PaganPunk
24.07.2009, 19:56
So ich wage einen 2. Versuch mit einem anderen Projekt. Dieses ist nun ernsthafter, ich habe es vor ein paar Monaten einmal Korrekturgelesen und grade noch einmal. Dass der lyrische Teil kein einheitliches Schema besitzt ist ein Versuch und bin gespannt was ihr dazu sagt.
Albtraum
„Scheiße! Scheiße! Scheiße! Was mache ich hier eigentlich?“
Ingo lief in seinem Zimmer auf und ab. Alles nervte ihn. Alles kotzte ihn an. Die weiße Raufasertapete an der Wand, der PC, der ihn von scheinbar allem abhielt was er tun und erreichen wollte. Aber es war wohl kaum die Schuld eines zwanzig Inches hohen
Stahl-Plast-Gehäuses, angefüllt mit Halbmetallplatten und Kupferdrahtverbindungen. Sollte so ein Ding Schuld an seinem seelischen Unvermögen sein? Wohl kaum! Es war sein Fehler. Seine Schwäche, die ihm das Symbol, der Gegenstand "Rechner" immer wieder vorhielt. . Scheißding! Er schlug gegen die Wand mit der Faust, so dass die Knöchel aufplatzten und drei dunkelrote Flecken hinterließen, die nach unten verliefen. Befriedigt sah er die Zeichen seiner Wut, das einzige Gefühl was ihm noch geblieben war. Seitdem. Seine Gedanken schweiften wieder zu IHR ab. Den Schmerz fühlte er schon lang nicht mehr. Und im nächsten Moment kamen wieder die Gedanken, Erinnerungen, Stimmen…
„Es ist alles nur wegen ihr.“
Das war sein letzter Gedanke als er sich auf das Bett legte. Der Schlaf brachte vorübergehend die Erlösung von den Gedanken.
„Na, na! Wer wird sich denn grämen?“
Ingo hob langsam die Augenlider. Auf der schwarzen Ausklappcouch in seinem Zimmer lümmelte sich ein Mann und schälte sich eine Banane. Ingo richtete sich schnell auf und betrachtete ihn näher. Es war ein Mann in den mittleren Jahren. Ein dunkler Bart umrahmte seinen Mund. Die kurzen, schwarzen Haare wurden von einem breitkrempigen, schwarzen Hut mit roter Feder verdeckt. Alles in allem wirkte er sehr modisch. Wenn man vor dreihundert Jahren gelebt hätte.
„Wer bist du? Und was machst du hier? Wie bist du hier reingekommen?“
„ Ich bin der Geist der stets verneint, ein Teil von jener Kraft….“
Ingo unterbrach ihn:
,, Da schickt mir also der Höllenfürst seinen Advokaten
Ist er hier um zu helfen oder zu umgarnen?
Ich werds wohl nie erraten….
Nun sitzt er hier,
doch scheint mir,
als ging es ihm nicht um meiner selbst,
jetzt tut er freundlich wie gestelzt….“
„ Nanana…. Behandelt man so einen Fremden,
der einem bloß will helfen?
Siehs doch als Chance an,
auch wenn er`s noch kaum glauben kann.“
„ Das zu glauben wärs zu schön,
doch ist der Höllenfürst nicht bekannt,
zu arbeiten ohne Löhn,
so manch einer hat sich schon in leeres Glück verrannt,
Aber ich will noch den Abgesandten des Fürsten der Unterwelt hören,
doch zweifel’ ich an dem was er mir kann geben,
Was kann er mir wohl anderes geben als Höllenchöre?
Warum sollt ich danach streben?“
„ Bekommen wirst du was du begehrst,
allerdings nur was in der Zukunft liegt,
daher besiege den Schmerz,
bevor er dich obsiegt!“
Damit verschwand der Gesandte des Teufels und ließ Ingo allein. Er wachte schweißdurchnässt auf und sah sich um. Es gab kein Zeichen davon, dass der Höllengesandte eben noch auf der Couch in seinem Zimmer gesessen hatte. War es Traum oder Wirklichkeit gewesen? Er richtete sich komplett auf und griff nach der PET-Wasserflasche,die neben ihm stand . Die Anderthalbliter-Flasche war schon zur Hälfte leer und Ingo trank sie in einem Zug aus. Er ließ sie zu Boden fallen und stand auf. Ingo hob seine Hand und wischte sich die Mundwinkel ab. Es war eher eine Angewohnheit und er tat es nicht, weil sie wirklich feucht gewesen wären. Ingo wurde dies in diesem Moment klar, lächelte bei dieser Erkenntnis über den menschlichen Geist und unterdrückte die Geste. Nun bildete er sich doch ein, eine gewisse Nässe um den Mund herum zu fühlen aber er wusste, dass ihm die Nerven nur einen Streich spielten, weil sie dachten, dass es nass sein müsste. Der Traum war schon längst vergessen. Es war ja nur ein Traum. Ingo ging zu seinem PC, den er, als er ihn bekommen hatte, besetztes Haus genannt hatte. Er drückte den silberfarbenen Plastikknopf, wobei ihm der Gedanke kam warum man silbernes Plastik und nicht gleich Metall benutzt hatte. Der Rechner sprang an und die Außenwelt wurde sofort mit dem furchtbaren Geräusch eines nicht funktionierenden Lüfters belohnt. Nach einem schnellen, kräftigen Faustschlag auf das Gehäuse wurde das Geräusch wieder zu dem normalen Rauschen eines handelsüblichen Lüfters. Ingo gab das Passwort ein und meldete
sich an. Er wartete eine halbe Minute bis alles komplett hochgefahren war und er eine Verbindung zum Netzwerk hergestellt hatte. Er öffnete deb Browser und lies sich seine neuen Emails anzeigen. Es waren zwei. Eine davon hatte den Titel „ Versuchen sie es mal mit Viagra“ von einem gewissen „Lang Wie-Nix“. Die Andere war von Spanki, seinem besten Freund. Natürlich war das Thema seiner Mail „ Penisverlängerung“. Er öffnete die Mail von seinem Kumpel, in der er ihm mitteilte, dass sie sich heute um 17 Uhr im Park treffen würden
und er doch wohl bitte etwas Drehendes mitbringen solle. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte ihm dass es 16 Uhr ist. Er würde ungefähr zwanzig Minuten brauchen um einzukaufen und circa eine halbe Stunde um zum Park zu kommen. Das heißt er musste, Ingo überlegte einen kurzen Moment, jetzt los. Es war ein warmer Sommertag und das würde wohl bis zum späten Abend so bleiben, also entschied er sich nur für ein schwarzes T-Shirt und eine dunkelblaue Jeans. Er betrachtete sich durch seine blauen Augen noch kurz im Spiegel und zupfte sich die schwarzen Spitzen seines Undercuts, die durch den Schlaf schief waren, gerade. Die schwarzen DocMartens Stiefel lies er aus Zeitgründen offen, schrieb noch einen Zettel für seine Eltern dass er später wieder da sein würde, nahm seinen Rucksack und eilte dann die Treppe zur Haustür hinaus. Das warme Sonnenlicht stach leicht auf seiner Haut und blendete ihn leicht, aber nicht unangenehm. Es war wie eine angenehme Berührung und Ingo genoss sie. Selbst das Schwarzgrau des Asphalts um ihn herum wirkte fröhlich. In dem Supermarkt angekommen wählte er zwei Flaschen Met und zwei Flaschen Wein, einen roten und einen weißen, aus. Schnell bezahlte er den Alkohol, verstaute ihn in seinem schwarzen Kampfrucksack und verließ die Marktfiliale, gefolgt von einem kurzen Spurt zum Bus, den er zu verpassen drohte. Wegen der offenen Stiefel, die ihn beim Rennen behinderten, hätte er ihn fast nicht erreicht. Aber eben nur fast. Er suchte sich einen freien Doppelplatz in der vorletzten Reihe und setzte sich. Nun nahm er die Kopfhörer aus der Hosentasche, schaltete den MP3player ein und lies sich von Samsas Traum, „Hoch hinter den Terrorbergen, bei den sieben Terrorzwergen…“, beschallen. Darauf suchte er ein Buch aus seinem Kampfrucksack und begann zu lesen. Ingo überlegte nun dass es wohl besser sei ,selber schon jetzt etwas zu trinken, da sonst wohl alles der Allgemeinheit zufallen würde und so hätte er gar nichts davon. Die Gedanken wandelte er in die Tat um und griff eine Metflasche, öffnete sie und nahm einen Schluck. Er ließ die Menge Met kurz im Mund und genoss die leichte, aber nicht zu aufdringliche Süße bevor er hinunterschluckte. Da seine letzte Mahlzeit drei bis vier Stunden zurücklag rechnete Ingo schnell mit der mildernden und betäubenden Ruhe des Alkohols. Seine Erwartung wurde erfüllt und er ließ die entspannten Wahrnehmungen auf sich wirken. Die Flasche behielt er gleich in der Hand und nahm den nächsten Schluck, wobei er weiter las. Mit einem lächeln reflektierte er für sich in Gedanken wie er auf die Außenwelt wirken musste. Ein rebellischer Exzentriker, der aber wohl trotzdem gebildet zu sein schien, zumindest sollte das Philosophiehandbuch in seiner Hand darauf hindeuten. Dass war Ingo wohl wirklich. So wollte er sein, so würde es die Welt sehen, so wollte er es auch. In dieser Hinsicht war er eitel, da überließ er nichts dem Zufall. Nachdem ihm die Flasche nach einiger Zeit zu schwer geworden war, verstaute er sie wieder in dem Rucksack und verbrachte lesend und Musik hörend den Rest der Fahrt. Schließlich kam der Bus zu der Haltestelle „ Am Park“ und Ingo ging zu diesem Ort, auf den schon der Name der Bushaltestelle hinwies.
Der rote Bus fuhr davon in die von hellgrünen Laubbäumen gesäumte Allee. Ingo bewegte sich auf die weitläufige, grüne Rasenfläche zu, die von schattigen Bäumen und Sträuchern eingerahmt wurde. Die anwesenden Personengruppen im Park gruppierten sich um die Schatten der vereinzelt dastehenden Bäume auf der Wiese, da die Sonne einem wohl mit der Zeit durchaus noch zusetzen konnte. Von weitem erspähte Ingo schon die ungefähr zehn Leute umfassende Gruppe seiner Freunde. Spanki, den er schon von weitem durch den leuchtend roten Iro erkannte, eilte auf ihn zu. Dabei lief der große Punk mit ausgestrecktem Arm ihm entgegen, als ob er eine Flasche in der Hand halten würde. Einen Meter vor Ingo hielt er an, schaute ihn auffordernd an und hielt seinen Arm weiter hingestreckt. Ingo seufzte, nahm seinen Rucksack in die eine Hand, öffnete ihn, kramte die angebrochene Flasche mit der anderen Hand heraus und gab sie Spanki. Der nahm sie freudestrahlend, weitete seine Arme aus, wobei er Ingo in den Arm nahm und ihn mit der Hand, die nicht die Flasche hielt auf die Schulter klopfte.
„Schön dich zu sehen Alter!“ sagte Spanki.
„Ebenso du Papagei!“ antwortete Ingo.
„Und wie geht’s dir so?“
„Gut und selbst?“
„Ja könnte besser sein, passt aber schon!“
„Jo bei mir ist ähnlich!“
„Gehen wir mal zu den Anderen?“
„ Jau! auf Jeden!“
Die Beiden bewegten sich auf den Rest der Gruppe zu, bei der sie auch nach kurzer Zeit ankamen. Die Jungen begrüßten ihn mit freundschaftlichem, gespielt förmlichen Handschütteln, während die Angehörigen der weiblichen Bevölkerungsgruppe sich zu wilden Umarmungen hinreißen ließen die er auch brav über sich ergehen lies. Ingo rief:„Bescherung!“, packte die restlichen drei Flaschen aus und fragte: „Wart ihr auch immer schön artig?“
Alle riefen: „ Jaaaaaaaa, lieber Weihnachtsmann!“
„Könnt ihr mir auch ein Gedicht aufsagen?“
Betretenes Schweigen erfüllte die Gruppe bis Anna sagte:
„ Lieber, guter Weihnachtsmann
schau mich nicht so böse an,
packe deine Rute ein,
ich will auch immer artig sein!“
„Sehr schön Anna!“ Ingo reichte ihr eine Rotweinflasche und vergab den Rest willkürlich in der Gruppe. Nun widmete er seine Aufmerksamkeit der Wasserpfeife mit den vier Mundstücken und verscheuchte Ramona, die schon die ganze Zeit, seit er da war fast nur mit Rauchen beschäftigt war. Sie stürzte sich dafür auf den Alkohol und somit waren die Genussressourcen allgemein gleichmäßig aufgeteilt. So ging es eine ganze Zeit, man wechselte sich an der Pfeife ab und gab die Flaschen durch die Reihen. Alle waren fröhlich und glücklich, sie hatten viel Spaß und es wurde gelacht. Mit steigendem Alkoholpegel wurde es lauter und insgesamt offener. Jeder hatte Jemanden eigentlich an seiner Seite hängen, wenn sie nicht schon sowieso mit festem Freund oder Freundin anwesend waren. Auch Valerie und Lissi hängten sich im Laufe des Abends an Ingo. Er ließ es zwar geschehen aber es bedeutete ihm nichts. Die Gespräche um ihn herum registrierte Ingo mit immer weniger Interesse. Er wurde mit der Zeit nachdenklich. Dachte über sich nach.
„ Ingo? Ingo!“ rief schließlich Spanki
„Was ist?“ fragte Ingo
„ Kommst du Morgen wieder? Wir gehen jetzt.“
„ Ja sicher, sicher…“ sagte Ingo leicht verwirrt und blickte verschlagen um sich, um über seine Verwirrung hinwegzutäuschen. Dass es bereits so spät war hatte er nicht registriert. Zu dieser Jahreszeit wurde es spät, aber dann umso schneller dunkel. Sie erhoben sich alle, verabschiedeten sich auf dieselbe Art und Weise, wie sie sich schon begrüßt hatten. Der Stadtteil in dem Ingo lebte war etwas abseits und er war der einzige der mit der Buslinie 58 nach Hause fuhr. Die Anderen waren auch nur einzeln oder in Kleingruppen auf dem Heimweg. Er hing seinen eigenen Gedanken nach als er die Bushaltestelle erreichte. Dort angekommen sah er in dem offenen, mit Plexiglas verspiegelten Wartehäuschen der Haltestelle sie sitzen.
Er sah sie zunächst von der Seite. Sie hatte langes, schwarzes Haar (wie er erkennen konnte sogar natürlich), blasse Haut, aber keinen unnatürlichen oder kranken Hautton, einige blasse Sommersprossen und eine kleine Stupsnase mit einem leichten Drall nach oben an der Spitze. Sie trug einen schwarzen, knielangen Rock aus leichtem Stoff und ein schwarzes Top, neben dessen Trägern er ebenfalls schwarze des BH`s erkennen konnte. Als er sich gegen den Ständer des Häuschens gelehnt hatte schaute sie ihn an. Ihr Alter war nicht zu schätzen, aber Ingo schätze sie ein bis zwei Jahre jünger als sich selbst ein. In dem Moment, wo sich ihre Blicke trafen, schien es ihm, als ob sie das Schicksal ab jetzt aneinander gefesselt hätte. Sie konnten den Blick nicht voneinander lösen. Erst als in ihren Augen ein Blick des Erkennens und Verstehens trat, konnte Ingo sich abwenden. Schnell drehte er sich weg und holte die Tabakverpackung aus der Hosentasche. Die Papers zum Drehen und Filter hatte er beim letzten Mal in die Packung geworfen, pflückte sie heraus, nahm sich ein Zigarettenpapier und einen Filter heraus. Er legte etwas Tabak und den Filter in das Paper und begann zu drehen. Ärgerlich bemerkte er, dass er leicht zitterte und hoffe dass es dem Mädchen nicht auffallen würde, falls sie ihn noch immer anblicken sollte. Sie anzusehen traute er sich nicht. Ein Bus kam. Es war nicht Ingos. Das Mädchen aber stand auf, dass hörte er. Um zum Bus zu gelangen, musste sie an ihm vorbeigehen. Der Bus hielt mit quietschenden Bremsen und verpestete die Luft mit Abgasen. Sie ging an ihm vorbei und schenkte ihm dabei ein trauriges Lächeln. Sie warf ihm noch immer diesen traurig, wissenden Blick zu, der ihn beunruhigte, ja sogar erschreckte. War er so leicht zu durchschauen? Das glaubte er nicht, es musste etwas anderes gewesen sein. Sie verschwand in dem Bus und er fuhr los, so schnell dass sie sich noch nicht gesetzt haben konnte. Fast hätte Ingo glauben können, dass Nahverkehrsfahrzeug sie aus seinem Leben reißen wollte. Natürlich war dieser Gedanke absurd. Er grinste und schüttelte den Kopf. Auch hielt er sich für einen Narren, dass er glaubte in ihrem Blick tatsächlich das gesehen zu haben, was er glaubte gesehen zu haben. Woher sollte sie ihn kennen? Er glaube nicht an Schicksal und warum sollte sie davon wissen und er nicht? „Der Alkohol musste Schuld sein“, war sein Gedanke. Was auch sonst? Seine Kopfhörer glitten wie von selbst in seine Hand und durch diese in sein Ohr. Der MP3-Player beschallte ihn nach dem Anschalten direkt mit „ I wish i had an Angel…..“. Genau das was er jetzt brauchte! Ingo drückte ein Lied weiter „ Manowar – Call To The Arms“. Ja schon besser. Noch echte Männermusik. Bei dem Gedanken musste er wieder grinsen. Der Zigarette die er noch unfertig gedreht in der Linken hielt, widmete er nun wieder Aufmerksamkeit. Er drehte den noch unvollständigen Rohling. Als er das Gefühl hatte dass alles richtig gedreht war, befeuchtete er leicht seine Zunge, benässte die Klebestelle und drehte die Zigarette zusammen. Sie war ihm gut und gleichmäßig gelungen, obwohl er anfangs noch so viel gezittert hatte. Er zündete sich die Kippe an. Sie ließ sich gut rauchen und beruhigte ihn wieder von dem Erlebnis mit dem Mädchen. Kurz nachdem er zu Ende geraucht hatte, kam auch schon sein Bus. Er stieg ein, zeigte dem jungen, glatzköpfigen Busfahrer mit der verspiegelten Sonnenbrille den Fahrschein und setze sich auf einen freien Doppelplatz, relativ weit hinten. Die freie Auswahl hatte er. Er war der Einzige in dem Bus. Nicht ungewöhnlich um die Zeit. Da fiel ihm ein, dass er keine Ahnung hatte, wie spät es eigentlich war. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es halb elf war. Für die Ferien, die er gerade hatte, war es nicht spät und er dachte, dass er diese Freiheit und Unabhängigkeit immer in seinem Leben haben könnte. Es war im Moment allgemein ein ziemlich gutes Leben. Morgens spät aufstehen. Von der Sonne begrüßt werden, wenn er die Jalousie öffnete, kitzelte ihn die Sonne auf dem nackten Oberkörper. Dann spielte er meistens PC oder chattete. Den Nachmittag verbrachte er meistens mit Freunden. Er wusste nicht mehr woher die Depression von heut Nachmittag gekommen war. Und dann kam wieder die Erinnerung an sie, aber das Mädchen von der Haltestelle verdrängte sie und es machte ihm nichts aus. Er konnte die Gedanken einfach verwerfen. Die Busfahrt verbrachte er mit MP3-Player hören und lesen. Er schaute aus dem Fenster als er plötzlich spürte wie der Platz neben ihm zurückgedrückt wurde, wie es geschah wenn Jemand sich setzte. Ingo schaute beunruhigt zur Seite und sah ein Knie in einer dunkelgrünen Stoffhose, die wiederum in weichen, hellbraunen Stiefeln steckte. Hirschleder, überlegte er stirnrunzelnd. Er blickte zu der Gestalt hoch und erschrak. Es war der Teufelsbotschafter aus dem Traum. Dieser trug wieder denselben Hut mit der Feder, den er tief ins Gesicht gezogen hatte, sodass nur sein Mund zu sehen war, der ihn triumphierend angrinste.
„ Na brauchst du wohl jetzt doch meine Hilfe,
um zu erreichen deine neue Liebe?
Schlag ein,
und sie wird dein!“
„ Warum sollt ich deine Hilfe gebrauchen?
Hatt`s doch noch bei jeder gereicht,
dein Meister will meine Seele verbrauchen,
die Höhe seiner Maske ist all zu seicht!“
„ Dass was dir bevorsteht,
ist nichts was du kennst,
und wenn sich alles um dich dreht,
wirst du sehen dass du rennst!“
Der Gesandte lachte laut auf und… Ingo wachte auf, drehte sich verwundert um, aber der Bus war immer noch leer. Er schaute aus dem Fenster und erkannte dass er gleich da sein würde.
Als er angekommen war, stieg er aus und machte sich auf die letzte Etappe des Heimweges. Der Weg direkt von der Haltestelle, an der er ausgestiegen war, zu ihm nach Hause führte durch endlose Straßenzüge von Reihenhaussiedlungen, die alle gleich aussahen. Immer dieselben, weißen Fassaden mit den gleichen, roten Ziegeln auf dem Dach. Sie waren alle gleich. Genauso wie seine Bewohner. Ingo überlegte ob die Menschen die Häuser, oder die Häuser die Menschen gleich machen. Vielleicht passte auch nur ein Typus Mensch in diese Häuser und konnte in ihnen leben ohne Wahnsinnig zu werden. Wenn man davon ausging ,dass Wahnsinnig sein nicht beinhaltet von Valium oder Antidepressiva abhängig zu sein und nicht den Ehemann mit dem jungen Trainer aus dem Fitnessstudio zu betrügen, da der Herr Gatte ja für alles zu kaputt war wenn er nach Hause kam. Natürlich betrog der Manager – Ehemann auch seine Gattin mit der jungen Sekretärin, weil seine Frau immer nachts Kopfschmerzen hatte. Wahrscheinlich trafen beide Dinge nicht auf alle Bewohner zu, aber wohl mindestens einer der beiden Fakten. Seine Gedanken kamen wieder auf die beiden Träume des heutigen Tages zurück. Es muss an dem Stress, an den Gedanken an sie und bei dem zweiten Traum, war wohl Alkohol und das neue Mädchen im Spiel. In diesen Gedanken versunken kam er schließlich zu Hause an. Als er die Hauseinfahrt, mit Steinplatten gedeckt, vorbei an dem Zaun mit der Buchsbaumreihe dahinter, betrat, kramte er seinen Schlüssel aus dem schwarzen Rucksack. Den Schlüssel bekam er zu Fassen als er die Tür erreichte und sah, während er aufblickte, dass ein Zettel an ihr hing, er las:
„ Sind Unterwegs und Sonntag wieder da! Essen ist im Kühlschrank!“
„ Super! Dann hätte ich ja auch woanders pennen können! Und wollen sie jetzt damit angeben vor den Nachbarn, dass sie mich versorgen können? Dämlich!“ Mit diesem Gedanken öffnete er die Haustür und betrat den Hausflur. Die weißen Tapeten begrüßten ihn mit ihrer langweiligen, hellen Eintönigkeit. Mal ein paar Farbkleckse wären schön. Ingo überlegte wie sich ein paar Blutflecken an der Tapete machen würden, er kam darauf dass es schlecht wäre, da getrocknetes Blut braun wird und braun ist hässlich. Außerdem tragen nur Nazis braun.
Er lachte. Also würde es nur Farbe tun müssen. Es würde keine einzige weiße Wand in seiner Wohnung oder seinem Haus geben, dass hatte er in diesem Moment beschlossen. Sein Blick fiel auf den Eingang zur Küche und er merkte auf einmal, dass er riesigen Hunger hatte. Er begab sich in die Küche und machte den Kühlschrank auf. Dieser war bis zum bersten voll mit allem was das kulinarische Supermarktangebot des mitteleuropäischen Raumes zu bieten hatte. Würde man westliche Dekadenz am Essensangebot fest machen, würde jeder Terrorführer ein Bild des Kühlschrankes haben wollen. Es war wie versprochen das Mittagessen, alle möglichen Fleisch- und Milchprodukte, sowie Schokolade in allen denkbaren Farben und Zusätzen. Ingo wollte etwas scharfes, Würziges und Fleischiges. Also nahm er das Mittagessen, stellte es in die Mikrowelle und erwärmte es. Richtig heiß mochte er es, so dass sich bei Normalsterblichen die Mundschleimhaut in Wohlgefallen auflösen würde. Er nahm das Essen aus der Mikrowelle und ging, dass ehemalige Mittagessen eher runterhechelnd, als essend, in sein Zimmer, um den PC anzuschalten. Im Zimmer angekommen empfing ihn ein Schwall warmer, abgestandener Luft. Deswegen riss er das Fenster mit der einen Hand auf, während er mit der Anderen den warmen Teller auf dem PC-Tisch abstellte. Der Alkohol manipulierte zwar seine motorischen Fähigkeiten, aber dessen war sich Ingo bewusst und er kannte dieses Gefühl, er mochte und begrüßte es sogar. Den Rechner, Bildschirm und Lautsprecher schaltete er nacheinander an. Als das System hochgefahren war, suchte Ingo sich einen Gothic- und Metalsender heraus. Er aß, während ihn die infernalischen Klänge einer Black-Metal Band umgarnten. Das Essen schmeckte ziemlich gut, wie er fand und so gut gesättigt, leicht angetrunken und von seiner Lieblingsmusik umgeben, beschloss Ingo zu schlafen. Er zog das T-Shirt aus und lies es achtlos fallen. Mit der Hose und den Socken verfuhr er ebenso. Er lies sich ins Bett fallen und deckte sich halb zu. Nach nur einigen Sekunden war Ingo eingeschlafen.
Albtraum
„Scheiße! Scheiße! Scheiße! Was mache ich hier eigentlich?“
Ingo lief in seinem Zimmer auf und ab. Alles nervte ihn. Alles kotzte ihn an. Die weiße Raufasertapete an der Wand, der PC, der ihn von scheinbar allem abhielt was er tun und erreichen wollte. Aber es war wohl kaum die Schuld eines zwanzig Inches hohen
Stahl-Plast-Gehäuses, angefüllt mit Halbmetallplatten und Kupferdrahtverbindungen. Sollte so ein Ding Schuld an seinem seelischen Unvermögen sein? Wohl kaum! Es war sein Fehler. Seine Schwäche, die ihm das Symbol, der Gegenstand "Rechner" immer wieder vorhielt. . Scheißding! Er schlug gegen die Wand mit der Faust, so dass die Knöchel aufplatzten und drei dunkelrote Flecken hinterließen, die nach unten verliefen. Befriedigt sah er die Zeichen seiner Wut, das einzige Gefühl was ihm noch geblieben war. Seitdem. Seine Gedanken schweiften wieder zu IHR ab. Den Schmerz fühlte er schon lang nicht mehr. Und im nächsten Moment kamen wieder die Gedanken, Erinnerungen, Stimmen…
„Es ist alles nur wegen ihr.“
Das war sein letzter Gedanke als er sich auf das Bett legte. Der Schlaf brachte vorübergehend die Erlösung von den Gedanken.
„Na, na! Wer wird sich denn grämen?“
Ingo hob langsam die Augenlider. Auf der schwarzen Ausklappcouch in seinem Zimmer lümmelte sich ein Mann und schälte sich eine Banane. Ingo richtete sich schnell auf und betrachtete ihn näher. Es war ein Mann in den mittleren Jahren. Ein dunkler Bart umrahmte seinen Mund. Die kurzen, schwarzen Haare wurden von einem breitkrempigen, schwarzen Hut mit roter Feder verdeckt. Alles in allem wirkte er sehr modisch. Wenn man vor dreihundert Jahren gelebt hätte.
„Wer bist du? Und was machst du hier? Wie bist du hier reingekommen?“
„ Ich bin der Geist der stets verneint, ein Teil von jener Kraft….“
Ingo unterbrach ihn:
,, Da schickt mir also der Höllenfürst seinen Advokaten
Ist er hier um zu helfen oder zu umgarnen?
Ich werds wohl nie erraten….
Nun sitzt er hier,
doch scheint mir,
als ging es ihm nicht um meiner selbst,
jetzt tut er freundlich wie gestelzt….“
„ Nanana…. Behandelt man so einen Fremden,
der einem bloß will helfen?
Siehs doch als Chance an,
auch wenn er`s noch kaum glauben kann.“
„ Das zu glauben wärs zu schön,
doch ist der Höllenfürst nicht bekannt,
zu arbeiten ohne Löhn,
so manch einer hat sich schon in leeres Glück verrannt,
Aber ich will noch den Abgesandten des Fürsten der Unterwelt hören,
doch zweifel’ ich an dem was er mir kann geben,
Was kann er mir wohl anderes geben als Höllenchöre?
Warum sollt ich danach streben?“
„ Bekommen wirst du was du begehrst,
allerdings nur was in der Zukunft liegt,
daher besiege den Schmerz,
bevor er dich obsiegt!“
Damit verschwand der Gesandte des Teufels und ließ Ingo allein. Er wachte schweißdurchnässt auf und sah sich um. Es gab kein Zeichen davon, dass der Höllengesandte eben noch auf der Couch in seinem Zimmer gesessen hatte. War es Traum oder Wirklichkeit gewesen? Er richtete sich komplett auf und griff nach der PET-Wasserflasche,die neben ihm stand . Die Anderthalbliter-Flasche war schon zur Hälfte leer und Ingo trank sie in einem Zug aus. Er ließ sie zu Boden fallen und stand auf. Ingo hob seine Hand und wischte sich die Mundwinkel ab. Es war eher eine Angewohnheit und er tat es nicht, weil sie wirklich feucht gewesen wären. Ingo wurde dies in diesem Moment klar, lächelte bei dieser Erkenntnis über den menschlichen Geist und unterdrückte die Geste. Nun bildete er sich doch ein, eine gewisse Nässe um den Mund herum zu fühlen aber er wusste, dass ihm die Nerven nur einen Streich spielten, weil sie dachten, dass es nass sein müsste. Der Traum war schon längst vergessen. Es war ja nur ein Traum. Ingo ging zu seinem PC, den er, als er ihn bekommen hatte, besetztes Haus genannt hatte. Er drückte den silberfarbenen Plastikknopf, wobei ihm der Gedanke kam warum man silbernes Plastik und nicht gleich Metall benutzt hatte. Der Rechner sprang an und die Außenwelt wurde sofort mit dem furchtbaren Geräusch eines nicht funktionierenden Lüfters belohnt. Nach einem schnellen, kräftigen Faustschlag auf das Gehäuse wurde das Geräusch wieder zu dem normalen Rauschen eines handelsüblichen Lüfters. Ingo gab das Passwort ein und meldete
sich an. Er wartete eine halbe Minute bis alles komplett hochgefahren war und er eine Verbindung zum Netzwerk hergestellt hatte. Er öffnete deb Browser und lies sich seine neuen Emails anzeigen. Es waren zwei. Eine davon hatte den Titel „ Versuchen sie es mal mit Viagra“ von einem gewissen „Lang Wie-Nix“. Die Andere war von Spanki, seinem besten Freund. Natürlich war das Thema seiner Mail „ Penisverlängerung“. Er öffnete die Mail von seinem Kumpel, in der er ihm mitteilte, dass sie sich heute um 17 Uhr im Park treffen würden
und er doch wohl bitte etwas Drehendes mitbringen solle. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte ihm dass es 16 Uhr ist. Er würde ungefähr zwanzig Minuten brauchen um einzukaufen und circa eine halbe Stunde um zum Park zu kommen. Das heißt er musste, Ingo überlegte einen kurzen Moment, jetzt los. Es war ein warmer Sommertag und das würde wohl bis zum späten Abend so bleiben, also entschied er sich nur für ein schwarzes T-Shirt und eine dunkelblaue Jeans. Er betrachtete sich durch seine blauen Augen noch kurz im Spiegel und zupfte sich die schwarzen Spitzen seines Undercuts, die durch den Schlaf schief waren, gerade. Die schwarzen DocMartens Stiefel lies er aus Zeitgründen offen, schrieb noch einen Zettel für seine Eltern dass er später wieder da sein würde, nahm seinen Rucksack und eilte dann die Treppe zur Haustür hinaus. Das warme Sonnenlicht stach leicht auf seiner Haut und blendete ihn leicht, aber nicht unangenehm. Es war wie eine angenehme Berührung und Ingo genoss sie. Selbst das Schwarzgrau des Asphalts um ihn herum wirkte fröhlich. In dem Supermarkt angekommen wählte er zwei Flaschen Met und zwei Flaschen Wein, einen roten und einen weißen, aus. Schnell bezahlte er den Alkohol, verstaute ihn in seinem schwarzen Kampfrucksack und verließ die Marktfiliale, gefolgt von einem kurzen Spurt zum Bus, den er zu verpassen drohte. Wegen der offenen Stiefel, die ihn beim Rennen behinderten, hätte er ihn fast nicht erreicht. Aber eben nur fast. Er suchte sich einen freien Doppelplatz in der vorletzten Reihe und setzte sich. Nun nahm er die Kopfhörer aus der Hosentasche, schaltete den MP3player ein und lies sich von Samsas Traum, „Hoch hinter den Terrorbergen, bei den sieben Terrorzwergen…“, beschallen. Darauf suchte er ein Buch aus seinem Kampfrucksack und begann zu lesen. Ingo überlegte nun dass es wohl besser sei ,selber schon jetzt etwas zu trinken, da sonst wohl alles der Allgemeinheit zufallen würde und so hätte er gar nichts davon. Die Gedanken wandelte er in die Tat um und griff eine Metflasche, öffnete sie und nahm einen Schluck. Er ließ die Menge Met kurz im Mund und genoss die leichte, aber nicht zu aufdringliche Süße bevor er hinunterschluckte. Da seine letzte Mahlzeit drei bis vier Stunden zurücklag rechnete Ingo schnell mit der mildernden und betäubenden Ruhe des Alkohols. Seine Erwartung wurde erfüllt und er ließ die entspannten Wahrnehmungen auf sich wirken. Die Flasche behielt er gleich in der Hand und nahm den nächsten Schluck, wobei er weiter las. Mit einem lächeln reflektierte er für sich in Gedanken wie er auf die Außenwelt wirken musste. Ein rebellischer Exzentriker, der aber wohl trotzdem gebildet zu sein schien, zumindest sollte das Philosophiehandbuch in seiner Hand darauf hindeuten. Dass war Ingo wohl wirklich. So wollte er sein, so würde es die Welt sehen, so wollte er es auch. In dieser Hinsicht war er eitel, da überließ er nichts dem Zufall. Nachdem ihm die Flasche nach einiger Zeit zu schwer geworden war, verstaute er sie wieder in dem Rucksack und verbrachte lesend und Musik hörend den Rest der Fahrt. Schließlich kam der Bus zu der Haltestelle „ Am Park“ und Ingo ging zu diesem Ort, auf den schon der Name der Bushaltestelle hinwies.
Der rote Bus fuhr davon in die von hellgrünen Laubbäumen gesäumte Allee. Ingo bewegte sich auf die weitläufige, grüne Rasenfläche zu, die von schattigen Bäumen und Sträuchern eingerahmt wurde. Die anwesenden Personengruppen im Park gruppierten sich um die Schatten der vereinzelt dastehenden Bäume auf der Wiese, da die Sonne einem wohl mit der Zeit durchaus noch zusetzen konnte. Von weitem erspähte Ingo schon die ungefähr zehn Leute umfassende Gruppe seiner Freunde. Spanki, den er schon von weitem durch den leuchtend roten Iro erkannte, eilte auf ihn zu. Dabei lief der große Punk mit ausgestrecktem Arm ihm entgegen, als ob er eine Flasche in der Hand halten würde. Einen Meter vor Ingo hielt er an, schaute ihn auffordernd an und hielt seinen Arm weiter hingestreckt. Ingo seufzte, nahm seinen Rucksack in die eine Hand, öffnete ihn, kramte die angebrochene Flasche mit der anderen Hand heraus und gab sie Spanki. Der nahm sie freudestrahlend, weitete seine Arme aus, wobei er Ingo in den Arm nahm und ihn mit der Hand, die nicht die Flasche hielt auf die Schulter klopfte.
„Schön dich zu sehen Alter!“ sagte Spanki.
„Ebenso du Papagei!“ antwortete Ingo.
„Und wie geht’s dir so?“
„Gut und selbst?“
„Ja könnte besser sein, passt aber schon!“
„Jo bei mir ist ähnlich!“
„Gehen wir mal zu den Anderen?“
„ Jau! auf Jeden!“
Die Beiden bewegten sich auf den Rest der Gruppe zu, bei der sie auch nach kurzer Zeit ankamen. Die Jungen begrüßten ihn mit freundschaftlichem, gespielt förmlichen Handschütteln, während die Angehörigen der weiblichen Bevölkerungsgruppe sich zu wilden Umarmungen hinreißen ließen die er auch brav über sich ergehen lies. Ingo rief:„Bescherung!“, packte die restlichen drei Flaschen aus und fragte: „Wart ihr auch immer schön artig?“
Alle riefen: „ Jaaaaaaaa, lieber Weihnachtsmann!“
„Könnt ihr mir auch ein Gedicht aufsagen?“
Betretenes Schweigen erfüllte die Gruppe bis Anna sagte:
„ Lieber, guter Weihnachtsmann
schau mich nicht so böse an,
packe deine Rute ein,
ich will auch immer artig sein!“
„Sehr schön Anna!“ Ingo reichte ihr eine Rotweinflasche und vergab den Rest willkürlich in der Gruppe. Nun widmete er seine Aufmerksamkeit der Wasserpfeife mit den vier Mundstücken und verscheuchte Ramona, die schon die ganze Zeit, seit er da war fast nur mit Rauchen beschäftigt war. Sie stürzte sich dafür auf den Alkohol und somit waren die Genussressourcen allgemein gleichmäßig aufgeteilt. So ging es eine ganze Zeit, man wechselte sich an der Pfeife ab und gab die Flaschen durch die Reihen. Alle waren fröhlich und glücklich, sie hatten viel Spaß und es wurde gelacht. Mit steigendem Alkoholpegel wurde es lauter und insgesamt offener. Jeder hatte Jemanden eigentlich an seiner Seite hängen, wenn sie nicht schon sowieso mit festem Freund oder Freundin anwesend waren. Auch Valerie und Lissi hängten sich im Laufe des Abends an Ingo. Er ließ es zwar geschehen aber es bedeutete ihm nichts. Die Gespräche um ihn herum registrierte Ingo mit immer weniger Interesse. Er wurde mit der Zeit nachdenklich. Dachte über sich nach.
„ Ingo? Ingo!“ rief schließlich Spanki
„Was ist?“ fragte Ingo
„ Kommst du Morgen wieder? Wir gehen jetzt.“
„ Ja sicher, sicher…“ sagte Ingo leicht verwirrt und blickte verschlagen um sich, um über seine Verwirrung hinwegzutäuschen. Dass es bereits so spät war hatte er nicht registriert. Zu dieser Jahreszeit wurde es spät, aber dann umso schneller dunkel. Sie erhoben sich alle, verabschiedeten sich auf dieselbe Art und Weise, wie sie sich schon begrüßt hatten. Der Stadtteil in dem Ingo lebte war etwas abseits und er war der einzige der mit der Buslinie 58 nach Hause fuhr. Die Anderen waren auch nur einzeln oder in Kleingruppen auf dem Heimweg. Er hing seinen eigenen Gedanken nach als er die Bushaltestelle erreichte. Dort angekommen sah er in dem offenen, mit Plexiglas verspiegelten Wartehäuschen der Haltestelle sie sitzen.
Er sah sie zunächst von der Seite. Sie hatte langes, schwarzes Haar (wie er erkennen konnte sogar natürlich), blasse Haut, aber keinen unnatürlichen oder kranken Hautton, einige blasse Sommersprossen und eine kleine Stupsnase mit einem leichten Drall nach oben an der Spitze. Sie trug einen schwarzen, knielangen Rock aus leichtem Stoff und ein schwarzes Top, neben dessen Trägern er ebenfalls schwarze des BH`s erkennen konnte. Als er sich gegen den Ständer des Häuschens gelehnt hatte schaute sie ihn an. Ihr Alter war nicht zu schätzen, aber Ingo schätze sie ein bis zwei Jahre jünger als sich selbst ein. In dem Moment, wo sich ihre Blicke trafen, schien es ihm, als ob sie das Schicksal ab jetzt aneinander gefesselt hätte. Sie konnten den Blick nicht voneinander lösen. Erst als in ihren Augen ein Blick des Erkennens und Verstehens trat, konnte Ingo sich abwenden. Schnell drehte er sich weg und holte die Tabakverpackung aus der Hosentasche. Die Papers zum Drehen und Filter hatte er beim letzten Mal in die Packung geworfen, pflückte sie heraus, nahm sich ein Zigarettenpapier und einen Filter heraus. Er legte etwas Tabak und den Filter in das Paper und begann zu drehen. Ärgerlich bemerkte er, dass er leicht zitterte und hoffe dass es dem Mädchen nicht auffallen würde, falls sie ihn noch immer anblicken sollte. Sie anzusehen traute er sich nicht. Ein Bus kam. Es war nicht Ingos. Das Mädchen aber stand auf, dass hörte er. Um zum Bus zu gelangen, musste sie an ihm vorbeigehen. Der Bus hielt mit quietschenden Bremsen und verpestete die Luft mit Abgasen. Sie ging an ihm vorbei und schenkte ihm dabei ein trauriges Lächeln. Sie warf ihm noch immer diesen traurig, wissenden Blick zu, der ihn beunruhigte, ja sogar erschreckte. War er so leicht zu durchschauen? Das glaubte er nicht, es musste etwas anderes gewesen sein. Sie verschwand in dem Bus und er fuhr los, so schnell dass sie sich noch nicht gesetzt haben konnte. Fast hätte Ingo glauben können, dass Nahverkehrsfahrzeug sie aus seinem Leben reißen wollte. Natürlich war dieser Gedanke absurd. Er grinste und schüttelte den Kopf. Auch hielt er sich für einen Narren, dass er glaubte in ihrem Blick tatsächlich das gesehen zu haben, was er glaubte gesehen zu haben. Woher sollte sie ihn kennen? Er glaube nicht an Schicksal und warum sollte sie davon wissen und er nicht? „Der Alkohol musste Schuld sein“, war sein Gedanke. Was auch sonst? Seine Kopfhörer glitten wie von selbst in seine Hand und durch diese in sein Ohr. Der MP3-Player beschallte ihn nach dem Anschalten direkt mit „ I wish i had an Angel…..“. Genau das was er jetzt brauchte! Ingo drückte ein Lied weiter „ Manowar – Call To The Arms“. Ja schon besser. Noch echte Männermusik. Bei dem Gedanken musste er wieder grinsen. Der Zigarette die er noch unfertig gedreht in der Linken hielt, widmete er nun wieder Aufmerksamkeit. Er drehte den noch unvollständigen Rohling. Als er das Gefühl hatte dass alles richtig gedreht war, befeuchtete er leicht seine Zunge, benässte die Klebestelle und drehte die Zigarette zusammen. Sie war ihm gut und gleichmäßig gelungen, obwohl er anfangs noch so viel gezittert hatte. Er zündete sich die Kippe an. Sie ließ sich gut rauchen und beruhigte ihn wieder von dem Erlebnis mit dem Mädchen. Kurz nachdem er zu Ende geraucht hatte, kam auch schon sein Bus. Er stieg ein, zeigte dem jungen, glatzköpfigen Busfahrer mit der verspiegelten Sonnenbrille den Fahrschein und setze sich auf einen freien Doppelplatz, relativ weit hinten. Die freie Auswahl hatte er. Er war der Einzige in dem Bus. Nicht ungewöhnlich um die Zeit. Da fiel ihm ein, dass er keine Ahnung hatte, wie spät es eigentlich war. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es halb elf war. Für die Ferien, die er gerade hatte, war es nicht spät und er dachte, dass er diese Freiheit und Unabhängigkeit immer in seinem Leben haben könnte. Es war im Moment allgemein ein ziemlich gutes Leben. Morgens spät aufstehen. Von der Sonne begrüßt werden, wenn er die Jalousie öffnete, kitzelte ihn die Sonne auf dem nackten Oberkörper. Dann spielte er meistens PC oder chattete. Den Nachmittag verbrachte er meistens mit Freunden. Er wusste nicht mehr woher die Depression von heut Nachmittag gekommen war. Und dann kam wieder die Erinnerung an sie, aber das Mädchen von der Haltestelle verdrängte sie und es machte ihm nichts aus. Er konnte die Gedanken einfach verwerfen. Die Busfahrt verbrachte er mit MP3-Player hören und lesen. Er schaute aus dem Fenster als er plötzlich spürte wie der Platz neben ihm zurückgedrückt wurde, wie es geschah wenn Jemand sich setzte. Ingo schaute beunruhigt zur Seite und sah ein Knie in einer dunkelgrünen Stoffhose, die wiederum in weichen, hellbraunen Stiefeln steckte. Hirschleder, überlegte er stirnrunzelnd. Er blickte zu der Gestalt hoch und erschrak. Es war der Teufelsbotschafter aus dem Traum. Dieser trug wieder denselben Hut mit der Feder, den er tief ins Gesicht gezogen hatte, sodass nur sein Mund zu sehen war, der ihn triumphierend angrinste.
„ Na brauchst du wohl jetzt doch meine Hilfe,
um zu erreichen deine neue Liebe?
Schlag ein,
und sie wird dein!“
„ Warum sollt ich deine Hilfe gebrauchen?
Hatt`s doch noch bei jeder gereicht,
dein Meister will meine Seele verbrauchen,
die Höhe seiner Maske ist all zu seicht!“
„ Dass was dir bevorsteht,
ist nichts was du kennst,
und wenn sich alles um dich dreht,
wirst du sehen dass du rennst!“
Der Gesandte lachte laut auf und… Ingo wachte auf, drehte sich verwundert um, aber der Bus war immer noch leer. Er schaute aus dem Fenster und erkannte dass er gleich da sein würde.
Als er angekommen war, stieg er aus und machte sich auf die letzte Etappe des Heimweges. Der Weg direkt von der Haltestelle, an der er ausgestiegen war, zu ihm nach Hause führte durch endlose Straßenzüge von Reihenhaussiedlungen, die alle gleich aussahen. Immer dieselben, weißen Fassaden mit den gleichen, roten Ziegeln auf dem Dach. Sie waren alle gleich. Genauso wie seine Bewohner. Ingo überlegte ob die Menschen die Häuser, oder die Häuser die Menschen gleich machen. Vielleicht passte auch nur ein Typus Mensch in diese Häuser und konnte in ihnen leben ohne Wahnsinnig zu werden. Wenn man davon ausging ,dass Wahnsinnig sein nicht beinhaltet von Valium oder Antidepressiva abhängig zu sein und nicht den Ehemann mit dem jungen Trainer aus dem Fitnessstudio zu betrügen, da der Herr Gatte ja für alles zu kaputt war wenn er nach Hause kam. Natürlich betrog der Manager – Ehemann auch seine Gattin mit der jungen Sekretärin, weil seine Frau immer nachts Kopfschmerzen hatte. Wahrscheinlich trafen beide Dinge nicht auf alle Bewohner zu, aber wohl mindestens einer der beiden Fakten. Seine Gedanken kamen wieder auf die beiden Träume des heutigen Tages zurück. Es muss an dem Stress, an den Gedanken an sie und bei dem zweiten Traum, war wohl Alkohol und das neue Mädchen im Spiel. In diesen Gedanken versunken kam er schließlich zu Hause an. Als er die Hauseinfahrt, mit Steinplatten gedeckt, vorbei an dem Zaun mit der Buchsbaumreihe dahinter, betrat, kramte er seinen Schlüssel aus dem schwarzen Rucksack. Den Schlüssel bekam er zu Fassen als er die Tür erreichte und sah, während er aufblickte, dass ein Zettel an ihr hing, er las:
„ Sind Unterwegs und Sonntag wieder da! Essen ist im Kühlschrank!“
„ Super! Dann hätte ich ja auch woanders pennen können! Und wollen sie jetzt damit angeben vor den Nachbarn, dass sie mich versorgen können? Dämlich!“ Mit diesem Gedanken öffnete er die Haustür und betrat den Hausflur. Die weißen Tapeten begrüßten ihn mit ihrer langweiligen, hellen Eintönigkeit. Mal ein paar Farbkleckse wären schön. Ingo überlegte wie sich ein paar Blutflecken an der Tapete machen würden, er kam darauf dass es schlecht wäre, da getrocknetes Blut braun wird und braun ist hässlich. Außerdem tragen nur Nazis braun.
Er lachte. Also würde es nur Farbe tun müssen. Es würde keine einzige weiße Wand in seiner Wohnung oder seinem Haus geben, dass hatte er in diesem Moment beschlossen. Sein Blick fiel auf den Eingang zur Küche und er merkte auf einmal, dass er riesigen Hunger hatte. Er begab sich in die Küche und machte den Kühlschrank auf. Dieser war bis zum bersten voll mit allem was das kulinarische Supermarktangebot des mitteleuropäischen Raumes zu bieten hatte. Würde man westliche Dekadenz am Essensangebot fest machen, würde jeder Terrorführer ein Bild des Kühlschrankes haben wollen. Es war wie versprochen das Mittagessen, alle möglichen Fleisch- und Milchprodukte, sowie Schokolade in allen denkbaren Farben und Zusätzen. Ingo wollte etwas scharfes, Würziges und Fleischiges. Also nahm er das Mittagessen, stellte es in die Mikrowelle und erwärmte es. Richtig heiß mochte er es, so dass sich bei Normalsterblichen die Mundschleimhaut in Wohlgefallen auflösen würde. Er nahm das Essen aus der Mikrowelle und ging, dass ehemalige Mittagessen eher runterhechelnd, als essend, in sein Zimmer, um den PC anzuschalten. Im Zimmer angekommen empfing ihn ein Schwall warmer, abgestandener Luft. Deswegen riss er das Fenster mit der einen Hand auf, während er mit der Anderen den warmen Teller auf dem PC-Tisch abstellte. Der Alkohol manipulierte zwar seine motorischen Fähigkeiten, aber dessen war sich Ingo bewusst und er kannte dieses Gefühl, er mochte und begrüßte es sogar. Den Rechner, Bildschirm und Lautsprecher schaltete er nacheinander an. Als das System hochgefahren war, suchte Ingo sich einen Gothic- und Metalsender heraus. Er aß, während ihn die infernalischen Klänge einer Black-Metal Band umgarnten. Das Essen schmeckte ziemlich gut, wie er fand und so gut gesättigt, leicht angetrunken und von seiner Lieblingsmusik umgeben, beschloss Ingo zu schlafen. Er zog das T-Shirt aus und lies es achtlos fallen. Mit der Hose und den Socken verfuhr er ebenso. Er lies sich ins Bett fallen und deckte sich halb zu. Nach nur einigen Sekunden war Ingo eingeschlafen.