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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : José Saramago, Die Stadt der Blinden. Anfang bis Seite 99


Hathor
15.01.2009, 14:46
In einer unbekannten Stadt in einem unbekannten Land wird ein Mann, der in seinem Auto sitzt und darauf wartet, daß die Ampel auf Grün schaltet, plötzlich mit Blindheit geschlagen. Aber anstatt in Dunkelheit gestürzt zu werden, sieht dieser Mann plötzlich alles weiß, als ob er "in einem Nebel gefangen oder in einen milchigen See gefallen wäre". Ein barmherziger Samariter bietet an, ihn nach Hause zu fahren (um ihm danach das Auto zu stehlen); seine Frau bringt ihn mit dem Taxi in eine nahegelegene Augenklinik, wo er an den anderen Patienten vorbei in das Behandlungszimmer gebracht wird. Innerhalb eines Tages sind die Frau des Mannes, der Taxifahrer, der Arzt und seine Patienten und der Autodieb allesamt Opfer dieser Blindheit geworden.

Bitte hier eure Beiträge vom Anfang des Buches bis Seite 99.

Falls jemand eine andere Ausgabe liest: dieser erste Abschnitt endet mit den Worten Die anderen gingen nun langsam am Seil entlang vorwärts.

Hathor
17.01.2009, 12:57
Dann mach ich mal den Anfang...

Der Roman hat mich sofort in seinen Bann geschlagen. Ich habe mich gleichsam in die Geschichte hineinfallen lassen. Meiner Meinung nach - und das sage ich jetzt schon, nach knapp 100 Seiten, die ich von Saramago gelesen habe - ist diesem Autor zu Recht die höchste Anerkennung für einen Schriftsteller zuerkannt worden.

Eigentlich finde ich es normalerweise sehr anstrengend, so lange Sätze zu lesen, ohne Anführungszeichen und Gedanken und direkte Rede mischend. Aber in diesem Fall empfinde ich es als tolles Stilmittel, das die Eigenart des Romanes noch verstärkt.
Saramagos Stil erinnert mich von der Ausdruckskraft ein bisschen an Kafka, allerdings ohne dessen satirischen Pessimismus und dann wieder an Javier Marias (kennt den jemand? - kann ich sehr empfehlen).

Zum Inhalt: es gibt ein paar Stellen, die haben mich ziemlich beeindruckt. Natürlich das Grundthema. Aber das ist ja auch die Ursache, warum ich das Buch überhaupt lese. Ich war fasziniert von der Idee, Blindheit breite sich epidemieartig aus.

Und die seltsame Art der Blindheit:
Wie ein Licht, das angeht.

Also keine Dunkelheit, die man landläufig mit Blindheit assoziiert, sondert absolute Weiße.
Wie interpretiert ihr das? Mir drängt sich da auf, dass es sowas wie ein Zuviel an Sehen ist. Klingt vielleicht blöd, aber war wirklich mein erster Gedanke, der mich nicht mehr loslässt.

Der Arzt vermutet ja sowas wie psychische Blindheit. Als ob sich die Nerven weigern, die Sinneseindrücke an das Gehirn weiterzuleiten.

Zuletzt noch ein Satz über das Fehlen jeglicher Namen: erst hat mich das gestört, aber inzwischen sehe(!) ich, wie die Atmosphäre des Buches dadurch noch gewinnt: der Mensch, reduziert auf ein gemeinsames Schicksal, das Namen überflüssig macht.

Ich warte gespannt auf eure Meinungen...

Warin
18.01.2009, 10:16
Eigentlich finde ich es normalerweise sehr anstrengend, so lange Sätze zu lesen, ohne Anführungszeichen und Gedanken und direkte Rede mischend.Also ich bin auf Seite 16 und muss sagen, ich empfinde die Sprache als unerträglich. Ich bin daher jetzt schon in deinen Post gegangen, weil ich auf der Suche nach einer Info war, ob das so weitergeht.

Falls ja, steige ich aus. Ich habe noch nie ein Buch endgültig abgebrochen, aber da kann ich mich wirklich nicht durchquälen, das ist ja schlimmer als jede Schullektüre und der Vergleich mit Kafka ist daher sehr treffend (den würd ich mir auch nie freiwillig antun). Vermutlich fehlt mir für sowas einfach der Anspruch oder das Niveau. Aber auf mich macht das den Eindruck: Wenn jemand ein bisschen gegen die Regeln verstößt, dann ist es Unvermögen, wenn jemand konsequent gegen alle Regeln verstößt, dann ist es hohe Kunst:rolleyes:

Schade, vom Inhalt her klingt es durchaus interessant, aber mit der Sprache kann es mich einfach nicht gefangen nehmen.

Lena
18.01.2009, 23:34
Gleich am Anfang ist mir was aufgefallen: Seit wann werden bei Fußgängerampeln auch Zebrastreifen benötigt? Habe ich bis jetzt noch nicht gesehen.

So viele Kommas habe ich auch noch nie auf einmal gesehen. Hätte mir auch ein Paar Absätze mehr gewünscht. Zwischendurch musste ich das lesen unterbrechen und mich um meine Tochter kümmern und danach wieder die Stelle auf Anhieb zu finden, war nicht leicht. Die Erzählweise war am Anfang schon sehr gewöhnungsbedürftig, aber habe mich damit relativ schnell angefreundet.

Die Frau vom Arzt ist meine Lieblingsperson im Buch. Wie selbstverständlich fährt sie mit ihren Mann in die Isolation und schon dabei zeigt sich ihre Klugheit. Sie hat die Situation in der Irrenanstalt sehr schnell erfasst (fast schon zu schnell). Die Vorgehensweise des Augenarztes ist für mich nicht so ganz nachvollziehbar. Als er erblindete, hat er schnell die Vermutung aufgestellt, das es um eine ansteckende Krankheit handeln könnte, das die Behörden informiert werde müssen... und doch legt er sich erst hin!
Es ist auch etwas seltsam, das der erste Blinder schon nach so kurzer Zeit an Selbstmord denkt.

Beim lesen hatte ich teilweise das Gefühl ein Professor erzählt in seiner Vorlesung von einem Fall. Sätze wie diese: Wenn diese Formulierung angebracht ist, verstärkte den Eindruck um so mehr.

Noch etwas finde ich merkwürdig: Die Maßnahmen der Regierung. Wenn alle Erblindeten eingesperrt werden, wie wollen sie den Auslöser finden? Von Anfang an werden Tote in Kauf genommen.




Also keine Dunkelheit, die man landläufig mit Blindheit assoziiert, sondert absolute Weiße.
Wie interpretiert ihr das? Mir drängt sich da auf, dass es sowas wie ein Zuviel an Sehen ist. Klingt vielleicht blöd, aber war wirklich mein erster Gedanke, der mich nicht mehr loslässt.


Hmm, habe momentan überhaupt keine Idee an was es liegen könnte. Aber offensichtlich wird sie über Berührungen übertragen.

Zuletzt noch ein Satz über das Fehlen jeglicher Namen: erst hat mich das gestört, aber inzwischen sehe(!) ich, wie die Atmosphäre des Buches dadurch noch gewinnt: der Mensch, reduziert auf ein gemeinsames Schicksal, das Namen überflüssig macht.
Bis die Handlung in die Irrenanstalt verlegt wurde, fand ich die fehlende Namen etwas nervend, danach habe ich eingesehen, dass das Buch dadurch mehr an Tiefe gewinnt.

Hathor
19.01.2009, 08:09
Gleich am Anfang ist mir was aufgefallen: Seit wann werden bei Fußgängerampeln auch Zebrastreifen benötigt? Habe ich bis jetzt noch nicht gesehen.

Doch, ich schon... Also, bei uns zumindest sind auch immer Zebrastreifen bei Verkehrsampeln. Die Ampeln sind ja nicht immer eingeschaltet.Dann braucht man die Zebrastreifen.


Die Frau vom Arzt ist meine Lieblingsperson im Buch.

Meine auch... Ungeheuer sympathisch, umsichtig und klug.
Seltsam nur, dass sie nicht erblindet. Hat sicher irgendeinen Symbolcharakter.

Noch etwas finde ich merkwürdig: Die Maßnahmen der Regierung. Wenn alle Erblindeten eingesperrt werden, wie wollen sie den Auslöser finden? Von Anfang an werden Tote in Kauf genommen.



Ja, da klingt schon eine geballte Ladung System- und Gesellschaftskritik an.

@Warin: vielleicht kannst du dich doch durchringen, ein Stück weiterzulesen. Es lohnt sich wirklich, sich auf die Geschichte einzulassen :)

Warin
19.01.2009, 21:23
@Warin: vielleicht kannst du dich doch durchringen, ein Stück weiterzulesen. Es lohnt sich wirklich, sich auf die Geschichte einzulassen :)Mmh, na ja, ich habe diesen Teil am Wochenende noch zu Ende gelesen, aber meine Meinung hat sich nicht gebessert.

Ich habe den Eindruck, ich brauche länger zum lesen, als der Autor zum schreiben gebraucht hat. Das ganze wirkt sprachlich auf mich skizzenhaft, hastig niedergeschrieben, als ob er keine Lust gehabt hätte, es sorgfältig auszuformulieren. Das grenzt für mich an Beleidigung des Lesers. Ich weiß, ziemlich vermessen, das über einen Literaturnobelpreisträger zu schreiben. Aber ich möchte Sätze nicht zerlegen, sortieren und wiederholt lesen müssen. Ich erwarte von einem guten Autor, dass die Sprache klingt, fließt, dass ich sie genießen kann. Dass kann ich bei Saramago nicht, auch wenn mein Ärger vom Beginn inzwischen ein wenig verflogen ist und ein gewisser Gewöhnungseffekt eingetreten ist.

Die Idee, die psychologische Seite einer Internierungssituation zu betrachten, kommt mir auch nicht wirklich neu vor. Es gab ja immer wieder psychologische Experimente dazu. Ob Saramago der erste war, der diese Situation in einen Roman verarbeit hat, weiß ich nicht, glaube ich aber nicht. Eine vergleichbare Situation beschreibt Mario Giordano später in "Black Box", verfilmt als "Das Experiment".

Aber da ich morgen mal wieder vier Stunden in der Bahn verbringen muss, werde ich wohl dennoch ein wenig weiterlesen.

Moon
30.01.2009, 16:55
Ich erwarte von einem guten Autor, dass die Sprache klingt, fließt, dass ich sie genießen kann. Dass kann ich bei Saramago nicht,

Und genau das kann ich wiederum z.B. :)
Ich finde die Sätze und die Schreibweise sehr fließend. Gewiss kann man bei so einer Schreibweise große Fehler begehen und alles zerstören. Aber wie gesagt:
Ich finde das Gegenteil wurde erreicht.

Einzig die Sache mit den Dialogen fand ich teilweise nicht so gut. Da war es echt schwer herauszufinden, wer nun was sagt.

Vor gut 1,5 Wochen (-.-) habe ich mir da auch einen Satz notiert, der nun wohl eh schon recht irrelevant ist... er beginnt mit
Sie waren an der Tür... auf Seite 13.
Da habe ich nun wirklich keinen Überblick gehabt.

Aber insgesamt gefällt mir die Sprache des Autors gut und Sätze wie ...Der Arzt bringt dich bestimmt in Ordnung, du wirst schon sehen, Ja, das werde ich. (Seite 20) sind wunderbar zu lesen und lassen schmunzeln.

Die Geschichte an sich ist auch sehr interessant. Die Frau ist, da teile ich die Meinung mit euch, sehr sympathisch und die Regierung richtig böse und zum Hassen gern.

Ich möchte oder muss wegen meines Gewissens mich einfach entschuldigen, dass ich die Sache mit der Leserunde so verplant habe. Im Voraus habe ich ja groß posaunt wie ich mich freue usw., was ja auch zutrifft.
Doch dann ist wie man merkt eben alles anders eingetreten und ich lesen zu wenig und dies und das >.<

Meine Kommentare zu den restlichen Teilen werden wohl auch eher kurz ausfallen, bis dahin ist euch die Handlung des Buches wahrscheinlich eh schon nicht mehr allzu gegenwärtig xD

Hathor
30.01.2009, 17:04
Also, ich freue mich, dass du - wenn auch verspätet - postest.

Ich würde gerne deine Meinung zu allen Abschnitten lesen :)

Und wenn du die Sprache jetzt schon fließend findest und dich nicht erst dran gewöhnen musst (wie ich beispielsweise), dann wirst du die nächsten Kapitel sicher noch mehr genießen...