Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Kurzgeschichte Moderne Zeiten
Als ich gelesen habe, dass der aktuelle Schreibwettbewerb der Büchereule "Kommunikation" zum Thema hat, kam mir diese Idee. Dann habe ich allerdings gemerkt, dass meine Beitragszahl dort nicht für eine Teilnahme ausreicht. Nu ja, da die Idee schon da war, musste sie auch raus und ich habe sie mal in 10-15 Minuten runtergetippt.
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„Haben Sie mal einen Moment für mich Zeit?“
Zum wievielten Mal hörte er diese Frage heute? Zum dritten, vierten Mal?
Nein, er hatte keine Zeit, woher auch? Aber was nützte es? Schlimm genug, dass er selbst nicht voran kam, dann musste er wenigstens seinen Mitarbeitern helfen.
„Eigentlich nicht, aber ich nehme sie mir. Worum geht’s denn?“, rutschte er mit seinem Stuhl zu dem kleinen Besprechungstisch neben seinem Schreibtisch rüber.
Erleichtert ließ sich die Mitarbeiterin ihm gegenüber nieder und begann ihr Problem zu schildern.
Das Zuhören fiel ihm schwer. Gedankenverloren fasste er sich an die Stirn und stieß dabei mit dem Ellbogen an die Maus. Der Bilderschirmschoner verschwand und dahinter verriet Outlook in fetten Lettern die Zahl ungelesener mails: 21. Seit heute morgen. Während er am linken Rand seines Blickfeldes die Zahl der roten Ausrufezeichen abzuschätzen versuchte, musste er im Vorschaufenster darunter entsetzt feststellen, dass ein 200-seitiges Fachkonzept darauf wartete, bis übermorgen von ihm geprüft zu werden.
„Hallo? Hören sie mir noch zu?“
„Ähm ja, natürlich.“
Nun klingelte auch noch das Telefon. Die Rufnummernanzeige verriet, dass eine Kollegin aus dem Vertrieb nach ihm verlangte. Nicht jetzt. Wohltuend, das Klingeln verstummen zu hören. Weniger angenehm dagegen die Anzeige im Display: 11 entgangene Anrufe. Wieder einer mehr.
Die Mitarbeiterin war mit seiner Auskunft zufrieden und verließ das Büro, als Outlook mit einer Terminerinnerung auf das schon vor fünf Minuten begonnene Meeting hinwies. Auch das noch.
Eine Präsentation, was auch sonst. Wenigstens schön ruhig, dachte er sich. Der Raum war abgedunkelt, die Klimaanlage säuselte leise vor sich hin, der Vortrag war –wie nicht anders zu erwarten- langweilig. Eigentlich wäre ihm danach gewesen, die Augen zu schließen und ein wenig vor sich hinzudösen. Doch da waren noch die 21 ungelesenen mails.
Also holte er seinen BlackBerry raus und begann zu lesen. Die Unhöflichkeit gegenüber dem Vortragenden störte ihn schon lange nicht mehr. Machte ja jeder so. Wie sollte man der Informationsflut sonst auch Herr werden?
Irgendwann ging das Licht wieder an und die Zahl der ungelesenen mails war auf 9 gesunken. Halt, nein, ein kurzes Aufblinken und es waren wieder 10. Konnte nicht einmal Schluss sein?
Das Meeting war reine Zeitverschwendung. Auf dem Weg zurück ins Büro bimmelte der BlackBerry in seiner Sakkotasche. Es gab einfach kein Entkommen.
12 ungelesene mails, 15 unbeantwortete Anrufe und schon blickte wieder ein Mitarbeiter um die Ecke seiner Bürotür. „Wann hätten sie denn mal einen Augenblick Zeit für mich?“
Er atmete tief durch und versuchte ruhig zu bleiben. „In einer halben Stunde, ja? Ich komme auf sie zu.“
Genervt zog er den BlackBerry aus der Sakkotasche und knallte ihn auf die Schreibtischplatte. Dabei zog er einen kleinen weißen Zettel mit heraus. Er war leicht zerknüllt, sein Rand zackig, als wäre er von einem größeren Stück Papier abgerissen worden.
Gedankenverloren faltete er das Papier auseinander.
13 ungelesene mails und das Telefon klingelte. Doch das war jetzt nicht wichtig. Wichtig war nur die krakelige Kinderhandschrift auf dem Zettel:
Papa, ich habe dich lieb...
Dieser arme Teufel hat bestimmt kaum etwas von seinem Kind. Und umgekehrt ist das wohl genau so. Dennoch scheint die Vater-Kind-Beziehung hier doch recht stark zu sein. Wenn ein zerknüllter Zettel es schafft, ihn für ein paar Minuten dem Alltagsstress zu entziehen. Deshalb gefällt mir diese Geschichte wohl auch so gut. Wir alle hatten bestimmt schon öfter Stress in der Schule bzw. auf der Arbeit und jeder kann den genervten Unterton dieser Geschichte mit Sicherheit nachvollziehen.
Alles in Allem: eine gelungene kleine Geschichte aus dem wahren Leben *clap*
Von der Form her gefällt mir die Kurzgeschichte sehr gut, die Absätze sind passend und nicht zu viele und strukturieren das ganze durch. Der stressige Tag ist sehr gut beschrieben und obwohl ich nur Schüler bin und nur nebenher jobbe bzw. mal einen Ferienjob gemacht habe, kann ich mir ungefähr vorstellen wie dieser Mann sich fühlt, gerade da du so geschrieben hast, dass man mit ihm sehr gut mitfühlen kann.
Als er schon fast verzweifelt (so kommt es mir vor), findet er dann den Zettel seines Kindes (oder hat er ihn immer bei sich, und liest ihn wenn er keine Kraft mehr hat) das ihn ablenkt und irgendwie auch wieder aufmuntert.
Irgendwie hat das Ende mich sehr gerührt, es gibt echt wenige Geschichten die mich richtig treffen, aber irgendwie traf mich das direkt ins Herz. Danke für diese kleine Geschichte ;)
Ja, gerührt hat mich das Ende auch. Allerdings ist die Geschichte doch sehr erschreckend. Erschreckend wahr. Ich arbeite zwar noch nicht, habe aber einen Work-aholic zum Vater. Okay, für mich hat er sich immer Zeit genommen und so extrem wie in der Geschichte war es nie. Dennoch kann ich sie gut nachvollziehen. Und auf der einen Seite habe ich Mitleid mit dem Mann, auf der anderen denke ich, dass er sich doch selbst soviel Arbeit aufhalst. Und obwohl er offensichtlich mit der Situation unzufrieden ist, bin ich sicher, dass er nichts daran ändern wird. Das tun solche Leute einfach nicht.
Also ich finde sie irgendwie sehr traurig, deine Geschichte. Sie bringt einen wirklich zum Nachdenken und ist sehr schön geschrieben.
Ich finde die Geschichte wiederum überhaupt nicht traurig.
Wobei ich aber zustimme, ist die Qualität: toll geschrieben... *ja* Klitzekleine Kritik: manche Ziffern sehen als Wort besser aus. Faustregel (hab ich mal gelernt): bis 12 schreibt man jede Ziffer als Wort.
Zum Inhalt: ich finde, da schreibt ein sehr liebevoller Vater, der sich gerne und so oft es geht Zeit für sein Kind nimmt. Der aber auch im Beruf total eingespannt und engagiert ist. Warin beschreibt einen Arbeitstag, wie ihn wohl einige hier schon erlebt haben. Aber man muss eben Prioritäten setzen, was der Protagonist auch tut.
Ich empfinde das als eine sehr schöne Geschichte mit positiver Aussage.
Hallo Warin,
erst einmal - eine wunderbare Geschichte. Da passte einfach alles.
Aber eines möcht ich doch mal wissen - wie lange beobachtest du mich schon :D
Einer sagte hier im Thread was von "traurige Geschichte" - Mor... (tschuldige - irgendwie ist das einfach nicht rauszubekommen) Hathor widersprach.
Ein bisschen stimmt beides. Es ist traurig, dass viele von uns so einen oder einen ähnlichen Arbeitsalltag haben, bzw. haben müssen. Das mit dem sich nicht zuviel aufhalsen ist einfach gesagt - solange man nicht selbst die Mühle kennengelernt hat. Budgetkürzungen (also Arbeitsplatzabbau), Massen an Überstunden (die neue Arbeitsplätze verhindern), Kollegen die um ihren eigenen Job zu sichern über Leichen gehen würden und nur auf eine Schwäche lauern. Das ist wirklich traurig, dass dieser beschriebene Alltag wohl für eine ganze Menge Menschen real ist.
Umso schöner und anrührender ist es, dass der Zettel des Sohnes für einige Augenblicke der Stille und Ruhe sorgen kann.
Warin, danke für die Geschichte. Ganz große Klasse.
Ich hab noch nicht alle Einsendungen durch, aber hast du auch etwas zu meinen "Lichtbringer"-Wettbewerb eingeschickt?
Zum Inhalt: ich finde, da schreibt ein sehr liebevoller Vater, der sich gerne und so oft es geht Zeit für sein Kind nimmt. Der aber auch im Beruf total eingespannt und engagiert ist. Warin beschreibt einen Arbeitstag, wie ihn wohl einige hier schon erlebt haben. Aber man muss eben Prioritäten setzen, was der Protagonist auch tut.
Okay, da stimme ich dir uneingeschränkt zu.
Ich sehe die Geschichte einfach eher aus der Sicht des Kindes. Der Vater nimmt sich zwar Zeit um den Zettel zu lesen, aber das Kind hat trotzdem nichts davon. Dem Vater bringt es ein paar ruhige Minuten in denen er abschalten kann, aber das Kind sieht den Papa trotzdem nicht. Und das ist es eben was ich traurig finde ;) Und dass es eben für viele (Eltern und Kinder) tatsächlich Alltag ist...
Ach und treogen, du darfst meinen Namen ruhig nennen, wenn du über etwas schreibst, was ich gesagt habe ;) Und du schreibst, es sei einfach gesagt sich nicht so viel auzuhalsen, wenn "man nicht selbst Mühle kennengelernt hat". Ich spreche hauptsächlich über Personen, die ich kenne. Darunter sind eben viele, die so unglaublich viel arbeiten möchten. Sie könnten genauso gut Jobs annehmen, in denen sie weniger arbeiten müssten.
Klar kann das nicht pauschalisiert werden. Aber das ist eben "mein Hintergrund", weswegen ich Warins Geschichte auf die Art und Weise sehe, wie ich es tue ;)
Aber genau das macht Warins Geschichte wahrscheinlich so besonders. Es kommt wirklich darauf an, welchen Blickwinkel man hat :) Unabhängig davon ist sie wirklich gelungen.
Ach und treogen, du darfst meinen Namen ruhig nennen, wenn du über etwas schreibst, was ich gesagt habe ;)
sorry, war zu faul, hochzuscrollen und den Namen zu kopieren :p
Darunter sind eben viele, die so unglaublich viel arbeiten möchten. Sie könnten genauso gut Jobs annehmen, in denen sie weniger arbeiten müssten.
Und genau das mit dem "möchten" bezweifle ich eben, weil gerade Leute, die so etwas noch nie selbst erlebt haben, eine sehr eingeschränkte Sichtweise haben.
Ich weiß beispielsweise, dass es genügend Leute gab, die tatsächlich glaubten, dass ich es "mochte", täglich 9-10 Stunden zu arbeiten und 5-6 Stunden für den Job unterwegs zu sein. Ich muß es ja gemocht haben - ich hätt ja jederzeit wechseln können. Das in der Zeit eine extreme Flaute in der Branche aus der ich kam, war und ich mich aus meiner Branche herausbewegen wollte, weil ich dann nicht mehr reingekommen wäre, wollte keiner sehen. Ich "mochte" es halt so haben.
Ich sehs ein wenig anders. Durch manche Sachen muß man halt ab und an durch, das hat nichts mit möchten oder nicht möchten zu tun, sondern mit Notwendigkeiten.
Aber das ist hier eigentlich nicht das Thema. Thema ist eine wirklich gute Geschichte, das kann ich nur wiederholen
RickyLee
14.03.2008, 17:46
Eine Insel der Besinnung in der Flut aus Informationen...
Das braucht jeder, bei mir ist es das Ausdenken von Fantasy
Ein Kumpel von mir empfindet das ganz ähnlich, sein "Rettungsboot" ist seine Freundin.
Und für diesen Mann ist es sein Kind...
Sehr schön, sehr zeitgemäß, eben "Moderne Zeiten". Wie immer hast du diesen sehr sympathischen Schreibstil, der komplett ohne hochgestochene Kapriolen auskommt. Beschreibungen sind einwandfrei, alles super, alles toll
- von konstruktiver Kritk keine Spur, gut so, Ricky XD
Beim Titel kam mir erstmal der Chaplin-Film in Erinnerung, der unter anderem die Vereinnahmung des Menschen durch moderne Technik in Fabriken zum Inhalt hat. Deine Erzählung ist eine nette Aktualisierung des Themas .. ist der Titel absichtlich der des Films?
.. ist der Titel absichtlich der des Films?Ja, aber sicher doch^^
Das hast du gut erkannt*thumbsup*
Ollowain
17.03.2008, 16:12
Deine Geschichte geht unter die Haut, Warin. Mir zumindest.
Es gibt leider viele Menschen, für die "Freizeit" nicht existiert. Teilweise sind sie auch "selber" daran schuld, aber nicht alle.
Noch trauriger als dieser Mangel an Zeit für sich, finde ich aber, dass so manch einer nicht bereit ist sich die Zeit für die Dinge zu nehmen, die er als wichtig empfindet. Irgendwann wird ihm dann vorgeworfen, dass es doch gar nicht so wichtig sei, wenn er sich nicht die Zeit dafür nimmt (was er unter Umständen auch wirklich nicht konnte - aber eigentlich ist immer ein Weg, wo auch ein Wille ist.). Das ist das Allertraurigste an unserer Zeit.
Die einen haben nichts zu tun, die anderen zu viel. Aber unsere Welt ist mittlerweile in einem derartigen Ungleichgewicht, dass man sich schon fast damit abfindet und es als "normal" ansieht.
Der Mann in Warins Geschichte ist, denke ich, einer der Menschen, über deren Leben quasi die Gesellschaft bestimmt und die sich in ihren Arbeiten verlieren. So auch der Mann. Dann findet er den Zettel - und wieder zu sich selbst.
Irgendwo steckt in jedem von uns ein bisschen von diesem Mann.:(
Es verwundert mich immer, wie ein kleines Kind seinen Vater neuen Mut geben kann....
Diese Geschichte könnte sicher ein paar Büroangestellte zum lächeln bringen.Sie würden sich wünschen auch so ein Kind zu haben. dass so einen Liebesbeweis bringt!
Wenn ich meinem Vater eine Zeichnung gemacht hatte, wusste ich noch nicht wie sich mein Vater freute über mich....
Ich glaube, dass eine Beziehung vom Kind zum Vater und auch umgekehrt sehr wichtig ist, sie können sich gegeneinander helfen(ein Beispiel eben diese Geschichte....)
Uah, wenn ich das lese, überkommt mich sofort der Stress. Noch 21 Mails, ein 200-seitiges Fachkonzept... uah...
Man wird richtig mit reingerissen. "Und jetzt schnell weiter zur Präsentation..."
Ist zwar nicht so mein Thema, aber ich habe keinen Moment deswegen daran gedacht mit dem lesen aufzuhören.
Das Ende fand ich sehr schön und mam kommt ins überlegen, was der gestresste Typ nun tun wird. Wird er hinschmeißen und nach Hause fahren? Wird er jetzt sein Portemonnaie rausholen und das Foto seines Kindes anschauen? Oder wendet er sich trotzdem seinen Mails zu?
Hoi - ich hab noch kein Feedback dagelassen?
Das muss ich sofort ändern!
Bei dem Text habe ich mich einerseits gestresst, andererseits belustigt gefühlt, weil das Thema so erschreckend nah an der Realität liegt.
Genau diesen Stress, die Auswegslosigkeit und daraus resultierende Gleichgültigkeit gegenüber einzelner Punkte (z.B. die Präsentation) hast du sehr gut dargestellt.
Und als die Stelle mit dem Zettel kam, wurde mir richtig warm ums Herz...
Mad Bull
26.05.2008, 19:22
Es ist eine schöne Geschichte,
mir gefällt vorallem wie sich der Vater sich um sein Kind kümmern will.
Diese Geschichte will ich nicht mit Chaplins "Moderne Zeiten" vergleichen.
Fest steht, das diese Geschichte von Warin unmittelbar an diesen Film erinnert hat. Er dürfte um die 70 alt sein und hat in dieser schnelllebigen Zeit nichts an aktualität eingebüßt.
Mich erinnert diese Geschichte auch an die Leute die unserer Leistungsgesellschaft oder soll ich sagen Anspruchsgesellschaft zeigen wollen, dass sie es so richtig drauf haben und deswegen nicht nein sagen wollen.
Und darum haben sie sich für dieses Leben entschieden.
Der eigentliche Grund für diese Schattenseite ist für mich der, das wir Spitzenleistung zum Nulltarif haben wollen. Und das ist nunmal der Preis dafür.
Ein paar von uns sind eben bereit diesen Preis zu zahlen.
Der Wahnsinn ist der, das es immer mehr Arbeit für immer weniger Leute gibt.
Und immer mehr Leistung in immer weniger Zeit zu erbringen ist.
Das hat den Vorteil das alles an Gütern und Dienstleistungen immer billiger wird. Henry Ford machte es möglich das Autos für jederman zugänglich wurden. Denn mit dem Fliesband konnten noch mehr Autos in kürzerer Zeit
hergestellt werden. Zeit ist Geld im Geschäftsleben.
Gruß Mad Bull
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