehe dich eher undeutlich“, erklärte sie. „Du bist ganz… verschwommen. Als würde ich dich aus dem Augenwinkel wahrnehmen.“
Weiteren Erläuterungen ihrerseits kam das lautstarke Erwachen Ulrichs zuvor. „Verdammt, was ist passiert“, stöhnte er und packte sich an die Stirn, nur um sofort wieder zurück zu zucken. „Ich blute ja.“
Da hatte er nicht Unrecht, der Stein der ihn getroffen hatte, war ziemlich schwer und mit Nachdruck geworfen worden.
„Tja, so geht es tapferen Rettern“, meinte ich trocken.
„Hab ich wen gerettet?“, fragte er verstört.
„Ähm, ja, mich. Danke dafür. Sie glauben gar nicht zu was ein wütender Mob fähig sein kann“ An dieser Stelle, fasste er sich als Antwort stöhnend an den Kopf
„Mein Name ist Klara.“ „Warum haben diese Leute sie verfolgt?“, fragte Ulrich. Klara deutete auf ihre Augen: „Grün. Wer grüne Augen hat, ist des Teufels. Aber sie können mir glauben, an der Kuh war ich nicht schuld. Hat wahrscheinlich Bilsenkraut gefressen.“
Ja, die Sache mit den grünen Augen ist ein weit verbreiteter Aberglaube. Noch schlimmer dran sind eigentlich nur Rothaarige. Zu meiner Zeit wurden rothaarige Neugeborene noch im Dorftümpel ertränkt.
„Sind sie verletzt?“, fragte unser tapferer Retter. „Nö, nur ein paar Prellungen im Gesicht. Ein paar blaue Flecke werden auch noch ein paar Tage bleiben, aber sie hat es schlimmer erwischt… Herr von Steinhoff.“
„Da ist was dran. Mein Kopf fühlt sich an als ob…“
„… ein Dorftrottel einen Stein dagegen geschmissen hätte?“, half ich nach. „Ja das trifft es ganz gut. Dir ist also auch nichts passiert“, fragte er.
„Nein, mir geht es prächtig, wenn man von der Tatsache absieht, dass ich in eine Laute geflucht wurde, aber danke der Nachfrage.“
„So. Jetzt wo alles geklärt ist, kann ich dann ja gehen“, meinte Klara und schickte sich an ihren Vorschlag in die Tat umzusetzen.
„Du kannst doch jetzt nicht gehen!“, meinte Ulrich und klang recht erschrocken.
„Warum nicht?“
„Was ist wenn dich die Bauern wieder erwischen?“
„Keine Angst noch mal kriegen die mich nicht“, meinte sie, wobei sie ein recht diebisches Lächeln aufsetzte.
„Ich muss zurück zu meiner Sippe“
„Deine Sippe? Wo lebt ihr?“ Sie hielt kurz inne. „Ich muss gehen. Du würdest es nicht verstehen. Danke noch mal, fürs Leben retten.“
Und mit diesen Worten verschwand sie im Wald. Ulrich glotzte noch ein wenig bedeppert auf die Stelle an der sie verschwunden war. Er blieb noch ungefähr zehn Minuten sitzen, bevor er das erste Mal versuchte aufzustehen. Dieses Vorhaben scheiterte an einem Schwindelanfall.
„Verdammt, ich glaube ich habe eine Gehirnerschütterung“, zischte er, während er zwanzig Minuten später versuchte sein Pferd zu besteigen. „Das ist alles deine Schuld, Barde“
„Ach jetzt ist es auf einmal meine Schuld? Wer ist denn so blöd sich in die Geschäfte gewalttätiger Leute einzumischen, um jemanden zu retten den er gar nicht kennt?“
Er schnaufte verächtlich. „Du hättest sie einfach ihrem Schicksal überlassen.“
„Natürlich. Ich meine: Was hat es uns gebracht? Wir wurden aufgehalten, du hast eine Gehirnerschütterung und das Mädchen ist weg. Glanzleistung.“
„Ich habe das richtige getan. Und hättest du deine große Klappe gehalten, hätten sie uns auch nicht angegriffen!“
„Was? Das glaubst du doch wohl selber nicht? Das waren blutgierige Fanatiker, mit denen kann man nicht reden!“ Etwas widerwillig hängte er sich mich um. „Oh ja, du würdest alle Konflikte am liebsten ehrenhaft lösen“, setzte ich nach. „Alles für den Kodex, schon klar, was du doch für ein edler Ritter bist. Ich sag dir was: Das ist weltfremd, realitätsfern, gefährlich und unpraktikabel.“
„Vielleicht hast du auch nur zu lange in irgendwelchen Löchern gelegen, um zu verstehen, dass mir meine Mitmenschen nicht egal sind. Du bist ein egoistischer… Mensch“, schloss er etwas lahm. Den Rest des Rittes zum nächsten Rastplatz verbrachten wir schweigend. Die Bemerkung über die Löcher hatte mich tief getroffen. Was verstand der schon von Löchern? Es gab wenig, was ich mehr hasste als Idealisten. Fast so schlimm wie Helden. Nicht ganz so schlimm wie Löcher.

Ts4EVER
30.12.2008, 16:33
Je näher wir der Hauptstadt kamen, desto größer wurde der Betrieb auf der Straße. Sie mündete in eine der größeren Hauptstraßen, die die Kaiserstadt mit dem Rest des Reichs verbinden. Allerlei seltsames Volk war auf ihr unterwegs: Bauern, die überschüssige Tiere und Erträge auf einfachen Handkarren zum Markt brachten, Händler, die exotische Waren aus Ophyr oder den Elfenländern anboten, kaiserliche Boten und kleine Trupps Soldaten und Wachmänner, sie alle strömten in die Kaiserstadt oder von ihr weg.
Auf der Hauptstraße galt strenger Rechtsverkehr, trotzdem kam es immer wieder zu kleineren Staus oder Meinungsverschiedenheiten, die den Verkehr ein wenig ins Stocken geraten ließen. Die Kaiserstadt selber stand in Form eines dunklen dampfenden Gebildes am Horizont, das brodelnde Zentrum des pulsierenden Verkehrs. Je näher wir dem Ziel kamen, desto aufgeregter und redseliger wurde Ulrich. Unseren kleinen Streit vom Vortag schien er vergessen zu haben.
„Siehst du das? Vor dir, liegt die größte Stadt der Welt und das Zentrum unseres geliebten Kaiserreichs. Wahrlich ein ehrwürdiger Anblick.“
Aus diesen Worten entnahm ich, dass er die Stadt noch nie von innen gesehen hatte.
„Man kann sogar den Kaiserpalast von hier aus sehen!“, sagte er, mit dem Finger in die entsprechende Richtung zeigend.
Der Palast sah genauso aus wie ich ihn in Erinnerung hatte, damals vor 109 Jahren, als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er thronte auf einem dicht bebauten Felsen, der das Regierungsviertel des Reichs darstellte und sich hoch über dem Rest der Stadt erhob. Der Turm des Kaisers bildete seine Spitze. Er ragte hoch in den trüben Himmel über der Metropole. Ulrich hatte seine Kopfwunde notdürftig mit einem aus seinem Unterhemd gerissenen Fetzen verbunden. Unter der blutigen Bandage leuchteten seine Augen begeistert und unternehmungslustig.
„Glaubst du, die werden dich bei der Garde annehmen?“, fragte ich.
„Ich bin von adligem Geblüt, damit ist die erste Voraussetzung erfüllt.“, antwortete er zuversichtlich. „Außerdem verstehe ich mich aufs Kämpfen und bin dem Kaiser gegenüber treu. Sie werden mich aufnehmen.“
Der Junge war sich seiner Sache sicher, so viel war klar. Über die Kaisergarde wusste ich nicht viel. Im großen Krieg waren sie als Elitetruppe, der man besser nicht über den Weg läuft, bekannt und berüchtigt, aber Armeen haben die Angewohnheit, in Friedenszeiten immer windiger zu werden.
„Wir sind bald da“, sagte er zum hundertsten Mal (unnötigerweise).
Gegen Mittag hatten wir uns durchs Gewühl der Straße bis zum Haupttor vorgekämpft, wo der Zug etwas ins Stocken kam, da es sich einige Wachsoldaten in den Kopf gesetzt hatten, jeden passierenden Wagen einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Auch Ulrich wurde recht brüsk angesprochen.
„Name und Begehr?“, fragte ein bärtiger Soldat mit einer Hellebarde in der Hand und einem Schwert am Gürtel.
„Ulrich von Steinhoff ist mein Name. Ich will zum Kommandanten der Kaiserlichen Garde.“
„Von Steinhoff? Nie gehört.“
Manieren hatte der Wachmann keine, so viel stand fest.
„Ähm, Steinhoff ist nicht sehr bekannt… wir sind eher eine Untergrafschaft von Brunsheim.“
„So weit im Osten? Warte mal nen Moment.“
Der dezent gelangweilt wirkende Wachsoldat wandte sich zu einem Kameraden um. „Ey, Grimbold! Du kommst doch aus Brunsheim, oder?“
Der Gefragte nickte. „Kennste ein ‚Steinhoff’?“
„Jupp, isne Untergrafschaft. Besteht ausnem windschiefen Turm und drei Fischerdörfern.“
„Vielen Dank. Geht klar, sie können passieren“
„Vielen Dank“, antwortete Ulrich, der bei der (anscheinend treffenden) Beschreibung seiner Heimat etwas rot um die Nase wurde.
Wir ritten durch das hohe von Zinnen und Wehrgängen gekrönte Tor in die Hauptstadt. Der uns entgegenschlagende Lärm war ohrenbetäubend. Von allen Seiten drang Geschrei und Geschnatter aus den umliegenden Häusern auf die völlig überfüllte Straße. Aufgrund des alten Brauches, seine Notdurft zusammen mit den Küchenabfällen aus dem Fenster zu kippen, war auch der Gestank nicht von schlechten Eltern.
„Das ist das gewöhnungsbedürftige an der Kaiserstadt“, rief ich um den Lärm zu übertönen, „man steht knitief in der Sch…“
Ich wurde von einem Bettler unterbrochen, der sich trotz fehlender Beine erstaunlich schnell an unser Pferd herangerobbt hatte.
„Eine Münze für einen Kriegsversehrten, edler Herr?“, fragte er und sein zahnloser Mund schenkte uns ein freundliches Lächeln. Ulrich schien wenig begeistert und trieb das Pferd ein wenig schneller an, was aufgrund der Menschenmassen nicht unproblematisch war.
Der Bettler schrie uns hinter uns her. „Ich hab mir nicht von den Orks die Beine abbeißen lassen, um jetzt hier im Dreck zu verrecken!“
Das war in meinen Augen eine klare Fehleinschätzung.
„Ist das hier immer so… voll?“, fragte mein Reisebegleiter mit einem leichten Anflug von Panik in der Stimme.
„Nachts leert es sich ein wenig, wegen den Vergewaltigern und Raubmördern.“, meinte ich aufmunternd. „Zum Palast müssen wir da lang.“
Etwa eine Stunde irrten wir durch die engen Gassen der Stadt und wir mussten einen ganzen Haufen zwielichtige Personen nach dem Weg fragen, bevor wir schließlich vor dem Tor zum Regierungsviertel standen.
„Name und Begehr?“, wurden wir wiederum gefragt, diesmal von einem netten Herrn in kaiserlicher Uniform.
Wieder musste Ulrich die peinliche Fragerei über seine abgeschlagene Untergrafschaft über sich ergehen lassen. Anders als am Haupttor musste er außerdem, trotz seiner adligen Herkunft, sein Schwert abgeben. Als Ersatz bekam er einen hübschen Zettel mit der Nummer 54. Wir begannen mit dem Aufstieg. Denn ein Aufstieg war es. Der Kaiserpalast war nur über eine gewundene Straße zu erreichen, die sich in insgesamt 5 Schleifen um den Berg herumlegte. Wir kamen an protzigen Wohnstätten der Minister und Berater vorbei, an glühenden Schmieden und Alchemielabors, aus denen ein schauerlicher Gestank auf die Straße drang (ab und zu auch kleine Explosionen). Die Alchemisten des Kaisers hatten zwei Hauptaufgaben: erstens den Stein der Weisen zu finden (schon etliche Male gescheitert), zweitens die Zusammensetzung des „Schwarzen Feuers“, eine Substanz die schon viele Soldaten in den Kriegen des Südens zum Verhängnis wurde, auszutüfteln. Keines von beiden war ihnen bis dato gelungen, ein weiterer Grund warum der Kaiser sich zu dieser Zeit immer mehr den Magiern der Akademie zuwandte.
Dieses Vorgehen hatte immer wieder den Widerwillen des Tempels hervorgerufen, der schon seit Jahrzehnten vergeblich auf sein Magie-Monopol bestand. Die Schriften des Tempels sagen, dass jede Magie, die nicht eingesetzt wird, um dem Willen der Götter zu dienen, ein Werk des Teufels und somit verdammenswert ist. Jahrhunderte lang nutzte der Tempel und seine elfischen Hohepriester diese Tatsache aus, um die Macht im Kaiserreich zu erlangen, nicht als Kaiser, sondern als Strippenzieher, als religiöse Berater. Sie waren lange die wahren Herrscher über das Volk der Menschen. Im Großen Krieg konnten sie ihre Stellung weiter ausbauen, indem sie dem Kaiser bei der Erhaltung seiner absoluten Macht halfen.
Doch der neue Kaiser war weniger religiös und hörig wie Catalanus der Zweite, sein Vorgänger. Er stellte Berater aus der Akademie ein, der modernen statt jener freien, menschlichen Zauberer, die sich der Bevormundung des Tempels auf ihrer Suche nach reinem Wissen entzogen. Die Elfen bangten um ihren Einfluss am Hofe und ihre hohe Stellung in der Gesellschaft, besonders nachdem der Akademiezauberer Johann Stuhlkreiser eine Aufsehen erregende Arbeit mit dem Titel „Von Menschen und Elfen“ veröffentlicht hatte, indem er behauptete, es gäbe keinen schlüssigen wissenschaftlichen Beweis für eine Überlegenheit der Elfen über die menschliche Rasse. Er ging in seinem, vom Tempel als Ketzerei verbrannten, Werk sogar soweit, beide Arten mit Zwergen auf eine Stufe zu stellen, ein unerhörter Frevel für die hohen Elfenherren. Des weiteren seien Hochelfen des Kaiserreichs mit ihren wild in den Wäldern lebenden Verwandten im Norden praktisch identisch.
Kaiser Catalanus der Dritte war solchen Ideen gegenüber weit aufgeschlossener als seine Elfen-Berater, ein weiterer Grund für den Unmut geistlicher Institutionen. Noch immer jedoch schienen sie beträchtlichen Einfluss zu haben. Während unseres Aufstiegs kamen wir an neun Tempeln vorbei, jeweils einer für jeden Hauptgott, protzig aus Marmor gebaut und mit Säulengängen und Statuen der jeweiligen Gottheit verziert. Ich selbst war nie ein religiöser Mensch gewesen, Ulrich jedoch machte bei jedem Tempel das jeweilige Grußzeichen der Gottheit, um seine Ehrerbietung zu zeigen. Mir lagen eine ganze Reihe Bemerkungen bösartiger Natur auf der Zunge, ich schluckte sie allerdings herunter. Kein Grund Streit anzufangen.
„Da ist er… der Palast“, sagte Ulrich schließlich am Ende unseres langen Aufstiegs, mit einer Stimme, die vor Stolz und Ehrfurcht nur so triefte.
Der Kaiserpalast war aus teurem, importiertem Marmor gebaut und von Gärten und Brunnen umgeben, was angesichts seiner Lage auf dem Gipfel eines kahlen Felsbrockens verwunderlich war. Ich vermutete, dass Magie im Spiel war. Wir durchschritten den Hauptgarten auf einem völlig weiß gepflasterten Weg (das Pferd musste Ulrich am Tor abgeben).
Im Garten selber standen neben Bäumen und edlen Blumen auch neun weiße Statuen der Götter, halbkreisförmig um den größten Brunnen angeordnet, der die Mitte des Gartens bildete. Kaiserliche Gardisten standen Wache und stellten ihre farbenprächtigen Uniformen zur Schau. Nach einer weiteren Kontrolle durch die herausgeputzten Wachen standen wir schließlich direkt vor dem Thronraum. Wir hatten Glück, dass gerade Audienzzeit war (Montags bis Freitags 12-14 Uhr), denn Anwärter auf den Dienst in der Garde mussten beim Kaiser persönlich vorsprechen.
Wir waren nicht die einzigen, die vor dem großen Eisentor des Thronraums Schlange stehen mussten. Geistliche, Bürger, Händler und Diplomaten hatten sich vor uns eingereiht und warteten darauf, ihre Probleme und Nöte dem Kaiser zu klagen. Ulrich starrte missmutig auf den kleinen Zettel mit der Nummer 33, den ihm der nette Herr am Empfangsschalter ausgestellt hatte.
„Das wird ewig dauern“
„Gewöhn dich schon mal daran… in der Garde wirst du sehr lange draußen im Garten herumstehen müssen.“
Ein vor uns stehender Bürger drehte sich irritiert um, nach dem Herkunftsort meiner Stimme suchend. Ulrich lächelte ihn freundlich an, bis er sich wieder herumgedreht hatte. Ich beschloss, vorerst den Mund zu halten. Die Tür öffnete sich und ein dicker Mann mit Fleischerschürze kam heraus, nicht sehr freundlich blickend.
„Nummer 14, bitte“, drang eine Stimme aus dem Thronsaal, die Nummer 14 verschwand hinter der Tür und die Schlange rückte etwas auf. Die magische Uhr an der Wand zeigte 12.36 Uhr an. Wir hatten noch ewig Zeit. Eigentlich. Das hielt Ulrich allerdings nicht davon ab, hibbelig von einem Bein aufs andere zu springen, als wir bei Nummer 30 angelangt waren. Noch drei Minuten trennten ihn vom Kaiser und dem ersehnten Beruf als Gardist.
„Nummer 33, bitte…“ hallte es schließlich in den Warteraum. Selbst als Laute konnte ich Ulrichs Herz noch klopfen hören, als er den langen Thronsaal entlang schritt, auf Kaiser der Götter Gnaden Catalanus den Dritten zu. Dieser war jünger als ich ihn mir vorgestellt hatte. Er hatte ein knabenhaftes, bartloses Gesicht und kurze blonde Haare. Er hätte vielleicht freundlich und aufgeweckt gewirkt, wäre sein Gesicht nicht so arrogant und gelangweilt gewesen. Unordentlich in den Thron gefläzt, den Kopf auf die rechte hand gestützt, die Krone neben sich auf die Erde gelegt und den teuren Seidenmantel nachlässig über die Schulter geworfen machte er weniger den Eindruck einer kaiserlichen Majestät, als den eines Schuljungen, der nicht oft genug verdroschen worden war. Er würdigte Ulrich keines Blickes, als dieser etwas unbeholfen vor ihm niederkniete. Er zuckte nur beiläufig mit der rechten Hand, was Ulrich zum Anlass nahm, wieder in die Senkrechte zu gehen. Statt des Kaisers ergriff ein Schreiberling mit einem äußerst albernen Hut das Wort.
„Name?“
„Ulrich von Steinhoff, eure Majestät“
„Mutter?“
„Sieglinde von Steinhoff“
„Vater?“
„Götz von Steinhoff“
„Begehr?“
„Ich möchte der kaiserlichen Legion beitreten.“
Jetzt endlich hatte der Kaiser etwas zu sagen. Seine Stimme war leise aber fest und er legte so viel Arroganz und Langeweile hinein, dass sie die wohl zweitunsympathischste war, die ich je gehört hatte (die unsympathischste gehörte dem Priester in einem gewissen kleinen Dorf.).
„Ulrich von Steinhoff, da du von adeligem Geblüt bist, soll dir der Weg zur Garde nicht verwehrt bleiben. Um sicherzustellen, dass dein Herz rein und frei von bösen Absichten mir, deinem Kaiser, gegenüber ist und dass du ein starker und wehrhafter Krieger bist, musst du einige Tests bestehen. Melde dich dafür bei Karl von Freiheim, dem Offizier der kaiserlichen Garde.“
„Wo finde ich ihn, eure Majestät?“
„Zur Zeit sollte er irgendwo da drüben rumstehen um mir seine Aufwartung zu machen“, antwortete der Kaiser außerhalb des normalen Protokolls. „Sprich ihn ruhig an. Der nächste bitte!“
Das ging schnell. Ulrich verbeugte sich ein weiteres Mal und ging dann in den rechten Teil der Halle, wo der Offizier der Garde (erkennbar an der bunten Uniform) leise mit einigen Beratern im Gespräch war.
„Seid ihr Karl von Freiheim?“, fragte Ulrich unnötigerweise.
Ein Elf in Priesterkutte, mit dem er sich anscheinend gerade unterhalten hatte, rümpfte etwas pikiert die Nase. Karl selbst jedoch schien froh sein, das Gespräch unterbrechen zu können.
„Der bin ich, so wahr ich hier stehe“, rief er freundlich grinsend und streckte Ulrich die Hand zum Gruße entgegen. „Mit wem habe ich die Ehre?“
Nachdem Ulrichs Identität und die genaue Lage von Steinhoff geklärt waren, kam es zu einem eher belanglosen Gespräch (der Elf hatte sich entfernt.). Karl schien ein freundlicher Mensch zu sein. Er war in den späten 30ern und sein Gesicht war bereits von Lachfalten gezeichnet, was den freundlichen Eindruck verstärkte. Nur sein Schwert erinnerte an die militärische Stellung, die der Mann innehatte. Er und Ulrich verstanden sich auf Anhieb.
„Wer ist das?“, fragte Ulrich mit einem Kopfnicken in Richtung des Elfen. Karls Gesicht verfinsterte sich.
„Felinius… Hohepriester des Tempels. Lass dich lieber nicht mit dem ein. Glaubt er könnte mir drohen, nur weil er ein Elf ist. Aber sei es drum. Was willst du vom alten Karl hier?“
„Ich möchte der kaiserlichen Garde beitreten“
Karl stieß einen leisen Pfiff aus. „Bist schon der dritte diese Woche. Morgen ist Freitag, da werden wir den Test abhalten. Du wirst deine Kampffähigkeiten und deine körperliche Verfassung unter Beweis stellen müssen, um zu Ausbildung zugelassen zu werden“ Er musterte Ulrich mit kritischen Blicken. „Siehst nicht sehr muskulös aus… hast du überhaupt ein Schwert?“
„Das musste ich am Eingang abgeben.“
„Oh richtig… ich hoffe du verzeihst dem alten Karl seine Zerstreutheit. Nun ja…“ Er holte ein Pergament und einen Kohlestift hervor. „Tragen wir dich für die Prüfung ein.“ Mit einer etwas krakeligen Schrift trug er Ulrichs vollen Namen ein.
„So, das war es auch schon mit dem Papierkram“, meinte er fröhlich. „Du kannst gehen. Ich schlage vor du nimmst ein Zimmer in der Stadt, die meisten Herbergen sind sehr günstig.“
„Danke, Herr.“, sagte Ulrich mit leicht geneigtem Haupt.
„Ach, das ‚Herr’ lass mal stecken.“, sagte Karl freundschaftlich und ließ seine Hand schwer auf Ulrichs Schulter fallen. Er zuckte richtig zusammen. „Ich verfüge über einige Menschenkenntnis“, fuhr Karl fort. „Und du bist aus dem richtigen Holz geschnitzt! Ich freue mich schon darauf, mit dir zu arbeiten und einen richtigen Gardisten aus dir zu machen. Weißt du…“, er beugte sich hinunter. „… wir brauchen dringend neue Rekruten. Seit wieder Krieg im Süden ist werden wir auch nicht zahlreicher. Wir sind chronisch unterbesetzt. Außerdem müssen wir jetzt auch noch extra Wachen am kaiserlichen Friedhof abstellen… Grabschänder, weißt du? Wir glauben es ist ein Ghul.“ Er schüttelte sich und fuhr fort. „Aber irgendwer muss ja gegen die Sandmänner und Orks kämpfen, nicht wahr?“
Ulrich nickte: „Auch ich will für den Kaiser streiten!“
„Das ist die richtige Einstellung“, rief Karl und schlug ihm noch mal fest genug auf die Schulter, um ihn beinahe umzuwerfen. „Also dann. Bis morgen, 8 Uhr morgens bei der Sofinicus-Kaserne.“, sagte er noch einmal, machte den militärischen Gruß und stapfte wieder in Richtung des Elfen, jetzt mit eher verbissener Miene. Wir gingen wieder zum Stall und während er das Pferd sattelte, löste sich auch langsam seine an Verkrampfung grenzende Körperspannung, die er vor dem Kaiser aufgebaut hatte. Er fing wieder an zu reden.
„Kannst du das glauben? Ich habe mit dem Kaiser gesprochen! Er hat mich angesehen und ich ihn und er hat geredet und ich auch…“
„Ja, er war wirklich begeistert“, meinte ich leicht säuerlich. Der Junge würde die Wahrheit nicht einmal sehen, wenn sie auf einem sangwebarischen Schlachtross auf ihn zugestürmt käme.
„Du bist immer so negativ“, meinte er. „Der Kaiser hat eben viel um die Ohren.“
„Der Kaiser ist ein arroganter, verzogener Bengel“, meinte ich verächtlich. Das traf ihn wirklich.
„Rede… nie wieder… so… über den Kaiser.“, zischte er mit kaum unterdrückter Wut.
„Ist ja gut…“ Ich sollte ihn besser nicht weiter reizen, er war schließlich mein einziges Transportmittel.
Er schien sich schnell wieder eingekriegt zu haben. „Glaubst du die haben hier irgendwo eine Toilette?“ Sie hatten eine und nachdem dieses dringende Geschäft erledigt war, ritten wir den sich schlängelnden Weg wieder hinab. Diesmal fing er nicht wieder vom Kaiser an und nachdem er sein Schwert zurückhatte und wir in der Stadt waren, mussten wir eine Herberge für die Nacht finden. Ich kannte mich noch ein wenig in der Stadt aus und war ihm gerne bei der Suche behilflich. Meine ersten beiden Vorschläge („Zur stolzen Kanalratte“ und „Die feuchte Höhle“) lehnte er empört ab.
Er entschied sich schließlich für das neu eröffnete (ich kannte es jedenfalls nicht) „Zur fetten Beute“ und mietete bei dem zahnlosen Wirt ein Einzelzimmer im zweiten Stock. Geld genug hatte er dabei und er trug sich auch für eine warme Abendmahlzeit ein. Die Zeit bis dahin wollte er mit dem Besichtigen wichtiger Denkmale des Reichs verbringen. Da ich darauf wenig Lust hatte, blieb ich zusammen mit dem anderen Gepäck auf dem Zimmer und schlief ein wenig. Das Zimmer selbst war karg eingerichtet (ein Bett und ein Hocker), aber leidlich sauber, einbruchsicher und frei von Ratten und anderem Ungeziefer. Es zog nicht und es roch neutral, und das ist in der Kaiserstadt sehr viel wert. An der Wand hing eine mechanische Uhr, die penetrant laut tickte, sonst blieb mein Schlaf ungestört.

Ts4EVER
01.01.2009, 15:30
Ulrich kam pünktlich zum Abendessen um halb sieben zurück aufs Zimmer, natürlich nicht ohne mich aus meinen wohlverdienten Schlaf zu reißen. Er war noch ein wenig aufgekratzt und hörte nicht auf von irgendwelchen Kriegsdenkmälern und Tempelbauten zu faseln, die er gesehen hatte.
Wir gingen in den Schankraum, um das vorbestellte Abendessen in Anspruch zu nehmen. Der Raum war überfüllt, verraucht und mit allerlei zwielichtigen Gestalten gefüllt. Eine dicke, blonde Wirtin trug Bierkrüge und Teller mit Schnitzeln, Würsten und anderer Hausmannskost herum und an mehreren Tischen wurde dem Glücksspiel gefrönt. Ich fühlte mich sofort zuhause. Ein richtiger Schankraum eben.
Ulrichs Freude war eher zurückhaltend, er war solche Wirtschaften wahrscheinlich nicht gewohnt. Er setzte sich an einen freien Tisch, stellte mich neben sich auf den Boden und winkte die etwas verwirrt wirkende Kellnerin herbei.
„Wir hatten ein Abendessen bestellt.“, sagte er.
Sie schien etwas verwundert zu sein.
„Wir?“, fragte sie, sich nach Ulrichs Begleitung umblickend. Was war er doch für ein Trottel.
„Ich. Ich, meinte ich.“, stammelte er, allerdings war der Kellnerin anzusehen, dass sie ihn für einen Geistesgestörten hielt.
Anscheinend waren Geistesgestörte jedoch gern gesehene Gäste in der „Fetten Beute“, denn sie fragte: „Wurst oder Schinken“, ohne weiter auf diese Merkwürdigkeit einzugehen.
Ulrich bestellte einen Schinken und ich blickte mich um. Der Raum war in der Tat mit allerlei komischen Gestalten gefüllt. Zwei fast völlig verhüllte Männer waren hinter uns in ein angeregtes Gespräch verwickelt, das sich eindeutig um irgendeine Form von Auftragsmord drehte, etwas weiter hinten, in der Nähe des schmutzigen Fensters, saßen zwei Orks ohne Tischmanieren und saubere Kleidung und ein dicker Mann mit Glasauge und einem Hackebeil drohte einem anderen damit, seine Hand abzuhacken (die übliche Bestrafung bei Spielbetrug). Ich war so gespannt, wie die Meinungsverschiedenheit ausgehen würde, dass ich das Gespräch hinter uns (das mit dem Mord) gar nicht weiter beachtete.
Ulrich schon. Urplötzlich wurde er steif und stieß mich mit dem Fuß an.
„Was zum Geier…?“, begann ich, verstummte aber, als ich den Fortgang des Gesprächs hörte.
„Wie soll ich an den Palastwachen vorbei kommen? Die kaiserliche Garde hat schon so manchen Eindringling abgewehrt.“, zischte ein Mann in schwarzer Kutte, die sein Gesicht halb im Schatten verbarg (typische Attentäter-Montur).
„Mach dir wegen den Wachen keinen Kopf“, sagte sein Gesprächspartner. Auch er trug eine verhüllende Kutte, allerdings keine einfache, schwarze sondern eine äußerst teure aus fließender Seide, die bereits die gierigen Blicke einiger Trinkgesellen auf sich gezogen hatte. „Die Garde musste Soldaten aus dem Nord-Garten abziehen, um am Friedhof Wache zu halten, wo letzte Woche glücklicherweise ein Ghul aufgetaucht ist“, der Mann im Seidenanzug lachte trocken. „Sie haben die freie Stelle mit regulären Soldaten gefüllt. Du glaubst gar nicht, wie leicht diese Leute zu bestechen sind.“
„Sie werden sich mir also nicht in den Weg stellen?“, fragte der Attentäter nach.
„Nein. Der Kaiser wird leichte Beute sein.“
Ulrich zuckte zusammen. Ich blickte zu ihm auf. Man konnte ihm quasi ansehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Nach ungefähr einer halben Minute Grübelei stand er betont ruhig auf, warf mich über seine Schulter und verließ den Raum. Ruhig ging er durch den Vorraum, nickte dem Wirt freundlich zu, öffnete die Tür nach draußen und ging hinaus. Die Tür fiel ins Tor.
„Hast du das gehört?!“, schrie er urplötzlich los. „Die wollen den Kaiser umbringen! Wir müssen etwas tun…“
„Ja… stell dir die Belohnung vor… der ersäuft dich in Geld“, meinte ich.
„Es geht mir nicht ums Geld!“, rief er empört. „Es geht um den Kaiser. Sobald der Attentäter und sein Auftraggeber hinauskommen, überwältige und fessele ich sie.“
„Guter Plan“, meinte ich trocken. „Hast du ein Seil?“
„Nein“, gab er zu. „Ich fessele sie mit… meinem Gürtel!“
„Alle beide?“
„Ach… halt die Klappe! Ich muss nachdenken…“
Er rannte im Kreis.
„Verdammt! Mein Schwert ist noch auf meinem Zimmer… ich muss es holen.“ Er ging wieder zur Tür. „Aber was ist, wenn sie gerade rauskommen, wenn ich oben bin?“
„Wenn sie schlau sind, sind sie schon längst durch die Hintertür raus gegangen.“, meinte ich.
„Da war eine Hintertür?“
„Ja. Hinten im Schankraum.“
Er fluchte (und das nicht zu knapp).
„Warum hast du mir das nicht gesagt?“
„Es schien so… offensichtlich.“
Er fluchte noch mal (diesmal noch schlimmer). Er rannte wieder hinein.
„Da sind sie ja!“, rief die Kellnerin. „Ihr Essen kommt gleich!“, aber Ulrich beachtete sie gar nicht, da er zu sehr mit Fluchen beschäftigt war. Die beiden Verschwörer hatten tatsächlich die Hintertür benutzt. Und ratet mal wer wieder mal Schuld war. Immer auf die Kleinen und Musikinstrumente.
„Wir müssen sofort zu Palast!“, rief er und lief wiederum zur Tür (das ständige Hin und Her hatte bereits einige scheele Blicke verursacht). Ich räusperte mich.
„Was ist??“, schrie er gehetzt.
„Dein Schwert.“, half ich ihm auf die Sprünge.
„Oh richtig“ Drei Minuten später stand er mit dem Schwert in der Hand vor der Wirtschaft und schaute hektisch hin und her.
„Weißt du noch wo der Palast ist?“, fragte er mit leicht verzweifeltem Unterton. Die ungefähre Richtung wusste ich zum Glück noch und wir schlugen sie ein. Es ist äußerst schwierig, im Gewirr der Straßen und Gassen den richtigen Weg zu finden, noch dazu im Dunkeln. Wenn man nur in einer Gasse falsch abbiegt, verirrt man sich hoffnungslos, wie der erste Kaiser in der Sage, der seine Kaiserin aus dem Labyrinth des Minotauren befreien musste. Anders als der erste Kaiser hatten wir allerdings keinen Faden, der uns im Ernstfall wieder aus dem Schlamassel befreit hätte.
Die Hauptstadt war schon tagsüber ein Moloch, nachts verwandelte sie sich jedoch in eine dreckige Mischung aus Räuberhöhle und Freudenhaus. Die Armee patrouillierte regelmäßig durch die Straßen, doch war das eher symbolischer Widerstand gegen unabänderbare Tatsachen. Sie konnten weder die zahlreichen Meuchelmörder, noch Taschendiebe und unangemeldete Prostituierte an ihrem illegalen Treiben hindern und viele der höchsten Ränge standen im Verruf korrupt zu sein. Auch wir brachen so einige Gesetze, da wir auf einem Pferd unterwegs waren, was bei Nacht eigentlich wegen Unfallgefahr und Ruhestörung untersagt war. Allerdings war das eines jener Gesetze, die zwar existieren, aber eigentlich nie zur Anwendung kamen.
Ich befürchte allerdings, dass wir so manchen friedlichen Schläfer aus seinem wohlverdienten Schlummer gerissen haben, während wir auf dem Pferd durch die Stadt preschten, immer dem Palast entgegen. Ulrich hatte mich nur nachlässig über die Schulter geworfen, weshalb ich wieder und wieder gegen seinen Rücken schlug (hätte ich einen Magen gehabt wäre mir sicher schlecht geworden). Wir brauchten gut eine halbe Stunde bis wir das große Tor erreichten.
Es stand offen und wir ritten ungehindert hindurch.
„Sollten hier nicht Soldaten sein, die das Tor bewachen?“, fragte Ulrich erstaunt.
Ich konnte dieses Rätsel relativ leicht auflösen: „Wahrscheinlich bestochen… du glaubst gar nicht wie wenig Sold Soldaten kriegen.“
„Woher weißt du wie Soldaten bezahlt werden?“, fragte Ulrich zischend, während wir (erneut rechtswidrig!) den Weg zum Palast heraufgaloppierten. „Muss ich dich daran erinnern, dass ich eine beträchtliche Zeit im Tross einer Armee verbracht habe?“, fragte ich mit zu Recht beleidigter Stimme. Er schien sich keiner Antwort schuldig zu fühlen, denn sie blieb aus. Anders als die Straßen der Stadt, war das Palastgelände auch bei Nacht durch magische Lampen beleuchtet, was den Höllenritt etwas vereinfachte.
„Wir sind fast da!“, rief Ulrich, als es passierte. Unser Ansturm war nicht unbemerkt geblieben.
„Im Namen des Kaisers haltet an“, schrie eine laute und entschlossen wirkende Stimme.
Die Kaiserliche Garde war unbestechlich geblieben, wie es ihrem Ruf entsprach und ein Wall aus Hellebarden löste sich aus der Dunkelheit. Blümchen mochte ein treues und ausdauerndes Pferd sein, aber ein Schlachtross war es beileibe nicht, weshalb ihm seine panische Reaktion verziehen werden konnte. Selbst das mutigste Pferd scheut, wenn es sich in vollem Galopp einem Wald aus scharfkantigen Eisenspitzen auf langen Speeren und schreienden Wachsoldaten gegenüber sieht. Es scheute, stellte sich auf die Hinterbeine und warf Ulrich im hohen Bogen ab. Wie sich der Leser sicher erinnert, befand ich mich zu dieser Zeit auf seinem Rücken, was ein Problem aufwarf. Er würde auf mich fallen, was für eine gewöhnliche Feld-Wald-und-Wiesen-Laute die sichere Zerstörung bedeuten würde. Ich war allerdings nicht umsonst mit einem mächtigen Fluch belegt und dieser war mächtig genug, mich vor solchen Schäden zu bewahren. Für Ulrich, der mit seinem Rücken ungebremst auf mich viel, war diese Tatsache jedoch weniger beruhigend. Das Geräusch das er beim Aufprall machte war äußerst scheußlich und er rollte sich stöhnend von mir herunter, nur um die Spitzen der Hellebarden zu bemerken, die ihm die Gardisten unter die Nase hielten.
„Keine falsche Bewegung Freundchen, oder du bist tot!“, schrie einer der insgesamt drei Wachsoldaten. „Was zum Teufel fällt dir ein hier wie die gesengte Sau hinauf zu reiten?“, fuhr er schreiend fort.
Ulrich hätte wahrscheinlich gern geantwortet, doch der Aufprall hatte ihm anscheinend die Luft aus den Lungen gepresst. Er keuchte und hustete, was den Soldaten aber nicht zufrieden stellte. Er schlug ihm die flache Seite seiner Waffe ins Gesicht, wodurch Ulrich wieder zu Boden geworfen wurde.
„Der Kaiser… ist in Gefahr.“, brachte er schließlich keuchend hervor.
„Das scheint mir auch so.“ antwortete der Wachmann wütend.
„Wenn hier bewaffnete Unbekannte einfach hoch geritten kommen! Was hast du mit der Wache am Tor gemacht?“
Ulrich schnappte noch einmal nach Luft, dann antwortete er: „Sie wurden bestochen.“
Der Wachmann fuhr auf.
„Nicht von mir!“, antwortete Ulrich hastig. „Wir haben jemanden in der Taverne belauscht. Sie wollen den Kaiser umbringen. Ein gedungener Mörder ist auf dem Weg ins Schlafgemach des Kaisers, und das während wir hier sprechen!“
Der Wachmann bewahrte sich eine gesunde, skeptische Einstellung: „Warum sollte ich einem Kriminellen glauben? Wie sollte denn der Mörder hier überhaupt reinkommen?“
Ulrich wurde zunehmend verzweifelt. Er versuchte sich aufzusetzen, doch ein Fußtritt beförderte ihn in die liegende Stellung zurück.
„Sie haben die Wachen bestochen!“, rief er.
„Lügner!“, schrie die Wache erbost und schlug Ulrich mit der Faust ins Gesicht. „Die kaiserliche Garde ist nicht bestechlich, elender Hund!“
Der Schlag hatte Ulrich zwar mitgenommen, bewusstlos war er jedoch nicht.
„Sie haben nicht die Gardisten bestochen, sondern die Soldaten, die ersatzweise im Nord-Garten Wache halten! Ihr müsst mir Glauben!“, rief er beinahe flehend. Jetzt wurde der Wachmann nachdenklich und er sah von weiteren Schlägen ab. Vorerst.
„Woher weißt du von den Ersatzwachmännern?“, fragte er stattdessen.
„Offizier von Freiheim erwähnte es.“, antwortete Ulrich vorsichtig, anscheinend in Erwartung weiterer Züchtigung.
„Du kennst den Offizier?“, fragte der Soldat.
„Ich habe heute Mittag mit ihm gesprochen… ich will der Garde beitreten.“
Es folgte eine Pause, in der der Wachmann angestrengt nachzudenken schien. Eigentlich hätte er Ulrich in die Arrestzelle stecken müssen, doch ein guter Soldat führt nicht nur Befehle aus, er denkt auch nach.
„Du hast dieses Gespräch also belauscht?“, hakte er noch einmal nach.
„Ja“, antwortete Ulrich. „Sie wollen den Kaiser töten, diese Nacht!“
„Konntest du den Auftraggeber erkennen?“, fragte der Wachmann.
„Nein…“, rief Ulrich mit fast ungeduldigem Unterton. „Wir müssen uns beeilen! Es geht um Leben und Tod!“
Der Soldat hatte seine Entscheidung getroffen.
„Vontius“, sagte er zu einem seiner Kameraden. „Offizier von Freiheim übernachtet heute in der Palastkaserne. Wecke ihn und hol ihn her. Wenn das, was dieser Mann hier sagt, stimmt, müssen wir umgehend handeln.“
„Jawohl, Hauptmann.“, sagte der Angesprochene und entfernte sich mit schnellen Schritten.
„Wir warten.“, sagte der Hauptmann.
„Wir können nicht warten! Es geht um den Kaiser!“, rief Ulrich den Tränen nahe.
„Du hältst den Mund, bis von Freiheim hier ist. Ich hoffe für dich, dass er dich wieder erkennt!“, sagte der Hauptmann mit harter Stimme, aber auch her machte einen zunehmend besorgten Eindruck.
Die Minuten zogen ins Land und Ulrich lag immer noch flach auf dem Rücken, mit einer nachlässig auf seinen Hals gezielten Hellebarde. Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis der Offizier (oder Karl, wie er sich Ulrich vorgestellt hatte) sich zu uns gesellte. Er machte einen deutlich verärgerten und verschlafenen Eindruck.
„Wen soll ich identifizieren?“
„Diesen Mann hier!“, antwortete der Hauptmann pflichtbewusst nach Ausführen des militärischen Grußes.
Karl war ziemlich überrascht, um das mindeste zu sagen. „Ulrich? Was machst du denn hier? Lassen sie diesen Mann sofort aufstehen!“
Die Hellebarde wurde schleunigst zurückgezogen und Ulrich stand auf, noch etwas wackelig auf den Beinen. Auch ich nahm meinen Platz an seiner Schulter wieder ein.
„Wir haben ihn gestoppt, als er unter Missachtung…“, begann der Hauptmann, aber er wurde von Ulrich unterbrochen.
„Wir müssen schnell zum Gemach des Kaisers! Ein Mörder ist auf dem Weg!“, rief dieser.
Auch Karl wollte natürlich die Herkunft dieser ungeheuren Vermutung wissen, deshalb verstrichen weitere quälende Minuten, in denen Ulrich die Geschichte aus der Taverne wiederholte. Karl jedenfalls glaubte ihm. Und er handelte schnell.
„Hauptmann sammeln sie ihre Männer, wir gehen zum Palast des Kaisers. Geben sie Ulrich sein Schwert zurück. Vontius, sie begeben sich umgehend zurück der Kaserne und holen Verstärkung, mindestens drei Hellebardiere und einen Scharfschützen. Abmarsch“, befahl er mit ruhiger, aber bestimmter Stimme.
Ulrich erhielt sein Schwert. „Du kommst auch mit!“, sagte Karl und lief los. Noch bevor wir am Palasttor ankamen, stieß die von Vontius geholte Verstärkung zu uns.
„Herr, ich bin nicht in die Kaserne gegangen, sondern habe stattdessen die im Südgarten stehenden Wachen geholt. Sie sind bereits wach und bewaffnet.“, sagte Vontius außer Atem.
„Gut mitgedacht!“, lobte Karl, während wir die große Halle durchquerten, um die Privatgemächer des Kaisers zu erreichen.
In der Dunkelheit der Nacht wirkte die Halle ausgestorben und düster. Sie machte den Eindruck eines pompösen, aber wenig besuchten Grabes. Die Schritte der gestiefelten Wachen hallten laut in der leeren Halle. Der Eingang zu den Gemächern des Kaisers lag hinter dem großen Thron. Ein Kammerdiener stand vor der Tür. Er war in einen Groschenroman zweifelhaften Inhalts vertieft, den er mit Hilfe einer Kerze las, als sich unser kleiner Trupp entschlossen näherte.
„Wer…“, begann er.
„Keine Zeit Fragen zu beantworten! Lasst uns durch.“, bellte Karl und stieß den armen Kerl mitsamt seines Schmuddelheftchens beiseite. Er öffnete die Tür und wir befanden uns in einem Gang, mit weiteren Türen auf beiden Seiten. Die prachtvollste befand sich vor Kopf am Ende des Ganges und auf sie steuerte Karl zu. Ich sah mich um. Ulrich stand die Aufregung und die Angst ins Gesicht geschrieben, die Gardisten blickten starr und professionell in Richtung ihres Hauptmanns. Wir hatten sechs Hellebardiere, die ihre Hauptwaffen jedoch im Großen Saal zurück gelassen hatten, da die drei Meter langen Speere in den engen Räumen des Palastes nur hinderlich gewesen wären. Sie hatten stattdessen ihre Kurzschwerter gezogen. Der siebte Gardist trug eine Armbrust, mit einem kurzen Bolzen schussbereit auf der Sehne und einem aus zwei aufeinander abgestimmten Linsen bestehendes Zielfernrohr.
Als Karl schließlich vor der Tür stand blieb er stehen. Man sah ihm an, dass er zögerte. Er hatte nur Ulrichs Geschichte als Begründung dafür, den Kaiser mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu reißen und mit einem Trupp Soldaten in sein Zimmer zu stürmen. Ulrich hielt die Luft an. Er wagte es. Er riss die Tür mit einem lauten Knall auf und löste damit irgendeine Form von Illuminationszauber aus, denn kaum war die Tür offen wurde das Zimmer hell erleuchtet. Das Schauspiel, das sich uns bot hätte kaum alarmierender sein können.
Der Kaiser lag in seinem reich mit Schnitzereien verziertem Bett und schreckte schlaftrunken hoch. Das allein war nicht alarmierend, die vermummte, über den Kaiser gebeugte Gestalt schon. Sie hatte einen kurzen, aber gefährlich aussehenden Dolch in der Hand und blickte erschrocken zu dem neun Mann starken Trupp hinüber, der mit erhobenen Waffen in der Tür stand. Trotz dieser Überraschung reagierte er erstaunlich schnell. Er packte den Kaiser an dessen seidenen Schlafgewand und riss ihn vom Bett. Ihn wie einen Schutzschild benutzend, hielt er ihm das Messer an die Kehle.
„Eine falsche Bewegung und der Kaiser stirbt!“, zischte er, und um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen, drückte das Messer etwas fester an die Kehle seines Opfers.
Angesichts seiner prekären Situation blieb der Kaiser erstaunlich ruhig. Kein Wimmern, kein Flehen, keine Versuche sich freizukaufen. Er fixierte lediglich Karl mit einem ruhigen, kalten Blick, starrte ihn geradezu an, als wolle er ihm etwas durch Telepathie mitteilen. Karl bewegte sich langsam auf den Mörder zu.
„Lass den Kaiser gehen, das hat doch keinen Sinn…“, sagte er mit einer Stimme, die wahrscheinlich ruhig und überlegen klingen sollte, aber etwas kläglich herüber kam.
„Keinen Schritt weiter!“, schrie der Attentäter.
Karl blieb stehen.
„Keiner von euch bewegt sich!“, rief er.
Der Mörder zog sich langsam zurück, bis er mit dem Rücken an die Wand stieß. Dann bewegte er sich langsam nach rechts, immer auf das offen stehende Fenster zu, durch das er offensichtlich eingedrungen war. Eine Stimme sprach.
„Niemand nimmt mich als Geisel.“
Es war der Kaiser. Die Stimme war kalt und arrogant wie immer, doch diesmal kam ich nicht umhin ihn zu bewundern. In seiner Situation eine solche Kaltblütigkeit zu bewahren, hätte ich ihm nicht zugetraut.
„Halt dein elendes Maul!“, schrie der Mörder, aber die ruhige Stimme des Kaisers schien ihn aus dem Konzept gebracht zu haben.
Es folgte eine Stille, die Stunden zu dauern schien, obwohl es wahrscheinlich nur Sekunden waren. Alle starrten auf den Kaiser, der Kaiser starrte beinahe hypnotisch auf Karl und der Mörder blickte unstet im Raum umher.
Der Kaiser nickte.
Im selben Augenblick riss er die Hand des Mörders von seinem Hals weg. Es war eine selbstmörderische Aktion. Unter normalen Umständen hätte der Mörder den Kaiser blitzschnell niederringen und abstechen können, doch es waren keine normalen Umstände. Das Messer war nur eine Sekunde vom Hals seiner Geisel weg, doch der Scharfschütze nutzte seine Chance. Alles was zu hören war, war ein kleines, unaufdringliches Sirren, als der Bolzen die Armbrust verließ, scharf am rechten Ohr des Kaisers vorbei flog, ins linke Auge des Mörders eintrat und seinen Kopf an die Wandvertäfelung nagelte. Der Kaiser machte sich los und brach die tödliche Stille, die sich über das Schlafgemach gelegt hatte.
„Ist das zu glauben?“, rief er angewidert. „Der hat auf den Teppich meines Vaters geblutet!“
Die Stille war gebrochen. Karl stürmte auf den Kaiser zu.
„Seid ihr verletzt, Majestät?“, rief er.
„Nein, mir geht’s gut. Dank diesem tapferen Soldaten hier.“ Mit diesen Worten ging der Kaiser auf den zitternden Scharfschützen zu, der seine leer geschossene Waffe immer noch auf den Mörder richtete.
„Wie ist dein Name?“
„Salius… eure Majestät“
Erst jetzt schienen sich die Soldaten bewusst zu werden, mit welch wichtiger Persönlichkeit sie sich in einem Raum befanden. Hastig wurden Köpfe gesenkt und Helme vom Kopf gezogen. Der Kaiser winkte etwas unwillig mit der Hand.
„Angesichts der Situation können wir auf das alberne Protokoll verzichten… da habe ich sowieso nie viel von gehalten. Sagt mir nur eins: Woher wusstet ihr von dem Anschlag? Versucht mir nicht einzureden, dass es Zufall war. Niemand stürmt ohne triftigen Verdacht in mein Gemach.“, sagte der Kaiser mit kalter, berechnender Miene.
Karl meldete sich zu Wort: „Das haben sie diesem Mann zu verdanken.“
Er deutete auf Ulrich.
„Er belauschte ein Gespräch der Verschwörer in einer örtlichen Taverne und kam, um uns zu warnen. Leider wurde er etwas… aufgehalten, da seine… ungestüme Annäherung den Verdacht der Wachen erregte.“
Das war sehr vorsichtig ausgedrückt. Der Kaiser wandte sich Ulrich zu.
„Dann hab ich dir also mein Leben zu verdanken… ich vergesse die Menschen, die sich mir als treu erwiesen haben nicht. Wenn ihr einen Wunsch habt, äußert ihn. Ich werde ihn euch erfüllen.“
Ulrich stotterte: „Es gibt keine größere Ehre und kein wertvolleres Geschenk, als dem Reich zu dienen.“
Diese Antwort schien den Kaiser zu verblüffen.
„Er wird bald noch mehr Gelegenheit haben, euch zu dienen“, warf Karl ein. „Er ist bereits für die Aufnahmeprüfungen der Garde eingetragen.“
„Die Prüfungen könnt ihr euch sparen.“, sagte der Kaiser. „Hiermit erhebe ich… wie war dein Name?“
„Ulrich von Steinhoff, eure Majestät“, antwortete Ulrich rasch.
„Von Steinhoff? Interessant.“, fuhr der Kaiser fort. „Hiermit erhebe ich Ulrich von Steinhoff in den Rang eines kaiserlichen Gardisten. Ich werde dir beizeiten auch noch einen Orden verleihen, aber ich habe im Moment keinen zur Hand. Die werden in der Schatzkammer aufbewahrt.“
„Die Gnade eurer Majestät ehrt mich.“, stotterte Ulrich.
„In der Tat. Nun sollten wir uns wichtigeren Fragen widmen. Habt ihr den Auftraggeber des Mörders erkennen können, Gardist von Steinhoff?“
„Ich bedaure, eure Majestät. Er war vermummt.“, antwortete Karl an Ulrichs statt. Er hatte damit begonnen, die Kleidung des Mörders zu untersuchen. Er hielt inne, als er mit seiner Suche an der rechten Hand der Leiche angekommen war. Er machte sich kurz daran zu schaffen und drehte sich danach wieder zum Kaiser und den anderen um. In der Hand hielt er einen kleinen, schwarzen Ring, der mit einem eigenartigen Zeichen verziert war.
„Interessant… ich kenne das Zeichen. Ich habe es oft gesehen, als ich im Süden gekämpft habe.“, sagte er mit unbehaglichem Gesicht. Der Kaiser beugte sich ohne Scheu nach vorn und betrachtete den Ring interessiert aus der Nähe.
„Was bedeutet es?“, fragte er.
„Das ist das Zeichen der Assassinen.“, erklärte Karl. „Ich hätte nie gedacht, dass sie nördlich der Grenze operieren.“, fügte er hinzu.
„Was sind Assassinen?“, fragte Ulrich, mal wieder beweisend, dass er den Großteil seines Lebens in der Provinz verbracht hatte. Karl war ein alter Veteran, der nur zu gern über seine Erlebnisse und Entdeckungen sprach, weshalb Ulrich nicht lange auf eine Antwort warten musste.
„Die Assassinen? Das sind üble Strippenzieher und Fanatiker. Die hocken in ihrer Gebirgsfestung südsüdöstlich von Sangwebar und schicken ihre Mörder los, um sich politisch unliebsame Zeitgenossen vom Hals zu schaffen oder sich ihr Geld als Auftragsmörder zu verdienen. Sie sind eines der Mitglieder der südlichen Allianz und stellen Truppen gegen uns. Ich selbst habe gegen sie gekämpft, damals, vor 23 Jahren, im Grenzlandkonflikt. Diese Burschen zogen komplett schwarz gekleidet in die Schlacht und ihr General trug eine rote Maske. Die Armeeleute“, an dieser Stelle schnaubte er verächtlich, „ die ließen sich von denen beeindrucken, weil sie sie für Geister hielten und wir konnten sie kaum vom desertieren abhalten. Kein Rückrat, das sag ich schon…“
Der Kaiser unterbrach ihn, um ihn von weiteren Ausführungen über die Rückratlosigkeit der Armee abzuhalten.
„Ist das ein Assassine?“
Der gerade unterbrochene Karl schien ein wenig aus dem Konzept geraten zu sein.
„Nun ja… er trägt ihr Wappen…“
„Aber?“
„Er ist kein Südländer… und er war so… unprofessionell. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Assassinen ihre Aufträge in schmutzigen Kneipen abholen.“
In diesem Moment näherten sich auf dem Gang hastige Schritte. Vier noch etwas schlaftrunkene Männer näherten sich mit alarmierten Gesichtern.
„Was ist hier los?“, fragte Felinius, der uns von Karl bereits als Hohepriester des Tempels vorgestellt worden war.
„Bei den Göttern!“, kreischte er erschrocken beim Anblick der Leiche. „Seid ihr unverletzt, eure Majestät?“
Der Kaiser machte auf mich einen leicht genervten Eindruck, als er antwortete. „Ja, ich bin völlig unversehrt. Wie habt ihr von dem Kampf erfahren?“
„Euer Kammerdiener hat uns alarmiert.“, sagte ein anderer Neuankömmling. Auch er trug noch einen Nachtrock und schien ein ähnlich hohes Berater-Amt wie Felinius inne zu haben. Er hatte grüne Augen und buschige, schwarze, dicht zusammengewachsene Augenbrauen und einen Spitzbart, auf den sogar ich stolz gewesen wäre.
„Das ist Hochverrat!“, keifte Felinius hysterisch. „Der Täter hat sich an den Göttern und am Reich versündigt und muss vom Antlitz der Erde getilgt werden!“
Der Mann hatte eine schrecklich feuchte Aussprache.
„Hat man schon Hinweise auf die Hintergründe des Mörders?“, fügte er hinzu. „Er trug das Zeichen der Assassinen.“, antwortete der Kaiser ruhig. Wenn man ihn dem hysterischen Elfen gegenüber stellte, wirkte seine kalte, arrogante Art gleich viel sympathischer. Jetzt ereiferte sich auch der Berater mit den buschigen Augenbrauen.
„Ein Assassine? Ganz klar, das war ein feiger Anschlag des Feindes, der das Reich seines Herrschers berauben wollte!“
Zum Antworten kam der Kaiser nicht mehr, da Karl anscheinend etwas gefunden hatte. Klimpernd fielen eine Reihe schwerer Goldmünzen auf den Boden unter der Leiche.
„Er hatte seine Bezahlung noch dabei.“, meinte der alte Offizier nachdenklich. Sie war in diesem Umschlag. Er hielt das entsprechende Stück hoch. Es war bereits geöffnet worden und stark zerrissen.
„Man kann das Siegel vielleicht noch erkennen…“, sagte er leise und versuchte das zerstörte Wachsgebilde wieder irgendwie ganz zu kriegen. Der Kaiser warf einen kurzen Blick darauf.
„Das ist das Siegel der Akademie.“ Die Stille nach dieser Erkenntnis währte nicht lange.
„Da seht ihr den Verräter, eure Majestät!“, fuhr Felinius auf. „Dieser Mann ist des Teufels und seine verderbte Magie wird uns allen den Tod bringen. Gebt ihr es doch wenigsten zu, Sulla!“
Dabei deutete er mit seiner Hand auf den Berater mit den buschigen Augenbrauen.
„Ich schwöre es, mein Kaiser!“, verteidigte sich dieser. „Weder ich, noch die Akademie haben etwas mit diesem feigen Anschlag zu tun!“
„Auf dem Scheiterhaufen schmoren soll er!“, keifte Felinius und sonderte einen widerlichen Schwall Spucke ab.
„Ruhe! Sofort!“, rief der Kaiser, anscheinend mit seiner Geduld am Ende. „Hier wird niemand verbrannt, bis der Fall nicht lückenlos aufgeklärt ist. Karl?“
„Was wünschen sie, eure Majestät?“
„Sie werden sich um die Ermittlungen kümmern. Soweit ich weiß, existieren Aufzeichnungen über angebliche Auftragsmörder in der Stadt. Identifizieren sie diesen Mann und suchen sie die Hintermänner. Ich möchte außerdem eine Untersuchung der Archive der Akademie, die uns zur Verfügung stehen.“
Sulla wollte auffahren. Der Kaiser unterbrach ihn harsch.
„Das ist ein Befehl! Und jetzt möchte ich gerne den Rest meiner wohlverdienten Nachtruhe genießen. Ich hoffe sie verstehen das.“
„Jawohl, eure Majestät“, erschall es aus vielen Mündern gleichzeitig und alle verließen den Raum, auch der Kaiser, der anscheinend nicht neben der Leiche übernachten wollte und deshalb in ein Ersatzquartier ausweichen musste. Karl ordnete noch die gründliche Durchsuchung des Palastgeländes nach weiteren Eindringlingen, eine Bewachung des Tatorts und die Verhaftung der korrupten Wachleute an, wir dagegen verließen den Palast in Richtung Stadt. Die Gardisten hatten das Pferd wieder gebändigt und angebunden. Kein Wort wurde gesprochen, als Ulrich aufstieg und auch beim langsamen Ritt zur Taverne schwiegen wir.
Erst als wir wieder in unserem Zimmer saßen, entschloss ich mich, das Schweigen zu brechen. „Das war eine ziemlich waghalsige Aktion“ Dem gab es von Ulrichs Seite nichts hinzuzufügen.

Ts4EVER
02.01.2009, 01:12
Eigentlich hätte er sich am nächsten Morgen um acht Uhr bei der Sofinicus-Kaserne melden müssen, aber die Ereignisse der letzten Nacht hatten ihm die Aufnahmeprüfung erspart. Stattdessen schlief er bis ungefähr neun Uhr aus und wir wurden nur von energischem Klopfen an unserer Tür geweckt. Ulrich schreckte hoch und sah sich etwas belämmert um.
„Wie viel Uhr haben wir?“, fragte er mich gerade gähnend, als es ein weiteres Mal an die Tür klopfte, diesmal etwas lauter.
Da Ulrich angekleidet geschlafen hatte, ging er ohne weitere Umschweife zur Tür und öffnete sie. Er verdeckte den Besucher, deshalb konnte ich ihn nicht erkennen. Seine Stimme konnte ich freilich hören.
„Spreche ich mit Ulrich von Steinhoff, Kaiserlicher Gardist?“, fragte sie mit einem leicht hochnäsigen Unterton.
„Ja, ganz recht.“, antwortete Ulrich, während er versuchte, seine Haare wieder in Ordnung zu bringen.
„Ich überreiche ihnen hiermit diese kaiserliche Botschaft.“, sagte die Stimme ohne Umschweife. Anscheinend drückte der Besucher Ulrich einen Brief in die Hand, dann verabschiedete er sich unter viel Getue und verschwand so schnell wie er gekommen war. Ulrich setzte sich aufs Bett und betrachtete den Brief nachdenklich.
„Er trägt das kaiserliche Siegel… wahrscheinlich kommt er vom Kaiser selber!“, rief er ganz aufgeregt.
„An deiner Stelle würde ich ihn lieber aufmachen, anstatt ihn nur anzustarren, es sei denn du bist eines Durchsichtzaubers mächtig.“, grummelte ich (erwähnte ich, dass ich ein Morgenmuffel bin?).
Ulrich zögerte. „Aber dann zerstöre ich doch das Siegel.“
„Dafür sind Siegel da… vielleicht kann man es mit einem Zauber öffnen.“, schlug ich vor. Der Junge schien wirklich an diesem Siegel zu hängen.
„Unmöglich. Kaiserliche Siegel sind gegen Zauberei geschützt. Sonst könnte ja jeder Zauberer die geheime Post des Palasts lesen.“, antwortete er missmutig.
Er betrachtete das Siegel noch einmal, dann öffnete er den Brief vorsichtig an der Oberkante (er nahm sein Schwert zu Hilfe). Es nützte nichts, das Siegel zerbrach mit lautem Zischen.
„War wohl wirklich magisch gesichert.“, meinte ich. Ulrich las den Brief.
„Les mal vor.“, forderte ich ihn auf.
Er las vor: „An den Gardisten Ulrich von Steinhoff, in den Rang des Gardisten erhoben wegen ungewöhnlicher Tapferkeit und Treue im Angesicht der Feinde des Reichs: Eure Majestät, Kaiser Catalanus der Dritte dankt euch für die Rettung seines Lebens und bittet euch zu einer Privataudienz in den kaiserlichen Palast. Zeitpunkt der Audienz ist 10.30 Ortszeit. Nach Audienz weitere Anweisungen zwecks Entgegennahme der Gardistenuniform, Empfang der Dienstwaffen und Beginn der ersten Ausbildungseinheit. Dieser Brief wurde erstellt von Justus von Dohlen, erster kaiserlicher Sekretär. Gezeichnet: Kaiser Catalanus der Dritte.“
Ulrich dachte kurz nach. „Bis halb elf kommen wir locker bis zum Palast. Jetzt sollten wir erstmal etwas zu Essen auftreiben.“
Er ging mit mir in die Schankstube (zu diesem Zeitpunkt weit weniger gefüllt). Die Wirtin hatte das gestern so hastig stehen gelassene Abendessen aufbewahrt und machte es jetzt für Ulrich warm. Er versuchte sich verzweifelt eine gute Ausrede einfallen zu lassen, die sein plötzliches Verschwinden erklären könnte, beließ es aber schließlich dabei, dass er einen wichtigen Termin hatte. Er hatte sein Zimmer nur für eine Nacht gebucht, aber wir brauchten es auch nicht mehr. Bei der Garde war für Unterbringung und Verpflegung in der Palastkaserne gesorgt.
Um Viertel vor zehn machten wir uns auf, nachdem Ulrich sein leichtes Reisegepäck wieder auf das Pferd verladen und den Wirt bezahlt hatte. Wir ritten langsam durch die überfüllten Straßen zum Palast (den Weg kannten wir inzwischen).
Die Nachricht von dem misslungenen Anschlag hatte bereits das Volk erreicht. Der Palast hatte eine kaiserliche Sondermeldung herausgebracht, die nun von Zeitungsjungen für umsonst verteilt wurde. Auch Ulrich ließ sich ein Exemplar geben.
„Feiger Anschlag auf das Leben des Kaisers“, las er laut vor. „Verschwörung feindlicher Kräfte im letzten Augenblick aufgedeckt… vier bestochene Wachmänner zum Tode verurteilt… öffentliche Hinrichtung am Sonntag…“
„Zur besten Hinrichtungszeit.“, bemerkte ich. „Die wollen wirklich ein Exempel statuieren. Das erinnert mich an den großen Krieg. Wir marschierten damals die Hauptstraße in Richtung Strahlberg hinab und kamen an Tausenden Rebellen vorbei, die von den Kaiserlichen an die Bäume genagelt worden waren die die Straße säumten. Damals wusste die Obrigkeit noch wie man so was macht. Äußerst beeindruckender Anblick, das kann ich dir sagen…“
Ulrich schüttelte sich.
„Gut das solche Zeiten vorbei sind.“, flüsterte er.
„Ob sie vorbei sind, wird sich zeigen.“, entgegnete ich.
„Rebellen und Verräter haben es auch nicht anders verdient.“, meinte Ulrich, jetzt mit etwas festerer Stimme, als wäre er froh endlich die richtige Meinung gefunden zu haben.
Die Sondermeldung war sehr vage formuliert, was zu wildesten Spekulationen im Volk geführt hatte. Von einem Ork-Attentäter war die Rede, von einer Verschwörung der Fürsten und von einem Putsch der Armee. Einige wollten sogar wissen, dass die sechste Armee nur einen Tagesmarsch von der Stadt war und sich zum Sturm bereitmacht, um ihren General zur Macht zu verhelfen. Alle diese Gerüchte waren völlig aus der Luft gegriffen, aber sie füllten die Gassen mit einer Mischung aus Angst (vor einem neuen Großen Krieg) und Vorfreude (auf die angekündigten Hinrichtungen).
Als wir auf dem Palastgelände angekommen waren, empfing uns eine andere Atmosphäre: hektische Betriebsamkeit. Jeder Palastangestellte schien zu rennen, als müsste er irgendetwas dringend erledigen. Aus den Tempeln glomm das helle Licht heiliger Beschwörungen, Befehle und Fragen wurden von Gebäude zu Gebäude geschrieen und kleine Soldatentrupps marschierten Richtung Innenstadt oder kamen mit Verhafteten zurück. Am Palasttor selbst waren die Wachmannschaften offensichtlich verstärkt worden. In Dreiertrupps patrouillierten Gardisten durch die Gärten und auf den Türmen des Palastes standen keine Signaltrompeter mehr, sondern Scharfschützen mit angelegter Armbrust.
Anscheinend war der Drahtzieher des Anschlags noch nicht ermittelt worden und man befürchtete weitere Versuche, den Kaiser zu töten. Auch Ulrich wurde auf genauste durchsucht, aber ein Vorzeigen des Briefs brachte uns durch das Tor. Vor dem Palast empfing uns überraschenderweise Karl.
„Gut dich zu sehen, Ulrich. Der Kaiser erwartet dich bereits. Wenn du fertig bist, melde dich wieder bei mir. Ich reite mit dir zur Sofinicus-Kaserne, wo es ein Übungsgelände gibt, das wir für unsere Anwärterklassen brauchen. Du bist zwar in der Garde aufgenommen, aber das heißt nicht, dass du nicht auch die Ausbildung durchmachen musst.“, sagte er mit fröhlicher Stimme. Die vergangene Nacht schien seine gute Laune nicht beeinträchtigt zu haben.
„Ich werde sie nicht enttäuschen, Karl.“, sagte Ulrich pflichtbewusst.
„Das ist die Einstellung, die ich meine!“, rief Karl und schlug Ulrich mal wieder heftig auf die Schulter.
„Also dann, geh rein zu deiner Audienz. Der Kaiser ist kein Mensch, den man warten lässt.“, fuhr er fort. „Ich warte hier draußen auf dich.“
Mit diesen Worten setzte er sich auf eine Steinbank an der Palastmauer.
„Ach und ein kleiner Tipp… lege alle magischen Gegenstände ab. Sulla und seine Zauberer-Freunde haben ein Kraftfeld über den Thronraum gelegt, das Magie aufspürt. Sicherheitsmassnahme.“
Er schnaubte verächtlich.
„Ich kann nicht verstehen, warum Sulla und der Akademie noch so viel Vertrauen entgegengebracht wird. So wie es im Moment aussieht, sind die Zauberer die Hauptverdächtigen.“
Ulrich legte mich vorsichtshalber ab (wenn Klara mich wahrnehmen konnte, würden wahrscheinlich auch die magischen Abwehrmaßnahmen im Palast auf mich anspringen).
„Würden sie bitte auf meine Laute aufpassen?“, fragte er Karl.
„Kein Problem.“, meinte der nur und Ulrich betrat den Palast.
Schwer fiel das Tor hinter ihm ins Schloss. Es dauerte eine Weile, bis er wieder hinauskam. Um seinen Hals hing ein protzig aussehender Orden und in seinen Augen stand ein bisher ungekannter Glanz.
Karl nickte anerkennend: „Der Orden für besondere Dienste am Kaiserreich“ Er stieß einen leisen Pfiff aus. „Das ich so was noch mal zu Gesicht bekomme. Aber jetzt lass uns zu den Pferden gehen. Wir haben noch eine Ausbildungsstunde zu absolvieren.“
Ulrich nickte nur. Ihm schien es die Sprache verschlagen zu haben. Zu den Kasernen war es ein langer Ritt. Karl nutzte die Zeit, um ungezwungen über die Ermittlungsarbeit zu plaudern.
„Bisher führen die einzigen Spuren zu den Zauberern“, erklärte er. „Der Mörder wurde als stadtbekannter Drogenabhängiger identifiziert. Hat wahrscheinlich nur Geld für die nächste Dosis gebraucht. Er steht in Verbindung mit einem stadtbekannten Drogenhändler, Otto Stross, den wir schon früher im Verdacht hatten, seine Kunden für illegale Geschäfte zu ‚vermitteln’.“
Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht ob mir die Arbeit hier wirklich liegt.“, fuhr er etwas leiser fort. „Früher, da wusste ich wer der Feind war… Orks und Sandmänner. Ich hatte einen klaren Auftrag und ich habe ihn ausgeführt, indem ich einfach jeden Ork und Sandmann erschlagen hab. Und heute? Was mache ich heute?“
Ulrich antwortete nicht, aber Karl schien auch keine Antwort zu erwarten.
„Ich schnüffle Drogenhändlern und intriganten Zauberern hinterher… früher, da hatte mein Beruf noch Ehre! Damals, in der Schlacht von Al-Akim…“
Seine Augen leuchteten, von alten Erinnerungen entfacht.
„Da hatten wir sie am Schlawittchen! Und ich immer in der ersten Reihe! Zuerst die Orks als Kanonenfutter, um uns zu zermürben und unsere Stärke zu testen… dann kamen die Assassinen…“ Er machte eine lange Pause. „Damals hab ich mir meine Ehre verdient. Im Kampf, Mann gegen Mann.“
„Erzählen sie mir vom Süden!“, rief Ulrich.
Karl schien wieder etwas besser gelaunt zu sein. Er war in seinem Element. „Frag mich was. Was willst du wissen?“, meinte er. Ulrich dachte kurz nach.
„Nun ja. Ich habe Geschichten gehört und ich würde gern wissen ob sie stimmen. Zum Beispiel habe ich gehört, dass es ganz im Süden, nahe Ophyr, weiße Pferde gibt, die schwarze Streifen haben. Stimmt das?“
Karl antwortete: „Ich habe auch schon davon gehört und zwar aus vertrauenswürdigen Quellen, deshalb glaube ich, dass es stimmt. Aber gesehen habe ich noch keins. Jedenfalls noch kein lebendes. Ich kämpfte allerdings einmal gegen Plänkler aus Ophyr… die wurden vor der Hauptstreitmacht geschickt, um unsere Reihen mir Wurfspeeren und Schleudern durcheinander zu bringen. Sie waren nicht gepanzert und äußerst wendig. Sie sprangen nur immer wieder nach vorn, warfen einen Speer und zogen sich wieder zurück, bevor man sie verfolgen konnte. Komische Knaben. Die hatten jedenfalls Schilde, die mit einer schwarzweißgestreiften Haut überzogen waren.“
„Stimmt es, dass diese Menschen schwarze Gesichter haben?“, fragte Ulrich nach.
„Nicht nur schwarze Gesichter“, antwortete Karl. „Die sind von Kopf bis Fuß völlig schwarz. Nur die Handflächen und die Fußsohlen haben eine normale Farbe.“
Ulrich schien das Thema zu interessieren. „Sind sie Menschen wie wir, oder so etwas wie Orks?“, fragte er.
Karl überlegte kurz. „Ich bin kein Gelehrter oder Philosoph… wir haben einige gefangen genommen und sie schienen mir normale Menschen zu sein. Aber wer kann das schon sagen, bei diesem Barbarenpack.“ Er lachte. „Darüber sollte man sich keine Gedanken machen. Sie sind der Feind. Oh, und übrigens. Wir sind da.“
Die Kasernen waren weniger prachtvoll als die Gardisten die aufgereiht davor standen, aber sie sah wenigstens stabil aus. Die Hauptübungen sollten in einem Innenhof stattfinden, der gleichzeitig als Exerzierplatz und Festgelände diente. Insgesamt hatten sechs weitere Anwärter die Prüfungen bestanden und Ulrich gesellte sich zu ihnen. Karl betrat das Hauptgebäude um die Demonstrations- und Übungswaffen zu holen. Ich selbst wurde an einer der Begrenzungsmauern des Vorhofs abgelegt und hatte das Geschehen recht gut im Blick.
Es dauerte eine Weile bis Karl wieder kam. In seinen Armen trug er eine ganze Reihe an Waffen, die er vorsichtig, beinahe wie einen Schatz auf ein auf den Boden ausgebreitetes Tuch legte, dass die kostbaren Stücke vor dem Dreck bewahren sollte, der die Unterlage des Geländes bildete. Er blickte erwartungsvoll in die Runde.
„Haltung annehmen!“, schrie er so urplötzlich los, dass ich innerlich zusammen zuckte.
Ulrich und seine neuen Kameraden gehorchten und stellten sich in einer leidlich geraden Reihe auf. Karl schien nicht zufrieden zu sein, fuhr jedoch fort.
„Willkommen in der Kaiserlichen Garde, Männer. Ihr alle habt die Prüfungen bestanden oder euch anderweitig als würdig erwiesen.“ Hierbei sah er Ulrich an. „Ihr alle seid von adeligem Geblüt und deshalb wahrscheinlich in den einfachen Kampftechniken geschult.“ Er seufzte. „Wahrscheinlich jedoch nur am Schwert, der Waffe des Edelmannes.“ Die letzten Worte spie er verächtlich aus. „Nun, ich muss euch enttäuschen. Die Hauptwaffe des Gardisten ist nicht das Schwert, sondern etwas anderes.“
Mit diesen Worten hob er die auf dem Boden liegende Hellebarde auf und stellte sie mit dem unteren Ende neben seinen Fuß. Die Waffe überragte ihn um einen guten Meter.
„Also, kann mir irgendwer von euch Frischlingen sagen, was die Hauptwaffe des Gardisten ist?“, fragte er mit lauter Stimme.
Ein Rekrut mit kurzen braunen Haaren und einem Milchbubi-Gesicht, dass einem schlecht wurde, meldete sich zu Wort.
„Die Hellebarde, Sir?“
„Falsch!“, schrie Karl mit seinem ‚ich-lass-dich-jetzt-zusammenzucken’-Tonfall. „Seine Hauptwaffe ist die Disziplin!“, fuhr er, schreiend, fort. „Ein einzelner Mann mit einer einzelnen Hellebarde ist ein Witz! Das und nicht weniger, da könnt ihr auch genau so gut gleich das Schwert nehmen. Die Garde besteht nicht aus edlen Einzelkämpfern oder hampelnden Draufgängern. Sie kämpft geschlossen und sie ist nur so stark wie das schwächste Glied. Was meint ihr wer das schwächste Glied ist?“
Ganz klar. Der Milchbubi. Karl machte eine Pause, in der er drohend und verächtlich in die Runde blickte.
„Nun ja, mit Disziplin und Exerzieren werden wir in den nächsten Monaten noch genug zu tun haben, bevor ihr mehr seid als eine Schande für diese Einheit. Deshalb können wir genau so gut mit etwas interessantem anfangen.“ Er deutete auf die Hellebarde in seiner Hand. „Wie unser zitternder Freund schon so schön angedeutet hat, ist das eines eurer wichtigsten Werkzeuge: Die Hellebarde Typ 1 Ausführung: B. Das es sich dabei um eine Hellebarde der B-Ausführung handelt seht ihr daran, dass sie eine gerade Klinge am Axtblatt hat, anders als das A-Modell, bei dem die Klinge abgerundet war. Das war aber unpraktisch und teurer herzustellen, deshalb haben wir jetzt neue.“
Er verlagerte die Waffe in seiner Hand, um die Klinge zu erklären.
„Die Klinge der Hellebarde Typ 1 besteht aus drei Komponenten: Zum einen die Spitze. Sie deutet nach vorne und kann sowohl als Stoß- als auch als Verteidigungswaffe verwendet werden. Bei der Standardformation der Garde deuten die Spitzen geschlossen nach vorn, um als Hindernis für angreifende Kavallerietruppen zu dienen. Die zweite Komponente ist die Axt. In der Standardformation deutet sie nach unten. Sie macht die Hellebarde zu einer effektiven Schlagwaffe. Die Axtklinge ist äußerst scharf und perfekt dafür geeignet, Panzerungen zu durchdringen oder Gliedmaßen abzuschlagen. Und dann hätten wir noch den Haken.“
Er zeigte auf einen langen Dorn, der der Axt gegenüber lag und im 90-Grad-Winkel nach oben abstand.
„Der Haken hat die äußerst praktische Eigenschaft, sich zwischen Rüstungsplatten oder in Kettenhemden zu verhaken. So kann er benutzt werden, um Kavalleristen vom Pferd zu ziehen, um sie dann am Boden mit der Axt fertig zu machen. Noch Fragen?“ Anscheinend waren keine Fragen zu stellen, denn es blieb sehr ruhig.
Karl fuhr fort. „Nun, da ihr jetzt euer Werkzeug kennt, können wir mit einigen grundlegenden Übungen beginnen. Ihr seid sieben Mann, also stellt ihr euch jetzt in einer Zweierreihe auf. Vier Mann vorne, drei dahinter. Holt euch vorher eure Hellebarden aus dem Ständer da drüben.“
Einige Bedienstete hatten einen Waffenständer auf den Hof getragen. Es folgte ein kurzes Durcheinander, das sich legte, nachdem jeder seine Waffe ergattert hatte. Die Rekruten stellten sich in einer Zweierreihe auf.
„Na gut. Die vordere Reihe kniet sich hin, das rechte Bein aufrecht angewinkelt, das linke auf der Erde. Stützt euren rechten Arm auf euren rechten Oberschenkel auf, um das Gewicht der Hellebarde aufzufangen. Der linke Arm wird etwas höher zu halten, so dass die Spitze der Hellebarde ungefähr auf Kopfhöhe ist. Sehr gut.“
Die erste Reihe (darunter auch Ulrich) hatte den Befehl ausgeführt, wenn auch etwas wackelig. Die Hellebarden schienen schwerer als erwartet.
Karl lachte trocken. „Ja, die Hellebarde ist schwerer als man glaubt. In der Schlacht müsst ihr diese Position vielleicht stundenlang beibehalten und danach noch die Kraft haben, einen Kavallerie-Angriff aufzuhalten. Daran werden wir noch arbeiten. Jetzt zur zweiten Reihe. Ihr stellt euch direkt hinter eure knienden Kameraden. Nur keine Hemmungen.“
Er lachte wieder. „Auch hier stellt die Hellebarde auf, aber etwas höher als die erste Reihe. Stützt euch auf der linken Schulter eures Vordermanns auf, das sollte für die nötige Stabilität sorgen. Etwas höher mit dem Ding Friedhelm.“
Der Wald aus Hellebarden sah zweifellos beeindruckend aus.
„Diese Aufstellung ist unsere Standard-Kampf-Formation. Die Garde kämpft immer in Zweierreihen, anders als die Armee… die brauchen drei. Wir werden diese Übung in den nächsten Wochen und Monate so lange wiederholen, bis ihr sie im Schlaf beherrscht. Wenn wir mit der Ausbildung fertig sind, werdet ihr in der Lage sein, sie innerhalb von 25 Sekunden einzunehmen!“
Das wollte ich sehen. Ich war mir nicht sicher, ob Ulrich zu solch einem Ausmaß an Koordination in der Lage war.
„Und jetzt noch ein paar andere Übungen!“
Den Rest des Tages verbrachten Ulrich und die anderen Rekruten mit Exerzieren und Formationsübungen. Es wurde mehr und mehr langweilig und ich ließ mich zu einem kleinen Schläfchen hinreißen. Geweckt wurde ich schließlich von Ulrich, der sich über mich beugte und mich wortlos aufhob und auf seinen Rücken schwang.
„Na, wie war es?“, fragte ich fröhlich.
„Ich bin total fertig“, antwortete Ulrich mit müder Stimme. „Ich will nur noch in die Kaserne und schlafen“, fügte er mit einem herzhaften Gähnen hinzu. Er sattelte das Pferd wieder auf und ritt los, um sich Karl und den anderen anzuschließen, die bereits auf den Pferden saßen, um zurück zum Palast zu reiten.
Ulrich hielt inne und wurde rot.
„Wäre es möglich, dass ihr schon mal ohne mich los reitet? Ich müsste da noch mal einem… natürlichem Bedürfnis folgen.“
„Natürlich.“, antwortete Karl schmunzelnd. „Du kennst ja den Weg. Im Hauptgebäude ist eine Wassertoilette.“
So musste ich einmal mehr auf Ulrich warten, während der Rest der Einheit Richtung Palast ritt. Allerdings war mir das ganz recht. Ich wollte mich mal ungestört mit ihm unterhalten.
„Also, Ulrich, eine Sache.“, sagte ich dann auch, als wir endlich auf dem Pferd saßen und durch die schon etwas leereren Straßen ritten. „Wir sind jetzt in der Kaiserstadt und deshalb möchte ich dich um einen Gefallen bitten: Könntest du irgendwo einen Magier auftreiben, der mir eventuell aus meiner derzeitigen Situation helfen könnte?“
„Oh, Entschuldigung, aber das hatte ich ja völlig vergessen, bei allem was passiert ist. Natürlich. Morgen werde ich keine Zeit haben, aber am Sonntag habe ich keine Übung, da können wir uns nach einem umschauen.“, antwortete er.
„Danke“, sagte ich. „Ich weiß das wirklich sehr zu schätzen.“
Ich war wirklich äußerst aufgeregt. Zu keinem Zeitpunkt meiner Zeit in der Laute war eine Rettung so absehbar gewesen wie jetzt. Wenn der Fluch umkehrbar war. Ulrich war jetzt wieder etwas redseliger geworden.
„Was meinst du, wer der Auftraggeber des Mordes war?“, fragte er mich.
„Keine Ahnung“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Alles scheint ja auf die Zauberer hinzudeuten.“, fuhr Ulrich fort. „Aber was für ein Motiv hätten sie?“
„Keine Ahnung“, antwortete ich wiederum. „Wer ist der Erbe?“, fügte ich hinzu.
„Der Kronprinz Tinius…“, antwortete Ulrich. „Der ist zur Zeit in Falkberg… ist vier oder fünf Jahre alt. Warum?“
„Nun ja… für gewisse Leute wäre es vorteilhaft, wenn ein so junger Herrscher auf den Thron käme.“, antwortete ich nachdenklich. „Besonders für Berater. Du musst wissen, man kann solchen Kindkaisern einiges einflüstern. Wahrscheinlich haben sie es beim heutigen Kaiser auch schon versucht, aber der scheint seinen eigenen Kopf zu haben.“
„Dann glaubst du also, dass es die Zauberer waren?“, fragte Ulrich.
„Das habe ich nicht gesagt.“, antwortete ich. „Es gibt einige Ungereimtheiten.“
„Zum Beispiel?“
„Zum einen der Assassinenring. Ich kenne mich nicht mit den Gepflogenheiten dieser Leute aus, aber sie haben einen ziemlich elitären Ruf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie irgendwelche dahergelaufenen Drogensüchtigen aufnehmen. Außerdem, warum sollten sie Aufträge für die Akademie ausführen? Soweit ich weiß, unterstehen sie allein der südlichen Allianz. Und denk mal nach. Die Akademie hätte sicherlich elegantere und unauffälligere Mordmethoden zu Verfügung… irgendeinen Zauberspruch oder ein Gift. Für mich sieht das ganze sehr getürkt aus.“
„Vielleicht waren es ja doch die Sandmänner“, überlegte Ulrich.
„Mach dich nicht lächerlich!“, sagten zwei Stimmen gleichzeitig. Die eine gehörte mir, die andere einer jungen Frau, die sich recht dreist direkt vor unserem Pferd aufgebaut hatte. Sie war modisch gekleidet und hatte äußerst blonde, fast weiße Haare.
„Wer sind sie denn?“, fragte Ulrich mit angemessen überraschter Stimme.
„Mein Name ist Salia.“, antwortete sie mit selbstbewusstem Tonfall. „Ich bin eine Agentin der Akademie.“

Ts4EVER
04.01.2009, 14:16
Ulrich schien nicht genau zu wissen, wie er auf die Situation reagieren sollte. „Was wollt ihr von mir?“, fragte er lediglich.
Wir waren allein in der engen Gasse, die wir als Abkürzung nutzen wollten.
„Um ehrlich zu sein…“, sagte die Zauberin zögernd. „Ich brauche deine Hilfe.“
„Wobei?“, fragte Ulrich. „Bei der Aufklärung des Anschlags. Wie du anscheinend weißt, wird die Akademie zur Zeit verdächtigt, der Drahtzieher des Komplotts zu sein. Viele Hinweise am Tatort deuten darauf hin. Sulla hat einen Großteil seines Einflusses und seiner Glaubwürdigkeit am Hofe verloren, dank einiger…“, sie schnaufte verächtlich, „religiöser Elemente im Kreis der kaiserlichen Berater.“
Sie machte eine kurze Pause, wahrscheinlich um Ulrich die Gelegenheit zu geben, auch etwas zu sagen. Er blieb jedoch still.
Stattdessen fuhr sie fort. „Die Wache ermittelt einseitig in unsere Richtung. Ich verfolge jedoch eine andere Spur. Hier kommst du ins Spiel: Ich brauche den Namen des Attentäters.“
Ulrich schien entsetzt zu sein. „Du glaubst doch nicht, dass ich eine interne Ermittlungssache an einen Fremden weitergebe? Aus meinen Augen!“
Mit diesen harschen Worten trieb er das Pferd an, um die Gasse zu verlassen. Weit kam er nicht. Die Zauberin streckte die Hand aus und erfüllte die Luft vor ihr auf diese Weise mit einem unheimlichen Flimmern. Das Pferd blieb stehen.
„Bedroht ihr mich etwa?“, fragte Ulrich, jetzt deutlich in Wut.
„Aber nein…“, antwortete Salia mit einer Stimme, die herablassender nicht sein konnte. „So was würde mir nie in den Sinn kommen… einen Gardisten bedrohen. Aber wir könnten doch zu einer Übereinkunft kommen. Ich habe sicherlich etwas, dass ihr gebrauchen könnt.“
„Nein!“, rief Ulrich empört und er hätte vielleicht noch mehr gesagt, wenn ich ihn nicht unterbrochen hätte.
„Da gäbe es tatsächlich etwas…“, begann ich.
„Eine sprechende Harfe?“, meinte Salia leicht verwundert.
„Ach, das ist nur der Barde.“, meinte Ulrich etwas sauer.
„Das ‚nur’ will ich überhört haben“, murmelte ich. „Aber kommen wir sofort zum Geschäftlichen. Wie ihr mit euren fachkundigen Augen wahrscheinlich seht, stecke ich in dieser Laute fest. Hebt den Fluch auf und ihr bekommt eure Informationen.“
Ulrich atmete scharf ein. „Das kannst du nicht machen!“
„Doch und ich werde es auch tun.“, sagte ich. „Willst du nicht, dass die Wahrheit ans Licht kommt?“
Das zog. Jedenfalls wehrte er sich nicht, als Salia mich entgegennahm, um den Fluch zu untersuchen. Sie wendete mich hin und her und fuhr mit ihrer Hand über das Holz. Dabei machte sie ein äußerst entrücktes und konzentriertes Gesicht. Als sie nach ungefähr drei Minuten fertig war, runzelte sie die Stirn.
„Gut ausgeführter Zauber, aber eigentlich nichts besonderes… aber da ist ein Haken an der Sache. Ich glaube nicht, dass ich dir eine große Hilfe sein kann. Ich bin auf Schattenmagie spezialisiert. Ich könnte dich zwar durchaus aus der Laute befreien… aber danach hättest du das große Problem, keinen Körper zu haben.“
Das war niederschmetternd. Ich hatte mich zwar schon daran gewöhnt, um meine Hoffnungen betrogen zu werden, aber trotzdem. Äußerst niederschmetternd.
„Gibt es gar keine Hoffnung?“, fragte ich.
„Ich will nicht sagen, gar keine Hoffnung.“, antwortete sie nah einer kurzen Pause. „Ich habe nur gesagt, dass ich dir nicht helfen kann. Ein mächtiger Wiederherstellungszauberer wäre vielleicht in der Lage, dich aus der Laute zu befreien. Ich könnte dich natürlich mit einem bekannt machen…“
Sie sah mich verstohlen an.
„Gegen eine entsprechende Gegenleistung…“
Ich musste kurz nachdenken.
„Ulrich?“, fragte ich.
Auch er schien mit sich zu kämpfen.
„Du kannst mir die Information ruhigen Gewissens anvertrauen.“, sagte Salia schnell. „Ich habe nicht vor Informationen oder Beweise zu vernichten. Ich will lediglich selber Ermittlungen anstellen, deren Ergebnisse ich der Wache umgehend zu Verfügung stelle. Ich will nur die Wahrheit ans Licht bringen.“
Ulrich zögerte nur noch kurz, bevor er antwortete. „Na gut. Ich kenne den Namen des Mörders nicht. Aber die Wache sucht nach einem Drogendealer mit dem Namen Otto Stross. Sie glauben, dass der Mörder in seinen Diensten stand. Helft der Wache bei der Suche.“
„Das werde ich tun.“, sagte Salia. „Ich werde noch einmal auf dich zurückkommen, Ulrich von Steinhoff.“
„Woher weißt du meinen Namen?“, fragte Ulrich überrascht, aber da war Salia auch schon verschwunden. Sie war anscheinend tatsächlich auf Schattenmagie spezialisiert. Wir ritten weiter.
„Glaubst du, dass das ein Fehler war?“, fragte Ulrich.
„Nein“, antwortete ich. „Du etwa?“
„Nein. Ich glaube ihr. Und ich hoffe, dass du deine Gestalt wieder bekommst.“
„Danke“ Den Rest des Rittes legten wir schweigend zurück. Seine späte Ankunft brachte ihm einige dumme Kommentare seiner Kameraden ein, die sich meistens um seinen langen Aufenthalt auf der Toilette bezogen. Er schwieg vernünftigerweise über den Vorfall. Auch wenn er nicht glaubte, dass es ein Fehler war, konnte ihm die Tatsache, dass er wichtige Informationen an einen Vertreter des Hauptverdächtigen weitergegeben hatte, doch ernsthaft in Schwierigkeiten bringen.
Die Stimmung am Hofe hatte sich merklich gegen die Zauberer gewendet und selbst wenn Salia irgendwelche Beweise auftreiben konnte, hielt ich es doch für fraglich, ob man ihr trauen und glauben würde.

Ts4EVER
04.01.2009, 14:17
So das wars auch schon, weiter bin ich leider nicht mehr gekommen (eigentlich schon, aber der letzte Teil war nicht auf der Diskette, es kam noch eine Szene wo ein eher inkompetenter Priester versucht hat, den Barden zurückzufluchen).

Über Feedback hier: http://fantasy-forum.net/showthread.php?t=1713 würde ich mich sehr freuen.