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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Neal Asher: Agent Cormac


sindar
24.06.2009, 17:40
Sodele, ich versuche mich jetzt doch mal an einem Thread ueber die "Agent Cormac"-Reihe von Neal Asher.

Ach ja: Ich verlinke hier die englischen Originale, weil ich mir bei den Uebersetzungen nicht bei allen Baenden sicher bin, welcher denn nun welcher ist, und ich hier in Irland nun mal nur die Originale kriege (und nein, sich etwas per Post nach Irland schicken zu lassen, ist in der Regel keine gute Idee).

Erster Band: Gridlinked
Deutsche Uebersetzung: Der Drache von Samarkand (der einzige, bei dem ich sicher bin, weil ich den auf Deutsch habe)

Ein Unfall bei einem Runcible-Transport (die Dinger sind so was entfernt aehnliches wie ein Stargate: Man braucht zwei davon, um ohne Zeitverlust beliebige Entfernungen ueberbruecken zu koennen) zerstoert eine Kolonie auf einem Planeten (namens Samarkand), dessen Terraforming gerade eben begonnen hat. Da Runcibles bisher absolut zuverlaessig waren und eine der Lebensadern der Gesellschaft darstellen, wird der faehigste Agent der Polis (eine Art interplanetare Regierung mit Sitz auf der Erde) darauf angesetzt, Agent Ian Cormac. Dieser ist zu der Zeit gerade damit beschaeftigt, irgendwelche Rebellen zu unterwandern. Dabei kommt einer der fuehrenden Koepfe zu Tode. Ihr Bruder beginnt daraufhin einen Rachefeldzug gegen Cormac. Ausserdem taucht ein geheimnisvollen Ding namens "Drache" wieder aus der Versenkung auf. Drache besteht aeusserlich aus vier Kugeln, deren jede etwa einen Kilometer Durchmesser hat. Seine Form kann er anscheinend recht beliebig veraendern, jedenfalls kann er jederzeit Tentakel und aehnliches ausbilden. Viel mehr ist nicht ueber ihn bekannt, ausser dass er Zeugs daherredet, das kaum einer versteht. (Wie redet der eigentlich? Wuesste nicht, dass das klar wird. Ausser, wenn er ueber Funk kommuniziert.) Jedenfalls kann er durch's All fliegen. Ich kann verraten, dass von den Kugeln in "Gridlinked" nur eine auftaucht.

Im ersten Band der Reihe stellt Asher hauptsaechlich die Hintergrundwelt vor. Ausserdem werden einige Personen, die spaeter in der Reihe noch wichtig werden, mit etwas Tiefe versehen. Hauptsaechlich lebt das Buch aber von sehr rasanter (und recht blutiger) Action. Ein paar verrueckte Ideen sind schon drin, aber da hat sich Asher einiges fuer die spaeteren Baende aufgehoben. Ist OK, denn die Vorstellung der Welt selber ist schon locker genug fuer einen Band.

Line of Polity
Deutsche Uebersetzung: Das Erbe Dschainas (ohne Gewaehr)

Der Band beginnt mit einem Knall, der eine Raumstation zerfetzt. Es sieht von Anfang an so aus, als sei Drache daran beteiligt. Auch deswegen wird wiederum Ian Cormac auf den Fall angesetzt. Doch ein verrueckter Wissenschaftler namens Skellor pfuscht ihm staendig dazwischen. Es zeigt sich, dass dieser an eine Technologie geraten ist, die in der ganzen Polis kaum jemand je gesehen hat - und die keiner auch nur annaehernd versteht. Es handelt sich offensichtlich um Relikte - von wem oder was, weiss niemand.
Ein Grossteil des Bandes spielt auf einem Planeten namens Massada, auf dem eine Theokratie die Bevoelkerung gnadenlos unterdrueckt und ausbeutet. Drache (eine seiner Kugeln) taucht natuerlich ebenfalls auf - gerade rechtzeitig, um auf Massada einen ausgewachsenen Aufstand ausbrechen zu sehen.

Hier legt Asher so richtig los: Zum einen handelt Ian Cormac am Ende mit einem Scharfsinn und einer Kreativitaet, die ich ihm nach dem Bild, das er in "Gridlinked" abgegeben hat, nicht zugetraut haette. Und zum anderen bringt Asher hier ein paar so richtig abgedrehte Ideen. Seine Weltbeschreibungen sind wesentlich besser (oder die Welten interessanter) als in "Gridlinked". Wer dieses nicht gelesen hat, wird allerdings wenig Freude an "Line of Polity" (oder den spaeteren Baenden) haben, denn mit dem Hintergrund haelt sich Asher hier nicht auf. Auch Action kommt nicht zu kurz, ich habe aber das Gefuehl, dass sie weniger bedeutend ist als in "Gridlinked".


Brass Man
Deutsche Uebersetzung: Der Messingmann (bin ich recht sicher, weil hier der Titel einfach mal uebersetzt und nicht umgeschrieben wurde *g*)

Ich scheue mich, hier etwas ueber den Inhalt zu schreiben, denn dazu muesste ich boese zu "Line of Polity" spoilern. Tatsaechlich gehoeren die beiden recht eng zusammen. Also beschraenke ich mich auf allgemeine Eindruecke. Wiederum spielt Asher seine beiden grossen Staerken aus: Weltbeschreibungen mit richtig seltsam wirkenden Ideen und rasante Action. Manches kommt einem aus den frueheren Baenden recht bekannt vor, doch das kann auch daranliegen, dass der Plot sich recht konsistent fortsetzt - will heissen, Asher vermeidet Brueche. Hier habe ich ein wenig das Gefuehl, dass Asher mehr "handwedelt" als zuvor; das ist aber zugegebenermassen schwierig zu beurteilen, denn Handwedelei spielt in seiner ganzen Welt eine grosse Rolle.

Polity Agent
Deutsche Uebersetzung: Das Tor der Zeit (ohne Gewaehr)

Habe ich noch nicht gelesen.

Line War
Deutsche Uebersetzung: Cormacs Krieg (ohne Gewaehr)

Habe ich noch nicht gelesen.

So. Ein paar Eindruecke noch, die die ganze Reihe betreffen:
Asher hat es allgemein nicht mit Charakteren. Ein paar wenige (hauptsaechlich die, die in mehreren Baenden vorkommen) bekommen etwas Tiefe, aber die meisten sind nicht viel mehr als Funktionen mit Namensschildchen dran. Seine Plots neigen ein wenig dazu, sich zu verschachteln und unuebersichtlich zu werden. Merkwuerdigerweise scheint er dabei ein wenig unter Ideenmangel zu leiden. Das ist noch seltsamer, weil er in seinen Welten Ideen en masse hat - und die auch noch sehr gut beschreibt. Schon die Idee der Polis, die im Wesentlichen von KIs (Kuenstlichen Intelligenzen, falls wer hier die Abkuerzung nicht kennt) regiert wird, ist spannend. Und was Action angeht, davon hat es immer haufengenug - wobei ich kaum einmal den Eindruck habe, dass er Action einbaut um ihrer selbst willen - da ist immer ein Grund fuer da. Ein wenig verwirrend ist Ashers Angewohnheit, immer wieder Rueckblenden einzubauen, deren Sinn sich manchmal erst deutlich spaeter erschliesst. Nett sind die "Intime"-Texte, die einem jeden Kapitel vorangestellt sind. Man bekommt einen recht guten Einblick in die Gesellschaft, finde ich.

Die beiden letzten Baende werde ich mir wohl noch zulegen, wenn ich mal dazu komme!

Allgemeinplatz
12.07.2009, 18:25
Es gibt noch weitere Romane mit Cormac in der Hauptrolle. Da wären noch

Skinner der blaue Tod
und
Die Kinder der Drohne

zu nennen. Wobei ich Der Drache von Samarkand und Die Kinder der Drohne als einige der Stärksten des Zyklus bezeichnen würde. Wie bei vielen Zyklen durchläuft auch Ashers Polis so seine Hoch und Tiefs, doch insgesamt ist es sicher einer der gelungensten und interessantesten Universersen, die es gibt. Er nimmt in seinen Romanen durchaus Bezug auf die Vorhergehenden und manchmal ist es des Verständnisses wegen recht gut, wenigstens einen groben Überblick zu haben. Allerdings können die Romane auch gut solo gelesen werden.

Mir gefiel im Besonderen die in aller Regelmäßigkeit auftauchenden und sehr egozentrisch handelnden Drohnen, die für künstliche Intelligenzen meist recht verschrobenen Charaktere waren. In dieser Hinsicht also durchaus Parallelen zu Banks Kultur-Zyklus.

Insgesamt kann ich also Neal Asher sehr empfehlen. Ein weiterer, sehr interessanter Roman ist Die Zeitbestie, die jedoch in einem gänzlich anderen Universum spielt.

Der Allgemeinplatz

sindar
14.07.2009, 19:02
Mir gefiel im Besonderen die in aller Regelmäßigkeit auftauchenden und sehr egozentrisch handelnden Drohnen, die für künstliche Intelligenzen meist recht verschrobenen Charaktere waren.
Wo tauchen die denn auf? In "Line of Polity" haben sie in Dreydens "Vorzimmer" einen Kurzauftritt, aber viel von ihnen zu sehen bekommt man nicht (und zu hoeren gar nichts). Auch auf der "Occam Razor" schwirren ein paar herum, aber mehr als Cormac einen Weg beschreiben tun die da nicht.
Oder habe ich die Dinger komplett vergessen? *Die Buecher dringend mal wieder lesen muss* *ja*

Allgemeinplatz
15.07.2009, 16:35
Wenn ich mich recht entsinne, sind die Dinger besonders in den Zwei von mir genannten Romanen präsent. Weiß jetzt auch nicht mehr, wie sie hießen.
Die eine hatte m.M. die Form einer Spinne, die andere war eine Kugel, auf dem ein Tiger stand (wie im Zirkus).
Der Inhalt der Romane ist bei mir leider auch nicht mehr so präsent.

Der Allgmeinplatz

sindar
14.08.2009, 18:25
So, da ich den Eingangspost leider nimmer editieren kann, kommt jetzt mein Eindruck zu "Line War".

Aehm - ja. Wie fange ich an? Cormac hat also seine U-Space-Wahrnehmung perfektioniert und kann manchmal (wann und wann nicht, wird mir nicht ganz klar) auch durch den U-Space latschen. Dann ist da eine KI namens Erebus, die sich selbst mit Jain-Krempel vollgestopft hat und voellig durchgedreht zu sein scheint und der Polis den Krieg erklaert. Wie aber hindert die den Jain-Krempel daran, staedig Eier zu bilden? Spoiler zu "Brass Man"So, wie das auch Skellor passiert ist, was ihm am Ende zum Verhaengnis wurde.Na ja, ich habe den Zwischenband "Polity Agent" noch nicht, vielleicht wird da mehr erklaert. Oder es reicht, dass Erebus 'ne KI ist.

Ansonsten eine typische Asher-Geschichte: Massig Action, ein gut Teil Verwirrspiel (insbesondere um den geheimnisvollen "Fiddler Randal" *g*), ein paar nett verrueckte Drohnen und ein Drache, der mal so richtig eingreift - vor allem ganz am Ende! Was mich etwas geschockt hat, war das Vorgehen der Earth Central KI - und mehr noch die Gruende dafuer. Ich weiss wirklich nicht, auf wessen Seite ich stehen soll. Alle haben auf ihre Art recht. Mich hat das Buch deutlich mehr zum Nachdenken angeregt als seine Vorgaenger!

Fazit: Wer die Vorgaenger mag, wird es auch moegen. Ich glaube aber, dass der philosophische Touch eine breitere Schicht ansprechen koennte. Ein paar kleinere Logikluecken (siehe erster Abschnitt) stoeren ein wenig, es bleibt aber empfehlenswert.

Allgemeinplatz
21.08.2009, 17:55
wobei ich kaum einmal den Eindruck habe, dass er Action einbaut um ihrer selbst willen - da ist immer ein Grund fuer da.

Ich sehe da Asher mittlerweile etwas kritischer. Habe gerade "Der Erbe der Dschaina" fertig gelesen und war ein wenig enttäuscht.

- Die Technik der/des Dschaina spielt nur eine untergordnete Rolle. Wieder mal ein besonders gut vermurkster, deutscher Titel.
- Action gibt es tatsächlich. Die Truppen der beteiligten Kriegsparteien wogen hin und her und schicken ab und an neue Einheiten in Feld. Man kämpft, man stirbt. Alles schön und gut, aber eine kompakte und spannende Handlung konnte ich deswegen nicht erkennen. Wer geschilderte Schlachten mag, der kann sich das Buch getrost kaufen.
- Skellor als Bösewicht, der nix auf die Reihe kriegt, naja. Das er an Größenwahn leidet und seine Gegner ständig unterschätzt und auch noch so durchschaubar ist...Sein Ende ist dann auch so kurz wie unrühmlich. Alles in allem ein recht blasser Showdown.


Leider spiegelt das oben genannte Geschehen zum Teil ein Schema wieder, nach dem Asher seine Romane grundsätzlich aufbaut. Das wird nach ein paar Romanen dann etwas eintönig.
Interessant ist die Entwicklung, die Cormac nimmt und Ashers Universum, das trotz allem immer wieder eine Überraschung zu bieten hat.

Der Allgemeinplatz