Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : José Saramago, Die Stadt der Blinden. Seite 292 bis Ende
In einer unbekannten Stadt in einem unbekannten Land wird ein Mann, der in seinem Auto sitzt und darauf wartet, daß die Ampel auf Grün schaltet, plötzlich mit Blindheit geschlagen. Aber anstatt in Dunkelheit gestürzt zu werden, sieht dieser Mann plötzlich alles weiß, als ob er "in einem Nebel gefangen oder in einen milchigen See gefallen wäre". Ein barmherziger Samariter bietet an, ihn nach Hause zu fahren (um ihm danach das Auto zu stehlen); seine Frau bringt ihn mit dem Taxi in eine nahegelegene Augenklinik, wo er an den anderen Patienten vorbei in das Behandlungszimmer gebracht wird. Innerhalb eines Tages sind die Frau des Mannes, der Taxifahrer, der Arzt und seine Patienten und der Autodieb allesamt Opfer dieser Blindheit geworden.
Bitte hier eure Beiträge von Seite 292 bis zum Ende
Mittlerweile habe ich mich so an den Schreibstil Saramagos gewöhnt, dass ich in meinem gewohnten Tempo lesen konnte und selten einen Satz zweimal anschauen musste. Für das Fehlen jeglicher Namen habe ich in diesem Satz für mich eine Erklärung gefunden:
In uns gibt es etwas, was keinen Namen hat, das ist es, was wir sind.
Die Blinden sind reduziert auf etwas in ihrem Inneren, was Namen überflüssig macht. Das Ich? Die Seele?
Den ganzen letzten Abschnitt lang habe ich gewartet auf etwas Spektakuläres zum Abschluss und auf die Erklärung für die Blindheits-Epidemie.
Ersteres traf wirklich ein - auch wenn dieses Spektakuläre eher ruhig und unaufgeregt daherkam. Auf zweiteres habe ich vergebens gewartet. Über meinem Kopf stand wohl als Riesen-Gedankenblase ein WARUM?...
Darüber könnte man nun spekulieren. Diese weiße Blindheit hat mich auf die Idee gebracht, dass die Leute nicht blind im üblichen Sinn waren, sondern eher geblendet. Von zuviel Licht? Oder verblendet?
Irgendwann werde ich sicher auch die Stadt der Sehenden lesen. Die Inhaltsangabe scheint mir wieder sehr verlockend ;)
Wenn ich ein Buch zu 2/3 gelesen habe, muss ich das Ende natürlich auch noch lesen.*ja*
Wobei ich sagen muss, dass es mich nach dem Verlassen der Irrenanstalt nicht mehr sonderlich gereizt hat. Die Geschichte nahm den Verlauf, den ich erwartet hatte, nur dass die Frau des Arztes am Ende nicht erblindet ist. Ich dachte der Hund der Tränen (geniale Bezeichnung übrigens) würde ihr Blindenhund werden.
Es gab zwei oder dreimal hauchdünne Andeutungen zum Grund der Blindheit. Und zwar, dass die Blindheit durch Angst (z.B. die Angst blind zu werden) ausgelöst würde. Und sich erst wieder verliert, wenn diese Angst verfliegt, z.B. weil einem eh alles egal geworden ist. Das ist zumindest meine Interpretation.
Was ansonsten als Botschaft bei mir hängengeblieben ist, die kleinen Dinge, die wir als so selbstverständlich empfinden, höher zu schätzen: Sauberes Wasser, ein Dach über dem Kopf, genügend zu Essen. Und das Bewusstsein, wie leicht unsere arbeitsteilige Welt doch durch eine nicht einmal lebensbedrohliche Epidemie zerbrechen kann.
Auf zweiteres habe ich vergebens gewartet. Über meinem Kopf stand wohl als Riesen-Gedankenblase ein WARUM?...
Ich habe eine deutliche Kritik Saramagos an der Menschheit erkannt. Wir, die wir eigentlich sehen, sind blind. Wir erkennen den Wert sovieler wertvoller Sachen nicht, haben keine Tugend mehr, usw.
Die Blindheit schien mir in diesem Sinne so etwas wie eine Lehre zu sein.
Sie sollten erkennen, dass sie Blind waren oder es noch sind, obwohl sie sehen.
Das zumindestens interpretiere ich aus dem letzten Satz der Frau heraus:
Ich glaube nicht, dass wir erblindet sind, ich glaube wir sind blind, Blinde, die sehen, Blinde die sehend nicht sehen.
Außerdem hat das ganze zu Ende auch einen religiösen Hauch bekommen. Natürlich durch den Besuch in der Kirche, aber irgendwie, obwohl das gewiss nicht stimmt, habe ich die ich ganze Zeit den Eindruck, dass das Elend sieben Tage, eine Woche, die Dauer der Schöpfung durch Gott andauerte.
Was das für eine Bedeutung haben sollte, weiß ich aber auch nicht :D
Ansonsten passierte im Grund in diesem letzten Abschnitt ja eigentlich nicht allzuviel, doch habe ich mich nicht gelangweilt beim Lesen.
Die Beschreibung der Reinigung der Frauen fand ich z.B. sehr gelungen. Ich habe mich für die Personen gefreut und wollte die Frau des Arztes auch noch anspornen, endlich die anderen zu holen, bevor der Regen aufhört :D
Ich dachte der Hund der Tränen (geniale Bezeichnung übrigens)
Die Sache mit dem Hund fand ich auch recht amüsant, aber doch nicht übertrieben. Dass der Hund die Tränen der Frau wegleckt, hätte man sicher ganz leicht ins Lächerliche ziehen können, was aber nicht geschen ist.
Als ich nach dem ersten Auftreten des Hundes hier die Kommentare gelesen habe, habe ich schon fast erwartet, dass einer der Mitleser/innen hier das ganze für übertrieben findet, aber das war nicht der Fall.
Na immerhin stehe ich dann mal nicht alleine, wenn ich so etwas nicht übertrieben finde *grins*
(Wobei wie gesagt, das Ganze mit dem Hund mMn ja wirklich gut eingebracht war^^)
Eine kleine Bemerkung hätte ich zur Handlung:
Als die Frau des Arztes die alte Nachbarin der jungen Frau begraben haben, hätte sie doch Kohl (und was da an Pflanzen sonst noch wuchs) mitnehmen können, das war ja noch ganz gut essbar, so wie ich das mitbekommen habe...
Und ich habe mir Gedanken gemacht, wie wohl der Rest der Welt aussieht:
Eigentlich müsste nur diese Stadt, beziehungsweise noch die Umgebung befallen sein. Wenn dann eine Grenze aus Wasser kommt, könnte es so gekommen sein, dass gerade glücklicherweise, keiner, der sozusagen noch in der Inkubationszeit ist, in einen Flieger gestiegen ist und somit auch eine andere Stadt, ein anderes Land oder einen Kontinent ansteckt.
Falls das der Fall ist, kann ich mir gut vorstellen, dass die Regierungen der anderen Städte/Länder/Kontinente ähnlich radikal vorgingen, wie die Regierung in dieser Stadt.
Man stelle sich vor ein Blinder treibt gerade auf einem Boot auf eine andere Insel und diese verteidigt sich, indem sie das Boot einfach abknallen würde...
Alles in allem würde ich dem Buch 4 Sterne geben. Das Ende war nicht ganz überzeugend. Viel Platz für Interpretationen, für Kritik an der Menschheit, für was auch immer - aber kein gänzlich befriedigter Leser.
Vielleicht kommt das ja noch mit der Zeit...^^'
Verräter
22.04.2009, 22:28
Wohin damit? Wir haben ja außerhalb der Leserunde keinen Thread dazu, weil ich aber meine Meinung zu diesem Werk äußern möchte, schreibe ich nun frevelhafter weise in dieses thema, ohne an der Leserunde teilgenommen zu haben.
Zuersteinmal: Das Buch lässt mich sehr gespalten darüber zurück. Zum einen bin ich sowohl fasziniert als auch angewidert durch die Handlung des Buches. Einige der tiefsten Abgründe des menschlichen Verhaltens werden einem schonungslos präsentiert. Nach einigen Szenen benötigte ich eine nicht allzu kurze "Verdauungspause" (zum Beispiel nach der doch sehr ausführlich beschriebenen Szene, als in der Anstalt die Frauen für das Essen "in Naturalien zahlen" - das war dann auch für mich zuviel).
Die Möglichkeiten der Interpretation sind in dem Buch sehr vielfältig, angefangen mit der Frage "Will der Autor mir eigentlich irgendetwas sagen?" (Ich habe das gesamte Buch vergeblich auf eine Holzhammer-Moralpredigt gewartet) bis zu "Was war die Blindheit jetzt?".
Bei den Charakteren kann ich eigentlich nicht meckern, da hat jede Person ziemlich logisch und nachvollziehbar gehandelt und die fehlenden Namen stören auch nach kurzer Eingewöhnungszeit kaum. Höchstens vielleicht bei Beschreibungen wie "Die Frau, die der Frau des Arztes am Vortag zugestimmt hat" - das war dann doch ein klein wenig zu viel.
Über die Schreibweise des Autors kann ich mich nicht beklagen, einfach weil ich mich auf eine Lesung beschränkt habe und sich vorgelesen alles sehr flüssig angehört hat. (Und bei knapp 11h Laufzeit dürfte wenn überhaupt eher wenig gekürzt sein)
Das Negative am Buch ist für mich der letzte Teil. Im Prinzip endete der interessante Teil der Handlung, als die Menschen die Anstalt verlassen. Davor stieg und stieg die Spannung stetig, aber danach plätschert nur noch alles vor sich hin.
Und das doch sehr plötzliche Ende hat mich etwas verdutzt zurück gelassen, wobei es im Nachhinein eigentlich nicht schlecht ist. Es endet ebenso abrupt wie es begonnen hat und wie auch sollten die Menschen in dieser Situation auch nur im entferntesten erahnen können, wie die "großen Zusammenhänge" denn nun wirklich abgelaufen sind. Und Gedankenanstöße darüber, was denn nun letztlich passiert ist, gibt es im Buch eigentlich genug (wenn sie auch sehr verstreut sind).
Wirklich gestört haben mich nur die "Kommentare", wenn der Autor immer mal wieder versucht mir, dem Leser (/Hörer) versucht zu erklären, wie ulkig es gerade aussieht, wenn die Blinden durch die Gegend stolpern. Neben der gefühlskalten, an einigen Stellen grausamen Handlung fand ich diese Einschübe nicht im mindesten passend und mir persönlich gelang es nicht ein einziges mal, mir das wirklich "lustig" vorzustellen und ganz ehrlich: eigentlich will ich das auch nicht.
Wirklich fasziniert hat mich der Satz (ich hoffe ich kriege ihn jetzt noch aus dem Gedächtnis zusammen): "Es gibt keine Blindheit, sondern nur Blinde."
Meine Gedanken dazu.
Verräter
Wohin damit? Wir haben ja außerhalb der Leserunde keinen Thread dazu, weil ich aber meine Meinung zu diesem Werk äußern möchte, schreibe ich nun frevelhafter weise in dieses thema, ohne an der Leserunde teilgenommen zu haben.
Ich denke man könnte schon einen eigenen Thread eröffnen, zum aktuellen Leserunden Buch Hüter der Wolken gibt es ja auch beides, wobei da der "normale" Thread glaube ich schon vor der Leserunde eröffnet wurde. Was ja aber eigentlich keinen Unterschied macht...
Wirklich gestört haben mich nur die "Kommentare", wenn der Autor immer mal wieder versucht mir, dem Leser (/Hörer) versucht zu erklären, wie ulkig es gerade aussieht, wenn die Blinden durch die Gegend stolpern. Neben der gefühlskalten, an einigen Stellen grausamen Handlung fand ich diese Einschübe nicht im mindesten passend und mir persönlich gelang es nicht ein einziges mal, mir das wirklich "lustig" vorzustellen und ganz ehrlich: eigentlich will ich das auch nicht.
Ich bin mir gerade nicht sicher, wie du die "Kommentare" interpretierst? Ich habe solche Kommentare eigentlich gar nicht entdeckt, sondern eher normale Beschreibungen.
Und ich fand es nicht schlecht, dass der Autor auch da sehr direkt die Verhaltensweisen der Menschen beschrieben hat. Das drückt die Grausamkeit verschiedener Dinge oftmals sehr gut aus, was ich bei diesem Autor auch immer als gelungen empfand.
Das Negative am Buch ist für mich der letzte Teil. Im Prinzip endete der interessante Teil der Handlung, als die Menschen die Anstalt verlassen. Davor stieg und stieg die Spannung stetig, aber danach plätschert nur noch alles vor sich hin.
Dass das alles vor sich hinplätscherte fand ich nicht. Der Kampf ums Überleben war immer noch recht spannend, da erinner ich mich z.B. an die Suche nach Nahrung im Supermarkt.
Aber der Teil in der Anstalt war irgendwie doch was besonderes und besser.
Über die Schreibweise des Autors kann ich mich nicht beklagen, einfach weil ich mich auf eine Lesung beschränkt habe und sich vorgelesen alles sehr flüssig angehört hat. (Und bei knapp 11h Laufzeit dürfte wenn überhaupt eher wenig gekürzt sein)
Ist ja interessant :D
Dafür dass der Schreibstil bei mehreren Lesern (wie man an dieser Leserunde gesehen hat), inklusive mir, für kleine oder große Probleme gesorgt hat ist das schon überraschend.
Hatte zuvor auch noch gar nicht dran gedacht, wie sich das Buch wohl vorgelesen anhört - das werde ich mal ausprobieren *grins*
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