dragonheart
18.07.2009, 18:09
Moin!
So.. Die Idee kam mir durch einen RPG-Charakter, den ich in einem Forum spiele.
Zum Feedback.. Ich würde mich über Feedback freuen, aber bitte kein meterlanges Auseinandernehmen von den Texten, ""bekritteln"" des ugs, oder der Wiederholungen :) .. nicht bös gemeint, aber ich habe eigentlich eher nicht vor, meinen Schreibstil zu ändern ^^
Warum Kurzgeschichte.. Naja, ich bin mir noch nicht sicher, ob ich weiterschreibe, deshalb konnte ich keine Fortsetzungsgeschichte machen. Zwar ist es geplant, aber ich möchte eigentlich nichts so Großartiges machen, mit noch einem Feedback-Thread usw..
Trotz dem merkwürdigen Vorwort, das irgendwie strenger klingt, als beabsichtigt, folgt jetzt hier die eigentliche Geschichte ^^'
Achja, edit: Diese Geschichte ist vielleicht nicht gerade etwas für zarte Gemüter. xX'
KIERON
Sechs Jahre alt
- Erste Begegnung mit der Wirklichkeit
Ich glaube… es beginnt an dem Tag, an dem ich erwachte.
Das klingt vielleicht etwas eigenartig, aber die ersten Jahre meines Lebens habe ich wohl nie wirklich mitbekommen. Ich lebte bis dahin in meinem Traumland. Aber es sollte bald anders kommen.
Bald sollte ich aufwachen.
Es war… wohl vor 10 Jahren, oder?
Also im Jahre 40
Es begann alles ganz normal.
Dieser Tag.
Aber der Schein trog.
Nichts war normal.
Und dies würde sich bald zeigen.
Gähnend öffnete ich die Äuglein, streckte meine kurzen Ärmchen in die Höhe.
Ich war sechs Jahre alt.
Und mein Geburtstag stand vor der Tür.
Noch ein Tag, dann würde ich sieben Jahre alt werden.
Sieben Jahre…
Ich hatte bis dahin ein gutes Leben. Meine Mutter war mein ein und alles, sie war immer für mich da, wenn ich sie brauchte. Jeden Abend kam sie zu meinem Bett, las mir Geschichten vor, oder erfand selbst welche. Wir waren glücklich zusammen.
Alles hätte so gut sein können…
Zusammen lebten wir glücklich, eigentlich vollkommen zufrieden.
Natürlich. Und ich wäre auch nie fortgegangen. Und ich hätte auch nicht gedacht, dass sie fortgehen würde…
Ich liebte sie. Und sie liebte mich.
Aber ich hatte mir in diesen Jahren auch nie viel Gedanken über das Wort ‚Liebe’ und seine Bedeutung gemacht. Das kam erst zu der Zeit, als ich endgültig erwachte.
Bisher lebte ich eben in meiner kleinen Welt. In der Stadt ‚Heavens Door’, wo nur Lichtwesen zugelassen waren. Es wimmelte von Lichtgestalten, Engeln, Sonnendämonen, Göttern, Heiligen… So eine Welt konnte doch nur vollkommen sein? Sie konnte doch einfach nur – gut – sein? Nein, etwas Böses konnte hier doch nicht lauern.
Ich hatte niemals Angst vor der Dunkelheit. Bis damals auf jeden Fall.
Ich hatte niemals Angst vor Anderen. Bis damals auf jeden Fall.
Ich hatte niemals Angst vor Gesprächen. Bis damals auf jeden Fall.
Ich hatte niemals Angst vor Gefühlen. Bis damals auf jeden Fall.
Ich hatte niemals Angst vor Schwächen… Bis damals…
Man könnte sagen, ich möchte in dieser Schrift mit meiner Geschichte Mitleid erwecken. Aber dies ist nicht das Ziel, das ich erreichen will.
Niemand braucht dies hier lesen. Niemand hat die Pflicht sich dies anzutun.
Und niemand – niemand soll mich bemitleiden.
Ich hasse es.
Ich hasse es so sehr.
Vielleicht ist diese Geschichte auch langweilig. Völlige Zeitverschwendung, wenn man es so sieht… Aber wie gesagt. Niemand muss dies hier lesen.
Ich riss meinen Mund auf, gähnte herzhaft, blinzelte verschlafen. Es sah so aus, wie es immer aussah.
Und wie es immer aussehen sollte.
Ein Bett, auf dem ich jeden Morgen erwachte und jeden Abend einschlief.
Ein Schreibtisch gegenüber des Bettes, daneben ein mickriger Kleiderschrank, rechts neben der Tür, die immerzu quietschte, wenn man sie öffnete, ein Bücherregal, in dem ich aber heimlich eine Sammlung von kleinen Glühwürmchen aufbewahrte, die ich Tag für Tag fütterte… Naja, wenn das jemand rausgefunden hätte, hätten die doch sowieso nur gelacht, oder?
Egal jetzt.
Beschwingt hopste ich aus meinem Bett, blinzelte aus dem Fenster (- also eher ein Loch… Keine Ahnung… Rechteckige Form ohne Glas.) Mein Zimmer lag im dritten Stock und so hatte ich eigentlich immer einen tollen Ausblick auf den Platz, insgesamt auf die Stadt und auf den dahinter liegenden Wald. Einige Feen schwirrten hier (Quälgeister, wenn sie mit dir reden, ich sags dir. Piepsstimme, nicht auszuhalten… Ansonsten eigentlich niedlich anzuschauen…), wie immer gingen die verschiedenen Lichter ihren Geschäften nach.
Von A nach B.
Von B zurück nach A.
Und wenns grad passte vielleicht noch ein Zwischenstopp bei C.
Dann tapste ich weiter, über den flauschigen Teppich zur geöffneten Tür (ich war damals noch so klein, ich kam nicht an die Klinke ran… Also war sie immer offen…), stolperte hinaus und torkelte weiter ins Badezimmer. Geschäftig wurde der Hocker herbeigeschafft, auf den ich mich jeden Morgen stellte, um (erstens) in den Spiegel sehen zu können und (zweitens) zum Rand des Badezubers zu reichen. (Riesiges Ding, ich sags dir.) Ich griff mir meine Zahnbürste, wischte dabei jedoch die Zahnpasta vom Zuberrand. Also…
Zahnbürste in der Hand behalten.
Vom Hocker, Zahnpasta aufheben.
Auf den Hocker zurück, Zahnpasta umständlich aufschrauben.
Nach fünf Versuchen traf ich dann auch auf die Borsten.
Gründlich putzte ich mir die Zähne, starrte mich unentwegt in dem Spiegel an.
Meine Augen waren dunkel, ebenso wie das Haar.
Joah, mehr gabs da auch nicht zu sagen.
Jeder darf sich mich vorstellen, wie er will.
Einzige Information hierzu noch: ein japanisches Aussehen.
Frag mich bitte nicht warum, ja?
Dazu noch: große Glubschaugen. (Schonmal was von dem „Hundeblick“ gehört? Kleiner Hund, der dich mit riesigen Augen anglubscht. So ähnlich, genau.)
Hübsch geschwungene Lippenbögen… (Hübsch? Ich?)
Irgendwann war selbst ich fertig mit all diesem Hygienezeugs. Am Schluss tauchte ich meine Hände noch in den Wasserkrug, patschte sie ein paar Mal zusammen um sie dann an meinen frisch angezogenen, edlen Kleidchen abzuwischen.
Dann wandte ich mich wieder der Tür zu, tapste hinaus, die Treppen hinunter. Für mich jedes Mal ein Abenteuer, stellte doch irgendwie jede Stufe eine neue Herausforderung dar. Überhaupt muss man tierisch auf seine Füße aufpassen, dass man nicht stolpert oder so was…
Leise rief ich nach meiner Mutter.
Keine Antwort.
Ich runzelte die Stirn, dann huschte ein niedliches Lächeln über meine Lippen.
Tatsächlich dachte ich, sie hätte sich versteckt, aus Spaß… Zum Spielen…
In der Küche war sie nicht. Ich wackelte weiter, rief immer wieder nach meiner Mama.
Naja… So ging dies eine Weile.
Man muss sich vorstellen… Meine Mutter hatte oft mit mir gespielt. Sie war eine lebensfrohe Frau gewesen, wie berufen zur Mutter. So liebevoll, so fürsorglich.
Wahrscheinlich sagen viele Kinder genau diesen Satz: ‚Du bist die beste Mama, die es geben kann!’… Aber ich glaube, bei ihr war es wirklich so. Sie war die beste Mama, die man sich vorstellen konnte.
Also… Die erste Treppe wieder hinauf, in die zweite Küche.
Und tatsächlich, da lag sie.
Lag?
Ja, sie lag da.
Ich lächelte.
„Gefunden!“, der triumphierende Ausruf. Ja… Ich hatte sie gefunden.
Ich wünschte, ich hätte nicht gesucht.
Es sah sofort eigenartig aus, wie sie da lag…
Die Einzelheiten möchte ich mir eigentlich ersparen.
Herzversagen.
Ihr Tod lag erst wenige Minuten zurück.
Die Haut war noch warm…
Ich weiß nicht, wie wir gefunden wurden.
Aber ich wusste zu diesem Zeitpunkt auch nicht, dass meine Mama tot war.
Woher denn auch?
Hey, wir waren hier schließlich in ‚Heavens Door’.
Da gab es keinen Tod, da gab es keinen Kummer…
Sieben Jahre alt
- Achluophobie
- Was alle hören wollen
- Erster Schritt rückwärts
Nach einer Woche war selbst ich soweit, dass ich begriff, dass meine Mama mich verlassen hatte.
Ohne ein Wort des Trostes hatte sie sich davongemacht, hatte nicht an ihr Kind gedacht, nicht an das Nervenbündel, welches sie wohl hinterlassen würde.
Ich verstand nicht, wie sie mich einfach so verlassen konnte.
Einfach so… Ohne ein Wort…
Wie versprochen bekam ich an meinem siebten Geburtstag meinen Meister.
Doch statt einer großen Feier, wie es gewöhnlich war, wenn ein Kind einen Meister bekam, war es in dem großen Haus mit den vier Stöcken verdächtig still.
Das Kindlein hatte sich zurückgezogen.
Ich wartete.
Auf meine Mutter.
Denn sie hatte mir versprochen, an diesem Tag bei mir zu sein.
Jedes Kind bekam in Heavens Door einen Meister. An seinem siebten Geburtstag begann seine Ausbildung, die mit zwanzig Jahren enden sollte. Ich selbst habe sie nie abgeschlossen, dazu aber später. Diese Ausbildung beinhaltet alles, was normale Kinder in ihrer Laufbahn erlernen… Lesen, schreiben, das Allgemeinwissen eben. Danach kam der Zusatz. Ein Lichtwesen musste sich ja verteidigen können, um nicht Opfer eines Dämons zu werden… Zuvor durfte man die Stadt nicht verlassen. Erst mit zwanzig Jahren erhielt man die Freiheit. Wenn man kampfbereit war, sozusagen.
Der Name meines Meisters war Minphinirurisar. (Mit vielen, vielen Vornamen…)
Ich war schon jetzt irgendwie ein Einzelgänger.
Zuvor zu verträumt und zu gesellschaftsunfähig um mit anderen Kindern zu spielen, nun war das Einzige, das die Anderen empfanden, wenn sie mich sahen, Mitleid.
Oder Spott.
Kam eben immer auf den einzelnen Menschen an, nicht wahr?
Eine Woche war also verstrichen.
Mein Geburtstag vorbei, der Unterricht bei Miniphi-und-so-weiter hatte begonnen.
Ich war ein guter Schüler.
Ich lernte viel, ich lernte fleißig.
Nun… Ich hatte auch nichts anderes.
Schon früh hatte ich ein ausgeprägtes Gespür dafür, was die Leute hören wollten. (Mittlerweile ist es mir aber irgendwie immer unwichtiger geworden… Naja…) Ich war ein höflicher Junge, der alle Benimmregeln beherrschte, der Junge mit dem hübschen Gesicht und den traurigen Augen.
Ja, das war wohl der einzige Schönheitsfehler.
Meine Augen. – ich konnte das Gefühl einfach nicht aus ihnen heraussaugen. Es funktionierte nicht. Immer wusste man sofort, wenn man mir in die Augen sah, was ich fühlte.
Naja, unwichtig für den Moment.
Mein Vorteil bestand darin, dass ich wusste, was mein Meister hören wollte. Ich wusste, was er erwartete und erfüllte die Bedingungen und Anforderungen stumm, ohne mit der Wimper zu zucken.
Gleichzeitig jedoch zog ich mich immer weiter zurück.
Das Haus meiner Mutter wurde an mich vererbt, ich lebte allein darin. (Man stelle sich vor, wie dämlich diese Gesetze sind… Dass ich als Minderjähriger alleine leben darf?!)
Mein Meister war ein eiserner, kalter Mann, der nichts von Gefühlen hielt.
Als ob ich welche bei ihm zugelassen hätte.
Die Nächte wurden immer schlimmer.
Ich litt unter der Dunkelheit, die sich immer wieder über mich senkte.
Die ganze Nacht brannten Kerzen in meinem Zimmer, viele Kerzen. Selbst wenn eine ausging, flackerten mindestens fünf andere weiter.
Stumm saß ich da, Sekunde für Sekunde, Minute für Minute, Stunde für Stunde, die Hände umklammerten die Bettdecke, während ich mich in irgendeiner Ecke des Zimmers, vor Angst zitternd, zusammengekauert hatte.
Es wäre unfair meiner Mutter die Schuld an alldem zu geben.
Ich denke, ich kann nun auch verstehen, weshalb sie ging. Es ist nicht so, dass es unverständlich ist, sich sein Leben zu nehmen.
Nur für manche, für unwissende Wesen ist es unverständlich.
Und ich weiß viel zu viel über die Welt, um es nicht zu verstehen.
Nun sind wir uns also einig… Meine Mutter ist nicht schuld.
Aber sie war der Auslöser.
Sie war das brutale Klingeln, das mich aus meinem idyllischen Schlaf weckte.
Wahrscheinlich sollte ich dankbar sein.
Und ich bin es auch.
Wie schon erwähnt…
Zog ich mich immer weiter zurück.
Die Fortschritte, die ich machte waren groß.
Das Lächeln auf den blassen Lippen fröhlich.
Während mein Inneres mehr und mehr von Kummer erdrückt wurde.
Sieben Jahre alt
- Acousticophobie
- Ein überforderter Meister
- Dritter Schritt rückwärts
Mit zwölf Jahren bekam jedes der jungen Lichter einen neuen Meister.
Man konnte sich dies wohl mit dem Prinzip der Lehrer in gewöhnlichen Schulen vorstellen. Alle zwei Jahre bekommt man einen neuen Lehrer. (Normalerweise auf jeden Fall.)
Hier bekam man mit sieben Jahren den ersten Meister, mit zwölf Jahren den zweiten Meister, mit siebzehn den dritten Meister, der nun gleichzeitig mit der „Kampfausbildung“ begann. Bevor man einen neuen Meister bekam musste man eine Prüfung ablegen, als Beweis, dass man wirklich würdig und schlau genug war und mit noch mehr Wissen bombardiert zu werden.
Meine Angst vor der Dunkelheit hatte sich nicht verkleinert, nein, ganz und gar nicht.
Sie wurde immer schlimmer.
Ich schlief kaum noch, stürzte mich nur noch mehr in die Arbeit, die mir Miniphi aufbrummte - und das war nicht gerade wenig - wurde öfters krank, ging nie zu einem Doktor und machte schließlich mit sieben Jahren die Schlussausbildung bei Miniphi, um zu beweisen, dass ich in diesem Jahr (ich betone – die anderen brauchten fünf Jahre, ich gerademal ein einziges, um alles zu lernen. Zu wenig Stoff oder war ich zu überarbeitet?!) gut aufgepasst hatte.
Ich bestand.
Mit einer Belobigung.
Als ich zu Hause war, warf ich sie weg.
Was sollte ich auch damit?
Ich hatte niemanden, der zu Hause auf mich wartete und sich mit mir darüber freuen konnte.
Die Prüfung war also abgelegt, ich wollte einen neuen Meister. Den bekam ich auch.
Einen kleinen, gebrechlichen Mann, mit buschigen Augenbrauen und eingefallenen Wangen.
Er war nach der ersten Woche überfordert mit mir. Weshalb?
Ich arbeitete zu viel.
Der Mann wusste nicht mehr wohin mit mir, andauernd hatte ich alle Aufgaben erledigt, wollte mehr und mehr und mehr…
Warum ich mehr wollte?
Weil ich nicht mehr wusste wohin mit mir.
Die anderen in meinem Alter hatten sich von mir distanziert. Ich war derjenige, der abnormal war, weil ich so viel lernte.
Ich war für die Anderen der Schnösel, der Schleimer, der Außenseiter.
Jegliche Kontaktaufnahme war sinnlos. Nach vielen Versuchen, bei denen ich immer wieder abgeblockt wurde, gab ich es schließlich auf.
Man konnte einen Hasen nicht zum Jagen tragen.
Wenn sie mich nicht wollten, dann sollten sie mich auch nicht bekommen.
Miniphi hatte in so einem Fall immer nur tonlos etwas wie „Willst du gelten, mach dich selten“ gekrächzt.
Aber so ein Sprüchlein hatte eben einfach keinen Sinn…
So zog ich mich immer weiter zurück. Wenn ich nicht lernte, träumte ich vor mich hin.
Aber diese Träume waren so schwach, so unsinnig, dass ich sie nicht weiter ausführen möchte.
Langsam wurde ich also immer ängstlicher.
Die Dunkelheit schockierte mich, ich erzitterte fast schon, wenn nur ein Schatten über mich geworfen wurde. Es war krankhaft.
Dazu kam nun auch noch die Angst vor Lärm und Geräuschen. Alles versetzte mich sofort in Panik. Jeder unvorhergesehene Ton, lautes Lachen. Es machte mich einfach krank.
Panikattacken und Angstzustände begleiteten mich als krankhafte Anhängsel, stürzten sich auf mich, machten mich wahnsinnig.
Am Liebsten war ich allein in meinem Zimmer, abgeschieden von allen anderen.
Sie empfanden mich als komisch und wer tatsächlich Interesse an Gesprächen mit mir gehabt hätte, dessen Eltern verboten ihm den Kontakt.
Der Kummer drückte immer weiter auf mein Herz.
Acht Jahre alt
- Karagulophobie
- Tropfen für Tropfen
Ich frage mich, warum man mir dieses kranke Leben nicht einfach lassen konnte. War es nicht schon so unglücklich genug?
Ich weiß es nicht.
Aber all die Gebete, all die Gläubigkeit, all die Religion, die meine Meister mir einprägten hatten keinen Sinn. In unserer Stadt war die Religion ein Muss.
Es ging einfach nicht ohne.
Verständlich, oder?
Schließlich hieß es doch auch ‚Heavens Door’, nicht wahr?
Es war das Tor zum Himmel.
Zum Herrn.
Aber anscheinend hatte der Herr entweder vor, all die Wesen, die sich so zu ihm hingezogen fühlten, leiden zu lassen…
Oder er existierte überhaupt nicht.
(Dritte Möglichkeit wäre, dass er vielleicht im Urlaub war… Wär doch auch ´ne Möglichkeit?! Hawaii…)
In manchen Dingen war ich natürlich wie alle anderen.
Nein, das stimmt nicht…
Ich war eigentlich immer wie jedes normale Kind.
Nur nicht ganz.
Ich sehnte mich nach allem, aber konnte nichts erreichen.
Ich wollte meine Meinung mitteilen, aber konnte nie die Stimme erheben.
Ich wollte eingreifen, wenn Unrecht geschah. (und man stelle es sich vor… Es geschah sehr viel Unrecht)
Ich wollte nicht mehr der Schuljunge sein, der nichts kapierte.
Und das alles mit acht Jahren.
Man kann mich größenwahnsinnig nennen, ja.
Aber man könnte auch sagen, dass ich nur sehr weit für mein Alter war.
Nun, natürlich gab es Zeitpunkte, an denen ich meine Stimme (die sowieso nur zum Runterrasseln von irgendwelchen Gebeten, Hausarbeiten und Gedichten benutzt wurde) erhob. Aber dies… war vielleicht ein Fehler.
Einmal ist wohl einmal zu viel.
Es war ziemlich warm draußen, ich befand mich auf dem Heimweg.
Die Sonne ging unter, die schwere Tasche mit viel zu vielen Büchern hatte ich über meine Schulter geschwungen.
Es war vom jeweiligen Wesen abhängig, wann der Wuchs der Flügel endgültig begann. Meine waren eigentlich noch ziemlich mickrig, während andere in meinem Alter schon mit so riesigen Schwingen protzten, die fast so groß waren wie sie selbst.
Naja, ich war ja irgendwie trotz meiner Fortschritte bei meinem Meister immer ein Nachzügler gewesen, hielt mich selbst sowieso immer für ziemlich bescheuert.
Meiner Meinung nach hatte es nichts damit zu tun, ob man nun intelligent war oder nicht, wenn man im Lernen gut voran kam. Überhaupt nicht.
Nun, wie schon gesagt…
Ich hatte es ziemlich eilig nach Hause zu kommen. Die Sonne ging gerade unter und schon wieder machte sich die Panik in mir breit.
Diese entsetzliche Panik.
Immer wieder sah ich mich in den leeren Gassen um, warf jedem Schatten, jedem düsteren Winkel einen höchst misstrauischen Blick zu.
Vor mir vernahm ich Geschrei.
Etwas, was sich gar nicht mit meiner Angst vor Lärm vertrug.
Ich zuckte zusammen, presste mir die Hände auf die Ohrmuscheln, betrachtete mit aufgerissenen Augen die Gasse, die auf einen kleinen Platz führte. Ich musste hier vorbei, es gab keinen anderen Ausweg.
Dort hinten lag doch schon dieses Haus… Da war es doch schon.
Greifbar…
Verdammt, warum konnte ich nur noch nicht fliegen?
Wie dämlich muss man denn sein?!
Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen, während ich einen Schritt vor den Anderen machte, die Hände noch immer krampfhaft auf meine Ohren gepresst. Ich hatte vor einfach loszurennen. Wie ein Irrer loszulaufen, über den Platz in das Haus. Die Tür zuschlagen (ich kam nun langsam auch an die Türklinke ran – Ja, wirklich. Toll, was?!)
Doch was ich da sah, schockierte mich so sehr, dass ich sogar die Hände von meinen Ohren sinken ließ. Es waren sieben Lichtgestalten auf dem Platz. Vier Engel und drei Lichtelementare… Oder Lichtdämonen, ich bin mir nicht sicher.
Es war ganz klar, wer von ihnen zusammengehörte.
Sechs von ihnen traten auf einen ziemlich mickrig aussehenden Engel ein.
Wie erstarrt stand ich da, konnte den Blick nicht von dem Lichtbündel am Boden wenden.
„Hey“, meine Stimme klang unbenutzt. Wie schon immer. Schließlich benutzte ich sie auch kaum.
Aber die anderen hörten nicht auf.
Ein Knurren ertönte aus meinem Mund, als ich vorsprang und trotz der Angst, die mir den Atem vollständig abgeschnürt hatte versuchte, die Anderen von dem Vorhaben abzubringen, den Jungen totzutrampeln.
Es waren drei Mädchen bei dem Schlägertrupp. Der Rest männlich.
Und so hetzte ich sie auf mich…
Neun Jahre alt
- Ein überforderter Neunjähriger
- Es beginnt
- Vereinsamung
Man kann sich wohl gar nicht vorstellen, wie oft ich zu dieser Zeit in der Kirche war. Der Glaube ging mir über alles. Naja… was hieß schon ‚über alles’? Wenn man nichts hat, worüber soll es dann gehen?
Aber vielleicht lag es auch daran, dass sich mein Unterricht gerade größtenteils über ‚den Herrn’ drehte. Vielleicht war ich deshalb so oft in der Kirche (Riesige Kathedrale… Naja, in einer streng gläubigen Stadt vielleicht kein Fehler.)
Egal jetzt auch.
In der Gesellschaft war ich vollkommen überfordert. Selbst wenn man den Kontakt zu mir suchte, habe ich unbewusst abgeblockt.
Ich wusste nicht, wie ich mit den Anderen umgehen sollte.
Man kann sich wohl kaum vorstellen wie ein Kind sein muss, das nicht einmal zu einem Gespräch fähig ist.
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, wenn man mich ganz normale Fragen fragte. Immerzu war die Angst da, bloßgestellt zu werden.
Dies verschlimmerte sich natürlich immer mehr, hatte es doch nun diese ‚Gang’ anscheinend auf mich abgesehen. Sie konnten es nicht einsehen, dass so ein Knirps wie ich sich in Dinge einmischte, die ‚ihn nichts angehen’.
Tagtäglich lauerten sie mir auf, sie hetzten andere Kinder gegen mich auf, sie lachten über mich.
Zu lustig fanden sie auch meine Ängste, schließlich brauchte es nicht allzu viel Intelligenz um herauszufinden, wie ich auf Lärm und Geräusche reagierte und dass ich nachts nie rausging, dafür aber immer Kerzen brannten.
So zog ich mich also immer mehr in meine Bücher zurück, in meine eigene Welt.
Langsam hörte ich auf zu lernen, sah keinen Sinn mehr darin, mich fortzubilden. Der Hass gegen die Welt wuchs, obwohl ich bisher nur diese eine Stadt kennen gelernt hatte. Eine Stadt ziemlich weit oben im Gebirge. (Wahrscheinlich kennst selbst du ‚Heavens Door’. Hab ich noch gar nicht erwähnt. Aber das wird wohl in jedem normalen Geschichtsunterricht erwähnt. Zählt zur Allgemeinbildung. Dass es ein Dorf gibt, in dem alles toll ist. Friede, Freude, Eierkuchen und eine tolle Verbindung zu Gott.)
Meine Flügel waren noch immer ziemlich mickrig, ein weiterer Angriffspunkt.
Die Ängste wuchsen ins Unerträgliche, sodass ich kaum noch Schlaf fand. So kam es, dass ich versehentlich im Unterricht einschlief oder ihn komplett verpasste, weil ich nicht erschien.
Alle Prüfungen hatte ich bisher bestanden, jeden Zwischentest mit Belobigungen, die jedes Mal wieder im Mülleimer landeten… Da, wo sie hingehörten.
Doch die Zwischentests wurden schlechter, ich wurde unachtsam.
Die Begabung das zu sagen, was mein Meister hören wollte schwand natürlich nicht.
Noch nicht.
Wenn er mit mir schimpfte (und das tat er ziemlich oft), entschuldigte ich mich immer in aller Form, setzte das bekümmerte Gesicht auf, war immerzu einsichtig.
Wen interessierte es schon, wie sich ein Neunjähriger fühlt?
Zwölf Jahre alt
- Zwischenstopp Gesellschaft
- Rückfall
Es waren drei Jahre vergangen, in denen sich nichts tat. Das Mobbing artete öfters aus, sodass ich teilweise Wochenlang nicht zum Unterricht erschien, wegen Würgemalen, einem blauen Auge oder Kratzer.
Zum Thema Gesellschaft?
Ja, man könnte meinen die Gesellschaft müsse etwas unternehmen.
Aber die hat dies alles wohl kaum beachtet.
Überhaupt hatte diese ‚Gang’ die anderen Kinder doch vollkommen in der Hand. Sie hetzten die in meinem Alter auf mich und wer nicht so dumm war die ganzen dummen Gerüchte zu glauben hielt sich aus taktischen Gründen von mir fern. Denn die wollten auch nicht irgendwo mit blauem Auge enden.
Die Erwachsenen im Dorf waren da wohl eine ziemliche Enttäuschung.
Man könnte ja auch meinen, die würden sich nicht von dieser Gruppe einwickeln lassen. Aber das wäre wohl ein fataler Irrtum.
Die Mädchen aus der Bande waren bekannt für ihre Höflichkeit, für ihren Fleiß.
Die Jungen perfekte Gentleman. (Wenn sie nicht gerade auf der Straße jemanden verprügelten)
Und ich?! Ich war der Junge, dessen Leistungen momentan total nachließen, den keiner kannte.
Ich hatte ja nie besonders guten Kontakt zu irgendjemandem. Und selbst wenn ich mich beklagte, wenn ich die Verletzungen vorzeigte wurden nur die Anderen befragt.
Aber mir wurde nie geglaubt, denn die Mehrzahl sagte doch, sie würden mich nicht einmal kennen. Also?
Was sollten die Erwachsenen auch tun.
Sechs gegen einen?
Keine Chance.
Es hieß, ich würde mir diese Verletzungen selbst zufügen, man solle sich von mir fern halten. Überhaupt würde ich die Erwachsenen, Vorsitzenden und Heiligen auf die armen, unschuldigen Kinder hetzen wollen, um mein Ego zu befriedigen.
Meine Noten waren rapide runtergegangen. Es war nicht so, dass ich nicht begriff, was mein Meister da redete. Ich hätte jede Aufgabe lösen können. Selbst als ich nicht gelernt hatte wäre mir die Abschlussprüfung nicht schwer gefallen.
Aber ich wollte nicht.
Ich hatte keine Lust mehr.
Und so rasselte ich durch die Prüfungen.
Kein einziges ausgefülltes Feld. Die mündliche Prüfung verweigert.
Ich bekam einen neuen Meister, da mein alter Meister in den Ruhestand ging.
Also… Der Selbe Unterricht schon wieder. Rauf und runter, rauf und runter.
Die monotone Stimme des alten Glühwürmchenbeschwörers nervte mich vom ersten Tag an.
Aber ich lächelte nur freundlich und nickte, während meine Gedanken immer in meinen eigenen Träumen hingen.
Dreizehn Jahre alt
- Zum Thema Stark
- Vom Verbiegen und Standhalten
- Meine Stimme
Mir war schon vor ein paar Jahren klar geworden, dass man stark sein musste, um zu überlegen. Die Frage, die ich mir nur immer stellte war: Möchte ich tatsächlich überleben?
Andererseits… musste ich wohl schon stark sein, oder?
Ja, irgendwie schon.
Ansonsten hätte ich nicht bis hierher durchgehalten.
Natürlich… Mein Leben ist nicht besonders spektakulär, das war es wohl nie.
Und es ist auch nie etwas besonders Schlimmes passiert.
Auf jeden Fall gibt es Wesen, denen es im Leben weitaus schlechter ging.
Aber ich hatte dennoch durchgehalten, oder?
Ob nun freiwillig oder nicht.
Was ich dazu noch gelernt hatte… Es machte keinen Sinn sich zu verbiegen.
Nein, wirklich.
Man konnte sich nicht so verbiegen, dass man jedem gefiel. Irgendjemand fand immer irgendetwas an einem, wenn er nur wollte.
Und es ist verdammt schwierig sich Dingen anzupassen, die nicht gefallen. Also sollte man es einfach lassen.
Ansonsten war das Leben nichts mehr wert. Überhaupt nichts mehr. Wenn man nicht mehr die Freiheit hatte sein eigenes Leben zu leben, wenn man gezwungen war sich anzupassen, dann ist dies kein Leben mehr.
Ja, es stimmt, vielleicht ist es krank so etwas aus dem Munde eines Zwölfjährigen zu hören, der selbst nicht genau weiß, wer und was er überhaupt ist und sein will.
Aus dem Munde von jemandem, der nachts Angst vor der Dunkelheit hat, Lärm nicht erträgt und völlig zurückgezogen lebt. (Aber warum eigentlich lebt? Das ist auch kein Leben. Das ist nur noch existieren.)
Meine Stimme war völlig unbenutzt. Ich redete mit niemandem mehr, außer teilweise mit meinem Meister, um ihm Dinge vorzutragen, die ich in den letzten fünf Jahren schon einmal auswendig gelernt hatte.
Dennoch fiel es mir immer schwerer mich auf die endlosen Wiederholungen zu konzentrieren. Ich kannte dies alles schon.
Ich wusste es doch schon…
Vierzehn Jahre alt
- Engelsflügel
Mit vierzehn Jahren waren meine Flügel zu einer anschaulichen Größe gewachsen.
Ich war nicht stolz darauf, konnte nur irgendwelche Fehler an ihnen finden, sammelte alles Negative, was ich finden konnte.
Mein Meister hatte den Fortschritt meiner Flügel ausführlich gelobt. Er habe noch nie jemanden gesehen der so spät dran war.
Soll dies ein Lob sein?
Vielleicht ja.
Ich glaube sogar, es war eines.
Aber ich war noch nie gut darin mit Lob umzugehen.
Ich verwarf den Gedanken daran, nahm es lieber als eine Beleidigung, als ein Lob.
Damit kam ich besser klar.
Fünfzehn Jahre alt
- Träume
- Verzeihen
Ich lebte völlig zurückgezogen in dem Haus meiner Mutter. Die einzigen Räume, die ich betrat, waren mein Zimmer im zweiten Stock und die Küche im Erdgeschoss. Seit meine Mutter im ersten Stock gefunden worden war, hatte ich diese Räume auch nicht mehr betreten.
Mein Leben finanzierte ich mir mit dem Geld, das mir meine Mutter vererbt hatte.
Man kann sich wohl vorstellen, dass jemand mit einem so großen Haus viel Geld hat?
Genau.
Aber was ist schon Geld?
Geld ist wie Schall und Rauch.
Es bringt dir nichts.
Auf jeden Fall brachte es mir nichts.
Ich aß noch nie viel, hatte insgesamt schon immer eine krankhafte Einstellung zum Essen, seit meine Mutter tot war. Selbst als ich es noch bezahlen konnte, aß ich nicht allzu viel.
Anfangs hat es mich einfach nur angewidert.
Dann hatte ich irgendwann ein derartiges Essproblem, dass ich keine Mahlzeit nur ansehen konnte, ohne dass mir übel wurde.
Es war mittags. Ich saß wie immer in meinem Zimmer und starrte teilnahmslos aus dem Fenster. Was sich auf dem Platz abspielte nahm ich nicht mehr wahr. Dafür war ich schon zu weit entfernt von der Wirklichkeit.
Ich war wohl irgendwo anders… Meistens träumte ich immer von der einen Situation. Immer und immer wieder kam mir diese Situation in den Sinn. Aber die war wie immer ziemlich abgedreht, wie meine Person insgesamt. Regungslos saß ich da, mein Blick verschleiert.
Irgendjemand, der mich liebte.
Einfach so.
Jemand, der mich mochte, jemand der mich bei der Hand nahm.
Jemand, der einfach nur bei mir war, wenn ich nachts wach war.
Einfach so.
Ohne irgendeine Bedingung.
Ein Klopfen unterbrach meine Gedanken. (Es muss ziemlich laut gewesen sein, damit man es auch bis in den zweiten Stock gehört hat… Vielleicht hab ich es aber auch zum Teil durch mein Fenster gehört…)
Aufgeschreckt erhob ich mich.
Noch nie in meinem elendigen Leben hatte irgendjemand an der Tür meines Hauses geklopft.
Die Treppen hinunter, immer zwei Stufen nehmend kam ich unten an. Wer bitte sollte das sein?
Mein Meister?
Weil ich seit zwei Tagen wieder nicht zum Unterricht erschienen war?
Vielleicht.
Aber er war es nicht.
Es war ein Engel.
Einer meiner Peiniger.
Ich war versucht ihm sofort die Tür vor der Nase zuzuknallen, unterließ es dann jedoch. Er war allein. Seine Kumpanen nicht bei ihm.
„Hey“, begrüßte der mich und ich zuckte kaum merklich zusammen.
„Hi“, war die einsilbige Antwort.
„Wie geht’s dir?“, wie solls mir schon gehen? Sobald der weg ist wieder viel besser. Aber er ließ mir keine Zeit zu antworten, als ob ich das gewollt hätte.
„Wir wollten uns entschuldigen“
Das war schon mal so ein Satz. Entschuldigen?
Die Gang, die mich seit Jahren quälte, die mir quasi das genommen hat, was mir noch geblieben war? Die mir die letzten Wege zu einer Gesellschaft abgeschnitten.
„Entschuldigen?“, hakte ich nach, runzelte die Stirn. Ich war nicht doof, ganz und gar nicht. Auch wenn man das von einem verträumten, gesellschaftsunfähigen Jungen wohl erwarten würde. Wahrscheinlich wusste der Andere nicht mal, dass ich überhaupt reden konnte. Auf jeden Fall guckte er ziemlich verschreckt.
„Jaaah, du weißt schon… Wir wollten dich nicht immer so fertig machen…“, nuschelte der Junge, lächelte dabei unentwegt entschuldigend.
„Aha…“ Und was brachte mir die Entschuldigung?
„Wir wollten dich einladen und so... Heute Abend im Wald… Möchtest du mitkommen? Die Anderen kommen auch… Und noch so zehn andere oder so… Wir wissens noch nicht genau, aber wir wollten bissl Party machen und so… Also wenn du Lust hast…“
Ich blinzelte überrascht. Ich wurde eingeladen?
Natürlich wusste ich, was es bedeutete in den Wald eingeladen zu werden.
Dort durften nur die Erfahrenen hin und die allerbesten Freunde der Gang. (Ob die die Erlaubnis hatten war mir jedoch nicht so geheuer… War aber auch egal, oder?)
„Also wir würden dich hier abholen, ja?“, der Junge lächelte, hatte sich dann schon umgewandt um wieder zu verschwinden.
Fünfzehn Jahre alt
- Waldspaziergang
- Unüberlegte Wahl zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten
Es muss für einen normalen Menschen ziemlich dämlich sein, nachzuempfinden, wie Engel aussehen. Besonders mit diesen teilweise riesigen Flügeln. Dass wir da tatsächlich noch in Häusern wohnen, ist bestimmt nicht nachzuempfinden. Ein paar Komiker werden jetzt bestimmt sagen „Die müssen ja aufpassen, dass sie nicht am Türrahmen hängen bleiben“, aber eigentlich hatte niemand von uns jemals Probleme damit. Auf jeden Fall ich nicht.
Wie das bei den Anderen war, wusste ich nicht. Flügel waren notwendig für uns Engel.
Wir brauchten sie wie die Luft zum Atmen.
Erst die Engelsflügel machten einen wirklichen Engel aus. So war das eben, so bescheuert es wohl auch klingen mochte. Für mich waren Flügel immer etwas wie für einen Menschen… ein federbesetzter Rucksack vielleicht. Nur natürlich irgendwie doch größer, bequemer…
Schwierig zu beschreiben, aber ich versuche das alles eben so ausführlich wie möglich aufzuschreiben, damit es sich auch jeder bildlich vorstellen kann.
Man kann gar nicht beschreiben, was ein Engel ohne Flügel bedeutet. Wenn man keine Flügel hat, wird man ausgestoßen. Jeder kennt bestimmt die Bezeichnung „Gefallener Engel“?
Ja, sicherlich.
Die Menschen denken immer, es wäre so etwas Tolles. Vielleicht ist es das für sie auch. Für sie.
Denn die Menschen lieben das Außergewöhnliche. Oder sie hassen es.
Für einen Engel bedeutet das Verlieren der Flügel jedoch der sichere, der endgültige Tod. Keiner kann ohne Flügel weiterleben.
Wie gesagt, sie sind für uns wie Luft zum Atmen.
Und ohne Luft kann man nicht mehr atmen… Und wenn man nicht mehr atmen kann, stirbt man. So ist das eben…
Überhaupt erliegt man sowieso den Verletzungen. Bisher hat es niemand geschafft, dem ich begegnet bin.
Deshalb war es auch so eine beliebte Methode in ‚Heavens Door’, einen Engel hinzurichten. Es bereitete ihm unerträgliche Qualen, es machte ihn fertig. Er litt und litt und litt… Und dann starb er irgendwann.
Außerdem kam es teilweise sogar vor, dass sich Engel aus Protest die Flügel abschnitten, um ein Zeichen zu setzen. (Ja, ein Zeichen setzen… Diese Zeichen werden eigentlich immer von der Gesellschaft übergangen oder negativ gesehen und so schnell wie möglich verdrängt.)
Der Engel stirbt natürlich.
Aber er stirbt mit der Illusion, er habe vielleicht ein paar Wesen wach gerüttelt.
Irrtum!
Wie alle Wesen sind die Engel und Lichtwesen blind. Sie sind blind für die Dinge, die sie nicht verstehen können. Blind für die Dinge, die sie nicht verstehen wollen.
Sie sehen, was sie sehen wollen.
Tatsächlich wartete die Gang an dem Abend vor meinem Haus auf mich. Man kann sich vorstellen, wie schrecklich nervös ich war. Und das nicht nur, weil ich mich endlich nicht mehr ignoriert fühlte, weil plötzlich die Hoffnung in mir aufkeimte, dass ich doch irgendwie dazugehören konnte. Ich wollte nicht länger der Einzelgänger sein.
Ich sehnte mich nach Anderen, die mich verstanden, die mich so nahmen, wie ich war.
Die große Angst bei alldem war jedoch… Erstens war es eine Party… Dies hieß viel Lärm, viele Geräusche, viele Wesen. Und dazu kam noch der zweite Punkt… Es war nachts.
Egal. Ich wollte dazugehören. So versuchte ich den Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken, die Angst zu überwinden. Es war kühl, während wir den Weg hinauf zum Wald gingen. Heavens Door konnte man sich eigentlich insgesamt wie ein Gefängnis vorstellen. Es war von einer riesigen Lichtmauer umgeben, die es Lichtwesen unter zwanzig Jahren unmöglich machte, die Stadt zu verlassen… und die es Wesen, die nicht dem reinen Lichte angehörten unmöglich machte, die Stadt zu betreten. Tjo… Diese „Mauer“ war von Heiligen heraufbeschworen worden, die in dieser Stadt ebenfalls hausten…
Die Anderen lachten und redeten munter miteinander, während ich eher still war, mit meinen verschiedenen Ängsten zu kämpfen hatte, die immer wieder in mir aufkeimten.
Ich war sowieso schon immer der stille Typ gewesen. Ruhig, still, gefühlvoll. Frech und aufmüpfig wurde ich erst später. Aber ob dies wirklich ich bin… Da bin ich selbst mir nicht einmal mehr sicher.
Auch wenn es vielleicht unhöflich ist, über sich selbst zu sprechen… Ich hatte niemandem jemals etwas getan. In meinem ganzen Leben hatte ich niemandem jemals irgendetwas angetan. Gemächlich war der Weg zum Wald, die Anderen sprachen mit mir, sie versuchten mich so gut es ging in ein Gespräch einzubeziehen.
Zugegeben, ich machte es ihnen nicht gerade einfach. Aber hey! Ich hatte auch mit dem ein oder anderen zu kämpfen. Angst vor Dunkelheit und nachts in einen Wald gehen zu müssen war auch nicht gerade das Idealste. Und dann noch diese eigenartige Kälte, die uns umgab…
Unruhig waren meine Augen, huschten überall herum, suchten die Dunkelheit nach möglichen Gefahren ab. Aber es gab einfach keine.
Mit der Zeit verlor ich ein Stück der Angst, versuchten mich die Anderen doch auch aufzumuntern. Natürlich… Alles kam wieder doppelt so stark zurück, als wir auf einer Waldlichtung ankamen, auf der sich in etwa sieben andere Lichtwesen tummelten.
Sie lachten und schwatzten.
Und dann wurde es seltsam still.
Ich hätte sofort wissen müssen, dass etwas nicht stimmt, als der Blick der Anderen erst auf mir ruhte, dann zu der Anführerin huschte – einem älteren Mädchen mit lila Haar.
Die klatschte jedoch nur in die Hände, blickte dann etwas fragend in die Runde.
„Ah… Joah… Also dies hier ist im Übrigen Kieron, kennt ihr sicher alle…“, sie grinste schelmisch. Ja, natürlich kannten sie mich alle.
Jeder von ihnen hatte mich sicherlich schon irgendwann einmal verprügelt.
„Naja, Kierchilein, du wirst sicher verstehen… Also dass das nicht so einfach geht… Also jetzt einfach mal einen Abend hier sein und dann wieder untertauchen… Jetzt bist du hier… Und eigentlich darf hier ja keiner her, außer der Clique… Wenn du also rein willst…?!“
Ich blinzelte sie an. Es machte mich nervös, dass mich alle anstarrten.
Aber die Stille tat gut. Endlich kein Lärm mehr…
„Aber das sagtet ihr nicht?“, meine Stimme war ruhig, meine Augen aufmerksam auf das Mädchen gerichtet. Sie hatten mich nicht darüber aufgeklärt.
„Oh? Nicht? Gerade sagte ich es doch, oder?“, sie lachte, blickte auffordernd in die Runde und sofort lachten die Anderen mit. Vorerst verkniff ich mir eine Antwort, lächelte nur samten mit.
„Naja… Was ich sagen wollte… Bevor du in unsre Gruppe darfst, müsstest du ´ne Vertrauens oder Mutprobe bestehen…“, fragend lag ihr Blick auf mir.
Ich runzelte die Stirn.
Wer hatte gesagt, dass ich zu ihnen in die Gruppe wollte?
„Es geht ja nicht anders, oder? Überhaupt hab ich dich gern“, abermals ein Grinsen von ihr, während sie zwei reihen weißer Zähne entblößte.
„Mutprobe?“, hakte ich nach.
„Naja, eher so ein Vertrauenstest… Ob du uns wirklich vertraust und so…“, sie zuckte mit den Schulter. Für meinen Geschmack klang das etwas >zu< harmlos. So harmlos war diese Clique doch nicht? „Also Thi meinte, du machst nicht mit… Aber ich vertrau dir“
Fast fassungslos starrte ich sie an.
Wie bitte?!
War ja nicht zu fassen…
„Ach komm…“, auffordernd patschte sie mir mit der Hand auf die Schulter. Zu meinem eigenen Missfallen fuhr ich zusammen.
„Ansonsten…“, ihre Augebrauen zogen sich nachdenklich zusammen, doch mein Blick war schon von ihrem Gesicht zu dem Gürtel eines der Jungen neben ihm gewandert. Der nestelte auffällig an einem Messer herum.
Dann waren meine Augen wieder auf sie gerichtet.
„Okay“, meine Stimme war fest, während ich bei diesen Worten meinte, ich wäre wirklich durchgeknallt.
Sie nickte, lächelte triumphierend…
Fünfzehn Jahre
- Schmerzensgrenzen
- Zwischen Wahnsinn und Wirklichkeit
Ich weiß nicht genau, wie es ging. Aber die „Mut/Vertrauensprobe“ sollte sofort stattfinden… Und plötzlich waren meine Hände gefesselt und ich hing ein paar Meter über dem Boden. Das Seil, am einen Ende meine Handgelenke umschlungen, war am anderen Ende an einem Ast befestigt.
Ich starrte zu dem Mädchen hinab.
Sie sah unbekümmert zu mir rauf, lächelte.
„Hey, guck nicht so“, einer der Engel kam zu mir geschwebt, verpasste mir eine Augenbinde. Ein paar Mal schnipste er mit den Fingern vor meinen Augen herum, doch ich sah es nicht. Ich war blind.
Hilflos und blind…
„Lasst mich runter“, meine Stimme hatte an Sicherheit verloren. Hilflos schwangen meine Beine in der eisigen Kälte, während ich mich versuchte zu befreien.
„Vertraust du uns denn nicht?“, nein, natürlich nicht.
Auf keinen Meter vertraute ich diesen Wesen.
„Vertrau mir…“, ein warmer Atem an meinem Ohr, dann lachte der Junge dort schallend los.
„Ach komm schon, Kleiner… Hast du das wirklich geglaubt?“
„Als ob wir uns mit so einem Dummkopf abgeben würden…“
„Ich will den gar nicht anfassen… Meinst du nicht, der hat vielleicht Flöhe?“
„Hahaha… Ja, Flohkissen, was?“
„Ihh, warum muss ich anfangen?“
Die Wesen waren wohl zu mir heraufgekommen, während ich hilflos dahing.
„Lasst mich runter!“, ein verzweifelter Aufschrei verließ meine Lippen, ein Schmerzensschrei folgte, als mir jemand mit einem heftigen Ruck eine Feder aus den Schwingen riss.
Man könnte mich fragen, warum ich nicht wegflog.
Aber erstens hätte ich keine Chance gehabt… Und zweitens war ich viel zu doof, viel zu verängstigt.
Es war dunkel.
Ich war in einem Wald.
Es war kalt.
Ich war hilflos.
Um mich herrschte Geschrei und Lärm.
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, ich hatte das Gefühl, als würde ein Gewicht an meinen Füßen hängen, als könnten meine Arme meine eigene Last nicht mehr aushalten.
Dann drang plötzlich etwas Spitzes in das Fleisch meiner Flügel…
Bei lebendigem Leibe schnitt man mir die Flügel ab. Sie machten sich einen Spaß daraus mich zu quälen, sie lachten dabei, während meine Schreie unheimlich im Wald klangen.
Es war, als müsste mein Herz zerbrechen. Als müsse es zerbersten, tief in mir.
Ich glaube, in dieser Nacht bin ich vollständig gestorben.
Wenn ich bis dahin gelebt habe, dann haben diese Monster in dieser Nacht mein Leben beendet. Ich war an einer Grenze angekommen. An dem schmalen Spalt zwischen dem Wahnsinn und der Wirklichkeit.
Es gab nichts mehr, das mich abhielt dem Wahnsinn zu verfallen.
Nichts… Außer meine eigenen Schreie, die mich bei Bewusstsein hielten… Das Blut rann über meinen Rücken. Die Worte, die man mir in der Schrift der Engel in den Rücken ritzte, bemerkte ich nicht einmal mehr, bei den Schmerzen, die mich quälten.
Als es vorbei war, schrie ich nicht mehr.
Als sie mich losschnitten, regte ich mich nicht mehr.
Als sie mir ihr Messer in die Hände legten, zitterte ich nicht mehr.
Als sie davonrannten, weinte ich nicht mehr.
Als sie fort waren, war der Schmerz ebenfalls fort.
Und ich fiel…
Doch es sollte nicht mein Ende sein.
Wer auch immer mein Leben geplant hatte, er hatte einige, große Konstruktionsfehler gemacht.
Fünfzehn Jahre alt
- Wo die Stelle liegt, die weh tut
Ich kann nicht viel mehr über jene Nacht erzählen.
Ich weiß nicht, was diese Monster mit meinen Flügeln gemacht haben.
Vielleicht in ihrem Zimmer aufgehängt, wer kann das schon wissen.
Wo die Stellen liegen, die weh tun?
Nein, sie liegt nicht an meinem Rücken, der die noch so unverjährten Narben dieses Vorfalls trägt. Die Stelle liegt hier, direkt hier, auf der linken Seite meiner Brust.
Dort, wo in jener Nacht etwas gestorben ist, ohne das es nicht wert ist zu leben.
Mein Leben ist ein kaputtes Leben.
Begonnen hat es mit dem Tod meiner Mutter, geendet mit meinem eigenen Tod.
Ja, jeder muss sterben. Aber warum konnte mich mein Gedächtnis nicht auch verlassen?
Warum konnten die Erinnerungen meinem Herzen nicht folgen?
Warum blieben die Schmerzen?
Ja… Ich bin nicht gestorben.
Aber darüber bin ich wohl nicht gerade froh. Wie denn auch?!
Schaut mich doch an.
Was bin ich noch?
Ein Wesen, das niemals Liebe erfahren hat, ein völlig eintöniges Leben erlebte, das gleichmäßig erfüllt von Schmerz und Leid war?!
Der Traum ist geblieben.
Der Traum, den ich seit dem Tod meiner Mutter bis zu dem Abend an dem an meiner Tür geklopft worden war, träumte.
Er ist geblieben.
Aber immer wenn ich ihm nachhänge zieht sich mein Herz schmerzhaft zusammen… Überhaupt… - Nun, darauf komme ich später zurück.
Fünfzehn Jahre alt
- Somniphobie
- Was es heißt, einsam zu sein
Mit knapper Not überlebte ich. Obwohl ich es eigentlich gar nicht wollte.
Man fand mich wohl unterkühlt auf einer einsamen Waldlichtung tief im Wald, ein Messer hatte ich umklammert. Ich habe wohl versucht mir das Leben zu nehmen. Um die „verschwundenen“ Flügel machte sich keiner Gedanken. Aber warum auch?
Der Junge war schon immer komisch gewesen. Still, schweigsam, keiner hatte ihn wirklich gemocht. Andauernd hatte er (also ich) irgendwelche komische Verletzungen, für die er immer irgendwelche Schuldigen fand, wie zum Beispiel die armen, höflichen Kinder aus den Häusern des Elternbeirates. Ein Junge, dem man nichts glauben konnte, der immer nur Lügen verbreitete. Dessen Noten rapide gesunken waren, nachdem er zuvor mit sieben Jahren wohl die Prüfungsergebnisse gestohlen hatte und die Hausaufgaben wohl von einem anderen, älteren Schüler erledigt bekommen hatte.
Ich erzählte niemals jemandem, was in dieser Nacht wirklich geschehen war.
Was es wirklich heißt einsam zu sein?
Nein, das weiß wohl kaum jemand.
Alle sagen, sie wüssten es.
Aber es ist nicht so, dass man einsam ist, wenn man gerade mal für ein paar Tage nicht von Freunden besucht wird. Man ist nicht einsam, wenn man Streit mit den Freunden hat und einen Nachmittag – vielleicht sogar zwei? - irgendwo ohne sie verbringen muss.
Man ist einsam, wenn man niemanden auf der Welt mehr hat, der einem zuhört.
Wenn man niemanden mehr hat, der einem die Hand reicht.
Man ist einsam, wenn die Welt um einen herum zusammengebrochen ist, wenn man sein eigenes, zerbrochenes Herz in Händen hält und es verzweifelt versucht mit Sekundenkleber wieder zusammenzukleben.
Ich bin einsam.
Ich war einsam, seit meiner Geburt.
Mit sechs Jahren bemerkte ich, wie einsam ich war.
Und mit fünfzehn Jahren bemerkte ich, dass ich zu einsam war.
Im Endeffekt weiß niemand wirklich, was es heißt, einsam zu sein.
Niemand weiß es.
Auf jeden Fall bin ich noch niemandem begegnet, der so weit entfernt von der Welt ist, wie ich.
Der so wenig Kontakt zu der Welt hat, wie ich.
Der so verloren ist, wie ich.
Der sich selbst so aufgegeben hat…
Aber man muss weiterleben, oder?
Und das musste auch ich tun.
Ich hatte die Pflicht weiterzuleben.
Weil ich zu viel Angst hatte meinem Leben selbst ein Ende zu bereiten.
Fünfzehn Jahre alt
- Gefallene Engel weinen einsam
- Unruhestifter
- Letzte Tränen
- Über Lichtwesen
Es waren unerträgliche Schmerzen, die mich quälten.
Mein Rücken schmerzte so sehr, wie es sich ein normaler Mensch wohl überhaupt nicht vorstellen kann.
Jede Nacht weinte ich. Meine Ängste waren größer geworden, Albträume plagten mich, wenn ich überhaupt einmal schlief.
Ich weinte und weinte… und doch hatte es keinen Sinn.
So nahe am Herrn war ich… und doch so weit entfernt von ihm.
Was war ich denn schon? Dass ich ihn um Hilfe bitten konnte?
Ich war ein gefallener Engel. Und gefallene Engel weinen bekanntlich einsam.
Sobald ich wieder halbwegs aufrecht gehen konnte, entschied ein Rat von Heiligen über mich.
Aber zu dieser Zeit fragte ich mich ernsthaft, welcher besoffene Tölpel diesen Wesen den Heiligentitel angeschwatzt hatte.
Sie waren unfähig. Und selbst wenn es nicht angemessen ist dies zu bewerten…
So wie sie über mich entschieden, war ich wohl doch soweit befugt dazu, dies zu bewerten.
Man verwies mich aus der Stadt.
Weshalb?
Nun…
1. Ich war ein Unruhestifter, welcher versuchte, Wesen gegeneinander aufzuhetzen.
2. Ich hatte etliche Einbrüche begangen (die ich wohl alle verpasst haben muss)
3. Ich war eine Schande für die gesamte Stadt
4. Es wäre unsinnig mich weiter hier leben zu lassen, weil sowieso jeder einzelne meinen Namen kannte.
5. Ich hatte versucht Selbstmord zu begehen. (Aha?)
6. Ich hatte keine Flügel mehr. Das hieß also, dass ich kein Himmelswesen mehr war. Also unrein
7. Ich war „nicht würdig“
8. Waren sieben Gründe sieben Gründe zuviel.
Und so ging ich. Verletzt, während mir das Gelächter der Gang in den Ohren hing.
Und ich drehte mich um und sah sie da stehen… Ich reckte (unter höllischen Schmerzen, aber das wussten sie ja nicht) die geballte Faust gen Himmel und lachte. Wenn ich auch falsch lachte, wenn mir auch Tränen über die Wangen rannten.
Sie sahen dies nicht. Sie sahen die Tränen nicht.
Weshalb das alles?
Ich war frei.
Ich war frei zu gehen wohin ich wollte.
Wenn ich auch schwach war, gebrochen, verloren… Ich war frei.
Während die anderen noch fünf Jahre lang nur die gleichen Opfer quälen konnten.
Was man bedenken sollte?
Selbst wenn es Lichtwesen sind…
Ob sie sich nun mit dem Glanz Gottes bepusten…
Licht rauf und runter, es macht sie nicht zu besseren Wesen.
Sie sind Engel.
Sie sind Heilige.
Aber sie machen genauso Fehler wie alle anderen.
Ob es nun Heilige sind?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht haben sie sich nur so genannt um Eindruck zu schinden.
Ein Lichtwesen zu sein heißt nicht zwingend ‚gut’ zu sein.
Die letzten Tränen vergoss ich mit fünfzehn Jahren.
Und es war der Abend, an dem ich mir vornahm nie wieder zu weinen.
Den Vorsatz hielt ich ein.
Ich weinte nie wieder.
Bis heute.
Denn ich würde ihnen trotzen.
Ich würde nicht aufgeben.
Ich würde niemals, niemals zerbrechen.
Das nahm ich mir vor…
Also… Auf jeden Fall jetzt noch nicht.
Aber… Nun ja, darüber konnte ich mir später Gedanken machen.
Irgendwann… später.
LG Dragon
So.. Die Idee kam mir durch einen RPG-Charakter, den ich in einem Forum spiele.
Zum Feedback.. Ich würde mich über Feedback freuen, aber bitte kein meterlanges Auseinandernehmen von den Texten, ""bekritteln"" des ugs, oder der Wiederholungen :) .. nicht bös gemeint, aber ich habe eigentlich eher nicht vor, meinen Schreibstil zu ändern ^^
Warum Kurzgeschichte.. Naja, ich bin mir noch nicht sicher, ob ich weiterschreibe, deshalb konnte ich keine Fortsetzungsgeschichte machen. Zwar ist es geplant, aber ich möchte eigentlich nichts so Großartiges machen, mit noch einem Feedback-Thread usw..
Trotz dem merkwürdigen Vorwort, das irgendwie strenger klingt, als beabsichtigt, folgt jetzt hier die eigentliche Geschichte ^^'
Achja, edit: Diese Geschichte ist vielleicht nicht gerade etwas für zarte Gemüter. xX'
KIERON
Sechs Jahre alt
- Erste Begegnung mit der Wirklichkeit
Ich glaube… es beginnt an dem Tag, an dem ich erwachte.
Das klingt vielleicht etwas eigenartig, aber die ersten Jahre meines Lebens habe ich wohl nie wirklich mitbekommen. Ich lebte bis dahin in meinem Traumland. Aber es sollte bald anders kommen.
Bald sollte ich aufwachen.
Es war… wohl vor 10 Jahren, oder?
Also im Jahre 40
Es begann alles ganz normal.
Dieser Tag.
Aber der Schein trog.
Nichts war normal.
Und dies würde sich bald zeigen.
Gähnend öffnete ich die Äuglein, streckte meine kurzen Ärmchen in die Höhe.
Ich war sechs Jahre alt.
Und mein Geburtstag stand vor der Tür.
Noch ein Tag, dann würde ich sieben Jahre alt werden.
Sieben Jahre…
Ich hatte bis dahin ein gutes Leben. Meine Mutter war mein ein und alles, sie war immer für mich da, wenn ich sie brauchte. Jeden Abend kam sie zu meinem Bett, las mir Geschichten vor, oder erfand selbst welche. Wir waren glücklich zusammen.
Alles hätte so gut sein können…
Zusammen lebten wir glücklich, eigentlich vollkommen zufrieden.
Natürlich. Und ich wäre auch nie fortgegangen. Und ich hätte auch nicht gedacht, dass sie fortgehen würde…
Ich liebte sie. Und sie liebte mich.
Aber ich hatte mir in diesen Jahren auch nie viel Gedanken über das Wort ‚Liebe’ und seine Bedeutung gemacht. Das kam erst zu der Zeit, als ich endgültig erwachte.
Bisher lebte ich eben in meiner kleinen Welt. In der Stadt ‚Heavens Door’, wo nur Lichtwesen zugelassen waren. Es wimmelte von Lichtgestalten, Engeln, Sonnendämonen, Göttern, Heiligen… So eine Welt konnte doch nur vollkommen sein? Sie konnte doch einfach nur – gut – sein? Nein, etwas Böses konnte hier doch nicht lauern.
Ich hatte niemals Angst vor der Dunkelheit. Bis damals auf jeden Fall.
Ich hatte niemals Angst vor Anderen. Bis damals auf jeden Fall.
Ich hatte niemals Angst vor Gesprächen. Bis damals auf jeden Fall.
Ich hatte niemals Angst vor Gefühlen. Bis damals auf jeden Fall.
Ich hatte niemals Angst vor Schwächen… Bis damals…
Man könnte sagen, ich möchte in dieser Schrift mit meiner Geschichte Mitleid erwecken. Aber dies ist nicht das Ziel, das ich erreichen will.
Niemand braucht dies hier lesen. Niemand hat die Pflicht sich dies anzutun.
Und niemand – niemand soll mich bemitleiden.
Ich hasse es.
Ich hasse es so sehr.
Vielleicht ist diese Geschichte auch langweilig. Völlige Zeitverschwendung, wenn man es so sieht… Aber wie gesagt. Niemand muss dies hier lesen.
Ich riss meinen Mund auf, gähnte herzhaft, blinzelte verschlafen. Es sah so aus, wie es immer aussah.
Und wie es immer aussehen sollte.
Ein Bett, auf dem ich jeden Morgen erwachte und jeden Abend einschlief.
Ein Schreibtisch gegenüber des Bettes, daneben ein mickriger Kleiderschrank, rechts neben der Tür, die immerzu quietschte, wenn man sie öffnete, ein Bücherregal, in dem ich aber heimlich eine Sammlung von kleinen Glühwürmchen aufbewahrte, die ich Tag für Tag fütterte… Naja, wenn das jemand rausgefunden hätte, hätten die doch sowieso nur gelacht, oder?
Egal jetzt.
Beschwingt hopste ich aus meinem Bett, blinzelte aus dem Fenster (- also eher ein Loch… Keine Ahnung… Rechteckige Form ohne Glas.) Mein Zimmer lag im dritten Stock und so hatte ich eigentlich immer einen tollen Ausblick auf den Platz, insgesamt auf die Stadt und auf den dahinter liegenden Wald. Einige Feen schwirrten hier (Quälgeister, wenn sie mit dir reden, ich sags dir. Piepsstimme, nicht auszuhalten… Ansonsten eigentlich niedlich anzuschauen…), wie immer gingen die verschiedenen Lichter ihren Geschäften nach.
Von A nach B.
Von B zurück nach A.
Und wenns grad passte vielleicht noch ein Zwischenstopp bei C.
Dann tapste ich weiter, über den flauschigen Teppich zur geöffneten Tür (ich war damals noch so klein, ich kam nicht an die Klinke ran… Also war sie immer offen…), stolperte hinaus und torkelte weiter ins Badezimmer. Geschäftig wurde der Hocker herbeigeschafft, auf den ich mich jeden Morgen stellte, um (erstens) in den Spiegel sehen zu können und (zweitens) zum Rand des Badezubers zu reichen. (Riesiges Ding, ich sags dir.) Ich griff mir meine Zahnbürste, wischte dabei jedoch die Zahnpasta vom Zuberrand. Also…
Zahnbürste in der Hand behalten.
Vom Hocker, Zahnpasta aufheben.
Auf den Hocker zurück, Zahnpasta umständlich aufschrauben.
Nach fünf Versuchen traf ich dann auch auf die Borsten.
Gründlich putzte ich mir die Zähne, starrte mich unentwegt in dem Spiegel an.
Meine Augen waren dunkel, ebenso wie das Haar.
Joah, mehr gabs da auch nicht zu sagen.
Jeder darf sich mich vorstellen, wie er will.
Einzige Information hierzu noch: ein japanisches Aussehen.
Frag mich bitte nicht warum, ja?
Dazu noch: große Glubschaugen. (Schonmal was von dem „Hundeblick“ gehört? Kleiner Hund, der dich mit riesigen Augen anglubscht. So ähnlich, genau.)
Hübsch geschwungene Lippenbögen… (Hübsch? Ich?)
Irgendwann war selbst ich fertig mit all diesem Hygienezeugs. Am Schluss tauchte ich meine Hände noch in den Wasserkrug, patschte sie ein paar Mal zusammen um sie dann an meinen frisch angezogenen, edlen Kleidchen abzuwischen.
Dann wandte ich mich wieder der Tür zu, tapste hinaus, die Treppen hinunter. Für mich jedes Mal ein Abenteuer, stellte doch irgendwie jede Stufe eine neue Herausforderung dar. Überhaupt muss man tierisch auf seine Füße aufpassen, dass man nicht stolpert oder so was…
Leise rief ich nach meiner Mutter.
Keine Antwort.
Ich runzelte die Stirn, dann huschte ein niedliches Lächeln über meine Lippen.
Tatsächlich dachte ich, sie hätte sich versteckt, aus Spaß… Zum Spielen…
In der Küche war sie nicht. Ich wackelte weiter, rief immer wieder nach meiner Mama.
Naja… So ging dies eine Weile.
Man muss sich vorstellen… Meine Mutter hatte oft mit mir gespielt. Sie war eine lebensfrohe Frau gewesen, wie berufen zur Mutter. So liebevoll, so fürsorglich.
Wahrscheinlich sagen viele Kinder genau diesen Satz: ‚Du bist die beste Mama, die es geben kann!’… Aber ich glaube, bei ihr war es wirklich so. Sie war die beste Mama, die man sich vorstellen konnte.
Also… Die erste Treppe wieder hinauf, in die zweite Küche.
Und tatsächlich, da lag sie.
Lag?
Ja, sie lag da.
Ich lächelte.
„Gefunden!“, der triumphierende Ausruf. Ja… Ich hatte sie gefunden.
Ich wünschte, ich hätte nicht gesucht.
Es sah sofort eigenartig aus, wie sie da lag…
Die Einzelheiten möchte ich mir eigentlich ersparen.
Herzversagen.
Ihr Tod lag erst wenige Minuten zurück.
Die Haut war noch warm…
Ich weiß nicht, wie wir gefunden wurden.
Aber ich wusste zu diesem Zeitpunkt auch nicht, dass meine Mama tot war.
Woher denn auch?
Hey, wir waren hier schließlich in ‚Heavens Door’.
Da gab es keinen Tod, da gab es keinen Kummer…
Sieben Jahre alt
- Achluophobie
- Was alle hören wollen
- Erster Schritt rückwärts
Nach einer Woche war selbst ich soweit, dass ich begriff, dass meine Mama mich verlassen hatte.
Ohne ein Wort des Trostes hatte sie sich davongemacht, hatte nicht an ihr Kind gedacht, nicht an das Nervenbündel, welches sie wohl hinterlassen würde.
Ich verstand nicht, wie sie mich einfach so verlassen konnte.
Einfach so… Ohne ein Wort…
Wie versprochen bekam ich an meinem siebten Geburtstag meinen Meister.
Doch statt einer großen Feier, wie es gewöhnlich war, wenn ein Kind einen Meister bekam, war es in dem großen Haus mit den vier Stöcken verdächtig still.
Das Kindlein hatte sich zurückgezogen.
Ich wartete.
Auf meine Mutter.
Denn sie hatte mir versprochen, an diesem Tag bei mir zu sein.
Jedes Kind bekam in Heavens Door einen Meister. An seinem siebten Geburtstag begann seine Ausbildung, die mit zwanzig Jahren enden sollte. Ich selbst habe sie nie abgeschlossen, dazu aber später. Diese Ausbildung beinhaltet alles, was normale Kinder in ihrer Laufbahn erlernen… Lesen, schreiben, das Allgemeinwissen eben. Danach kam der Zusatz. Ein Lichtwesen musste sich ja verteidigen können, um nicht Opfer eines Dämons zu werden… Zuvor durfte man die Stadt nicht verlassen. Erst mit zwanzig Jahren erhielt man die Freiheit. Wenn man kampfbereit war, sozusagen.
Der Name meines Meisters war Minphinirurisar. (Mit vielen, vielen Vornamen…)
Ich war schon jetzt irgendwie ein Einzelgänger.
Zuvor zu verträumt und zu gesellschaftsunfähig um mit anderen Kindern zu spielen, nun war das Einzige, das die Anderen empfanden, wenn sie mich sahen, Mitleid.
Oder Spott.
Kam eben immer auf den einzelnen Menschen an, nicht wahr?
Eine Woche war also verstrichen.
Mein Geburtstag vorbei, der Unterricht bei Miniphi-und-so-weiter hatte begonnen.
Ich war ein guter Schüler.
Ich lernte viel, ich lernte fleißig.
Nun… Ich hatte auch nichts anderes.
Schon früh hatte ich ein ausgeprägtes Gespür dafür, was die Leute hören wollten. (Mittlerweile ist es mir aber irgendwie immer unwichtiger geworden… Naja…) Ich war ein höflicher Junge, der alle Benimmregeln beherrschte, der Junge mit dem hübschen Gesicht und den traurigen Augen.
Ja, das war wohl der einzige Schönheitsfehler.
Meine Augen. – ich konnte das Gefühl einfach nicht aus ihnen heraussaugen. Es funktionierte nicht. Immer wusste man sofort, wenn man mir in die Augen sah, was ich fühlte.
Naja, unwichtig für den Moment.
Mein Vorteil bestand darin, dass ich wusste, was mein Meister hören wollte. Ich wusste, was er erwartete und erfüllte die Bedingungen und Anforderungen stumm, ohne mit der Wimper zu zucken.
Gleichzeitig jedoch zog ich mich immer weiter zurück.
Das Haus meiner Mutter wurde an mich vererbt, ich lebte allein darin. (Man stelle sich vor, wie dämlich diese Gesetze sind… Dass ich als Minderjähriger alleine leben darf?!)
Mein Meister war ein eiserner, kalter Mann, der nichts von Gefühlen hielt.
Als ob ich welche bei ihm zugelassen hätte.
Die Nächte wurden immer schlimmer.
Ich litt unter der Dunkelheit, die sich immer wieder über mich senkte.
Die ganze Nacht brannten Kerzen in meinem Zimmer, viele Kerzen. Selbst wenn eine ausging, flackerten mindestens fünf andere weiter.
Stumm saß ich da, Sekunde für Sekunde, Minute für Minute, Stunde für Stunde, die Hände umklammerten die Bettdecke, während ich mich in irgendeiner Ecke des Zimmers, vor Angst zitternd, zusammengekauert hatte.
Es wäre unfair meiner Mutter die Schuld an alldem zu geben.
Ich denke, ich kann nun auch verstehen, weshalb sie ging. Es ist nicht so, dass es unverständlich ist, sich sein Leben zu nehmen.
Nur für manche, für unwissende Wesen ist es unverständlich.
Und ich weiß viel zu viel über die Welt, um es nicht zu verstehen.
Nun sind wir uns also einig… Meine Mutter ist nicht schuld.
Aber sie war der Auslöser.
Sie war das brutale Klingeln, das mich aus meinem idyllischen Schlaf weckte.
Wahrscheinlich sollte ich dankbar sein.
Und ich bin es auch.
Wie schon erwähnt…
Zog ich mich immer weiter zurück.
Die Fortschritte, die ich machte waren groß.
Das Lächeln auf den blassen Lippen fröhlich.
Während mein Inneres mehr und mehr von Kummer erdrückt wurde.
Sieben Jahre alt
- Acousticophobie
- Ein überforderter Meister
- Dritter Schritt rückwärts
Mit zwölf Jahren bekam jedes der jungen Lichter einen neuen Meister.
Man konnte sich dies wohl mit dem Prinzip der Lehrer in gewöhnlichen Schulen vorstellen. Alle zwei Jahre bekommt man einen neuen Lehrer. (Normalerweise auf jeden Fall.)
Hier bekam man mit sieben Jahren den ersten Meister, mit zwölf Jahren den zweiten Meister, mit siebzehn den dritten Meister, der nun gleichzeitig mit der „Kampfausbildung“ begann. Bevor man einen neuen Meister bekam musste man eine Prüfung ablegen, als Beweis, dass man wirklich würdig und schlau genug war und mit noch mehr Wissen bombardiert zu werden.
Meine Angst vor der Dunkelheit hatte sich nicht verkleinert, nein, ganz und gar nicht.
Sie wurde immer schlimmer.
Ich schlief kaum noch, stürzte mich nur noch mehr in die Arbeit, die mir Miniphi aufbrummte - und das war nicht gerade wenig - wurde öfters krank, ging nie zu einem Doktor und machte schließlich mit sieben Jahren die Schlussausbildung bei Miniphi, um zu beweisen, dass ich in diesem Jahr (ich betone – die anderen brauchten fünf Jahre, ich gerademal ein einziges, um alles zu lernen. Zu wenig Stoff oder war ich zu überarbeitet?!) gut aufgepasst hatte.
Ich bestand.
Mit einer Belobigung.
Als ich zu Hause war, warf ich sie weg.
Was sollte ich auch damit?
Ich hatte niemanden, der zu Hause auf mich wartete und sich mit mir darüber freuen konnte.
Die Prüfung war also abgelegt, ich wollte einen neuen Meister. Den bekam ich auch.
Einen kleinen, gebrechlichen Mann, mit buschigen Augenbrauen und eingefallenen Wangen.
Er war nach der ersten Woche überfordert mit mir. Weshalb?
Ich arbeitete zu viel.
Der Mann wusste nicht mehr wohin mit mir, andauernd hatte ich alle Aufgaben erledigt, wollte mehr und mehr und mehr…
Warum ich mehr wollte?
Weil ich nicht mehr wusste wohin mit mir.
Die anderen in meinem Alter hatten sich von mir distanziert. Ich war derjenige, der abnormal war, weil ich so viel lernte.
Ich war für die Anderen der Schnösel, der Schleimer, der Außenseiter.
Jegliche Kontaktaufnahme war sinnlos. Nach vielen Versuchen, bei denen ich immer wieder abgeblockt wurde, gab ich es schließlich auf.
Man konnte einen Hasen nicht zum Jagen tragen.
Wenn sie mich nicht wollten, dann sollten sie mich auch nicht bekommen.
Miniphi hatte in so einem Fall immer nur tonlos etwas wie „Willst du gelten, mach dich selten“ gekrächzt.
Aber so ein Sprüchlein hatte eben einfach keinen Sinn…
So zog ich mich immer weiter zurück. Wenn ich nicht lernte, träumte ich vor mich hin.
Aber diese Träume waren so schwach, so unsinnig, dass ich sie nicht weiter ausführen möchte.
Langsam wurde ich also immer ängstlicher.
Die Dunkelheit schockierte mich, ich erzitterte fast schon, wenn nur ein Schatten über mich geworfen wurde. Es war krankhaft.
Dazu kam nun auch noch die Angst vor Lärm und Geräuschen. Alles versetzte mich sofort in Panik. Jeder unvorhergesehene Ton, lautes Lachen. Es machte mich einfach krank.
Panikattacken und Angstzustände begleiteten mich als krankhafte Anhängsel, stürzten sich auf mich, machten mich wahnsinnig.
Am Liebsten war ich allein in meinem Zimmer, abgeschieden von allen anderen.
Sie empfanden mich als komisch und wer tatsächlich Interesse an Gesprächen mit mir gehabt hätte, dessen Eltern verboten ihm den Kontakt.
Der Kummer drückte immer weiter auf mein Herz.
Acht Jahre alt
- Karagulophobie
- Tropfen für Tropfen
Ich frage mich, warum man mir dieses kranke Leben nicht einfach lassen konnte. War es nicht schon so unglücklich genug?
Ich weiß es nicht.
Aber all die Gebete, all die Gläubigkeit, all die Religion, die meine Meister mir einprägten hatten keinen Sinn. In unserer Stadt war die Religion ein Muss.
Es ging einfach nicht ohne.
Verständlich, oder?
Schließlich hieß es doch auch ‚Heavens Door’, nicht wahr?
Es war das Tor zum Himmel.
Zum Herrn.
Aber anscheinend hatte der Herr entweder vor, all die Wesen, die sich so zu ihm hingezogen fühlten, leiden zu lassen…
Oder er existierte überhaupt nicht.
(Dritte Möglichkeit wäre, dass er vielleicht im Urlaub war… Wär doch auch ´ne Möglichkeit?! Hawaii…)
In manchen Dingen war ich natürlich wie alle anderen.
Nein, das stimmt nicht…
Ich war eigentlich immer wie jedes normale Kind.
Nur nicht ganz.
Ich sehnte mich nach allem, aber konnte nichts erreichen.
Ich wollte meine Meinung mitteilen, aber konnte nie die Stimme erheben.
Ich wollte eingreifen, wenn Unrecht geschah. (und man stelle es sich vor… Es geschah sehr viel Unrecht)
Ich wollte nicht mehr der Schuljunge sein, der nichts kapierte.
Und das alles mit acht Jahren.
Man kann mich größenwahnsinnig nennen, ja.
Aber man könnte auch sagen, dass ich nur sehr weit für mein Alter war.
Nun, natürlich gab es Zeitpunkte, an denen ich meine Stimme (die sowieso nur zum Runterrasseln von irgendwelchen Gebeten, Hausarbeiten und Gedichten benutzt wurde) erhob. Aber dies… war vielleicht ein Fehler.
Einmal ist wohl einmal zu viel.
Es war ziemlich warm draußen, ich befand mich auf dem Heimweg.
Die Sonne ging unter, die schwere Tasche mit viel zu vielen Büchern hatte ich über meine Schulter geschwungen.
Es war vom jeweiligen Wesen abhängig, wann der Wuchs der Flügel endgültig begann. Meine waren eigentlich noch ziemlich mickrig, während andere in meinem Alter schon mit so riesigen Schwingen protzten, die fast so groß waren wie sie selbst.
Naja, ich war ja irgendwie trotz meiner Fortschritte bei meinem Meister immer ein Nachzügler gewesen, hielt mich selbst sowieso immer für ziemlich bescheuert.
Meiner Meinung nach hatte es nichts damit zu tun, ob man nun intelligent war oder nicht, wenn man im Lernen gut voran kam. Überhaupt nicht.
Nun, wie schon gesagt…
Ich hatte es ziemlich eilig nach Hause zu kommen. Die Sonne ging gerade unter und schon wieder machte sich die Panik in mir breit.
Diese entsetzliche Panik.
Immer wieder sah ich mich in den leeren Gassen um, warf jedem Schatten, jedem düsteren Winkel einen höchst misstrauischen Blick zu.
Vor mir vernahm ich Geschrei.
Etwas, was sich gar nicht mit meiner Angst vor Lärm vertrug.
Ich zuckte zusammen, presste mir die Hände auf die Ohrmuscheln, betrachtete mit aufgerissenen Augen die Gasse, die auf einen kleinen Platz führte. Ich musste hier vorbei, es gab keinen anderen Ausweg.
Dort hinten lag doch schon dieses Haus… Da war es doch schon.
Greifbar…
Verdammt, warum konnte ich nur noch nicht fliegen?
Wie dämlich muss man denn sein?!
Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen, während ich einen Schritt vor den Anderen machte, die Hände noch immer krampfhaft auf meine Ohren gepresst. Ich hatte vor einfach loszurennen. Wie ein Irrer loszulaufen, über den Platz in das Haus. Die Tür zuschlagen (ich kam nun langsam auch an die Türklinke ran – Ja, wirklich. Toll, was?!)
Doch was ich da sah, schockierte mich so sehr, dass ich sogar die Hände von meinen Ohren sinken ließ. Es waren sieben Lichtgestalten auf dem Platz. Vier Engel und drei Lichtelementare… Oder Lichtdämonen, ich bin mir nicht sicher.
Es war ganz klar, wer von ihnen zusammengehörte.
Sechs von ihnen traten auf einen ziemlich mickrig aussehenden Engel ein.
Wie erstarrt stand ich da, konnte den Blick nicht von dem Lichtbündel am Boden wenden.
„Hey“, meine Stimme klang unbenutzt. Wie schon immer. Schließlich benutzte ich sie auch kaum.
Aber die anderen hörten nicht auf.
Ein Knurren ertönte aus meinem Mund, als ich vorsprang und trotz der Angst, die mir den Atem vollständig abgeschnürt hatte versuchte, die Anderen von dem Vorhaben abzubringen, den Jungen totzutrampeln.
Es waren drei Mädchen bei dem Schlägertrupp. Der Rest männlich.
Und so hetzte ich sie auf mich…
Neun Jahre alt
- Ein überforderter Neunjähriger
- Es beginnt
- Vereinsamung
Man kann sich wohl gar nicht vorstellen, wie oft ich zu dieser Zeit in der Kirche war. Der Glaube ging mir über alles. Naja… was hieß schon ‚über alles’? Wenn man nichts hat, worüber soll es dann gehen?
Aber vielleicht lag es auch daran, dass sich mein Unterricht gerade größtenteils über ‚den Herrn’ drehte. Vielleicht war ich deshalb so oft in der Kirche (Riesige Kathedrale… Naja, in einer streng gläubigen Stadt vielleicht kein Fehler.)
Egal jetzt auch.
In der Gesellschaft war ich vollkommen überfordert. Selbst wenn man den Kontakt zu mir suchte, habe ich unbewusst abgeblockt.
Ich wusste nicht, wie ich mit den Anderen umgehen sollte.
Man kann sich wohl kaum vorstellen wie ein Kind sein muss, das nicht einmal zu einem Gespräch fähig ist.
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, wenn man mich ganz normale Fragen fragte. Immerzu war die Angst da, bloßgestellt zu werden.
Dies verschlimmerte sich natürlich immer mehr, hatte es doch nun diese ‚Gang’ anscheinend auf mich abgesehen. Sie konnten es nicht einsehen, dass so ein Knirps wie ich sich in Dinge einmischte, die ‚ihn nichts angehen’.
Tagtäglich lauerten sie mir auf, sie hetzten andere Kinder gegen mich auf, sie lachten über mich.
Zu lustig fanden sie auch meine Ängste, schließlich brauchte es nicht allzu viel Intelligenz um herauszufinden, wie ich auf Lärm und Geräusche reagierte und dass ich nachts nie rausging, dafür aber immer Kerzen brannten.
So zog ich mich also immer mehr in meine Bücher zurück, in meine eigene Welt.
Langsam hörte ich auf zu lernen, sah keinen Sinn mehr darin, mich fortzubilden. Der Hass gegen die Welt wuchs, obwohl ich bisher nur diese eine Stadt kennen gelernt hatte. Eine Stadt ziemlich weit oben im Gebirge. (Wahrscheinlich kennst selbst du ‚Heavens Door’. Hab ich noch gar nicht erwähnt. Aber das wird wohl in jedem normalen Geschichtsunterricht erwähnt. Zählt zur Allgemeinbildung. Dass es ein Dorf gibt, in dem alles toll ist. Friede, Freude, Eierkuchen und eine tolle Verbindung zu Gott.)
Meine Flügel waren noch immer ziemlich mickrig, ein weiterer Angriffspunkt.
Die Ängste wuchsen ins Unerträgliche, sodass ich kaum noch Schlaf fand. So kam es, dass ich versehentlich im Unterricht einschlief oder ihn komplett verpasste, weil ich nicht erschien.
Alle Prüfungen hatte ich bisher bestanden, jeden Zwischentest mit Belobigungen, die jedes Mal wieder im Mülleimer landeten… Da, wo sie hingehörten.
Doch die Zwischentests wurden schlechter, ich wurde unachtsam.
Die Begabung das zu sagen, was mein Meister hören wollte schwand natürlich nicht.
Noch nicht.
Wenn er mit mir schimpfte (und das tat er ziemlich oft), entschuldigte ich mich immer in aller Form, setzte das bekümmerte Gesicht auf, war immerzu einsichtig.
Wen interessierte es schon, wie sich ein Neunjähriger fühlt?
Zwölf Jahre alt
- Zwischenstopp Gesellschaft
- Rückfall
Es waren drei Jahre vergangen, in denen sich nichts tat. Das Mobbing artete öfters aus, sodass ich teilweise Wochenlang nicht zum Unterricht erschien, wegen Würgemalen, einem blauen Auge oder Kratzer.
Zum Thema Gesellschaft?
Ja, man könnte meinen die Gesellschaft müsse etwas unternehmen.
Aber die hat dies alles wohl kaum beachtet.
Überhaupt hatte diese ‚Gang’ die anderen Kinder doch vollkommen in der Hand. Sie hetzten die in meinem Alter auf mich und wer nicht so dumm war die ganzen dummen Gerüchte zu glauben hielt sich aus taktischen Gründen von mir fern. Denn die wollten auch nicht irgendwo mit blauem Auge enden.
Die Erwachsenen im Dorf waren da wohl eine ziemliche Enttäuschung.
Man könnte ja auch meinen, die würden sich nicht von dieser Gruppe einwickeln lassen. Aber das wäre wohl ein fataler Irrtum.
Die Mädchen aus der Bande waren bekannt für ihre Höflichkeit, für ihren Fleiß.
Die Jungen perfekte Gentleman. (Wenn sie nicht gerade auf der Straße jemanden verprügelten)
Und ich?! Ich war der Junge, dessen Leistungen momentan total nachließen, den keiner kannte.
Ich hatte ja nie besonders guten Kontakt zu irgendjemandem. Und selbst wenn ich mich beklagte, wenn ich die Verletzungen vorzeigte wurden nur die Anderen befragt.
Aber mir wurde nie geglaubt, denn die Mehrzahl sagte doch, sie würden mich nicht einmal kennen. Also?
Was sollten die Erwachsenen auch tun.
Sechs gegen einen?
Keine Chance.
Es hieß, ich würde mir diese Verletzungen selbst zufügen, man solle sich von mir fern halten. Überhaupt würde ich die Erwachsenen, Vorsitzenden und Heiligen auf die armen, unschuldigen Kinder hetzen wollen, um mein Ego zu befriedigen.
Meine Noten waren rapide runtergegangen. Es war nicht so, dass ich nicht begriff, was mein Meister da redete. Ich hätte jede Aufgabe lösen können. Selbst als ich nicht gelernt hatte wäre mir die Abschlussprüfung nicht schwer gefallen.
Aber ich wollte nicht.
Ich hatte keine Lust mehr.
Und so rasselte ich durch die Prüfungen.
Kein einziges ausgefülltes Feld. Die mündliche Prüfung verweigert.
Ich bekam einen neuen Meister, da mein alter Meister in den Ruhestand ging.
Also… Der Selbe Unterricht schon wieder. Rauf und runter, rauf und runter.
Die monotone Stimme des alten Glühwürmchenbeschwörers nervte mich vom ersten Tag an.
Aber ich lächelte nur freundlich und nickte, während meine Gedanken immer in meinen eigenen Träumen hingen.
Dreizehn Jahre alt
- Zum Thema Stark
- Vom Verbiegen und Standhalten
- Meine Stimme
Mir war schon vor ein paar Jahren klar geworden, dass man stark sein musste, um zu überlegen. Die Frage, die ich mir nur immer stellte war: Möchte ich tatsächlich überleben?
Andererseits… musste ich wohl schon stark sein, oder?
Ja, irgendwie schon.
Ansonsten hätte ich nicht bis hierher durchgehalten.
Natürlich… Mein Leben ist nicht besonders spektakulär, das war es wohl nie.
Und es ist auch nie etwas besonders Schlimmes passiert.
Auf jeden Fall gibt es Wesen, denen es im Leben weitaus schlechter ging.
Aber ich hatte dennoch durchgehalten, oder?
Ob nun freiwillig oder nicht.
Was ich dazu noch gelernt hatte… Es machte keinen Sinn sich zu verbiegen.
Nein, wirklich.
Man konnte sich nicht so verbiegen, dass man jedem gefiel. Irgendjemand fand immer irgendetwas an einem, wenn er nur wollte.
Und es ist verdammt schwierig sich Dingen anzupassen, die nicht gefallen. Also sollte man es einfach lassen.
Ansonsten war das Leben nichts mehr wert. Überhaupt nichts mehr. Wenn man nicht mehr die Freiheit hatte sein eigenes Leben zu leben, wenn man gezwungen war sich anzupassen, dann ist dies kein Leben mehr.
Ja, es stimmt, vielleicht ist es krank so etwas aus dem Munde eines Zwölfjährigen zu hören, der selbst nicht genau weiß, wer und was er überhaupt ist und sein will.
Aus dem Munde von jemandem, der nachts Angst vor der Dunkelheit hat, Lärm nicht erträgt und völlig zurückgezogen lebt. (Aber warum eigentlich lebt? Das ist auch kein Leben. Das ist nur noch existieren.)
Meine Stimme war völlig unbenutzt. Ich redete mit niemandem mehr, außer teilweise mit meinem Meister, um ihm Dinge vorzutragen, die ich in den letzten fünf Jahren schon einmal auswendig gelernt hatte.
Dennoch fiel es mir immer schwerer mich auf die endlosen Wiederholungen zu konzentrieren. Ich kannte dies alles schon.
Ich wusste es doch schon…
Vierzehn Jahre alt
- Engelsflügel
Mit vierzehn Jahren waren meine Flügel zu einer anschaulichen Größe gewachsen.
Ich war nicht stolz darauf, konnte nur irgendwelche Fehler an ihnen finden, sammelte alles Negative, was ich finden konnte.
Mein Meister hatte den Fortschritt meiner Flügel ausführlich gelobt. Er habe noch nie jemanden gesehen der so spät dran war.
Soll dies ein Lob sein?
Vielleicht ja.
Ich glaube sogar, es war eines.
Aber ich war noch nie gut darin mit Lob umzugehen.
Ich verwarf den Gedanken daran, nahm es lieber als eine Beleidigung, als ein Lob.
Damit kam ich besser klar.
Fünfzehn Jahre alt
- Träume
- Verzeihen
Ich lebte völlig zurückgezogen in dem Haus meiner Mutter. Die einzigen Räume, die ich betrat, waren mein Zimmer im zweiten Stock und die Küche im Erdgeschoss. Seit meine Mutter im ersten Stock gefunden worden war, hatte ich diese Räume auch nicht mehr betreten.
Mein Leben finanzierte ich mir mit dem Geld, das mir meine Mutter vererbt hatte.
Man kann sich wohl vorstellen, dass jemand mit einem so großen Haus viel Geld hat?
Genau.
Aber was ist schon Geld?
Geld ist wie Schall und Rauch.
Es bringt dir nichts.
Auf jeden Fall brachte es mir nichts.
Ich aß noch nie viel, hatte insgesamt schon immer eine krankhafte Einstellung zum Essen, seit meine Mutter tot war. Selbst als ich es noch bezahlen konnte, aß ich nicht allzu viel.
Anfangs hat es mich einfach nur angewidert.
Dann hatte ich irgendwann ein derartiges Essproblem, dass ich keine Mahlzeit nur ansehen konnte, ohne dass mir übel wurde.
Es war mittags. Ich saß wie immer in meinem Zimmer und starrte teilnahmslos aus dem Fenster. Was sich auf dem Platz abspielte nahm ich nicht mehr wahr. Dafür war ich schon zu weit entfernt von der Wirklichkeit.
Ich war wohl irgendwo anders… Meistens träumte ich immer von der einen Situation. Immer und immer wieder kam mir diese Situation in den Sinn. Aber die war wie immer ziemlich abgedreht, wie meine Person insgesamt. Regungslos saß ich da, mein Blick verschleiert.
Irgendjemand, der mich liebte.
Einfach so.
Jemand, der mich mochte, jemand der mich bei der Hand nahm.
Jemand, der einfach nur bei mir war, wenn ich nachts wach war.
Einfach so.
Ohne irgendeine Bedingung.
Ein Klopfen unterbrach meine Gedanken. (Es muss ziemlich laut gewesen sein, damit man es auch bis in den zweiten Stock gehört hat… Vielleicht hab ich es aber auch zum Teil durch mein Fenster gehört…)
Aufgeschreckt erhob ich mich.
Noch nie in meinem elendigen Leben hatte irgendjemand an der Tür meines Hauses geklopft.
Die Treppen hinunter, immer zwei Stufen nehmend kam ich unten an. Wer bitte sollte das sein?
Mein Meister?
Weil ich seit zwei Tagen wieder nicht zum Unterricht erschienen war?
Vielleicht.
Aber er war es nicht.
Es war ein Engel.
Einer meiner Peiniger.
Ich war versucht ihm sofort die Tür vor der Nase zuzuknallen, unterließ es dann jedoch. Er war allein. Seine Kumpanen nicht bei ihm.
„Hey“, begrüßte der mich und ich zuckte kaum merklich zusammen.
„Hi“, war die einsilbige Antwort.
„Wie geht’s dir?“, wie solls mir schon gehen? Sobald der weg ist wieder viel besser. Aber er ließ mir keine Zeit zu antworten, als ob ich das gewollt hätte.
„Wir wollten uns entschuldigen“
Das war schon mal so ein Satz. Entschuldigen?
Die Gang, die mich seit Jahren quälte, die mir quasi das genommen hat, was mir noch geblieben war? Die mir die letzten Wege zu einer Gesellschaft abgeschnitten.
„Entschuldigen?“, hakte ich nach, runzelte die Stirn. Ich war nicht doof, ganz und gar nicht. Auch wenn man das von einem verträumten, gesellschaftsunfähigen Jungen wohl erwarten würde. Wahrscheinlich wusste der Andere nicht mal, dass ich überhaupt reden konnte. Auf jeden Fall guckte er ziemlich verschreckt.
„Jaaah, du weißt schon… Wir wollten dich nicht immer so fertig machen…“, nuschelte der Junge, lächelte dabei unentwegt entschuldigend.
„Aha…“ Und was brachte mir die Entschuldigung?
„Wir wollten dich einladen und so... Heute Abend im Wald… Möchtest du mitkommen? Die Anderen kommen auch… Und noch so zehn andere oder so… Wir wissens noch nicht genau, aber wir wollten bissl Party machen und so… Also wenn du Lust hast…“
Ich blinzelte überrascht. Ich wurde eingeladen?
Natürlich wusste ich, was es bedeutete in den Wald eingeladen zu werden.
Dort durften nur die Erfahrenen hin und die allerbesten Freunde der Gang. (Ob die die Erlaubnis hatten war mir jedoch nicht so geheuer… War aber auch egal, oder?)
„Also wir würden dich hier abholen, ja?“, der Junge lächelte, hatte sich dann schon umgewandt um wieder zu verschwinden.
Fünfzehn Jahre alt
- Waldspaziergang
- Unüberlegte Wahl zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten
Es muss für einen normalen Menschen ziemlich dämlich sein, nachzuempfinden, wie Engel aussehen. Besonders mit diesen teilweise riesigen Flügeln. Dass wir da tatsächlich noch in Häusern wohnen, ist bestimmt nicht nachzuempfinden. Ein paar Komiker werden jetzt bestimmt sagen „Die müssen ja aufpassen, dass sie nicht am Türrahmen hängen bleiben“, aber eigentlich hatte niemand von uns jemals Probleme damit. Auf jeden Fall ich nicht.
Wie das bei den Anderen war, wusste ich nicht. Flügel waren notwendig für uns Engel.
Wir brauchten sie wie die Luft zum Atmen.
Erst die Engelsflügel machten einen wirklichen Engel aus. So war das eben, so bescheuert es wohl auch klingen mochte. Für mich waren Flügel immer etwas wie für einen Menschen… ein federbesetzter Rucksack vielleicht. Nur natürlich irgendwie doch größer, bequemer…
Schwierig zu beschreiben, aber ich versuche das alles eben so ausführlich wie möglich aufzuschreiben, damit es sich auch jeder bildlich vorstellen kann.
Man kann gar nicht beschreiben, was ein Engel ohne Flügel bedeutet. Wenn man keine Flügel hat, wird man ausgestoßen. Jeder kennt bestimmt die Bezeichnung „Gefallener Engel“?
Ja, sicherlich.
Die Menschen denken immer, es wäre so etwas Tolles. Vielleicht ist es das für sie auch. Für sie.
Denn die Menschen lieben das Außergewöhnliche. Oder sie hassen es.
Für einen Engel bedeutet das Verlieren der Flügel jedoch der sichere, der endgültige Tod. Keiner kann ohne Flügel weiterleben.
Wie gesagt, sie sind für uns wie Luft zum Atmen.
Und ohne Luft kann man nicht mehr atmen… Und wenn man nicht mehr atmen kann, stirbt man. So ist das eben…
Überhaupt erliegt man sowieso den Verletzungen. Bisher hat es niemand geschafft, dem ich begegnet bin.
Deshalb war es auch so eine beliebte Methode in ‚Heavens Door’, einen Engel hinzurichten. Es bereitete ihm unerträgliche Qualen, es machte ihn fertig. Er litt und litt und litt… Und dann starb er irgendwann.
Außerdem kam es teilweise sogar vor, dass sich Engel aus Protest die Flügel abschnitten, um ein Zeichen zu setzen. (Ja, ein Zeichen setzen… Diese Zeichen werden eigentlich immer von der Gesellschaft übergangen oder negativ gesehen und so schnell wie möglich verdrängt.)
Der Engel stirbt natürlich.
Aber er stirbt mit der Illusion, er habe vielleicht ein paar Wesen wach gerüttelt.
Irrtum!
Wie alle Wesen sind die Engel und Lichtwesen blind. Sie sind blind für die Dinge, die sie nicht verstehen können. Blind für die Dinge, die sie nicht verstehen wollen.
Sie sehen, was sie sehen wollen.
Tatsächlich wartete die Gang an dem Abend vor meinem Haus auf mich. Man kann sich vorstellen, wie schrecklich nervös ich war. Und das nicht nur, weil ich mich endlich nicht mehr ignoriert fühlte, weil plötzlich die Hoffnung in mir aufkeimte, dass ich doch irgendwie dazugehören konnte. Ich wollte nicht länger der Einzelgänger sein.
Ich sehnte mich nach Anderen, die mich verstanden, die mich so nahmen, wie ich war.
Die große Angst bei alldem war jedoch… Erstens war es eine Party… Dies hieß viel Lärm, viele Geräusche, viele Wesen. Und dazu kam noch der zweite Punkt… Es war nachts.
Egal. Ich wollte dazugehören. So versuchte ich den Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken, die Angst zu überwinden. Es war kühl, während wir den Weg hinauf zum Wald gingen. Heavens Door konnte man sich eigentlich insgesamt wie ein Gefängnis vorstellen. Es war von einer riesigen Lichtmauer umgeben, die es Lichtwesen unter zwanzig Jahren unmöglich machte, die Stadt zu verlassen… und die es Wesen, die nicht dem reinen Lichte angehörten unmöglich machte, die Stadt zu betreten. Tjo… Diese „Mauer“ war von Heiligen heraufbeschworen worden, die in dieser Stadt ebenfalls hausten…
Die Anderen lachten und redeten munter miteinander, während ich eher still war, mit meinen verschiedenen Ängsten zu kämpfen hatte, die immer wieder in mir aufkeimten.
Ich war sowieso schon immer der stille Typ gewesen. Ruhig, still, gefühlvoll. Frech und aufmüpfig wurde ich erst später. Aber ob dies wirklich ich bin… Da bin ich selbst mir nicht einmal mehr sicher.
Auch wenn es vielleicht unhöflich ist, über sich selbst zu sprechen… Ich hatte niemandem jemals etwas getan. In meinem ganzen Leben hatte ich niemandem jemals irgendetwas angetan. Gemächlich war der Weg zum Wald, die Anderen sprachen mit mir, sie versuchten mich so gut es ging in ein Gespräch einzubeziehen.
Zugegeben, ich machte es ihnen nicht gerade einfach. Aber hey! Ich hatte auch mit dem ein oder anderen zu kämpfen. Angst vor Dunkelheit und nachts in einen Wald gehen zu müssen war auch nicht gerade das Idealste. Und dann noch diese eigenartige Kälte, die uns umgab…
Unruhig waren meine Augen, huschten überall herum, suchten die Dunkelheit nach möglichen Gefahren ab. Aber es gab einfach keine.
Mit der Zeit verlor ich ein Stück der Angst, versuchten mich die Anderen doch auch aufzumuntern. Natürlich… Alles kam wieder doppelt so stark zurück, als wir auf einer Waldlichtung ankamen, auf der sich in etwa sieben andere Lichtwesen tummelten.
Sie lachten und schwatzten.
Und dann wurde es seltsam still.
Ich hätte sofort wissen müssen, dass etwas nicht stimmt, als der Blick der Anderen erst auf mir ruhte, dann zu der Anführerin huschte – einem älteren Mädchen mit lila Haar.
Die klatschte jedoch nur in die Hände, blickte dann etwas fragend in die Runde.
„Ah… Joah… Also dies hier ist im Übrigen Kieron, kennt ihr sicher alle…“, sie grinste schelmisch. Ja, natürlich kannten sie mich alle.
Jeder von ihnen hatte mich sicherlich schon irgendwann einmal verprügelt.
„Naja, Kierchilein, du wirst sicher verstehen… Also dass das nicht so einfach geht… Also jetzt einfach mal einen Abend hier sein und dann wieder untertauchen… Jetzt bist du hier… Und eigentlich darf hier ja keiner her, außer der Clique… Wenn du also rein willst…?!“
Ich blinzelte sie an. Es machte mich nervös, dass mich alle anstarrten.
Aber die Stille tat gut. Endlich kein Lärm mehr…
„Aber das sagtet ihr nicht?“, meine Stimme war ruhig, meine Augen aufmerksam auf das Mädchen gerichtet. Sie hatten mich nicht darüber aufgeklärt.
„Oh? Nicht? Gerade sagte ich es doch, oder?“, sie lachte, blickte auffordernd in die Runde und sofort lachten die Anderen mit. Vorerst verkniff ich mir eine Antwort, lächelte nur samten mit.
„Naja… Was ich sagen wollte… Bevor du in unsre Gruppe darfst, müsstest du ´ne Vertrauens oder Mutprobe bestehen…“, fragend lag ihr Blick auf mir.
Ich runzelte die Stirn.
Wer hatte gesagt, dass ich zu ihnen in die Gruppe wollte?
„Es geht ja nicht anders, oder? Überhaupt hab ich dich gern“, abermals ein Grinsen von ihr, während sie zwei reihen weißer Zähne entblößte.
„Mutprobe?“, hakte ich nach.
„Naja, eher so ein Vertrauenstest… Ob du uns wirklich vertraust und so…“, sie zuckte mit den Schulter. Für meinen Geschmack klang das etwas >zu< harmlos. So harmlos war diese Clique doch nicht? „Also Thi meinte, du machst nicht mit… Aber ich vertrau dir“
Fast fassungslos starrte ich sie an.
Wie bitte?!
War ja nicht zu fassen…
„Ach komm…“, auffordernd patschte sie mir mit der Hand auf die Schulter. Zu meinem eigenen Missfallen fuhr ich zusammen.
„Ansonsten…“, ihre Augebrauen zogen sich nachdenklich zusammen, doch mein Blick war schon von ihrem Gesicht zu dem Gürtel eines der Jungen neben ihm gewandert. Der nestelte auffällig an einem Messer herum.
Dann waren meine Augen wieder auf sie gerichtet.
„Okay“, meine Stimme war fest, während ich bei diesen Worten meinte, ich wäre wirklich durchgeknallt.
Sie nickte, lächelte triumphierend…
Fünfzehn Jahre
- Schmerzensgrenzen
- Zwischen Wahnsinn und Wirklichkeit
Ich weiß nicht genau, wie es ging. Aber die „Mut/Vertrauensprobe“ sollte sofort stattfinden… Und plötzlich waren meine Hände gefesselt und ich hing ein paar Meter über dem Boden. Das Seil, am einen Ende meine Handgelenke umschlungen, war am anderen Ende an einem Ast befestigt.
Ich starrte zu dem Mädchen hinab.
Sie sah unbekümmert zu mir rauf, lächelte.
„Hey, guck nicht so“, einer der Engel kam zu mir geschwebt, verpasste mir eine Augenbinde. Ein paar Mal schnipste er mit den Fingern vor meinen Augen herum, doch ich sah es nicht. Ich war blind.
Hilflos und blind…
„Lasst mich runter“, meine Stimme hatte an Sicherheit verloren. Hilflos schwangen meine Beine in der eisigen Kälte, während ich mich versuchte zu befreien.
„Vertraust du uns denn nicht?“, nein, natürlich nicht.
Auf keinen Meter vertraute ich diesen Wesen.
„Vertrau mir…“, ein warmer Atem an meinem Ohr, dann lachte der Junge dort schallend los.
„Ach komm schon, Kleiner… Hast du das wirklich geglaubt?“
„Als ob wir uns mit so einem Dummkopf abgeben würden…“
„Ich will den gar nicht anfassen… Meinst du nicht, der hat vielleicht Flöhe?“
„Hahaha… Ja, Flohkissen, was?“
„Ihh, warum muss ich anfangen?“
Die Wesen waren wohl zu mir heraufgekommen, während ich hilflos dahing.
„Lasst mich runter!“, ein verzweifelter Aufschrei verließ meine Lippen, ein Schmerzensschrei folgte, als mir jemand mit einem heftigen Ruck eine Feder aus den Schwingen riss.
Man könnte mich fragen, warum ich nicht wegflog.
Aber erstens hätte ich keine Chance gehabt… Und zweitens war ich viel zu doof, viel zu verängstigt.
Es war dunkel.
Ich war in einem Wald.
Es war kalt.
Ich war hilflos.
Um mich herrschte Geschrei und Lärm.
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, ich hatte das Gefühl, als würde ein Gewicht an meinen Füßen hängen, als könnten meine Arme meine eigene Last nicht mehr aushalten.
Dann drang plötzlich etwas Spitzes in das Fleisch meiner Flügel…
Bei lebendigem Leibe schnitt man mir die Flügel ab. Sie machten sich einen Spaß daraus mich zu quälen, sie lachten dabei, während meine Schreie unheimlich im Wald klangen.
Es war, als müsste mein Herz zerbrechen. Als müsse es zerbersten, tief in mir.
Ich glaube, in dieser Nacht bin ich vollständig gestorben.
Wenn ich bis dahin gelebt habe, dann haben diese Monster in dieser Nacht mein Leben beendet. Ich war an einer Grenze angekommen. An dem schmalen Spalt zwischen dem Wahnsinn und der Wirklichkeit.
Es gab nichts mehr, das mich abhielt dem Wahnsinn zu verfallen.
Nichts… Außer meine eigenen Schreie, die mich bei Bewusstsein hielten… Das Blut rann über meinen Rücken. Die Worte, die man mir in der Schrift der Engel in den Rücken ritzte, bemerkte ich nicht einmal mehr, bei den Schmerzen, die mich quälten.
Als es vorbei war, schrie ich nicht mehr.
Als sie mich losschnitten, regte ich mich nicht mehr.
Als sie mir ihr Messer in die Hände legten, zitterte ich nicht mehr.
Als sie davonrannten, weinte ich nicht mehr.
Als sie fort waren, war der Schmerz ebenfalls fort.
Und ich fiel…
Doch es sollte nicht mein Ende sein.
Wer auch immer mein Leben geplant hatte, er hatte einige, große Konstruktionsfehler gemacht.
Fünfzehn Jahre alt
- Wo die Stelle liegt, die weh tut
Ich kann nicht viel mehr über jene Nacht erzählen.
Ich weiß nicht, was diese Monster mit meinen Flügeln gemacht haben.
Vielleicht in ihrem Zimmer aufgehängt, wer kann das schon wissen.
Wo die Stellen liegen, die weh tun?
Nein, sie liegt nicht an meinem Rücken, der die noch so unverjährten Narben dieses Vorfalls trägt. Die Stelle liegt hier, direkt hier, auf der linken Seite meiner Brust.
Dort, wo in jener Nacht etwas gestorben ist, ohne das es nicht wert ist zu leben.
Mein Leben ist ein kaputtes Leben.
Begonnen hat es mit dem Tod meiner Mutter, geendet mit meinem eigenen Tod.
Ja, jeder muss sterben. Aber warum konnte mich mein Gedächtnis nicht auch verlassen?
Warum konnten die Erinnerungen meinem Herzen nicht folgen?
Warum blieben die Schmerzen?
Ja… Ich bin nicht gestorben.
Aber darüber bin ich wohl nicht gerade froh. Wie denn auch?!
Schaut mich doch an.
Was bin ich noch?
Ein Wesen, das niemals Liebe erfahren hat, ein völlig eintöniges Leben erlebte, das gleichmäßig erfüllt von Schmerz und Leid war?!
Der Traum ist geblieben.
Der Traum, den ich seit dem Tod meiner Mutter bis zu dem Abend an dem an meiner Tür geklopft worden war, träumte.
Er ist geblieben.
Aber immer wenn ich ihm nachhänge zieht sich mein Herz schmerzhaft zusammen… Überhaupt… - Nun, darauf komme ich später zurück.
Fünfzehn Jahre alt
- Somniphobie
- Was es heißt, einsam zu sein
Mit knapper Not überlebte ich. Obwohl ich es eigentlich gar nicht wollte.
Man fand mich wohl unterkühlt auf einer einsamen Waldlichtung tief im Wald, ein Messer hatte ich umklammert. Ich habe wohl versucht mir das Leben zu nehmen. Um die „verschwundenen“ Flügel machte sich keiner Gedanken. Aber warum auch?
Der Junge war schon immer komisch gewesen. Still, schweigsam, keiner hatte ihn wirklich gemocht. Andauernd hatte er (also ich) irgendwelche komische Verletzungen, für die er immer irgendwelche Schuldigen fand, wie zum Beispiel die armen, höflichen Kinder aus den Häusern des Elternbeirates. Ein Junge, dem man nichts glauben konnte, der immer nur Lügen verbreitete. Dessen Noten rapide gesunken waren, nachdem er zuvor mit sieben Jahren wohl die Prüfungsergebnisse gestohlen hatte und die Hausaufgaben wohl von einem anderen, älteren Schüler erledigt bekommen hatte.
Ich erzählte niemals jemandem, was in dieser Nacht wirklich geschehen war.
Was es wirklich heißt einsam zu sein?
Nein, das weiß wohl kaum jemand.
Alle sagen, sie wüssten es.
Aber es ist nicht so, dass man einsam ist, wenn man gerade mal für ein paar Tage nicht von Freunden besucht wird. Man ist nicht einsam, wenn man Streit mit den Freunden hat und einen Nachmittag – vielleicht sogar zwei? - irgendwo ohne sie verbringen muss.
Man ist einsam, wenn man niemanden auf der Welt mehr hat, der einem zuhört.
Wenn man niemanden mehr hat, der einem die Hand reicht.
Man ist einsam, wenn die Welt um einen herum zusammengebrochen ist, wenn man sein eigenes, zerbrochenes Herz in Händen hält und es verzweifelt versucht mit Sekundenkleber wieder zusammenzukleben.
Ich bin einsam.
Ich war einsam, seit meiner Geburt.
Mit sechs Jahren bemerkte ich, wie einsam ich war.
Und mit fünfzehn Jahren bemerkte ich, dass ich zu einsam war.
Im Endeffekt weiß niemand wirklich, was es heißt, einsam zu sein.
Niemand weiß es.
Auf jeden Fall bin ich noch niemandem begegnet, der so weit entfernt von der Welt ist, wie ich.
Der so wenig Kontakt zu der Welt hat, wie ich.
Der so verloren ist, wie ich.
Der sich selbst so aufgegeben hat…
Aber man muss weiterleben, oder?
Und das musste auch ich tun.
Ich hatte die Pflicht weiterzuleben.
Weil ich zu viel Angst hatte meinem Leben selbst ein Ende zu bereiten.
Fünfzehn Jahre alt
- Gefallene Engel weinen einsam
- Unruhestifter
- Letzte Tränen
- Über Lichtwesen
Es waren unerträgliche Schmerzen, die mich quälten.
Mein Rücken schmerzte so sehr, wie es sich ein normaler Mensch wohl überhaupt nicht vorstellen kann.
Jede Nacht weinte ich. Meine Ängste waren größer geworden, Albträume plagten mich, wenn ich überhaupt einmal schlief.
Ich weinte und weinte… und doch hatte es keinen Sinn.
So nahe am Herrn war ich… und doch so weit entfernt von ihm.
Was war ich denn schon? Dass ich ihn um Hilfe bitten konnte?
Ich war ein gefallener Engel. Und gefallene Engel weinen bekanntlich einsam.
Sobald ich wieder halbwegs aufrecht gehen konnte, entschied ein Rat von Heiligen über mich.
Aber zu dieser Zeit fragte ich mich ernsthaft, welcher besoffene Tölpel diesen Wesen den Heiligentitel angeschwatzt hatte.
Sie waren unfähig. Und selbst wenn es nicht angemessen ist dies zu bewerten…
So wie sie über mich entschieden, war ich wohl doch soweit befugt dazu, dies zu bewerten.
Man verwies mich aus der Stadt.
Weshalb?
Nun…
1. Ich war ein Unruhestifter, welcher versuchte, Wesen gegeneinander aufzuhetzen.
2. Ich hatte etliche Einbrüche begangen (die ich wohl alle verpasst haben muss)
3. Ich war eine Schande für die gesamte Stadt
4. Es wäre unsinnig mich weiter hier leben zu lassen, weil sowieso jeder einzelne meinen Namen kannte.
5. Ich hatte versucht Selbstmord zu begehen. (Aha?)
6. Ich hatte keine Flügel mehr. Das hieß also, dass ich kein Himmelswesen mehr war. Also unrein
7. Ich war „nicht würdig“
8. Waren sieben Gründe sieben Gründe zuviel.
Und so ging ich. Verletzt, während mir das Gelächter der Gang in den Ohren hing.
Und ich drehte mich um und sah sie da stehen… Ich reckte (unter höllischen Schmerzen, aber das wussten sie ja nicht) die geballte Faust gen Himmel und lachte. Wenn ich auch falsch lachte, wenn mir auch Tränen über die Wangen rannten.
Sie sahen dies nicht. Sie sahen die Tränen nicht.
Weshalb das alles?
Ich war frei.
Ich war frei zu gehen wohin ich wollte.
Wenn ich auch schwach war, gebrochen, verloren… Ich war frei.
Während die anderen noch fünf Jahre lang nur die gleichen Opfer quälen konnten.
Was man bedenken sollte?
Selbst wenn es Lichtwesen sind…
Ob sie sich nun mit dem Glanz Gottes bepusten…
Licht rauf und runter, es macht sie nicht zu besseren Wesen.
Sie sind Engel.
Sie sind Heilige.
Aber sie machen genauso Fehler wie alle anderen.
Ob es nun Heilige sind?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht haben sie sich nur so genannt um Eindruck zu schinden.
Ein Lichtwesen zu sein heißt nicht zwingend ‚gut’ zu sein.
Die letzten Tränen vergoss ich mit fünfzehn Jahren.
Und es war der Abend, an dem ich mir vornahm nie wieder zu weinen.
Den Vorsatz hielt ich ein.
Ich weinte nie wieder.
Bis heute.
Denn ich würde ihnen trotzen.
Ich würde nicht aufgeben.
Ich würde niemals, niemals zerbrechen.
Das nahm ich mir vor…
Also… Auf jeden Fall jetzt noch nicht.
Aber… Nun ja, darüber konnte ich mir später Gedanken machen.
Irgendwann… später.
LG Dragon