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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : José Saramago, Die Stadt der Blinden. Seite 197 bis 291


Hathor
15.01.2009, 14:53
In einer unbekannten Stadt in einem unbekannten Land wird ein Mann, der in seinem Auto sitzt und darauf wartet, daß die Ampel auf Grün schaltet, plötzlich mit Blindheit geschlagen. Aber anstatt in Dunkelheit gestürzt zu werden, sieht dieser Mann plötzlich alles weiß, als ob er "in einem Nebel gefangen oder in einen milchigen See gefallen wäre". Ein barmherziger Samariter bietet an, ihn nach Hause zu fahren (um ihm danach das Auto zu stehlen); seine Frau bringt ihn mit dem Taxi in eine nahegelegene Augenklinik, wo er an den anderen Patienten vorbei in das Behandlungszimmer gebracht wird. Innerhalb eines Tages sind die Frau des Mannes, der Taxifahrer, der Arzt und seine Patienten und der Autodieb allesamt Opfer dieser Blindheit geworden.

Bitte hier eure Beiträge von Seite 197 bis 291

Falls jemand eine andere Ausgabe liest: dieser dritte Abschnitt endet mit den Worten ...wenn er keine Tränen trocknen muß.

Hathor
24.01.2009, 21:31
Abschnitt drei, der bisher härteste des Buches...

Wie weit Menschen gehen können, wenn alle Gesetze außer Kraft sind, hat mich sehr schockiert. Vor allem auch die Art, wie Saramago die Vergewaltigungen und das Töten beschreibt: irgendwie sachlich und distanziert. Vielleicht schockiert mich gerade das so sehr.

Und endlich tut die Frau des Arztes das, was ich eigentlich von Anfang an erwartet hatte.
Die Stelle, in der sie auf Nahrungssuche geht, hat mich richtig gefesselt. Ich fand sie wahnsinnig spannend und hatte Gänsehaut dabei.

Was sagt ihr eigentlich zum Cover (falls ihr dasselbe Buch lest wie ich)?
Bisher habe ich wenig darauf geachtet. Ich habe eine stilisierte Ärztemaske gesehen und leere Augenhöhlen.
Nun habe ich aber noch besser hingeschaut und bemerkt, dass das Gingko-Blätter sind. Interessant dabei ist, dass diese Blätter in der chinesischen Mythologie das Prinzip des Yin und Yang versinnbildlichen und ds Zeichen göttlicher Harmonie sind.

Warin
25.01.2009, 18:37
Ja, hart trifft es wirklich.

Wobei ich mich frage, ob in einer solchen Situation der Sexualtrieb wirklich so bestimmend für das Verhalten der Menschen wäre. Oder ob Saramago da nicht ein paar heimliche Fantasien verarbeitet hat:rolleyes: Ich meine jetzt nicht die Vergewaltigungen, ich meine das "davor", wo jeder noch mal mit jedem hat. Das erschien mir doch leicht unglaubwürdig. Und ich war zum ersten Mal froh über Saramagos distanzierten Schreibstil.

Ich habe ein anderes Cover, es zeigt die Schlange der Blinden aus dem Film, was dazu geführt hat, dass ich die Charaktere von vorn herein mit den Gesichten der Schauspieler verbunden habe. So ist der Mann mit der Augenklappe für mich ein Farbiger. Zu den Filmbildern ist noch anzumerken, dass Schmutz, Dreck und fehlende Kleidungsstücke bestenfalls nur angedeutet werden, das Buch ist da wesentlich drastischer.

Moon
13.02.2009, 18:06
Vor allem auch die Art, wie Saramago die Vergewaltigungen und das Töten beschreibt: irgendwie sachlich und distanziert. Vielleicht schockiert mich gerade das so sehr.

Ja, aber dadurch auch schonungslos. Statt wirklich die Gefühle oder den Hass der Frauen zu beschreiben, beschreibt er eher nüchtern und teilweise sehr genau, was geschieht.

Zum Cover:
Argh, jetzt weiß ich wieder, was ich ganze Zeit vergessen hatte zu erwähnen !

Mir ist nach einer Zeit nämlich auch aufgefallen, dass das Gesicht bzw. der Teil eines Gesichts (so sehe ich das zumindestens) aus Ginkgoblättern besteht.
Die Informationen, die du, Hathor, bezüglich dieser Blätter herausgefunden hast, lassen für mich aber keinen Zusammenhang zum Inhalt erkennen... hast du eine Idee?

Was ich nicht sehr logisch fand, war der Mord der Frau mit der Schere bzw. was sie direkt danach tat:
Sie bringt den "Anführer der ganzen Anstalt" um und lässt die Pistole, die ihm diese Macht verliehen hat, einfach liegen. Der Beschreibung nach, hätte die Frau ohne weiteres genug Zeit gehabt sich diese zu schnappen und auch die geistige Verfassung schien soweit noch in Ordnung zu sein.
Außerdem kam mir die Frau bis dato sowieso sehr zögernd und planend vor... da müsste ihr das eigentlich eingefallen sein.

Hätte sie die Pistole gehabt, wäre die Geschichte wahrscheinlich einfach um gute 50 Seiten kürzer:
Kein Kampf im Saal der perversen Blinden, kein Brand.
Dafür vielleicht etwas anderes... wer weiß.


Die Stelle, in der sie auf Nahrungssuche geht, hat mich richtig gefesselt. Ich fand sie wahnsinnig spannend und hatte Gänsehaut dabei.

Ich fand diese Stelle auch sehr gut beschrieben und auch die "Flucht" vor den Blinden war noch spannend.

Zu den Filmbildern ist noch anzumerken, dass Schmutz, Dreck und fehlende Kleidungsstücke bestenfalls nur angedeutet werden, das Buch ist da wesentlich drastischer.

Verständlich... sonst müsste die Frau des Arztes ja eine lange Zeit obenherum entblößt rumlaufen, was für einen Film schon sehr ungewöhnlich wäre.

Ich meine jetzt nicht die Vergewaltigungen, ich meine das "davor", wo jeder noch mal mit jedem hat.

Ich muss auch sagen, dass mir diese "Vorbereitung" auf die Erniedrigung hinsichtlich des Verhalten eines normalen Menschen nicht wirklich erschlossen hat.

Bin sehr gespannt, wie das Buch endet. Es bleibt ja eigentlich keine Lösung für alle Probleme bzw. ein Happy End... was gewiss nicht schlecht ist :D

Lena
15.05.2009, 11:21
Dieser Abschnitt wäre auch geschafft, nach einer gefühlten Ewigkeit.

Diese Gruppenvergewaltigungen waren dafür verantwortlich, dass ich das Buch lieber etwas länger liegen gelassen habe, anstatt zügig weiterzulesen. Ich hatte einfach keine Lust über solche Gewalt zu lesen, wenn meine Tochter daneben schläft.

Wurde im Buch erwähnt wie lange die Internierung gedauert hat? Es kann schon sein, dass wenn wirklich ein solcher Fall eintreten sollte, Frauen wieder zu einem Objekt reduziert werden, aber nach so einer kurzer Zeit? Es gibt auch heutzutage solche Männer, die vor einer solchen Tat nicht zurückschrecken und ich will nicht abstreiten, dass in einer Gruppe vieles leichter fällt. Auch so was. Aber das nicht einer von zwanzig Männer wenigstens etwas wie Skrupel verspürt hat, kann, oder besser gesagt, will ich nicht glauben. Ich will auch nicht glauben, dass die Frauen sich so einfach ihrem Schicksal ergeben. Das andere Männer, unter anderem ihre Ehemänner, sie fast ohne Gegenwehr gehen gelassen haben.
Mir hat auch nicht gefallen, dass vorher noch viele kurzfristig Sex hatten. Das man die Nähe von anderen Sucht, wahrscheinlich, aber gleich so extrem werden?
Bis dahin war mir die Frau vom Doktor wirklich sympathisch gewesen, aber nach dem ich gelesen habe, dass ihr Mann einfach zu der Frau mit der Brille geht und mit ihr schläft und sie sieht einfach zu. Sie geht noch hin und tröstet die beiden. Ist das ein Zeichen von Stärke oder Schwäche? Oder ein Versuch von Saramago sie zur Heiligen zu machen? Keine Ahnung, aber danach mochte ich sie nicht mehr so.

Was sagt ihr eigentlich zum Cover

Ehrlich gesagt habe ich mir das Cover nicht so genau betrachtet. Es hat mich etwas an Röntgenbilder erinnert, aber die Idee mit den Blättern gefällt mir viel besser.

Es ist schon sehr viel Zeit vergangen, hoffentlich liest das überhaupt noch einer.