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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Fortsetzungsgeschichte Das Schwarze Schwert


RickyLee
02.02.2008, 18:46
Und jaha,

- Ricky hat schon eine Einzeltext veröffentlicht, eine Geschichte zusammen mit Warin udn jetzt drückt sie euch das hier rein... das ist Narzissmuss!

- Die olle Kamelle aus dem alten Forum kommt wieder zum Vorschein XD

Ich hab auch dran weitergeschrieben, als das Forum off war, allerdings fange ich für unsere Neu-User einfach mal wieder von vorne an.

Bittesehr, Bittegern ^^

http://fc04.deviantart.com/fs21/f/2007/265/f/9/elster_by_UndeadGirl_Cyber.jpg


Kapitel 1

Lord Adrrian Drachenkopf der Dritte, Herr über Heere von Ghulen, Untoten, Greifen und anderen finsteren Wesenheiten stand vor einer geschlossenen Flügeltür.
Um präziser zu werden, bestand sie aus dunklem Holz und verfügte über drachenköpfige Türklopfer, die dem Herrscher grimmig in die Augen blickten.
Ausser ihnen wagte es keiner, denn er war eine beeindruckende Gestalt und verlangte absoluten Respekt und Gehorsam von seinen Leuten. Oft schon hatten seine Stärke, seine langjährig Erfahrung und seine Taktik das Schlimmste im Kampf verhindert, wenn es schon sehr schlecht ausgesehen hatte. Er war daher ein angesehener Feldherr. Und nicht nur das, er war sozusagen der offizielle inofizielle König der Unterwelt. Mit seinem reißenden Breitschwert führte er den Krieg seiner Vorfahren gegen die Oberwelt fort. Er war unzähligen Schrecklichkeiten begegnet, hatte das Blut vieler Männer fließen sehen und selbst in der hoffnungslosesten Schlacht nicht aufgegeben.
Jetzt hatte er Muffensausen.
Es gab weitaus schlimmere Dinge als den Tod.

Der Raum hinter der Tür war von gräulichem Halblicht erfüllt. Als er sie öffnete, fiel ein heller Spalt auf ein vermodertes Bett, dessen üppige Bettdecken, Kissen und Leinen ebenso grau wirkten wie die zerrissenen Vorhänge, die wie Spinnweben den Baldachin herabhingen. Aber weniger das Bett war Grund für Adrrians zwingenden Drang die Flucht zu ergreifen, als vielmehr die Person, die darauf saß, die Knie am Bettrand übereinandergeschlagen, die Arme verschränkt und mit einer Miene, die die Milch sauer werden lassen konnte.
„Aha“, schnappte Elster, die Gemahlin von Adrrian Drachenkopf dem Dritten. „Sieh an, wer angekrochen kommt.“ Adrrian kroch mitnichten, er stand wie immer aufrecht und imposant im Türrahmen. Wobei man anmerken könnte, dass er beim Klang ihrer Stimme ein wenig den Kopf eingezogen hatte.
„Ah, meine Mondblume! Ich ähm... nunja... es war so, dass...“, knirschte er mit dunkler Stimme, die eigentlich gewohnt war Befehle über ein Schlachtfeld zu brüllem. „Du wirst lachen, aber...“
„WIE soll ich lachen...“, knurrte Elster. „Wenn du dich an meinem Geburtstag nicht blicken lässt?!“
„Also weißt du, wir waren von zwei Golemarmeen eingeschlossen und es gab kein Vorankommen... ausserdem muss ich meinen Terminkalender irgendwie, äh...“
„Du brauchst einen TERMINKALENDER um dich an meinen Geburtstag zu erinnern?“ Empörung donnerte durchs Schlafzimmer.
„Neinneinein! Dein Geburtstag (und unser Hochzeitstag) sind für ewig in mein Gedächtnis eingraviert wie in einen Grabstein, aber, weißt du... wenn man Tag und Nacht belagert wird, verliert man ein Bisschen das Zeitgefühl...“ Adrrian studierte vorsichtig Elsters Gesicht. Ein anbrechendes Gewitter umwölkte ihre Stirn.
„Ich-musste-Tee-trinken! Ganz allein! Mit den GHULEN. Weil sonst keiner da war! Weißt du, wie es ist, wenn GHULE versuchen TEE zu TRINKEN? Sie haben einige meiner Lieblingstassen zerdeppert! Wenn das meine Freundinnen rauskriegen!“
„Elster...“, wagte er einzuwenden. Sie winkte ab.
„Jaja, ich weiß ich habe keine Freundinnen. Aber stell dir vor, ich hätte welche, sie würden sich das Maul über mich zerreissen!“ Sie begann zu schniefen. „Das war vielleicht ein Trauerspiel, sag ich dir... wo bekomme ich denn nun neue Teeschädeltassen her? Wenn man eine Tasse von einem Service kaputt macht, kann man zwar die anderen noch benutzen, aber... sie sind einfach nicht mehr komplett! Und das Milchkännchen war auch dabei! Was macht man mit einem Teeservice ohne passendes Milchkännchen?“ Offensichtlich hatte sich Elsters Gemütszustand nun von Wut zu Verzweiflung gewandelt. Adrrian wagte es wieder, sich ihr zu nähern, tröstend breitete er die Arme aus, als er auf sie zuging.
„Ach, mein dunkler Stern...“ Elster schmollte und drehte sich von ihm weg.
„Von wegen dunkler Stern.“ Er setzte sich zu ihr ans Bett, durch sein Gewicht wurde sie ungefähr eine Elle in die Höhe gelupft.
„Meine kleine Nachtrose, niemals würde ich dir absichtlich etwas böses tun wollen, es ist nur mal so, dass ich durch den Krieg sehr... eingespannt bin. Meine Männer verlassen sich auf mich...“ Sie seufzte, dann legte sie ihren Kopf auf seine Schulter.
„Bin ich dir etwa nicht mehr wert als deine Männer?“
„Doch natürlich, aber es gibt im Krieg eben Situationen... in denen man den Überblick verliert. Man kann nicht einfach gehen, wenn es einem beliebt.“
„Dann beende diesen blöden Krieg doch einfach!“ Adrrian seufzte.
„Ich weiß nicht, wie oft wir diess Thema schon hatten. Ich kann den Krieg gegen die Oberwelt nicht einfach beenden. Mein Vater kämpfte ihn, mein Urgroßvater kämpfte ihn und vor der Familie der Drachenkopfes waren es die Tothammers, die ihn begannen! Eines Tages werden wir die Oberfläche einnehmen, zur Erschließung unendlichen Reichtums und neuen Landes.“ Sie blickte verdrießlich an seinem Hals vorbei.
„Jaja... eine Millionen Tote können sich nicht irren, was?“ Sie kicherte dann. „Meine kleine Nachtrose? Die Bezeichnung ist mir neu... was ist denn eine Rose?“ Er zog eine zierliche rote Blume aus seinem Brustpanzer. Zwischen seinen dicken Fingern wirkte sie fast zerquetscht.
„Dies.“ Elsters Augen leuchteten.
„Sie ist schön.“
„Nicht so schön wie du.“ Elster kicherte erneut.
„Alter Schleimer...“ Sie blinzelte ihn mit langen, berauschend schwarzen Wimpern an und ihre Hand schlich zu seiner Rüstung um dort die Schnallen zu lösen. Doch Adrrian drückte sie mit sanfter Gewalt weg. Sie blickte fragend. „Stimmt etwas nicht, bist du etwa verletzt?“ Er blickte etwas beschämt weg, rieb sich dann mit der Hand den Nacken.
„Nunja... ääähm...“ Elsters Blick wurde wieder verdrießlich.
„Oh nein...“
„Ich muss auch gleich wieder... also...“
„Nein. NEIN, NEIN, NEIN!“ Elster warf sich vor Wut auf dem Bett hin und her, schmiss mit Kissen und Fetzen um sich und strampelte mit den Beinen. „Du gehst jetzt NICHT schon wieder auf´s Schlachtfeld! Du bleibst bei mir!“ Sie kam hoch, krallte sich an seinen Arm. „Bleib bei mir...“ Sie schob die Unterlippe vor. Adrrian holte tief Luft.
„Elster... ich kann nicht!“ Ihre Unterlippe begann zu zittern. Er löste ihre Hand von seinem Arm. „Ich weiß, du als Frau, verstehst nichts vom Krieg, aber...“
Jeder Frauenkenner hätte bei diesen Worten nun schmerzvoll das Gesicht verzogen, denn die Phrase „Du verstehst nichts von (Bitte einfügen), weil du eine Frau bist.“, war fast genaso tödlich wie „Schatz, das Kleid ist zu eng, lass es weiter machen“.
Adrrian schien in dieser Hinsicht blind und taub zu sein, denn spätestens an Elsters Reaktion hätte er seinen Fauxpass bemerken müssen. „...aber es ist nunmal wichtig für mich, diesen Krieg weiterzuführen. Ich verstehe, dass du das nicht nachvollziehen kannst.“
Sie hob auf die einzigartige Art und Weise ihre Braue, die in sämtlichen Sprachen dieser Welt verkündete, dass jetzt Ärger im Anmarsch war. Großer Ärger.
„Was meinst du denn bitte damit...?“, fragte sie sehr freundlich.
„Ich meine damit nur, dass du gar nicht weißt, wie es im Krieg zugeht – und natürlich ist das Schlachtfeld nicht für Frauen gemacht und...“ Er stockte. „Meine Nachtigall?“
„Jaha?“, meinte Elster und zerrupfte mit leerem Blick und entrücktem Lächeln systematisch das Kissen vor ihr in seine Einzelteile. Adrrian wurde von einer wagen Beunruhigung ergriffen.
„Ich... ich muss jetzt.“
„Ja, Schatz.“ Vorsichtig beugte er sich vor, gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Keine Reaktion, nur noch mehr Kissenfüllung wurde aufgedröselt.
„Also ... Tschüss.“
„Tschüss.“ Adrrian zögerte noch kurz, warf einen Blick auf seine Ehefrau, die noch immer starr ins Nichts lächelte.
Dann zog er die Tür zu.
Klack.

Elster sprang aus dem Bett und verschwand aus dem Schlafzimmer, ging in die Bibliothek und hielt dabei immerzu den schwarzen Stein fest, der an einer Kette um ihren Hals hing.
„Krieg, Krieg, Krieg... dem geb ich Krieg!“, knurrte sie.

RickyLee
09.02.2008, 14:19
http://www.bild-hoster.de/images/rickylee/schnuffi.jpg

Die Küche.
Es war eine ganz normale Küche am Nachmittag. Genauer gesagt eine grau geflieste Einbauküche aus dem 21. Jahrhundert, denn im Moment befanden wir uns nicht mehr in irgendeiner mittelalterlichen, von Magie geprägten Unterwelt sondern in der modernen Menschenwelt. Die Küche zeichnete sich durch helles Holz, graue Fliesen und einer kleine Abtrennung zur Vorratskammer aus. Irgendwo auf dem Fliesenboden standen zwei Näpfe, einer mit Wasser, einer mit Trockenfutter, beide trugen die Aufschrift „Schnuffi“.
Und Etienne war gerade dabei sich eben hinter jener bereits erwähnten, hübschen, hellen Abtrennung zu verstecken und zwischen den Spalten der Holzverkleidung hindurch zu lugen.
Er versteckte sich vor Schnuffi.
Etienne war sechzehn Jahre alt, hellblond und hatte blaue Kulleraugen – sehr zu seinem Leidwesen. Ausserdem war er eher klein und trug eine Brille. Er hatte eine Vorliebe für japanische Horrorfilme, besonders widerlichen Krimskrams wie Totenköpfe, Gummispinnen und synthetisches Blut, mit dem er sein Zimmer auszustaffieren pflegte. Und er mochte Mathe.
Aber dazu später mehr.

Schnuffi schnurrte aggressiv und setzte die dicken, übergewichtigen Pfoten auf die Fliesen. Etienne konnte seine Krallen auf den Stein ticken hören. Hinter ihm stapelten sich Erdnussbutter, Marmeladen- und Honiggläser sowie der Brotkorb und andere Konserven. Er hielt den Atem an und lauschte. Keine Katzengeräusche aus der Küche mehr. Sein Herzschlag beruhigte sich. Konnte er es wagen?
Er schob die Tür einen klitzekleinen Spalt auf.
„MIIAAAUUURRRRR!“ Mit einem alptraumhaften Kampfgebrüll fuhren die Pfoten der Katze durch den Spalt und krallten sich in seine Jeans, raspelten Löcher hinein. Währenddessen versuchte Schnuffi seinen dicken, orangenen Kopf durch den Spalt zu zwängen.
Etienne entschied sich zu schreien.
„WAAAAH!“ Mit der Kraft des Schreckens knallte er den Spalt wieder zu – Schnuffi zog erst im allerletzten Moment seine Körperteile aus dem Spalt und tigerte nun vor dem Vorratsschrank auf und ab.
Etienne seufzte, für´s erste gerettet, und drehte sich um.
„Du versteckst dich vor einer Katze?“, fragte Elster, die hinter ihm stand. Sie hatte, ihm mit großem Interesse zusehend, ein Marmeladenglas aufgemacht und bediente sich nun daran. Etienne kam zu dem Schluss, dass ein zweiter Schrei angebracht war.
„WAAAAH!“ Etiennes Rücken prallte gegen die Abtrennung. „Wie sind SIE HIER REINGEKOMMEN?!“ Elster tunkte eine Brotkante in die Marmelade. Etienne, der natürlich nicht wusste, dass es sich dabei um Elster handelte, die Liebste des Herrschers der Unterwelt, sah nur eine recht junge Frau mit schwarzen, recht kurzen, nach hinten gekämmten Haaren und hellblauen Augen, die ihn ansah, als wäre sie wirklich überrascht über seine Frage.
„Ich? Na durch´s Fenster!“ Etienne blickte nach oben. Die Vorratskammer hatte natürlich ein Fenster, allerdings war es eher zum Druckausgleich der Luft gedacht und dementsprechend ungefähr nur so groß wie ein Blatt Papier. Selbst diese bemerkenswert kleine und filigrane Frau hätte wohl kaum dadurch gepasst. Dazu musste er nicht einmal ein Lineal holen.
„Das kann nicht sein.“ Elster winkte ab.
„Ach, ich hatte ganz vergessen...“ Sie beendete den Satz nicht, stattdessen lutschte sie die Marmeladen von der Brotkruste, blickte nach oben und seufzte. „...Nun, das macht die ganze Sache natürlich schwieriger. Sag mal, wie heißt du denn?“

Etienne hatte den Kopf schief gelegt und blickte misstrauisch, er schob die Brille auf seiner Nase hin und her, dann antwortete er.
„Etienne.“
„Etienne, wirklich? Seltsam, warum hat man dir einen Mädchennamen gegeben?“ Er blickte finster – zumindest versucht er es. Mit babyblauen Augen ging das schwer. „Oh, entschuldige. Ich bin Elster.“
„Du heißt wie ein Vogel.“ Sie lächelte und dippte wieder in die Marmelade.
„Jaja, ich weiß.“ meinte sie und fügte dann freundlich an: „Willst du mich nicht noch etwas fragen?“ Etienne runzelte die Stirn.
„Wer...?“ Elster hob den Finger.
„Ah-ah, falsche Frage.“
„Und woher...?“ Er stockte erneut.
Als er sprach, war seine Stimme zu einem Flüstern gepresst. „Was willst du?“ Elsters Lächeln entsprach dem blinkenden Lämpchen beim einarmigen Banditen. Jackpot.
Elster machte einen kleinen Hüpfer und stellte das Marmeladenglas – in dem noch immer die Brotkruste aufrecht stak – wieder ins Regal und näherte sich ihm, hob die Arme, als wolle sie ihn umarmen. Etienne wich zurück, leider war noch immer die Schiebetür der Vorratskammer im Weg. Sie beide waren genau gleich groß, weshalb er freien Ausblick auf ihr freudiges Gesicht hatte.
„Ich bin deine Mama!“

Ein kurzer Moment verwirrter Stille, dann stieß Etienne ein kaltes Lachen aus und würgte ein:
„Na, das wüsste ich aber!“, heraus. Elster ließ ihre Arme enttäuscht an ihre Seiten klatschen.
„Erkennst du mich denn nicht?“
„Woher denn? Ich habe Sie noch nie gesehen! Außerdem habe ich schon eine Mutter!“ Etienne plante sich nach draußen zu schleichen... um irgendwie Hilfe zu holen, vielleicht kam er ja bis zum Telefon um die Polizei zu rufen.
„Du hast also schon eine Mutter, hm? Aha, soso...“ Sie wirkte beinahe eifersüchtig und schmollte. „Wie heißt sie denn? Wie sieht sie aus? Wie ist sie denn so, deine Mutter?“ Etiennes Hand schlich zum Türgriff, er war sich allerdings bewusst, dass seine Geste zu offensichtlich war. Außerdem, ging ihm auf und er ließ die Hand wieder sinken, war Schnuffi sicher noch draußen. Blieb also nichts übrig als die direkte Konfrontation mit dieser seltsamen Frau.
„Das geht sie gar nichts an! Was wollen sie überhaupt von mir?“, knurrte er, was Elster offenbar ganz entzückend fand.
„Nein, wie süß! Du hast ja so viel von deinem Vater!
Oh ja... – Weshalb ich hier bin?“ Etienne fand ihren Gesichtsausdruck ziemlich hinterhältig, so wie sie im Halblicht der Speisekammer lächelte. „Dazu muss ich wohl etwas weiter ausholen. Aber nunja, es scheint ja so, als hättest du ohnehin nichts besseres zu tun.“ Etienne wägte nochmals mit gewisser Verzweiflung ab, ob er sich in die Küche trauen könnte und warf einen Blick zum Spalt der Trennwand.
„Nein... hab ich nicht.“, seufzte er ergeben. Elster hob ihre Hand zu einer beginnenden Geste.
„Also... zuerst einmal musst du wissen, dass deine... Mutter nicht wirklich deine Mutter ist. Das bin nämlich ich.“, begann sie und drückte sich zur Unterstreichung mit der flachen Hand auf ihre Brust. „Mein Name ist, wie ich bereits erwähnt habe, Elster. Elster, Gemahlin von Lord Adrrian Drachenkopf dem Dritten, dem Herrscher der Unterwelt. Herzlichen Glückwunsch, mein süßer Etienne: Du hast königliches Blut in dir!“
Etienne hob lasch eine Braue. „Du könntest ruhig mehr Begeisterung zeigen.“, schmollte Elster. „Wie auch immer. Ich dachte mir einfach... es wird Zeit, dass ich meinen geliebten Sohn zu uns nach Hause hole!“
Etienne begann fieberhaft nachzudenken.

Okay... ich bin mit einer Irren in einem Vorratsschrank eingesperrt. Irgendwie hat sie vor mich zu entführen und irgendwie bin ich mit nicht sicher, ob sie das nicht hinbekommt... sie guckt so... ach ich weiß nicht.
Außerdem könnte sie Kumpanen dabei haben, wie sollte sie sonst ins Haus gekommen sein?
Ich brauch einen Fluchtplan...
Gehe ich also davon aus, dass sie sich innerhalb der nächsten halben Minute nicht bewegt und sich Schnuffi entweder direkt vor der Tür zur Vorratskammer oder zumindest in unmittelbarer Nähe befindet. D.h. maximale Entfernung zwischen Elster und Schnuffi sind 3 Meter. Schnuffi wiegt ca. 10 kg, nach dem Gesetz der Trägheit erreicht er seine Höchstgeschwindigkeit in Anbetracht der fehlenden Bodenhaftung (glatte Fliesen) und mit Addition der Reaktionszeit von Schnuffi, sowie der maximalen Newtonanzahl, die sein Beine nach 5 Jahren ohne jegliche Diät aufbringen können, nach ca. 5 Sekunden, wobei er eine Strecke von ca. 10 Metern zurücklegt, zurückgerechnet auf 3 meter also...Zahlen, ein Dreisatz und einige ballistische Diagramme später, dachte Etienne dann:
Wenn ich, nachdem ich die Türe aufgezogen habe noch maximal 2 Sekunden stehen bleibe, müsste Schnuffi mich also bemerken und innerhalb jener Strecke (Küche zu Vorratskammer) und der genannten Zeit genug Beschleunigung in meine Richtung erreicht haben um...

Elster hatte in der Zwischenzeit genug Zeit gehabt um zu Blinzeln und
„Was...“ von ´Was hälst du davon?´ zu sagen.
Etienne zog mit einer halben Pirouette die Vorratskammertür auf. Sie knallte dumpf und Etienne warf einen Blick über die Schulter. Schnuffi hatte prompt den Kopf erhoben, buchstäblich die Kurve gekratzt und stürmte mit zwei Kilo Kampfgewicht und wachsender Geschwindigkeit auf die Vorratskammer zu. Ein kurzer Augenblick verging, in dem Elster fragend den Mund öffnete – bevor sich Etienne zur Seite fallen ließ. Schnuffi setzte zeitgleich zum Sprung an und nach kurzem, ungraziösen Flug über Etienne hinweg krachte er gegen Elster und riss sie nach hinten in ein Regal voller Konserven.
Es schepperte ohrenbetäubend und die nachfolgende von Schreien und Fauchen durchzogenen Geräuschkulisse war auch nicht schöner anzuhören.
Aber da hatte er sich schon aufgerappelt, nahm die Beine in die Hand und stürmte mit quietschenden Turnschuhen über den Marmorboden und auf die Terassentür zu.
Elster rief etwas, aber er verstand es nicht.
Und er hatte keinen Bedarf daran, es herauszufinden.

Er sauste durch die Küche und kickte aus Versehen Schnuffis Futterschüssel weg. Trockenfutterkrümel durchzischten die Luft. Er machte eine enge Kurve um das Wohnzimmersofa, die schon fast eckig war. Doch mitten im Sprint bewegte er seine Beine plötzlich rückwärts und ruderte mit den Armen um mit panischem Gesichtsausdruck abzubremsen.
„Was...?“, presste er hervor. Etwas, das aussah wie eine schleimige, weiße, mannsgroße Made versperrte die Tür. Vier dünne, unförmige Fangarme sprossen aus ihrer Seite und waberten entlang des Türrahmens hin und her. Der Hinterkörper schleifte auf dem Boden, das Maul war ein Ring aus Zähnen, kreisförmig im Schlund angeordnet. Solch ein Monster erwartete man in irgendwelchen dunklen, feuchten Höhlen oder in der Kanalisation! Nicht in einem Wohnzimmer, das wie eine Seite aus einer Möbelzeitschrift aussah!
Etienne schaffte es zu allem Überfluss auch nicht mehr seine Geschwindigkeit weit genug herabzudrosseln um zum Stehen zu kommen, landete mit dem Schuh auf dem lockeren Wohnzimmerteppich, rutschte darauf auf Kollisionskurs auf die Made zu.
Sie gurgelte angesichts des sich rasch nähernden Etienne noch:
„Höh?“
WAMM
Schwärze auf beiden Seiten.

RickyLee
16.02.2008, 10:53
http://www.bild-hoster.de/images/rickylee/addrian.jpg

Der karge Wind strich über die schwarze Ebene. Ausgedörrtes Land erstreckte sich in alle Himmelsrichtungen, Spalten verwandelten die Ebene in ein Meer aus schwarzen Schollen. Schon lange, lange Zeit hatte kein Strauch mehr Wurzeln geschlagen, hatte kein unschuldiges Tier seinen Fuß auf dieses Land gesetzt. Denn seit langer, langer Zeit war dieses Feld nichts anderes als die Grabstätte unzähliger Krieger. Schon seit langer, langer Zeit war es das Schlachtfeld aller Schlachtfelder, der Kriegsschauplatz aller Kriegsschauplätze.
Hier wurde der Kampf um die Herrschaft der Obenwelt begonnen und hier, so hatten sich die alten Könige geschworen, würde er bis auf alle Zeiten weitergehen.
Hell gegen Dunkel, Gut gegen Böse, Oben gegen Unten.

Die Schlacht tobte... etwas lasch vor sich her.
Hätte man das Kampfgetümmel auf Video aufgenommen und dann vorgespult, es wäre eine actiongeladene Schlacht daraus geworden. Das Problem war, dass der Krieg schon viel zu lange dauerte. Insgesamt viel zu lange und insbesondere bereits seit Gestern Morgen. Inszwischen war es Abend und die orangene Abendsonne fraß sich durch einen glutroten Himmel. Eigentlich eine Metapher für geflossenes Blut, Tod und Abschlachten, dürfte dieses Abendrot eher als das letzte, matte Aufglühen einer Holzkohle gesehen werden.
Ein Ghul hob in Zeitlupe seine Keule und ließ sie auf halbem Wege kraftlos auf den verbeulten Helm des Kriegers ihm gegenüber fallen.
Bomm.
„Au.“, maulte dieser und piekste den Ghul mit seiner Axt. Ein ähnliches Bild war auf dem ganzen Schlachtfeld zu finden. Ein oder zwei Kämpfende, egal ob Freund ob Feind, waren, an Kopf, Schulter oder Rücken des anderen gelehnt eingeschlafen. Irgendwo fand ein Kartenspiel statt.

Und Lord Adrrian Drachenkopf der Dritte befand sich ebenfalls mitten in der Schlacht. Er hatte sein großes Schwert über den Kopf erhoben, bereit zum Schlag... und schnurchelte leise. Ob dieses tiefen, dröhnenden Tons schwankte er ein wenig.
Oft erwähnt man in Sagen, ein Krieger würde selbst im Schlaf noch Kämpfen. In Realität sah das ganze weitaus weniger heldenhaft aus. Der Mann, dem dieser eingeschlafene Schlag gegolten hätte, kroch ganz vorsichtig und vor allem leise aus der Reichweite des dunklen Herrschers. Später verließ er das Schlachtfeld und entschied sich, Gärtner zu werden.
Lord Addrian hatte mehrere Schwerter, aber das Schwert, mit dem er den heutigen Kampf bestritt, war etwas besonders. Nicht allein nur wegen seine Größe und seiner tödlichen Klinge, die aus Hämatit bestand, auch in seiner Bedeutung hatte es größeren Wert als seine anderen Schwerter.
Die Sonne sank weiter und tauchte es in dunkelrote Lichtreflexe.
Es war Zeit, sich zurückzuziehen. Nach und nach gingen die Krieger vom Schlachtfeld, schleppten sich und ihre Kameraden davon. Aus reiner Tradition wurden noch ein paar Drohungen für die nächste Schlacht ausgetauscht.
„Morgen, ...oder Übermorgen... da könnt ihr was erleben!“
„Verzieht euch nur zurück in euer Loch, ihr, ihr... Ghule, ihr!“, bevor sie sich in ihre Lager zurückzogen. Drachenkopf ließen sie stehen. Er verließ nie das Schlachtfeld, morgen würde man ihn wecken und dann würde der Krieg ungebrochen weitergehen. Solange Adrrian dort stand, würden auch sie zurückkehren müssen, denn Adrrian war gewissermaßen der Krieg. Und er war alt. Und vor allem müde.
Sie alle waren müde.

Der Abend wurde schleichend zur Nacht und nach und nach linsten die Sterne als glitzernde Pünktchen zwischen den Wolkenresten hervor. Grau und unbeweglich wie eine Marmorstatue stand Adrrian Drachenkopf der Dritte noch immer da. Ein Standbild, das den vierten apocalyptischen Reiter symbolisierte. Mit erhobenem Schwert und bereit zum Kampf, stand er verlassen in der Ebene, während seine Soldaten sich in ihre Decken kuschelten.
Doch trotzdem war der dunkle König nicht allein auf dem Schlachtfeld.
Leise näherte sich ihm von hinten ein Schatten. Die Bewegungen wirkten für das menschliche Auge linkisch und unbeholfen, als wäre das Wesen nicht gewohnt, sich auf der Erde zu bewegen. Und auf Medlock traf das definitiv zu, denn er war ein Flederhund. Gerne hätte er sich seinem Ziel über die Luft hinweg genähert, doch hätte er dann seine Kreischlaute ausstoßen müssen um seine Beute, das Schwert, zu erkennen und das wäre gleich auf zwei Arten fatal gewesen:
Hätte er dies getan, der dunkle König wäre sofort erwacht.
Und dann wäre Medlock genau in der Reichweite seines Schwertes gewesen.
Hier unten am Boden jedoch konnte er sich auf seinen Geruchssinn verlassen, ohne dass dieser vom Flugwind verweht wurde. So näherte er sich kraxelnd dem Herrscher. Keinen halben Meter von ihm entfernt stehend streckte er nun vorsichtig seinen linken Flügel aus, dessen ledrige Haut ganz vorne von einer lächerlich kleinen Kralle endete.
Vor Aufregung knirschte er mit den Zähnen. Er konnte fast nichts erkennen in dieser blöden Dunkelheit! Nur die matten Lichtreflexe der Hämatitklinge im Sternenschein ließen ihn vermuten, wo sich das Schwert befand. Er reckte sich noch etwas mehr, benutzt den anderen Flügel dazu seinen pelzigen, dürren Körper so weit wie möglich vom Erdboden wegzudrücken. So verkrampft erstarrt tastete er so hauchzart, dass er damit eine Fliege hätte streicheln können. Hah! Harte, glatte Oberfläche, da war es ja, das Schwert! Einziges, aber ziemlich großes Problem: Drachenkopf hielt es noch immer in der Hand.
Er ließ die Kralle etwas sinken.
Mist.
Linkisch schlich er um den Kriegsherrn herum, den mit Sternen gesprenkelten Himmel als Spiegelung in den Augen, die Kralle noch immer erhoben. Nun sah er ihn von vorne und das Gefühl, dass sich seine Augen jederzeit öffnen konnten um das Schwert auf ihn heruntersausen zu lassen, ließ ihn seine Nackenhaare sträuben. Mit seinem Mittelfinger strich er über die den Handballen seiner Majestät. Die Finger zuckten leicht. Medlocks andere Kralle stieg nach oben, während er den König weiter kitzelte.
Ja... jaaaa...
Falten durchzogen die Stirn von Adrrian wie Blitze einen Gewitterhimmel und er stieß einen zornigen Laut aus. Medlock fror ein und wähnte sein letztes Stündlein geschlagen.
„Elster... hör aufmichzukitzeln...“ Medlocks schwarze Augen waren groß wie Fußbälle. Er unterdrückte den Drang davon zu laufen, stattdessen ließ er seine angehaltene Luft entweichen und begann zu säuseln.
„Ich lass dich ja schlafen, Schatzi. Aber lass doch bitte dieses dumme Schwert los, ja...?“ Adrrians Gesichtsausdruck wurde weicher, er maulte.
„Dasis kein dummes... Schwert...“
„Jaaaa, ich weiß doch, mein Schatz... aber hier im Bett hat das doch ganz sicher nichts zu suuuchen...“ Medlock, von seinem Triumph und dem nahen Tod benebelt, forderte sein Glück heraus und kitzelte wieder sein Handgelenk. „Jetzt lass schon los...!“, knurrte er. Und hapste dann. Aber das Gesicht des Herrschers glättete sich. Dann lächelte er.
„Jajaaa... wie du willst, Liebste...“ Er ließ tatsächlich los. Das Schwert plumste ohne Gegenwehr in Medlocks andere Klaue.
Wow... Lord Adrrian steht ja ganz schön unter der Fuchtel...
Beide Fußkrallen um das Schwert geschlungen holte er mit den Flügeln feste Anlauf und glitt in die Nacht davon, auf der Flucht vor seinem eigenen, schnellen Herzschlag.

Am nächsten Morgen erschütterte ein dumpfes Brüllen das Schlachtfeld.
Es ließ die Kochen tief erzittern und vor Furcht traute sich keine der beiden Seiten in den Krieg zu ziehen. Die Schlacht ruhte zum ersten Mal seit vielen Jahren. Der dunkle König jedoch strich in Rage über das Land, auf der Suche nach seinem verlorenen Schwert.
Er fand es nicht.
Spätestens da ahnte er, dass etwas im Gange war, was besser nicht sein sollte...

Feedback bitte HIER (http://www.fantasy-forum.org/showthread.php?t=193)

RickyLee
16.02.2008, 11:01
Sooo, das dritte Kapitel ist online, es ist Zeit für ein

Special!

Hier und exklusiv die ersten zwei Illustrationen (von mir) für Adrrian und Elster!

http://www.bild-hoster.de/images/rickylee/blackwhite.jpg http://www.bild-hoster.de/images/rickylee/gruftlord.jpg

Jaja, die sind schön etwas älter, als man vermuten mag, die beiden ^^

RickyLee
22.02.2008, 20:47
http://www.bild-hoster.de/images/rickylee/viertes.jpg

Elster presste ihr Ohr gegen das kühle Fenster, mit gespannter Miene und leicht geöffnetem Mund. Es beschlug unter dem Nebel ihre Atems, als sie horchte. Die Morgensonne strich über ihre Silhouette und umrandete sie mit orangenem Licht.
„AAAAHHHHRGH... “, konnte sie dann sehr, sehr leise und von Fern vernehmen. Äusserst zufrieden ließ sie sich auf die gepolsterte Fensterbank zurückfallen.
„Jaha... Scheint ganz so, als hätte Medlock seine Sache gut gemacht...“, sagte sie und ein süffisantes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Dann dürfte es auch nicht mehr allzu lange dauern, bis er mit dem Schwert hier eintrifft...“
Ein leises Klacken hinter ihr verriet, dass Etienne aufgewacht war. Und so setzte sich Elster schnell auf und ließ die Beine über die Kante des Fensterbretts baumeln. „Guten Morgen!“, trillerte sie.

Etienne war gerade dabei sich zu fragen, warum ihm denn alles weh tat, als er erwachte. Und sah dann als erstes Elster.
Oh nein... die ist ja immernoch da...
Er versuchte von ihr weg zu robben, was sich allerdings als unmöglich herausstellte.
Erstens hätte er einen Boden gebraucht, auf dem man robben konnte und Etienne stand senkrecht.
Zweitens war er angekettet.

„Was...?“ Schwere, eiserne Kettenglieder verbanden ihn mit der Wand hinter ihm. Deswegen taten ihm auch seine Beine und das Becken so weh: Er stand ja schon die ganze Zeit. Seine Hand- und Fußfesseln ließen ihm einen Spielraum von gerade mal zehn Zentimetern. Er rüttelte daran.
„Tut mir leid.“, meinte Elster und sah dabei gar nicht aus, als würde es ihr leid tun, „Aber ich will nicht, dass du mir nochmal wegläufst.“
Und wieder rasten Etiennes Gedanken.
Unbekannte Umgebung, ich bin nicht zuhause. Die Ketten sehen sehr stabil aus und ich bring sicher nicht die notwendige Kraft auf um mich loszureißen. Plus: Ich habe sie wütend gemacht, indem ich einen tollwütigen Hauskater auf sie gehetzt habe.
Und ich bin angekettet.
Und sie ist sauer.
Und ich bin angekettet.
In diesem Fall...

„Ähm... ich doch nicht. Wer würde ich denn vor seiner eigenen Mutter weglaufen...?“ Er wimperte mit blauen Kulleraugen. Sie legte wissend den Kopf schief.
„Jaaa, du hast wirklich sehr viel von deinem Vater.“ Dann wurde ihr Gesicht ernst. „Lassen wir mal aus dem Spiel, dass du versucht hast mich mit dieser...Katze...“, sie sprach das Wort sehr sorgfältig aus, als wäre sie sich mit der Definintion des Wortes nicht sicher. „...ernsthaft zu verletzten und zudem noch mal eben meinen Hofmagier umgemäht hast...“
„Hofmagier?“, unterbrach er fragend. Sie zeigte nach links, Etienne folgte ihrem Fingerzeig. Die weiße Made hatte sich etwas, das wie ein Rindersteak aussah über eines ihrer, kreisförmig um ihr Maul herum angeordneten, Augen geschnallt. Soweit Etienne das beurteilen konnte, warf sie ihm unter dem toten Tierteil einen feindseligen Blick zu. „Der Hofmagier. Oh...“, stellte er fest. Und da er gerade dabei war, inspizierte er den Raum genauer. Sah eigentlich recht gemütlich aus. Dunkle Holzvertäfelung, großes Fenster mit gepolsterter, roter Fensterbank.... draußen zogen die Wolken vorbei.
An irgendetwas erinnerte ihn dieser Ausblick, aber er kam nicht darauf, an was...

Elster drängelte sich in sein Blickfeld und störte das schöne Panorama. Wie hauchdünne rote Fädchen spannten sich kleine Wunden über ihre Gesichtshaut und zeugten von Schnuffis Kratzattacke. Ihre missmutige Miene jedoch dröselte sich auf, ihre Augenbrauen hoben sich, als sie sich räusperte.
„Wie... auch... immer...“ Sie klatschte in die Hände und Etienne schreckte hoch. In einem Schwung drehte sie sich herum und hob mit erhobenem Zeigefinger die Hand. „Ich könnte jetzt natürlich meinen Hofmagier auf dich loslassen, dafür, dass du dich so schreck-lich respekt-los gegenüber deiner lieben Mami verhalten haaaast...“ Wieder ein Schwung, diesmal in seine Richtung. Sie lächelte breit. „Aber ich verzeihe dir.“
Etienne hing in seinen Ketten, seine Brille war auf seine Nasenspitze gerutscht.
„Ja, ne, is klar.“
„Genau. Ausserdem hab ich derzeit keine Zeit für Rachespielchen...“ sie blickte kurz nach oben und korrigierte sich. „...dieses Rachespielchen. Drum werden wir gleich mit dem Training anfangen.“ Und sie hüpfte aus dem Raum. „Bleib einfach da angekettet.“ Er sah ihr hinterher.
„He, was? Training?“ Sie steckte den Kopf in die Tür.
„Klar doch! Immerhin musst du meinen Mann ablösen!“ Wieder war sie weg. Etienne kniff die Augen zusammen, ganz schnell.
„Hey, ho, HAAAAALT! Zurückkommen!“ Im Flur drehte Elster eine astreine Pirouette hin, nur um wieder über den Türrahmen zu lugen.
„Ja, mein Spatz?“
„Ablösen worin?“ Elster seufzte und kniff sich in den Nasenrücken. Dann winkte sie ab.
„Hel, erklär du´s ihm, hab grad keine Zeit.“ Etienne sah ihr fassungslos hinterher.

Hel war, wie sich herausstellte, der Name des Hofmagier-Wurmes. Nachdem er auf ihn zugewobbelt kam, wandte er seinen unförmigen Kopf auf Etienne zu, sodass dieser sein eigenes, überraschtes Gesicht in dessen 5 schwarzen Murmelaugen sehen konnte. Eines war ja unter dem Steak verdeckt. Was seinen Blick allerdings mehr fesselte, war das kreisrunde, aufgesperrte Maul mit den bemerkenswert vielen Zähnen. Durch den Rachen konnte er tiefer in den Wurm hineinsehen, als er wollte. Irgendwann nach einem halben Meter schwand die Sicht, denn sein Inneres ging in einer Kurve. Fasziniert sah er wie er im hinteren Rachenbereich Schleim röchelte.
Cool...
„Sie ist immer so.“ Er reagierte erst einige Sekunden später, hob den Kopf.
„Oh, äh... ja?“
„Elster. Sie ist immer so sprunghaft.“ Es überraschte ihn doch etwas, dass der Wurm so... zivilisiert mit ihm sprach. Seine Stimme hatte einen tiefen, gurgelnden Unterton, der es schwer machte ihn zu verstehen. Vielleicht klang er so, weil er schlicht keine menschlichen Stimmbänder besaß.
Oder gar keine.
Etienne wollte seine Antworten, aber momentan war etwas anderes wichtiger...
„Kannst du mich losmachen?“ Der Wurm wobbelte.
„Nein.“
„Bitte...“
„Nein.“
„Biiitteee...“
„Ich sagte Nein.“ Jetzt klang er wirklich etwas gereizt.
„...“ Er hatte die Zähne zusammengebissen. „...ich muss mal.“, presste er dazwischen hervor. Konnte ein Wurm pikiert gucken? Er schon.
„Oh...“
Hel seufzte und ein Schwall warmer Magenluft ließ Etiennes Haar flattern und seine Brille beschlug. „Na gut...dann.“

Die Gänge waren gedrückt und hatten keine Fenster. Nur an der Decke klebte jeden halben Meter eine flouroszierende Qualle, die Licht spendete. Etienne hatte ein andauerndes Deja-vu Gefühl. Irgendwie hatte er diese engen Gänge schonmal irgendwo gesehen. Der Wurm vor ihm stoppte schleichend und beinahe wäre Etienne wieder in ihn reingelatscht.
„Hier ist es.“, verkündete er und hob einen Fangarm um auf die Tür links von ihm zu deuten.
...Endlich!
Etiennes Geschwindigkeit nach zu urteilen, war sein Bedürfnis doch um einiges dringender, als er zuerst zugeben wollte. Mit einem Knall schloss sich die Tür.
Der Wurm kicherte leise.

--- ungefähr eine (sehr erleichternde) Minute später ---

Etienne lehnte mit dem Kopf an der Tür und versuchte den Kopf freizubekommen. Er war noch immer etwas schwach auf den Beinen, deswegen setzte er sich auf den Boden und ächzte erst einmal. Der Wurm würde sich schon melden, wenn er misstrauisch wurde, also konnte er sich ruhig Zeit lassen. Erstmal die Gedanken ordnen, bevor neuer Input dazu kam...
Zu diesem Zweck beschloss er erstmal festzustellen, wo genau er jetzt eigentlich so ungefähr war. Er sah sich genauer um.
Der Raum war in dunkles, grobes Holz eingelassen und auch die... „Toilette“ war ein besserer Donnerbalken. Ein rundes Fenster, keine Glühbirnen oder Neonlampen. Alles insgesamt machte einen recht altertümlichen Eindruck, wie alle anderen Räume, die er bisher gesehen hatte. Er stand auf, schlenderte zum Fenster und wollte es öffnen, als ihn ein... Gefühl beschlich und innehielt. Am liebsten hätte er sich die Brille abgenommen und die Augen gerieben, aber selbst dazu war er zu verwundert. Da war gerade etwas.... schemenhaftes am Fenster vorbeigesaust. Ganz langsam löste er die Finger vom Griff. Beugte sich stattdessen etwas nach vorne und spickelte nach draußen. Da, schon wieder!

Er fasste den Mut und stieß das Fenster auf, um einen Blick nach draußen zu werfen. Zu diesem Zweck stützte er sich mit dem rechten Fuß auf der Ablage ab, in der auch die Toilette eingelassen war und zog sich am Griff des Fensters hoch. Starker Wind zerstob seine Haare zu einem wuscheligen Wesen mit eigenem Willen. Er kniff die Augen zusammen, während der Wind an seinen Wimpern zerrte und versuchte etwas zu erkennen.
Mit einem lauten, knarzenden Geräusch schwang es wieder am Fenster vorbei. Und dieses Mal konnte Etienne erkennen, worum es sich handelte: Es war ein riesiges, ebenhölzernes Ruder, das in einer tiefen Frequenz immer wieder einen weiten Kreis beschrieb und dabei am Fenster vorbeizischte. Er wandte den Kopf, während die Kälte bereits an seinem Gesicht nagte und er mit weit geöffneten, erstaunten Augen nach links und rechts blickte. Nach oben und nach unten. Hölzerne Aussenwände, wohin er sah, soweit er erkennen konnte, mit eingeschnitzten, vielfältigen kleinen Reliefs im dunklen Holz. Darunter etwas, wie ein aufgeblähter Schweinsmagen aussah, um einiges größer als das Holz. Und irgendwo unter ihm war ganz entfernt, wie dunkelgrüner, plüschiger Flokati, ein Meer aus Bäumen. Erschreckend weit weg.
Das war ein Schiff!
Ein verdammtes, fliegendes Schiff!

Etienne stürzte aus der Tür. Im Gesicht den wahnsinnigen Blick eines Menschen, dessen fein säuberlich errichtete Eckpfeiler des Lebens bröckelten und gerade tiefe Risse bekommen hatten, stammelte er:
„Was zur Hölle geht hier vor?!“

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RickyLee
07.03.2008, 22:00
http://www.bild-hoster.de/images/rickylee/medlock.jpg

Medlocks Flügel wurden allmählich lahm. Kein Wunder, denn er flog schon die ganze Nacht und den halben Tag. Denn gerade, als er sich an einem vielversprechend aussenden Apfelbaum verköstigen wollte – mit anschließendem Nickerchen, versteht sich – , schallte das wütende Echo des Kampfgebrülls Adrrians durch den Morgennebel und mit der Kraft des Schreckens erhob sich Medlock zu einem wahren Sprint. Inzwischen hatte sich sein Magen zu einem Knoten zusammengeknäuelt, grummelte verstimmt und Medlock konnte kaum noch die Augen offen halten. Zudem hechelte er wie ein heißgelaufener Hund in der Sahara...

Wenigstens hatte er die zersplitterte, dunkle Erde der schwarzen Ebene und sogar schon den Wald hinter sich gelassen, in dem die Lager beider Seiten aufgestellt waren. Dort hatte er des öfteren Lagerfeuer zwischen den Bäumen entdeckt und er hatte sich bemüht, ihr Sichtfeld zu meiden. Zwar waren die Soldaten meist zu geblendet um ihn zu entdecken, aber er wollte mit Sicherheit kein Risiko eingehen.
Das Problem waren die Ghule.
Ghule waren immer hungrig und schossen auf alles, was sich in der Luft bewegte um es dann zu verspeisen. Dabei war es ihnen herzlichst egal, was sie denn zu sich nahmen, denn zuerst einmal waren Ghule wegen einer Algenart, die auf ihren Augen wucherte, schrecklich kurzsichtig. Und ausserdem gab es in Sachen Futter bei Ghulen nur eine Gleichung
Fleisch = Essen = Gut
Egal ob roh, lebend, verschimmelt, verdaut, verschmort, von der eigenen oder einer anderen Art... vollkommen egal.

Zuerst hatte Medlock die Untoten nicht ernst genommen, wie sie so dastanden mit ihren Armbrüsten und verzweifelt in die Nacht hinaus blickten ohne irgendetwas zu sehen und einen lächerlichen Anblick boten. Doch das hatte sich jedoch schnell geändert, als er sah, wie ein genervter Ghul nach vielen Fehlversuchen schließlich zum Katapult griff um eine einzelne Taube abzuschießen.
Kein Kunstück, mit einem Katapult trifft man immer irgendetwas. Und Ghule verloren recht schnell die Geduld, die würden rein theoretisch einen ganzen Wald platt walzen um eine nervende Fliege zu erwischen. Und ein verdammt gutes Gehör hatten sie auch, durfte man nicht vergessen, immerhin lebten sie eigentlich unter der Erde s.h. im Dunkeln.
Wie gesagt: Ein satter Ghul war ein zufriedener Ghul. Egal, wie sie satt wurden.
Der einzige Grund, weshalb Ghule sich nicht gegenseitig verspeisten, waren die Überlebenden. Die bekamen dann nämlich Ärger von Lord Adrrian Drachenkopf dem Dritten und wurden an Elsters Geburtstag zum Schloss-unter-der-Erde geschickt um mit ihr Tee zu trinken.
Es gab schlimmere Dinge als den Tod.

Medlock wurde mehr und mehr klar, während er mehr durch die Luft segelte als flog, dass er eben ein Flederhund, ein nachtaktives Wesen war. Er war furchtbar müde und das schwere Schwert linderte seine Erschöpfung nicht gerade. Nebenbei verfluchte er sich selbst, dass er nicht auf seine Mutter gehört und frühzeitig eine Familie zu gründet hatte anstatt beim Militär zu bleiben. Dann würde jetzt sein Weibchen Nahrung für seine fiepsenden Kleinen vorkauen, während er in eine gemütliche Nische gekuschelt friedlich an der Decke einer Mehrfamilienhöhle hing...
Genießerisch bei diesem Wunschdenken verweilend hatte er, das Maul selig ein wenig geöffnet, die Augen geschlossen. Seine Fingerklauen kitzelten den Wind, eine warme Brise die sich fast anfühlte wie das Kopfgestrüpp eines Babyflederhundes.
Er seufzte.

Und knallte als nächstes mit der Schauze gegen die Außenwand der „Harpye“, des kleinen Flugschiffs von Elster. Ein bis zwei Momente wurde ihm dunkel vor Augen, gesprenkelt mit einigen hübschen, blauen Sternchen. Dann kippte seine Welt.
Von fern sah es aus, als würde ein betrunkener Papierflieger zu Boden trudeln.
Der Wind sauste an Medlocks Körper vorbei und ließ seine Backentaschen flattern.
(Anmerkung d. Autorin: Wer möchte kann dies zuhause selbst ausprobieren.
Hierzu bitte mit Zeigefingern und Daumen in beide Wangen kneifen und die Haut vom Zahnfleisch schnell weg- und wieder hinziehen. Der Mund muss ein wenig geöffnet sein. Jaaa, genau so hört sich ein Flederhund im Sturzflug an.)
Er gewann machtlos weiter an Geschwindigkeit, zu Boden gezogen von dem schweren Schwert. Und jede Sekunde, die er fiel, sank die Chance noch das Schiff zu erreichen... oder zu überleben. Flederhundknochen brachen leicht, er würde zerschellen wie ein Gerippe aus Glas. Verwirrt schlug er mit den Flügeln, bekam den Wind nicht zu fassen, bis ihn die Verzweiflung packte. Dann, endlich!
Irritiert und erschöpft, wie er war, konnte er sich erst knapp zehn Meter vor den Baumwipfeln fangen, zog in einer scharfen Kurve, die ihm die Gedärme in die Füße presste, nach oben und stieg mit einigen, ihm die letzte Kraft raubenden Flügelschlägen zum Schiff empor.
„Vermaldeite Flugschiffe und ihr dreimal verflixten harten Oberflächen!!!“, fluchte er und es schallte über den Wald.

RickyLee
18.03.2008, 21:02
http://www.bild-hoster.de/images/rickylee/schiff.jpg

Währenddessen standen oben auf dem Deck des Flugschiffes zwei Gestalten und schwiegen. Sie schwiegen, weil die natürliche Phase des Schweigens eingetreten war, die einer Phase des aufklärenden Gesprächs folgte.
Es war sehr zugig, schon fast bitterkalt. Das Segel über den beiden blähte sich im Wind, der das Schiff vorwärtstrug. Der Himmel über ihnen war strahlend blau, fast durchsichtig und wollte nicht ganz zu der sehr frischen, aber eben beinahe arktischen Luft passen. Über der Reling hatte sich Frost gebildet. Eine der beiden Gestalten stand direkt davor, die Arme unter die Achseln geklemmt und spähte nach unten, erschauderte ab und an, allerdings nicht vor der Kälte. Die zweite Person an Deck zeigte keine Anzeichen von Kälte oder Höhenangst, aber hätte sie Arme bzw. Achseln gehabt, sie hätte gerne die Geste der ersten imitiert. Sie stand mit dem Rücken zum Wind, damit er ihr nicht direkt ins Maul blies.
„Ich weiß ja nicht, wie´s dir geht, aber ich finde es hier oben recht kalt.“, gurgelte Hel in den Wind und verteilte etwas verwehten Sabber aufs Deck, der beinahe sofort gefror. Etienne reagierte nicht, er ließ noch immer die Höhe auf sich wirken. Oder beobachtete er Wolken? Vielleicht blickte er durch das Schiff hindurch, Hel konnte es nicht sagen. Der Wurm fand ihn reichlich seltsam. Dann, endlich bewegte er sich, er schob seine Brille auf die Nasenwurzel zurück.
„Hel?“, rief er.
„Was denn?“
„Mein...Vater!“
„Jaha?“
„Wie sieht der denn aus?“ Der Wurm stand perplex an Deck.
„Wie meinst du das?“
„Welche Augenfarbe hat er, zum Beispiel?“ Hel überlegte.
„Dunkelrot.“
„Dun-kel-rot...?!“, fragte Etienne ungläubig nach.
„Ja.“
Cool...
Nee, ernsthaft: Cooooool...
Dann kam ihm eine Idee.
Aaah! Moment mal: Vater dunkelrote Augen, Mutter blaue Augen und ich habe auch blaue Augen? Das geht doch gar nicht, das wäre gegen das Gesetz der Vererbung! Vorrausgesetzt natürlich, es wird dominant verberbt.
Hm, wie prüf ich das nach...?

Der Wurm drehte sich verstohlen etwas zu dem sehr stillen Etienne herum und sah sein schwarzes T-Shirt so stark im Wind flattern, dass er aussah wie ein Buckliger. Der Junge tat ihm leid. Er schien diese ganzen Umstände nicht zu verstehen, auch sonst hatte er kaum geredet, als Hel ihm erklärt hatte, weshalb Elster ihn von einen Tag auf den anderen einfach in die Unterwelt mitnahm. Der Junge erschien etwas schwer von Begriff – oder aber er brauchte einfach Zeit, das alles zu verarbeiten...
Hels Fangärmchen schlingerten an Deck hin und her, als ihn eine besonders starke Windbö erfasste. Alles Mitleid in Ehren, aber ihm war kalt!
„Können wir bitte wieder unter Decke gehen?“ Er zuckte leicht zusammen.
„Ja, sofort...“ Der Blick des Jungen klebte am Horizont. „...komm gleich...“

Fern am Horizont, in den verschiedensten Blautönen zu sehen, ragten Gebirgsketten in den Himmel. An sie schmiegten sich, als wollten sie die kalten Wipfel wärmen, dichte Wälder an, eben jene dichte Wälder, die in Fladen auch die Landschaft unterhalb des Luftschiffes bedeckten. Aber auf halben Wege war plötzlich... ein Loch im Wald. So erschien die flache schwarze Ebene jedenfalls auf Entfernung. Und über den Wäldern, direkt im Kurs auf das Schiff zu...
Etienne runzelte die Stirn. Und da, ganz weit hinten, war dieser seltsame, hüpfende, schwarze Punkt am Horizont. Es erinnerte ihn zuerst an einen sehr großen Vogel, aber dafür waren die Bewegungen falsch. Er zog also die Stirn kraus und schob die Lippen etwas vor.
Dann fiel ihm ein, dass seine Mutter immer sagte, wie niedlich er dann aussah und versuchte hastig ernst zu gucken. Der schwarze Punkt kam näher, wurde dann immer größer bis...
Plonk.
Etienne packte die eiskalte Reling und starrte hinab. Stürmende Tiefen blickten zurück und weit entfernt ein durch diverse Wolkenschichten vernebelter Wald.
„Hel!“ Der Wurm kroch rückwärts auf Etienne zu.
„Ja?“
„Da ist irgendwas gegen das Schiff gekracht!“ Langsam drehte er sich herum und zog dabei einen Kreis aus Schleim. Sechs Ärmchen hielten die Reling fest, zogen dann einen dicken Oberkörper und Kopf soweit über das Geländer, dass Hel einen Blick die Reling herab werfen konnte.
„Oha.“
„Was, oha?“
„Das wird wohl Medlock sein.“ Der Wurm sabberte in die Tiefe.
„Medlock?!“, fragte Etienne, der jetzt gar nichts mehr verstand. „Mark Medlock ist gegen das Schiff gebumst?!“, lachte er panisch. Das Bild in seinem Kopf war einfach zu absurd.
„Nicht Mark Medlock: Flederhund Medlock.“
Etienne wollte noch „häh“, sagen, aber dazu kam er nicht mehr: Ein Gewirr aus schwarzen Krallen, Zähnen und Flügeln stieß aus der Tiefe empor und brach über sie herein.

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Tut mir leid, dass die beiden letzten Kapitel so kurz waren, aber ich wusste nicht, wie ich die beiden verbinden soll, ohne, dass ein Riesenkapitel daraus wird...

Damit es hier jetzt noch nicht vorbei ist, hab ich noch ein Zusatzkapitel, das es nicht mehr in die Story selbst hineingeschafft hat (zu wenig ernst und zu wenig Handlung...)

Bittesehr:

Nachdem Medlock das Schwert mit Bruchlandung abgeliefert und er dabei aus Versehen Etienne umgekegelt hat, beschwert er sich, während er sich an einem weitreichenden Obstbuffet verlustiert, bei Hel über seine Arbeitsbedingungen:

„...Und mir tun die Flügel weh, kann ich dir sagen! Die ganze Nacht und den ganzen Tag bin ich geflogen. Vier-und-zwan-zig Stun-den! Jetzt haben sogar meine Augenlider Muskelkater! Ich bin ein nachtaktives Wesen, wie kann man mir so etwas zumuten? Warum krieg ich eigentlich keine Lohnerhöhung, verdient hätte ich es...!“
Medlock verstummte kurz um eine halbe Melone mit seinen Backenzähnen zu spalten und so in kleinere, maulgerechte Stücke zu zerteilen. Die Schale knackte dabei wie der Schädel eines Menschen und Saft floss wie Blut seinen Kiefer hinab – niemand und nichts konnte Obst so unvegetarisch essen wie Medlock. „...und überhaupt, was kann ich dafür, wenn der Junge in meiner Landebahn steht! Kann ich gar nichts dafür! Ich betone immer, dass man einem landenden Flederhund aus dem Weg gehen sollte, besonders mir. Und ich war erschöpft, ich armer Flederhund, ich hab nichts gesehen! Ich finde, Elster beutet mich regelrecht aus! Vierundzwanzig Stunden! Ich hab wirklich eine Lohnerhöhung verdient... und ich hätte auf meine Mutter hören sollte, als sie sagte: Medlock, gründe eine Familie, lass dich nicht vom Militär einziehen und sowieso!“ In den Pausen zwischen den Wörtern verschwanden nacheinander zwei Dutzend Trauben, ein paar Äpfel und Birnen sowie die Melonenstückchen in Medlocks Backentaschen, wurden, während er sich beschwerte, kurz durchgekaut, was dafür sorgte, dass Hel, der ihm gegenüber saß, mit Obstsalat besprenkelt wurde, bevor er immer mal wieder schluckte. Und momentan schwieg er nur, weil er damit beschäftigt war, Wasser aus einer Tränke zu schlabbern. Hinterher tupfte er sich manierlich die Barthaare ab und begann aufs neue zu grummeln: „Aber wirklich. Ich hab nichts gesehen... und dieses Risiko, als ich Adrrian das Schwert abgenommen habe, mein Herz wäre beinahe explodiert! Er wäre beinahe aufgewacht! Und sehen wir mal davon ab, dass er, wenn er es herausfindet – und das wird er – ich mich nie wieder in irgendeiner unterirdischen Höhle blicken lassen kann, ja! Das ist kein Berufsrisiko mehr, das ist Selbstmord! Und...“
Hier unterbrach ihn Hel. Der Wurm, er und Etienne, der (zum zweiten Mal heute) bewusstlos auf der Fensterbank lag und ab und an, vom Schaukeln des Schiffes verursacht, den Kopf hin und her wippte, während seine Brille die Nase immer tiefer herab rutschte, befanden sich mit in dem Raum. Es war Mittag, aber da sie gerade in einer Wolkenfront flogen, war die Welt draußen grau und düster und der Wasserdampf brodelte wie in einem Hexenkessel vor sich her und saugte an den Fensterscheiben. Der Wurm gurgelte nun also einen Haufen Spucke, bis seine Stimmbänder frei waren und meinte mir gewohnt glockentiefer Stimme, aus der keine Gefühlsregung herauszuhören war:
„Oh, du bist sooo ein armer Flederhund.“ Medlock schob die Unterlippe vor.
„Ja! Vierundzwanzig Stunden! Es ist unglaublich, so schuften nicht einmal die Sklaven!“
„Oh ja soooooo ein armer Flederhund!“ Seine schwarzen Augen glitten zum Hofmagier der Unterwelt herüber.
„Ja... äh, Ja!“
„Du opferst dich sooo für diese ganze Sache auf!“
„Ja!“, meinte Medlock, dessen Selbstsicherheit sich nach kurzem Schwanken wieder aufrichtete.
„Und Elster behandelt dich sooooo ungerecht, dich armen, armen Flederhund! Dich armen, tapferen, erschöpften Flederhund! Bübübübübü...!“
„Ja! Öh...Bübübü?“ Hel winkte mit den Ärmchen.
„Was du brauchst, ist eine große, herzliche Umarmung!“ Der Wurm wobbelte auf die sehr erschrocken guckende, überdimensionale Fledermaus zu. „Los, komm in meine schlabbrigen Arme!“
„WAS?!“ Medlock ruckelte von dem Obstbuffet weg.
„Komm, zeig Gefühle! Lass alles raus!“, sagte Hel und wollte sich offensichtlich an den pelzigen Leib von Medlock kuscheln. Der Flederhund wich zurück, schmiss dabei einen Stuhl um und bewegte sich, so schnell er konnte, rückwärts.
„Hilfe!“

In diesem Moment kam Elster herein. Sie stiefelte, offensichtlich in Gedanken, ins Zimmer und verharrte, als ihr Blick die beiden traf. Danach brauchte sie ungefähr eine Sekunde um zu erfassen, was sich da vor ihren Augen abspielte.
Und da rutschte ihre Miene immer mehr in einen nicht zu beschreibenden Gesichtsausdruck des absoluten Horrors.
Hel sah aus, als hätte man ihn wie einen zu eng gestellten Rucksack an Medlocks Leib geschnürt und Medlock seinerseits wirkte, als würde er gleich gefressen werden. Er stieß einen kehligen, gepreßten Laut aus, der nurnoch entfernt an ein „Hallo“ erinnerte.
Das ganze hatte ein gewisses Flair, wie von... King Kong vs Godzilla.
Einige stumme Blicke wurden ausgetauscht, dann löste sich Hel leise, aber vor allem schnell von dem erstarrten Medlock, beide hüstelten verlegen. Elster blinzelte irritiert. Dann schüttelte sie den Kopf.
„Nein, das geht mich nichts an...“, murmelte sie und takelte auf ihren Absatzschuhen vorbei, „...das geht mich nichts an...“
„Es ist nicht so...“, wollte Medlock zur Erklärung ansetzen, aber Elster hob die Hand und schnitt ihm das Wort ab. Sie schauderte. „...das geht mich nichts an...!“ Sie ergriff die Klinke, warf den beiden einen undefinierbaren Blick zu. Die Tür schloss sich mit einem Knall hinter ihr. Beide zuckten leicht zusammen.
Hel sah Medlock an und sagte:
„Bübü...“
„HÖRST DU WOHL AUF DAMIT???“

RickyLee
18.04.2008, 18:22
http://www.bild-hoster.de/images/rickylee/dolch_1.jpg

(Sorry, es hat um einiges länger gedauert, aber ich musste erst wieder neue Kapitelbilder malen...)

Wenig später, nachdem Lord Adrrian wenig beruhigt von seinem Streifzug über die schwarze Ebene zurückkehrte, hatte er nach seinen Soldaten gerufen und sie antreten lassen. Nun stand das versammelte Heer unter den Augen des dunklen Herrschers und versuchte unschuldig auszusehen – und das, obwohl sie nicht einmal etwas getan hatten!
Der Lord erklärte ihnen den Sachverhalt.
„Männer!“, brüllte er und die ersten Reihen standen noch etwas strammer. „Viele von euch werden es wohl schon erfahren haben, dennoch...
Das schwarze Schwert, die edle Klinge meiner Vorväter – unserer Vorväter...“ Kunstpause. „,...wurde letzte Nacht entwendet. Gestohlen, um es besser zu sagen.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und gebannt folgten ihm die Augen seiner Soldaten. Er begann die Reihe abzugehen. „Und um es gleich zu sagen... ich halte manche von euch für FAUL. Für DUMM oder für FEIGE...“, brüllte er die Worte drei Soldaten nacheinander in ihr Gesicht. Ein einzelner Greif klackte leise mit dem Schnabel. „Aber so dumm, um mir etwas zu stehlen, könnt ihr gar nicht sein...“ Seine Körperhaltung lockerte sich und die Armee gönnte sich ein kollektives Lachen. Ein Handzeichen des Königs und sie verstummten bis zum letzten Mann.
„Ihr wisst auch, dass ich euch mit Sicherheit nie denken lasse, vor allem nicht für mich.“, begann er von neuem. Die Sonne stand bereits hell über dem Platz, die Ghule hielten die Köpfe, trotz der milchig weiß glänzenden Schutzschicht auf ihren Augen, der Sonne abgewandt. Das grelle Licht teilte den gesamten Platz in Kontrastfarben und die schwarze, heiße Erde schien danach zu dürsten, mit dem Schweiß kämpfender Krieger gekühlt zu werden. „Aber dies ist eine Ausnahmesituation...
Also: Hat irgendjemand von euch letzte Nacht etwas besonderes bemerkt oder hat irgendjemand Hinweise, wer oder was das Schwert gestohlen haben könnte?“

Die Sonne glühte lautlos auf Schildern, Speeren und Schwertern, als die Soldaten nachdachten. Zaghaft hoben einige die Hand. Lord Adrrian hob erneut zur Rede an und sagte, von einem Blick wie unbarmherziger Frost begleitet: „Und wer jetzt anmerkt, ich habe es vielleicht einfach nur selbst verschusselt, an dem probiere ich meine restlichen drei Schwerter aus...“ Einige Hände sanken um einiges entschlussfreudiger, als dass sie gehoben worden waren. Nur ein niederer Diener, der sich zwischen zwei Ghulen vor der Sonne verkroch und dort seine unzähligen Beine sortierte, hatte noch eines davon erhoben. Der Lord nickte ihm harsch zu und er richtete die ersten drei Segmente seiner Vorderleibes auf, was einem salutieren am ehesten gleichkam.
„Lord, der Feind hätte es entwenden können um eure Kampfkraft zu schwächen, Lord!“
„Mit dem Diebstahl eines einzigen Schwertes? Nein...“ Der Lord schritt die Reihe wieder herauf, während er den Vorschlag auf seine Stichhaltigkeit prüfte. „Ausserdem ist das Schwert nicht... sagen wir, es gibt bessere Schwerter. Kaum einer wird es überhaupt aufheben können, es ist ziemlich schwer...klobig...“ Er rieb sich über seine bleichen Bartstoppeln und brummte: „Es hat eher einen ideellen Wert.“

Eine seltsamen Stille trat ein und Adrrian fiel ein, mit wem er redete. „Mit ideell meine ich, dass... ähm. Es hat Tradition. Es ist uns wichtig und weniger wertvoll.“ Der Gesichtsausdruck mehrere Ghule rutscht aus dem „häh?“ in den „aha!“-Bereich. Ein paar Soldaten nickten und ein allgemeines Raunen erklang.
„Wem könnte es dann sonst wichtiger sein, ausser uns?“ , erklang eine Stimme aus der Menge. Der Herrscher der Unterwelt hob die Unterarme, Rüstungsteile klapperten, als er mit den Schultern zuckte.
„Niemandem. Das schwarze Schwert war von jeher im Besitz der Familie Drachenkopf und wurde von Generation zu Generation...“
Von Generation zu Generation... vom Vater zum Sohn...
Er verstummte kurz und presste das nächste Wort heraus. „...weitervererbt...“ Ein finsterer Verdacht begann in ihm zu keimen. „Nur jemand aus unserer Familie, der Familie der Drachenkopfs könnte Interesse an dem Schwert hegen...“

Das schwarze Schwert war nicht nur eine schnöde Waffe, es war das legendäre Schwert der Drachenkopfs. Jene Klinge existierte bereits bevor Lord Adrrian Drachenkopf der erste es in einer Kathedrale aus Tropfsteinen dem Gestein entriss und es würde noch länger existieren, als es die Familie der Drachenkopfs geben würde. Es war die Königsklinge, ähnlich wie eine Krone, nur blutiger, markierte es den derzeitigen Herrscher der Unterwelt.

Adrrian erinnerte sich zum ersten mal seit gut sechzehn Jahren wieder daran, dass er einen Sohn hatte.
Man mochte Adrrian vielleicht als eher schlichtes Gemüt bezeichnen, sodenn man denn wollte, aber zwei und zwei zusammen zählen konnte er allemal.
Das Gesicht des Feldherrn war ernst. Seine Faust ballte sich, hart und fest wie Granit. Aber er war zu sehr erfahrener Feldherr und Stratege um sofort loszustürmen. Er blieb verhältnismäßig ruhig. Nur seine Stimme hatte sich verändert, sie klang härter... angespannt.
„Ist jemandem von euch gestern Abend noch irgendetwas aufgefallen?“

Nach und nach stellte sich heraus, dass Medlock trotz seiner Vorsicht nicht unbemerkt geblieben war, als er über die von Lagerfeuern und Glühraupen erhellten Lager geflogen war. Seine Flügelschläge waren den Ohren eines besonders aufmerksamen Ghuls nicht entgangen und ein Tausendkrabbler, der die nächtlichen Baumwipfel erklommen hatte, hatte seine dunkle Silhouette vor dem Mond bemerkt. Es war eben unmöglich über einen bewohnten Wald zu fliegen ohne bemerkt zu werden.
Über seine Karte gebeugt drückte Adrrian nach jeder Anhörung eine Nadel ins Pergament. Er war inzwischen ins Lager zurückgekehrt und hatte das Schriftstück über einem Baumstumpf ausgebreitet. Seine Stirn lag noch immer Falten, die in seinem kantigen Gesicht wie in Stein gemeißelt erschienen. Und nach und nach ergaben die Nadeln eine beinahe Schnurgerade Linie, die sich über den Wald, die schwarze Ebene in Richtung der von vulkanischen Aktivitäten und Spalten durchzogenenRandregion spannte. Was Adrrian am meisten...überraschte... war, dass in der Randregion der Zugang zur Unterwelt lag. War der Prinz etwas schon längst dort und hatte bereits seinen Sturz geplant, während er seine Zeit auf dem Schlachtfeld verbracht hatte? Hielt er sich bereits dort irgendwo versteckt?
Ein Schauer lief seinen Nacken herab. Bei Elster? War sie in Gefahr?
Oder, moment mal... rein theoretisch hätte auch Elster sein Schwert stehlen können, immerhin hatte sie genauso die Befehlsgewalt über die fliegenden Einheiten seiner Armee und...
Die Soldaten rund um ihn herum sahen kurz auf, als der dunkle Herrscher von einem Moment auf den anderen in herzliches Lachen ausbrach.
Neeein... das war einfach ZU abwegig...
Trotz ihrer Meinungsverschiedenheit bezüglich des Krieges stand sie ja immer hinter ihm, so wie es eine gute Ehefrau tun sollte.

Wieder in seinen üblichen Ernst zurückgekehrt, wandte er sich wieder der Karte zu und betrachtete die Kette aus Nadeln genauer. Wirklich ernst würden die Dinge erst werden, wenn sein Sohn das Schwert in die Hände bekam, immerhin war es kein normales Schwert, mit nicht zu unterschätzender Macht, trotz allem.
Er sollte so schnell wie möglich einen Jagdtrupp zusammenstellen, vielleicht ließ sich ja das Schlimmste noch verhindern... und wenn nicht, so war er für das Schlimmste schon gewappnet. Wenn das überhaupt noch möglich war.
Wer auch immer diesen Diebstahl geplant hatte, ob es sein Sohn gewesen war oder irgend jemand anderes, dachte Adrrian schon die ganze Zeit, musste ziemlich dumm gewesen sein, wenn er glaubte, dass man ihn nicht verfolgen würde.
Oder er... wusste es – und rechnete bereits damit.

Weit weg saß Elster an ihrem Schreibtisch und sah auf, das dicke Papier raschelte leise auf der Arbeitsfläche. Die dunkle Tischplatte bestand aus halb versteinertem Holz und war so poliert, dass sie das Licht der Kerzen reflektierte, die ihren Arbeitsplatz erhellten. Der Abend kroch bereits über den Himmel und malte die Wolken violett. Sie strich sich übers Haar und sah aus dem Fenster, die Stirn in sanfte Sorgenfältchen gelegt, den Schäfchenwolken hinterherblickend.
Sie hatte keine Zeit, einfach keine Zeit... oder eher... nicht genug Zeit. Sie seufzte schwer. Sie wusste: Bei den Drachenkopfs konnte einzig und allein der Sohn die Nachfolge als inoffizieller König der Unterwelt antreten. Und das war ganz klar Etienne... aber...
Aaaaaaber...
Oh, was für ein großes Aber!
Sie ließ sich tief in ihren Stuhl sinken und betrachtete missmutig ihre Fingernägel. Einer davon war ein Stückchen zu lang.
Etienne war nicht... wirklich... bereit dafür. Um es nett auszudrücken.
Hochkant steckte ein verblüffend dolchähnlicher Brieföffner im Holz des Schreibtisches. Flügel mit tausenden von einzelnen, filigranen Federn bildeten den Griff, die Klinge schimmerte und zeugte von unheimlich glatter, unwirklicher Schärfe. Diesen Brieföffner hebelte sie nun heraus, setzte die Klinge an ihrem Fingernagel an.
Nein... Etienne war überhaupt nicht dafür geeignet.
Eine kurze, rasche Bewegung und ein Splitter löste sich, sie legte die Klinge weg. Sie streckte den Arm aus und betrachtete das Ergebnis.

Dann klatschte sie in die Hände.
Es spielte keine Rolle! Wichtig war, das Beste draus zu machen!
Mit einem Hüpfer stand sie auf, pustete die Kerzen aus und krallte sich den Trainingsplan, den sie in den letzten Stunden ausgearbeitet hatte.
Im Vorbeigehen rammte sie den Brieföffner an seinen angestammten Platz.

RickyLee
29.06.2008, 17:52
http://img210.imageshack.us/img210/6130/etienneuj9.jpg

Die Harpye, das Luftschiff Elsters, schien keine Pause zu brauchen, was auch an Hel lag. Er hielt die Gase in der Blase, in die das bauchige Schiff überging, durch seine Magie ständig heiß und ließ sie so weiterhin schweben. Die Tarantulaner, ganz salopp als riesige Spinnen zu beschreiben, die unten im Schiff lebten, beschwerten sich nicht über den Arbeitsakkord. Immerhin hatten sie ganze acht Beine, mit denen sie Rudern und so das ganze Schiff steuern konnten. Wurde ein Armpärchen müde, nahmen sie einfach das nächste. Der ganze Schiffsbauch war erfüllt von geschäftigen Krabbeln ihrer behaarten, schwarzen, langen Beine, die in dem diffusen Licht einer einzigen, schummrigen Lampe eifrig einander und die Wände verdeckten.
Niemand sah hier gerne nach dem Rechten.

Das Schiff selbst bewegte sich mit ruhigen Ruderschlägen vorwärts und näherte sich mit jedem von eben jenen Ruderschlägen mehr seinem eigentlichen Ziel: Der Randregion und somit dem Tor zur Unterwelt. Elster wusste, dass sie so viel Zeit herausschlagen musste wie nur möglich. Und welcher Ort war besser geeignet dazu, einen angehenden Herrscher auf sein Amt vorzubereiten und sich gleichzeitig vor Verfolgern zu verstecken, als die unendlich erscheinenden Höhlen der Unterwelt?
Aber bis sie dort waren...
Ja, bis dahin hatte sie erstmal den Trainingsplan.

Etienne ahnte momentan noch nichts von seinem Glück, denn er war noch ohnmächtig. Sowohl Medlock als auch Hel waren gegangen, der (vermutliche) Prinz der Unterwelt lag allein und mit geschlossenen Augen auf einem beinahe thronartigen Stuhl, vor den ein Schemel plaziert worden war, sodass er die Möglichkeit hatte, relativ bequem zu liegen. Vor ihm erstreckte sich ein langer, sehr langer Tisch aus dem selben Material, aus dem auch Elsters Schreibtisch bestand: Dunkles, poliertes Steinholz, jedoch schlichter und matter gerarbeitet und mit den Füßen auf dem Boden verschraubt, damit er selbst bei Turbulenzen des Schiffes stabil stehen blieb.
Nun öffnete Etienne langsam die Augen. Ohne Brille wirkten sie fast... bleich, die Farbe unwirklich hellblau und sah man genau hin, merkte man, dass auch die Pupillen einen ganz leichten Grauschleier zu haben schienen, als läge eine dünne Patina auf seinen Augen. Etienne selbst vermutete, dass es sich dabei schlicht um einen Nebeneffekt einer ziemlich starken Hornhautverkrümmung handelte. Daher wunderte es ihn auch nicht, dass seine Brillengläser eher Glasbausteinen ähnelten als Sehhilfen.
Nun stemmte er sich hoch und blinzelte angestrengt. Er sah nichts, aber auch gar nichts. Die gesamte Umgebung war zu einem düsteren Wischiwaschi verflossen. Er schielte etwas, weil seine Augen kein Ziel hatten, auf das sie sich richten konnten.
Er ertastete die Armlehnen, die Rückenlehne.
„Hallo?“, rief er halblaut in den stillen Nebel hinein. Etwas rutschte seine Brust herunter und landete mit einem Klappern auf dem Boden. Seine Brille! Sie war ihm einfach nur im Schlaf von der Nase gerutscht und auf sein T-Shirt gefallen. Er wollte eigentlich nur lässig den Arm ausstrecken um sie wieder herauf zu angeln, verschätzte sich aber in der Breite des Schemels zu seinen Füßen und polterte auf den kalten Dielenboden. Nach einigem Tasten fand er seine Brille und zog sie auf, gerade in dem Moment, als Elster hereinkam.

Sie musterte ihn, wie er so am Boden kroch und kicherte leise.
...oh-oh...
„E-ti-eeeeheeeeeeenne!“, so stöckelte sie auf ihn zu.
WEG HIER!!!
Etienne rappelte sich auf, musste sich aber gleich darauf wieder am Tisch festklammern, weil sich der Boden des Schiffes gerade in diesem Moment schief legte. Verdammte Turbulenzen. Elster blieb trotz Stöckelschuhen so gut wie unbeeinträchtig. Sie kam näher.
„Nur für diiiiich!“ Etienne schlug einen Haken um die Tischecke und hechtete auf die Tür zu.
Doch die Geliebte des Herrschers der Unterwelt dachte gar nicht daran, ihm hinterher zu laufen. Stattdessen umspielte ein wissendes Lächeln ihre Mundwinkel. „Hel, abschließen, bitte!“ Mit einem Rummser schloss sich die Tür und mit einem zweiten Rummser krachte Etienne in voller Fahrt dagegen und polterte zu Boden.
Einen Moment lang blickte er das Holz hinauf und fragte sich leise, ob es etwas bringen würde, würde er winselnd daran kratzen...
Nein! Ein wenig Würde hatte er noch.
Darum stand er auf, klopfte sich die Knie ab und drehte sich mit entschlossener Miene zu Elster um. Die schnalzte mit der Zunge.
„Also wirklich, du könntest öfters mal dein Köpfchen einschalten, weißt du?“ Sie wedelte mit der Hand. „Aber ist ja auch egal, für das, was ich mit dir vorhabe, musst du ja nicht nachdenken.“ Sie hob das Pergament. „Tadaaa, dein neuer Trainingsplan!“, grinste sie und klatschte es auf den Tisch, winkte ihn heran. „Komm her!“
Sie wartete ab, winkte dann nochmal mit Nachdruck. „Na, komm schon“, versuchte sie ihn zu ermutigen.
Zögernden Schrittes schlich er auf sie zu. Egal, was die Anspielung gerade sollte, er dachte auf jeden Fall, dass, wenn er unter verschiedenen Richtungen wählen dürfte, genau die richtig wäre, die von Elster weg und nicht zu ihr hin führte.

Da Etiennes Geschwindigkeit proportional zum zurückgelegten Weges abnahm, verdrehte Elster auf halbem Weg die Augen und zog ihn zu sich her.
„Herrje! Kann man sich auch so anstellen!“, seufzte sie. „Das Bisschen Sport ist doch kein Weltuntergang, schau doch mal...“, sagte sie und hob ihm das Papier vors Gesicht.

Draußen an der Tür meinte Hel recht beängstigende Klopf- und Kratzgeräusche zu vernehmen...