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Ts4EVER
17.07.2009, 14:03
Hi
Mal wieder was von mir. Bei der letzten Geschichte die ich hier gepostet habe, war ein häufiger Kritikpunkt dass das Innenleben und die Gefühle der Charaktere nicht richtig rüberkamen. Ich hoffe dass mir das diesmal besser gelungen ist.
Wie ihr am Ende erkennen werdet, hatte ich ursprünglich vor, die Geschichte im Weltenbaumwettbewerb einzureichen, aber ich bin nicht rechtzeitig fertig geworden und bin mir ehrlich gesagt auch nicht sicher wie die Geschichte ankommt.
Wie immer: kritik bitte!


Flussabwärts

16.07.0133

Kyra lehnte sich über den flachen Rand des Bootes und blickte in die trüben Tiefen des Flusses. Sie versuchte ihr Spiegelbild zu erkennen, doch die Oberfläche blieb braun und stumpf. Sie kräuselte sich leicht, als die junge Frau ihre Hände hinein tauchte, um sich mit dem Wasser anschließend das Gesicht und die Haare zu waschen. Es war von der allgegenwärtigen Hitze aufgewärmt und roch seltsam erdig, doch es half ein wenig ihren noch etwas verschlafenen Kopf endgültig aufzuwecken.
Nachdem sie ihre Haare notdürftig gesäubert hatte, hob sie den Blick und studierte ihre Umgebung. Dschungel. Immer noch dieser von den Göttern verdammte Dschungel, der sich wie schmutziger Filz an jenen braunen Fluss anschmiegte, den sie jetzt schon seit wer weiß wie lange hinauf segelten. An manchen Tagen schienen die tropischen Bäume und Schlingpflanzen näher zu rücken.
Ihre Ranken und Wurzeln, von denen sich von Zeit zu Zeit große Echsen lautlos ins Wasser gleiten ließen, schienen nach dem Boot zu greifen und der Himmel war teilweise stundenlang durch das dichte Blätterdach über dem Boot verborgen.
Kyra rieb sich die Augen und blickte sich auf dem kleinen Einmaster um. Ihre Mitreisenden waren bereits wach. Ragnolf saß auf seinem Rucksack und polierte seine Waffen und seine Rüstung, eine Aufgabe, an der er anscheinend großen Gefallen fand.
Soweit Kyra wusste, war er ein Söldner und wurde wahrscheinlich angeheuert, um die Expedition gegen Angriffe von wem auch immer zu verteidigen. Sein Gesicht war von den Narben vergangener Schlachten gezeichnet, sein linker Arm in einer improvisierten Schlinge und wenn er gerade nicht seine Waffen reinigte, beobachtete er misstrauisch den undurchdringlichen Dschungel. Klaas lag in einer Hängematte, die er zwischen dem Mast und einem Haken an der Kapitänskajüte aufgespannt hatte. Er las in einem seiner dicken Wälzer und sah nur auf, um mit seinem Fliegennetz zufällig vorbeifliegende Schmetterlinge zu fangen, die er jedesmal eifrig studierte und anschließend nach sich selbst benannte.
Er war ein bleicher, schmächtiger Junge, der in den dunklen, trockenen Tiefen einer Bibliothek wahrscheinlich besser aufgehoben wäre als in den dunklen, feuchten Tiefen des Urwalds.
Und dann war da Norak. Er war der Anführer der Expedition, soweit man das sagen konnte, und Kyra war sich nicht sicher, ob er in der letzten Nacht überhaupt geschlafen hatte. In einem schwarzen Mantel gehüllt stand er im Bug des Bootes und starrte mit kalten, blauen Augen dem Ziel entgegen.
In der Enge des Bootes war es schwierig, sich regelmäßig die Füße zu vertreten.

Kyra stand auf, um ein wenig im Kreis zu laufen, doch ein herumliegendes Seil brachte sie beinahe zu Fall. Sie stieß einen nicht sehr damenhaften Fluch aus, der sogar Klaas für einen Moment von seiner Lektüre aufblicken ließ. Norak zeigte keine Regung. Ragnolf sagte lachend: „Ich habe diese Worte selten außerhalb eines Schlachtfelds gehört.“ Kyra stieß das Seil mit dem Fuß beiseite und ließ sich auf einem der Vorratsfässer nieder.
„Haben Sie in vielen Schlachten gekämpft?“, fragte sie den Krieger.
„Das „Sie“ lass mal stecken“, meinte dieser und zwinkerte ihr zu. „Und ja, ich habe schon so manches Gefecht hinter mich gebracht.“
Er deutete auf seinen verletzten Arm.
„Den habe ich einem verdammten Ork in der Schlacht von Al Quds zu verdanken.“
Er blickte sie erwartungsvoll an, als wartete er auf eine bestimmte Antwort. „Ähm… Verzeihung, aber mein Wissen über die berühmten Schlachten der Weltgeschichte ist leider eher begrenzt… Wer hat sie denn gewonnen?“
Ragnolf setzte zu einer Antwort an, doch hielt plötzlich inne. Eine seltsame Verwirrtheit erschien auf seinem Gesicht. „Ich… weiß es nicht“, sagte er schockiert.
„Nun ja, sowas passiert“, meinte Kyra beschwichtigend. Vielleicht hatte nicht nur sein Arm einen kleinen Schlag abbekommen.
In diesem Moment hörte sie es. Ein leises Flüstern, wie der Hauch einer Konversation im dichter werdenden Nebel. Ragnolf spannte sich und tastete nach seiner Waffe, während er aufmerksam das Ufer beobachtete.
„Wir sind nicht allein“, sagte er ruhig.
Kyra atmete leise aus. Die Stimmen schienen lauter zu werden und begannen sich von den Geräuschen des Dschungels abzuheben. Sie blickte zu Norak herüber. Er stand immer noch regungslos im Bug des Bootes, die Augen starr nach vorne gerichtet. Ragnolf erhob sich jetzt langsam und bedächtig. Ein Flüstern… oder ein Klagen? Kyra bemerkte, dass sich ihre Hände fest in das Seil gekrallt hatten, mit dem sie geistesabwesend gespielt hatte. Ragnolf war jetzt am Bug angekommen.
„Hören Sie das auch?“, fragte er Norak leise.
„Ja“, antwortete dieser. „Glauben sie die sind feindlich?“, hakte Ragnolf nach.
„Nein“, meinte Norak mit seiner leisen, aber dunklen Stimme. „Sie sind Reisende, wie wir.“
Ragnolf sah nicht sonderlich überzeugt aus, doch Kyra entspannte sich. Etwas an der Art wie Norak es sagte, schien es irgendwie… wahr zu machen. Norak war kein Lügner.
„Hört ihr auch gerade Stimmen?“, fragte eine leicht verwirrt klingende Stimme. Klaas hatte sich anscheinend von seinem Wälzer losgerissen und blickte sich etwas orientierungslos um.
„Ja, wir hören sie auch.“, knurrte Ragnolf mit verächtlichem Tonfall.
„Oh. Dann ist ja gut.“, meinte Klaas und wandte sich wieder seinen Studien zu. Doch er hatte Ragnolfs Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
„Was liest du da überhaupt?“, fragte dieser und nahm ihm das Buch unter der bebrillten Nase weg.
„Das ist ein seltener taxonomischer Band über die Schmetterlingsarten des Südens“, antwortete Klaas. „Warum das Interesse an Schmetterlingen? Magst du einfach bunte Sachen oder bist du ein Sodomit oder sowas?“, fragte der Krieger und sah sich feixend im Boot um.
Doch Norak stand weiter ungerührt im Bug und Kyra schenkte ihm nur ein kurzes Mitleidsgrinsen. Leicht enttäuscht und mit deutlicher Geringschätzung gab er das Buch zurück.
„Du solltest deine Augen lieber auf den Dschungel richten als auf deine taxognomischen Bücher“, meinte er. „Diese Stimmen sind mir nicht geheuer, egal was unser so genannter Anführer sagt.“
Er kam jetzt wieder in den hinteren Teil des Bootes. Kyra stand auf um ihm Platz zu machen.
„Du musst doch nicht aufstehen, Kindchen“, sagte er mit einem anzüglichen Zwinkern.
„Kein Problem, ich wollte mir sowieso die Beine vertreten.“, antwortete Kyra. Das letzte, was sie jetzt brauchte, war Ragnolfs dreckiges Grinsen, wenn er sich unnötig eng an ihr vorbeizwängte. Das Vorratsfass, auf dem sie gesessen hatte, rollte ein Stück weg. Ragnolfs Grinsen fror ein. Er stieß das Fass mit seinem Fuß an.
„Leer“, zischte er und ging zu den nächsten. Der Reihe nach rüttelte er an ihnen, während sein Gesicht immer wütender wurde. Ein lautes Krachen ertönte und wurde vom Urwald verschluckt, als seine Axt eines der Fässer zerschlug. Nur einige Holzsplitter und Sägespäne flogen durch die Luft. Langsam drehte sich Ragnolf um, während seine Augen vor Wut flackerten.
„Wir müssen uns unterhalten, Norak.“

Das ständige Dämmerlicht, in das der Urwald getaucht war, machte es schwierig, Stunden oder gar Tage zu zählen. Die Zeit schien genauso still zu stehen wie die stickige, nach Krankheit und Schlamm stinkende Luft. Kyra konnte sich an keine einzige Nacht erinnern, nur an verschiedene Schattierungen Düsterheit, die sich hin und wieder abwechselnden. Dennoch war sie sich sicher, schon einige Tage, wenn nicht Wochen unterwegs gewesen zu sein.
Wieder blickte sie über den Rand des Bootes. Das Wasser hatte sich verändert. Es war nicht mehr braun und trübe, sondern pechschwarz und spiegelglatt. Sie betrachtete ihr Spiegelbild. Fahl und bleich blickte sie sich selbst aus den Tiefen entgegen, mit schwarzen Ringen unter den Augen. Hinter sich hörte sie ein weiteres Wortgefecht zwischen Ragnolf und Norak aufflammen, ein Gefecht das der alte Krieger wiederum verlieren würde.
Seit Stunden (oder Tagen?) fuhr Ragnolf immer wieder auf, um lautstark seine Meinung über die durch schlechte Planung und schamlosen Betrug zum Scheitern verurteilte Expedition kundzutun.
Und immer antwortete Norak mit kurzen, präzisen Antworten, die den Wüterich immer wieder in einen Zustand düsteren Brodelns zurückversetzten. Es war nicht mehr weit bis zum Ziel. Proviant war nicht von Bedeutung. Das Ziel. Kyra war seltsam unberührt durch die Streitigkeiten. Es überraschte sie, wie ruhig sie war. Sie fühlte sich friedlich und geborgen.
Zwar hatte sie schon eine Weile nichts mehr gegessen, doch aus irgendeinem Grund erschien ihr das unwichtig. Die Luft war immer noch warm und klebrig, doch die scheußlichen Mückenschwärme, die alle paar Stunden über das Boot hergefallen waren, blieben verschwunden. Außer dem weiter anhaltenden Stimmen, die immer wieder vom Ufer herüberklangen, war es still unter dem Blätterdach.

Ein weiteres Gesicht tauchte neben dem ihren auf. Es war Klaas. Kyra lächelte. „Hast dich von den Schmetterlingen losgerissen, wie?“
„Um ehrlich zu sein, in letzter Zeit habe ich gar keine mehr gesehen. Sie scheinen in diesem Teil des Habitats nicht endemisch zu sein.“ Er grinste etwas unsicher. „Willst du meine Sammlung sehen?“
Kyra war mit drei Brüdern aufgewachsen, die im Sommer häufig Schmetterlinge gefangen und in Büchern gepresst hatten.
Die toten Tiere so aufgereiht zu sehen, hatte sie traurig gemacht. Allerdings war Klaas ein angenehmerer Gesprächspartner als der einsilbige Norak oder der cholerische Ragnolf und so stimmte sie zu. Klaas kramte einen großen Kasten unter seiner Hängematte hervor und öffnete ihn vorsichtig. In seinem Inneren waren mehrere Schmetterlinge aufgereiht, mit Nadeln aufgespießt und sorgfältig in elfischer Schrift etikettiert. Sie alle waren groß und hatten pechschwarze Flügel, ohne jegliches Muster.
Klaas ließ seine Augen begeistert über die toten Insekten streifen. „Sind sie nicht wunderschön? Ein völlig neues Genus… und welche Vielfalt!“
Kyra nickte, obwohl sie sich fragte, wo er denn genau einen Unterschied zwischen den Exemplaren festgestellt hatte.
„Diese Expedition ist einfach ein Traum für einen Wissenschaftler wie mich“, meinte er, während er den Kasten wieder verstaute.
„Machst du dir keine Sorgen?“, fragte Kyra.
„Nein, eigentlich nicht“, antwortete er. „Wird sich schon alles zum Besten wenden.“
"Warst du vorher schon mal auf einer Expedition?" Kyra konnte sich die Antwort eigentlich denken.
„Nein“, meinte Klaas. „Ich hab die Insektenwelt bisher in der Bibliothek meiner Alma Mater studiert.“
„Klingt nicht sehr aufregend, um ehrlich zu sein“, sagte Kyra.
„Du wärst überrascht!“, antwortete Klaas eifrig. „Einmal habe ich unvorsichtigerweise ein an die taxonomische Fakultät gerichtetes Paket geöffnet und wurde von einer Süd-Sangwebarischen Palmwespe (vespus fatalum) gestochen, eines der giftigsten Insekten der Welt.“
Dieser Anekdote folgte ein halbstündiger Vortrag über das Verhalten dieser seltenen Wespenart, die man im Kaiserreich lange Zeit für südländischen Aberglauben hielt und die bevorzugt in der Gemeinen Rundstammpalme nistet. Kyra hörte mit einem Ohr zu, während ihr Geist sich ein wenig driften ließ.
Noch vor Tagen hätte sie an ihr Zuhause gedacht, an ihre Familie und ihr Viertel, aber diese Gedanken schienen ihr nun seltsam fremd und fern. Stattdessen sah sie Bilder von dunklen Bäumen und Würgepflanzen, und einem Mann mit Rabenkopf, der immer wieder in ihren Gedanken aufblitzte, wie eine ferne Erinnerung.

Norak riss seinen Blick für einen Augenblick vom Fluss los, als sich Kyra zu ihm gesellte und seinen Namen nannte. Er nickte zur Antwort.
„Warum bin ich auf dieser Expedition?“, fragte sie.
„Was meinen Sie?“, antwortete er, wie gewöhnlich kurz angebunden.
„Nun ja… ich bin kein Wissenschaftler wie Klaas und kein Krieger wie Ragnolf. Ich bin praktisch überhaupt nichts.“, antwortete sie vorsichtig.
Norak nahm sich einige Sekunden Zeit bevor er antwortete.
„Ich bin schon mit vielen Menschen gereist. Keiner von ihnen war „gar nichts“. Die meisten von ihnen waren mehr als ich.“ Er drehte sich zu ihr und fragte: „Was sind Sie?“
Es fiel Kyra schwer, sich an ihre Vergangenheit zu erinnern. Zu viel war passiert, zu viel war verloren. Dennoch antwortete sie.
„Ich bin… war die Frau eines Gewürzhändlers in Korsu. Ich habe mich um das Haus gekümmert, aber auch Abrechnungen und Inventarlisten für meinen Mann gemacht. Wir hatten drei Kinder, der Jüngste war 2.“
Sie fühlte, wie ihre Stimme zu brechen begann. „Tut mir leid. Ich fürchte ich bin etwas emotional. Ich habe bisher mit Niemandem auf diesem Boot über meine Vergangenheit gesprochen.“
Die Frage war, warum sie sich gerade mit Norak unterhielt, jener kalten und wortkargen Person, die sich anscheinend weder um seine Untergebenen, noch ihr Wohlergehen kümmerte.
„Was ist passiert?“, fragte er.
Kyra schluckte und fuhr fort: „Da war dieses Feuer.“ Sie fühlte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. „Ich weiß nicht wie es ausgebrochen ist. Wir haben die beiden Älteren rausgeholt, aber…“ Wieder musste sie schlucken. Sie blickte auf. Noraks Gesicht war immer noch ausdruckslos, doch in seinen Augen schimmerte etwas anderes, auch wenn es in einer Sekunde wieder verschwunden war.
„Sie konnten ihr jüngstes Kind nicht retten?“, fragte er.
„Nein. Ich bin nochmal hineingerannt, aber…“ Sie brach ab.
„Ich hab genug!“, grunzte Ragnolf. Er raffte sich auf und zog sein Schwert. „Diese Stimmen, am Ufer, das sind Menschen, oder?“
„Ja“, antwortete Norak mit seiner unverschämt ruhigen Stimme. „Dann haben sie Essen! Wir können uns Vorräte von ihnen kaufen!“ Er fuchtelte mit seinem Schwert. „Du bist doch reich, oder? Du hast Geld!“
Klaas hatte sich ebenfalls erhoben und begann in seiner Hosentasche zu kramen. Er holte etwas heraus. „Ich hab nur zwei Goldstücke mit. Reicht das?“, fragte er.
„Die werdet ihr noch brauchen.“, antwortete Norak.
„Ach ja? Für was denn? Ich hoffe es ist wichtiger als Vorräte, du Verrückter!“, schrie Ragnolf, der jetzt dem Wahnsinn näher schien als Norak. Dieser drehte sich wieder bugwärts.
„Wir sind am Ziel.“

Es war der größte Baum den Kyra jemals gesehen hatte. Zu sagen, seine Triebe verschwänden in den Wolken, käme einer Untertreibung gleich. Je länger Kyra sie betrachtete, desto sicherer war sie, dass die Triebe viel eher die Wolken waren. Der Stamm hatte Umfang und Masse eines kleinen Gebirges und die Wurzeln verschwanden im Boden wie Hügelketten.
„Was zur Hölle ist das?“, fragte Ragnolf. Seine Stimme zitterte.
„Der Ursprung“, antwortete Norak.
Der Anblick war so atemberaubend, dass Kyra die schwarze Gestalt erst spät erblickte. Er trug einen langen schwarzen Mantel und eine noch schwärzere Maske, die ihn wie einen riesigen Aasvogel aussehen ließ. Dennoch wirkte er nicht bedrohlich oder bösartig. Er strahlte etwas aus, das Kyra nur mit dem Wort „Ende“ beschreiben konnte. Die Gestalt begann zu sprechen.
„Wie immer pünktlich. Haben sie die Münzen?“ Seine Stimme klang wie Noraks, aber älter und… endgültiger. Norak nickte zur Antwort. Der Vogelmann öffnete eine Pergamentrolle und las vor.

„Ragnolf Hildottir
Geboren am 14.03.0096 in Wallhafen. Gestorben am 16.07.0133 in der Schlacht von Al Quds.“

„Klaas Sorro
Geboren am 27.05.0113 in Flanhagen. Gestorben am 16.07.0133 in Flanhagen, durch das Gift einer Süd-Sangwebarischen Palmwespe.“

„Kyra Strate
Geboren am 13.12.0106 in Korsu. Gestorben am 16.07.0133 in Korsu, an Rauchvergiftung“

Atain
17.07.2009, 21:24
Hallo Ts4EVER,

ich habe gezögert als Neuling die erste Kritik zu deiner Geschichte zu schreiben, aber schließlich dachte ich mir: was solls, du wirst ja auch neugierig sein, wie die Leser so reagieren. Also:

Ich habe einiges zu bemängeln gehabt. Aber das Gesamtkonzept finde ich gelungen. Ich musste am Ende der Geschichte schon schmunzeln, denn dieses Ende habe ich nicht vermutet :), obwohl es ja irgendwie naheliegend ist, wenn man es sich recht überlegt.

Da die Überfahrt so lebendig geschildert wird, konzentrierte ich mich auf die verschiedenen Charaktere auf dem Schiff, und war schließlich wirklich überrascht. Super! Vorallem, als die Münzen erwähnt wurden, hätte mir das zu Denken geben sollen. *grins*

Mein Hauptkritikpunkt betrifft die Form der direkten Rede. Ich bin es gewohnt, dass ein Absatz gemacht wird, wenn eine Person abgehandelt ist und die Aufmerksamkeit auf eine zweite Person fällt.

Bsp:

Kyra stieß das Seil mit dem Fuß beiseite und ließ sich auf einem der Vorratsfässer nieder.
„Haben sie in vielen Schlachten gekämpft?“, fragte sie den Krieger. „Das „Sie“ lass mal stecken“, meinte dieser und zwinkerte ihr zu. „Und ja, ich habe schon so manches Gefecht hinter mich gebracht.“ Er deutete auf seinen verletzten Arm.

Richtig würde mir erscheinen nach ", fragte sie den Krieger." einen Absatz zu machen, sonst denkt man , dass Kyra einfach weiterredet. Dieser Absatz beim Wechsel des Sprechers fehlt in diesem Text oft. Das hat mich zugegebenermaßen irritiert.


Norak zeigte keine Regung. Ragnolf lachte. „Ich habe diese Worte selten außerhalb eines Schlachtfelds gehört.“

Hier sind zwei sehr kurze Sätze hintereinander, die für mich so keine gute Wirkung ergeben. Außerdem ist bei der nachfolgenden Rede nicht ganz klar, wer den Satz jetzt ausspricht. Ich würde das irgendwie anders schreiben.



„Wir sind nicht allein“, sagte er leise. Kyra atmete leise aus.

Wortwiederholung - leise! Ich kann auch ganz gut leben, wenn ich nicht darüber informiert bin, dass Kyra jetzt ausatmet...


„Oh. Dann ist ja gut.“,

Ich würde schreiben "ist es gut" bzw. "ist's gut" ; du darfst mich kleinlich nennen ;)


„Diese Expedition ist einfach ein Traum für einen Wissenschaftler wie ich.“, meinte er, während er den Kasten wieder verstaute.

Ich denke doch "... für einen Wissenschaftler wie mich."



[...] und die bevorzugt in der Gemeinen Rundstammpalme nistet. Kyra hörte mit einem Ohr zu, während ihr Geist sich ein wenig driften ließ.

hmm.. ich würde das Gemeine ander gemeinen Rundstammpalme als adjektiv sehen und deshalb klein schreiben. Und "driften" naja, pass hier für mich auch nicht, warum englisch, wenn man auch einfach deutsch "treiben" lassen kann?


Stattdessen sah sie Bilder von dunklen Bäumen und Würgepflanzen, und einem Mann mit Rabenkopf, der immer wieder in ihrem Kopf auftauchte, wie eine ferne Erinnerung.

Hier stoße ich mich an den beiden Köpfen, ausserdem finde ich es seltsam, etwas in einem Kopf auftauchen zu sehen. Vielleicht in ihren Gedanken?

Ok, genug Kritik. Alles in allem finde ich den Text gelungen und gut geschrieben. Und, dass ich die Idee großartig finde, hab ich ja schon gesagt. Nur bitte formatiere die Reden, so dass man sich besser orientieren kann!

Gruß
Atain

Ts4EVER
17.07.2009, 21:49
Hi, danke für das Feedback. Ich habe Absätze hinter den wörtlichen Reden eingefügt, um es etwas verständlicher zu machen. Den Rechtschreibfehler mit dem "m"ich habe ich auch berichtigt, genauso wie die kleinen Stilblüten. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher wie man das "gemein" schreibt. Ist das nicht eher ein Teil des Eigennamens? Deshalb war mein Impuls es groß zu schreiben.
Ich bin froh, dass das Ende doch als Überaschung kam. Meine größte Sorge war eigentlich, dass sich die Leser zu viele Gedanken machen würden, da ich das Ziel der Expedition nie genannt, und so mehrere Grundfragen offen gelassen habe.

Atain
18.07.2009, 05:43
Moin,
ja, während des Lesens hab ich mich schon auch gefragt, was die Reisenden eigentlich vorhaben. Aber ich bin es gewohnt und mag es sogar, wenn mir die Motive der Personen nicht gleich auf die Nase gebunden werden. Ich finds schön, wenn einem die Handlung gezeigt und nicht erzählt wird, also empfinde ich das als "guten Stil".

Nur mit den Absätzen der Dialoge bin ich immer noch nicht ganz einverstanden. Ich orientiere mich da an den Büchern, die ich lese und da wird ein Absatz meistens für Rede+Aktion der Person verwendet.

Ich würde das zB so formatieren:

[Ragnolfs Absatz]
„Das „Sie“ lass mal stecken“, meinte dieser und zwinkerte ihr zu. „Und ja, ich habe schon so manches Gefecht hinter mich gebracht.“ Er deutete auf seinen verletzten Arm. „Den habe ich einem verdammten Ork in der Schlacht von Al Quds zu verdanken.“ Er blickte sie erwartungsvoll an, als wartete er auf eine bestimmte Antwort.

[Kyras Absatz]
„Ähm… Verzeihung, aber mein Wissen über die berühmten Schlachten der Weltgeschichte ist leider eher begrenzt… Wer hat sie denn gewonnen?“

Ausnahmen von dieser Art der Formatierung kann man natürlich schon machen, um besondere Akzente zu setzen, aber in der Regel sind in publizierten Büchern die Dialoge auf diese Art aufgeteilt.

Und wegen des Eigennamens. Ganz sicher bin ich mir auch nicht gewesen. Ich glaube im Englischen ist das immer so. Im Deutschen gilt das glaube ich nur für wirkliche Eigennamen, wie das Gasthaus "Flinker Trinker" aber in dem fall klingts für mich eher wie eine nähere botanische Bestimmung der Pflanze, aber 100 % sicher bin ich nicht. Vielleicht kann uns da jemand anderer weiterhelfen X.X

Gruß
Atain

Gruß

HMP
18.07.2009, 06:04
Wenn es eine feststehende botanische Bezeichnung ist (wie Gemeine Rosskastanie, Gemeiner Beifuß usw.) wird die Großschreibung sicher die richtige Schreibweise sein.

Silaëna
18.07.2009, 08:51
Ich finde äusserst spannend, wie du die Geschichte umsetzt. Das Ende kommt zwar nicht wirklich überraschend (ich habe schon vorher vermutet, dass es in diese Richtung geht), aber es hat mich troztdem gepackt. Besonders genial fand ich, dass die Todesursachen der drei Reisenden irgendwo in der Geschichte verpackt sind, ohne dass der Leser weiss, worum es sich dabei handelt.

Du sprichst hier ein Thema an, das wohl viele beschäftigt, aber auf eine Weise, die weder belehrend noch angstmachend ist, sondern die einfach nachdenklich stimmt. Auch die Atmosphäre der Geschichte ist dir gelungen, irgendwie ruhig und nachdenklich, aber auf keinen Fall friedlich - ich hatte den Eindruck, eine Bedrohung im Hintergrund zu spüren, eine unbekannte Gefahr, die jeden Augenblick in den Vordergrund treten kann. Ich denke, dazu tragen deine Beschreibungen der Umgebung viel bei.

Mir gefällt deine Art zu schreiben, weder nur kurze, noch nur lange Sätze, sondern eine gelungene Mischung. Ausserdem machst du nur wenige Rechtschreibefehler, was bei mir immer ein Pluspunkt ist, denn zu viele Fehler lenken mich von der eigentlichen Geschichte ab. Aber einige Sachen sind mir dennoch aufgefallen:

[...] um sich das Wasser anschließend in das Gesicht und über die Haare zu schütten.

"Schütten" finde ich zu stark - mit einem Eimer kann man Wasser über etwas schütten, aber nicht mit den Händen, die sind dafür zu klein. Ich würde ein anderes Wort suchen, vielleicht "benetzen"?

Ragnolf saß auf seinem Rucksack und polierte seine Waffen und Rüstung, eine Aufgabe an der er anscheinend großen Gefallen fand.

Ich würde vor "Rüstung" noch "seine" oder "die" einfügen, das liest sich schöner. Ausserdem kommt nach "Aufgabe" ein Komma.

Er war ein bleicher, schmächtiger Junge, der in den dunklen, trockenen Tiefen einer Bibliothek wahrscheinlich besser aufgehoben wäre als in den dunklen, feuchten Tiefen des Urwalds.

Zweimal "dunklen". Ist das Absicht?

und Kyra war sich nicht sicher ob er in der letzten Nacht überhaupt geschlafen hatte.

Nach "sicher" kommt ein Komma.

und starrte mit kalten, blauen Augen dem Ziel entgegen.

Die Einführung der blauen Augen finde ich hier schlecht - ich würde sie später einfügen oder ganz weglassen.

„Haben sie in vielen Schlachten gekämpft?“, fragte sie den Krieger.

„Hören sie das auch?“, fragte er Norak leise.

„Glauben sie die sind feindlich?“, hakte Ragnolf nach.

„Was meinen sie?“, antwortete er, wie gewöhnlich kurz angebunden.

Überall hier wäre das "Sie" gross - Höflichkeitsform. Mir ist aufgefallen, dass du das nicht konsequent durchziehst. Habe ich das richtig verstanden, dass die drei Reisenden sich mit "du" ansprechen, Norak als Anführer aber siezen? Und dass Norak die Reisenden ebenfalls mit "Sie" anspricht? Wenn es so ist, solltest du dies bis zum Ende durchziehen - einmal sagt Ragnolf zu Norak "du", fast am Schluss duzt Norak Kyra auf einmal, um sie wenig später wieder mit "Sie" anzusprechen.

Vielleicht hatte nicht nur sein Arm einen kleinen Schlag abbekommen.

Einen kleinen Schlag? Wenn der Arm in einer Schlinge ist? Ich würde das "klein" weglassen.

„Ich… weiß es nicht.“, sagte er schockiert.
„Nun ja, sowas passiert.“, meinte Kyra beschwichtigend. Vielleicht hatte nicht nur sein Arm einen kleinen Schlag abbekommen.
In diesem Moment hörte sie es. Ein leises Flüstern, wie der Hauch einer Konversation im dichter werdenden Nebel. Ragnolf spannte sich und tastete nach seiner Waffe, während er aufmerksam das Ufer beobachtete.
„Wir sind nicht allein“, sagte er ruhig.

Ragnolf beruhigt sich zu schnell. Man erwartet, dass er noch immer schockiert ist, dass er den Ausgang der Schlacht vergessen hat - aber plötzlich ist er ruhig/gelassen. Der Sprung ist hier zu gross.

Doch Norak stand ungerührt weiter im Bug

Einerseits heisst es "am" Bug, andererseits würde ich die Wortstellung ändern: "stand weiter ungerührt..." oder das "weiter" gleich ganz weglassen.

Das letzte, was sie jetzt brauchte, war Ragnolfs dreckiges Grinsen, wenn er sich unnötig eng an ihr vorbeizwängte. Das Vorratsfass, auf dem sie gesessen hatte, rollte ein Stück weg.

Langsam drehte sich Ragnolf um, während pure Wut in seinen Augen flackerte.

Das "pur" scheint mir etwas übertrieben. Vielleicht ganz ändern: "Während seine Augen wütend flackerten/blitzten."

Es war nicht mehr weit bis zum Ziel. Proviant war nicht von Bedeutung. Das Ziel.

Die Wiederholung "Das Ziel" würde ich weglassen, es geht auch gut ohne.

Die toten Tiere so aufgereiht zu sehen, hatte sie traurig gemacht.

Kyra nickte, obwohl sie sich fragte, wo er denn genau einen Unterschied

Noch vor Tagen hätte sie an zuhause gedacht,

"ihr Zuhause"

Sie fühlte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen.

Der Stamm hatte Umfang und Massivität

Vielleicht "Masse"?

Und noch etwas letztes:
„Nein, eigentlich nicht.“, antwortete er. „Wird sich schon alles zum Besten wenden.“ [...] „Klingt nicht sehr aufregend, um ehrlich zu sein“, sagte Kyra.

Das erste ist falsch, denn nach "nicht" kommt kein Punkt - der Satz geht noch weiter mit "antwortete er." Unten hast du es dann richtig gemacht. Diesen Fehler hast du oft drin in der Geschichte.

Hmm, vielleicht waren es doch etwas mehr als einige Sachen... bin halt etwas kleinlich - ich hoffe, das stört dich nicht.:)

Ts4EVER
18.07.2009, 13:58
Danke für das Feedback. :)


Zweimal "dunklen". Ist das Absicht?


Ja, das ist Absicht.

Überall hier wäre das "Sie" gross - Höflichkeitsform. Mir ist aufgefallen, dass du das nicht konsequent durchziehst. Habe ich das richtig verstanden, dass die drei Reisenden sich mit "du" ansprechen, Norak als Anführer aber siezen? Und dass Norak die Reisenden ebenfalls mit "Sie" anspricht? Wenn es so ist, solltest du dies bis zum Ende durchziehen - einmal sagt Ragnolf zu Norak "du", fast am Schluss duzt Norak Kyra auf einmal, um sie wenig später wieder mit "Sie" anzusprechen.

Das mit der Groß-und KLeinschreibung von "Sie" passiert mir irgendwie ständig. Wird berichtigt. Das Ragnolf Norak duzt könnte durchaus auch ein Zeichen seiner Wut auf ihn sein, aber das von Norak am Ende ist auf jeden Fall ein Fehler.

Einen kleinen Schlag? Wenn der Arm in einer Schlinge ist? Ich würde das "klein" weglassen.

Ich finde es hört sich so besser an, da der "kleine Schlag" ja eher auf den Kopf bezogen ist.

Ragnolf beruhigt sich zu schnell. Man erwartet, dass er noch immer schockiert ist, dass er den Ausgang der Schlacht vergessen hat - aber plötzlich ist er ruhig/gelassen. Der Sprung ist hier zu gross.

Er vergisst die Sache mit der Schlacht wirklich schnell, allerdings weil seine Aufmerksamkeit von den möglicherweise bedrohlichen Stimmen im Urwald geweckt wird. Als Veteran konzentriert er sich dann natürlich sofort auf diese neue Entwicklung, bleibt aber nach außen hin ruhig und beherrscht. Ich weiß aber, was du meinst und werde es eventuell etwas umformulieren.

Das "pur" scheint mir etwas übertrieben. Vielleicht ganz ändern: "Während seine Augen wütend flackerten/blitzten."

Ja, das klingt besser.

Ich werde die Komma- und Rechtschreibfehler noch berichtigen.

Warin
23.08.2009, 20:13
Wie ihr am Ende erkennen werdet, hatte ich ursprünglich vor, die Geschichte im Weltenbaumwettbewerb einzureichen, aber ich bin nicht rechtzeitig fertig geworden Schade eigentlich, Geschichten mit einer punktgenauen Pointe machen sich immer gut in einer Anthologie. Die Idee ist zwar nicht gerade neu, aber gerade die nackten Fakten der Todesdaten der Charaktere, die man langsam kennen (und mögen) lernt, sind am Ende ein Schock und gut für ein kleines bisschen Gänsehautfeeling. Schade, dass davor noch so einiges fehlt, während am Anfang m.E. sogar ein wenig gekürzt werden könnte.

Ts4EVER
23.08.2009, 23:18
Was könnte gekürzt werden? Der Dialog am Anfang? Oder ist die Beschreibung der Umgebung zu langatmig?