Ts4EVER
08.02.2009, 16:52
Nicht unbedingt Fantasy, aber schaden kann es nicht. Feedback bitte.
Sechs Wochen
27.6.1944
Bei der „blutigsten Quadratmeile der Normandie“
Es gibt angenehmere Arten geweckt zu werden , als durch die Stiefelspitze eines Kameraden. „Aufstehen Richard, es geht los“, erklang die heisere Stimme von Private Charles Trenchard neben ihm. Noch etwas verschlafen raffte sich Richard auf. Es war noch dunkel, vielleicht 3 oder 4 Uhr morgens. Er hatte nicht lang geschlafen, seit er das Schützenloch gegraben hatte, aus dem er sich jetzt gähnend heraus quälte. Er blickte sich um. Der Rest seines Squads machte sich bereits für die bevorstehende Operation fertig: alles vertraute Gesichter, die jetzt müde und ein wenig abwesend abwechselnd auf Corporal Davies oder ihre Ausrüstung starrten.
So, Männer, bereit machen. In 5 Minuten müssen wir an der Start-Linie stehen, dann geht der Artillerie-Beschuss los. Unser Ziel ist das Chateau, es einzunehmen hat höchste Priorität!“ Das Chateau. Es war schon einmal eingenommen worden. Eine Infanteriekompanie hatte es im Handstreich genommen, sehr zum Ärger der Deutschen, die mit Panzern zurück schlugen und das alte Gemäuer wieder unter ihre Kontrolle brachten. Jetzt waren das dritte Batallion und die Royal Engineers an der Reihe.
Richard packte seine Sachen zusammen: Drahtschere, Gewehr und, am allerwichtigsten, die kleine Schaufel, die das Überleben im Zielgebiet sicherstellen sollte. Das Minensuchgerät blieb zurück. Das war ein Kampfeinsatz, kein Räumaktion. Leise marschierten die Männer zu Startlinie. Es gab keine Gespräche, worüber auch? Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Richard versuchte das Chateau zu erspähen, doch es war noch zu dunkel. Würde er den Sonnenaufgang miterleben?
„Der Artillerie-Schlag müsste jeden Augenblick losgehen.“, meinte Corporal Davies. „Bereit machen“
Der Artillerie-Schlag ging los und er war vor allem eins: laut. Ein ohrenbetäubendes Donnern, das sich durch den Boden bis in die Körper der Soldaten fortsetzte. Das Blitzen der Explosionen war nur kurz zu sehen, bevor sich ein undurchdringlicher Vorhang aus aufgewirbeltem Dreck und Trümmerstücken davor aufbaute. Auch die Maschinengewehrkompanie entschied sich, noch etwas zum Lärm beizutragen und schoss über die Köpfe der Soldaten hinweg.
Dann wanderte das Feuer. Langsam rutschte die Feuerwalze nach vorn, wie eine tödliche Welle aus Staub, Dreck und Vernichtung. Befehle waren nicht zu verstehen, doch Corporal Davies hob seinen Revolver, deutete nach vorn und begann zu marschieren. Dasselbe tat Richard. Dunkelheit und Chaos lagen vor ihm. Der Trupp marschierte geschlossen auf das Zielgebiet zu, unaufhaltsam hinter der Feuerwalze. In der Dunkelheit war es schwierig, nicht den Kontakt zu seiner Kompanie oder sogar seinem Squad zu verlieren. Schemenhaft erkannte Richard einige Gestalten vor ihm, doch Stimmen oder andere Geräusche wurden von dem undurchdringlichen Lärm verschluckt. Erst als sie an einigen brennenden Gebäuden vorbei kamen, sah er den Rest des Angriffs wieder.
Bildete er sich das nur ein oder waren es deutlich weniger geworden? Er bildete es sich nicht ein. Ab und zu brach einer der Männer zusammen und wenn es bemerkt wurde, steckte ein Kamerad das Gewehr des Betroffenen als Markierung neben ihn in den Boden und marschierte weiter. Einige Unglückliche wurden nicht bemerkt und so mancher starb nach Tagen in einem der umgebenden Kornfelder, in dem er nicht lokalisiert werden konnte. Mehrere Tote oder Verwundete lagen bereits am Boden, doch Corporal Davies marschierte immer noch voran, den Revolver in der Hand.
Richard marschierte weiter und tauchte aus dem Schein der brennenden Häuser in die Dunkelheit ein. Es waren nicht mehr viele übrig, als die Feuerwalze langsam abklang und Davies das Signal zum Halten gab. Flüsternd wurde der Befehl weitergegeben. Man sammelte sich. Richard sah, dass sie nur noch zu siebt waren.
Davies sprach. „Wir sind am Chateau vorbei gelaufen, aber die Position hier eignet sich gut für eine vorgelagerte Stellung. Eingraben!“ Der Boden war hart, doch ein guter Graben kann dein Leben retten. Richard wusste das und er war inzwischen recht gut im Graben. Zentimeter für Zentimeter wurde das Schützenloch tiefer, während das fahle Licht des Morgens langsam und seltsam zögerlich über den Boden kroch.
Dann kamen die Mörser. Sie kündigten sich durch ein lautes Pfeifen an und noch bevor die eigentliche Explosion erklang hatte sich Richard in das halb ausgehobene Loch geworfen. Dieselbe Idee hatte ein anderer Soldat der sich anscheinend zu weit von seinem eigenen entfernt hatte. Richard kannte ihn nicht, er war wahrscheinlich aus einem anderen Squad oder gar einer anderen Kompanie. So lagen die beiden Männer in einem halb fertigen Graben, die Stiefel des jeweils anderen im Gesicht, und hofften dass das Loch tief genug und die Granaten schlecht gezielt waren. Das Feuer war kurz, aber intensiv und als es aufhörte klingelte es Richard in den Ohren. Außerdem hatte er einen ziemlich schmerzhaften Krampf im linken Bein. So war er ziemlich erleichtert sich endlich aus dem Loch erheben und richtig strecken zu können. Der Beschuss war kurz und nicht sehr schwer gewesen. Anscheinend waren sich die Deutschen nicht sicher auf was sie schießen sollten und ob sie nicht aus Versehen Verbündete bombardierten.
Corporal Davies trat an ihn heran: „Herhören Private! Ich möchte, dass sie wieder ein Stück zurückgehen und Kontakt zum Rest des Batallions aufnehmen, wo auch immer die stecken. Unsere Lage ist prekär. Wenn die Deutschen einen Gegenangriff starten, werden wir überrannt. Holen sie Verstärkung. Lassen sie überflüssiges Gepäck hier und lassen sie sich nicht von den Deutschen erwischen. Abmarsch!“
Richard legte seinen Rucksack und seine Schaufel in den halbfertigen Graben und machte sich auf den Weg. Im Hellen konnte er jetzt das Dach des Chateaus über eine der riesigen Hecken erkennen. Sie waren tatsächlich am Ziel vorbeigelaufen. Als er sich vorsichtig einer Außenmauer des Gebäudes näherte, erklang ein schreckliches, nur zu vertrautes Geräusch wie zerreißender Stoff: ein „Spandau“ wurde aus einem der Fenster abgefeuert. Richard warf sich in den Dreck, doch das Feuer galt nicht ihm. Der Schütze feuerte auf andere Ziele im Norden. Langsam kroch Richard an der niedrigen Außenmauer vorbei.
Plötzlich erklang eine Stimme direkt vor ihm: „Tommie!“ Richard riss sein Gewehr hoch. Es war ein Deutscher. Er lag in einem Graben und war schwer verwundet. Er zitterte und rief etwas auf Deutsch in seine Richtung. Ein zweiter Deutscher lag bewusstlos oder tot neben ihm.
„Man wird euch aufsammeln!“, rief Richard den Deutschen zu, auch wenn diese Worte den beiden wahrscheinlich wenig halfen. Dann arbeitete er sich weiter voran. Er beschloss, auf dem Rückweg eine etwas andere Route zu nehmen, außerhalb der Sichtweite des Chateaus. Zu seiner rechten befand sich eine von hohen Hecken begrenzte Wiese, die wahrscheinlich sicherer zu durchqueren war. Kaum hatte er das große Gebäude hinter sich gelassen, da traf er auch schon auf verbündete Truppen, die gerade dabei waren sich einzugraben. Richard erklärte die Situation.
„Ich schicke dir drei Mann mit, aber wenn ich ihr wäre würde ich die Position aufgeben. Die Deutschen hocken immer noch in dem Chateau und wir haben mehr Männer verloren als erwartet.“, meinte der befehlshabende Offizier. Richard und die Verstärkung machten sich auf den Weg, Richard voran. Das MG der Deutschen feuerte immer noch, dennoch verlief die erste Etappe ungestört. Der kleine Trupp machte an der großen Hecke halt.
„Wir müssen über diese Wiese. Ich hoffe sie ist feindfrei.“, flüsterte Richard und kroch langsam zu einer mit einem Gatter versperrten Öffnung in der Hecke. Seine Hoffnung wurde getrübt: Ein deutscher Panzer stand mitten auf der Wiese.
„Tolle Route“, meinte einer seiner neu gewonnenen Kameraden trocken.
„Auf dem Hinweg war der noch nicht da!“, versicherte Richard. Aus dem Chateau drangen jetzt laute deutsche Stimmen. Befehle wurden gebrüllt.
„Da geht`s auch nicht mehr lang“, stellte Richard fest. „Meinst du die planen einen Gegenangriff?“, fragte einer der Soldaten. „Vielleicht. Oder sie hauen ab und der Panzer soll ihre Flanke decken“, erwiderte ein anderer.
„Was machen wir jetzt?“
„Gute Frage. Es wäre zu gefährlich ihn zu umgehen, das Gebiet ist unübersichtlich und nicht gesichert.“, meinte Richard.
„Wir könnten ihn zerstören“, schlug einer der Soldaten vor. „Und womit, Scherzkeks? Ich sage wir warten einfach.“ Lange mussten sie nicht warten. Sie zuckten zusammen als der Motor des Panzers heulend ansprang und sich das Stahlungetüm langsam in Bewegung setzte. Behäbig drehte er sich herum und fuhr vom Chateau weg. „Anscheinend hauen sie wirklich ab…“, meinte Richard. „Wir müssen uns beeilen.“
Er war besorgt. Der Vorposten lag ziemlich genau auf der wahrscheinlichen Rückzugslinie der Deutschen. Leise bewegten sich die Soldaten entlang der Hecke über die Wiese.
„Jetzt wo die Jerries weg sind könnten wir eigentlich auch durch das Chateau.“, flüsterte einer der Männer. „Zu gefährlich.“, meinte ein anderer. „Die Krauts lassen gern Booby Traps und Scharfschützen zurück bevor sie eine Position aufgeben.“
„Ruhe jetzt!“, unterbrach sie Richard scharf. „Wir sind so gut wie da.“ Bis auf die halbfertigen Schützenlöcher und einige Ausrüstungsgegenstände war die Position verlassen.
„Meinst du es hat einen Kampf gegeben?“ Richard antwortete nicht. Er hatte sich nach einem Gegenstand gebückt, der halb im Dreck in einem der Löcher vergraben war. Es war ein Dolch.
„Was ist das?“, fragte einer der Männer. „Ein Commando-Dolch“, antwortete Richard. „die haben uns die Dinger vor dem DDay gegeben. Da unsere Aufgabe das Räumen eines Korridors bei Sword Beach war, galten wir als Sturm-Truppen. Meinten wohl da könnte man so ein Messer gebrauchen.“ „Warum hat er es zurückgelassen?“
„Hitler hat Befehl gegeben alle Commandos oder „Gangster“ nach der Gefangennahme zu erschießen. Wollten wohl auf Nummer sicher gehen.“ Er schwieg kurz. „Wir sollten jetzt gehen“, meinte er schließlich. Nach kurzer Diskussion beschloss man, den Weg zurück zu den eigenen Linien zu nehmen und dabei zu überprüfen ob das Chateau inzwischen eingenommen war. Aus der Umgebung waren immer noch Schüsse und kurze Explosionen zu hören. Ein feindlicher Gegenangriff war nicht auszuschließen. Auf dem Weg zum Chateau kamen ihnen Spähtrupps einer anderen Kompanie entgegen, die ebenfalls zum Vorposten wollten. Da sich das erledigt hatte und das Chateau anscheinend gesichert war, begab man sich dorthin um neue Befehle abzuwarten.
Das alte Gebäude war von den Kämpfen gezeichnet. Einschusslöcher zierten die Mauern, die meisten Fenster waren eingeschlagen oder zerschossen worden und das Dach des Gebäudes hatten Mörsergranaten getroffen. Im Stall lagen zwei tote Pferde. Von den Besitzern fehlte jede Spur. Einige noch recht grüne Soldaten wollten die kurze Gefechtspause nutzen, um den Weinkeller zu suchen („Jedes französische Schloss hat einen Weinkeller!“), doch die Veteranen wussten was kam.
„Eingraben!“, befahl der anwesende Corporal und alle machten sich ans Werk. Alle außer Richard. Der verfluchte sich, weil er vor dem Botengang seinen Spaten am Vorposten zurückgelassen hatte.
Den eines anderen Soldaten erbitten hatte so viel Sinn wie der Versuch einem Ertrinkenden die Schwimmweste abzukaufen, besonders in der jetzigen Situation, in der die deutschen Mörser jeden Augenblick ihren tödlichen Hagel auf das Chateau entfesseln konnten. Verzweifelt suchte er nach Deckung, während um ihn herum die Erde zerwühlt wurde. Er fand sie keinen Augenblick zu früh. Die ersten Mörser-Explosionen zerfetzten bereits die Stille, als er neben einer arg zerschossenen Wand einen deutschen Graben fand, über den eine schwere Eichentür gewuchtet war.
Mit größter Anstrengung und schwitzigen Händen bewegte er das schwere Holzstück von dem Graben und warf sich hinein. Dann zog er die Tür wieder langsam über das Loch. Warum wusste er nicht, einem direkten Treffer würde das Holz nicht standhalten, aber die Illusion von Sicherheit zählte. Unter Artillerie-Beschuss zu liegen ist die Hauptaufgabe eines Infanteristen und es ist keine schöne Angelegenheit.
Bei jeder heran heulenden Granate stellte sich dumpfe Verzweiflung ein. „Die ist für mich, das ist meine, die zerfetzt mich“, doch wenn sie dann mit woanders einschlägt war er nicht erleichtert, denn die nächste war schon auf dem Weg und diesmal würde sie garantiert treffen. Er hatte oft gehört man wisse nach einem Beschuss nicht, wie lange er angedauert hat. Jetzt fiel ihm auf wie albern diese Aussage war. Als ob Zeit noch eine Bedeutung hätte, wenn ihr Takt von einschlagenden Granaten bestimmt wird.
Anscheinend hatte eine ganze Batterie das Feuer eröffnet , denn nach einer Weile wurde es unmöglich einzelne Granaten auseinander zu halten, es war ein einziges, zusammenhängendes Donnern. Umso lauter war die Stille danach. Richard lag in seinem Graben und wusste nicht, ob der Beschuss aufgehört hatte oder er taub war.
Er lag eine Weile so da, bis er langsame Schritte hörte. Wieder wuchtete er die Tür beiseite und stieg aus seiner Stellung. Ein anderer Soldat stand draußen und blickte sich um.
„Du lebst auch noch?“, fragte er, obwohl es wahrscheinlich eher eine Feststellung war. Richard nickte trotzdem. „Wir sind die letzten.“, meinte der Soldat leise.
„Die Anderen sind nicht fertig geworden. Hab mich unter die Hecke geschmissen.“
Die anderen waren nicht fertig geworden. Sie lagen tot über die Wiese verteilt, in ihren halb fertigen Schützenlöchern.
Nach dem Krieg hieß es, ein englischer Soldat hätte nach dem DDay höchstens sechs Wochen gehabt, bevor ihn das Glück verließ. Richard hatte noch einmal Glück gehabt. Die anderen nicht. Noch während die beiden Soldaten schweigend da standen, näherten sich Fußtritte von hinten. „Dritte Kompanie vorwärts! Stellung beziehen und eingraben!“, klang eine laute Stimme. „Unsere Ablösung ist da.“, meinte Richard. Er drehte sich um und ging.
Sechs Wochen
27.6.1944
Bei der „blutigsten Quadratmeile der Normandie“
Es gibt angenehmere Arten geweckt zu werden , als durch die Stiefelspitze eines Kameraden. „Aufstehen Richard, es geht los“, erklang die heisere Stimme von Private Charles Trenchard neben ihm. Noch etwas verschlafen raffte sich Richard auf. Es war noch dunkel, vielleicht 3 oder 4 Uhr morgens. Er hatte nicht lang geschlafen, seit er das Schützenloch gegraben hatte, aus dem er sich jetzt gähnend heraus quälte. Er blickte sich um. Der Rest seines Squads machte sich bereits für die bevorstehende Operation fertig: alles vertraute Gesichter, die jetzt müde und ein wenig abwesend abwechselnd auf Corporal Davies oder ihre Ausrüstung starrten.
So, Männer, bereit machen. In 5 Minuten müssen wir an der Start-Linie stehen, dann geht der Artillerie-Beschuss los. Unser Ziel ist das Chateau, es einzunehmen hat höchste Priorität!“ Das Chateau. Es war schon einmal eingenommen worden. Eine Infanteriekompanie hatte es im Handstreich genommen, sehr zum Ärger der Deutschen, die mit Panzern zurück schlugen und das alte Gemäuer wieder unter ihre Kontrolle brachten. Jetzt waren das dritte Batallion und die Royal Engineers an der Reihe.
Richard packte seine Sachen zusammen: Drahtschere, Gewehr und, am allerwichtigsten, die kleine Schaufel, die das Überleben im Zielgebiet sicherstellen sollte. Das Minensuchgerät blieb zurück. Das war ein Kampfeinsatz, kein Räumaktion. Leise marschierten die Männer zu Startlinie. Es gab keine Gespräche, worüber auch? Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Richard versuchte das Chateau zu erspähen, doch es war noch zu dunkel. Würde er den Sonnenaufgang miterleben?
„Der Artillerie-Schlag müsste jeden Augenblick losgehen.“, meinte Corporal Davies. „Bereit machen“
Der Artillerie-Schlag ging los und er war vor allem eins: laut. Ein ohrenbetäubendes Donnern, das sich durch den Boden bis in die Körper der Soldaten fortsetzte. Das Blitzen der Explosionen war nur kurz zu sehen, bevor sich ein undurchdringlicher Vorhang aus aufgewirbeltem Dreck und Trümmerstücken davor aufbaute. Auch die Maschinengewehrkompanie entschied sich, noch etwas zum Lärm beizutragen und schoss über die Köpfe der Soldaten hinweg.
Dann wanderte das Feuer. Langsam rutschte die Feuerwalze nach vorn, wie eine tödliche Welle aus Staub, Dreck und Vernichtung. Befehle waren nicht zu verstehen, doch Corporal Davies hob seinen Revolver, deutete nach vorn und begann zu marschieren. Dasselbe tat Richard. Dunkelheit und Chaos lagen vor ihm. Der Trupp marschierte geschlossen auf das Zielgebiet zu, unaufhaltsam hinter der Feuerwalze. In der Dunkelheit war es schwierig, nicht den Kontakt zu seiner Kompanie oder sogar seinem Squad zu verlieren. Schemenhaft erkannte Richard einige Gestalten vor ihm, doch Stimmen oder andere Geräusche wurden von dem undurchdringlichen Lärm verschluckt. Erst als sie an einigen brennenden Gebäuden vorbei kamen, sah er den Rest des Angriffs wieder.
Bildete er sich das nur ein oder waren es deutlich weniger geworden? Er bildete es sich nicht ein. Ab und zu brach einer der Männer zusammen und wenn es bemerkt wurde, steckte ein Kamerad das Gewehr des Betroffenen als Markierung neben ihn in den Boden und marschierte weiter. Einige Unglückliche wurden nicht bemerkt und so mancher starb nach Tagen in einem der umgebenden Kornfelder, in dem er nicht lokalisiert werden konnte. Mehrere Tote oder Verwundete lagen bereits am Boden, doch Corporal Davies marschierte immer noch voran, den Revolver in der Hand.
Richard marschierte weiter und tauchte aus dem Schein der brennenden Häuser in die Dunkelheit ein. Es waren nicht mehr viele übrig, als die Feuerwalze langsam abklang und Davies das Signal zum Halten gab. Flüsternd wurde der Befehl weitergegeben. Man sammelte sich. Richard sah, dass sie nur noch zu siebt waren.
Davies sprach. „Wir sind am Chateau vorbei gelaufen, aber die Position hier eignet sich gut für eine vorgelagerte Stellung. Eingraben!“ Der Boden war hart, doch ein guter Graben kann dein Leben retten. Richard wusste das und er war inzwischen recht gut im Graben. Zentimeter für Zentimeter wurde das Schützenloch tiefer, während das fahle Licht des Morgens langsam und seltsam zögerlich über den Boden kroch.
Dann kamen die Mörser. Sie kündigten sich durch ein lautes Pfeifen an und noch bevor die eigentliche Explosion erklang hatte sich Richard in das halb ausgehobene Loch geworfen. Dieselbe Idee hatte ein anderer Soldat der sich anscheinend zu weit von seinem eigenen entfernt hatte. Richard kannte ihn nicht, er war wahrscheinlich aus einem anderen Squad oder gar einer anderen Kompanie. So lagen die beiden Männer in einem halb fertigen Graben, die Stiefel des jeweils anderen im Gesicht, und hofften dass das Loch tief genug und die Granaten schlecht gezielt waren. Das Feuer war kurz, aber intensiv und als es aufhörte klingelte es Richard in den Ohren. Außerdem hatte er einen ziemlich schmerzhaften Krampf im linken Bein. So war er ziemlich erleichtert sich endlich aus dem Loch erheben und richtig strecken zu können. Der Beschuss war kurz und nicht sehr schwer gewesen. Anscheinend waren sich die Deutschen nicht sicher auf was sie schießen sollten und ob sie nicht aus Versehen Verbündete bombardierten.
Corporal Davies trat an ihn heran: „Herhören Private! Ich möchte, dass sie wieder ein Stück zurückgehen und Kontakt zum Rest des Batallions aufnehmen, wo auch immer die stecken. Unsere Lage ist prekär. Wenn die Deutschen einen Gegenangriff starten, werden wir überrannt. Holen sie Verstärkung. Lassen sie überflüssiges Gepäck hier und lassen sie sich nicht von den Deutschen erwischen. Abmarsch!“
Richard legte seinen Rucksack und seine Schaufel in den halbfertigen Graben und machte sich auf den Weg. Im Hellen konnte er jetzt das Dach des Chateaus über eine der riesigen Hecken erkennen. Sie waren tatsächlich am Ziel vorbeigelaufen. Als er sich vorsichtig einer Außenmauer des Gebäudes näherte, erklang ein schreckliches, nur zu vertrautes Geräusch wie zerreißender Stoff: ein „Spandau“ wurde aus einem der Fenster abgefeuert. Richard warf sich in den Dreck, doch das Feuer galt nicht ihm. Der Schütze feuerte auf andere Ziele im Norden. Langsam kroch Richard an der niedrigen Außenmauer vorbei.
Plötzlich erklang eine Stimme direkt vor ihm: „Tommie!“ Richard riss sein Gewehr hoch. Es war ein Deutscher. Er lag in einem Graben und war schwer verwundet. Er zitterte und rief etwas auf Deutsch in seine Richtung. Ein zweiter Deutscher lag bewusstlos oder tot neben ihm.
„Man wird euch aufsammeln!“, rief Richard den Deutschen zu, auch wenn diese Worte den beiden wahrscheinlich wenig halfen. Dann arbeitete er sich weiter voran. Er beschloss, auf dem Rückweg eine etwas andere Route zu nehmen, außerhalb der Sichtweite des Chateaus. Zu seiner rechten befand sich eine von hohen Hecken begrenzte Wiese, die wahrscheinlich sicherer zu durchqueren war. Kaum hatte er das große Gebäude hinter sich gelassen, da traf er auch schon auf verbündete Truppen, die gerade dabei waren sich einzugraben. Richard erklärte die Situation.
„Ich schicke dir drei Mann mit, aber wenn ich ihr wäre würde ich die Position aufgeben. Die Deutschen hocken immer noch in dem Chateau und wir haben mehr Männer verloren als erwartet.“, meinte der befehlshabende Offizier. Richard und die Verstärkung machten sich auf den Weg, Richard voran. Das MG der Deutschen feuerte immer noch, dennoch verlief die erste Etappe ungestört. Der kleine Trupp machte an der großen Hecke halt.
„Wir müssen über diese Wiese. Ich hoffe sie ist feindfrei.“, flüsterte Richard und kroch langsam zu einer mit einem Gatter versperrten Öffnung in der Hecke. Seine Hoffnung wurde getrübt: Ein deutscher Panzer stand mitten auf der Wiese.
„Tolle Route“, meinte einer seiner neu gewonnenen Kameraden trocken.
„Auf dem Hinweg war der noch nicht da!“, versicherte Richard. Aus dem Chateau drangen jetzt laute deutsche Stimmen. Befehle wurden gebrüllt.
„Da geht`s auch nicht mehr lang“, stellte Richard fest. „Meinst du die planen einen Gegenangriff?“, fragte einer der Soldaten. „Vielleicht. Oder sie hauen ab und der Panzer soll ihre Flanke decken“, erwiderte ein anderer.
„Was machen wir jetzt?“
„Gute Frage. Es wäre zu gefährlich ihn zu umgehen, das Gebiet ist unübersichtlich und nicht gesichert.“, meinte Richard.
„Wir könnten ihn zerstören“, schlug einer der Soldaten vor. „Und womit, Scherzkeks? Ich sage wir warten einfach.“ Lange mussten sie nicht warten. Sie zuckten zusammen als der Motor des Panzers heulend ansprang und sich das Stahlungetüm langsam in Bewegung setzte. Behäbig drehte er sich herum und fuhr vom Chateau weg. „Anscheinend hauen sie wirklich ab…“, meinte Richard. „Wir müssen uns beeilen.“
Er war besorgt. Der Vorposten lag ziemlich genau auf der wahrscheinlichen Rückzugslinie der Deutschen. Leise bewegten sich die Soldaten entlang der Hecke über die Wiese.
„Jetzt wo die Jerries weg sind könnten wir eigentlich auch durch das Chateau.“, flüsterte einer der Männer. „Zu gefährlich.“, meinte ein anderer. „Die Krauts lassen gern Booby Traps und Scharfschützen zurück bevor sie eine Position aufgeben.“
„Ruhe jetzt!“, unterbrach sie Richard scharf. „Wir sind so gut wie da.“ Bis auf die halbfertigen Schützenlöcher und einige Ausrüstungsgegenstände war die Position verlassen.
„Meinst du es hat einen Kampf gegeben?“ Richard antwortete nicht. Er hatte sich nach einem Gegenstand gebückt, der halb im Dreck in einem der Löcher vergraben war. Es war ein Dolch.
„Was ist das?“, fragte einer der Männer. „Ein Commando-Dolch“, antwortete Richard. „die haben uns die Dinger vor dem DDay gegeben. Da unsere Aufgabe das Räumen eines Korridors bei Sword Beach war, galten wir als Sturm-Truppen. Meinten wohl da könnte man so ein Messer gebrauchen.“ „Warum hat er es zurückgelassen?“
„Hitler hat Befehl gegeben alle Commandos oder „Gangster“ nach der Gefangennahme zu erschießen. Wollten wohl auf Nummer sicher gehen.“ Er schwieg kurz. „Wir sollten jetzt gehen“, meinte er schließlich. Nach kurzer Diskussion beschloss man, den Weg zurück zu den eigenen Linien zu nehmen und dabei zu überprüfen ob das Chateau inzwischen eingenommen war. Aus der Umgebung waren immer noch Schüsse und kurze Explosionen zu hören. Ein feindlicher Gegenangriff war nicht auszuschließen. Auf dem Weg zum Chateau kamen ihnen Spähtrupps einer anderen Kompanie entgegen, die ebenfalls zum Vorposten wollten. Da sich das erledigt hatte und das Chateau anscheinend gesichert war, begab man sich dorthin um neue Befehle abzuwarten.
Das alte Gebäude war von den Kämpfen gezeichnet. Einschusslöcher zierten die Mauern, die meisten Fenster waren eingeschlagen oder zerschossen worden und das Dach des Gebäudes hatten Mörsergranaten getroffen. Im Stall lagen zwei tote Pferde. Von den Besitzern fehlte jede Spur. Einige noch recht grüne Soldaten wollten die kurze Gefechtspause nutzen, um den Weinkeller zu suchen („Jedes französische Schloss hat einen Weinkeller!“), doch die Veteranen wussten was kam.
„Eingraben!“, befahl der anwesende Corporal und alle machten sich ans Werk. Alle außer Richard. Der verfluchte sich, weil er vor dem Botengang seinen Spaten am Vorposten zurückgelassen hatte.
Den eines anderen Soldaten erbitten hatte so viel Sinn wie der Versuch einem Ertrinkenden die Schwimmweste abzukaufen, besonders in der jetzigen Situation, in der die deutschen Mörser jeden Augenblick ihren tödlichen Hagel auf das Chateau entfesseln konnten. Verzweifelt suchte er nach Deckung, während um ihn herum die Erde zerwühlt wurde. Er fand sie keinen Augenblick zu früh. Die ersten Mörser-Explosionen zerfetzten bereits die Stille, als er neben einer arg zerschossenen Wand einen deutschen Graben fand, über den eine schwere Eichentür gewuchtet war.
Mit größter Anstrengung und schwitzigen Händen bewegte er das schwere Holzstück von dem Graben und warf sich hinein. Dann zog er die Tür wieder langsam über das Loch. Warum wusste er nicht, einem direkten Treffer würde das Holz nicht standhalten, aber die Illusion von Sicherheit zählte. Unter Artillerie-Beschuss zu liegen ist die Hauptaufgabe eines Infanteristen und es ist keine schöne Angelegenheit.
Bei jeder heran heulenden Granate stellte sich dumpfe Verzweiflung ein. „Die ist für mich, das ist meine, die zerfetzt mich“, doch wenn sie dann mit woanders einschlägt war er nicht erleichtert, denn die nächste war schon auf dem Weg und diesmal würde sie garantiert treffen. Er hatte oft gehört man wisse nach einem Beschuss nicht, wie lange er angedauert hat. Jetzt fiel ihm auf wie albern diese Aussage war. Als ob Zeit noch eine Bedeutung hätte, wenn ihr Takt von einschlagenden Granaten bestimmt wird.
Anscheinend hatte eine ganze Batterie das Feuer eröffnet , denn nach einer Weile wurde es unmöglich einzelne Granaten auseinander zu halten, es war ein einziges, zusammenhängendes Donnern. Umso lauter war die Stille danach. Richard lag in seinem Graben und wusste nicht, ob der Beschuss aufgehört hatte oder er taub war.
Er lag eine Weile so da, bis er langsame Schritte hörte. Wieder wuchtete er die Tür beiseite und stieg aus seiner Stellung. Ein anderer Soldat stand draußen und blickte sich um.
„Du lebst auch noch?“, fragte er, obwohl es wahrscheinlich eher eine Feststellung war. Richard nickte trotzdem. „Wir sind die letzten.“, meinte der Soldat leise.
„Die Anderen sind nicht fertig geworden. Hab mich unter die Hecke geschmissen.“
Die anderen waren nicht fertig geworden. Sie lagen tot über die Wiese verteilt, in ihren halb fertigen Schützenlöchern.
Nach dem Krieg hieß es, ein englischer Soldat hätte nach dem DDay höchstens sechs Wochen gehabt, bevor ihn das Glück verließ. Richard hatte noch einmal Glück gehabt. Die anderen nicht. Noch während die beiden Soldaten schweigend da standen, näherten sich Fußtritte von hinten. „Dritte Kompanie vorwärts! Stellung beziehen und eingraben!“, klang eine laute Stimme. „Unsere Ablösung ist da.“, meinte Richard. Er drehte sich um und ging.