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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Fortsetzungsgeschichte Das Auge des Söldners


Gilead
13.03.2008, 16:24
Dann werde ich es also wieder wagen, meinen Romanversuch im neuen Forum wieder einzustellen. Seltsamerweise bin ich nervöser als beim ersten Mal :)

Ich werde allerdings nicht die gesamte, im alten Forum veröffentlichte Geschichte auf einmal hier einstellen. Das möchte ich eventuellen neuen Interessierten nicht zumuten.
Stattdessen werde ich sie wieder Stück für Stück posten, dafür aber in größeren Blöcken und kürzeren Abständen.

Etwas möchte ich vorher noch erwähnen, weil es mir einfach richtig erscheint. Es sind doch viele ziemlich junge Forumsmitglieder hier:
"Diese Geschichte ist meines Erachtens für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet"!

Nicht dass es nachher Beschwerden gibt :)
Und nun viel Spass beim Lesen

Gilead
13.03.2008, 16:47
Fisch!
Der Geruch von frisch gefangenen Fischen.
Dann das ausgelassene Geschrei der Kinder.
Die schwarzen, von Wind und Wasser polierten Klippen versperrten noch immer die vollständige Sicht auf das Küstendorf, doch die Eindrücke, die es schon jetzt vermittelte, waren unverwechselbar.

Sie dämpften ihre Stimmen, die Menschen an Bord der Des-Majell. Die Erwartungen, die Furcht, das Kribbeln in jeder Faser des Körpers, das alles presste das Siegel der Stille auf ihre Lippen.
Die Küstenbewohner waren dafür bekannt, dass sie sich nicht wehrlos ihrem Schicksal fügten. Schließlich verteidigten sie nicht nur ihr Dorf, sie kämpften um das nackte Überleben ihrer Familien.
Und doch würden sie unterliegen.
Unterliegen der geballten Kampfkraft von vierhundert Männern und Frauen, allesamt Söldner unter der Flagge König Ogessis.

Söldner – Abschaum und Helden, große Krieger und ehrlose Räuber. Ob Bestie oder Halbgott – einerlei.
Und einer von ihnen war ...

.. ich, Kyron Thormè, geboren in den Grasländern Atiliens, verbannt aus dem Land meiner Vorväter auf
Lebenszeit!


+++++


Es war zu einer Zeit, in der dieses Riesenreich in der Mitte des Weltmeeres noch weit davon entfernt war, „Vereintes Großreich Sodinien“ genannt zu werden. Als es in Blut und Asche versank, während die Länder des Randbundes sich in ihrem Reichtum suhlten. Zu einer Zeit, in der das Leben eines Menschen oder Halbmenschen erschreckend wenig bedeutete.
In dieser Zeit, in der die Fürsten und Könige der sodinischen Ländereien um die Vorherrschaft rangen und ihre Armeen erbarmungslos das Reich durchpflügten – Ereignisse, die die blutreichsten Kapitel der Geschichtsbücher hervorbringen sollten – sammelten sich Scharen von Männern und Frauen, um als Söldner zu Ruhm und Reichtum zu gelangen oder einfach um ihre Kampfeslust auszuleben.
Viele Tausende kamen von allen Seiten über das Ringmeer. Ganze Flotten, bemannt mit abenteuerlustigen Kriegern.

Vielerorts war der Stand eines Söldners verhasst. Menschen fürchteten ihre Mordlust, verachteten ihre Gier. Die Söldner ihrerseits waren stolz auf die Angst, die sie verbreiteten. Und schließlich, sie waren ja nicht von
sich aus gekommen. Die untereinander verfeindeten sodinischen Herrscher hatten Boten in alle Teile der bekannten Welt entsandt, um Söldnerheere anzuwerben. Und sie bezahlten gut. So gut, dass sich die Registratoren kaum vor dem Ansturm der Bewerber retten konnten.

Den Söldnern war auch gleichgültig, dass sie kaum Freunde hatten, selbst nicht in den eigenen Reihen, und dass man sie oftmals auf eine Stufe stellte mit Banditen und Wegelagerern.
Sie waren größtenteils Einzelgänger. Verschwiegene Männer und Frauen, manchmal zu derben Späßen aufgelegt, selten eine Gewalttat verabscheuend und keinem Kampf ausweichend, sofern er Profit versprach.
Und wenn es ihr Gönner erlaubte, dann waren sie auch nichts anderes als Räuber. Dann gehörten Mord, Plünderei und Schändung zu ihrem Tageswerk wie das Essen und das Schlafen.


+++++



Das Dorf.
Der Augmanne im Mastkorb hoch über dem Deck sah es zuerst.
Wie eine Narrenechse, deren Kopf sich langsam aus ihrem Panzer herausschob, tauchten die ersten Hütten hinter den schwarzen Klippen auf.
Das malerische Bild eines sodinischen Fischerdorfes, genauso wie ich es mir vorgestellt hatte.
Kinder – nackt oder in kurzen Leinenhosen – tummelten sich übermütig im seichten Uferwasser. Männer luden den Fang des Tages aus ihren kleinen Booten. Andere reparierten die Schäden, die das Wasser im Laufe der Zeit an den Holzplanken verursacht hatte. Die winzigen Einmaster lagen aneinandergereiht wie die Proltränen einer Halskette. Eine beachtliche Flotte für den Kampf gegen die wahren Beherrscher der Meere.

Ein friedvoller Anblick. Ich war ein wenig bestürzt, in diese Harmonie eingreifen zu müssen, aber schließlich war Krieg, und der Krieg war nun mein Beruf geworden. Ja, so war es wohl. Ich hatte einen Beruf gewählt,
von dem ich genauso wenig verstand wie von der Zubereitung eines lithischen Bergschweines.
Ausserdem bestand unser Auftrag nur darin, feindliche Kriegerlager und Versorgungshäfen ausfindig zu machen und zu vernichten und nicht, ein Massaker unter einfachen Fischern und Bauern anzurichten.
So dachte ich jedenfalls....

Selbst wenn sie die Gefahr schon früher erkannt hätten, so wäre ihnen eine Flucht trotzdem wohl nicht gelungen.
Zu schnell war die Des-Majell und so wenig Tiefgang hatte sie, dass sie beinahe so weit ans Ufer kam bis ein großgewachsener Mann mit dem Kopf über Wasser stehen konnte. Somit war der restliche Weg über das Wasser mit den Sturmbooten in kürzester Zeit zu bewältigen.

Ein kleiner Junge, der in dem klaren, flachen Wasser nach Muscheln suchte und regelmäßig laut prustete, wenn ihm eine Welle ins Gesicht schwappte, sah uns als erster. Einige Augenblicke lang blieb er vor Schreck erstarrt
stehen. Die roten Zwillingsmuscheln rutschten durch seine kleinen Finger hindurch und nahmen wieder ihren Platz am sandigen Meeresgrund ein. Trotz seines geringen Alters begriff er, dass in diesen Zeiten ein Schiff an
der Küste selten Gutes brachte. Und schon gar nicht ein Kriegsschiff mit den Ausmaßen der Des-Majell.
Er fing an zu schreien und wild mit den dünnen Armen zu fuchteln, und beinahe gleichzeitig brach auch an Deck die Stille.
Zuerst waren es nur vereinzelte Söldner, die ihre heiseren Rufe in Richtung Dorf schickten. Dann Gruppen, die mehr oder minder im Einklang ihr Kampfgeschrei hinausbrüllten. Und schließlich überging sich das ganze in eine der vielen söldnereigenen Kampfeshymnen. Spätestens jetzt wusste ich, dass der Tag ein blutiges Ende nehmen würde.

Ich horchte angespannt, doch ich verstand den Inhalt der Hymne nicht. Mein Leben als Söldner hatte ja erst begonnen, als ich meinen Namen auf die Liste des Registrators setzte, der schon tagelang auf der Holzbank am Hafen von Torr-Poi gesessen hatte und der mit den Namen der Bewerber, die zumeist selbst nicht lesen oder schreiben konnten, bereits ein Buch hätte füllen können. Hinter ihm hatten die gewaltigen Kriegsschiffe eines sodinischen Königs vor Anker gelegen. Schiffe aus der Flotte König Ogessis, wie ich später erfahren sollte.
Es waren bereits Söldner an Bord gewesen als die Schiffe in Torr-Poi angelegt hatten. Männer und Frauen aus vielen Teilen des Randbundes. Die Registratoren klapperten Hafen für Hafen ab und wurden meist begeistert
empfangen. Selbst wenn bereits ein feindlicher König oder Fürst den Bauch seiner Schiffe mit Söldnern gefüllt hatte, so fanden sich dennoch immer genug Freiwillige, um dem Registrator ein zufriedenes Lächeln
auf sein Gesicht zu zaubern.

Der Mann im Hafen von Torr-Poi, der Mann, dessen fremdartige Kleidung, vor allem sein ein wenig lächerlich wirkender, grasgrüner, pilzförmiger Hut für staunende und neugierige Blicke gesorgt hatte, er hatte seine Kulisse bewusst gewählt. Die Seefahrt war ein Privileg in allen Teilen des Auges, die Seefahrer selbst – vielerorts Ringwanderer oder Augmannen genannt – ausgesuchte Männer und Frauen. Nur die Kräftigsten und Widerstandsfähigsten bekamen die Gelegenheit, das Ringmeer zu befahren.
Söldner bildeten die Ausnahme. So gut wie jeder wurde genommen. Sofern sie nicht gerade verkrüppelt oder blind waren, eine gefährliche Krankheit hatten oder zu dumm waren, einen Säbel am richtigen Ende zu halten,
stellten die Registratoren keine weiteren Ansprüche an sie. Sie waren nur Mittel zum Zweck. Randweltler, die ohne Bedenken für den Sieg geopfert werden konnten. Der Großteil von ihnen hatte keine Ahnung was es be-
deutete, Söldner zu sein, ein gekaufter Menschenschlächter.

Bauernsöhne waren unter ihnen. Junge Fischer und Schmiede. Küstenreisende auf der Suche nach Abenteuern. Söhne von Kaufleuten mit der Gier nach schnellem Reichtum im Herzen. Einsame Wanderer und Krieger aus Ländern, deren Namen die Erinnerung an Sagen und Legenden aufwärmte, die manchmal in stürmischen Nächten neben knisternden Feuern ihre Runden machten.
Und dann natürlich die Ausgestoßenen: kleine und große Diebe und Räuber, die vor den Landeswächtern auf der Flucht waren, gesuchte Banditen und Mörder, die ebenfalls in der Flucht über das Meer die einzige Möglichkeit sahen, ihrer verdienten Verurteilung zu entgehen. Die Verbannten, die Geächteten, und einige Männer und Frauen, die alles was ihnen einst Lebensmut gab verloren hatten.

Nun war ich einer von ihnen. Und ich hatte nicht die geringste Vorstellung, was mich erwartete. Söldner gab es in den Ländern des Randbundes kaum. Auch Kriege hatte es seit vielen Grom nicht mehr gegeben.
Mir war klar, dass es zu Kämpfen kommen würde und dass Blut fließen würde. Aber ich hatte nicht vor, mich heldenhaft in die vorderste Reihe zu werfen. Vielleicht hoffte ich auch auf das Glück der Dummen.
Ich wollte eigentlich nur Abenteuer erleben in Ländern, die ich nur vom Namen her kannte, oder nicht einmal das. Ich wollte weil ich es musste! Meine Heimat war zu meinem Feind geworden, meine Familie zu meinen
Richtern und viele Freunde zu meinen Henkern!
Ich tat es nicht wegen der Meerfahrt, so viel war sicher. Ich hasste es, nur Wasser um mich herum zu haben so weit der Blick reichte. Und es machte mir Angst. Ich war in riesigen Grasebenen aufgewachsen. In einem abge-
legenen, abwechslungsarmen Dorf in Atilien.
Land, Dorf, Familie – ich ließ sie alle zurück.

Gekreische breitete sich wie eine Welle zwischen den Hütten des Fischerdorfes aus. Frauen stürmten an den Strand und rissen in Panik ihre Kinder vom Ufer weg. Einige der Fischer rannten zu ihren Familien, andere
griffen nach Harpunen und Fischmessern, an denen noch Blut und Schleim der ausgenommenen Meerestiere klebte.
Einige Bogenschützen unter uns versuchten schon jetzt ihr Glück, doch ihre Pfeile versanken bis zum Schaft im Ufersand oder gruben sich mit einem dumpfen Schlag in die Planken der vertauten Fischerboote.
Mehr Männer kamen an den Strand, mit Speeren oder Bögen in den Händen oder was sie sonst gerade griffbereit hatten. Entsetzt blickten sie auf die waffenklirrende Kriegermasse an Deck und auch auf die blutrote Flagge hoch über dem Mastkorb, die ein Spielball der aggressiven Kraft des Küstenwindes war. Die zwei gekreuzten Doppeläxte in der Mitte waren gleichbedeutend einem Todessymbol. Es war das Zeichen König Ogessis, und selbst wenn es die Dorfbewohner noch nie zuvor gesehen hatten, sein schrecklicher Ruf war
ihm augenscheinlich vorausgeeilt.

Das scharfe Rasseln der Ankerkette, die sich in mörderischer Geschwindigkeit von der Winde abrollte, provozierte erneut einen Schwall an Jubelrufen und Kriegschören.
Ich blickte in die Gesichter einiger Söldner, und Bedenken, die ich bisher so erfolgreich unterdrückt hatte, kamen an die Oberfläche zurück. Ich wollte zu ihnen gehören, ich bewunderte sie, doch diese Mordlust in vielen Augen, dieser Blutrausch, das waren Dinge, die mir nicht gefallen mochten.
Ich wollte durchaus kämpfen! Auf einem Schlachtfeld! Mit heldenhaften Kriegern an meiner Seite!
Das waren keine heldenhaften Krieger! Ein Rudel wilder Bassacks konnte nicht blutgieriger wirken.
Aber was hatte ich denn erwartet? Dass die lockenden Lügen des Registrators von Ruhm und Glanz und Kameradschaft der Wahrheit entsprachen? Oder doch eher die Erzählungen der Stammannschaft der Des-Majell, die von verwüsteten Landstrichen berichtete, von der Entvölkerung ganzer Ländereien und der Ausrottung von Stämmen? Und die uns sagte, dass die Zeit, in der sich zwei Armeen auf dem Schlachtfeld gegenüber traten, um an einem Tag über Sieg und Niederlage zu entscheiden, schon lange vorüber war.
Einige von uns – so wie ich das nun sah wohl die meisten – hatten das schon gewusst, als sie dieses Schiff betraten, um in einem fernen Krieg zu töten. Ich nicht! Und ich war mir nicht mehr sicher, ob dieser Weg auch der meine war.
Aber nicht alle Krieger an Bord waren in so jubelnder Kampfstimmung. In manchen Gesichtern konnte ich auch Ablehnung lesen und in ein paar sogar Furcht. Und wie viele von denen die euphorisch mitbrüllten, hatten ebenso Furcht und Ablehnung in ihrem Herzen?
Zumindest Ablehnung glaubte ich auch an der Miene von D’Ubp zu erkennen, einem schmalen, blondgelockten Burschen aus Litarhout, der der einzige war, mit dem mich schon eine Art Freundschaft verband. Ich wollte mich zu ihm durchdrängen, doch die Masse der gierigen Söldner war zu dicht. Also beließ ich es dabei.
Der Jubelorkan schwoll weiter an, als der schwere Anker in die Wasseroberfläche eintauchte und ich verspürte das Bedürfnis, mir die Ohren zuzuhalten.
Sturmboote wurden von der Mannschaft zu Wasser gelassen und die Flut von Leibern strömte von Bord.
Diejenigen, die nicht schnell genug die geknoteten Seile hinunterstiegen, wurden von Nachfolgenden einfach nach unten getreten, sodass bald eine größere Anzahl von Kämpfern damit beschäftigt war, sich und ihre teils
schweren Waffen mühsam über Wasser zu halten. Zwei oder drei oder zehn mochte dies auch nicht gelungen sein. Mir ungeschickten Narren gelang es einigermaßen, und während mich schlanke Arme in eines der Boote zogen verfluchte ich den heiligen Sucher und all seine Kreaturen.

Dicht gedrängt saßen wir in dem schaukelnden Boot – in einem von sechzehn – und näherten uns behende dem Ufer. Ich fühlte mich nicht besonders wohl in diesem überbesetzten Sturmboot, obwohl das Wasser an
dieser Stelle kaum tiefer als zwei Stangen war.
Asa, die feuerhaarige Kriegerin aus Sondrio, saß eingequetscht zwischen mir und einem beleibten, kahlköpfigen Seemann, einem von der Stammbesatzung der Des Majell. Nur wenige dieser Augmannen kämpften an der Seite von uns Söldnern. Dafür war ihnen dieser Beruf zu gefährlich, wie Kapitän L’Rocko einmal bei einem Krug Leethe im Kreise einiger Männer lachend erklärt hatte. „Ihr seid die Krieger“, hatte er gesagt und sich dabei die Reste des Abendmahls aus dem verfilzten Bart gezupft. „Wir sind nur die Fährleute, die euch Randweltler zum Mittelpunkt des Auges bringen, also direkt in Gromars Schlund!“ L’Rocko hatte sich dabei seinen fetten Bauch vor Lachen gehalten.
Ich jedenfalls hielt bis dato das Leben als Ringwanderer für weitaus gefährlicher.

Die Wärme von Asas nacktem Schenkel drang durch den dünnen Stoff meiner Hose und durchfloss meinen ganzen Körper wie kochendes Öl. Es waren ihre Arme gewesen, die mich aus dem Wasser gezogen hatten. Schlanke, sehnige, durchtrainierte, sonnengerötete Arme. Makellose Arme!
Ich hatte Asa schon an Deck des öfteren beobachtet. Jeder hatte sie beobachtet. Sie war jung und sicherlich die schönste Söldnerin auf diesem Schiff. Ihr Haar war zu einem Zopf geflochten, der wie eine rote, giftige Schlange ihren Nacken umspielte. Einen perfekten Nacken!
Die Nähe dieser heißblütigen Kriegerin, die von vielen Söldnern begehrt und von einigen wohl auch schon besessen worden war, machte mich unruhig. Ich betrachtete aus den Augenwinkeln heraus ihren Körper, und es bereitete mir ein gewisses Vergnügen, mir die Teile vorzustellen, die von der knappen Ledertoga verdeckt wurden.

„Eine neue Situation für dich, nicht wahr?“
Ich zuckte zusammen und muss das Gesicht eines Narren gemacht haben, bis ich begriff was sie meinte.
„Ich erkenne Söldner sofort, die ihre erste Schlacht vor sich haben.“ Sie schenkte mir ein Lächeln.
„Du hast recht! Das wird vielleicht der erste Einsatz meines Schwertes. Aber Schlacht? Bis jetzt sehe ich dort nur wehrlose Fischer!“
Ich deutete mit einer beiläufigen Kopfbewegung in Richtung Strand, der jetzt menschenleer war. Dafür hatte sich am Vorplatz der ersten Hütten, etwa dreißig Stangen hinter der Wasserlinie, bereits eine größere Gruppe
bewaffneter Männer versammelt.
Asa sah mich an, als hätte ich aus dem Werk eines unbekannten Philosophen zitiert.
„Man merkt wirklich, dass du noch keine Erfahrung hast.“ Die Arroganz in ihrer Stimme war nicht zu überhören. „Es gibt keinen wehrlosen Feind! Du würdest dich wundern wenn ich dir Geschichten erzähle von Armeen, die von einfachen Bauern aufgerieben wurden. Aber mit der Zeit wirst du schon erkennen, dass jeder feindliche Bürger, egal ob Mann oder Frau, eine Gefahr für dich bedeuten kann.“
Ein sehr dünner Söldner mit hellen Haaren bis zur Hüfte mischte sich ein: „Höre und lerne, Junge! Höre und lerne! Hört alle her und lernt ihr Neufleisch!“
Ich ignorierte ihn.

Keine hundert Stangen trennten uns noch von den aufgeschreckten Männern des Dorfes. Ich konnte mir gut vorstellen, was in den Köpfen dieser Menschen vor sich ging. Sie hatten keine Möglichkeit zu fliehen, während sich hunderte mordlüsterne Söldner dem schmalen Küstenstreifen näherten. Vielleicht hatten sie auch einen Fluchtweg, aber mit all den Kindern, Frauen und Alten wären sie auf jeden Fall eingeholt worden.
Ihre Verteidigung war ebenfalls ein aussichtsloses Unterfangen. Wohl hofften die Männer des Dorfes, dass ihre Frauen und Kinder verschont wurden, wenn sie selbst schon mit dem Leben bezahlen mussten. Ich teilte diese Hoffnung, aber angesichts der Kampfesfreude vieler meiner Kameraden schwand diese sogleich. Und unsere Gönner und Prolgeber – das Königshaus Ogessis – propagierte die Vernichtung jeglichen Feindes.
Das Übel an der Wurzel packen war eine Spielart des Krieges, die vermehrt gnadenlos ausgeführt wurde.

Ein Aufschrei! Ein Mann in unserem Boot war von einem Pfeil getroffen worden. Stöhnend kippte der Koloss rückwärts und verschwand zwischen den Körpern der gröhlenden Söldner.
Dann lief das Boot auf Grund.
„Raus ihr Kinder von Wüstengruumen!“ brüllte der Bootsführer. „Reisst ihnen das Herz heraus!“

Nach und nach landeten die Sturmboote und eine Hundertschaft eilender Füße wirbelte Schlamm und Sand auf.
Ich kämpfte! Ich kämpfte darum, in dem Gedränge nicht mein Schwert zu verlieren oder gleich nach den ersten Schritten zu stolpern und von den eigenen Leuten niedergetrampelt zu werden. Und während ich so kämpfte,
landeten Wurfgeschosse aller Art in unseren Reihen. Harpunen, Speere, Messer, Pfeile, Steine, ja sogar kleinere Tongefäße. Die meisten wirkungslos, einige wenige brachten den Empfänger zumindest ins Wanken.
Monotones Kampfgebrüll, das uns in unserem Mut bestärken sollte, begleitete unseren Angriff.
Ich hatte erwartet, dass sich Männer des Dorfes mir entgegenwarfen und ich endlich feststellen konnte, was meine selbsterlernten Schwertkünste wirklich wert waren, aber unsere Überzahl war so erdrückend, dass ich nach kurzer Zeit bereits allenfalls verstümmelte Körper unserer Feinde antraf. Die Spitze der Söldner, die sich verständlicherweise aus den Wildesten und Kampfeshungrigsten zusammensetzte, leistete ganze Arbeit.
Ich musste schon genau hinsehen, um überhaupt Leute aus unseren Reihen unter den Toten zu entdecken. Und diese waren natürlich die Jungen und Unerfahrenen. Jung und unerfahren wie ich.
Vielleicht war es ein Wink des allgegenwärtigen Suchers gewesen, dass meine Kameraden den Weg für mich frei machten und ich nicht schon in den ersten Augenblicken meines ersten Kampfes Gefahr lief, mein Leben
auszuhauchen. Vielleicht war es aber auch nur mein eigenes Zögern gewesen.

Die Verteidigungslinie der Dorfbewohner unterlag hoffnungslos.
Noch ehe ich einem von ihnen näher als fünf Stangen gekommen war, waren sie zurückgedrängt, auseinandergetrieben und viele getötet.
Die Masse der Söldner zerstreute sich ebenfalls. Einige jagten den Fliehenden hinterher, andere drangen bereits in die ersten Hütten ein und setzten im Inneren ihr Zerstörungswerk fort.
Ich durfte nicht allzulange mein weiteres Handeln überlegen, oder ich konnte mich nach meinem ersten Kampf nur absoluter Tatenlosigkeit rühmen.
Frauengeschrei drang aus einer Hütte, eine weitere ging in Flammen auf.
Eine Gruppe Söldner lief an mir vorbei tiefer in das Dorf hinein. Ich erkannte D’Ubp unter ihnen, seinen Säbel hoch über dem Kopf schwingend.
Ich schloss mich ihnen an.


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Kommentare, Kritiken, Beschimpfungen bitte hier: http://www.fantasy-forum.org/showthread.php?p=5326#post5326

Gilead
22.03.2008, 13:30
„Kyron, ich habe schon gedacht, die Ufermolche hätten dich verschluckt!“
„Beinahe“, murmelte ich und blieb schwer atmend neben D’Ubp stehen.
Wir waren eine kleine Anhöhe hinaufgerannt und standen nun inmitten eines großen Platzes. Um uns herum waren die Hütten, deren spitz zulaufende Dächer allesamt mit glitzernden Fischhäuten abgedeckt waren, ringförmig angeordnet. Überhaupt schien sich das ganze Dorf aus einzelnen Gruppen ring- oder halbkreisförmig angeordneten Hütten zusammenzustellen. Eine unten am Strand und viele auf verschiedenen Anhöhen, weitläufig verzweigt und mit schmalen, geschwungenen Pfaden inmitten niedriger Vegetation miteinander verbunden. Diese Bauweise war mir neu. Aber was war mir außerhalb von Atilien nicht neu?

Der Platz, auf dem wir standen, konnte der Hauptplatz des Dorfes sein.
Niemand stellte sich uns entgegen. Wenn es noch Widerstand gab, so wurde er vermutlich nur noch in den Hütten geleistet oder in einem anderen Teil des Dorfes, den wir nicht einsehen konnten.
„Beeilen wir uns!“ rief einer der Männer und deutete auf eine größere Gruppe Söldner, die die Anhöhe herauflief. „Oder für uns bleibt nicht mehr viel übrig!“
Seine Worte waren kaum ausgesprochen, da stürmten wir auch schon wie eine Schar aufgeschreckter Degossis auseinander.
Kreischen! Wutentbrannt oder angsterfüllt.
Während Türen barsten.
Ein Todesschrei, der mich zusammenzucken ließ.
Nicht mehr viel übrig von was? Plünderbeute? Oder Dorfbewohner zum massakrieren?
Ein Pfeil sauste quer über den Platz und verschwand in einem Beerenstrauch.
D’Ubp kletterte durch ein Fenster in eine der Hütten. Ich überlegte kurz ob ich ihm folgen sollte, entschied mich dann aber für die Erforschung meiner eigenen Hütte.
Ich war aufgeregter als je zuvor in meinem Leben. Meine Bedenken an dem Massaker waren wie weggewischt. Der Rausch des Blutes, den alle älteren Krieger fest verankert in sich trugen, schien nun auch in mir langsam zu keimen und meine Sinne zu benebeln.
Ich erwählte mir eine Hütte im hinteren Teil des Kreises, wohl mit dem Gedanken, dort eine zeitlang Ruhe vor meinen marodierenden Kameraden zu haben. Ausserdem wirkte diese gepflegter als die anderen.

Verlassen! Das war mein erster Gedanke, nachdem ich die muschelverzierte Tür mit mehreren Fußtritten eingetreten hatte. Die Bewohner waren geflüchtet. Eiligst! Ein brodelnder Kessel über der offenen Feuerstelle, frisch aufgetragene Speisen auf dem stabilen Tisch in der Mitte des Raumes.
Ein großes Fischernetz, gehalten von eingemauerten Knochenstücken, bedeckte vollends die rückwärtige Lehmwand. Ein breite Schlafstelle war darunter angelegt. Breit genug für mindestens drei Menschen. Einige Holztruhen und Regale, ansonsten war der einzige Raum ziemlich kahl.

Ich legte mein Schwert auf den Tisch, und während ich eine grüne, mir unbekannte Frucht aus einer Perlmuttschüssel nahm, sie skeptisch beäugte, dann aber doch herzhaft hineinbiss und der süße Fruchtsaft über mein Kinn rann, kam mir der Gedanke, dass ich es eigentlich gegen eine bessere Waffe eines toten Kameraden eintauschen könnte. Ich war mir schließlich nicht einmal sicher, ob der abgenutzte Stahl Kleidung und Haut eines Gegners durchdringen würde. Vielleicht hatte es schon mehrere Grom in der Begräbnisstätte gelegen, aus der ich es entwendet hatte.
Klack!
Ich ließ den Rest der Frucht auf den Boden fallen ... lauschte.
Alles, was zu hören war, kam aus dem entfernteren Umkreis der Hütte: das Bersten von Holz, Jubelschreie von Söldnern.
Klack!
Mein Blick wanderte den Boden und die Wand entlang auf der Suche nach einer verborgenen Tür, bis er buchstäblich im Fischernetz hängen blieb. Ich lauschte weiter, aber das Geräusch wiederholte sich nicht. Ich zog den türkisfarbenen Dolch aus meinem Gürtel und begann, die Knoten an den Enden des Netzes zu zerschneiden.

Der Dolch war die einzige Erinnerung an meine Heimat. Schlimmer noch, die einzige Erinnerung an Nadarja.
Sie hatte ihn mir geschenkt, als ich meinen ersten Weidelöwen erledigt hatte. Voll stolz war ich durch unser Dorf marschiert, den Löwen auf eine Bahre aus Weideruten gebunden und seine abgeschnittene, fauliggraue Zunge traditionell um meinen Hals gehängt. Mein Vater hatte in der Mitte des Dorfplatzes gestanden, die mächtigen Arme in die Hüften gestämmt und ein Lächeln hatte seine rauhen Lippen umspielt. Das war selten gewesen, seit sein Bruder und nicht er Führer des Dorfes geworden war.
Nadarja war mir entgegengelaufen, hatte ihre Arme um meinen Hals geschlungen ohne sich vor der ausgetrockneten Zunge des Weidelöwen zu ekeln und mir einen freudigen, feuchten Kuss auf den Mund gedrückt.
Nadarja war die älteste meiner Schwestern, und doch war sie noch einige Augphasen jünger als ich.
Später hatte sie mir den Dolch überreicht als hätte sie genau gewusst, dass ich den Löwen zur Strecke bringen würde. Und beim heiligen Sucher, das war wahrlich keine selbstverständliche Sache gewesen!
Sie hatte mir nie verraten, was sie für den Dolch auf dem großen Markt eingetauscht hatte, aber da der Dolch wertvoll war – ich war nun als einziger im Dorf Besitzer einer Waffe aus dem türkisfarbenen Stahl der Ostländer gewesen – musste ihr Opfer dementsprechend hoch gewesen sein.
Nadarja. Ich wusste nicht, ob ich sie je wiedersehen würde.

Das Netz fiel zu Boden und offenbarte die Ritzen einer in die Wand eingemeisselten Tür. Ein beinahe perfektes Versteck, hatten doch die Seile des Netzes die Ritzen vollständig verdeckt. Beinahe perfekt, wenn man sich lautlos verhielt.
Ich tastete über die glatte Lehmwand, entdeckte aber keinerlei Öffnungsmechanismus. Kurzerhand stemmte ich mich einfach dagegen. Sie glitt so überraschend leicht nach innen, dass ich um ein Haar die schmalen Steinstufen hinuntergestürzt wäre. Stufen, die in Dunkelheit mündeten.
Ich hätte es auf sich beruhen lassen können, hätte mein Schwert nehmen und mich einer anderen Hütte zuwenden können. Natürlich war dort unten jemand, wahrscheinlich zitternd vor Todesangst.
Ich hätte einfach gehen können, und es wäre auch noch ein erhebendes Gefühl gewesen, einem Dorfbewohner das Leben geschenkt zu haben.
Aber ich ging nicht.
Stattdessen nahm ich einen brennenden Ast aus der Feuerstelle, der mir dort unten wenigstens etwas Licht spenden sollte. Und womöglich stieß ich ja auch auf die Schatzkammer des Dorfes. Im Wunschdenken war ich schon immer Meister gewesen.
Mein Schwert ließ ich liegen. Ich hoffte, dass der Dolch genügen würde. Und in einem dunklen, vermutlich engen Raum war ein Schwert ohnehin keine sehr nützliche Waffe.
„Junge, gibt es hier was zu holen?“
Erschrocken drehte ich mich um. Der Söldner, der zwischen den Trümmern der zerschlagenen Tür stand, betrachtete forschend die Ausstattung der Hütte.
„Nein!“ sagte ich barsch. „Du siehst doch, dass ich das Zeug gerade niederbrenne!“
Der kleine, pausbackige Kerl mit dem Spitzbart sah mich abweisend an, dann verschwand er auch schon wieder wortlos. Ich wollte im Augenblick keinen meiner Kameraden bei mir haben.

Die Stufen waren glitschig, überwachsen von Moosen, und ich setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen.
Nach etwa zehn Stufen zweigte die Treppe nach links ab, nochmal so viele Stufen und ich stand auf ebenem Boden. Ein Hohlraum war unter die Hütte gegraben worden und die Wände mit Lehm ausgekleidet. Eine Menge großer Truhen und Fässer, aufgestapelt und aneinandergereiht. Der Schein meiner behelfsmäßigen Fackel erlaubte mir nur eine begrenzte Sicht, aber im Hintergrund konnte ich Regale erkennen, mit Töpfen und Krügen, deren Inhalt ich nur erahnen konnte.
Kühl war es hier. Und ich fühlte mich unwohl. Die Fackel in meiner Hand machte mich zu einer perfekten Zielscheibe, während ich selbst kaum drei Stangen weit sehen konnte. Wenn mein unbekannter Gegner mit Pfeil und Bogen hier unten saß, konnte ich mich schon von den Lebenden verabschieden.
Doch ich irrte. Nicht ein Pfeil sauste aus der Dunkelheit auf mich zu, sondern ein großer, schwarzer Schatten löste sich plötzlich aus einer Ecke und hechtete sich auf mich. Ein dicker Holzprügel traf mich an der Schulter und glühender Schmerz durchzuckte meinen linken Arm. Die Fackel fiel zu Boden ohne zu verlöschen.
Dann riss mich die schwere Gestalt von den Füßen, und ehe ich mich versah, hockte der Unbekannte, dessen Gesicht ich noch immer nicht sehen konnte, auch schon auf mir und attackierte mich mit seinem Prügel.
Schnaufend und grunzend schlug die Gestalt auf mich ein. Die Schläge waren größtenteils ziellos und mit meinem schmerzenden linken Arm gelang es mir wenigstens die abzublocken, die meinen Kopf getroffen hätten. Aber jede Abwehr beschwor einen erneuten Schwall von stechenden Schmerzen. Und mein rechter Arm war unter dem Knie des Unbekannten eingeklemmt. Mit den Fingerspitzen konnte ich noch den Griff meines Dolches ertasten.

So hatte ich mir das wahrlich nicht vorgestellt. Ich lag in einem dunkeln, modrigen Kellerloch und hatte angst, von einem wütenden Dorfbewohner zu Tode geprügelt zu werden. Wer hatte wohl die größere Angst?
Der Prügel sauste auf meinen Kopf nieder, traf aber wieder nur meinen schützenden Arm. Ich schrie auf, als das Holz fast meinen Knochen zersplitterte. Panik schoss in mir hoch. Mit der Kraft der Verzweiflung bäumte ich mich auf. Es gelang mir nicht, die Gestalt abzuschütteln. Aber für einen Augenblick kam er aus dem Gleichgewicht, sodass ich mit der rechten Hand pfeilschnell den Dolch erfassen konnte. Ich stieß ihn aus dem Handgelenk nach oben. Die scharfe Klinge bohrte sich in den Oberschenkel und drang bis zum Knochen durch.
Der Mann brüllte auf. Warmes Blut rann über meine Hand. Unter einiger Anstrengung zog ich den Dolch wieder heraus und stieß nochmals zu, diesmal etwas höher, da mein rechter Arm wieder ganz frei war. Ich traf ihn irgendwo in der Gegend der unteren Rippen. Ein gurgelndes Geräusch, als würde er erbrechen. Dann rollte er wie ein Sack Steine seitwärts von mir herunter.

Ich blieb liegen. Das Blut pulsierte in meinem Kopf und vor meinen Augen tanzten kleine, sternförmige Lichter auf und ab. Die Flamme war ausgegangen, und nun konnte ich kaum die Hand vor Augen sehen. Nur vom oberen Ende der Treppe her drang ein schwacher Lichtschein herunter.
Vorsichtig setzte ich mich auf und wischte meine blutverschmierte Hand an meiner Hose ab. Ich konnte das Blut nicht sehen, aber ich konnte es fühlen.
Plötzlich vernahm ich erneut Geräusche aus der gleichen Ecke, aus der der Mann auf mich losgesprungen war.
Ein leises Schaben am Boden, einen erstickten Laut.
Schneller als die tanzenden Lichter es eigentlich zuließen sprang ich in die Hocke.
Aufgeregtes Atmen! Ganz deutlich!
Ohne den Dolch loszulassen suchte meine rechte Hand den Boden um mich herum ab, berührte flüchtig den Rücken des leblosen Mannes, was ein Schaudern in mir hervorrief und fand dann das glatte, schwere Holz, das meinen Kopf wie eine Nuss hätte zertrümmern und mein Gehirn über den feuchten Boden hätte verteilen können, wenn der Mann nur etwas besonnener und gezielter zugeschlagen hätte.
Ich steckte den Dolch in die Scheide zurück und schleuderte den Prügel kraftvoll in die Dunkelheit.
Ein erschrockener Aufschrei, dann rannte eine flinke Gestalt hastig zur Treppe.
„Bleib stehen“! schrie ich und lief leicht taumelnd hinterher. Bullige Gnome mit eisernen Schmiedehämmern traktierten das Innere meines Schädels und bohrten glühende Haken durch meine Schläfen.
Der Lichtschleier auf der steinernen Treppe fiel durch ein dünnes, weißes Gewand und offenbarte die Silhouette eines jungmädchenhaften Körpers. Barfüßig hastete sie die glitschigen Stufen empor, rutschte aus, schlug sich das Schienbein an einer Kante blutig, rannte weiter.
Doch kurz nachdem das Mädchen den Wohnraum erreicht hatte, holte ich sie ein. Mit der Hand bekam ich sie am Kragen ihres feinen Gewandes zu fassen, und mit einem quietschenden Schrei fiel sie rücklings in meine Arme. Ich presste ihren Körper fest an mich. Ihr dunkles, langes Haar duftete nach süßem Laciil. Sie strampelte und versuchte sich loszureissen, hämmerte ihre Hände gegen meinen rechten Arm um ihren Hals und gegen meine Schenkel, aber je mehr sie sich bemühte, desto fester presste ich sie an mich.
„Wehr dich nicht!“ sagte ich keuchend. „Ich will dir nicht weh tun!“
Doch sie versuchte weiter, meinem Griff zu entkommen. Und das mit beachtlicher Kraft.
Mein Herz pochte wie verrückt. Ich drehte ihren Kopf ein wenig herum, sodass ich zum ersten Mal ihr Gesicht sehen konnte. Ein angstverzerrtes, angestrengtes Mienenspiel verunzierte es, doch unter normalen Umständen war es sicher als hübsch zu bezeichnen. Sie war jung. Jünger als ihr reifer Körper sich anfühlte und doch alt genug, um kein Kind mehr zu sein.
Sie wehrte sich noch heftiger und ihre Fingernägel zogen rote Furchen über meinen Unterarm.
Wollust vernebelte meine Gedanken. Das Mädchen röchelte schon unter meinem erbarmungslosen Griff, doch ich lockerte ihn nicht.

Draussen war es lauter geworden. Anscheinend wurde nun auch wieder auf den Plätzen und Wegen gekämpft. Aber es war nicht mehr der Kampf mit dem Schwert, nach dem mein Herz begehrte. Augenblicklich war das Klirren der Waffen uninteressant geworden. Eine Geschichte, die man unterbrach, um sie am nächsten Tag weiter zu erzählen. Ein Spielzeug, das ein Kind für einen Moment weglegt, um eine singende Bockkröte zu fangen.
Ziellos wirbelten die Fäuste des Mädchens herum, versuchten irgendeinen wunden Punkt meines Körpers zu treffen. Doch sie schlug nur Luft.
Ich zerrte sie weg von der Mitte des Raumes, weg von dem großen Tisch, auf dem noch mein Schwert lag und die gefüllten Krüge und Schüsseln ihren einladenden Duft verbreiteten.
„Wehr dich nicht“, wiederholte ich fast flüsternd. Schweiß tropfte von ihrem Gesicht auf meinen Arm.
Oder waren es Tränen?
Mit der linken Hand fuhr ich unter ihr knielanges Oberkleid und strich über die heiße Haut ihres Oberschenkels.
Vergessen war der stechende Schmerz in meinem Arm und die schnell nachlassende Gefühllosigkeit.
Meine Beherrschung zerriss nun ganz. Mit einem kräftigen Schwung schleuderte ich das Mädchen auf das Schlaflager und riss ihr dabei Ober- und Unterkleid bis zu den Hüften herunter. Zarte, bronzefarbene Haut und feste Brüste kamen darunter zum Vorschein. Ihr Körper konnte es an Schönheit beinahe mit den rheotischen Lustmädchen aufnehmen, die für sich selbst den Ruf in Anspruch nahmen, die schönsten Jung-Mädchen des Auges zu sein. Nicht dass ich je eine von ihnen besessen hätte ...
Sie kauerte sich mit dem Rücken an die Wand und versuchte, mit einer groben, sandfarbenen Decke ihre Blöße zu verhüllen. Und nun sah ich auch, dass sie tatsächlich weinte.

Unvermittelt stand wieder ein Söldner zwischen den Trümmern der Tür. Diesmal ein stämmiger Kerl mit Schild und Axt.
Gierig erblickten seine schwarzen Augen das Mädchen. Es war ihm anzusehen, dass ihm das Wasser im Mund zusammenlief.
„Raus!“ schrie ich und bedeckte ihn mit wütenden Blicken.
„Was willst du Junge? Wir können doch beide etwas von ihr haben. Ich lasse dir sogar den Vortritt.“ Er kam einen Schritt näher.
„Raus! Verschwinde!“ ich packte ein Kissen des Schlaflagers und schleuderte es ihm entgegen. Es traf den Mann nicht, aber er schien von meiner Entschlossenheit abgeschreckt. Und vielleicht auch von meinen fletschenden Zähnen.
„Schon gut. Du warst zuerst hier. Aber lass sie am Leben! Ich bleibe in der Nähe und nehme sie mir später vor.“
Zur Veranschaulichung fuhr er sich mit dem Axtstiel zwischen die Beine. Dann nahm er noch einen kräftigen Schluck aus einer Kanne, die auf dem Tisch stand, warf einen Blick auf die dürftige Einrichtung des Raumes und verschwand dann wieder zwischen den Pfosten der zertrümmerten Tür.
Ich war selbst überrascht von meinem Mut. Der Söldner hätte mir den Kopf spalten können und hätte nebenbei noch seine Triebe an dem Mädchen befriedigt. Aber ich hatte ihn aus der Hütte gejagt.
Ein stolzes Erheben meines Kinns, dann wandte ich mich wieder dem Mädchen zu.
Sie hatte keinen Fluchtversuch unternommen. Wohin auch?
Ich kniete mich neben sie und entriss ihr die schützende Decke. Sie schluchzte, aber sie wehrte sich nicht mehr, nicht einmal, als ich anfing, die Reste ihres Oberkleides zu zerreissen. Dann trafen sich unsere Blicke.
Sie starrte mich angsterfüllt an und aus ihren hellen Augen floss ein nicht endenwollender Schwall von Tränen.
Erst jetzt bemerkte ich, dass sie am ganzen Körper zitterte, als hätte sie schweres Fieber. Auch ich zitterte, aber mein Fieber war wohl anderer Natur. Ihre Tränen trafen mich wie Steine aus einer Schleuder. Ich starrte auf das verzerrte Gesicht des Mädchens und ich starrte auf meine blutverschmierte Hand.
Was tat ich? Was hatte ich vor? War das meine Vorstellung von Abenteuern jenseits des Randbundes? War ich wirklich Söldner geworden, um Fischer zu töten und weinende Mädchen zu schänden?
Beim großen Sucher – nein! Ich konnte nicht sagen, was ich erwartet hatte, aber dieses Bild passte nicht in den Weg, den zu beschreiten ich vorhatte. Ich widerstand dem Drang, meine Augen von ihr abzuwenden und hielt ihrem Blick stand, in dem jetzt ein Funken Hoffnung aufblitzte. Und ich wünschte mich plötzlich weit, weit weg von hier.

„Ich werde dir nichts tun“, versuchte ich sie nun zu beruhigen, während ihr Vater oder Bruder ein paar Stangen unter uns in einer Lacke aus Blut erkaltete.
Doch meine Glaubwürdigkeit hatte ich verspielt. Als ich ihre Tränen wegwischen wollte, traf mich ihre geballte Faust unterhalb des linken Wangenknochens. Wohl mehr aus Überraschung denn vor Schmerz hielt ich meine Hände schützend vor mein Gesicht, bis mich dann ein kräftiger Fußtritt gegen die Brust von dem Schlaflager beförderte. Ich kam schnell wieder auf die Beine, doch das Mädchen rannte bereits durch die Türöffnung ins Freie. Ich lief wieder hinterher, doch diesmal hatte ich Angst um sie. Ein halbnacktes Mädchen inmitten einer Schar bärbeissiger Söldner. Ihr durfte nichts zustoßen!
Aber als ich wieder das tiefblaue Firmament über mir hatte, in dem Gromars Schlund wie ein bösartiges, schwarzes Auge über uns wachte und eine salzige Meeresbrise meine Nase umstrich, war es bereits zu spät.
Ein großgewachsener Westhanur schwang im Vorbeilaufen seine Klinge gegen den Körper des Mädchens.
Er machte dies beiläufig, fast als wäre es ein Versehen, als wäre sie unvorsichtigerweise in den unhaltbaren Schwung seines Schwertes gelaufen. Er würdigte sie nur eines kurzen Blickes, danach stellte er sich einem knurrenden Wölferhund entgegen und trennte ihm den Kopf vom Rumpf. Es sah beinahe so aus, als brauchte er für seine zwei Opfer nur einen einzigen Hieb.
Das Mädchen brach zusammen. Unaufhaltsam quoll Blut aus ihrem zerfetzten Unterleib, färbten die Reste ihres Gewandes in kürzester Zeit rot. Der Hieb musste sie fast in zwei Hälften geteilt haben. Ihre Beine zuckten noch ein paarmal – es erinnerte an den Todeskampf eines gefangenen und trockengelegten Fisches – dann entwich alles Leben aus den weit aufgerissenen Augen.

Welch grausamer, böser Scherz des Suchers.
Ich hätte sie missbrauchen können aber sicherlich ihr Leben verschont. Aber ich hatte von ihr abgelassen und sie damit in den Tod getrieben. Ein bitterer Scherz!
Ich kniete mich neben den Leichnam.
„Toll gemacht Junge!“ Es war der Söldner mit der Axt. Er war tatsächlich in der Nähe geblieben.
„Jetzt haben wir beide nichts mehr von ihr! Solch hübsche Dinger verdienen keinen solchen Tod.“
Wie recht er hatte.

Eine große Leere breitete sich in meinem Innersten aus, leerer noch als der dunkle Schlund der Verdammnis.
Ich beugte mich über sie und schloss ihr sanft die Augenlider. Ich überlegte auch kurz, ob ich meine Weste ausziehen sollte um ihren Oberkörper zu bedecken, aber kam zu dem Schluss, dass die Decke in ihrer Hütte den gleichen Zweck erfüllte und ich irgendwann den Verlust meiner teuren Lederweste bereuen würde.
Ich hatte Angst sie hochzuheben und in die Hütte zu tragen. Angst, ihre blutigen Innereien würden sich unter meinen Händen in den Sand ergießen. Also holte ich die Decke, breitete sie über ihren Körper aus ohne das Gesicht zu bedecken und kniete mich wieder neben sie.
Ich sah nicht mehr die Söldner die an mir vorbeirannten, auf der Suche nach den letzten Opfern, deren Blut sie noch verspritzen konnten, sah nicht mehr die zahllosen Hütten, die fast ausnahmslos in turmhohen Flammenzungen untergingen, nicht die leblosen Leiber, die die Wege und Plätze säumten wie zerschlagene Insekten auf einem Wirtshaustisch nahe einer flackernden Lampe, nicht das Blut, das den Sand und Staub verfärbte ...
Nur Leere!


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Gilead
07.04.2008, 13:35
Atilien. Kleines All-Fürstentum im Westen des Mittelauges. Klein und bedeutungslos im Bund der Randländer.
Hügelketten, die die Grenzen des Landes markierten, waren die einzigen Erhebungen. Ansonsten gab es nur Meere aus wogendem, roten, grünen oder prolfarbenen Gras, durchsetzt von kleinen Wäldern mannshoher Beerensträucher. In einem behianischen Lehrbuch hatte ich einmal gelesen, Atilien wäre der langweiligste Ort des Auges. Bezogen hatte dies der Schreiber sowohl auf die eintönige Vegetation als auch auf den Entwicklungsdrang seiner Bewohner. Nun, ich hatte dem Verfasser im Stillen immer recht gegeben.

Es war ein brütend heißer Tag, und kein Lufthauch durchpflügte die gelben Ebenen. Armlange Libellen mit schimmernden Körpern schwebten majestätisch über den Halmen.
Das Jagdglück war mir an diesem Tag nicht hold gewesen. Nicht einmal eine Buschkatze hatte meinen Weg gekreuzt. Enttäuscht warf ich Bogen und Pfeile ins Gras, streifte meine geliebte Lederweste ab und legte mich
auf sie. Zarte Halme streichelten meinen gebräunten Körper und die Strahlen der Sonne trieben den Schweiß aus meiner Haut.
Die anderen Männer des Dorfes arbeiteten. Sie errichteten neue Hütten, besserten Löcher in den Grasdächern der alten aus oder ernteten das Getreide. Für mich war das Jagen die einzige Arbeit, der ich mit mehr oder minder großem Einsatz nachging. Mein Vater wusste dies, und deshalb verachtete er mich. Für ihn war ich nur
ein fauler Träumer. Und in seinen Augen hatte ich meinen ersten Weidelöwen nur erlegt, damit ich unter dem Vorwand der Jagd noch weniger Arbeit im Dorf verrichten musste. Was in gewissem Sinne wohl auch stimmte.
Aber auf diesem öden Flecken des Auges gab es nun einmal nichts, dass mir mehr Vergnügen bereitete, als tagelang die Grasebenen bis an die Grenzen zu durchstreifen, in der Hoffnung, irgendein aufregendes Abenteuer zu erleben. Bislang blieb allerdings die Jagd das einzige Abenteuer.
Also verbrachte ich die Zeit des ersten und zweiten Groms zunehmend mit Nichtstun und Träumen. Und mit dem Warten auf die Augphase, in der Nadarja, die älteste meiner Schwestern, alt genug sein würde, die Verbindung mit mir einzugehen. Auch das missfiel meinem Vater. Aber es war eine alte und unveränderbare Tradition, dass der älteste Sohn und die älteste Tochter gemeinsam einen neuen Familienzweig schaffen konnten, wenn beide damit einverstanden waren. Dieses Brauchtum gab es meines Wissens nur in Atilien. In dem Lehrbuch, in demselben auch die Langeweile der atilischen Kultur und Vegetation verhöhnt worden war, hatte auch ein Kapitel die Abartigkeit dieser Geschwisterverbindung behandelt. In diesem Punkt hatte ich dem Verfasser nicht zustimmen können.

Nun, Nadarja war einverstanden. Sie liebte mich und ich liebte sie, und unsere Verbindung würde uns Gelegenheit geben, einen neuen Platz im Auge für die Verbreitung des Namens Thormè zu suchen. Und dieser Platz würde sicher weit weg von Atilien liegen, darin waren wir uns einig. Poi-Pon war das Ziel, das wir vor langer Zeit gemeinsam ausgewählt hatten, denn die Menschen dort waren bekannt für ihre hohe Kultur und ihre Gastfreundschaft.

Für lange Zeit döste ich so vor mich hin, doch die Hitze wurde immer unerträglicher und so beschloss ich, mir am nahen Bach etwas Abkühlung zu verschaffen. Bäche waren die einzigen Gewässer in Atilien. Breitere Flüsse oder Seen gab es nicht, und das Ringmeer war viele Tagspannen entfernt. Nur wenige aus unserem Dorf waren je so weit gekommen.
Ich schwang meine Weste über die Schulter und schritt auf den Sträucherwald zu, in dessen Inneren der Bach seine versteckte Bahn zog. Die Sträucher, die kaum größer waren als ich selbst, trugen den ganzen Grom über Früchte. Dicke, blutfarbene Beeren, die herrlich süß schmeckten, aber die bei übermäßigem Verzehr Gefühle übertriebener Heiterkeit oder auch Trauer auslösen konnten. Manchmal war das genau das, was ich erreichen
wollte. Ich steckte mir ein paar von ihnen in den Mund und bahnte mir mit dem Bogen einen Weg durch die dünnen, biegsamen Zweige.

Nadarja! Freude stieg in mir empor als ich sie erblickte. Sie musste mir gefolgt sein und hatte hier eine Pause eingelegt, um ihre aufgeheizte Haut in dem klaren Wasser zu kühlen.
Ich schlich mich an.
Sie hatte ihr Gewand bis auf einen schmalen, ledernen Lendenschurz abgelegt und schaufelte mit beiden Händen Wasser über ihre nussfarbenen Haare, ihr Gesicht und ihre spitzen Brüste. Ich hatte meine Schwester schon oft nackt gesehen und ihren geschmeidigen Körper berührt und gestreichelt, deshalb war nichts Verbotenes in meinem heimlichen Beobachten. Wir hatten keine Scheu voreinander.
Ich war nur noch wenige Schritte von ihr entfernt, bereit, sie von hinten zu überraschen, als ich etwas weiter westlich eine weitere Gestalt erspähte. Es war ein schlanker Bursche mit pechschwarzen, langen Haaren, der hinter einem Busch kniete und gierig auf Nadarja starrte. Ich schritt rücklings einige Stangen von der Stelle weg, an der Nadarja unbekümmert über dem Bach hockte, und näherte mich dann von hinten dem stieläugigen Burschen. Als uns höchstens fünf Beerenbüsche voneinander trennten, erkannte ich in ihm Tasson, den ältesten Sohn des Dorfführers, der wiederum meines Vaters Bruder war.

„Tasson, du verrotteter Fremm, ich reiße dir deine gierigen Augen heraus!“ schrie ich und rannte auf ihn zu.
Mit vor Schreck geöffnetem Mund drehte er sich um, unfähig auch nur einen Finger zu rühren. Ich riss ihn zu Boden. Wie übermütige Welpen wälzten wir uns auf dem laubbedeckten Boden. Abgefallene Beeren wurden von unseren rollenden Leibern zerquetscht und hinterließen blutigrote Flecken auf Haut und Kleidung.
Nadarja schrie auf. Es klang wie der warnende Schrei eines Raubvogels. Zuerst erkannte sie wohl nicht, wer die beiden Gestalten waren, die sich inmitten den Sträuchern gegenseitig die Fäuste in die Körper rammten,
doch dann rief sie meinen Namen: „ Kyron? Kyron! Tasson! Hört auf damit! Was tut ihr hier?“
Die energische Stimme meiner Schwester bewirkte, dass wir für einen Augenblick voneinander abließen.
Nadarja kam mit schnellen, sicheren Schritten auf uns zu. Sie hatte sich eiligst ihre Überweste angezogen und hielt sie über der Brust mit der Hand zusammen. Wasser tropfte von ihren Haaren, von Nase und Kinn.
„Nadarja, dieser verfluchte Fremm hat dich beobachtet. Er hat dich angestarrt als wärst du eine tanzende Prondonerin!“ Ich stieß Tasson mit der flachen Hand gegen den Kopf.
„Hört auf, sage ich! Kyron, lass ihn in Ruhe!“
Tasson stand auf und wischte sich Laub und Beerenreste von der Kleidung.
„Hör nicht auf diesen Schwachkopf, Nadarja!“ beleidigte er mich. „Ich war Beeren sammeln. Wusste gar nicht, dass du in der Nähe bist.“
Provozierend stellte ich mich vor ihn, und mein Blick fuhr demonstrativ an seiner taschenlosen Kleidung auf und ab. „Man sieht, dass du schon sehr viel gesammelt hast! Ich möchte gern wissen, wohin du dir die ganzen Beeren
gesteckt hast!“ Dann rammte ich ihm die Faust in den Magen. Stöhnend sank er auf die Knie.
„Kyron! Zum letzten Mal: hör auf!“ Es kam selten vor, dass meine Schwester zornig auf mich war. Umso mehr berührte es mich, dass Nadarja mit mir schrie.
„Selbst wenn Tasson mich beobachtet hat, so ist das allein eine Sache zwischen ihm und mir. Halte dich da heraus! Du scheinst ja zu glauben, dass ich bereits vor der Verbindung dir gehöre! Dem ist aber nicht so! Das beste ist, du gehst zurück ins Dorf!“ Mit einer eindeutigen Handbewegung signalisierte sie mir zu gehen.
Trotzig und enttäuscht zugleich, rührte ich mich nicht von der Stelle.
Tasson raffte sich auf die Beine und grinste hämisch. „Siehst du Schwachkopf? Du wirst hier nicht gebraucht. Nadarja und ich werden ganz alleine miteinander ... reden.“
Das war zuviel! Nadarjas Inschutznahme von Tasson, auf den sie eigentlich hätte wütend sein sollen und Tassons anzüglicher Tonfall brachten mich vollends aus der Fassung. Ich schlug Tasson ins Gesicht, diesmal kraftvoll und mit der geballten Faust. Wie ein hysterisches, altes Weib brüllte er auf als seine Nase brach. Ich schlug nochmals zu. Seine Unterlippe platzte auf. Blut rann aus seiner Nase und über sein Kinn. Schreiend und fluchend hielt er sich die Hände vor das Gesicht.
„Bist du wahnsinnig?“ schrie Nadarja und lief zu Tasson. Behutsam löste sie seine Hände vom Gesicht. Der Bereich um Mund und Nase war blutverschmiert. Er sah wie ein kleines Kind aus, das gerade eine Schüssel
mit rotem Brei ausgeschleckt hatte. Oder wie jemand, der zu gierig Beeren in sich hineingestopft hatte...
Tasson war nun ebenfalls rasend. Ungeachtet der Schmerzen, die er ohne Zweifel haben musste, schnappte er sich einen faustgroßen Stein, der vor seinen Füßen lag, und stürzte an Nadarja vorbei auf mich zu.
Ich hob abwehrend die Hände, doch mit einer geschickten Bewegung täuschte er mich und platzierte den Stein auf meinem Wangenknochen. Schmerz und Hass, als ich ein warmes Rinnsal an meiner Wange spürte.
Dann riss er mich zu Boden. Wieder wälzten wir uns keuchend zwischen den Sträuchern, während Nadarja unablässig schrie und versuchte, uns irgendwie an Kleidung, Haaren oder Gliedmaßen zu erwischen um uns auseinanderzuzerren, doch jetzt war es keine harmlose Rauferei mehr. Blut aus seiner gebrochenen Nase spritzte über mein Gesicht. Unsere Fäuste lieferten sich einen kräfteraubenden Schlagabtausch. Doch irgendwann gab Tasson das bloße Zuschlagen auf, und seine Hände legten sich um meinen Hals. Panik ergriff mich, als seine Daumen meinen Kehlkopf nach hinten drückten und so die Zufuhr frischer, süßlicher Waldluft abrupt unterbrachen. Wie besessen hämmerte ich meine Fäuste in seine Seite, aber sein erbarmungsloser Griff lockerte sich kein bisschen. Schließlich ließen meine Hände von ihm ab und durchpflügten wie hungrige Nager den umliegenden Boden auf der Suche nach etwas, dass sich als rettende Waffe gebrauchen ließ. Und tatsächlich fanden sie etwas, das sich wie der Rest eines abgestorbenen Strauches anfühlte. Vermutlich war mein Gehirn nur Augenblicke davon entfernt, vorübergehend seine Arbeit einzustellen, als ich mit aller noch verfügbaren Kraft den Gegenstand in Tassons Gesicht schlug. Wie aus weiter Ferne vernahm ich sein Brüllen, in das sich Nadarjas Schreien vermengte. Erleichterung, als sich die menschliche Zwinge von meinem Hals löste und meine Lungen nach Luft gierten. Dann wurde ich ohnmächtig.

Es war wohl kaum viel Zeit vergangen. Tasson brüllte noch immer. Ich schlug die Augen auf ... und schloss sie gleich wieder. Wolken und Sträucher tanzten lachend Kassat um meinen ausgestreckten Leib. Augenblicke der
Erinnerung, dann setzte ich mich vorsichtig auf. Unweit von mir kniete Nadarja neben Tasson, der sich wimmernd am Boden krümmte wie ein Wurm. Verzweifelt versuchte meine Schwester, mit Fetzen seines Hemdes die Wunden in seinem Gesicht zu versorgen. Und sein Gesicht war eine einzige Wunde. Aus seiner zerschlagenen Nase flossen ununterbrochen dünne, rote Fäden, verschmiertes Blut verunstaltete sein Kinn und zog sich bis zum Hals hinunter. Und dann bemerkte ich das Blut, das aus seinem linken Auge rann.
Plötzlich drehte sich Nadarjas Kopf in meine Richtung und verzweifelter Zorn brodelte in ihrem Blick.
„Kyron, du verfluchter Narr! Du Wahnsinniger! Oh .. siehst du, was du angerichtet hast?“
Verstört blickte ich sie an. Die fruchttragenden Äste drehten noch immer ihre singenden Kreise um meinen Kopf. Als sie ihr hämisches Ringelreihen wenigstens vorläufig einstellten, bemerkte ich den Stock in meiner Hand. Aber es war nicht einfach ein Stock. Es war eine wahre Mordwaffe. Eine Keule mit unzähligen abgesplitterten Astfingern, stachelförmig rund um den Stamm gereiht. Und an einem dieser spitzen, tödlichen Finger klebte auffällig viel Blut. Angeekelt schleuderte ich das Holz beiseite.
„Kyron steh auf! Hilf mir!“
Schlagartig erkannte ich alles.
„Kyron, wir müssen ihn zurückbringen! ... Sein Auge ...“
Wie im Rausch nahm ich ihre Stimme war, ihre Bewegungen.
„Schnell! So hilf mir doch! Kyron! ... Kyron! ...
KYRON!

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Gilead
07.04.2008, 14:50
Und gleich noch ein zweiter Teil :)


„Kyron!“ D’Ubp packte mich an der Schulter. „Warst du das?“ Er deutete auf den Leichnam des Mädchens, neben dem ich immer noch kniete.
„Nein“, antwortete ich kurz. Ich musste meine Gedanken erst wieder ordnen.
„Diese Wahnsinnigen“, sagte ich lethargisch.
„Komm mit, Kyron! Es soll schon Aufruhr geben.“
„Was machen wir hier? Sind wir Halbmenschen?“
„Bei einigen bin ich mir nicht so sicher.“ Er strich sich einige schweißnasse Locken aus dem Gesicht.
„Komm jetzt! Weiter oben versammeln sich schon alle!“ Er zog mich in die Höhe und schob mich vor sich her in Richtung des nördlichen Dorfrandes. Widerstandslos ließ ich ihn gewähren, konnte aber meinen Blick nur schwer vom Gesicht des wie schlafenden Mädchens lösen. Es betrübte mich, sie mitten im Staub liegen zu lassen.
Schnellen Schrittes überquerten wir das Plateau und folgten einem weiteren gewundenen Pfad. Überall lagen geschundene und entstellte Körper von Männern, Frauen und auch Kindern. Ich konnte nicht fassen, dass meine Kameraden für diese Grausamkeiten verantwortlich waren.
„Ich will weg von hier, D’Ubp!“
„Dafür ist es jetzt zu spät. Komm weiter!“
Trotzig blieb ich stehen. „Das ist ein harmloses Fischerdorf!“ schrie ich ihn an, als ob ihn eine Schuld an diesem Gemetzel traf. „Wieso?“
„Weil Ogessis es so will und weil wir einfältig genug waren, seinen Werbern die schönen Worte zu glauben!“
„Und weil viele von uns Spaß daran haben“, ergänzte ich.
D’Ubp nickte zaghaft und schob mich mit sanfter Gewalt weiter.
„Vielleicht können wir noch Schlimmeres verhindern“.
Was kann es noch Schlimmeres geben als das? wollte ich ihn fragen, doch ich brachte kein Wort mehr hervor.
Der tote Körper einer Frau mit zertrümmertem Kopf veranlasste meinen Magen zu rebellieren. Gleich hinter ihr lag auch einer der seltenen toten Söldner. Der glänzende Säbel neben ihm erinnerte mich daran, dass mein Schwert immer noch auf dem Tisch in der Hütte lag. In der Gewissheit, dass es ein guter Tausch war, nahm ich ihn im Vorbeilaufen an mich.

Wir erreichten eine Felswand, an deren oberen Ende sich die ersten Bäume des Waldes mit ihren Wurzeln festgekrallt hatten. Vor ihr kauerten viele Überlebende des Dorfes in Todesangst, umringt von einem Großteil der Söldner. Doch die Krieger hatten sich offensichtlich geteilt. Eine Gruppe von etwa vierzig Männern und Frauen stand mit dem Rücken zu den Dorfbewohnern und ließ Beschimpfungen und drohend erhobene Waffen ihrer Mitstreiter über sich ergehen. Und ihr Anführer war offenbar Pescepit, der Ungeborene.
Pescepit stand breitbeinig vor seinen Gefolgsleuten, die den Mut aufgebracht hatten, sich gegen den obersten Söldnerführer dieses Schiffes – den Kruuden – zu stellen. Völlig in Schwarz war der Ungeborene gekleidet, wie
ich es auch nie anderes an ihm gesehen hatte. Die zwei Mal jedenfalls, die ich ihn gesehen hatte...
Und natürlich trug Pescepit auch die schwarzen Handschuhe, die er angeblich nicht einmal zum Schlafen ablegte.
Er war eine imposante Erscheinung, der Söldner mit den zwei gekrümmten Prolschwertern, die in einem Köcher auf seinem Rücken baumelten. Doch gegen den Kruuden wirkte selbst er klein und schwächlich.
Wenige Stangen trennten die beiden voneinander, doch sie starrten sich nur gegenseitig mit giftigen Blicken an.

D’Ubp drängte sich durch den Halbkreis der Söldner hindurch und zog mich am Ellbogen hinter sich her. Als wir in der vordersten Reihe standen, fragte er mich leise: „Und Kyron, welche Seite?“
Aber diese Frage stellte sich für mich nicht, auch auf die Gefahr hin, dass wir nun von den eigenen Leuten umgebracht wurden. Ich glaubte, es dem Mädchen schuldig zu sein, das ich in den Tod getrieben hatte.
Ohne ihm zu antworten, löste ich mich aus der Reihe und schritt geradewegs auf Pescepit und seine Gruppe zu. D’Ubp folgte mir ohne zu zögern. Wütende Rufe und gelegentlich ein Stein begleiteten uns.
„He Neuling! Du gehst in die falsche Richtung!“ Das war Asas Stimme, aber ich drehte mich nicht um. Zu meinem Bedauern stand sie auf der Seite der kruudentreuen Söldner. Aber von der harten Kriegerin hatte ich eigentlich auch nichts anderes erwartet.
Wir machten einen ehrerbietenden Bogen um die beiden imposanten Widersacher, die sich stumm gegenüberstanden. Pescepit schien kurz zu mir herüberzuschielen, aber das bildete ich mir vielleicht nur ein.

„Ah, noch zwei Kameraden, denen die Mordlust nicht zu Kopf gestiegen ist“, begrüßte uns ein stämmiger Khadoner mit pfeillangem Bart. „Nur herein in den Kreis der Ehrvollen! Wir brauchen jeden Mann!“
„Wie sieht es aus, Massak? fragte D’Ubp. „Werden sie gegen uns kämpfen?“
„Schon möglich“, antwortete Massak und lehnte sich auf den Stiel seiner gewaltigen Zweihandaxt.
„Der Kruude hat von König Ogessis persönlich den Auftrag erhalten, sämtliche Küstenbewohner der Delornè und Ra‘ra-Ländereien auszurotten oder zu versklaven. Und wie du siehst, sind die meisten unserer Mitstreiter
der Ausführung nicht abgeneigt. Diese hirnlosen Schlächter! Wenn ich von diesem Auftrag früher gewusst hätte ...“ Er sprach den Satz nicht zu Ende.
Ich betrachtete den armseligen Haufen der Dorfbewohner und mein Schuldgefühl verstärkte sich wieder. Fast nur noch alte Menschen, Frauen und Kinder, die sich zitternd gegen die Felswand pressten und ungläubig
den Zwiespalt der Söldner beobachteten. Ihnen allen war Leid und Hass ins Gesicht geschrieben.
D’Ubp und ich vermischten uns mit den Söldnern und schauten gespannt auf die Konfrontation der beiden Anführer.
Der Kruude trat einen Schritt auf Pescepit zu. Sein langer, roter Umhang streifte dabei über Steine und Sand. „Ungeborener! Sag deinen Männern, dass ich ihre Haltung verstehe! Aber ich habe meine Befehle. Geht zurück
auf das Schiff, und wir werden das, was noch zu tun ist, schnell und ohne Streit erledigt haben.“
'Sag deinen Männern' war nur eine Floskel, denn wir konnten ihn klar und deutlich hören. Die Augen des Kruuden schimmerten dunkel aus den Sehschlitzen seines reich verzierten Helms. Das gewaltige Langschwert
des Kriegsherrn hing unberührt über seinen Rücken. Allein seine Stimme, die Macht und Stärke ausdrückte, konnte Unbehagen vermitteln. Doch Pescepit schien davon ungerührt. Er sagte nichts und bewegte sich nicht.
Ein Söldnerhauptmann stellte sich an die Seite des Kruuden und versuchte, auf uns einzureden: „Seid doch vernünftig! Ihr habt euch als Söldner verpflichtet, die Feinde unseres Gönners zu erschlagen. Aber wenn einige unter euch den Anblick des Krieges nicht so ertragen können, wie sie es vielleicht geglaubt haben und sie nun der Mut verlässt, so werde ich dafür eintreten, dass ihr im nächsten Hafen die Gelegenheit bekommt, aus dem Vertrag auszusteigen. Sich hier jedoch gegen eure Befehle zu stellen ist die schlechteste aller Möglichkeiten!“
„Ich sehe keine Feinde, du Schlächter!“ schrie Massak dem kleinwüchsigen Hauptmann zu. „Und was unseren Mut betrifft, so komm her und teste ihn!“
„Tötet diese Verräter! Verbrennt sie zusammen mit ihren Ra’ra-Freunden!“ schrie einer aus den Reihen unserer Gegenüber. Ein Speer zersplitterte am Fels über unseren Köpfen. Hatte ich anfangs wohl den Ernst der Lage
verkannt, so wurde mir nun doch klar, dass wir kurz davor standen, für einige Fischer in einem fremden Land unser Leben zu geben. Ich konnte mich nicht erinnern, dass dies in meinen Träumen von Abenteuern vorgekommen war.

„Kyron, ich fürchte unter Ogessis Banner haben wir uns auf die falsche Seite geschlagen.“
Ich stimmte D’Ubp stumm zu.
„König Ogessis ist der mächtigste und grausamste Landherr Sodiniens“, warf Massak ein. „Das hatte ich von vielen Seiten vernommen. Und trotzdem kämpfe ich Narr in seinen Reihen! Verflucht seien die Wege des Suchers!“
„Wir Randweltler hatten eine falsche Vorstellung von diesem Krieg, Massak. Friedenszeiten haben uns einfältig und blind gemacht. Jetzt büßen wir dafür.“ Ich war überrascht, die Stimme einer Frau hinter uns zu vernehmen. Ich drehte mich um. Eine zierliche Bogenschützin hatte sich zu uns gesellt. Nur ihre Stimme verriet ihr Geschlecht. Gesicht und Körper waren beinahe vollständig von einer kunstvoll gearbeiteten Lederrüstung verdeckt. Massak schien sie gut zu kennen, denn sie wechselten einige freundliche Worte, und dabei vernahm ich auch ihren Namen: Daanta. Doch für eine formelle Vorstellung war wirklich nicht der richtige Augenblick. Zumal Pescepit sich inzwischen aus seiner Starre gelöst hatte und auf den Kruuden zuging.

In stummer Spannung beobachteten beide Seiten das kurze Gespräch der beiden Söldnerführer. Sie sprachen leise, sodass kein Ton über den Wind in unsere Ohren drang. Aber wir sahen die Gesten. Eine Handbewegung von Pescepit, ein Kopfschütteln des Kruuden. Dann eine zeitlang Stillschweigen. Und dann geschah das Unglaubliche: der Kruude schwang sichtlich wütend herum und befahl seine Getreuen zurück an Bord der Des-Majell. Selbst die anderen Hauptleute waren überrascht von dieser Entscheidung, doch die Befehle eines Kruuden waren unantastbar, und so gelang es ihnen mit einiger Mühe, die protestierenden und schimpfenden Söldner langsam zurück Richtung Strand zu treiben.
Mit ungläubigen Blicken verfolgten wir ihren Rückzug, bis sie hinter Qualm und Rauch des brennenden Dorfes aus unserem Sichtbereich verschwunden waren. Keiner von uns konnte sich diesen Ausgang des Konfliktes erklären. Massak löste sich als erster aus den Reihen und begab sich eilends zu Pescepit. Sie redeten kurz, dann kam Pescepit auf uns zu. Sein beinahe weißes Gesicht, eingerahmt von pechschwarzen, langen Haaren, war ausdruckslos.
„Freunde“, sprach er, und seine Stimme bewies, dass er 'Freunde' meinte, „wir sind nun Feinde des Hauses Ogessis! Und wir werden als Fahnenflüchtige gejagt werden! Aber wir sind keine Mörder mehr!“
Einige der Männer und Frauen jubelten. Andere, zu denen auch ich gehörte, waren sich darüber, wie es nun weitergehen sollte, nicht ganz im Klaren. Obwohl wir dankbar waren, einem Kampf untereinander entgangen zu
sein, waren die Aussichten für unsere Zukunft alles andere als gut. Wir hatten kein Schiff mehr, also mussten wir uns landeinwärts durchschlagen. Und sowohl die Truppen der Ra’ra-Fürsten als auch Ogessis Heerscharen
würden uns keinesfalls freundlich gesonnen sein. Der Kruude gab vermutlich bereits die Anweisung, Botenpajaz an andere Heerführer zu schicken, die Nachricht von abtrünnigen Söldnern an die dürren Beinen gebunden.
„Was sollen wir nun tun, Hauptmann?“ fragte einer der Männer.
„Nein! Kein Hauptmann mehr! Kein Söldnervertrag mehr! Ihr könnt gehen, wohin ihr wollt!“
Die Aussage war klar, doch klebten wir an seinen Lippen, warteten auf den Schub, der uns in eine Richtung drängte.
Pescepit bemerkte das, also sprach er weiter:“ Ich selbst werde mich nach Ledyur durchschlagen. Es steht jedem frei, mit mir zu kommen.“
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, stapfte er an uns vorbei und folgte einem schmalen Pfad, der schlangenlinienförmig über die Felsen in den lichten Wald verlief.
Sicherlich hatte Pescepit gewusst, dass jeder ihm folgen würde. Was gab es sonst für Möglichkeiten? Im Fischerboot über das Ringmeer? Die Gastfreundschaft der überlebenden Dörfler nutzen? War beides ebenso
lächerlich wie gefährlich.
D’Ubp sah mich fragend an und ich nickte stumm. Dann reihten wir uns in die losmarschierende Gruppe ein, die mittlerweile auf beinahe hundert Kopf angestiegen war. Viele Krieger, die sich noch im Dorf oder am Strand
befunden hatten, hatten erst spät von der Auseinandersetzung und der Teilung der Söldner erfahren und stießen jetzt zu uns, nachdem sie sich für unsere Seite entschieden hatten. Vielleicht kamen einige auch nur aus ihren Verstecken gekrochen. Niemand konnte ihnen das verdenken.
Die Bogenschützin hatte recht. Wir waren Randweltler, die sich selbst überschätzt und die Brutalität dieses Krieges unterschätzt hatten. Wenn wir wirklich noch auf Abenteuer aus waren, dann mussten wir uns welche suchen, denen wir gewachsen waren.

Massak schloss zu D’Ubp und mir auf und legte seine riesigen Hände auf unsere Schultern.
„Lassen wir dieses Kapitel hinter uns und begeben uns auf neue Wege.“ Er lächelte verhalten. Der Anblick der überlebenden aber sicher nicht mehr lebensfrohen Dorfbewohner, die hinter uns zurückblieben, stimmte uns nicht gerade fröhlich. Als kleines Zeichen unseres Schuldbewusstseins nahm fast niemand Verpflegung oder Plündergut aus dem Dorf mit. Der Wald würde uns hoffentlich alles geben, was wir benötigten. Mit gesenkten Blicken entfernten wir uns immer weiter von den weinenden und verzweifelten Gestalten. Oberhalb der Felswand verharrte Pescepit noch eine zeitlang. Er wollte sichergehen, dass die Des-Majell auch tatsächlich ihre Fahrt ohne Umschweife fortsetzte. Eine Fahrt, die mit Sicherheit nur bis zum nächsten Küstendorf führte.

„Was hat Pescepit dem Kruuden gesagt?“ fragte ich Massak, nachdem wir die Felsen bereits weit hinter uns gelassen hatten.
„Er hat gedroht, vor allen Männern Positionsblut zu fordern.“
Positionsblut, das wusste ich, war die Herausforderung zum Zweikampf zwischen Hauptleuten im Heer König Ogessis. Wer sein Gesicht nicht verlieren wollte, musste sich dieser Aufforderung stellen. Der Kampf ging selten bis zum Tod, aber der Besiegte konnte seinen Rang an den Sieger verlieren, sofern König Ogessis es billigte, und natürlich nur, wenn der Besiegte den höheren Rang inne hatte.
„Aber warum hat der Kruude nicht eingewilligt?“ fragte ich verständnislos. Der Kriegsherr mit der schweren Rüstung und dem Langschwert, der Pescepit gut um einen Kopf überragte, war für mich der Inbegriff eines mächtigen Kriegers.
„Niemand“, sagte Massak betont, „niemand besiegt einen Ungeborenen im fairen Zweikampf!“


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Gilead
25.04.2008, 16:08
Sieben Feuer hatten wir auf der Lichtung entzündet, die uns in der kühlen Nachtluft etwas Wärme spenden sollten. Nur wenige konnten die Ruhe eines sorgentötenden Schlafes genießen. Zu viele Ereignisse hielten unsere Köpfe wach. Also versammelten wir uns in Gruppen vor den Flammen und lenkten unsere Gedanken mit leisen Gesprächen in andere Bahnen.
Weit waren wir nicht gekommen, was vielleicht auch daran lag, dass es belanglos war, wann wir unser Ziel erreichten, das die meisten von uns gar nicht kannten. Etwa gegen Mittenlicht hatten wir das Dorf verlassen, und neun Pram später, als die Sonne hinter den flachen Wipfeln der Bäume verschwand, lag nicht einmal eine viertel Tagspanne zwischen uns und der Steilküste Ra‘Ras Wenn wir in dieser Geschwindigkeit weitergingen, würden wir mindestens vier Tage brauchen, bis wir die Grenze zu Sidon erreichten und nochmals so viele bis zur Hauptstadt Ledyur. Ich hoffte, Pescepit schlug die nächsten Tage eine schnellere Gangart ein.

Mit jedem Pram war der Wald höher und dichter geworden. Die niedrigen, knorrigen Bäume und Sträucher der Küstenlinie waren in hohe Schwerttannen übergegangen. Dazwischen breiteten immer wieder die allseits beliebten Waschbäume ihre verkrüppelten Arme aus. In den Kratern dieser breiten, missgebildeten Äste sammelte sich das Regenwasser und dienten somit als Trink- und Waschbrunnen für Jäger, Wanderer und .... abtrünnige Söldner. Obendrein lockten sie auch viele Tiere des Waldes an und damit war das Umfeld eines Waschbaumes der ideale Jagdplatz.
Das hatte auch Daante, die Bogenschützin geahnt oder gewusst und mit einer sicheren Hand und scharfen Augen und der Hilfe eines weiteren Bogenschützen für die Füllung unserer Vorratsbeutel gesorgt. Andere hatten auch nach essbaren Beeren oder Pilzen Ausschau gehalten, waren aber erfolglos zurückgekehrt.
So füllten wir unsere Mägen mit Wasser und dem Fleisch von mehreren kleinen Dossons, einem langbeinigen Degossis und einem Spug mit wunderschön schimmernden Schwanzfedern. Einige hatten auch noch ihre Brotration von der Des-Majell bei sich und einige Plembeutel mit süßem Leethe gingen ebenfalls die Runde.
Nach dem Essen rückte ich näher ans Feuer und stocherte mit dem Säbel in glühende Äste. Massak und Daanta neben mir erörterten immer noch den Ausgang des Söldnerkonfliktes. Hinter uns schlief D’Ubp bereits zusam-mengekrümt auf dem weichen Waldboden, nur durch das geschützt, was er auf dem Leibe trug.
Pescepit saß ein Feuer weiter auf der gegenüberliegenden Seite, sodass ich ihn nur manchmal zwischen den tanzenden Flammen erkennen konnte. Er polierte bereits seit geraumer Zeit seinen beiden Prolschwerter mit beachtlicher Sorgfalt. Den unschätzbaren Wert dieser Waffen konnte ich nicht einmal erahnen. Ich hatte so viele Fragen an Pescepit, wollte die Wahrheit über Gerüchte wissen, die man sich über Seinesgleichen erzählte, doch Massak hatte mir davon abgeraten. Ein Ungeborener vertraut nicht jedem kleinen Söldner seine Geheimnisse an.

„... so wie D’Ubp und Kyron.“
Aufgeschreckt durch den Klang meines Namens drehte ich den Kopf zu Massak und Daanta.
„Was...?“
Daanta grinste. Ihre Lippen glänzten im flackernden Licht des Feuers. Sie hielt zwei Schwanzfedern des erlegten Spugs in der Hand und strich mit ihnen verspielt über ihr Gesicht.
„Massak und ich versuchen gerade herauszufinden, warum Randweltler wie wir in diesem sodinischen Krieg mitmischen wollen.“
Massak lehnte sich zurück um an Daanta vorbeizusehen. „Eigentlich wollte dieses kleine Mädchen hier an meiner Seite dich unbedingt kennenlernen, mein neuer Freund.“
Mit gespielter Entrüstung stieß Daanta ihren Arm in Massaks Seite. „Der Sucher wird deine Zunge verfaulen lassen, Khadoner, wenn du weiterhin solche Geschichten erzählst!“ Dann wandte sie sich an mich: „Aber vor-stellen könnten wir uns schon endlich. „Ich bin Daanta, wie du vielleicht schon mitbekommen hast. Genauer gesagt Kazine yz Behia Daanta Lehiorro. Es freut mich, dich bei uns zu haben.“ Sie rückte näher und streckte mir ihre Hand entgegen. Diese Geste der Freundschaft gab es in meiner Heimat nicht, aber ich wusste, dass sie bei den Ostmenschen und auch auf Sodinien gebräuchlich war. Ich drückte sanft ihre zartgliedrigen Finger und lächelte dabei höflich. „Kyron Thormè aus Atilien. Genauer gesagt nur Kyron. Du kommst aus Behia nehme ich an.“ Zu einer anderen Zeit und in einer anderen Umgebung wäre meine Begrüßung wahrscheinlich herzlicher ausgefallen. Zumal ich mit Frauen im Normalfall recht gut umzugehen wusste. Doch dies war keine normale Situation.
„Ein scharfsinniger Bursche aus dem Westen! Ich bin erstaunt!“ Sie lächelte verschmitzt. Ein Lächeln, das jede Frechheit verzeihbar machte. Ich wusste, dass die westlichen Länder des Randbundes wie Atilien, Sondrio oder Litarhout den Ruf hatten, rückständig zu sein. Vermutlich waren wir das auch. Jedenfalls gegenüber den hochstehenden Kulturen von Behia und Poi-Pon. Ein Vergleich, der viel Stoff für lange Debatten hergegeben hätte. Aber wie gesagt, an einem anderen Ort unter anderen Umständen.

Daanta hatte natürlich ihre lederne Rüstung abgelegt und trug nun nichts weiter als ein hauchdünnes, beinahe durchsichtiges, weißes Hemd und eine enge, an den Knien abgeschnittene, dunkle Hose. Mehr Stoff auf ihrer Haut hätte das Tragen der Rüstung zu einer Tortur gemacht. Ich fragte mich, wie eine zierliche Frau aus einem hoch kultivierten Teil des Randbundes danach streben konnte, mit schwerer Kampfausrüstung in einen Krieg zu ziehen, der ihr Volk ganz und gar nicht betraf. Obwohl viele Kriegerinnen diesen gefährlichen Schritt wagten, vermittelte Daanta mehr das Bild einer braven Kaufmannstochter denn das einer Söldnerin.
Sie mochte in meinem Alter sein, dreiundzwanzig Augphasen, vielleicht etwas jünger. Sie war ein gutes Stück kleiner als ich und ihr schlanker Körper wirkte fast knabenhaft. Kaum erkennbar waren ihre Brüste unter dem Stoff des Hemdes. Und ihr kurzgeschnittenes, nussbraunes Haar, das wirr und stachelig in alle Richtungen stand wie Felsnadeln in der Wüste des Nordens verstärkte noch den knabenhaften Eindruck. Ihr Gesicht war glatt und ebenmäßig, durchaus attraktiv, aber auch hier fehlte das bezeichnend Weibliche. Sie war vermutlich keine Frau, die begehrende Blicke auf sich zog, aber ihre Unbefangenheit und ihr wacher Verstand waren gewiss reizvoll.
„Zu welchem Schluss seid ihr gekommen?“ fragte ich.
„In bezug auf uns Randweltler?“
„Ja.“
„Nun, ein Teil der Söldner hier ist wie Massak. Sie sind seit vielen Augphasen Krieger. In ihrer Heimat, wenn sie gebraucht werden, oder Söldner jenseits des Ringmeeres in Friedenszeiten so wie jetzt. Sie haben nichts anderes gelernt als zu kämpfen.“
„Und warum stellen sie sich dann gegen den Kruuden?“
„Vielleicht weil diese noch Krieger sind, die Selbstachtung besitzen und nie Unbewaffnete erschlagen würden. Oder gar Kinder!“
Ich nickte zustimmend. „Das klingt einleuchtend. Aber haben sie das nicht vorher gewusst? Ich meine, wenn sie ihr ganzes Leben lang Krieger sind...“
„Massak sagt, die Zeit hat sich verändert. Als die südlichen Bundländer noch ihren Krieg gegen den Westen führten, trafen sich die Heere auf den Ebenen um ihre Schlachten auszutragen. Und selbst wenn eine Seite eine Stadt eingenommen hatte, so wurden die Bewohner größtenteils verschont. Sicher wurden viele versklavt und unzählige Frauen geschändet, was für euch Männer wohl unter Kriegsbeute fällt." Sie rümpfte bei diesen Worten leicht die Nase. "Jedenfalls wurden sie nicht so abgeschlachtet wie diese Fischer heute!“
Daanta drehte sich zu Massak um, erwartete von ihm wohl zumindest ein zustimmendes Grunzen, aber dieser hatte sich schon wenige Stangen von uns entfernt zur Ruhe gelegt.
„Und der andere Teil?“ bohrte ich weiter. Ich wollte einen Widerspruch aus ihr herauslocken.
Daanta rückte noch ein Stück näher und hielt ihre nackten Füße an das wärmende Feuer.
„Der ist so wie du und ich!“ Sie machte eine Pause, wartete bis ich mit einem fragenden Blick nachhakte.
„Der Frieden des Randbundes hat unser Leben öde gemacht. Wir brauchen das Angesicht der Gefahr, weil wir uns sonst nutzlos vorkommen.“
„Für die Gefahr gibt es Weidelöwen und Flussrennen. Und der Friede war nie öde für mich“, widersprach ich und hatte somit meinen stillen Triumph. „Das gilt also nur für dich, Daanta aus Behia!“
„Nein! Nicht wirklich!“ Sie grinste, und ich verstand. Sie hatte mich wieder geneckt. Ich hätte das als Spott auffassen und mich beleidigt abwenden können. Aber ihre sanfte Stimme, in der Klugheit und Sticheleien zu gleichen Teilen zugegen waren, regte etwas in mir.

Unvermutet wechselte sie das Thema: „Erzähl mir von deiner Heimat, Kyron!“ Dabei strich sie mit der Spugfeder wie beiläufig über meinen Arm. Versuchte sie mich zu betören? Ich wollte ich nicht – noch nicht – sagen, dass das Wort Heimat für mich nicht mehr existierte.
„Die Grasebenen Atiliens“, begann ich zögernd zu erzählen. „In ihnen bin ich aufgewachsen. Du wirst sicherlich annehmen, dass es eines der ödesten und langweiligsten Länder des Auges sei, und damit hast du vollkommen recht!“
„Nun, ich bin nicht gerade vertraut mit der Lebensweise in deiner Heimat. Immerhin liegen die Ebenen von Atilien und Sondrio am westlichsten Ufer des Ringmeeres und Behia im Osten. Kaum ein Schiff überquert das gesamt Ringmeer!“
Als ob ich das nicht gewusst hätte.
„Ist mir bekannt! Du musst nicht glauben, dass es in Atilien keine Lehrer oder Bücher gibt!“
„Verzeih mir bitte“, beschwichtigte Daanta aufrichtig. „Aber es gibt hier viele unter uns, die nicht lesen können und die nicht einmal wissen, in welchem Teil des Auges wir uns gerade befinden.“
Ich nahm ihre Entschuldigung mit einem Kopfnicken an.
„Erzähl mir mehr über Atilien, damit ich mir ein richtiges Bild davon machen kann!“ fuhr sie fort.
„Sollten wir uns nicht auch etwas hinlegen? Der kommende Tag wird anstrengend und vielleicht auch gefährlich werden.“
„Kyron aus Atilien! Du willst doch damit nicht sagen, dass dir Schlaf wichtiger ist als die Gesellschaft einer Frau, die sich für dein Leben interessiert, auch wenn sie nicht die Schönheit besitzt, junge Männer verrückt zu machen?“
Wieder diese gespielte Entrüstung. Es schien ihr durchaus Spaß zu machen, Männer, die sich das gefallen ließen, in Verlegenheit zu bringen. Ich sagte ihr also, was sie sichtlich hören wollte: dass sie schön sei und sich sicherlich viele Männer ihre Gesellschaft wünschen würden, und dass ich ihr solange über Atilien und mein Leben dort erzählen wolle, bis mir die Augen zufielen.
„Wirklich müde, junger Krieger?“
„Wenn ich meine Glieder befühle, so müsste ich mit ja antworten. Aber mein Kopf ist wach. Ich glaube, ich würde ohnehin keinen Schlaf finden nach diesem grauenvollen Tag.“
„Ja, er war grauenvoll! Aber er war auch lehrreich!“ Sie nahm einen Schluck aus Massaks Plembeutel, den er bei ihr gelassen hatte. Dann reichte sie ihn mir.
„Trink! Dann wird dein Körper keinen Schlaf mehr wünschen!“
Ich verstand zuerst nicht, was sie damit meinte. Erst als die Flüssigkeit meine Zunge umspülte bemerkte ich den süßen Beigeschmack des Wassers. Es war vermutlich die gleiche Substanz, die viele Krieger ihren Getränken beimischten, um dem Kampf ausdauernder und mutiger entgegentreten zu können.
Ich nahm noch einen großen Schluck und legte den Beutel dann beiseite.
„Ich werde mir meine Gönner von jetzt an sorgfältiger aussuchen,“ sagte Daanta mit ungewohnter Ernsthaftigkeit. „Und wenn es die unterlegene Seite ist dann unterliege ich eben! Aber ich will stolz sterben können!“
„Wollten wir vom Sterben reden?“
Sie lächelte mich an und die Heiterkeit kehrte in ihre Stimme zurück. „Nein, du hast recht! Erzähle mir von Atilien!“

So verbrachten wir die Zeit bis zum Erscheinen der ersten Sonnenstrahlen mit gegenseitigen Schilderungen aus unseren Ländern. Ich erzählte ihr von den Grasebenen, den Weidelöwen, den Menschen in meinem Dorf, meinen Schwestern und auch von dem Vorfall, der mich gezwungen hatte, das alles hinter mir zu lassen, wobei ich sorgfältig vermied, auf die Beziehung mit Nadarja näher einzugehen. Ich wusste schließlich nicht, wie Daanta diesen Punkt auffassen würde.
Als ich alles dargelegt hatte, was mir wichtig erschien und sich Daanta als begeisterte Zuhörerin erwiesen hatte, begann auch sie, mir ihren Lebensweg und das Leben in Behia zu schildern. Ihre Offenheit, in der sie manche Einzelheiten berichtete verblüffte mich, und mehr als einmal versuchte ich, in ihrem vom Farbenspiel der Flammen verzierten Gesicht Anzeichen einer Lüge oder einer Übertreibung zu entdecken. Ich erkannte nichts dergleichen.
Sie erzählte mir von ihrem reichen Elternhaus in Klaam, einer der größten Städte Behias, und vom Unverständnis ihrer Familie, was ihre Ansichten über die Aufgaben einer Frau betraf. Behia gehörte wie Poi-Pon und Rihad zu dem Teil des Auges, in dem Poi und Ostmenschen ihre hohe Kultur aufgebaut hatten. In dieser Kultur waren Kriegerinnen und Krieger nicht gerne gesehen, ausser sie arbeiteten für die Landeswächter. Alle anderen hatten eher den Status von Gesetzlosen. Daanta wollte eine Kriegerin sein, also hatte sie ihr Land und ihre Familie verlassen. Im Gegensatz zu mir aber freiwillig.
Weiters schilderte sie mir, wie sie in Khadon das Bogenschießen erlernt hatte, wie sie, ausgestattet mit dieser Fertigkeit, sich dann einem erfahrenen Söldner angeschlossen hatte, der auch für lange Zeit ihr Begleiter war, und viele Dinge mehr.

Dank des Trankes verspürte ich tatsächlich kein Gefühl der Müdigkeit mehr, und wir beendeten unsere Ausführungen erst, als sich einige unserer Gefährten bereits wieder von ihrem Schlaflager erhoben und mit trägen Bewegungen ihr karges Gepäck zusammenrafften. Nun sah ich auch, nachdem die Feuerstelle nur mehr aus den letzten Zuckungen widerspenstiger, nicht verenden wollender Flammen bestand, dass noch jemand auf seinen Schlaf verzichtet hatte. Pescepit saß noch immer auf derselben Stelle, seine Prolschwerter rechts und links neben sich liegend. Er hatte offensichtlich die ganze Nacht über Wache gehalten, ohne auch nur mit einem Ton oder einer Bewegung auf sich aufmerksam zu machen. Es wäre mir unangenehm gewesen, wenn er unser Gespräch belauscht hätte. Doch ich wusste, dass das Knistern der brennenden Äste unsere leisen Worte übertönt hatte.

„Ihr seid ja schon wieder munter“, knurrte Massak und zog ächzend seinen Bart unter seinem schweren Leib hervor. „Mädchen, du brauchst deinen Schlaf, du musst noch wachsen!“
„Ich wachse nicht mehr, Massak, und das weißt du auch.“
„Wenn du nicht essen würdest wie ein Dosson sondern mehr von eben diesen, gebe es durchaus noch die Möglichkeit.“
„Damit ich so wie du meine halben Kraftreserven benötige, um mich von meinem Schlafplatz zu erheben? Danke nein!“
Massak murmelte etwas Unverständliches. Dann begann er gemächlich, seine verstreuten Rüstungsteile einzusammeln.
Daanta hatte mir in dieser Nacht auch von ihrer Beziehung zu Massak erzählt. Sie hatten sich während ihrer Zeit in Khadon kennengelernt. Er war Kampflehrer für junge Landeswächter gewesen, in derselben Festung, in der Daanta gegen Bezahlung den Umgang mit dem Bogen erlernte. In einem Wirtshaus waren sie miteinander ins Gespräch gekommen, und seither sah Massak in ihr so etwas wie eine Ziehtochter. Sie vermutete sogar, dass er nur wegen ihr wieder die Söldnerlaufbahn eingeschlagen hatte.

Daanta lächelte mich an und ich lächelte zurück. Mir war klar, dass unser langes Gespräch ein völlig neues Verhältnis zwischen uns geschaffen hatte. Doch richtig einschätzen konnte ich diese junge Kriegerin noch lange nicht.
Ich richtete meine Kleidung und kramte meine wenigen Habseligkeiten in den schmalen Schulterbeutel. Wie viele andere hatte auch ich einen Teil meines Besitzes auf dem Schiff zurückgelassen, als wir uns in die Sturmboote drängten. Darunter waren meine beiden Schnürhemden gewesen, der Wasserbeutel, die Schlafmatte, verschiedenste Salben aus dem Heillager meines Dorfes, ein Tonkrug und eine Menge anderer Kleinkram. Am Vortag hatte ich noch keinen Gedanken an den Verlust verschwendet, doch jetzt, da ich den Rest meiner Habe begutachtete, kam der Ärger an die Oberfläche. Alles, was ich noch besaß, waren Stiefel und Weste aus teurem Vrandleder, eine dunkle Hose aus einem billigen Stoff, den man auf jedem Hafenmarkt aufgedrängt bekam und dessen Erzeugung und Verkauf die einzige Einnahme vieler Familien in den Küstenstädten des Randbundes war, Nadarjas Ostland-Dolch, der Säbel und ein paar mehr oder weniger wertvolle Dinge aus meiner Heimat, die ich vorsorglich immer in dem Schultergurt bei mir trug. Und natürlich ganze siebzehn Piask, für die man auf Sodinien, sofern sie ein Wirt überhaupt annahm, vielleicht drei Mahlzeiten erhielt. Also hieß es, sich umgehend einen neuen Gönner zu suchen.
Es gab keinen Befehl zum Aufbruch. Pescepit ging einfach los und die ganze Gruppe folgte ihm in mehr oder weniger großen Abständen. Ich wartete auf D’Upb, Massak und Daanta, die sich ihren Rückensack umschnallte, in dem sie ihre Lederrüstung verstaut hatte, und wir schlossen uns der vordersten Gruppe auf ihrem Weg über den verwilderten Trampelpfad an.

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Gilead
12.05.2008, 11:51
In den folgenden Tagen des Marsches gegen Norden wuchsen Daanta, D’Ubp, Massak und ich zu einer verschworenen Vierergemeinschaft zusammen, zu der sich manchmal auch Pescepit gesellte, der in Massak seinen wohl engsten Vertrauten gefunden hatte. Der bärtige Khadoner, dessen Alter ich beim besten Willen nicht erschätzen konnte, war auch der einzige, der über die Wesensart und Fähigkeiten des Ungeborenen einigermaßen bescheid wußte. Von ihm erfuhr ich auch, warum Pescepit in den meisten Nächten alleine Wache hielt, selbst wenn sich Freiwillige für diese Aufgabe meldeten: er benötigte nur sehr wenig Schlaf, und seine Sinne waren schärfer als bei jedem anderen von uns. Er sah Bewegungen und hörte Geräusch, die niemand sonst wahrnahm.
Vielleicht gerade deshalb wurde er mir von Tag zu Tag unheimlicher, auch wenn er selbst sich bemühte, wie ein guter Freund mit uns zu sprechen. Über seine Herkunft, seine Person, verlor er jedoch kein Wort. Auch Massak konnte darüber nichts erzählen. Aber er hatte schon einmal einen Ungeborenen getroffen. Dieser hatte in einer Hafenkneipe wie ein irrsinniger Halbmensch gewütet und sich schließlich selbst in sein Schwert gestürzt.
Diese Geschichte half nicht gerade dabei, Pescepit mehr Vertrauen entgegenzubringen.
Daanta und ich redeten viel miteinander. Wir schlugen uns zwar nicht mehr die Nächte um die Ohren, da wir uns nach den erschöpfenden Tagesmärschen den Schlaf herbeisehnten, aber untertags erzählten wir uns viele weitere Einzelheiten aus unseren Heimatländern und unserem Leben.

Am dritten Tag schlugen wir dann eine andere Richtung ein. Das Selmelan-Massiv rückte von Norden her in unser Blickfeld. Diese gewaltige Bergkette war die höchste und längste Sodiniens und ihre Gipfel waren schon aus einer Tagspanne Entfernung sichtbar. Und sie bildete gleichzeitig die südliche Grenze Pritaahns, dem Königreich Ogessis‘. Und diesem Königreich gingen wir tunlichst aus dem Wege. Also schwenkten wir in unserer Bewegung nach Nordwesten, und nach insgesamt vier Tagen, in denen wir gute sechs Tagspannen zurückgelegt hatten, was in bewaldetem und teilweise steilem, felsigen Gelände eine ausgezeichnete Leistung war, erreichten wir die kurze Grenze zwischen Ra’Ra und Skion. Pescepit hatte seine Schrittgeschwindigkeit von Tag zu Tag erhöht und seine Gefolgschar damit über fast eine Tagspanne auseinandergezogen. Auch aus diesem Grund schlugen wir in dem breiten Tal, dem Tor zu Skion, unser Lager auf. Den dichten Wald hatten wir hinter uns gelassen. Von nun an begleitete uns eine Ebene aus saftiggrünem Gras, durchbrochen von scharfkantigen Felsformationen. Es war beinahe wie in Atilien, nur eben mit Felsen, und das Gras in Atilien war länger und selten so grün.
Es dauerte bis zum Einbruch der Dunkelheit, bis sich alle Söldner im Lager eingefunden hatten. Oder zumindest fast alle. Ein paar Männer hatten wohl heimlich einen anderen Weg eingeschlagen. Aber das war ihr Recht.
Im Augenblick waren wir frei und konnten uns bewegen wohin wir wollten, oder zumindest wohin man uns ließ.
Dieses Mal hatten wir nur drei Feuer entfacht. Zu wenig Holz gab es hier und Fleisch zum braten war auch nur noch in begrenzter Menge vorhanden. Dafür hatten wir Säcke voll Wildlauch. Verhungern würden wir nicht, höchstens an dem bitteren, fasrigen Lauch ersticken.

Ein älterer Krieger trat zu uns ans Feuer und hockte sich neben Massak. „Wie siehts mit euch aus? Skion oder Delornè?“
„Hallo Bolgg. Seit wann ist Delornè eine Alternative?“ fragte Massak.
„Nun, wieso ist Skion unsere einzige Wahlmöglichkeit? Wegen ihm?“ Bolgg deutete mit dem Kopf auf Pescepit, der etwas abseits stand und seinen Blick über die Gipfel des Selmelans im Osten schweifen ließ.
„Immerhin hat er wahrscheinlich unsere Haut gerettet. Und Skion liegt jetzt direkt vor uns. Nach Delornè sind es sicher noch zwei Tagspannen.“
Bolgg nickte. „Da hast du natürlich recht, Massak. Aber Delornè hat Häfen. Einige von uns haben schon genug vom Krieg gesehen und wollen wieder zurück in die Randländer. Andere überlegen noch, sind aber der Ansicht, dass ein Hafen der beste Ausgangspunkt ist. Obendrein befindet sich Skion im Dauerkrieg mit Pritaahn. Und meines Wissens steht es nicht mehr zum Besten mit den skionischen Truppen.“
Daanta stand auf und musterte Bolgg argwöhnisch. „Na umso eher werden sie unsere Hilfe brauchen! Oder seid ihr plötzlich keine Söldner mehr?“
„Mädchen, ich weiß nicht welche Geschichten du eingetrichtert bekommen hast, aber wir Söldner verleihen unseren Schwertarm für Piask. Wir kämpfen, weil das Teil des Vertrages ist. Und wenn wir ohne zu kämpfen bezahlt werden, umso besser!“
„Du denkst so! Das glaube ich dir. Aber sprich nicht für alle! Andere habe vielleicht eine andere Anschauung.“
Bolgg winkte ab: „Ja ja, kämpfe ruhig für Ehre und Ruhm und die armen Unterdrückten!“ Er drehte Daanta den Rücken zu. „Massak, triffst du eine Entscheidung?“
„Ja, aber nicht alleine. Wir werden uns beraten.“
„Gut. Tut das! Wäre vernünftig, wenn wir alle zusammenblieben.“ Bolgg erhob sich wieder und entfernte sich von uns.

„Ein Freund von dir?“ fragte ich Massak.
„Wir haben früher zusammen gekämpft. Freund nenne ich ihn nicht.“
„Aber wir sind deine Freunde! Also, was sollen wir tun?“ D’Ubps helle Stimme erklang so laut, dass viele vom Feuerschein erhellte Gesichter sich uns zuwandten.
„Zuerst einmal leiser reden“, forderte Massak, was D’Ubp mit einem stummen Nicken akzeptierte.
„Pescepit will nach Ledyur. Ich werde ihm folgen. Gibt es Stimmen dagegen?“ Massaks Frage galt wohl hauptsächlich Daanta. Denn wenn sie sich dagegen entschieden hätte, hätte sicher auch der Khadoner seinen Entschluss noch einmal überdacht. Aber wenig überraschend signalisierte sie ihm ihre Beteiligung, was wiederum auch mich dazu veranlasste, durch Stillschweigen mein Einverständnis zu geben. Es spielte für mich ohnehin keine Rolle. Ein Land war so gut wie das andere. Und ich wollte meine neu gewonnenen Freunde nicht gleich wieder verlieren.
„Und was ist so bedeutsam an Skion?“ fragte D’Ubp mit erheblich gedämpfter Stimme. „Dieser Bolgg hat doch nicht unrecht. Von einem Hafen aus haben wir mehr Möglichkeiten.“
„Delornè ist arm!“ antwortete Massak. „So wie die anderen Küstenländer auch. Skion ist reich und mächtig, jedenfalls war das vor dem Krieg so. Sie werden uns dort brauchen und sie werden uns gut bezahlen.“
„Sagt Pescepit das?“
„Nicht direkt. Aber ich denke, das ist sein Beweggrund.“
„He D’Ubp, du willst doch nicht ohne uns durch Sodinien ziehen. Wer soll dann deine dummen Sprüche ertragen?“ fragte ich. D’Ubp quittierte das mit rollenden Augen.
„Überlegs dir gut!“ forderte Daanta. „Solche Freunde findest du nicht jeden Tag.“
„Ja, ja, gut, gut! Ihr habt mich schon. Ich komme mit euch! Beim Sucher, ohne eure augumfassenden Gespräche wäre es ohnehin öde.“ Wir grinsten uns gegenseitig an, und damit war der Entschluss besiegelt.

Am nächsten Morgen trennte sich unsere große Truppe. Bolgg und einige andere altgediente Söldner hatten die halbe Nacht lang Überredungsarbeit geleistet. So war es wenig verwunderlich, dass ein großer Teil der Männer und Frauen nach einer kurzen, unsentimentalen Verabschiedung nach Westen weiterzog. Pescepit schien dies nicht weiter zu stören. Im Gegenteil. Er wirkte erheblich lockerer, nachdem seine Gefolgschaft auf sechsundzwanzig Köpfe geschrumpft war.
Es war der neunundvierzigste Tag des ersten Grom, als wir skionisches Gebiet betraten. Die Landschaft wurde vom Pram zu Pram prächtiger. Unzählige Blütenköpfe hoben uns ihre farbige Pracht entgegen. Die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel, verschleierte mit ihren Strahlen sogar das Antlitz von Gromars Schlund und spiegelte sich in vielen kleinen Seen, manche nicht größer als der Grundriss einer Hütte. Sogar ein Kajanuu erhob sich vor uns in die Lüfte und kreiste mit imponierenden Flügelschlägen eine zeitlang über unseren Köpfen. Nur die Nahrungssuche gestaltete sich immer schwieriger, denn die Ebene schien nur kleine Wühldossons und Insekten zu beheimaten, und für den Verzehr von letzteren waren wir noch nicht hungrig genug. Deshalb bildeten wir mehrmals täglich einen großen Kreis, scheuchten die Dossons aus ihren Löchern und trieben sie in der Mitte zusammen, um sie dann mit Prügel zu erschlagen. Doch die kleinen, pelzigen Insektenfresser boten gerade genug Fleisch für einen Mann, und wir hatten selten das Glück, mehr als zehn von ihnen zu erwischen.

Am sechsten Tag unseres Marsches, wir waren nur noch zwei Tagspannen von Ledyur entfernt, entdeckte uns eine berittene Einheit der skionischen Garde. Elf Männer in funkelnden gelb-roten Rüstungen kamen auf ihren Menur, den schlanken und schnellen Reittieren Sodiniens, hinter einem Felsgebilde hervor und näherten sich uns vorsichtig mit kampfbereit nach vorne gerichteten Reiterlanzen. Pescepit trat ihnen entgegen und erhob die Hand zum Zeichen des Friedens. Der kleinwüchsige Anführer der Gardeeinheit brachte seinen Menur knapp vor Pescepit zum stehen und musterte uns verächtlich. Seine Männer behielten einen Respektabstand bei.
„Ihr habt die Grenze Skions überschritten und somit das Reich unseres geliebten Großpanarchen Nohiok des Zweiten betreten! Da ihr augenscheinlich aus den Küstengebieten kommt, seid ihr Feinde für uns! Also nennt euer Ziel, bevor wir euch töten!“
Angesichts unserer mehr als doppelten Stärke war seine Überheblichkeit wohl kaum mehr zu überbieten, obwohl die Lanzenreiter auf ihren beweglichen Menur und in schwerer Rüstung sicher ernstzunehmende Gegner waren.
Pescepit ließ sich nicht beeindrucken. „Wir sind nicht eure Feinde! Wir sind Söldner ohne Gönner auf der Suche nach Arbeit. Unser Ziel ist Ledyur, der Sitz des ehrwürdigen und für seine Großmut allseits bekannten Groß-panarchen!“ Die letzten Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Der untersetzte Gardeführer begann zu grübeln.
Daanta stellte sich neben mich. Ihr Kurzbogen lag bereits in ihrer Hand und ein Pfeil auf der Sehne, beides war noch auf den Boden gerichtet. Sie flüsterte mir zu: „Wenn dieser Dummkopf etwas Unüberlegtes macht, erlege ich seinen Menur direkt unter seinem fetten Hinterteil.“ Ich unterdrückte ein lautes Auflachen.
Dann erklang wieder die kräftige Stimme des Gardeführers: „Du bist ein Ungeborener!“ Es war eine Feststellung, keine Frage.
Pescepit nickte.
„Der edle Großpanarch hat viel für euch Ungeborene übrig, was ich selbst überhaupt nicht verstehen kann! Für mich seid ihr Ausgeburten von Gromars Schlund. Wenn es nach mir ginge, würdet ihr alle in Lethors Feuerhöhle schmoren!“
Pescepit zeigte keine Regung, was den Gardeführer sichtlich verunsicherte. „Nun, für Söldner haben wir kaum Verwendung in Skion! Unsere Garde ist unbesiegbar und hat es nicht nötig, sich mit dreckigem Diebsgesindel abzugeben! Aber vielleicht können deine Begleiter Arbeit im Steinbruch oder in der Sklavenküche finden!“
„Meine Begleiter sind Krieger und keine Sklaven! Möglicherweise hat König Ogessis von Pritaahn mehr Verwendung für gute Kämpfer!“ Pescepit wandte dem schockierten Mann den Rücken zu.
„Sprich diesen Namen nicht aus, du Abtrünniger! Ogessis‘ Hurenhaus wird zu Asche zerfallen mitsamt seinen verruchten Untertanen!“ Nach kurzem, wütenden Säbelschwingen beruhigte er sich wieder.
„Also gut! Wir erwarten euch in Ledyur! Der Großpanarch wird über eure Verwendung entscheiden!“
Für einen Augenblick glaubte ich, ein Lächeln in Pescepits uns zugewandtem Gesicht zu erkennen. Aber das konnte eigentlich nur eine Täuschung gewesen sein.
Die Gardisten zogen ab, und nach einer kurzen Beratungspause folgten wir ihnen nach Nordwesten.


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Gilead
27.05.2008, 13:07
Ich mach dann mal weider, ne? :D

Zwei Tage später erreichten wir Ledyur.
Die Wachen des gewaltigen Stadttores waren bereits über unsere Ankunft informiert worden. Nach ein paar nicht gerade freundlichen Begrüßungsworten, die vor Misstrauen strotzten, begleitete uns eine kleine Einheit der Garde durch die Straßen der Hauptstadt Skions.
Ich war überwältigt. Bisher waren die Hafenstädte Atiliens, Nistiliens und Sondrios die einzigen größeren Ortschaften gewesen, die ich besucht hatte, zumeist um Häute und Kräuter zu verkaufen oder gegen besondere Lebensmittel zu tauschen. Aber Ledyur übertraf diese Städte bei weitem. So weit der Blick reichte erstreckten sich die monumentalen, ineinander verschachtelten Gebäude, großteils aus rotem Mikstein errichtet. Viele von ihnen besaßen Wehrtürme, rund oder eckig, die sich in unterschiedlicher Höhe in den Himmel erhoben. Überhaupt war ganz Ledyur für die Verteidigung gerüstet. Die gigantische Stadtmauer war mindestens fünfzehn Stangen hoch und vier Stangen breit. So viel ich erkennen konnte, befanden sich auf ihr die verschiedensten Abwehranlagen. Große Steinschleudern konnte ich sehen, kleine Steinrutschen für einen für einen Feind, der unmittelbar unter der Mauer stand, schräge Steinrinnen für kochendes Öl oder ähnlichem ...
Ein vermeintlicher Angreifer war nicht zu beneiden. Das Stadttor selbst mündete in einem langen, von begehbaren Mauern umgebenen Wehrgang, der im Ernstfall zur tödlichen Falle werden musste.

Unsere Gruppe folgte den Gardisten mit angepassten Schritten und unter den abschätzenden Blicken der bunt gekleideten Bevölkerung. Pescepits schwarze Gestalt erntete wohl die meisten Blicke der scheinbar wohl-habenden Menschen von Ledyur. Ein Ungeborener lenkte immer die Aufmerksamkeit auf sich. Zu viele Gerüchte machten ein unscheinbares Auftreten unmöglich. Auch das hatte ich von Massak erfahren.
„Freunde, seht euch diese Häuser an! Und die Kleider erst!“ D’Ubp war ebenso begeistert wie ich. Wir müssen ziemlich dümmlich gewirkt haben mit unseren strahlenden Augen und heruntergeklappten Kiefern. Wir waren eben doch nur Bauernsöhne aus dem Westen, und das war schwer zu überspielen. Massak und Daanta konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen. Für Daanta war eine Stadt wie Ledyur nichts Besonderes. Städte wie Klaam und Sebria in Behia und natürlich das legendäre Esu`z in Poi-Pon besaßen noch bedeutend mehr Reichtum und kulturelle Schätze. Esu`z‘ Größe war ohnehin einzigartig im Auge. Und Massak war vermutlich der Weitestgereiste unter uns. Er hatte fast alle großen Städte und Festungen des Auges gesehen. Jedenfalls klang das in seinen Geschichten so, die er manchmal zu Besten gab.
Wir passierten große Weinhäuser, Markthallen, Kasernen und riesige Tempel, in denen der heilige Sucher verehrt wurde. Alles in Ledyur schien auf Größe ausgerichtet zu sein. Selbst einfache Mietshäuser und Läden übertrafen alles, was ich kannte.

Ledyur vereinte mehrere zehntausend Menschen innerhalb ihrer Mauern, nicht mitgerechnet all die kleinen Dörfer unter ihrem Schutz. Ich konnte mich an einen der langweiligen Lehrvorträge erinnern, in dem ich über die Handelsblüte und die Gesellschaft Skions gelernt hatte, die scheinbar ohne Sklaven auskam. Was im westlichen Randbund selbstverständlich war, war auf Sodinien eine einzigartige Ausnahme. So wie die Versammlung der Denker, die dem Großpanarchen zur Seite stand und ihn bei wichtigen Angelegenheiten beriet, die aber auch die Macht hatte, sich in Streitfragen einstimmig gegen ihn zu stellen. So weit ich wusste, gab es in allen anderen Ländereien des Auges nur uneingeschränkte Herrscher. Vielleicht war gerade deshalb Großpanarch Nohiok der Zweite so beliebt bei seinem Volk, dem er immerhin den höchsten Lebensstandard Sodiniens beschert hatte.

Wir wurden weiter die gepflasterte Straße entlang geleitet wie Sitzas auf dem Weg zum Markt. Und wir erhielten auch noch zusätzliche Begleitung: sechs oder sieben Kinder liefen um uns herum, lachten und berührten verstohlen manch Waffe oder Rüstungsteil mit einer Unbekümmertheit, wie sie nur Kindern zu eigen ist.
Nach einiger Zeit erreichten wir den Sitz des Großpanarchen, der sich als kleine Stadt innerhalb Ledyurs herausstellte. Auf ausschweifenden Prunk war beim Bau des Palastes und den angrenzenden Unterkünften für Diener und Gäste verzichtet worden. Keine Schnörkel, keine wertvollen Statuen oder Ornamente, Nohiok der Zweite schien ein überaus praktisch denkender Mann zu sein. Oder einer seiner Vorfahren war es gewesen.
Der Regierungssitz war von einer eigenen Mauer umgeben. Nicht ganz so hoch wie die Stadtmauer, aber eben-falls mit Wehranlagen versehen. Im Vorhof des Palastes wurden wir angewiesen zu warten. Die Gardisten, die die Palastwache stellten, beobachteten jede unserer Bewegungen misstrauisch. Wir konnten schließlich genausogut den Plan haben, den Großpanarchen zu ermorden. Und dann auf dressierten Kajanuus aus der Stadt zu fliegen...

Es dauerte nicht allzu lange, da trat ein Mann durch das Tor des Palastes und auf uns zu. Er war alt und dürr und in kostbare Gewänder in schillernden Farben gekleidet.
„Der Ungeborene wird gebeten, mir in den Palast zu folgen“, sagte er mit krächzender Stimme. „Die anderen warten hier bitte.“ Pescepit nickte uns zu und folgte dem Mann wortlos.
„Ich könnte nicht behaupten, dass ich mich hier besonders wohl fühle“, meinte D’Ubp und spähte unruhig in die Runde der Palastwache, die uns aus sicherer Entfernung fixierte.
„Warten wir ab“, sagte ich. „Pescepit wird schon das Beste für uns herausschlagen!“ Ich wusste nicht, ob ich mein ohnehin nicht allzu großes Vertrauen in den Ungeborenen nicht etwas zu hoch ansetzte.
„Hier in Ledyur zu arbeiten wäre sicher keine schlechte Sache“, bemerkte Mun. „Ich meine, habt ihr euch die Stadt angeschaut? Und die Bürger? Denen scheint es nicht gerade schlecht zu gehen. Hier ließe ich es mir gefallen.“
„Spricht der Dieb aus dir oder der Söldner?“ fragte Massak spöttisch. Mun war ein schlanker, junger Bursche aus Sondrio, der sicherlich schon jedem hier erzählt hatte, dass er wegen seiner unzähligen Diebstähle in Hafenkneipen und auf Märkten auf die Des-Majell flüchten musste. Ihm zur Seite stand Joldo, den er als seinen guten Freund ansah, was dieser aber mit Sicherheit nicht war. Joldo wirkte brutal und war immer nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Und seit er beiläufig erwähnt hatte, mit welchem Vergnügen er zwei Fischer bei dem Überfall vor nunmehr acht Tagen getötet hatte, wollte ich nichts mit ihm zu tun haben.
Ich setzte mich auf den Boden und fing an, kleine Muster mit meinem Dolch in die Steinplatten zu ritzen.
„Aber wenn die hier keine Söldner brauchen, werden wir Drecksarbeit machen müssen oder weiterziehen.“
„Ich werde sicher nicht als Küchenmädchen arbeiten oder die dreckige Wäsche der Garde waschen!“ sagte Daanta stolz. Sie hockte auf dem schweren Rückensack, in dem ihre Lederrüstung verstaut war.
„Das wirst du nicht, meine Prinzessin,“ beschwichtigte Massak. „Wenn Pescepit keinen Erfolg hat, marschieren wir weiter nach Lyv Omiach oder Miaks.“ Das waren das westliche und nördliche Nachbarland Skions.
Einige der Söldner stimmten zu, andere wollten auf alle Fälle hier bleiben. Für mich war nur entscheidend, wie meine Freunde sich einigten. Ich hatte keine größeren Ziele, denen ich folgen musste.

Zwei sodinische Pram waren vergangen und wir begannen, uns langsam Sorgen zu machen.
Pram war eigentlich eine rein sodinische Zeiteinheit. Sie entsprach etwa dem vierzigsten Teil eines Tages. Aber die Länder des Randbundes, die größtenteils noch das alte Sot verwendeten, tendierten immer stärker dazu, diese Einheit zu übernehmen.
Das Licht des Tages neigte sich seinem Ende zu und somit schloss auch Gromars Schlund seine Kiefer, um am nächsten Morgen sein gefräßiges Werk fortzusetzen. Es gab Gelehrte die behaupteten, dass Gromars Schlund auch in der Nacht weit geöffnet und nur für unsere Augen unsichtbar war, und dass er so viel vom Sonnenlicht fraß, dass es eines Tages kein Licht mehr geben würde. Doch ich hielt das alles für Unsinn, auch wenn ich mir vorstellen konnte, dass der heilige Sucher ewige Dunkelheit als angemessene Strafe für unsere Untaten hielt.
„Mir knurrt der Magen! Wenn ich nicht bald etwas esse, kann ich meine Axt nicht mehr tragen.“ Angesichts Massaks Körpermasse war diese Aussage lächerlich.
„Wir haben noch Wildlauch“, höhnte D’Ubp.
„Soll ich dir sagen, wohin du dir den Wildlauch stecken kannst?“
„Mir kannst du etwas geben“, forderte Daanta.
Joldo grinste sie an: „ Zum essen oder hast du was anderes damit vor?“ Er erntete damit keine freundlichen Blicke von Massak und mir. Aber Daanta war schlagfertiger: „Mit Kindern wie dir in der Gruppe, muss ein Mädchen sich mit Lauch begnügen!“ Allgemeines Gelächter, und gerade als Joldo zum Gegenschlag ausholen
wollte, trat Pescepit aus dem Palast, alleine und mit einem nachdenklichen Gesicht, das unsere Hoffnungen schwinden ließ. Wie auf ein Kommando erhoben wir uns und begegneten ihm mit fragenden Blicken. Unaufgefordert und mit seinen gewohnt unausgeschmückten Worten begann er zu erzählen: „Ich habe für euch Arbeit und Unterkunft zugesagt bekommen. Ihr werdet, wenn ihr wollt, für die Garde einfache Wach- und Botendienste übernehmen, und ihr bekommt Zimmer über einem Weinhaus in der Stadt.“
„Du redest nur von uns. Was ist mit dir? Bleibst du nicht bei uns?“ fragte Massak.
„Ich habe einen Auftrag erhalten. Das war Bedingung für eure Anstellung.“
„Einen Auftrag? Was denn für einen Auftrag?“
„Ich darf mit niemandem darüber reden. Auch das war Bedingung!“
Massak kratzte sich nachdenklich am Bart. „Ich bin damit nicht einverstanden! Vergessen wir Ledyur und vergessen wir Skion! Reisen wir weiter nach Lyv Omiach! Dort sind gewiss Söldner gefragt.“
„Ich habe Nohiok mein Wort gegeben. Ihr könnt tun, was euch gefällt, meine Freunde, aber ich werde meinen Auftrag erfüllen!“
Ein Gardist führte einen weißen Menur mit glänzendem Fell zu Pescepit und übergab ihm wortlos die Zügel.
„Diejenigen, die hier bleiben, werden mich vielleicht wiedersehen. Den anderen wünsche ich ein langes Leben.“
Seine Stimme verriet weder Trauer noch Missmut, doch seinem weißen Gesicht sah ich an, dass er über diesen Verlauf nicht glücklich war. Er legte Massak freundschaftlich die Hand auf die Schulter, dann bestieg er seinen
Menur und ritt eilig durch das Tor des Regierungssitzes.
„Rahoo Pescepit!“ rief Daanta ihm nach.
„Warum lässt er uns im Stich?“ fragte D’Ubp. „Warum fühlt er sich Nohiok mehr verpflichtet als uns?“
„Er hat immer seine Gründe“, antwortete Massak.
Der Gardist, der Pescepit den Menur gebracht hatte, trat auf uns zu. „Das Weinhaus, in dem ihr übernachten könnt, liegt gleich hinter dem Tempel der Versöhnung. Wenn ihr in den Dienst des edlen Großpanarchen Nohiok des Zweiten treten wollt, meldet euch beim achten Pram des morgigen Tages bei dem Hauptmann der Haupttorwache! Und dieses Schreiben übergebt ihr dem Wirt des Weinhauses. Alles, was ihr bei ihm verzehrt, wird von eurem Lohn abgezogen. Wenn ihr nicht bleibt, müsst ihr natürlich dafür bezahlen! Und versucht keine Betrügereien! In unseren Kerkern sitzen viele Fremde, die sich an uns bereichern wollten!“
Er übergab das gefaltete Stück Papier Massak.
„Die Großzügigkeit des Großpanarchen ist wirklich großartig, mein großer Gardist,“ verhöhnte ihn dieser, was der Gardist aber nicht so recht begriff.
Wir packten unsere Waffen und Gepäck zusammen und verließen gemächlichen Schrittes und unter strenger Beobachtung den Vorplatz des Palastes.
„Und was jetzt?“ fragte ich.
Massak klopfte mir auf den Rücken. „Jetzt werden wir beraten! Aber erst werden wir ausprobieren, wie der Wein in diesem Nest schmeckt und wie viele Sitzaschenkel ein schmaler Kerl wie ich verschlingen kann!“

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Gilead
18.06.2008, 15:35
Als die Trommelschläge den sechsten Pram verkündeten, erwachten wir in unserer zugeteilten Kammer, deren „Komfort“ uns am Vorabend beinahe die Sprache verschlagen hätte. Ein kleiner, runder Holztisch mit vier Hockern, fünf ungezieferverseuchte, bodenharte Schlaflager und ein großer hölzerner, lieblos zusammengenagelter Schrank, das war alles, was die Unterkunft zu bieten hatte.
Mit mir waren nur noch zehn Kameraden der einst so großen Söldnertruppe übrig geblieben: Massak, Daanta, Otonaz, der mürrische Barbar aus West-hanur und seine junge Schwester Heodil, D’Ubp und L’Ott, der wie er ein junger Draufgänger aus Litarhout war, Hesengart, ein ehemaliger Landeswächter aus Sondrio, Mun und Joldo, und ein weitgereister Abenteurer und Schwertkämpfer aus Pazii ab Ataanu namens Verten der Mutige. Mit letzterem hatte ich bisher kaum ein Wort gewechselt, aber er schien mir ein charakterstarker und kampferfahrener Mann zu sein. Aber ich sollte ihn bald näher kennenlernen, denn ich teilte mit ihm, Massak, Daanta und D’Ubp diese Kammer.
Die vierzehn anderen hatten uns nach etwas Wein und einer Mahlzeit nach Einbruch der Dunkelheit verlassen. Sie wollten in Lyv Omiach als Söldner kämpfen und nicht als Laufburschen für die Garde arbeiten, was ich durchaus verstehen konnte. Auch wir, die wir eine Zeitlang in Ledyur bleiben wollten, waren darüber nicht sehr glücklich. Aber wer wusste schon, ob es uns in Lyv Omiach besser ergehen würde? Wir kamen zu dem Schluss, dass es vernünftiger war, hier die nötigen Piask zu verdienen und dann auf gekauften Menur weiterzureiten. D’Ubp hatte recht gehabt. Wir waren dumm gewesen, auf unsere Heuer zu verzichten. Andererseits hätte sie uns L’Rocko oder der Kruude wohl kaum freiwillig ausbezahlt.
Pescepit war auch ein Grund, warum wir hier verblieben. Vor allem Massak und Daanta wollten vor seiner Rückkehr nicht weiterziehen. Wie lange das dauern würde wusste keiner.

„Ich habe Hunger!“ verkündete Massak lautstark und erhob sich schwerfällig von seinem Schlaflager.
„Dein Magen hat noch nicht einmal die drei Sitzaschenkel verdaut, die du gestern verdrückt hast,“ scherzte Daanta und öffnete die Luke zur Straße. Nicht einmal Ladanfenster gab es, wie sie bei den Prunkbauten derStadt üblich waren. Für die Herstellung dieser hauchdünnen, ölgetränkten und natürlich durchsichtigen Fenstertücher war Skion immerhin allseits berühmt.

„Mein Magen verdaut schneller als ich essen kann, Mädchen, deshalb braucht er laufend Nachschub.“
„Dann lass uns den Wirt überfallen,“ schlug ich vor, während mein Kopf sich von den Nachwirkungen des herben Weines zu erholen versuchte.
Wir richteten zügig unsere Kleidung und nach einem kurzen Besuch in der Waschkammer versammelten wir uns im unteren Stockwerk zum Frühmal. Die Gruppe aus der zweiten Kammer stieß nur wenig später zu uns.

„Meine Herren und Herrinnen, ihr wünscht ein Frühmal?“ fragte der Wirt und wischte die Speisereste des Vortages mit einem Stück Tuch zu Boden.
„Was gibt es zur Auswahl?“ D’Ubp spähte auf den benachbarten Tisch, an dem zwei Reisende hastig aus einer Schüssel löffelten und dann und wann vorsichtig zu uns herüber schielten. Beiläufig sah ich, dass einer von ihnen nur noch zwei Finger an der linken Hand hatte.
„Es gibt keine Auswahl. Es gibt nur das ...äh....Frühmal.“
„Und woraus besteht dieses herrliche ledyurische Frühmal?“
Der Wirt blickte D’Ubp schief an, überlegte augenscheinlich, ob dieser ihn für dumm verkaufen wollte. Natürlich tat D’Ubp das. D’Ubp verspottete auf seine Weise fast jeden Fremden, dem er begegnete, aber er war klug genug, seinen Spott wie argloses Geschwafel wirken zu lassen. Andernfalls würde er irgendwann in üble Schwierigkeiten geraten.
Auch der Wirt erkannte keinen Hohn. „Rübensuppe, Eier, Sitzaspeck und ...äh...Gelbbohnen!“
„Mir wird schlecht“, murmelte Daanta.
„Großartig!“ übertönte sie D’Ubp. „Genau das hätte ich auch bestellt!“
Der Wirt nickte. „Dann ist es ja gut.“ L’Otts unverhülltes Kichern bedachte er mit einem missmutigen Blick.
Dann schlurfte er in Richtung Küche.

Wenigstens ließ das Frühmal nicht lange auf sich warten. Und es schmeckte besser, als es sich angehört hatte, was Daanta allerdings nicht davon abhielt, den Teller angewidert von sich zu schieben. Massak sorgte aber dafür, daß kein Bissen zurück in die Küche wanderte. Nachdem wir gegessen hatten und im Gegensatz zum Vortag die Bezahlung auf unseren künftigen Lohn anschreiben ließen, machten wir uns gemächlich auf den Weg zum Haupttor.
Die Straßen waren bereits von regem Treiben erfüllt. Ein- und zweispännige Sitzakarren fuhren hoch beladen an uns vorbei, flankiert von Menschen mit Körben und Säcken.
„Markt!“ Hesengarts ausgestreckter Arm deutete nach Süden. Er hatte recht. Am Ende einer breiten Straße, die von der Hauptstraße südlich abzweigte, konnten wir Stände erkennen und eine große Anzahl bunter Gestalten. Und das Geschrei der Marktrufer war zu hören, untermalt von freudigen Tönen fremdartiger Instrumente.
„Markt, Markt, kaufen, kaufen!“ Daanta sprang auf Massaks breiten Rücken und geiferte scherzhaft mit zu Klauen geformten Händen in Richtung des Menschenauflaufes.
„Ja, ja, du behianische Prinzessin“, stichelte ich, „und mit was willst du einkaufen gehen?“
Daanta rutschte wieder von Massak herunter und zog ihr dünnes Hemd gleich. Gespielt schmollend kramte sie in dem Beutel an ihrem Gürtel und zog etwa zwanzig Piask hervor.
„Nicht schlecht“, sagte ich grinsend, „aber für ein neues Festgewand wird’s wohl nicht reichen.“
Massak streichelte mit seiner riesigen Hand tröstend über Daantas wirres Haar. „Keine Bange, Mädchen! Von deinem ersten Lohn kaufst du dir dann viele neue Kleidchen, damit du nicht immer in Männerhosen herumlaufen musst.“ Daantas Fausthiebe gegen seine Schulter ließ er lachend über sich ergehen.
„Du kannst dich aber auch selbst feilbieten! Ich habe gehört, die Bürger hier hätten großen Bedarf an Lustmädchen, weil in Skion das wohl verboten ist. Bei deinem Körper wirst du damit zwar nicht reich werden, aber ein paar Münzen sollten schon zu holen sein.“
Das war Joldo, der wie immer zwischen scherzhaften Sticheleien und einer handfesten Beleidigung nicht zu unterscheiden wusste. Uns allen fror das Lachen auf der Stelle ein. Selbst Mun blickte seinen Freund entsetzt von der Seite an. Auch Daanta sagte kein Wort, was angesichts ihrer üblichen Schlagfertigkeit nur bedeuten konnte, dass Joldos unbedachte Aussage sie wirklich getroffen hatte.
Massak und ich traten gleichzeitig einen Schritt auf Joldo zu, doch überraschenderweise kam Verten uns zuvor.
Verten der Mutige, der dunkelhaarige, muskelbepackte Kämpfer aus Pazii ab Ataanu, hatte sich in den vergangenen Tagen immer ruhig im Hintergrund gehalten. Er hatte sogar etwas hochmütig gewirkt, so als wollte er mit uns anderen Söldnern nichts zu tun haben. Doch jetzt stand er mit zwei schnellen Schritten hinter Joldo und legte seinen kräftigen Arm um dessen Hals. Die andere Hand hinderte Joldo daran, sein kurzes Schwert aus der Scheide zu ziehen. Joldo versuchte mit ruckartigen Bewegungen, sich aus dem eisernen Griff zu befreien, doch nach kurzer Zeit schon sah er die Sinnlosigkeit ein und gab den Widerstand auf. Zerknirscht hörte er zu, was Verten ihm mit rauher Stimme zu sagen hatte:
„Mein Gefährte mit der losen Zunge, ich glaube wir alle haben deine Gesellschaft lange genug genossen! Du solltest jetzt deiner eigenen Wege gehen! Oder willst du etwa bei uns bleiben und unsere geschätzte Begleiterin um Verzeihung bitten? Und geloben, dein Benehmen gegenüber deinen neuen Gefährten zu überdenken? Ja? Nein?“
Vertens Worte verblüfften mich. Sie zeigten, dass er sich sehr wohl unserer kleinen Gruppe zugehörig fühlte.
Mehr noch, er hatte uns sogar als seine Gefährten bezeichnet. Sein Sympathiewert bei mir stieg steil nach oben.
Joldos Zuneigung hingegen hatte er sich damit wohl nicht erkauft. Ich hätte einiges darauf verwettet, dass Joldo auf Verten und unsere Begleitung spuckte und ab jetzt alleine oder vielleicht zusammen mit Mun seiner Wege ging. Aber er überlegte kurz, dann nickte er mit dem Kopf, soweit es der Arm um seinen Hals zuließ.
Unverzüglich ließ Verten ihn los, aber seine Hand ruhte schon auf dem Schwertknauf, noch ehe Joldo eine Bewegung machte. Auch D’Ubp, Massak und ich warteten mit angespannten Muskeln auf Joldos Reaktion. Dieser überprüfte kurz die Unversehrtheit seines Halses, dann wandte er sich an Daanta, ohne sich von Verten wegzubewegen oder ihn eines Blickes zu würdigen. Dass er seinen ungeschützten Rücken weiter Verten zuwandte, sollte seine ehrlichen Absichten untermalen.
„Daanta, was ich gesagt habe war .... unbesonnen. Ich meine das nicht so. Ich bin im Hafen aufgewachsen, inmitten von Augmannen und Dieben. Und die meisten Söldner haben auch eine Sprache die ... voll derber Scherze und Anzüglichkeiten ist. Ihr seid anders. Aber ich will bei euch bleiben!“
„Dann überleg bevor du sprichst!“ forderte Massak. Dann zu Daanta: „Bist du mit seiner Entschuldigung zufrieden?“
Daanta zögerte nur kurz. „Sicher! Ein Mädchen unter ungebildeten Söldnern, da darf man nicht empfindlich sein! Hab ich recht, Heodil?“
Die zierliche Westhanur blickte Daanta verständnislos an. Wie ihr Bruder Otonaz verstand auch sie kaum ein Wort von dem, was wir sprachen. Warum die beiden unserer Gruppe immer noch wortlos folgten, wussten wohl nur sie selbst und der Sucher.
„He Verten, funktioniert dein Armtrick auch bei Frauen?“
Unsere gute Morgenlaune war wieder hergestellt. Aber Joldos Lächeln war falsch! Und ich wusste, dass auch Daanta das spürte. Wir würden diesen Burschen im Auge behalten müssen.

Der Hauptmann der Torwache war ein großgewachsener, übellauniger Kerl der keinen Zweifel daran ließ, dass er uns die Aufgaben übertragen würde, die sonst keiner machen wollte. Er überschüttete uns mit Beleidigungen, und Massak musste Verten den Mutigen zurückhalten, ihm das Wort mit seiner scharfen Klinge abzuschneiden.
Muns Frage nach der Ausstattung, die Gardisten zustand , wurde mit einem herzhaften Lachen übergangen.
Einzig und allein der Lohn, der uns versprochen wurde, verhinderte, dass wir umgehend durch dieses große Tor schritten und Ledyur den Rücken kehrten, Pescepit hin oder her. Denn die Bezahlung, die wir von nun an alle drei Tage erhalten sollten, war höher, als wir vermutet hatten. Offenbar galten im wohlhabenden Skion andere Maßstäbe. Also ließen wir uns missmutig in kleinere Gruppen aufteilen und die anstehenden Aufgaben erklären.
Verten, D’Ubp und ich hatten Ausbesserungen in den Abwehranlagen vorzunehmen. Massak und Otonaz brachten das dafür erforderliche Material aus den Magazinen. Die anderen bekamen verschiedene Wach- oder Botendienste aufgetragen und wir sahen sie bis zum Tagesende nicht mehr.

Die Arbeit auf der hohen Stadtmauer war schweißtreibend unter der wolkenlosen Mittenlichtssonne des dreiundfünfzigsten Tages des ersten Grom. Es herrschten zwar noch nicht die Temperaturen des zweiten Grom, aber dennoch war es für diese Zeit der Augphase ungewöhnlich warm. Verten hatte sich bereits seines Hemdes entledigt und riss mit einem seltsam geformten, metallenen Werkzeug morsche Bretter aus dem Podest einer großen Steinschleuder. Sein muskulöser Oberkörper war übersät von Narben. Ich wollte ihn nicht darauf ansprechen, noch nicht, doch D’Ubp hatte da weit weniger Hemmungen: „Also entweder du bist mit einem Schwarm Stachelvladors geschwommen, oder du hast wirklich schon an vielen Schlachten teilgenommen!“
Verten schmunzelte. „Letzteres trifft es eher. Aber diese Narben stammen von keinem Kampf! Jedenfalls keinem, bei dem ich mich wehren konnte.“ Bei den letzten Worten verblasste sein Lächeln und D’Ubp und ich sahen ihn fragend an.
„Nicht hier, nicht heute, Freunde!“ Vielleicht erzähle ich euch einmal davon bei einem Krug Leethe.“
Ich nickte verstehend.
„Und auch, warum man dich den Mutigen nennt“, ergänzte D’Ubp.
„Voio!“



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Gilead
21.07.2008, 16:57
Für alle Hartgesottenen, die vielleicht noch dabei sind....


Den ganzen Tag mühten wir uns unter ständiger Aufsicht auf der Stadtmauer ab. Mein linker Arm hatte auch wieder begonnen, unter der Belastung bis zur Schulter hinauf zu schmerzen. Als schließlich die Dunkelheit einbrach und wir uns alle wieder in dem Weinhaus einfanden, war niemand mehr zu Späßen oder langen Gesprächen aufgelegt.
Massak und Verten saßen noch einige Zeit in den unteren Räumen und betranken sich mit Wein und Leethe.
Mun und Joldo wagten sich trotz besserem Wissen auf die Suche nach käuflichen Mädchen, doch sie kamen unverrichteter Dinge und mit Flüche auf den Lippen wieder zurück. Für die Frage nach einem Hurenhaus wären sie beinahe noch im Kerker gelandet.
Für uns andere hatten die Schlaflager einiges an Unbequemlichkeit verloren.

Schon nach diesem zweiten Tag in Ledyur war klar gewesen, das dies kein Leben für Söldner war. Kämpfer waren keine Zimmerleute, keine Botenjungen, keine Lastenträger. Und doch schafften wir es, noch zwei weitere Tage mit den unterschiedlichsten Tätigkeiten zu überstehen. In dieser Zeit reparierte ich Mauerschleudern, polierte Säbel und Lanzen der Garde, bewachte Lagerhäuser und fällte sogar einige Bäume in einem nahen Wald. Vor allem das Bäumefällen war der Grund, warum D’Ubp und ich am Abend des vierten Tages die Weiterreise unserer Gruppe forderten. Und es gab keine Stimme, die sich dagegen aussprach. Auch Massak und Daanta waren einverstanden, wenngleich sie Pescepit nicht einfach so vergessen wollten. Vielleicht ergab sich noch eine Möglichkeit, das Ziel seines Auftrages ausfindig zu machen.

Wir hatten unseren Drei-Tage-Sold in der versprochenen Höhe abzüglich der Unterhaltskosten erhalten. Das machte uns bei weitem nicht zu wohlhabenden Reisenden und von einem Menur konnten wir uns davon nicht einmal das Zaumzeug leisten, aber zumindest für einige Lebensmittel sollte es reichen. Doch der nächste Morgen änderte alle unsere Pläne.
Der Pramtrommler, der gleichzeitig Ausrufer für Neuigkeiten des Landes war, verkündete es auf seinem täglichen Weg durch die Straßen der Stadt: eine von Ogessis‘ Söldnerarmeen hatte Grenzdörfer auf skionischem Gebiet überfallen, und es war anzunehmen, dass sie weiter vorrückten. Eine berittene Gardeeinheit war bereits aufgerieben worden. Der Krieg gegen Pritaahn war nach einem Grom trügerischer Ruhe neu entflammt.
Die Nachricht versetzte die Skioner nicht gerade in Angst, für aufgeregte Gespräche in den Straßen sorgte sie aber allemal.
Massak und Verten sahen sich gegenseitig an und nickten dann in stummer Übereinstimmung. „Unsere Gelegenheit!“ erkannte Massak. „Die werden jetzt froh sein, wenn sich Fremde freiwillig melden.“

Das war eine Behauptung, der der Leiter der Soldstube nicht beipflichten konnte, als Massak, Verten, Hesengart und ich einen Pram später vor seinen Schreibtisch traten. „Es gibt keine Söldner in der Garde! Söldner bleiben immer Söldner! Sie werden niemals mit solch einer Aufopferung und Heldenmut kämpfen wie die Söhne unseres Landes!“

Verten trat an den Schreibtisch, stemmte seine Arme gegen die Kante und beugte sich über den beinahe kahlköpfigen Soldmeister. „Söldner haben jeden Krieg im Auge entscheidend beeinflusst! Ihr solltet jedem Mann und jeder Frau danken, die an eurer Seite Ogessis die Stirn bieten wollen!“
„Danke! Aber wir brauchen euch nicht!“ Die Stimme des Mannes war brüchiger geworden angesichts Vertens funkelnder Augen. „Die skionische Garde ist unbesiegbar!“
„Ist sie nicht!“ Der Gardist trat aus dem Zwielicht des Nebenraumes und musterte uns eingehend. „Leider! Die siebenunddreißig Männer der berittenen Garde haben das wohl auch geglaubt. Ihre Körper liegen immer noch auf einem Acker nahe der Grenze.“ Der Mann, der etwa in Vertens Alter war, trug Brustharnisch und Stiefel der Garde. Er umkreiste uns langsam, prüfend, die Hände hinter seinem Rücken verschränkt.
„Warum wollt ihr für uns kämpfen?“ Er hatte seinen Kreis beendet und stellte sich direkt vor Verten.
„Weil wir damit unsere Piask verdienen“, antwortete dieser.
„Sodia.“
„Wie auch immer. Ob Piask oder Sodia. Wir sind Söldner aus den verschiedensten Beweggründen und wir kämpfen wo man uns benötigt und bezahlt.“
„Egal für wen?“
Verten hielt für einen Augenblick inne. Es war wenig ratsam, dem Gardisten unsere Erfahrung in Ogessis‘ Streifkräften mitzuteilen.
Massak mischte sich ein: „Nein, nicht egal! Nach Möglichkeit wollen wir gegen König Ogessis und seine Schergen antreten!“
„Ja, die Möglichkeit gibt es.“ Der Tonfall des Mannes war ruhig, er klang auch ein wenig entmutigt. Es hatte für mich sogar den Anschein, als würde er nicht an einen Sieg gegen Pritaahn glauben. Oder er hatte einfach nur diesen Machtkampf um das Zentrum des Auges satt. Er atmete tief ein und seine Stimme wurde wieder stärker.
„Wie viele seid ihr?“
„Elf.“ antwortete Verten. „Aber wir wissen noch nicht, ob sich auch alle uns anschließen werden.“
Der Soldmeister lachte laut auf und schüttelte verständnislos den Kopf. „Was sollen uns elf Randweltler schon helfen?“
„Wenn durch euch elf Gardisten weniger den Tod finden habt ihr uns schon geholfen“, entgegnete der Gardist, doch er sprach dabei zu Verten. „Tragt euch beim Soldmeister ein! Wenn ihr nicht für alle eure Kameraden sprechen könnt, kommt später noch einmal! Wir brechen morgen beim sechsten Pram auf. Ihr könnt hier vor der Kaserne warten.“ Er verabschiedete sich mit einem Nicken und einem leisen 'Rahoo' und verschwand wieder in dem kaum beleuchteten Nebenraum.

Zurück im Weinhaus rief Massak unsere Gruppe in einem der beiden Zimmer zur Besprechung zusammen. Das Ergebnis war eindeutig. Schließlich war dieser Krieg der Grund, warum wir alle hier waren. Wir hatten bereits die Gelegenheit gehabt, ja hatten sie jeden Tag, zum nächsten Hafen zu reisen und ein Schiff zu besteigen, das uns zurück in unsere Heimatländer des Randbundes brachte. Viele Männer und Frauen, die die Des-Majell nach Sodinien gebracht hatte, hatten diesen Weg bereits gewählt. Sie hatten sich gewiss verflucht, dass sie jemals einen Fuß auf dieses Schiff gesetzt hatten.

Plagten mich selbst Zweifel? Ja, jeden Tag! Aber als Vertriebener blieben mir nicht sehr viele Möglichkeiten.
Aber was war mit den anderen? Massak, Verten, Hesengart waren Berufskämpfer. Für sie gab es hier gute Piask zu verdienen. Über meine restlichen Begleiter, ausgenommen Daanta, wusste ich immer noch so gut wie nichts. Kaum einer sprach über seine Vergangenheit oder die Gründe, warum er Söldner geworden war.

„Gut, dann sind wir uns einig“, schloss Massak unsere Zusammenkunft. „Wir werden Skion im Kampf gegen Pritaahn unterstützen!“
„Vielleicht ist das ja jetzt die richtige Seite, auf die wir uns stellen“, mutmaßte Daanta.
Verten sah sie fragend an: „Welche ist die richtige Seite? Diejenige, die weniger Unbewaffnete tötet?“
„Die Siegerseite ist die richtige!“ tönte Massak.
„An der Ra-Ra-Küste waren wir auch auf der Siegerseite“, sagte Daanta leise. Ich nickte zustimmend, was Daanta mit einem angedeuteten Lächeln honorierte.
„Nun gut“, fuhr Massak leicht betreten fort, „wir werden schon noch unseren Weg finden. Und er wird der richtige sein!“
„Was tun wir bis dahin?“ fragte D’Ubp. „Vertrinken wir unsere Sodia?“ Ein überzogenes Grinsen zierte sein bartloses, fast weibliches Gesicht.
„Vielleicht sollten wir den Tag nutzen, um unsere Kampftechniken zu verbessern“, schlug Hesengart vor.
„Ich glaube, dass die Hälfte von uns in einem Zweikampf den Kürzeren ziehen würde.“
„Dann übe mal mit deiner Hälfte, wir anderen suchen ein paar gute Weinhäuser“, spottete D’Ubp.
„Hesengart hat recht!“ Verten zog sein Schwert halb aus der Scheide. „Ein bisschen Übung könnte uns allen nicht schaden.“
„Ja, aber dafür wird es noch Zeit geben. Ich tue jetzt das, was ich schon seit dem ersten Tag in Ledyur machen will.“
„Und das wäre, Daanta?“ fragte ich, doch ich hatte schon so eine Ahnung.
„Den Markt besuchen!“

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Gilead
07.10.2008, 13:30
Selbstverständlich marschierten wir nicht inmitten den Reihen der glänzenden Garde. Das hätte nach Aussage des befehlenden Hauptmannes, der überraschenderweise nicht jener aus der Soldstube war, die tadellose Erscheinung des Pandalons beeinträchtigt. Wir hatten uns in der hintersten Linie zu bewegen und waren für den Schutz der Sitzakarren verantwortlich, die mit monotonem, knirschenden Grollen die Lebensmittel und Tausende von Pfeilen transportierten.
Ein skionisches Pandalon bestand immerhin aus gut zweihundert Bogenschützen, verstärkt von vierhundert Gardisten mit Schwertern oder widerhakenbesetzten Lanzen. Entgegen allen Aussagen waren auch noch andere Söldner angeworben worden, größtenteils junge, abenteuerlustige Männer aus Lyv Omiach. Aber mehr als dreißig waren es wohl nicht.
Alle Nicht-Gardisten hatten eine rote Schärpe ausgehändigt bekommen, auf der das dunkelgelbe Kajanuu, das Wappentier Skions, aufgestickt war. Die Schärpe sollte uns im Kampf von den pritaahnischen Söldnern unterscheiden. Es war ein beruhigendes Gefühl, dass an solche Dinge gedacht wurde.

Wir waren exakt beim Trommeln des sechsten Prams aufgebrochen, nach einer viel zu kurzen Nacht.
Den halben Vortag hatten wir auf dem riesigen Marktplatz zugebracht und das, obwohl uns schon nach kurzer Zeit klargeworden war, dass für unsere kaum gefüllten Prolbeutel in Ledyur nur Weniges erschwinglich war. Dennoch war es vergnüglich, all die feilgebotenen Waren zu begutachten und den Schaustellern, Artisten und Musikern zuzusehen und –hören. Vielleicht konnte ich mir nach diesem Grenzeinsatz mehr leisten als nur einen billigen, neuen Wasserbeutel, eine Schlafmatte und ein dickeres, sandfarbenes Schnürhemd, das ich im kühlen Mundiogebirge sicherlich benötigte.
Auf D’Ubps Trinkvorschlag hatten wir in weiser Voraussicht verzichtet. Einigen Krügen Cosith konnten wir aber dann doch nicht widerstehen.

Nach anderthalb Tagspannen Fußmarsch sahen wir die Felsenfestung Leften über unseren Köpfen emporragen. Hier erwartete man den baldigen Angriff der pritaahnischen Söldnertruppen.
Von hier unten aus schien Leften allerdings uneinnehmbar zu sein. Ein steiler, grasbewachsener Hügel streckte sich zu den letzten Ausläufern des Mundiogebirges, von wo ein schmaler, gewundener Pfad in Fels gehauen zur Festung führte. Mit zweihundert Bogenschützen auf den Mauern konnte kein Feind bis zum Tor vordringen, so dachte ich. Ich sah dieser Schlacht mit Zuversicht entgegen, meiner ersten echten Schlacht, sofern es überhaupt dazu kommen würde und die pritaahnischen Söldnertruppen nicht inzwischen Skion schon wieder verlassen hatten.
Aber tief in meinen Eingeweiden hatte sich auch ein zäher Klumpen Angst festgesetzt. Ich war kein ausgebildeter Krieger. Ich konnte jagen, und ich hatte mit D’Ubp unter Deck der Des-Majell ein paar Hiebe und Blockhaltungen geübt, aber das war es dann auch schon mit meinen Kampffertigkeiten. Den Gedanken, dass die meisten Söldner – auch die feindlichen – besser mit ihren Waffen umgehen konnten als ich, hatte ich bisher weit beiseite geschoben und halb im Sand vergraben. Ich musste Verten oder Massak unbedingt bitten, mir noch einige Taktiken beizubringen, falls dafür noch Zeit blieb. Ich wollte schließlich nicht dumme Sitzas bewachen, während sich meine Freunde und die Gardisten ihren Sold im Kampf Mann gegen Mann verdienten.

Pritaahns Söldnerarmee hatte Skion nicht vorzeitig verlassen. Die Toten lagen weit verstreut. Einige waren am Fuße des Hügels von Pfeilen durchbohrt worden, andere hatten es fast bis zum Ende des Pfades geschafft.
Wenn diese Hundertschaft Söldner, denen bereits ein leichter Verwesungsgeruch anhaftete, den ganzen Angriff auf Leften widerspiegelte, dann waren wir umsonst gekommen.
„König Ogessis wird sich an Skion die Zähne ausbeißen“, behauptete D’Ubp und nahm einem toten Söldner mit flinken Fingern die prolene Halskette ab. „Wenn seine Söldnerarmee bei jedem erfolglosen Angriff auf eine skionische Festung so viele Männer verliert, wird bald kein vernünftiger Krieger mehr bereits sein, ihm zu dienen.“
„Ich bezweifle, dass seine Armee aus vernünftigen Leuten besteht“, sagte Daanta und schlug D’Ubp auf den Arm. „Und hör auf, die Toten zu bestehlen!“
D’Ubp blickte sie verständnislos an und steckte die handvoll Sodia ein, die er aus dem Gurtbeutel des Leichnams gekramt hatte. „Die Schätze der Besiegten sind ein Lohn für den Sieger,“ entgegnete er trotzig.
„Und du hast noch niemanden besiegt,“ warf Verten ein und Daanta schenkte ihm ein dankbares Lächeln.
„Dann ist es eben der Lohn für meine kommenden Taten,“ sagte er stolz und ließ sich zurückfallen, um weitere Leichname nach Sodia und Prolstücken zu durchsuchen. Joldo und Mun schauten dem nicht lange zu und durchwühlten ihrerseits ungeniert die Kleidungsstücke der Toten. Verwesungsgeruch und getrocknetes Blut störten sie dabei nicht im Geringsten. „Das wird unseren Sold verdoppeln,“ frohlockte Mun mit beinahe kindlicher Freude.
Auch L’Ott, der eigentlich zurückhaltende Bursche aus Litarhout, gesellte sich nun zu ihnen und begann sogleich, einen breiten Ring von einem angeschwollenen Finger zu zerren.
„Eine ekelhafte Angewohnheit von Söldnern“, murmelte Daanta und wandte sich angewidert ab.
„Vojo,“ stimmte ich ihr zu, bemüht, glaubwürdig zu klingen. Denn in Wahrheit hätte ich nur zu gerne meinen Prolbeutel ein wenig aufgefüllt. Denn die Toten brauchten ihre Schätze nicht mehr, und wenn wir sie nicht an uns nahmen oder die Gardisten, dann fanden sich andere. Aber für mein Ansehen bei Daanta, Massak und Verten verzichtete ich darauf.

Während eine Vorhut des Pandalons die Toten aus dem Weg räumte, schleppten wir uns mühsam den steilen Pfad nach oben. Besonders für die Sitzakarren war der Aufstieg gefährlich, und mehr als einmal konnten wir gerade noch ein Wegrutschen der Räder verhindern. Leichter Regen setzte ein, doch ehe der Pfad schlammig wurde, erreichten wir das bereits für uns geöffnete Tor der Festung. Die beiden Gardehauptleute begrüßten sich
wie alte Freunde. Beim Einmarsch in die Festung, flankiert von jubelnden Gardisten, erfuhren wir, dass der zurückgeschlagene Feind nur ein Stoßtrupp gewesen war und sich vermutlich in absehbarer Zeit eine größere Streitmacht einfinden würde. Doch der Festungshauptmann war zuversichtlich, mit der erhaltenen Verstärkung auch diese zurückschlagen zu können.

Leften war eine kleine Burg, ohne großartige Verteidigungsanlagen und eigentlich nur als Beobachtungsposten für Truppenbewegungen gedacht, doch die hervorragende Lage machte sie wehrhafter als so manche Festung in der Ebene. Und diese Ebene war von hier aus tagspannenweit einsehbar. Wie ich später selbst feststellen sollte, konnte man an klaren Tagen im Westen sogar Ledyur erkennen, im Norden und Osten grenzte der zerklüftete Felswall des Mundiogebirges den Horizont ab während weit im Süden die Konturen des Selmelan-Massivs in den Himmel ragten.
Zweihundertvierzig Männer der Garde hatten den ersten Angriff abgewehrt, also waren nun mit dem Pandalon und den Söldnern beinahe neunhundert Mann stationiert. Und mit Daanta und Heodil zwei Frauen, was für einige belustigte und auch lüsterne Blicke sorgte.
Neunhundert Mann in einer kleinen Festung, deren Unterkünfte für vielleicht halb so viele ausgelegt waren. Das hatte zur Folge, dass in den Schlafsälen ein heilloses Gedränge herrschte, was uns Söldnern wiederum egal sein konnte, weil für uns ohnehin nur Schlafplätze auf den Sitzakarren übrig blieben. Bei den eisigen Winden des Mundiogebirges, die auch hier noch zu spüren waren, war das keine besonders angenehme Schlafgelegenheit, und vor allem die verwöhnten Lyv-Omiach-Söldner beschwerten sich schon vorab lauthals.

Beim sechsundzwanzigsten Pram - ja, auch Leften hatte seinen Pramtrommler – lagen wir bereits eingerollt in Decken der Garde auf unseren Schlafmatten auf den ungeschützten Ladeflächen der Karren. Die Sonne hatte sich gerade erst in die Obhut des Suchers begeben, aber der lange Marsch hatte uns ermüdet und wir wollten für einen eventuellen Angriff am Morgen ausgeruht sein.
Der Angriff kam nicht. Nicht am Morgen, nicht zu Mittenlicht, nicht am Tagesende. Die Vorbereitungen für die Verteidigung waren getroffen, also warteten wir. Die Gardeführer teilten uns keine Arbeiten zu, sie ließen uns nicht mit den Gardisten exerzieren, man konnte sagen, sie ignorierten unsere Anwesenheit völlig. Also vertrieben wir uns die Zeit mit einem komplexen, skionischen Würfelspiel und mit Trainingseinheiten auf einem kleinen Platz hinter den Sitzaställen.

„D’Ubp, Kyron, Joldo, Mun, L’Ott! Ihr seid nie als Krieger ausgebildet worden, also ist es an der Zeit, dass ihr einmal ein paar Übungsstunden absolviert!“ Massak warf einen Stapel Übungsschwerter aus ungeschliffenem Brsan-Stahl vor unsere Füße.
„Denn euer nächster Kampf wird nicht gegen Frauen und Unbewaffnete sein,“ fügte Daanta leise hinzu. Das war eine ungerechte Aussage. Schließlich waren wir alle hier, weil uns der erbarmungslose Angriff auf das Fischerdorf die Augen geöffnet hatte. Massak machte ihr das auch mit einer seltenen Barschheit klar.
„He, ich habe sehr wohl eine Kampfausbildung erhalten!“ rief D’Ubp entrüstet. „Ich war zwei Grom lang Landeswächter in Litarhout, bis ... bis sie mich nicht mehr wollten.“
„Zwei Grom Landeswächter“, spottete Massak. „Na dann hast du die Ehre, uns als Erster dein Können vorzuführen. Wen willst du als Gegner haben?“
„L’Ott!“
„Scherzbold! Natürlich keinen von euch fünf! Ihr sollt ja zeigen, wie gut ihr euch gegen echte Kämpfer behaupten könnt.“
„Dann gegen dich, du aufgequollener Erbsensack!“
„Ich stampf dich in den Boden, du gelockter Rübenkopf!“
D’Ubps und Massaks Schmähungen waren natürlich weit entfernt jeder Ernsthaftigkeit. Beide ergriffen sich je ein Übungsschwert und gingen langsam aufeinander zu.
Der Kampf dauerte ungefähr so lange wie der Flügelschlag eines Kajanuu.
D’Ubp täuschte einen weiten, hohen Schlag an, fuhr dann pfeilschnell mit dem Schwert nach unten und zielte mit der Spitze auf Massaks Bauch. Dieser schlug das Schwert mühelos mit seinem Schwert beiseite, packte mit der anderen Hand D’Ubp am Nacken und schleuderte ihn, dessen Angriffsschwung ausnützend, zwei Stangen hinter sich vor Daantas Füße. „Der Nächste!“ rief diese belustigt.
„Gut, jetzt Joldo!“ forderte Massak, während sich D’Ubp fluchend aufrappelte und den Staub von seiner Kleidung wischte.
Joldo trat vor, griff sich eines der Schwerter und wiegte es prüfend in seiner Hand. „Ich will aber gegen Verten antreten!“ Darauf hätte ich wieder gewettet!
„Oh, Joldo der Mutige gegen Verten den Mutigen! Ganz wie du willst.“
Der Kampf zwischen den beiden dauerte um einiges länger. Was man bei D’Ubp nicht erkannt hatte war bei Joldo offensichtlich: er hatte eine Ausbildung genossen. Es gelang ihm, einige Angriffe Vertens mit Mühe abzuwehren, aber schlussendlich unterlag er dem deutlich besser geübten Krieger hochgradig.
„Kyron, gegen wen willst du antreten? Ach ja, Daanta kommt nicht in Betracht als Bogenschützin!“
Ich verzog meinen Mund zu einem gekünstelten Grinsen. „Na dann vielleicht Heodil?“ Das war als Scherz gedacht gewesen, aber Massak wandte sich ohne zu zögern an die zierliche Westhanur. „Heodil, kämpfen gegen Kyron?“ Er deutete auf mich und hielt ihr das Übungsschwert hin. Heodil nickte sofort. Dann legte sie ihr eigenes Kurzschwert ab und nahm die stumpfe Waffe entgegen.
Als sie mir unbewegt und konzentriert gegenüberstand nahm ich zum ersten Mal die Gelegenheit war, sie genau zu betrachten. Heodil war noch jung, viel-leicht sechzehn oder siebzehn Augphasen hatte sie hinter sich. Sie war klein und zierlich, aber ihre Muskeln waren gestählt. Sie hatte die typischen Gesichtszüge der Südbarbaren: hohe Wangenknochen, schmale, nach hinten gezogene Augen und eine flache Nase. Ihr dunkles Haar, das sie offen trug, reichte ihr bis zum Gesäß.
Sie trug nur Stiefel, einen Lendenschurz und eine geschnürte Weste, aber ich wusste, dass sie bei kühler Witterung - was für uns West- bzw. Ostmenschen frostkalt hieß - manchmal einen Umhang überwarf. Alle Kleidungsstücke, sowohl von Heodil als auch von ihrem Bruder Otonaz waren aus Fellen mir unbekannter Tiere gefertigt. Die Hanur waren ein fremdartiges, kriegerisches Volk. Sie sprachen nicht die Sprache des Auges und sie hatten ihre eigenen Gesetze und Regeln. Es hieß, die Hanur, hauptsächlich allerdings die Osthanur, hätten den Krieg der Randländer damals vom Zaun gebrochen um ihre Länderein auszudehnen. Aber sie hatten verloren, weil sie keine Ahnung von Taktik hatten. In den meisten Ländern des Auges galten die Hanur als Barbaren, nur wenig weiter entwickelt als die Halbmenschen des Nordens.
Heodil fixierte mich mit ausdruckslosem Gesicht. Es war ein Gesicht, das schon viel erlebt, viel gesehen hatte.
Ein Gesicht, das offenbar niemals lächelte.

„He Kyron, wir wissen ja, dass du keine Frauen schlägst, aber könntest du diesmal bitte eine Ausnahme machen?“ Nichts weißt du. Keiner wusste, was ich in dem Dorf getan und beinahe getan hatte.
Ich ging vorsichtig auf Heodil zu, seitwärts, um ihr möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Gleichzeitig schätzte ich ab, wo das Mädchen am verwundbarsten war, wo sie vielleicht ihre Deckung vernachlässigen würde. Ich versuchte, es D’Ubp nachzumachen: eine angetäuschte Attacke, um dann einen anderen Punkt rasch anzugreifen.

Das nächste, das ich wahrnahm, war Wasser, das in mein Gesicht spritzte.
„Nun Kyron, wir werden dich jedenfalls von feindlichen Kriegerinnen fern halten.“ Massak lachte laut und beugte sich über mich. „Geht’s?“ fragte er boshaft und stellte den hölzernen Wasserkrug beiseite.
„Was ist passiert?“ fragte ich und stemmte mich in eine sitzende Position. Die ganze Gruppe stand um mich herum, alle mit mitleidigem oder schadenfrohem Grinsen. Was mich am meisten überraschte: selbst Heodil und Otonaz lächelten.
„Falls du es nicht mehr weißt,“ antwortete Verten, „du hast die junge Heodil als Gegnerin erwählt, eine fast fertig ausgebildete Kriegerin der Westhanur, gegen die nicht einmal ich antreten möchte!“ Er streckte mir seinen Arm entgegen und zog mich wieder auf die Füße. „Sie hat dich mit einem Schlag ihrer zierlichen Hand in die Dunkelheit von Gromars Schlund geschickt. Aber sei nicht bestürzt! Diese Niederlage ist keine Schande!“
Ich konnte mich dieser Meinung nicht anschließen. Grollend entfernte ich mich und setzte mich einige Stangen weiter in den Staub. Etwas mehr hätte ich von meiner Vorstellung schon erwartet.
Aber Mun und L’Ott erging es auch nicht viel besser. Mun prüfte seine Fertigkeiten an Hesengart und L’Ott versuchte sich an Massak. Beide unterlagen klar. Mun schien überhaupt noch nie ein Schwert in der Hand gehalten zu haben. Ich fragte mich allen Ernstes, was wir junge Randweltler uns dabei gedacht hatten, in diesem Krieg mitzumischen.
„So Freunde,“ begann Verten der Mutige, „es ist, wie ich mir gedacht habe. Ihr seid nicht reif für eine Schlacht!
Wenn ihr wollt, werden Hesengart, Massak und ich euch ein wenig Übung verschaffen, solange wir noch Zeit haben. Wir müssen verhindern, dass ihr euch nicht zu wehren wisst, wenn euch ein erfahrener Kämpfer gegenübersteht.“
„Ich weiß mich zu wehren“, behauptete D’Ubp und wirbelte sein Übungsschwert kunstvoll zwischen seinen Händen hin und her.
„Ja,ja, selbstverständlich! Vielleicht findest du auch einen schwächlichen Gegner, der dir das glaubt. Aber wir zwingen euch nicht. Wer mitmachen will – wir beginnen gleich jetzt. Vielleicht können Otonaz und Heodil euch auch ein paar Kniffe beibringen.“ Verten blickte fragend zu Massak, der sich wiederum an die beiden Geschwister wandte und einige leise Worte mit ihnen wechselte. Schließlich war er der einzige von uns, der die Sprache der Hanur ansatzweise verstand. Für den Rest verstanden die beiden auch genug von unserer Sprache, wahrscheinlich mehr als wir vermuteten.


Jede Art von Kommentaren immer noch gerne hier....
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Gilead
20.10.2008, 11:27
Das hier sollte nun der richtige Link für gern gesehene Kommentare sein:
http://www.fantasy-forum.net/showthread.php?t=476

Gilead
11.12.2008, 16:15
Keiner von uns hatte geahnt, wie viel Zeit wir wirklich zur Verfügung hatten. Drei Tagspannen lang trafen wir uns jeweils zum elften Pram am Morgen und zum einundzwanzigsten Pram nach Mittenlicht und übten mit den verschiedensten Waffen, manchmal bis Sonnenflucht. Ich hätte vermutet, dass Joldo nicht teilnehmen würde, aber er erwies sich sogar als gelehriger Schüler, auch Verten gegenüber. L’Ott war es, der aus unerfindlichen Gründen abseits blieb, aber dennoch jede Übung mit Interesse verfolgte. Und Daanta übte natürlich für sich selbst. Niemand von uns anderen konnte mit dem Bogen vernünftig umgehen.
Ich konnte nicht behaupten, dass ich in diesen drei Tagspannen zu einem perfekten Krieger wurde, dafür wären wahrscheinlich drei Augphasen nötig gewesen, aber zumindest schafften es Verten und Hesengart, dass ich im Umgang mit meinem Säbel um einiges sicherer wurde. Ich erlernte, wie ich Angriffe wirkungsvoll abwehren konnte und welcher Hieb bei welcher Position des Gegners am sinnvollsten war. Und ich erfuhr zum ersten Mal, wie man die Stärken und Schwächen seines Gegenüber an dessen Bewegungen und Blicken einschätzen konnte.
Otonaz und Heodil versuchten auch, uns einige waffenlose Taktiken beizubringen, aber das scheiterte alleine schon unserer mangelhaften körperlichen Ausdauer und Gelenkigkeit wegen kläglich.

Am zweiten Tag setzte stärkerer Regen ein, und vor Mittenlicht des dritten Tages rieselten sogar Eisflocken auf Leften hernieder. Aber das schmälerte unseren Eifer nicht. Wir bekamen sogar Tag für Tag mehr Zuschauer.
Viele Gardisten, die gerade keine anderweitigen Befehle hatten, schauten angelockt von dem Klirren der Übungswaffen auf dem Platz hinter den Sitzaställen vorbei, hockten sich auf den Boden oder stellten sich in kleinen Gruppen abseits auf und beobachteten uns aufmerksam. Natürlich gab es auch den einen oder anderen Schmährufer, wenn Mun, D’Ubp oder ich uns gar zu dumm anstellten, aber vor allem bei Vertens Schwertkünsten, Massaks Stärke oder Heodils Körperbeherrschung vernahm man des öfteren bewundernde Zurufe.
Am vierten Tag, wir hatten gerade erst angefangen und sogar zwei Söldner aus Lyv-Omiach als neue Schüler begrüßt, meldete eine Erkundungseinheit die nahende Armee des Gegners. Die Tage des Wartens waren vorbei.
Während wir unsere Übungswaffen beiseite legten und besonnen unsere Kampfausrüstung von den Sitzakarren hievten, wurden die Gardisten von aufgeregten Hauptleuten zusammengetrieben. In alter Manier schrien sie ihre Befehle hektisch durcheinander und sorgten damit nur für noch mehr Verwirrung. Erst als jeder Gardist seine Rüstung angelegt hatte, die Bogenschützen ihre Stellung auf der vorderen Mauer eingenommen und sich der Rest des Pandalons und der Festungsbesatzung auf den Türmen und hinter dem Haupttor verteilt hatten, kehrte wieder etwas Ruhe ein. Den Rufen aus den vorderen Türmen nach zu urteilen, war das Söldnerheer noch mindestens einen Pram entfernt.

„Es tut gut, einmal einen Haufen disziplinierten Männer zu sehen“, bemerkte Daanta und streifte sich zum krönenden Abschluss ihrer Verwandlung zu Daanta der Bogenschützin den ledernen Vollhelm über.
„So, der Feind kann kommen!“ Nicht einmal ihre Lippenbewegungen waren noch zu sehen. Einzig ihre Augen waren hinter dem durchgehenden Sehschlitz zu erkennen, und mit einem von beiden zwinkerte sie mir zu.
„Und du Kyron? Willst du die Pfeile mit deiner geblähten Brust abfangen? Und du D’Ubp? Mun?“
Massak, der gerade den Sitz seines Helmes mit einigen harten Faustschlägen prüfte, drehte sich herum und betrachtete uns abschätzend. „Daanta hat vollkommen recht. Was nutzt eine hervorragende Kampfausbildung, wenn euch jeder beiläufige Hieb zu Gromars Schlund befördern kann?“ Er schlug mit der flachen Hand gegen sein Kettenhemd. Sein langer Bart wogte vor seiner mächtigen Brust hin und her. „Ihr braucht etwas mehr Schutz als nur eure Brusthaare!“
Massak sprach zweifellos wahr. Bisher hatte ich mir nur Gedanken darüber gemacht, wie ich mit meiner Waffe umgehen sollte aber nie, welchen Schutz ich sonst noch benötigte. Bei einem Überfall auf Fischer war eine Rüstung nicht unbedingt erforderlich, aber bei der Verteidigung einer Festung sehr wohl. Doch gab es da natürlich ein großes Problem: ich konnte es mir nicht leisten. Rüstungsteile waren teuer, und dabei spielte es nur eine untergeordnete Rolle, ob sie aus Leder, Stahl, Brsan oder gar Prol waren.
„Ist schon klar, Massak,“ sagte D’Ubp, „aber bisher hat mir leider noch niemand eine Rüstung geschenkt.“
„Aber Hauptsache, ihr schneidet Ringe von den Fingern Toter!“ entgegnete Daanta brüsk. „War da draussen nicht vielleicht auch ein passender Harnisch für dich dabei?“
D’Ubp atmete tief ein, hielt die Luft kurz an und ließ sie dann pfeifend wieder entweichen. „Verflucht! Die Leder-Behiane hat recht. Ich Narr! He Daanta, am Fuße des Pfades liegt ein Söldner, so ein muskulöser Kerl wie ich, der hat einen toll verzierten, blutverschmierten Harnisch umgeschnallt. Wärst du so lieb und steigst für mich dort hinunter?“
Daantas Gesichtsausdruck war unter dem Helm nur zu erahnen, aber ihre Körpersprache offenbarte ihre Gedanken eindeutig.
„Dann lasst uns zur Waffenkammer gehen,“ schlug Verten vor. „Es werden wohl noch ein paar Rüstungen übrig sein.“ Er selbst trug seinen ledernen Brustpanzer und je ein paar Arm- und Beinschienen aus dünnem Stahl.

„Kein Zutritt für Söldner!“ Der junge Hauptmann an der offenstehenden Tür der Rüstkammer ließ in seiner Stimme unverhüllte Ablehnung mitklingen.
„Wir kämpfen in eurem Dienst und einige von uns benötigen noch Rüstungen.“ Verten blickte entschlossen auf den kleineren Mann hinunter. Es war nicht so, dass Verten der Mutige von sich aus immer die Stimme unserer Gruppe an sich riss. Wir wussten inzwischen einfach, dass er die größte Überzeugungskraft von uns besaß. Seine tiefe Stimme zusammen mit seiner kräftigen Statur konnten so manchen Gesprächspartner überreden.
Dieser hier wirkte allerdings wenig beeindruckt. „Die Rüstungen und Waffen der Garde sind nur für Gardisten!“
Joldo drängte sich vor: „Für diesen Kampf gehören wir auch zur Garde! Ihr habt uns schließlich angeworben!“
„Ha, ihr Abschaum gehört sicher nicht der Garde an! Im besten Falle dürft ihr die Sitzakarren bewachen oder unsere Pfeile einsammeln!“
„War das ein Nein?“ fragte Massak gallig.
„Verschwindet, und versteckt euch in den Ställen, bis alles vorüber ist!“
„Dann hoffe ich, dass ich auch einen Pfeil aus deinem Körper aufsammeln darf.“
Wir kehrten dem Hauptmann den Rücken zu. Es war sinnlos, vielleicht sogar gefährlich, mit diesem selbstgefälligen Gardisten einen Streit zu beginnen.
„Dann nehmen wir eben toten Gardisten die Rüstung ab“, schlug ich vor.
„Auch die Rüstungen der Toten gehören der Garde!“ schrie er uns hinterher. Ich war nicht sicher, ob er meine Worte gehört oder erraten hatte.

„Ist doch egal“, sagte ich schließlich, als wir den Festungshof betraten und sich die Sonne in hunderten plankpolierten Rüstungen und Helmen spiegelte. Und mehreren Reihen standen die Gardisten mit dem Rücken zu uns.
„Wer weiß schon, ob wir überhaupt kämpfen müssen.“
„Oder dürfen“, ergänzte D’Ubp. Er deutete mit dem Kopf auf den schmalen Wehrgang der Festungsmauer. Der östliche Teil mit dem Haupttor und den zwei niedrigen, zinnenbewährten Türmen war über und über mit Bogenschützen bevölkert. Kein anderer Gardist oder Söldner konnte dort oben noch einen Platz finden.
„Sehen wir uns das Schauspiel von dort aus an.“ Verten zeigte auf einen kleinen runden Turm an der Südmauer, nicht größer als ein Notdurft-Schrein, und vielleicht war er auch genau das. Eine schmale Steintreppe führte neben dem Burgschmied hinauf bis zu einer Falltür unterhalb des überhängenden Türmchens. Hintereinander erklommen wir die Stufen und Massak stieß die unverschlossene Falltür nach innen. Im Turm selbst gab es nichts ausser vier Scharten für Bogenschützen, die aber derzeit noch unbesetzt waren, und einer Leiter hinauf zur Dachplattform. Oben gab es kaum genug Platz für uns alle, aber dafür einen herrlichen Blick auf die Ebene unter uns. Der Felsen ausserhalb der Südmauer fiel über hundert Stangen steil nach unten ab. Aus dieser Richtung konnte niemand zur Festung vordringen. Und im Westen und Norden gab es nur unwegsame, scharfkantige Geröllhänge. Also blieb nur die Ostmauer mit dem Haupttor zu verteidigen. Bis auf das letzte Stück des Pfades konnten wir von unserem Platz aus den gesamten Weg des Feindes einsehen. Und der Feind kam!

Wir sahen den dunklen, schemenhaften Wurm aus Kriegern schon auf der Ebene herannahen, aber es dauerte noch einen halben Pram, bis die Armee der pritaahnischen Söldner den Fuß des Hügels erreicht hatte. Es verursachte ein Kribbeln auf meiner Haut, den Gegner meines ersten Kampfes stetig näherkommen zu sehen.
Es war kurz vor Mittenlicht des zweiundsechzigsten Tages des ersten Grom. Die Luft war kalt und klar und die Sonne vermochte nur wenig Wärme durch die pfeifenden Winde des Mundiogebirges zu schicken.
Der Feind war gewarnt. Vermutlich hatten die Überlebenden des ersten Angriffs von dem Pfeilregen berichtet, den sie zu erwarten hatten, denn wie ich erkennen konnte trugen viele der Söldner mannshohe Holzschilder mit sich. Deshalb hatten sie wohl auch so lange auf sich warten lassen. Sie mussten diese Schilder erst anfertigen. Schilder, die den Ausgang der Schlacht noch erheblich beeinflussen sollten.

Als die erste Angriffswelle von etwa fünfhundert Mann den steilen Hügel erklomm, ging ein Raunen durch die Reihen unserer Bogenschützen. Wenn sich der Schilderwall, den die ersten Reihen des Feindes bildeten, als undurchdringbar herausstellte, würde die Verteidigung von Leften um einiges schwieriger werden.
Die pritaahnischen Söldner marschierten in enger Formation und mit schnellem Schritt den gewundenen Pfad zu uns herauf. Als sie in Reichweite der skionischen Kurzbögen kamen, erteilte der Festungshauptmann lauthals den Abschussbefehl. Eine todbringende, schwarze Wolke erhob sich zu einem kurzen Bogen und senkte sich dann auf die feindlichen Söldner nieder, bohrte sich in Erde, Fleisch und Holz. Gleich darauf folgte eine zweite und eine dritte. Doch der erhoffte Erfolg blieb aus. Vielleicht jeder zehnte Gegner sank getroffen zu Boden.
Den Großteil der Pfeile wehrten die hohen Schilde ab, die in geschulter Präzision teils hoch und teils niedrig gehalten wurden, um im idealen Winkel die dahinter geduckt marschierenden Truppen zu schützen. Dann verschwand der Hauptteil des Feindes in einer Biegung, in einer Falte des Felswand, die von unseren Bogenschützen nicht eingesehen werden konnte.
„Pflügt sie nieder, wenn sie wieder erscheinen!“ schrie einer der Hauptleute, der eine gewisse Panik in seiner Stimme nicht verheimlichen konnte. Im Hof der kleinen Festung bereitete sich die Garde auf einen Nahkampf vor, den sie eigentlich noch immer nicht für möglich hielt. Weiterhin galt die Meinung, dass kein Gegner bis zum Tor vordringen, es zumindest nicht überwinden konnte. Zwischen dem Ende der Felswand und Leften lagen noch gut hundert Stangen freies Gelände. Und auch wenn die Bogenschützen versagten, so konnten immer noch vierhundert gepanzerte Gardisten eine Ausfall versuchen, dem zumindest diese erste Angriffswelle kaum standhalten konnte. Das Gros der pritaahnischen Armee wartete noch immer unbewegt am Fuße des Hügels.

„Gehen wir runter?“ fragte Mun unsicher. Wir schauten uns gegenseitig fragend an, und ich erkannte die Antwort in jedem einzelnen Gesicht.
„Wir warten!“ bestimmte Massak schließlich. „Ich will sehen, was weiter passiert.“ Dem folgte kein Widerspruch.
Die ersten Schildträger tauchten am Ende des Pfades auf, gefolgt von weiteren, doch der Hauptteil der Söldner verharrte offensichtlich weiterhin im Schutz der Felsen. Die fünfzig oder hundert Männer mit den hohen Schilden verfielen in einen Laufschritt und hielten erst etwa dreißig Stangen vor dem Tor an. Eiligst schlossen sie sich auf der kleinen Ebene vor der Festung zu einer Barriere zusammen. Wieder regnete es Pfeile auf sie hernieder, doch kaum eine Spitze fand Fleisch, in das sie sich bohren konnte.
Fasziniert und aufgeregt verfolgten wir die Aktion des Feindes. Was hatte er vor? Was war sein Plan? Bestand Gefahr für uns? Unwillkürlich legte ich meine Hand auf Daantas in Leder gehüllte Schulter.
Dünne, gewundene Rauchsäulen entsprangen plötzlich hinter dem Schilderwall.
„Feuerwerfer!“ Dieser Ruf verbreitete sich innerhalb der Festung wie giftiger Nebel. Unruhe kam in die Gardisten. Ihre schönen, ausgerichteten Reihen im Hof begannen unsicher zu wanken, bekamen Löcher, wurden zu einer Masse auseinanderstiebender Individuen.
Fragend sah mich L’Ott an, doch ich konnte ihm nur mit einem Achselzucken antworten.
„Runter! Wir müssen runter von hier!“ Hesengart stieß D’Ubp und Heodil mit seinem Paleium, der traditionellen Stangenwaffe der Landeswächter unsanft zur Seite um an den Ring der Falltür zu gelangen. „Wir werden gleich Lethors Feuerhöhle kennenlernen!“
„Er hat recht“, kommentierte Verten und half Hesengart beim Öffnen der schweren Klappe. „Wir müssen runter vom Turm.“
Ohne Fragen zu stellen folgten wir den beiden eiligst in das Innere des kleinen Turmes. Mun verhakte sich beim Abstieg auf den schmalen Sprossen der hölzernen Leiter und riss bei seinem Sturz auch noch L’Ott mit sich.
Beide landeten unsanft auf dem Steinboden des Innenraumes.
„Wartet!“ befahl Verten, als Hesengart die untere Falltür geöffnet hatte. „Ich glaube, hier sind wir sicherer als im Hof.“
„Sicherer vor was? Sag es uns!“ schrie Joldo ungeduldig.
„Das.“ Verten zeigte mit steinerner Miene aus der östlichen Mauerscharte. Wie auf ein Kommando drängten wir uns zu der Öffnung, jeder versuchte, einen Blick auf die gegenüberliegenden Ereignisse zu erhaschen.
Ein Schwarm dunkler, rauchender Kugeln stieg jenseits des Tores empor, jede so groß wie der Kopf eines Menschen, und senkte sich dann fast gemächlich nieder auf Wehrpfad und Innenhof. Und als sie aufschlugen, wurde Lethors Feuerhöhle Wirklichkeit, so wie Hesengart es angekündigt hatte.


Kommentare bitte hier :)
http://www.fantasy-forum.net/showthread.php?t=476

Gilead
19.01.2009, 15:30
Die Kugeln zerplatzten auf Stein, Erde, Holz, und auch auf so mancher Rüstung, und schleuderten stangenlange Feuerzungen in alle Richtungen. Es hatte den Anschein, als wäre ein Teil der Sonne abgebrochen und in Leften aufgeschlagen. Innerhalb kürzester Zeit brannte die Festung an allen Ecken. Selbst Stein vermochte den Hunger dieser dämonischen Waffe zu nähren. Der Felsboden des Hofes hatte sich teilweise in ein Feuermeer verwandelt und schreiende Männer, deren Kleidung unter den Rüstungsteilen brannte, rannten ziellos umher, bis sie schließlich zusammenbrachen und die Flammen ihr Fleisch verkohlten.
Ein zweiter Schwarm Feuerkugeln folgte, offenbar gezielt gegen Torhaus und Wehrgänge geschleudert. Eine Brandung aus Flammen fegte die verbliebenen Bogenschützen von der Mauer oder verwandelte sie in brüllende, menschliche Fackeln.
„Beim ...Sucher! Was ist das?“ Erschüttert starrte ich auf die abrupte Vernichtung unserer Verteidigung, die sich wahrhaftig in Rauch auflöste.
Verten riss sich von dem Anblick los und schaute hastig auf die Steintreppe unter der offenen Falltür.
„Feuerwerfer!“ antwortete er beiläufig aber mit erregter Stimme. Dass Verten, Verten der Mutige, Anzeichen von Furcht zeigte, war für die Situation nicht sonderlich hilfreich. „Nur Ogessis hat diese Waffe! Nur sein Hof kennt die ... Zusammensetzung der Flüssigkeit in den Tonkugeln.“
„Flüssigkeit die Stein anzündet?“
„Ja! Und jetzt kommt! Wir müssen nach unten!“
„Nach unten? Du hast doch gesagt, dass wir hier sicherer wären!“ schrie Daanta ungläubig. Doch Massak antwortete ihr mit einem Fingerzeig auf die obere Falltür. Brennende Tropfen bahnten sich ihren Weg durch die schmalen Ritzen, fielen wie prolene Tränen des Suchers von der Decke und erzeugten kleine Pfützen freudig tänzelnder Flammen zwischen unseren Füßen.
Ohne Worte rannten wir Verten hinterher die Treppe zum Hof hinunter. Eine ungeheure Wand aus Hitze schlug uns entgegen. Im ganzen Festungshof schrien Gardisten durcheinander. Einige brüllten Befehle, andere schrien ihren Schmerz im Todeskampf zum Firmament. Ein junger Bursche taumelte auf uns zu, krallte sich schreiend und wimmernd an Massaks Kettenhemd fest. Seine Füße brannten und seine Hände waren verkohlt. Massak packte ihn an den Schultern und riss ihn zu Boden, und sogleich schlugen Daanta mit ihrem Kleiderbeutel und Heodil mit ihrem Umhang auf die Flammen ein, versuchten, den kreischenden Lyv-Omiach-Söldner von seiner feurigen Last zu befreien. Aber dieses Feuer ließ sich nicht ersticken. Dies war dämonisches Feuer. Ogessisfeuer! Mit jedem Schlag schien es stärker zu werden, griff schließlich sogar nach Daanta und Heodil selbst, wollte die beiden Mädchen und den Söldner in Hitze vereinen. Massak und ich zogen die beiden weg von dem Burschen, der schon längst das Bewusstsein verloren hatte. Die niedrigen, gierigen Flammen hatten inzwischen schon seinen Unterleib umhüllt. Hesengart sah nicht länger zu. Laut ächzend stieß er die Spitze des Paleiums in die Brust des Söldners.
Eine Gruppe Gardisten mit erhobenen Lanzen rannte an uns vorbei, hielt für einen Augenblick inne, betrachtete uns und den toten Burschen zu unseren Füßen argwöhnisch, erkannte dann aber doch die Tatsachen.
„Ausfall!“ rief einer der Männer uns zu. „Kommt schon, oder wollt ihr hier verbrennen?“ Mit diesen Worten liefen sie weiter in Richtung Tor.
„Dann los!“

Das Feuer war noch jung. Es hatte noch nicht genug Zeit gehabt, sich zu einer undurchdringlichen Wand zu vereinen. Dort wo die Tonkugeln aufgeschlagen waren, stießen die Flammenzungen in die Höhe und breiteten sich kreisförmig aus. Langsam, gemächlich aber dennoch unaufhaltsam. Doch noch gab es Zwischenräume. Und diese hieß es zu nutzen, wenn man das Innere Leftens einigermaßen unbeschadet queren wollte.
Die Hitze war fast unerträglich. Sie brannte auf der Haut, in den Augen, und mehr als einmal vergewisserte ich mich, dass ich selbst nicht auch schon brannte. Daanta, die vor mir lief, war in dieser Situation zu beneiden, denn ihre Lederrüstung schützte sie beinahe vollends vor den Flammen. Ein lautes Bersten ließ mich zusammenzucken. Das Dach des Kommandantenhauses stürzte ein und sandte eine Wolke aus Staub und Funken über unsere Köpfe hinweg.
Wir erreichten das Tor ohne nennenswerte Verletzungen. Die beiden hölzernen, mit Brsan-Stahl verstärkten Flügel standen hell von unten bis oben in Flammen , aber sie waren geöffnet. Mit schützend vor mein Gesicht gehaltenen Armen lief ich hinter Daanta her auf die Ebene hinaus. Meine aufgeheizte Haut genoss den Kontakt mit dem jetzt lieblich kühlen Gebirgswind, ebenso meine Lunge und meine tränenden Augen. Mein Lauf wurde jäh gestoppt als ich gegen Daantas Rücken prallte, was wiederum zur Folge hatte, dass wir beide kopfüber einen niedergekauerten Gardisten stürzten.
„Gebt Obacht, ihr Sitzas!“ knurrte dieser und wandte sich wieder seinem verletzten Kameraden zu, der ausgestreckt vor ihm lag. Fluchend erhoben wir uns wieder und blickten uns um. Leften stand in Flammen. Schwere Rauchschwaden überzogen die Festung und verbanden sich langsam mit den tiefliegenden, gelben Wolken. Geschockt beobachteten wir, wie in diesem Moment die Fahne Skions auf einem der Türme zu einem unförmigen, schwarzen Fetzten Stoff verkam. Das war wohl das Zeichen, dass wir hinter diesen Mauern keinen Schutz mehr finden würden. Mauern, an denen Feuer wie ein zäher Brei herunterrann, ja die selbst zu schmelzen schienen.
Auf der kleinen Ebene vor uns hatten sich die Reste der Garde versammelt. Es waren viele Männer, mehr als ich angesichts des feurigen Regens vermutet hatte. Aber es gab auch viele Verletzte, die rund um einen geretteten Sitzakarren herum lagen oder saßen und von einigen Gardisten versorgt wurden. Die Feuerwerfer und Schildträger hatten die Gardisten verjagt, doch die Hauptstreitmacht des Feindes befand sich nun bereits auf dem Pfad zur Festung. Heodil und Otonaz gesellten sich stumm zu Daanta und mir, Verten, Massak und D’Ubp standen nicht weit entfernt vor uns und Hesengart konnte ich inmitten der sich wieder formierenden Garde ausmachen.
Die anderen drei sah ich nirgendwo. Ich zog meinen Säbel aus dem Gürtel und schlug ihn prüfend mehrmals gegen den Boden. Jetzt war es soweit. Kampf um des eigenen Überleben willens.
Daanta schnallte mit geübten Fingern den kurzen Bogen von dem Köcher auf ihrem Rücken und legte einen der Pfeile aus gebranntem Holz lose auf die Sehne.
„Viel Glück, Kyron“, sagte sie, ohne mich anzusehen.
„Voio. Uns allen Glück.“
Jemand klopfte mir freundschaftlich auf den Rücken. Es war Heodil, und das war ihre Art, mir Glück zu wünschen. Glück? Das war kein Schaustellerspiel! Hier ging es nur um Können! Und gerade daran zweifelte ich. Verten, Massak und D’Ubp kamen nun auch näher. Von Weitem war bereits das Brüllen der anstürmenden Söldnermassen zu vernehmen.
„Kyron und D’Ubp, bleibt in unserer Nähe!“ empfahl Verten. „Wenn wir es schaffen, zusammenzubleiben, haben wir auch eine Möglichkeit, das hier zu überstehen.“ Nichts lieber als das, dachte ich, und D’Ubp und ich nickten einwilligend.

Dann sah ich den Feind durch kleine Lücken in der Formation der Garde. Mit lautem Kampfgeschrei erreichten die pritaahnischen Söldner die Ebene und griffen sogleich die Reihen der Gardisten an. Sie trugen keine einheitlichen Rüstungen oder Farben, sie waren ein wilder Söldnerhaufen wie wir beim Überfall auf das Fischerdorf einer gewesen waren. Manche waren halbnackt, andere trugen schwere Kampfrüstungen, die fremdartige Wappen zierten. Ihre Waffen waren Schwerter und Äxte, Bogen und Lanzen und einige eigenartige Gebilde, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Alles in allem konnte die anstürmende, schreiende Masse einem das Fürchten lehren. Wir waren kaum mehr als sechshundert Mann, und was da auf uns zukam, mussten weit über eintausend Krieger sein.

Bogenschützen der Garde, die wenigen jedenfalls, die den vernichtenden Feuersturm überlebt hatten, ließen einen tödlichen Regen auf den Feind niedergehen. Dieses Mal sah man den Erfolg, doch im Verhältnis zur Anzahl der Gegner war er unbedeutend. Viele Söldner wurden aus ihrem Lauf gerissen und stürzten wahrhaft akrobatisch auf das niedrige Gras, und ihre toten oder verletzten Körper wurden von den Füßen der Nachfolgen-den malträtiert. Doch schon bald hatten sie unsere ersten Reihen erreicht und der Kampf Mann gegen Mann entbrannte, auf den wir so gerne verzichtet hätten.
Ich hielt meinen Säbel auf Brusthöhe und stellte mich rechts neben Daanta, während Verten ihre linke Seite deckte. Verzweifelt schoss sie Pfeile über die Köpfe der Gardisten hinweg, bis ihr Köcher leer war. Dann hing sie sich ihren Bogen wieder um und zog ein langes, schlankes Messer aus ihrem rechten Stiefel.
Die Garde hielt dem Angriff eine zeitlang stand und es sah schon so aus, als würden Ogessis‘ Schergen vergeb-lich gegen vorgehaltene Lanzen und die Schilder der Schwertkämpfer anrennen. Doch dann entstanden Lücken.
Vielleicht waren es kleine Gruppen besonders kampfstarker Feinde, oder umgekehrt einzelne Abschnitte der Verteidigungslinie, die aus unerfahrenen oder feigen Männern bestand, warum den Söldnern plötzlich der Durchbruch gelang. Vielleicht war es auch beides zusammen. Auf jeden Fall war das der Anfang vom Ende einer effektiven Abwehr. Sobald es die ersten Gegner hinter die Linien der Garde geschafft hatten, löste sich die Formation in Chaos auf und verschwamm zu einer wild um sich schlagenden Masse. Plötzlich sah ich mich nicht mehr den gepanzerten Rücken von Gardisten gegenüber, sondern zwei brüllenden Söldnern, die auf mich zu liefen. Auch ich schrie ihnen meine Wut entgegen. Erst später wurde mir klar, dass ich in diesem Augenblick aus purer Angst geschrien hatte.
Einer der beiden, ein hagerer, ganz in Fell eingehüllter junger Bursche, hielt seine Lanze in Hüfthöhe, bereit, sie mir in vollem Lauf zwischen die Rippen zu stoßen. Der zweite schwang seine Streitaxt über dem mit zwei Hörnern versehenen Helm. In seinen Augen sah ich die Mordlust, die seinen Geist gefangen hielt.
Der jüngere erreichte mich und zielte mit seiner Lanze auf meine Brust. Sicherlich nur dank unserer Übungsstunden gelang es mir, sie mit meinem Säbel rechtzeitig beiseite zu stoßen, sodass die Spitze haarscharf an meiner Schulter vorbei stieß. Daanta packte den Schaft der Lanze mit der linken Hand und riss den Angreifer zu sich. Mit einem tiergleichen Schrei, der sicherlich auch ihrer Angst entfuhr, stieß sie ihr Messer in die Kehle des Burschen. Gurgelnd brach er vor ihren Füßen zusammen, und sein Blut färbte das Gras rot. Ich schwang meinen Säbel herum, doch in diesem Moment wurde mir klar, dass ich der Streitaxt des zweiten Angreifers nicht mehr ausweichen konnte. Bewegungslos wie ein Stein wartete ich auf den Schlag, der mich in Dunkelheit hüllen würde.
Vertens Schwert trennte die Arm des Söldners, der vermutlich aus den Barbarenländern des Südens kam, sauber am Ellenbogen ab. Ohne ihr blutiges Werk vollbracht zu haben, fiel die Axt zu Boden. Mit schreckgeweiteten Augen starrte der Mann auf seinen blutenden Armstumpf, doch die Klinge, die nun seine Brust durchbohrte, unterband einen Schrei. Wie ein gefällter Baum fiel der Barbar nach vorne.
Für eine Danksagung war keine Zeit, denn immer mehr Gegner durchbrachen unsere Reihen, und der Ausgang der Schlacht wurde immer offensichtlicher. Neben und vor uns fielen die Gardisten zuhauf. Trotz ihrer guten Ausbildung und ihrer schweren Rüstungen konnten sie sich der Übermacht nicht länger erwehren. Ein weiterer Gegner stellte sich uns gegenüber, doch dieses Mal wurde ich selbst mit ihm fertig. Mein Säbel drang tief in seinen Unterleib ein, während sein Schwert über meinem eingezogenen Kopf hinwegsauste.

Dann kam der Befehl zum Rückzug.
Rückzug? Wohin?
Doch der Klang dieses Wortes war zu verlockend, um es zu hinterfragen.
Etwa die Hälfte der noch lebenden Gardisten rannte plötzlich zurück zur Festung, während die anderen ihren Rückzug deckten. Für die meisten Familien dieser tapferen Männer würde dies ein Tag der Trauer werden.
Die sich zurückziehenden Gardisten schwappten wie eine breite Welle über uns, rempelten uns an und rissen uns mit sich. Ich wurde von Daanta und den anderen getrennt, und es blieb mir nichts anderes übrig, als mit dem Strom der Fliehenden mitzuschwimmen, zurück zu Leftens brennendem Tor. Den Verwundeten, die noch stehen konnten, halfen wir eiligst auf die Beine. Für die anderen gab es keine Hilfe mehr. Ich schlang einen Arm um die Hüfte eines Gardisten, dessen Gesicht eine einzige blutende Wunde war, und zog ihn mit mir durch das Tor.
Das fließende Feuer im Innenhof der Festung hatte sich zwar weiter ausgebreitet, aber ihre anfängliche Kraft hatten die Flammen verloren. Sie loderten stellenweise nur noch eine halbe Stange in die Höhe, in weiten Teilen des Hofes waren sie überhaupt nur mehr ein heißer, mit dem Ostwind schwankender Teppich. Dafür standen sämtliche Unterkünfte, Ställe und Türme in Flammen und die Hitze war schier unerträglich.
Zwei Kahan - Unterführer der Garde - führten die Masse im Laufschritt durch den Hof. Ich spürte die Hitze des Bodens durch die Sohlen meiner Vrandlederstiefel hindurch. Machte man schnelle, große Schritte, konnte einem das niedrige Feuer nicht allzuviel anhaben. Hatte man aber den Arm um einen hinkenden, blinden Gardisten geschlugen, hatte man damit ein gewisses Problem. Fluchend versuchte ich, mit den Fliehenden schrittzuhalten.
Wir erreichten die rückwärtige Mauer Leftens, hier war ein weitläufiger Bereich noch vom Feuer verschont geblieben, und ich ahnte bereits, was unser Ziel war. Einer der Kahan entfernte eilends eine große Tarndecke vom Boden nahe der Mauer, und zum Vorschein kam eine massive, mit Stahl beschlagene Falltür. Es bedurfte der Kraft von vier Männern, sie hochzuheben.
„Ich will einen geordneten Rückzug!“ schrie der Kahan mit strenger Stimme. „Bringt zuerst die Verwundeten her!“
Wären alles hier Söldner gewesen, hätte das so sicher nicht funktioniert. Aber die skionische Garde hatte eine felsenfeste Disziplin. Es war bewundernswert, wie die Männer ohne Protest vor dem rettenden Fluchtstollen warteten, bis die mitgeführten Verletzten nach vorne gebracht wurden. Ich übergab den Gardisten mit dem blutüberströmten Gesicht einem seiner Kameraden und lief dann zurück bis zum Beginn des Flammenteppichs, um Ausschau nach meinen Freunden und Weggefährten zu halten. Schwere Rauchschwaden hingen wie zerrissene graue Umhänge in der Luft, machten das Atmen zu einer Tortur und röteten die Augen.
Ich musste nicht lange warten, aber es waren Momente der Sorge. Umso größer war die Erleichterung, als Daanta zwischen den Rauchsäulen auftauchte, flankiert von Heodil und einem vom Feuer gezeichneten Otonaz.
"Komm mit, Kyron! Die Schlacht ist verloren!" Aus ihrem Mund, den der Lederhelm verdeckte, vernahm ich Erschöpfung und Enttäuschung.
"Ich weiß. Geht voraus! Ich warte, bis all unsere Gefährten in Sicherheit sind."
Ein Widerspruch lag wohl auf ihren Lippen, Lippen die ich nicht sehen konnte, doch sie verbiss ihn sich.
„Hab keine Sorge, ich werde euch gleich folgen“, beschwichtigte ich.
Daanta verharrte kurz, dann führten Heodil und sie Otonaz wortlos in Richtung Falltür. Bedauerlich, dass ich ihr Gesicht nicht sehen hatte können. War es kummervoll gewesen? War sie gar verärgert?
Ich wollte in diesem Moment keinesfalls heldenhaft wirken und hatte auch nicht vor, bis zuletzt die Stellung zu halten. Ganz im Gegenteil! Mein Geist wünschte sich nichts sehnlicher, als die trügerische Geborgenheit des Fluchtstollens. Aber ich musste sichergehen, dass D'Ubp, Massak und Verten am Leben waren und mit uns fliehen konnten.
Immer mehr Gardisten rannten an mir vorbei und versammelten sich um den Eingang des Stollens. Nun, da die Verletzten in Sicherheit gebracht worden waren, drängten sich die übrigen durch die schmale Öffnung. Jetzt ließ auch die Ordnung nach und panisch versuchte jeder, zu den ersten zu gehören. So manch Verletzung hatte ihre Ursache in diesem Getümmel.
D'Ubp sah mich nicht, als er den jungen L'Ott auf seinem Rücken an mir vorbei trug. Die Haut seines Landsmannes war rot wie Mikstein und an Händen und Gesicht aufgeplatzt. L'Ott schrie vor Schmerzen, sodass D'Ubp mein Rufen nicht hören konnte. Ich wollte meinen beiden Kameraden mitteilen, wie froh ich über ihr Entkommen war, doch eine Gruppe Gardisten, die schnellen Fußes die Sicherheit des Stollens suchte, schnitt mir den Weg ab. Als sie an mir vorbei waren, waren D'Ubp und L'Ott in der Menge der Flüchtenden untergegangen. Ich verspürte den Drang, ihnen nachzueilen, doch Massak und Verten mussten immer noch ausserhalb der Festung sein, und vermutlich auch Mun, Joldo und Hesengart. Es war mehr Pflichtgefühl als Mut, das mich veranlasste, zurück zum Haupttor zu laufen. In der rechten Hand hielt ich den Griff des Säbels umklammert, in der Linken blitzte mein Ostland-Dolch. Ich bahnte mir einen Weg durch Flammen, Rauch und fliehende Gestalten. Waren die pritaahnischen Söldner bereits in die Festung eingedrungen, so wäre ich ihnen direkt in die Arme gelaufen.
Ich erreichte das Tor. Die einst so mächtigen Flügel hatten sich aufgrund von geschmolzenen Scharnieren vom Bogen gelöst und stützten sich nun gegenseitig in brennender Zweisamkeit. Sie bildeten eine bedrohliche Barriere aus Feuer, Holz und Stahl. Ein falscher Schritt, ein Stolpern beim schnellen Überwinden dieses Hindernisses, und es war vielleicht der letzte Schritt.
Ich stolperte nicht.
Der Kampf tobte schon wenige Schritte vor dem Tor. Es war offensichtlich, dass die Gardisten, die unseren Rückzug deckten, bald überrannt wurden. Ich blieb stehen. Für ein Eingreifen in das Scharmützel fehlte mir schließlich die Entschlossenheit. Ich sah ineinander verschlungene Körper, denen Kraft und Platz fehlten, vernichtende Hiebe auszuteilen, blutende Söldner, die von dem Druck der Nachfolgenden in vorgehaltene Speere und Schwerter getrieben wurden, zu hasserfüllten Fratzen verzogene Gesichter, wirbelnde Äxte, die Freund und Feind gleichermaßen verstümmelten, Tote und Sterbende, die von der Masse gehindert wurden, zu Boden zu sinken, verzweifelte Gestalten, deren einzige Waffe ein todesverachtendes Brüllen war und ... Massak.
Die Axt des Khadoners war rot vom Blut der Körper, durch die er seinen eigenen Fluchtweg trieb. Hinter ihm erkannte ich Verten und Joldo, die mit gezielten Hieben die Gegner niederstreckten, die Massaks Axt entkom-men waren. Zu dritt schienen sie Ogessis' Söldnerheer mehr Schaden zuzufügen, als alle noch lebenden Gardisten zusammen.

Angesichts meiner tapferen Kameraden raffte ich allen Kampfgeist zusammen und warf mich in die kämpfende Menge. Sofort hüllten mich die Körper blindwütiger Krieger ein, und mein Säbel war nur noch ein bewegungs-hemmender Ballast. In diesem Moment dankte ich dem Sucher und Nadarja für den Dolch. Während Schwerter und Äxte und andere Waffen wirkungslos an meinem Kopf vorbeischlugen, schlitzte die türkisfarbene Klinge des Dolches so manchen Bauch auf.
Massak, Verten und Joldo schlugen eine Schneise in Richtung Torbogen, unterdessen ich, umringt von einer Handvoll Gardisten, in die andere Richtung vorstieß. Ein kurzes Jubeln, als wir aufeinandertrafen, doch wir erkannten sofort, dass wir dem Ansturm der Feinde nicht länger gewachsen waren. Für ein paar Augenblicke hatten wir ein Loch in die Reihen der Söldner geschlagen, doch die Lücken wurden schneller gefüllt, als uns lieb war. Aus allen Richtungen schlugen und stießen nun Waffen nach uns, während wir uns verzweifelt einen Weg zurück in die Festung bahnten. Ein zweizackiger Kampfspieß streifte mich und zog eine tiefe Furche über meinen linken Unterarm, quer über die noch nicht komplett verheilten Prellungen. Ich ignorierte den Schmerz und rammte den Säbelknauf in das Gesicht eines Söldners, der mich unvorsichtigerweise an meiner Flucht hindern wollte. Mit einem heiseren Aufschrei prallte er zurück und riss zwei seiner Kameraden mit zu Boden.
Auch Massak hatte es inzwischen aufgegeben, jeden einzelnen Gegner töten zu wollen. Stattdessen hielt er seine schwere Axt nun quer vor sich und stieß in vollen Lauf und mit furchterregendem Brüllen einfach jeden in seinem Weg nieder.
Zeit mit einen Zweikampf zu verschwenden, wäre für meine Freunde und mich tödlich gewesen. Überall um uns herum waren tobende, pritaahnische Söldner, die nur darauf warteten, uns zu ergreifen und über uns herzufallen.
Wir rannten trotz Erschöpfung so schnell uns unsere Füße tragen konnten. Weniger als dreißig Mann waren wir, als wir an den brennenden Torflügeln vorbeirannten und –sprangen, und eine Hundertschaft Söldner war uns dicht auf den Fersen.
Ich war mehr als erfreut, als die offene Falltür nach einem schier unendlichen Lauf durch immer noch flackernde Flammenpfützen endlich in Reichweite gelangte. Und noch erfreuter war ich über den Anblick der Bogen-schützen, die unter dem Befehl des Festungskommandanten am Eingang des Fluchtstollens Aufstellung genommen hatten. Indessen Joldo und ich mit einem Satz in den schwarzen Stollen sprangen, was uns unter unglücklichen Umständen einige Knochenbrüche einbringen hätte können, hielten die Bogenschützen die heranstürmenden Feinde mit gezielten Schüssen auf Distanz. So wenig Sympathie ich Joldo allgemein entgegenbringen konnte, in diesen Momenten war er mir ein geschätzter Mitstreiter.
Zwei Gardisten mit Fackeln standen an der ersten Biegung des Stollens, sorgten dafür, dass wir wenigstens die Hand vor Augen erkennen konnten.
"Weiter! Weiter! Macht Platz für die anderen!" In einer anderen Situation hätten mich ihr Befehlston und der unsanfte Stoß in den Rücken geärgert. Doch in unser aller Köpfen saß die Angst, denn die Flucht war noch nicht zu Ende. Mit einem kurzen Blick zurück vergewisserte ich mich, dass Massak und Verten ebenfalls den Stollen erreicht hatten, dann betrat ich hinter Joldo die ewige Finsternis tief im Inneren eines Berges, Ausläufer des Grenzgebirges zwischen Skion und Pritaahn, viele hundert Tagspannen von meinem Geburtsort und Ausgangspunkt meiner waghalsigen Reise entfernt, deren Ausmaße meine Vorstellungskraft noch bei weitem übertreffen sollten.


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Kommentare bitte hier :)
http://www.fantasy-forum.net/showthread.php?t=476

Gilead
23.04.2009, 16:25
So, verzeiht bitte die lange Pause, aber ich hatte in letzter Zeit verdammt viel um die Ohren *ja*.
Es folgt ein weiterer Abschnitt *grins*.





Ohne den Schein vereinzelter Fackeln, die ein paar Gardisten wohlwissend mit sich führten, hätten wir uns den Weg im Kriechtempo ertasten müssen, so abrupt tauchten Biegungen vor uns auf, überraschte uns der Stollen mit steilen Gefällen oder schmalen Steinstufen. Unsere Flucht durch das Innere des Berges dauerte eine Ewigkeit. Immer wieder vernahmen wir die Schritte und Stimmen unserer Verfolger, doch die Entfernung zwischen ihnen und uns schien gleich zu bleiben. Wie viele Augphasen mochte es wohl gedauert haben, diesen Stollen durch den Berg zu treiben? Seine Breite und Höhe ging angesichts seines Zweckes über das notwendige Ausmaß hinaus, sodass der Verdacht nahe lag, dass im Falle einer Belagerung Leftens ganze Warenlieferungen in die Festung gebracht werden hätten können. Doch da der Feind nun von der Existenz dieses Stollens wusste, war er selbst im Falle einer Wiedereroberung Leftens wertlos, ja sogar gefährlich.

Eine große Anzahl lichtscheuer Kreaturen hatte den Stollen als Heimat erwählt, was nicht gerade zu meinem Wohlbefinden beitrug. Dunkelschwärmer scheuchten wir auf, eine blinde Vogelart, die auf die Jagd in der Nacht spezialisiert war, ebenso wie Prolflügler und die äußerst giftigen, faustgroßen Beeziol, die sieben Beinpaare besaßen und fingerlange Tentakel, die in tödliche Stacheln endeten. Joldo scheuchte sie gleich haufenweise in ihre Löcher in der Felswand zurück oder zertrat ihre kopflosen, gepanzerten Körper mit seinen Stiefelabsätzen, wie es viele fliehende Gardisten vor ihm getan hatten. Stellenweise kamen wir nicht darum herum, über ihre zerquetschten Körper hinweg zu marschieren, was ein Geräusch ähnlich berstender Knochen verursachte.
Es waren sicher drei oder vier Pram vergangen, als wir endlich das Licht des Ausganges erblickten. Während unseres Marsches durch die Dunkelheit war kaum ein Wort gefallen. Nur mit Joldo hatte ich einige Sätze gewechselt, situationsbezogene Phrasen, die meinen Argwohn gegen ihn nicht beseitigt hatten.
Das Gros der Gardisten empfing ihre Nachzügler mit gedämpfter Freude. Einzig Daanta und D'Ubp zeigten sich uns sichtlich glücklich.
"Was für ein Abenteuer!" rief Massak mit erhobenen Armen und presste Daanta, die ihren ledernen Kopfschutz abgenommen hatte, an sich. Seine väterliche Beziehung zu ihr war aufrichtig und beiderseits bereits selbstverständlich.
"Schließt den Stollen!" befahl der Festungskommandant, kaum dass er einen Schritt auf die blühende Ebene gesetzt hatte, an deren Farben sich unsere Augen nach der Dunkelheit nur schwer gewöhnen konnten.
Ich drehte mich um und erkannte die Vorrichtung über dem Ausgang, gut getarnt mit Blättern und Sträuchern.
Ein Gardist betätigte einen in den Felsen eingelassenen Hebel, der eigentlich ein Ast war, und mit ohrenbetäubenden Getöse krachten Felsbrocken im Inneren von der Decke und blockierten den Ausgang.
Nicht auszudenken, wenn der Feind von dieser Vorrichtung gewusst und sie für sich genutzt hätte ...

Der Fußmarsch zurück nach Ledyur war lang und beschwerlich. Der Kampf hatte uns alle mitgenommen, und mit den Verletzten im Schlepptau, die teils gestützt, teils getragen und teils auf behelfsmäßig zusammengebundenen Zweigen nachgezogen wurden, ging es nochmals langsamer voran. Ohne lange Gespräche schleppten wir uns unter der jetzt stechenden Sonne über die Ebene, sparten unseren Atem und die Kraft für die Anstrengungen, die noch vor uns lagen.
Mun und Hesengart waren tot. Massak hatte mir das erzählt, aber es war ohnehin klar gewesen, nachdem ich sie nirgendwo unter den Überlebenden hatte entdecken können.
Hesengart starb im Kampf gegen vier pritaahnische Söldner, die ihn gleichzeitig bedrängt hatten. Mun wurde von einem Wurfkreuz getroffen und hauchte zu Joldos Füßen sein Leben aus. Joldo war über Muns Tod bedrückt, vermutlich sogar mehr. als er zu zeigen imstande war.
Viele der Verwundeten starben unterwegs, da es an Kräuterelexieren und auch an den einfachsten Verbandsmaterialen fehlte, und als wir schließlich Ledyur erreichten, das sich uns friedlich im Morgenlicht des fünfundsechzigsten Tages des ersten Grom präsentierte, waren noch knapp zweihundert von uns übrig.

Unsere Gruppe marschierte nicht mit den überlebenden Gardisten zurück zur Kaserne. Wir meldeten uns nicht zurück aus der Schlacht und schon gar nicht meldeten wir uns vom Dienst ab. Für diese Formalitäten fehlte uns an diesem Tag der Wille und die Kraft. Verten vertrat die Ansicht, dass wir auch am nächsten Tag noch unseren Sold erhalten würden. Ausserdem war das Dringlichste, einen Heilkundigen für Otonaz und vor allem für L’Ott zu finden. Der junge Bursche hatte den ganzen Rückweg lang vor Schmerzen geflennt und geschrien. Auf seinem Gesicht und seinen Händen hatte sich schon eine eiternde Schicht gebildet. Anfangs stachen seine Schmerzenslaute direkt in unser Herz. Nach einem Tag vernahm sie niemand mehr.
Selbstverständlich besaßen auch die Kasernen ihre Heilkundigen, doch welchen Stellenwert würde man dort wohl verletzten Söldnern zukommen lassen?
Wir schlugen gleich nachdem wir hinter den Resten des Pandalons das Stadttor passiert hatten den Weg in eine nördliche Seitengasse ein, um der heraneilenden, neugierigen Bevölkerung aus dem Weg zu gehen. Mit Umwegen durch den gar nicht so schmucken Teil Ledyurs erreichten wir schließlich unser Weinhaus. Einer der Bediensteten ließ vor Schreck beinahe einen Krug Leethe seiner Hand entgleiten, als wir uns stumm in den ersten Stock schleppten. Daanta, die ihre Lederrüstung jetzt wieder in ihrem Rückensack bei sich trug, zückte zwei Piask und stopfte sie dem verdutzten Jungen in den Kittel. „Eile! Hol uns einen Heilkundigen! Aber einen Guten! Und führe ihn in unsere Kammer! Geh schon!“
„Aber lass den Krug hier!“ forderte Massak und befreite den Jungen von der flüssigen Last. Er hätte uns wohl noch lange mit offenem Mund nachgestarrt, hätte Massak ihm nicht einen leichten Tritt verpasst. Ich hegte offen die Befürchtung, dass der Schankbursche Daantas Forderung nicht ernst nahm und wollte mich schon selbst auf die Suche nach Hilfe begeben, doch schon nach einem viertel Pram stand ein alter, dürrer Mann mit einer riesigen Tasche in unserer Kammer, und nach einigen, kurzen Erläuterungen unsererseits nahm er sich sofort der beiden Verletzten an. Der alte Mann, der sicher schon weit über einhundert Augphasen erlebt hatte und einen überaus weisen Eindruck vermittelte, erklärte uns freundlich, dass es in Skion die besten Heilmittel Sodiniens gebe und dass von den Verbrennungen unserer zwei Kameraden kaum Spuren zurückbleiben würden. In vier bis fünf Tagen würden sie wieder auf den Beinen sein und könnten den lästerlichen Ogessistreuen erneut das Fürchten lehren. Auch das sagte er.
„Aber ich werde eure Freunde nicht hier behandeln. Hier ist alles – verzeiht mir – viel zu unrein und zu laut. Begleitet mich bitte zu meinem Haus. Ach, und verzeiht abermals, wenn ich die zwölf Sodia im Voraus verlange. Ich kenne euch schließlich nicht.“
Wieder war es Daanta, die den Mann bezahlte. In Piask zwar, aber das machte für ihn keinen Unterschied.
Heodil, Massak, Daanta und ich brachten unsere Begleiter in das Haus des Heilkundigen, das erfreulicherweise nicht weit entfernt lag. Nach nicht einmal einem Pram waren wir wieder zurück. Nur Heodil hatte es vorgezogen, bei ihrem Bruder zu verweilen.
Verten und D’Ubp schliefen bereits tief einen Schlaf, den wir alle bitter nötig hatten. Ohne weitere Verzögerun-gen taten wir drei es ihnen gleich.


+++++++



Nach ein paar Pram Schlaf verbrachten wir die Zeit des Mittenlichts im Schankraum unseres Weinhauses und verzehrten hungrig in Streifen geschnittenes Sitzafleisch und dampfende Früchte. Während unseres Rück-marsches hatten wir uns nur von essbaren Blütenblättern und Wasser ernährt. Die Härte des Kampfes und die Entbehrungen des Marsches hatten unsere Gesichter gezeichnet und wohl auch unser Denken. Kein Scherz kam über unsere Lippen. Nur ab und zu ein verzerrtes Lächeln, das wohl Freude über unser Überleben ausdrücken sollte.
Auf den Straßen und in den Häusern hatte sich die Nachricht über den Fall Leftens wie ein Sturm verbreitet. Immer wieder wurde unser Tisch von anderen Gästen belagert, die den Verlauf des Kampfes erfahren wollten, und Massak hatte die größte Mühe, sie einigermaßen freundlich aber bestimmt abzuwimmeln. Zu diesem Zeitpunkt hatte keiner von uns Interesse, die Ereignisse in der Felsenfestung in die Gegenwart zurückzuholen.
In einigen Augphasen allerdings mochte dieser Kampf sicherlich seinen Eintrag in den sodinischen Geschichtsbüchern erhalten, und die Überlebenden - so auch wir - würden die ausgeschmückte Geschichte denen erzählen, die sie hören wollten.
Für uns Söldner war es nur ein verlorener Kampf gewesen, für einige der erste, für zwei von uns der letzte, doch den Bewohnern Skions war die Bedrohung durch das pritaahnische Königreich wieder grausam vor Augen geführt worden. Schon jetzt begann man in den Kasernen der Stadt, eine Armee zusammenzustellen, die die Grenzen des Landes wieder feindfrei machen sollte.

"Ohne mich," sage ich euch! Joldo schlug mit der Faust auf die schwere Tischplatte, und eine heiße Frucht hüpfte aus D'Ubps Teller und zerplatzte neben seinen Stiefeln.
"Halt den Mund, Joldo!" sagte er barsch und betrachtete sehnend die Reste der süßen, immer noch dampfenden Frauenfrucht zu seinen Füßen. Die Ähnlichkeit zu einer weiblichen Brust gab ihr ihren Namen.
"Niemand hat gesagt, dass wir uns weiterhin in diesen Krieg einmischen."
"Aber niemand hat auch meinen Vorschlag unterstützt, so schnell wie nur irgendwie möglich aus dieser Stadt und diesem verfluchten Skion zu verschwinden!"
"Verfluchtes Skion?" Massak sprach mit einem Streifen Fleisch zwischen den Zähnen. "Du hast doch auch so vom Reichtum und den vielfältigen Möglichkeiten Ledyurs geschwärmt."
"Da wusste ich noch nicht, dass hier ein existenzbedrohender Krieg herrscht!"
"Überall auf Sodinien herrscht Krieg!" warf D'Ubp ein. "Sag bloß, das wusstest du nicht?"
"Natürlich, abe..."
"Aber", führte Massak den Satz zu Ende, "unser Freund hier dachte, wir würden uns siegreichen, marodierenden Truppen anschließen und plündern, brandschatzen und schänden."
"Dann hätte er bei dem Kruuden bleiben sollen!" Daanta sagte das, und ihr Blick durchbohrte dabei Joldo.
"Die Kinder des Suchers sollen eure Eingeweide verfaulen lassen, ihr Ignoranten!"
"Schluss jetzt!" Die rauhe Stimme Vertens hallte durch den ganzen Raum, und einige der anderen Gäste drehten erschrocken ihre Köpfe, sofern sie nicht ohnehin schon unser Gespräch belauscht hatten, was angesichts der lautstarken Äußerungen nicht schwierig war. Wenn einer auf die Idee kam, das Gehörte der Garde zu melden, konnten wir ganz schnell Probleme bekommen.
"Niemand von uns ist gebunden. Jeder kann gehen wohin und wann er will. Aber wenn wir unsere nun auch kampferprobte Gruppe nicht gleich wieder auseinanderreißen wollen, dann sollten wir die weiteren Kampfhandlungen abwarten.“
"Und dann?" fragte D'Ubp. "Ich meine, was ist, wenn sich die Kämpfe wieder beruhigen? Willst du dann ewig hier Sklavenarbeiten verrichten?"
"Nein! Ich bin seit jeher ein Krieger, und das werde ich auch bleiben. Und für Krieger gibt es keinen besseren Platz als Sodinien. Aber ihr, ihr seid euch noch nicht einmal im Klaren, was ihr wirklich wollt! Massak ist ein Kämpfer, so wie ich, doch selbst er hat kein Ziel. Ihr anderen seid nur Abenteurer die geglaubt haben, als Söldner könne man schnell reich werden und dabei noch seinen Spaß haben. Aber ihr habt von dem Krieg hier keine Ahnung!" Vertens Stimme war durchdringend. Selbst die Gespräche an den umliegenden Tischen
waren verstummt und die Zahl der Zuhörer wuchs mit jedem Satz.
„Heodil und Otonaz sind Krieger“, sagte Massak, „und Hesengart war auch einer. Auch alle ziellos?“
„Hesengart war ein Krieger. Das stimmt. Und er hat das Schicksal vieler Krieger geteilt. Heodil und Otonaz haben uns ihre Ziele noch nicht verraten. Aber du kannst sie ja fragen, Massak.“
D’Ubp fuhr sich mit gespreizten Fingern durch seine Locken. „Ich verstehe eigentlich nicht, worauf du hinaus willst, Verten.“
„Ich will, dass ihr euch endlich darüber klar werdet, wie es mit euch weitergehen soll! Ihr wollt Söldner bleiben. Ihr wollt kämpfen. Aber nur, wenn es ja nicht zu gefährlich ist. Daanta hat recht. Ihr hättet mit der Des-Majell weiterreisen sollen. Was ihr auf Leften erlebt habt, war nur ein kleines Scharmützel im Vergleich zu den Kämpfen, die euch hier erwarten. Und schon dort seid ihr gerade noch mit dem Leben davongekommen. Ihr fühlt euch stark deswegen und haltet euch nun für große Krieger. Geht zurück zu euren Familien, oder sucht euer Glück anderswo! Diesen Krieg hier werdet ihr nicht überleben!"
Joldo sprang von seinem Stuhl hoch: "Für wen hältst du dich eigentlich? Glaubst du, deine lächerlichen Schwertkunststückchen machen dich unverwundbar? Ich werde ...!"
"Du wirst den Mund halten!" sagte Daanta.
"Ich lasse mir doch nicht von einer verirrten Ost-Mangone den Mund verbieten!"
Mangone war die Bezeichnung für die Freudenmädchen der Ostländer, das wusste ich. Ich wollte Joldo für seine Beleidigung zur Rede stellen, doch Massak kam mir zuvor. "Sei vorsichtig mit dem, was du sagst, mein junger Unruhestifter, oder du wirst einige deiner Gliedmaßen hier in Ledyur zurücklassen!"
"Was lasst ihr euch von dem da belehren?" schrie Joldo und deutete fuchtelnd auf Verten, der sich gelassen einen Becher Leethe zu den Lippen führte.
"Zuerst lauft ihr dieser schwarzen Missgeburt hinterher, diesem Ungeborenen, und nun Verten! Hirnlose Sitzas!" Mit diesen Worten warf er seinen Stuhl um und bahnte sich grob einen Weg durch die zahlreichen Gäste und verschwand durch das Portal des Weinhauses auf die Straße.
"Sein großes Maul wird ihn eines Tages direkt in Gromars Schlund führen." Massak spülte einen Streifen Sitzafleisch mit einem großen Schluck Cosith hinunter.


Kommentare bitte hier :)
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Gilead
30.04.2009, 16:31
Wie schon lange versprochen :rolleyes:, möchte ich heute mal einen Teil des Glossars einstellen. Ich habe ihn ziemlich gekürzt, sodass nur Begriffe erklärt werden, die schon vorgekommen sind und die halbwegs wichtig sind.
Eigennamen der ansässigen Fauna und Flora lasse ich weg, das wird zu umfangreich sonst :D


AUGE:
Die bekannte Welt an sich wird aufgrund ihrer Form das AUGE genannt, wobei die Rieseninsel SODINIEN sozusagen die Pupille bildet. Sie ist durch das Ringmeer vom Randbund getrennt. Ausserhalb des Randbundes befinden sich die unerforschten Dunkelländer auf der sogenannten Rückseite des AUGES.

AUGMANNEN:
oder Ringwanderer - Seeleute, die das Ringmeer befahren.

AUGPHASEN:
Die größte Zeiteinheit, vergleichbar etwa mit einem irdischen Jahr. Eine AUGPHASE setzt sich aus drei GROM zusammen.

BRSAN:
Harter Stahl aus Skion, der besonders in der Waffenerzeugung Verwendung findet.

GROM:
Größere Zeiteinheiten, in denen sich Landschaft und Witterung stark verändern. Erster, zweiter und dritter GROM bilden gemeinsam eine AUGPHASE. Der erste Grom besteht aus vierundachzig Tagen, der zweite aus einhundertneununddreißig und der dritte aus vierundsiebzig.

GROMARS SCHLUND:
Ein schwarzer, permanent rotierender Himmelskörper, der von AUGPHASE zu AUGPHASE größer wird und als Zeichen der Verdammnis der Ungefälligen gilt.

HALBMENSCHEN:
Die einzige bekannte Rasse, die nur entfernt mit den Menschen verwandt ist. Sie leben großteils an den äußersten Grenzen des nördlichen und östlichen Randbundes. Sie sind überaus primitiv und besitzen kaum eine ausgeprägte Sprache. Obwohl sie als unberechenbar gelten, sind sie in vielen Teilen des AUGES als starke und billige Arbeitskräfte sehr beliebt. Manche Länder sollen sogar Handel mit ihnen betreiben.

HANUR:
Eine Nebenrasse der Menschen, die sich eigentlich nur durch ihre primitivere Lebensweise und ihre Sprache von denselben unterscheidet. Die HANUR leben im Süden des Randbundes, wobei es widerum WEST- und OSTHANUR gibt.

LADAN:
Ölgetränkte, durchsichtige Faserplatten auf Stoffbasis, für dessen Herstellung Skion berühmt ist und die in viele Teile des AUGES verschifft werden.

LETHORS FEUERHÖHLE:
Der Legende nach ist Lethor ein riesiges Reptilwesen, das in einer Lavahöhle wohnt und jagd auf alles macht, das sich der Höhle nähert.

MIKSTEIN:
Ein rötliches, weiches Gestein, das häufig zum Bau von Häusern verwendet wird. Kommt vor allem im mittleren Sodinien vor.

MITTENLICHT:
- Mittag

OSTMENSCHEN:
Hochkultivierte Menschen, beheimatet in Behia, Rihad und teilweise auch in POI-PON.

PIASK:
Weit verbreitete Währungseinheit der Randwelten. PIASK sind kleine, achteckige Metallscheiben, je nach Wert in der Farbe verschieden.

PLEMBEUTEL:
Ein wasserdichter Beutel aus Sitzadarm.

PRAM:
Kleine Zeiteinheit, die nur auf Sodinien gängig ist. Sie entspricht etwa dem vierzigsten Teil eines Tages. Der Randbund verwendet hingegen immer noch die Einheit SOT.

PROL:
Wertvolles, rötlich schimmerndes Metall, das auch als Zahlungsmittel weit verbreitet ist.

RANDBUND:
Ein Bund der Randwelten, die erst kürzlich einen umfassenden Friedensvertrag abgeschlossen haben. Zu ihnen gehören unter anderen HANUR, POI-PON, ATILIEN, SONDRIO, die Wüstenländer im Norden, KHADON, die Länder der Ostmenschen und unzählige andere.

SODIA:
Währung auf Sodinien, entspricht im Wert den PIASK.

SODINIEN:
Riesige Insel in der Mitte des AUGES, umgeben vom Ringmeer, aufgeteilt in mehrere Länder unter Fürsten und Könige, die beinahe alle untereinander im Krieg liegen. SODINIEN wird durchzogen von gewaltigen Gebirgsmasiven, umgeben von umfangreichen Wäldern.

SONNENFLUCHT:
- Sonnenuntergang

SUCHER:
Der heilige Sucher gilt als Schöpfer des AUGES, die Sonne als sein Kind, das das AUGE vor GROMARS SCHLUND beschützt.

STANGE
Eine kleine Maßeinheit, die etwa der Länge eines menschlichen Beines entspricht.

TAGSPANNE:
Maßeinheit für größere Entfernungen. Eine Tagspanne besteht aus rund 37300 Stangen.

UNGEBORENE:
Um diese Gruppe Menschen ringen sich viele Gerüchte, doch die Wahrheit kennen wohl nur sehr wenige Menschen. Bekannt ist eigentlich nur, dass sie von der kleinen Insel SOJEE stammen und ihre Eltern nicht kennen.
Manche Menschen wagen sogar zu behaupten, sie hätten überhaupt keine Eltern.
UNGEBORENE gleichen sich äusserlich sehr, und ihre Sinne scheinen denen der übrigen Menschen weit überlegen. Des Weiteren trägt offenbar jeder von ihnen eine Prolplatte auf dem rechten Handrücken, verwachsen mit Haut und Fleisch, und versehen mit Zeichen in einer unbekannten Sprache.

WENDEFEST:
Feier zu Beginn des nächsten Groms.

Gilead
09.06.2009, 14:49
Viel Spaß beim Lesen :)


Nur Augenblicke nachdem Joldo gegangen war - sie mussten sich auf der Straße begegnet sein - betrat Heodil den Schankraum und setzte sich wortlos an unseren Tisch. D’Ubp begrüßte sie mit einem mehr als höflichen Lächeln, wir anderen mit einem freundlichen Nicken.
„Jetzt kannst du sie ja gleich fragen, welches Ziel sie und ihr Bruder verfolgen und warum sie an unserer Seite kämpfen, Massak“, empfahl Verten hämisch. „Aber sie wird es dir nicht mitteilen können.“
„Wir werden sehen,“ entgegnete Massak mit einem mürrischen Blick und nahm einen weiteren großen Schluck aus seinem Krug. „Heodil?“ Das Mädchen blickte ihn an. „Pe.... atea Otonaz .... latef....latefita... ach verdammt!
Ich habe diese Sprache schon ewig nicht mehr benützt.“ Massak machte eine abweisende Handbewegung.
„Es spielt ohnehin keine Rolle, warum sie bei uns sind.“
Heodil legte ihr Shok, das seltsam gebogene Kurzschwert der Hanur, vor sich auf die Tischplatte und sagte mit unvermutet sanfter Stimme: „Ich kämpfen um lernen. Bruder sieht.“
„Ha!“ Massak lachte laut auf und spuckte dabei ein Stück Fleisch knapp über meinen Kopf hinweg. „Soviel zu der Frage, was die Geschwister von unserem Gerede verstehen.“
„Was meint sie damit?“ fragte D’Ubp, ohne sein staunendes Gesicht von Heodil abzuwenden.
„Ist doch klar“, antwortete Daanta. „Sie schließt auf Sodinien ihre Kampfausbildung ab. Und ihr Bruder beobachtet sie dabei.“
„Das nenne ich dann auch ein Ziel!“ Massak wandte sich triumphierend an Verten.
„Gut, gut. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass einige von euch hier nicht hergehören!“
"Du weißt viel über diesen Krieg, Verten der Mutige", sagte ich schließlich. „Erkläre uns doch warum du der Meinung bist, dass wir hier fehl am Platz sind.“ Es war mir bewusst, dass in meiner Stimme ein Vorwurf mitklang.
Der muskulöse Kämpfer aus Pazii Ab Ataanu zögerte. "Nimm es mir nicht übel, mein Freund," sagte er, "aber du und D'Ubp und Daanta, ihr kommt aus den friedlichsten Ländern des Randbundes. Ihr seid den Registratoren der Söldnerschiffe ins Netz gegangen wie Tausende vor euch. Mit ihren Versprechen von Abenteuern und Reichtum treffen sie den wunden Punkt eines jeden, dem das Leben in seiner Heimat zu trist oder zu ungemütlich geworden ist. Aber ihr seid keine Krieger! Vielleicht werdet ihr es, wenn ihr überlebt. Aber wollt ihr es wirklich darauf ankommen lassen?"
"Niemand von uns hat etwas zu verlieren," warf Daanta ein. "Deshalb sind wir hier."
"Das Leben ist Wert genug. Verwerft es nicht für etwas, das ihr nicht versteht!"
"Was soll das schon wieder heißen?" Vertens undurchsichtige Reden machten mich wütend, auch wenn ich ihn insgeheim bewunderte.

Verten atmete tief durch, während er die linke Hand auf den Knauf seines Schwertes legte. "Ich kämpfe in diesem Krieg seit nahezu fünf Augphasen. Mit Unterbrechungen zwar, aber immer wieder ließ ich mich in der Hafenstadt meiner Heimat neuerlich anwerben. Ich habe unter fast jedem Herrscher gekämpft und mehr Menschen und Halbmenschen sterben gesehen, als ihr es jemals werdet. Ich war ein Abenteurer wie ihr und wollte nichts weiter, als mir selbst meine Stärke zu beweisen. Nein, das stimmt nicht," korrigierte er sich, "Ich wollte auch meinen Mitstreitern zeigen, wie gut ich war. Ich fühlte mich unbesiegbar."
"Du sprichst wie von Vergangenem," sagte Massak.
"Ja, diese Dummheit ist Vergangenheit!"
"Du willst aufhören, zu kämpfen?" fragte der Khadoner entrüstet. "Du sagtest doch ..."
"Oh nein, ihr versteht nicht! Ich werde kämpfen, vielleicht sogar mit einer Begeisterung, die ich nie zuvor verspürt habe."
D'Ubp und ich sahen uns fragend an. "Verten der Mutige, du sprichst in Rätseln," sagte ich dann.
"Nun, in gewissem Sinne ist mir selbst noch alles ein Rätsel. Aber ich weiß, dass mir der Dienst unter Ogessis' Flagge die Augen geöffnet hat. Ich werde mich nicht mehr dort anwerben lassen, wo der Erfolg am sichersten scheint und wo die Herren die meisten Sodia ausspucken. Vielleicht ist es nur, weil ich schon zu lange hier verweile und jeden Kampf überlebt habe. Ich brauche eine neue Aufgabe. Ein Krieger ohne Ziel ist auf Dauer nichts wert. Das ist es, was ich euch vermitteln will.“
"Und was hat Ogessis damit zu tun?"
"Kyron, du und wir alle haben nach dem Angriff auf das Küstendorf uns von diesen Grausamkeiten an hilflosen Bewohnern losgesagt. Und es war richtig so! Aber ich weiß, dass nur ihr mir diesen Fehler klargemacht habt. Hätten Massak, Daanta und viele andere nicht gegen den Kruuden rebelliert, würde ich immer noch auf der Des-Majell sein und Dorf für Dorf niederbrennen."
"Du übertreibst," mutmaßte Daanta. "Du bist nicht so, wie die meisten Söldner. Du bist ehrvoll, du ..."
Hörte ich da etwa eine offene Bewunderung heraus?
"Meine liebe Kazine yz Behia," lachte Verten, doch sogleich verhärtete sich seine Stimme. "Du kennst mich leider überhaupt nicht. Was glaubst du, habe ich die ganzen Augphasen als gekaufter Krieger auf Sodinien getan?" Er unterbrach, um einen Schluck Leethe zu nehmen. Nun schwang Schuldgefühl in seiner Stimme mit.
"Nur selten war ich an großen Schlachten beteiligt, in denen mir ein würdiger Gegner Auge in Auge gegenüberstand. Weitaus öfter überfielen wir kleine Siedlungen oder Bauernhöfe und trieben unseren Spaß mit den Bewohnern. Ich machte keinen Unterschied zwischen bewaffneten Kämpfern und der einfachen Bevölkerung. Na, findest du mich immer noch so ehrvoll, Mädchen?"
Daanta sah in fassungslos an. "Du hast Frauen ... und Kinder...?
"Beim Auge des Suchers - nein! Ich habe niemals Frauen und Kinder getötet, das musst du mir glauben! Nicht einmal Kriegerinnen sind durch meine Hand gestorben, soweit ich mich entsinne."
Etwas Erleichterung zeigte sich in Daantas Gesicht, doch die Verständnislosigkeit blieb.

"Söldnerabschaum! Mörder!" schrie ein Mann hinter Massak, doch er verstummte sofort, als die Hand des Khadoners seinen Hals packte. "Er hat auch für euch gekämpft, also halt den Mund! Um die Dörfer eurer Feinde niederzubrennen, sind wir gut genug, oder?" Massak stieß den Mann rücklings über einen Stuhl. "Und nun lasst uns in Ruhe! Habt ihr nichts Wichtigeres zu tun, als uns anzugaffen?"
Einige der Gäste verließen den Schankraum, auch der Skioner, der sich verstört wieder aufrappelte, doch die meisten verfolgten weiterhin versucht unauffällig unser Gespräch.
"Meine Herren und ... ah ... verehrte Kriegerinnen. Bitte stiftet keine.. ah .. Unruhe. Die Garde ist hier sehr streng." Der untersetzte Wirt blickte flehentlich in die Runde.
"Ja, ja, schon gut!" sagte Massak. "Bring uns lieber noch Leethe und Cosith! Und ein Mittenlichtmahl für unsere tapfere Hanur!“
Wie ihr wünscht, Herr."
"Ich wünsche."

Eine Zeitlang sprach keiner von uns ein Wort, als würden wir warten, dass die anderen Gäste des Weinhauses das Interesse an uns verloren. D'Ubp brach schließlich das Schweigen. "Was vergangen ist, ist vergangen," sinnierte er. "Aber du hast noch immer nicht erklärt, was jetzt weiter geschehen soll, Verten."
"Ich will die Fehler wiedergutmachen, die ich begangen habe. Ich werde mich auf die Seite der wehrlosen Menschen Sodiniens stellen, bis dieser endlose Krieg keine Kraft mehr hat."
"Wir werden dir dabei helfen," sagte Daanta spontan. "Wenn du deine Schuld tilgst, wird auch der heilige Sucher dir verzeihen. Und derweil werden wir auf dich aufpassen."
"Nein!" Daanta schreckte vor Vertens Ausruf zurück. "Genau das ist es, was ich euch die ganze Zeit zu erklären versuche! Falls ich mich zu diesem Tun entschließe, könnt ihr nicht bei mir bleiben! Auf der Seite der Schwachen zu kämpfen, bedarf es viel Mut und noch mehr Kampferfahrung. Ich will euch euren Mut nicht absprechen, aber ..." Er ließ das Ende des Satzes offen.
"Mut? Dummheit würde ich es eher nennen!" meinte Massak. "Und da wir diese schon bewiesen haben, als wir uns nach Sodinien einschifften, sehe ich kein Hindernis, dich zu begleiten."
„Du, Massak, kannst mich jederzeit begleiten. Um dich mache ich mir auch keine Sorgen.“
"Warum willst du diese Aufgabe nicht mit uns teilen?“ fragte ich. „Du hast uns selbst vorgeworfen, wie ziellos wir sind. Ausserdem war es dein Vorschlag, unsere Gruppe nicht zu zerreissen."
Es musste wirken, als hätten mich die Worte einiges an Überwindung gekostet, denn ich wischte mir mit den Enden meines dünnen Hemdes den Schweiß von der Stirn. In der Schankstube war es unerträglich heiß geworden. Draussen sandte die Mittenlichtssonne ihre unerbittlichen Strahlen auf die Stadt.
Vorsichtig betastete ich die lange Wunde an meinem Unterarm. Mit Sicherheit würde eine Narbe zurückbleiben. Es störte mich nicht, denn Narben waren ein Zeichen für Kampferfahrung.

Verten dachte nach. Schlussendlich sagte er: "Ich will wissen, ob ihr alle bereit seid, gemeinsam mit mir diesen Weg zu gehen. Das heisst, hier zu bleiben in Skion oder einer anderen Länderei, die von Ogessis bedroht wird. Und nicht mehr für Söldnerheere zu kämpfen oder für Garden, sondern nur noch für die Menschen, die das Ende des Krieges sehen wollen. Nur wenn ihr ohne Ausnahme diese Gefahr auf euch nehmen wollt, werde ich einverstanden sein. Damit meine ich auch L'Ott, Otonaz und Joldo. Eine Stimme, die dagegen spricht, und ich bleibe weiterhin im Dienst der Garde!"
"Joldo?" fragte D'Ubp verächtlich. "Der wird sich nie auf die Seite der Bedürftigen stellen."
"Ohne Ausnahme, sagte ich!"
"Aber .."
"Das ist mein letztes Wort! Seid einverstanden oder lasst es! Mein Weg ist nicht wichtig genug, Uneinigkeit zu verursachen. Und seid mutig genug, eure Zweifel auszusprechen! Auf diesem Weg wird der Tod allgegenwärtig sein, und Reichtum braucht sich niemand zu erhoffen.“
„Aber wie willst du für die Bevölkerung kämpfen, wenn wir uns keinem Heer anschließen?“ fragte Massak. „Um ein Heer zu bekämpfen braucht man ein anderes Heer. Das ist nun einmal so.“
„Du hast schon recht, Massak, aber wir werden kein Heer bekämpfen. Wie ich schon erwähnt habe, das Grausame auf Sodinien ist das, was abseits der großen Schlachten passiert. Hier trifft ein Heer auf ein anderes, streitet um Land und Einfluss, und nur eine Tagspanne entfernt werden Bauern massakriert und Dörfer niedergebrannt. Und das meist von nur kleinen feindlichen Einheiten oder marodierenden Söldnern.“
„Und die sollen wir aufhalten?“
Verten schmunzelte. „Nun, ich hoffe doch, dass wir noch weitere Hilfe finden werden. Aber wenn es im Bereich unserer Fähigkeiten steht, dann ja.“
"Einverstanden!" sagte Daanta. „Dem ganzen Blutvergießen einen Sinn zu geben, kann kein Fehler sein.“
Massak ließ seinen langen Bart mehrmals durch seine geschlossenen Hand streifen, dann nickte er. „Wo meine kleine Kazine hingeht, folgt auch der alte Khadoner. Außerdem schafft ihr das keinesfalls ohne mich.“
Nachdem auch D’Ubp eingewilligt hatte, sah Daanta mich erwartungsvoll an. Natürlich stimmte auch ich zu.
„Ich bin dabei. Aber irgendwie kommt mir diese Abstimmung sehr bekannt vor.“
Zufrieden klopfte mir Daanta auf den Schenkel. „So läuft das eben in unserer Gruppe.“
D’Ubp wandte sich an Heodil: „Heodil, hast du verstanden....“
„Nicht alles verstanden. Nicht wichtig. Otonaz und ich mit euch.“
„Wie geht es Otonaz und L’Ott?“ fragte Daanta vorsichtig. Auf diese wichtige Nachricht hatten wir beinahe vergessen in all unserem Pläneschmieden.
„Werden leben,“ antwortete Heodil kurz und bohrte ihre Finger in das heiße Fruchtfleisch einer Frauenfrucht, die ihr inzwischen zusammen mit den Sitzastreifen von einem wieder eiligst verschwundenen Wirt serviert worden war. Zuvor hatte er aber noch zwei große Krüge Leethe und Cossith in der Mitte des Tisches abgestellt.
„Das ist schön“, meinte D’Ubp, und ich musste ein Grinsen zurückhalten. Unverblümt beobachtete er Heodil, wie sie eine Frucht zerlegte, wie sie den Becher zu ihren Lippen führte. Schon auf dem Weg nach Leften hatte er sich immer wieder in ihre Nähe begeben, sobald ihr Bruder anderweitig beschäftigt gewesen war. Und nun, da er sie zum ersten Mal in unserer Sprache hat sprechen hören, schien er wie weggetreten.
Doch mein blondgelockter Freund aus Litarhout musste vorsichtig sein. So wie das Volk der Hanur sich nie einem fremden Herrscher untergeordnet hatte, so kam es auch kaum vor, dass Hanur Bindungen mit Menschen aus anderen Teilen des Randbundes eingingen. Das befahlen ihnen ihre seit jeher überlieferten Sippenregeln und nicht zuletzt auch ihr Stolz. Ihre Kultur, so primitiv sie im Bild des Auges auch erschien, war für die Hanur die einzige, die nicht von Gier und Hass zerfressen war. Eine Vermischung mit einer anderen Kultur war in ihren Augen entwürdigend.

Heodil bemerkte D'Ubps Blicke, aber sie ließ sich davon nicht irritieren. Stellte man sie neben ein rheotisches Lustmädchen, so hatte man wohl einen Gegensatz wie Sand neben Prol. Heodil tat nichts, um ihr Äusseres für Männer ansehnlich wirken zu lassen. Ihr langes, braunes Haar fiel ungekämmt über ihren Rücken, ihre Fellweste war versengt, stellenweise zerrissen und mit verkrustetem Blut geschmückt. Auf ihren nackten Armen und Beinen und in ihrem Gesicht zeichneten sich ebenfalls die Spuren von Erde, Blut und Ruß ab. Aber schließlich hatte sie nach der Schlacht und dem langen Marsch die erste Nacht auch an der Seite ihres verletzten Bruders verbracht.
Und doch war das West-Hanur-Mädchen auf ihre Weise hübsch. Ich musste eingestehen, dass sie auf einen Mann durchaus reizvoll wirken konnte. D’Ubp hatte eine Vorliebe für harte, kämpferische Frauen, das hatte er mir schon erzählt. So wie auch ich. Aber bei diesem Spiel mit dem Feuer würde ich nicht sein Gegner sein. Mein Augenmerk galt zweifelsohne Daanta.

„Soweit sind wir uns also einig,“ fuhr Massak fort. „Otonaz wird auf jeden Fall seiner Schwester folgen, ob Joldo und L’Ott überhaupt noch kämpfen wollen, werden wir bald wissen. Wie willst du dann vorgehen, Verten?“
„Was ich ursprünglich sagte, gilt auch weiterhin. Warten wir erst einmal ab, wie sich die Lage in Skion entwickelt. Wir holen unseren ausständigen Sold ab und überlegen, ob wir noch ein paar Tage für die Garde Arbeitsdienste verrichten wollen oder ob wir es uns in Ledyur bequem machen, solange die Sodia reichen.“
„Bequem machen, das klingt wundervoll,“ schwärmte Daanta.
„Gut, so sei es! Und danach werden wir uns umsehen und umhören. Irgendwo werden unsere Dienste sicher benötigt werden.“
„Davon könnt ihr ausgehen.“ Diese Stimme gehörte nicht zu unserer Gruppe.
D'Ubp und Massak drehten sich gleichzeitig um. Hinter ihnen stand ein junger Mann, etwa meines Alters, mit langen, blonden Haaren und bunten Gewändern aus wertvollen Stoffen, die auf einen hohen Stand schließen ließen. An Fingern, Unterarmen und um den Hals trug er reichlich Schmuck, den er protzig zur Schau stellte.
"Dies ist keine öffentliche Versammlung, Fremder!" sagte Massak trocken.
"Oh, bitte verzeiht mir, dass ich euer Gespräch mitgehört habe. Ein Freund hat mir von euch berichtet. Die Worte dieses Kriegers", er deutete auf Verten, "haben mich wirklich mitgerissen."
"Das ist schön. Dann geh und erzähl deiner Familie davon!"
Der Mann überhörte bewusst Massaks Bemerkung und wandte sich stattdessen an Verten. "Ihr und eure Freunde, ihr seid wahrlich nicht die barbarischen Söldner, für die euch viele halten. Krieger wie ihr könnten unserem Volk viel Leid ersparen. Viele Grenzdörfer und einsame Bauernsiedlungen werden von Banden oder pritaahnischen Stosstrupps überfallen und die Bewohner grausamst ermordet. Die Garde ist machtlos dagegen und in ihrer Organisation zu langsam. Aber wir zusammen könnten den Räubern und feindlichen Einheiten das Fürchten lehren."
Verten hatte seine Worte regungslos vernommen. Dann sagte er: "Wir werden tun, was wir für richtig halten. Aber dazu brauchen wir nicht deine Hilfe, junger Edelmann."
"Ich glaube aber, die braucht ihr." Der Mann tippte auf einen Lederbeutel an seinem Gürtel, der zweifellos mit Sodia oder sogar Prol gefüllt war. "Hier sind zu viele Ohren, die zu viel hören. Wenn eure Worte nicht nur für den Wind bestimmt waren, dann erwarte ich euch am morgigen Tag beim elften Pram im Tempel der Denker. Bis dorthin, überdenkt mein Angebot. Wenn ihr mich begleitet, statte ich jeden von euch mit Menur aus, sowie neuer Kleidung und Waffen. Und reichlich Prol gibt es nach getätigter Arbeit obendrein."
"Du würdest Ausrüstung für uns kaufen, um Bauern zu beschützen?" Daanta schaute ihn misstrauisch an.
"Natürlich. Es ist mein Volk, und ich bin reich genug. Aber ihr werdet Näheres erfahren, morgen im Tempel der Denker." Er streifte nur kurz Daantas Blick, dann schaute er wieder zu Verten, in dem er wohl den Mann sah, dessen Entscheidung das größte Gewicht hatte. "Ihr seid Krieger, auf die viele gewartet haben."
Mit diesen Worten verließ er das Weinhaus.

"Der schleimige Beeziol weiß, welche Worte er zu wählen hat," bemerkte Daanta abschätzig.
"Das nenne ich wohl großes Glück," jubilierte D'Ubp. "Mit Hilfe dieses naiven, reichen Kerls bekommen wir Menur und neue Waffen für unser Vorhaben. Besser könnte es doch gar nicht laufen!"
"Du bist leicht mitzureissen," entgegnete ich. "Dieser Weichling hat doch nur ein großes Maul! Bei der ersten Gefahr wird er sich in einem Erdloch verkriechen."
"Umso besser. Dann bleibt uns die Ausrüstung, und wir brauchen uns nicht seine kriecherischen Reden anzuhören."
Der untersetzte Wirt kam an den Tisch und räumte teilnahmslos die leeren Teller ab.
"Kennst du den Mann, der eben an unserem Tisch stand?" fragte Verten.
"Wie ... wer?"
"Der Edelmann, mit den langen, sonnenfarbenen Haaren einer Frau und der Kleidung eines Gauklers."
"Wie ... wer?"
"Hohlkopf!" sagte ich halblaut.
"Wie .. ah, ihr meint sicher Magan Sebberlik, den Sohn eines der Denker."
"Kennst du ihn gut?" Verten goss Leethe in seinen Becher, als würde ihn die Antwort nicht sonderlich interessieren.
"Wie... ah... nein, er kommt eigentlich nie hierher. Er war sicher nur hier, um euch ... ah ...kennenzulernen."
"Wie ist sein Ruf?"
"Er ist ... ah ... ich weiß nicht. Ein junger Standesherr eben, der sich nur für Prol und ... ah ... Macht erwärmt."
Der Wirt fühlte sich sichtlich unwohl, ausgefragt zu werden.
"Es ist gut. Du kannst gehen." Verten schickte ihn mit einer Handbewegung fort.
"Wie Ihr wünscht."
"Wir wünschen!" schrie Massak ihm nach und lachte grimmig. "Ein Sitza ohnegleichen!"
"Ihr habt es gehört. Wir können ihm nicht trauen," meinte Verten ruhig.
"Ach was! Der Wirt ist doch ein Dummkopf." Man sah D'Ubp die Vorfreude auf einen eigenen Menur an. "Was soll schon schlimm daran sein, sich morgen mit ihm zu treffen? Wenn er uns wirklich hereinlegen will, wird ihm das schlecht bekommen. Aber ich sehe keinen Sinn dahinter, uns zu belügen."
"Ich leider auch nicht", gab Verten zu. "In einem Punkt hat dieser Magan jedenfalls wahr gesprochen: hier sind zu viele Ohren die hören." Er sah sich um und entdeckte immer noch viele Augenpaare, die aufmerksam unseren Tisch beobachteten.
"Lasst uns in der Unterkunft weiterreden. Es ist sicherer.“
Wir standen wortlos auf, nahmen Becher und Krüge mit und begaben uns zur Treppe, die in das obere Stockwerk führte, während Gemurmel und Blicke der Schankgäste uns begleiteten.


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Kommentare bitte hier :)
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Gilead
22.07.2009, 15:59
Gromars Schlund streifte die Sonne, und wie jeden Tag riss er einen kleinen Teil aus ihrem strahlenden, brodelnden Körper, ehe sie seiner Reichweite entkam. Wie lange noch mochte sie sich seiner erwehren?
Würde sie wirklich eines Tages ganz in seinem gierigen Maul verschwinden und das Auge in Dunkelheit hüllen, wie es die Gelehrten voraussagten? Und wenn dies eintraf, wann war es soweit? In einer Augphase? In einem Menschenleben? In hundert Leben?
Das alltägliche Schauspiel, diese Jagd der zwei Himmelsgewalten, die nur gegen Ende des dritten Grom eine längere Pause fand, wenn sich die Sonne eine Bahn ausserhalb des Einflusses des schwarzen Schlundes suchte, faszinierte mich mehr, je stärker ich darüber nachdachte.
Ich wandte meine Augen ab. Die gleißende Pracht und Helligkeit der Sonne, die eines der Kinder des Suchers war, erlaubte es einem nicht, sie länger als gebührend zu betrachten. Grüne und blaue Kreise tanzten unter meinen geschlossenen Lidern. Als ich meine Augen wieder öffnete, sauste gerade ein Botenpajaz auf Armes-länge an mir vorbei. Sicherlich befand sich in der kleinen Metallrolle an seinem Bein eine Botschaft für den Großpanarchen. Möglicherweise Nachricht von der Grenze.
Ich beugte mich über die kleine Mauer, die die Plattform des Wehrturmes begrenzte, und beobachtete müde die kleinen, farbenprächtigen Gestalten, deren scheinbar zielloses Herumgerenne wichtige Geschäftigkeit vortäuschte. Dieses Ledyur war unglaublich. Ein Meer von hohen Gebäuden, soweit die Sicht reichte, wie ich es mir nie hatte erträumen können. Ich vermisste die öden Grasebenen Atiliens nicht im mindesten. Ich konnte mir sogar durchaus vorstellen, hier ein neues Leben aufzubauen. Ja, ich hatte mir sehr wohl schon Gedanken darüber gemacht, wie ich hier wohl meine Piask verdienen könnte. Handlanger der Garde wollte ich nicht mehr sein, und Söldner hatten hier keine Zukunft. Für den Kaufmanns- und Handwerkerstand war ich nicht geeignet. Aber als Jäger! Ich war überzeugt, mit der Jagd in den Wäldern und Hügeln ausserhalb der Stadt genug verdienen zu können, um ein ansehnlicher Bürger Ledyurs zu werden.
Bürger? Dachte ich das wirklich? Ich hatte mir geschworen, bis zu meinem Tode ein Abenteurer zu sein. Was konnte mir das Leben eines Bürgerlichen auf Dauer schon bringen? Verzweiflung füllte meinen Kopf. Verten hatte es ausgesprochen: die meisten von uns Randweltlern waren ziellos hier gestrandet, und ohne Ziel würden wir untergehen.

"Du grübelst", stellte Daanta nüchtern fest. Ich fasste ihre schlanke Hand, die sie auf meine Schulter gelegt hatte, ohne mich zu ihr umzudrehen.
"Die Ereignisse überschlagen sich." Ich blickte hilfesuchend über die Schulter. "Der Pfad, den ich betreten habe, verzweigt sich plötzlich in alle Richtungen, und es fällt mir schwer, eine Wahl zu treffen. Zumal ich nicht einmal weiß, in welcher Richtung mein Ziel liegt. Sofern es so etwas wie ein Ziel überhaupt gibt."
"Ich weiß, was du fühlst", behauptete Daanta und drehte mich sanft zu sich um. "Verten reißt uns unbeabsichtigt mit sich, doch ich glaube, sein Weg ist richtig. Und bedenke Kyron, wir sind frei! Wir haben jederzeit die Möglichkeit, uns anders zu entscheiden."
Zaghaft nickte ich. Haben wir die Möglichkeit wirklich?
Ich musterte Daantas Gesicht und ihren schlanken Körper. Sie trug wieder ihr dünnes, weißes Hemd, unter dem sich ihre Brustwarzen dunkel abzeichneten, und ihre abgeschnittene Hose. Mit den kniehohen Lederstiefeln, die Teil ihrer wunderbaren Lederrüstung waren, machte sie den verwegenen Eindruck einer Ringwanderin - oder eines Ringwanderers, je nachdem, aus welcher Entfernung man die Behiane mit den kurzgeschnittenen Haaren sah. Mir kam der Gedanke, dass Daanta - vollends gerüstet - im Kampf unmöglich als Frau zu erkennen war. Dafür waren ihre weiblichen Rundungen zu wenig ausgeprägt. Mir gefiel nicht, dass sie sich damit die Aussicht vergab, von einem ehrvollen Gegner als Frau verschont zu werden.
Meine forschenden Augen zauberten ein verschmitztes Lächeln in ihr Gesicht. Verlegen griff ich nach meinem Schnürhemd, das ich zusammen mit der Vrandlederweste über die Mauer gehängt hatte, und streifte es über meinen nackten Oberkörper.
"Hast du mit L'Ott gesprochen?" fragte ich hastig und tadelte mich innerlich für die Torheit, die Stimmung so zu zerschlagen.
Daanta machte eine verdutzte Miene und nickte dann. "Ihm gefällt Vertens Vorhaben, aber er ist sich nicht sicher, ob er überhaupt weiterhin kämpfen will. Ich glaube, auch er hatte eine andere Vorstellung vom Söldnerleben. Jedenfalls habe ich ihm verboten aufzustehen, solange er nicht vollkommen genesen ist."
"Und Otonaz?"
"Der Sturschädel hat mir mit wenigen Worten unmissverständlich klar gemacht, dass er seine Schwester begleiten wird, wohin sie auch geht und egal was für Verletzungen er hat. Heodil ist noch bei ihm, aber sie versucht nicht einmal, ihn umzustimmen. Verrückte Hanur!" raunte Daanta.
"War vorauszusehen", sagte ich kurz.

Ein heißen Windstoß fuhr mir durch die Haare. Der Wehrturm des Hauses des Heilkundigen überragte alle Bauwerke der näheren Umgebung, als bevorzugte der alte Mann eine besondere Nähe zu den Gestirnen.
Daanta, Heodil und ich hatten das Weinhaus verlassen, um L'Ott und Otonaz in die Pläne einzuweihen, über die wir beinahe zwei Pram lang in unserem Zimmer disputiert hatten. Herausgekommen war nichts weiter, als dass wir Magan Sebberliks Vorschläge uns anhören wollten. Denn immerhin schien er das gleiche zu wollen wie wir, nämlich die wehrlose Bevölkerung vor den Übergriffen herumstreunender Ogessis-Söldner und Räuberbanden zu schützen.
Ich überließ Daanta diesen Krankenbesuch bei unseren beiden Kameraden. Es war sicher nicht besonders zuvorkommend von mir, aber mein Bedarf an Verletzten war für diesen Tag gestillt.
"Fehlt nur noch Joldo", sagte ich.
"Dieser Störenfried kann bleiben, wo er will!" fauchte Daanta, und ich schluckte unwillkürlich.
"Sogar Verten hat inzwischen darauf verzichtet, Joldos Zustimmung als Voraussetzung für unsere Pläne zu sehen. Wir sollten ihn einfach vergessen! Vielleicht ist er schon gar nicht mehr in der Stadt."
"Das bezweifle ich", widersprach ich vorsichtig. "Und wir benötigen jeden Schwertarm, wenn wir es wirklich mit ganzen Räuberhorden aufnehmen wollen!"
"Meinst du wirklich, wir brauchen diesen widerlichen Kerl?" fragte sie mit plötzlicher Sanftmut in ihrer Stimme und trat so nah, dass ich ihren Atem an meinem Hals spürte. "Wir zwei waren doch im Kampf ein gutes Paar", säuselte sie.
"Nun, abgesehen davon, dass ich ohne Verten ... Beim Sucher!" stieß ich plötzlich hervor. "Ich habe ihm noch gar nicht gedankt, dass er mir das Leben gerettet hat!"
"Das kannst du immer noch. Aber er wird deinen Dank gar nicht wollen. Er ... er hat den Charakter eines Helden."
"Du bewunderst ihn immer noch," stellte ich nicht ohne Missfallen fest. Mit angehaltenem Atem ließ ich zu, dass sie eine Hand unter mein Hemd schob und ihre Finger sanft über meine Haut strichen. Ein Kribbeln durchfuhr meinen Körper, ein Gefühl das ich, wie mir schien, seit unendlich langer Zeit nicht mehr gespürt hatte.
"Vielleicht bewundere ich ihn. Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist er ehrlich. Und er ist mutig."
"Und was bin ich?" fragte ich herausfordernd und presste sie langsam an mich, mir bewusst, dass die harte Wölbung meiner Hose gegen ihren Bauch drückte.
"Du bist ein netter Bursche aus dem Westen, der gerne ein Held sein möchte."
"Mehr nicht?" tat ich entrüstet. Meine Hände kneteten derweil ihr strammes Gesäß.
"Ich mag nette Burschen," flüsterte sie. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, und unsere Lippen berührten sich behutsam. Eine Weile standen wir einfach da und genossen den Geschmack, der Leidenschaft entflammte.
Dann wurden ihre Küsse stürmischer, und ich spürte ihre heiße Zunge an meiner, während ihre gewandten Hände mich wieder meines Hemdes entledigten. Ich verstand es als Aufforderung und machte mich mit vor Aufregung zitternden Fingern daran, die Bänder über ihrer Brust zu lösen.
"Warte!" keuchte Daanta und schritt zu der Luke, unter der eine gewundene Treppe zu den Gemächern des Heilkundigen führte, in denen L'Ott und Otonaz ihre Brandwunden versorgen ließen.
Einen Herzschlag lang erwartete ich, dass sie in der Luke verschwand, und mich hoch über den Straßen Ledyurs wie einen blamierten Narren zurückließ. Doch sie schloss die Luke von außen und schob den stählernen Riegel durch die gemauerten Klammern. Noch ehe sie wieder vor mir stand, hatte sie ihr Hemd abgestreift und den weißen Stoff sorglos in den Schmutz der Plattform geschleudert. Abermals drückte ich sie an mich. Wundervoll war das Gefühl, ihre kleinen, festen Brüste auf meiner Haut zu spüren. Unsere Lippen und Zungen fanden sich erneut, forschten, kosteten, saugten. Die ganze Plattform schien sich plötzlich zu drehen. Ein Schwindelgefühl versuchte, Herr über meine Sinne zu werden. Ich fühlte Daantas Hand, die über die Wölbung meiner Hose strich, und kaum dass ich es begriff, prallten wir zusammen hart auf dem gemauerten Boden auf.
"Meine ... Ehrfurcht," schnaufte sie atemlos. Ich half ihr, die weichen Stiefel von ihren Füßen zu zerren.
"Du hast geschafft, .... was die ganze Söldnerarmee Ogessis' nicht fertiggebracht hat."
Fragend sah ich sie an, während ich ungeduldig und schwitzend meine Vrandlederstiefel von mir schleuderte.
"Na, mich niederzuwerfen," beantwortete sie meinen Blick und kroch wie ein gieriges Raubtier auf mich zu.
Ich grinste. "Also bin ich doch ein Held."
Mit einem Satz warf sich Daanta auf mich. Unsere erhitzten Körper wanden sich in einem spielerischen Kräftemessen. Der harte Boden schürfte unsere Haut auf, doch wir bemerkten es nicht. Die Leidenschaft beherrschte uns nun vollständig. Ich bekam einen Begriff von der Geschicklichkeit und Wendigkeit der Behiane, doch schließlich unterlag sie meiner Kraft und blieb erschöpft auf dem Rücken liegen. Ihre Brust hob und senkte sich schnell, während sie versuchte, ihren Atem zu beruhigen.
"Wir ... wir sollten noch etwas Kraft aufsparen," keuchte ich. Meine Zunge fuhr über ihren festen Bauch, kostete den salzigen Geschmack des Schweißes.
"Wofür?" Mit verengten Augen sah sie mich herausfordernd an.
Erwiderungslos schob ich ihr die Hose bis zu den Knöcheln hinunter und fuhr mit der Hand sanft durch das dunkle, krause Haar ihrer Scham. Ungeschickt stellte ich mich an bei dem Versuch, aus meinen Beinkleidern zu steigen, ohne abkühlende Distanz zwischen uns zu bringen. Tölpelhaft wie wohl so mancher junge Kerl, der vor brennender Erwartung und vernebelnder Lust die Koordination zwischen Verstand und Körper einbüßte.
Ein schwerer Seufzer entfuhr ihr, als ich mich vorsichtig auf sie legte. Ihr heißer Körper drängte sich mir entgegen, forderte und bot gleichermaßen. Nichts anderes war mehr wichtig. Ich vernahm kaum Daantas spitzen Schrei, als ich langsam in sie drang.

"Willst du unsere Bindung hier in Ledyur bestätigen lassen?" fragte ich. Mühsam setzte ich mich auf und begann, meine verstreuten Kleidungsstücke einzusammeln.
"Was?" Ihre Stimme klang überrascht und belustigt.
Verwundert sah ich sie an. "Nun, wenn es noch zu früh für dich ist, verstehe ich das. Wir können warten. Auch bis dieser Krieg zu Ende ist, wenn du willst."
"Oh Kyron!" stieß sie hervor. "Du hast deine Grasland-Denkweise noch immer nicht abgestreift."
In meinen Eingeweiden krampfte sich etwas zusammen. Jetzt bist du doch der blamierte Narr, Kyron."
Glaubst du wirklich, ich ginge mit jedem Mann, der mich besteigt, eine Bindung ein?" Ihr Gesicht bekam einen spöttischen Ausdruck. "Das mag vielleicht in deiner Heimat so üblich sein, Kyron, aber hier bist du im Zentrum des Auges! Hier kennt die Gesellschaft nicht die Regeln, die bei euch herrschen. Und auch wir Ostmen-schen haben andere Sitten und Einstellungen zu den Dingen des Lebens. Eine davon ist, dass körperliche Vereinigung Spaß macht und nicht zwangsweise in einer bestätigten Bindung endet."
Mein gesenkter Blick verwandelte ihren Spott in Mitleid.
"Ich schätze, du musst noch viel lernen."
"Lässt du viele Männer dich ... besteigen?" Dieses Wort mochte mir gar nicht gefallen. Ich vermied es, Daanta in die Augen zu schauen, als ich die Frage stellte. Ich kam mir seltsam hilflos und gedemütigt vor.
"Nein! Natürlich nicht!" Immer noch nackt trat sie auf mich zu und nahm mein Gesicht in ihre Hände.
"Nur die, die mir gefallen und die ich gern habe." Sie drückte mir einen Kuss auf die Lippen.
Und ich wollte ein Held sein! Ich stand da wie ein gestraftes Kind, das getröstet werden will.
"Du bist der erste seit ... seit langer Zeit," behauptete sie leise, und ich war geneigt, ihr zu glauben.
"Du hast recht!" sagte ich schließlich stolz. "Wir sind zu verschieden für eine Bindung!"
"Jetzt bist du gekränkt, nicht wahr?"
"Nein!" Ich sah ihr tief in die Augen. "Ich bin verärgert!"
Ich genoss ihre bedrückte Reaktion.
"Ich bin verärgert über meine Dummheit und meine ... Grasland-Denkweise! Vereinigung ist Spaß, sagtest du?"
Daanta nickte stutzig.
"Oh, ich hoffe, wir werden noch viel Spaß zusammen haben."
"Du lernst schnell, Kyron," grinste sie und schlang ihre Arme um meinen Hals.
"Und ich will noch sehr viel mehr lernen."


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Gilead
02.11.2009, 14:15
Ein Stückchen weiter gehts... sorry für die Verspätung :D




"Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, ist es ein herrliches Gefühl." Ich streichelte die langen, spitzen Ohren des Menur. Sein wunderbar weißes, langes Fell glitzerte in der Sonne wie die Eisflocken im Mundio-gebirge. Es waren schnelle Tiere, schlank, stark und groß. Mit erhobenem Kopf überragten sie die meisten Menschen, doch man hatte mir erzählt, weiter im Osten, jenseits von Pritaahn, gab es eine andere Rasse von Menur, noch schneller und weitaus größer. Für mich waren diese hier schon mehr als prächtig. In Atilien ritt man auf Sitzas und manchmal, vor allem die jungen Burschen im Landesinneren, auf wilden Degossis, obwohl diese ziemlich selten das taten, was man von ihnen wollte.
"Ich finde dafür, dass wir noch nie geritten sind, stellen wir uns gar nicht so dumm an, was Kyron?" lachte D'Ubp und versuchte, seine Haltung dem Rhythmus des Tieres anzupassen.
"Durchaus nicht, mein Freund. Durchaus nicht. Ich würde sogar sagen, wir sind die geborenen Reiter."
"Kinder seid ihr!" rief Daanta und trieb ihren Menur an, bis sie zwischen mir und D'Ubp auf gleicher Höhe ritt. "Ein neues Spielzeug, und schon vergesst ihr alles um euch herum."
"Oh, wir haben eine Menge neue Spielzeuge." Stolz betrachtete D'Ubp seine neue Kleidung. Magan Sebberlik hatte sein Wort gehalten. Ausser den Menur, die wir nun unser Eigen nennen konnten, hatte sich jeder von uns Kleidung und Waffen aussuchen dürfen, die wir selbst nie hätten bezahlen können. Doch Magan hatte dem Händler einfach einen Beutel voll Prolstücke überreicht und nicht einmal gefeilscht. Die Familie eines Denkers musste wahrhaftig reich sein.

Ich selbst hatte mir ein Kettenhemd ausgesucht, das zwar nicht so effektiv wie ein Brustpanzer, dafür um einiges bequemer zu tragen war. Darunter trug ich nun ein wärmendes, grün eingefärbtes Oberteil aus Menurwolle, und über dem Kettenhemd meine gehegte Lederweste. Den Vrand hatte ich einst selbst erlegt und Nadarja hatte mir aus seiner Haut die Weste und meine Stiefel in tagelanger Arbeit gefertigt. Dementsprechend hütete ich beides. Und natürlich auch den Dolch aus Ostlandstahl, der die Erinnerung an meine Schwester für alle Zeit wach hielt.
An meiner linken Seite baumelte ein neuer Säbel. Ein herrliches Stück aus gehärtetem Brsan, dem harten Stahl Skions. Der Handschutz war kunstvoll verarbeitet und endete nach skionischer Art in einem nach aussen gebogenen Dreizack. In meinem Gepäck am Sattel des Menur, das meine übrigen Habseligkeiten enthielt, befand sich nun auch ein schmaler Schild aus mit kleinen Stahlplättchen besetztem Leder, der für den Kampf an den Unterarm gebunden wurde. Und obendrein hatte ich eine neue Hose und Reithandschuhe, die den Wert der Ausrüstung nicht wesentlich erhöht hatten. Nur auf einen Helm hatte ich verzichtet. Ich kam mit diesen Dingern einfach nicht zurecht. Für mich waren sie mehr Hindernis denn Schutz.

Auch das Erscheinungsbild der anderen hatte sich leicht verändert. Mit Ausnahme von Heodil, die völlig auf neue Ausrüstung oder Kleidung verzichtet hatte. Von Schutz und Rüstung schien das Barbarenmädchen nicht viel zu halten. Aber vielleicht gehörte ja auch das zu ihrer Ausbildung.
Otonaz an ihrer Seite, der sich die Schmerzen, die seine Brandwunden ihm verursachen mussten, nicht anmerken ließ, hatte sich hingegen vollends mit Waffen, ledernem Harnisch und Stahlhelm versorgt, als wollte er Heodils fehlenden Schutz ausgleichen. Über seinem breiten Rücken wand sich sein Barbarenzopf über ein mächtiges Breitschwert, dessen Scheide allein gut eine Stange maß.
Verten trug nun einen dunklen Umhang über seinem Harnisch, und einige neue Ausrüstungsteile hatte er in einem großen Beutel an seinem Sattel verstaut, ebenso wie Massak. Nur Daanta hatte sich mit einer blutroten Zweithose und einem Bund skionischer Pfeile zufriedengegeben. Der Trotz über das Übergehen ihres Miss-trauens stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Verten hatte beinahe allein das Gespräch mit Magan Sebberlik geführt, im Tempel der Denker, der sich als monströser Bau mit baumhohen Opiliansäulen und zahlreichen Wandmalereien, die Szenen aus überlieferten Geschichten und alten, skionischen Sagen darstellten, entpuppt hatte. In Magans klingenden Worten hatte Verten seine eigenen Pläne bestätigt und bekräftigt gesehen. Für uns anderen war wohl eher die Aussicht auf eigene Menur und neue Waffen ausschlaggebend gewesen, dass wir unsere Zustimmung für eine Reise ins südwestliche Skion, genauer gesagt in die Haptiat-Ebene, gaben. Dort hatten nach Aussage Magan Sebberliks fahnenflüchtige, pritaahnische Söldner eine Bauernsiedlung überfallen, die Bewohner verjagt oder ermordet und den Besitz frech zu ihrem Unterschlupf für weitere Raubzüge gemacht. So hatten es ihm jedenfalls überlebende Bauern geschildert.
Daanta hatte ihre Einwände und ihr Misstrauen Magan gegenüber dargelegt, doch angesichts unserer Vereinbarung des Vortages, der sie selbst als eine der ersten begeistert beigestimmt hatte, hatte sie schließlich murrend nachgegeben. Doch wir warteten noch einen ganzen Tag, bis der Heilkundige Otonaz mit gutem Gewissen aus seinem Gewahrsam entließ.
"Ich hoffe, dieser reiche Knabe weiß, wohin er uns führt."
"Welchen Grund hast du, Magan nicht zu trauen, Daanta?" fragte ich beiläufig. Mein Blick richtete sich nach vorne. Magan ritt an der Spitze unseres Trupps, flankiert von drei bewaffneten Männern in Rüstungen, die derjenigen der Garde nicht unähnlich waren. Leibwache vermutlich, so wie es einem Mann seines Standes auch zustand. Vor allem, wenn er mit einem Haufen fremder Söldner aus allen Teilen des Randbundes durch die Wildnis reiste.
"Welchen Grund hätte ich? Ein Edelmann setzt nicht sein Leben für arme Bauern aufs Spiel. Ich verspeise meinen Menur, wenn da nicht mehr dahinter steckt!"
"Viel Vergnügen," höhnte D'Ubp. "Die Biester sind sicher zäh."
"Kann sein", bestätigte ich, "dass er Hintergedanken hat. Vielleicht will er mit solchen Taten seinen Einfluss in der Stadt vergrößern. Aber was stören wir uns daran? Wenn die Wege die gleichen sind, soll er ruhig ein anderes Ziel verfolgen. Für uns kann seine Macht und sein Prol nur von Vorteil sein."
"Hoffentlich behältst du recht, mein Held." Sie bohrte ihre Stiefel in die Flanken des Tieres und schloss zu Verten und Massak auf.
"Ich werde die Frauen nie verstehen," meinte D'Ubp. "Der Sucher muss verwirrt gewesen sein, als er ihre Köpfe füllte."
Der warme Wind, der über die von Gelbgras bewachsene Ebene strich und dabei ein Geräusch fließenden Wassers erzeugte, vertrug unser Lachen.

Es wurde ein langer Ritt an diesem Tag. Waren D’Ubp und ich anfangs noch begeistert gewesen von dieser Art der Fortbewegung, so spürten wir gegen Sonnenflucht kaum noch unsere Beine, dafür jede Faser und jeden Muskel in Gesäß und Rücken. Stöhnend ließ ich mich am langen Fell des Menurs hinabgleiten und kroch unter vereinzelten Gelächter und Spott durch das Gras zu dem Platz, auf dem wir unser Lager aufzuschlagen gedachten. Wenigstens D’Ubp hielt mir in diesem Moment als Spottbild die Treue.
Nach einem erholsamen Nachtlager unter dem wolkenlosen Himmel erreichten wir kurz vor Mittenlicht die Haptiat-Ebene. Das Schlafen in dem Meer aus wogendem Gras hatte starke Erinnerungen an meine Heimat Atilien wachgerufen. Nur dass das Gras dort kniehoch war. Aber es hatte dieselbe Farbe: gelb wie eine eitrige Wunde.
Wir hielten an, als die Bauernsiedlung in unsere Sichtweite kam. Aus der Ferne wirkte alles ruhig. Friedlich und unberührt – eine Siedlung, die eine behagliche Stille nach einem arbeitsreichen Tag genoss. Doch das war der Punkt! Es war Mittenlicht! Dieses Bild war falsch! Niemand ging auf den Wegen und den Feldern Tätigkeiten nach, keine Tiere erfüllten ihre Arbeitsaufgaben oder grasten auch nur vor sich hin, kein Rauch, der zumindest von der Zubereitung eines Mittenlichtmahles zeugte. Diese Siedlung war nicht friedlich – sie war tot!
Wir stiegen ab und machten uns bereit.
Ich kramte meinen Schild aus dem Sattelsack und schnallte ihn mir über Narben und Blessuren an den linken Unterarm. Einem kräftigen Schwerthieb mochte er wohl nicht standhalten, aber gegen Pfeile und Stichwaffen bot er einen gewissen Schutz. Wieder ein Kampf, dem ich entgegensehen musste, doch mit jedem Mal empfand ich weniger Furcht. Ich fragte mich, wie lange es wohl dauern würde, wie viele Kämpfe ich überstehen konnte, bis mich eines Tages das Glück verließ. Insgeheim fühlte sich wohl jeder Krieger unsterblich.
Daanta legte wieder ihre lederne Rüstung an, die ihr ein ziemlich fremdartiges Aussehen verlieh. Auf ihren Helm verzichtete sie aber diesmal. Und dann tauschte auch Magan Sebberlik seine bunte Edelmannskleidung mit einer Rüstung. So schnell konnte man seine Erscheinung verändern. Mit dem glänzenden Harnisch, dem Plattenzeug an Armen und Beinen, dem Helm, unter dem seine langen, blonden Haare hervorwallten und dem schlanken Schwert wirkte er wie ein erfahrener Krieger. Auf seinem Rückenharnisch prangte groß das Bildnis eines dunkelgelben Kajanuus, dem Wappentier Skions.
"He Magan! Hast du die Waffenkammer der Garde geplündert?" höhnte D'Ubp. Magan antwortete mit einem verhaltenen Grinsen.
"Sicher ein Geschenk seines Vaters für das Abschließen der Große-Worte-Schule," murrte Daanta halblaut.
Massak legte ihr freundlich aber bestimmt die Hand auf die Schulter. "Ruhig Kindchen! Einen Streit können wir jetzt nicht gebrauchen."
"Niemand streitet," beharrte sie störrisch. "Lasst uns endlich losschlagen!"
"Haben wir einen Plan oder trampeln wir drauf los wie eine Herde Sitzas?" fragte D'Ubp.
"Einen Plan gibt es nicht," antwortete Verten, der sich anscheinend mit Magan bereits darüber beraten hatte. "Entweder wir kriechen hundert Stangen weit durch das Gras, wobei wir vielleicht unentdeckt bleiben, falls sich dort drüben überhaupt jemand befindet ..."
"Oder?"
"Oder wir trampeln drauf los wie eine Herde Sitzas."
"Na dann, in die Sättel mit euch! Bevor ich mich anschleiche wie ein feiger Dieb ..."
"Du bist ein feiger Dieb," erinnerte ich D'Ubp.
"Ich war nie feige."

An der rückwärtigen Mauer des vordersten Gehöfts stiegen wir wieder ab. Nichts hatte sich bisher gerührt. Ausser zwei Dossons, die uns neugierig aus sicherer Entfernung bestaunten, schien niemand unseren vorsichtigen Anritt bemerkt zu haben. Aus sieben Stein- und Holzbauten mit schrägen Holzdächern bestand die kleine Siedlung, sternförmig angeordnet, wobei der Eingang jedes Gebäudes zum großen Platz in der Mitte schaute. Bänke und Tische waren dort sorgsam aufgestapelt, und der sanfte Wind verblies die kalte Asche einzelner Feuerstellen.
Magan bestätigte unsere Vermutung, dass die Siedlung einer einzigen großen Bauernfamilie gehörte. Wie viele von ihnen den Überfall überlebt hatten, konnte er nicht sagen. Er wusste nur von einem Mann, der ihm in Ledyur von dem Massaker berichtet hatte. Andere mochten immer noch ängstlich und verstört durch die Ebene oder den angrenzenden Wald irren.
"Egal wie wir es anstellen, sobald wir in ein Haus eindringen, werden wir entdeckt." Massak umklammerte den Stiel seiner Axt mit beiden Händen.
"Ich sehe keine Menur", flüsterte Daanta und spähte vorsichtig um die Ecke. "Keine Toten, keine Anzeichen eines Kampfes."
"Bist du sicher, Magan, dass dies die richtige Siedlung ist?" fragte Verten irritiert.
"Ganz sicher! Das ist Erkel Bemerdiks Gehöft. Der Überlebende ist der Mann seiner Schwester. Ich kenne ihn. Aber es sieht tatsächlich so aus, als wären diese Gruumen weitergezogen. Aber wo sind die Toten?“
"Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden." Verten zog sein Schwert und schlich die Mauer entlang bis zur ersten Tür, vorbei an Daanta, die mit gespanntem Bogen auf jede Bewegung achtete. Otonaz und Heodil umgingen das Gebäude von der anderen Seite.

"Wenn sie uns nicht bemerkt hätten, würden wir Stimmen hören, oder wenigstens irgendwelche Geräusche," stellte ich unruhig fest. "Mir gefällt der Gedanke nicht, dass womöglich schon eine Reihe Pfeile auf Daanta und Verten gerichtet sind."
Massak starrte mich nachdenklich an. Seine Nasenflügel bebten.
"Dem kann Abhilfe geschaffen werden." Ein Grinsen entblößte seine Zähne. "Keine Gnade meinen Feinden!" schrie er. Dann rannte er mit schwingender Axt quer über den Platz. Mit stockendem Atem blickte ich ihm hinterher.
Verten, der gerade die nur angelehnte Tür aufstoßen hatte wollen, drehte sich abrupt um. "Massak, du ....!"
Als hätten die beiden Barbarengeschwister nur auf dieses Zeichen gewartet, verließen Otonaz und Heodil ebenfalls ihre Deckung und liefen brüllend auf den Eingang des nächstgelegenen Hauses zu.
"Ich schätze, der Überraschungsmoment ist vorbei," meinte D'Ubp, während Magan eilig an ihm vorbeidrängte.
Mit einem lauten Knall schlug die Tür an die innere Wand, als Verten sich Zutritt zum vordersten Gebäude verschaffte. Mit schnellen Schritten standen D'Ubp und ich hinter ihm. Unsere beiden Säbel waren sein seitlicher Schutz, eine scharfe, stählerne Ausweitung seiner Rüstung. Daanta verzweifelte inzwischen in ihrem Bemühen, jedem ihrer verstreuten Kameraden Rückendeckung zu geben. Hektisch fuhr die Spitze des Pfeils jeden Winkel ab, in dem ein Gegner unvermutet auftauchen konnte.

Das Haus war leer. Einfache Möbel, unbenutzte Schlafstellen, ein paar Gefäße in hölzernen Regalen... und ein Dolch, der unpassend für den ansonsten tadellos in Ordnung gehaltenen Raum neben einem Stuhlbein lag. Verten ging in die Hocke und wog die kurze Waffe nachdenklich in der Hand. Etwas war hier passiert. Wir alle fühlten es. Aber ausser diesem Dolch war in dem kleinen Gebäude, das weder über Keller noch oberem Stockwerk verfügte, nichts ungewöhnlich. Abgesehen davon natürlich, dass es leer war.
Wir traten wieder ins Freie hinaus. Massak und Magan, einschließlich seiner Leibwache, kamen im selben Moment aus dem Gebäude uns gegenüber. Ein Schulterzucken Magans signalisierte uns, dass sie auch dort nichts entdeckt hatten. Heodil und Otonaz traten derweil die Tür des vierten und größten Hauses ein, einem Miksteinbau mit einem massiven, runden Wappen oberhalb der breiten Tür.
Spätestens jetzt war uns bewusst, dass nirgendwo in diesem Gehöft ein Feind auf uns lauerte. Die Anspannung floss aus unseren Gliedern und sickerte in den Sand des Platzes. Langsam, und sicher auch etwas erleichtert, trafen wir mit Magan, Massak und Daanta in der Mitte der bescheidenen Siedlung zusammen.
„Hier ist schon lange keiner mehr“, behauptete Massak und zog seinen schweren Helm vom Kopf.
Magan wollte gerade etwas erwidern, als Heodils lauter Ruf in der Sprache der Hanur uns zusammenzucken ließ. Kampfbereit liefen wir los und hielten auf das Haupthaus zu, vor dessen geöffneten Tür Heodil und Otonaz regungslos verharrten.
"Heodil, was ...?" Vertens Atem stockte, als das Mädchen zur Seite trat und uns einen Blick in das Innere des Hauses gestattete.
"Heiliger Sucher!" stieß ich hervor und ließ die Spitze meines Säbels zu Boden gleiten. "Diese Barb...!" Ich biss mir auf die Zunge. Heodil und Otonaz und manchmal auch Massak wurden wegen ihrer Herkunft aus dem südlichen Randbund als Barbaren angesehen und beschimpft, doch sie hatten gewiss mehr Ehre im Leib als die schleimigen Plashas, die dies angerichtet hatten.
Die blutigen und teilweise verstümmelten Körper türmten sich ausnahmslos im hinteren Teil des großen Raumes. Der dunkle See aus erkaltetem Blut allerdings hatte sich bis zur Schwelle der Tür ausgebreitet.
"Darum keine Kampfspuren", bemerkte Massak mit gedämpfter Stimme. "Vermutlich haben sie sie überrascht und hier zusammengetrieben. Und dann ..."
Verten machte Anstalten, den Raum zu betreten, und überlegte es sich schließlich doch anders.
"Vielleicht lebt noch jemand."
Wortlos schüttelte Verten den Kopf.
Ein Arm schob mich grob zur Seite, und Daanta stand plötzlich neben mir. In ihren Augen spiegelte sich unverhüllter Abscheu.
Bilder meines ersten Kampfes kamen mir in den Sinn. Das Morden und Brandschatzen in dem friedlichen, kleinen Fischerdorf, der Blutrausch, der uns alle mitgerissen hatte, die Greueltaten an Unschuldigen, denen wir uns erst bewusst geworden waren, als es bereits zu spät gewesen war.
Mit versteinerter Miene betrat Daanta den Raum. Keiner von uns hinderte sie daran. Ihre Stiefelsohlen hinterließen scheussliche Spuren in dem geronnenen Blut. Vorsichtig, beinahe ehrfürchtig, berührte sie einige der ineinander verschlungenen Körper, drehte vereinzelte Gesichter zu sich. In dem dunklen Raum, dessen Anordnung der wenigen Fenster zu dieser Tageszeit kaum Licht einfallen ließ, konnte ich Daantas Handeln nur erahnen. Mit bleichem Gesicht trat sie nach einiger Zeit wieder ins Freie. Sie schluckte schwer.
"Wir kriegen diese Mörder!" schrie Massak wütend und drosch seine Faust gegen den Türpfosten.
"Es ... es sind nur Männer."
Erstaunt schaute ich Daanta an. "Nur Männer liegen da drin. Es müssen an die zwanzig oder dreissig sein."
"Nur Männer? Aber wo ...?"
"Sie haben die Frauen und Kinder verschleppt," spekulierte Magan. "Das kommt öfters vor. Wahrscheinlich beliefern sie die Sklavenmärkte von Pritaahn."
"Sklavenhändler bringen keine kräftigen Männer um und nehmen kleine Kinder und Frauen mit," warf Verten ein. Magan zuckte mit den Schultern.
"Seht euch in den anderen Häusern um! Womöglich finden wir noch ... eine Spur." Vertens Stimme war zu entnehmen, dass er nicht hoffte, etwas anderes zu finden.
Unsere Sorge bestätigte sich nicht. Nachdem wir alle Wohngebäude und Ställe, in denen das Nutzvieh ungeachtet der Geschehnisse friedlich seinen eingeschränkten Bedürfnissen nachgab, durchsucht hatten, war der Verbleib der Frauen und Kinder, die es in der Bauernsiedlung zahlreich gegeben haben musste, immer noch unklar.

"Was machen wir mit den Toten?" fragte ich gedrückt. Wenn unsere gewählte Aufgabe uns weiter solche Anblicke bescherte, zog ich es vor, mein Glück auf offenen Schlachtfeldern herauszufordern.
"Begraben ist wohl kaum möglich, oder?"
"Brennen wir die ganze Totenstätte nieder!" forderte Daanta.
"Nein!“ bestimmte Magan. Seine Leibwache schloss das große Tor des Haupthauses, das nun eine Gruft war.
„Der Wind würde die Flammen über die ganze Ebene treiben. Zudem möchte ich, dass die Garde noch einen Blick hierauf wirft.“
"Dann ... dann ... oh, ich hasse diesen Krieg! Hat auf dieser Insel niemand Achtung vor dem Leben? Gibt es hier nur Schlächter?" Fragend und zugleich drohend hob sie ihre Arme gen Himmel.
"Beruhige dich, Daanta." Beschwichtigend legte ich meine Hände auf ihre Schultern. Ihr Leib zitterte vor ohnmächtiger Wut. "Ihr Blut wird fließen, und das von vielen anderen Räubern und Mördern, die unter dem Deckmantel des Krieges ihre Grausamkeiten an Unschuldigen ausüben."
"Das macht sie auch nicht wieder lebendig!"
"Hör auf zu jammern!" verlangte Verten barsch. "Du wusstest, worauf du dich einlässt!"
Zornig blickte Daanta ihn an, verharrte in kampfbereiter Haltung wie ein zum Sprung ansetzendes Raubtier.
"Dir macht das nichts aus, stimmt‘s? Du hast ja selbst genug Bauern abgeschlachtet! Wie war das mit den Frauen und Kindern? Sind nicht vielleicht doch ein paar in dein mächtiges Schwert gerannt?"
Daanta provozierte ihn bewusst. Die gepresste Stimme war die einer Fremden.
Verten stand nur da. Sein Blick war beinahe mitleidig auf Daantas Gesicht geheftet. Ihre Worte hatten zielgenau in eine alte Wunde gestochen, und jeder andere hätte sie mit Beschimpfungen überhäuft oder wäre auf sie losgegangen. Doch Verten blieb ruhig, versuchte damit, ihrer Aggression den Wind aus den Segeln zu nehmen.
"Du sagst ja gar nichts! Womöglich liege ich gar nicht so falsch! Du ..."
Massak stand plötzlich vor ihr, versperrte den Blick auf Verten. "Ich habe dir gesagt, wir haben keine Zeit für Streitigkeiten, Mädchen!" Die Strenge in seiner Stimme trieb für einen Moment Unsicherheit in Daantas Haltung.
"Ich bin nicht dein Mädchen! Erspare mir deine ewigen Vertraulichkeiten! Ich brauche keinen Aufpasser!"
"Scheinbar doch!"
"Ach fallt doch alle zusammen in Gromars Schlund!" schrie sie, schwang ihren Bogen über die Schulter und stapfte wütend zu den Menur. Ich lief ihr hinterher, hielt sie am Köcher fest.
"Bleib stehen, Daanta! Beruhige dich wieder! Wir alle sind ..."
"Ach hau doch ab, du ... du Held!" Grob stieß sie meine Hand zur Seite und ging weiter. Sie verschwand hinter dem Gebäude, an dessen Rückseite unsere Reittiere standen. Ich wusste, dass sie nur ihre Wut über das Massaker an uns ausließ. Dennoch trafen mich ihre zornigen Worte tief.
"Wo willst du hin?" schrie ich ihr nach, als das Hufgetrampel eines sich entfernenden Menur erklang, doch die Antwort blieb aus.

Entmutigt und vielleicht auch ein wenig wütend begab ich mich wieder zu meinen Freunden.
"Wir müssen sie zurückholen," forderte Verten. "Heodil hat die Hufspuren dieser feigen Mörder entdeckt. Sie führen nach Westen. Wenn es Söldner aus Pritaahn waren, dann wollen sie wahrscheinlich wieder zurück über die Grenze. Und wenn sie die Frauen und Kinder tatsächlich mit sich führen, dann müssen wir sie uns greifen, noch ehe sie in heimatlichem Gebiet sind."
"Sind es viele?" fragte ich Heodil. Ich versuchte, meiner Stimme keinen ängstlichen Ton zu verleihen.
"Zehn und acht. Auch mehr. Haben tiefe Drücke.“
„Tiefe Drücke?“
„Sie meint tiefe Hufspuren“, erklärte Massak. „Entweder die Reiter tragen schwere Rüstungen und Waffen, oder es sitzt eine zweiter Mensch auf jedem Menur. Ein Kind oder eine Frau,“ wähnte er.
Verblüfft starrte ich die kindliche Hanur an. Sie war also nicht nur für den Kampf ausgebildet worden, sondern war auch eine Meisterin im Fährtenlesen.
"Dann lasst uns keine Zeit verlieren!" drängte Verten. Sein schlankes Schwert glänzte bedrohlich in der Mittenlichtssonne.
"Und die Bogenschützin?" fragte Magan und rückte sich die blonden Haare unter dem Helm zurecht. "Ohne ihre Fertigkeit können wir es nicht wagen, achtzehn Bewaffneten gegenüberzutreten."
"Können wir es mit ihr denn wagen?" murmelte ich.
"Wir sind besser als die, glaube mir," versprach mir Verten, der mein Bedenken gehört hatte.
"Aber es sind zwei gegen einen. Du magst ja zwei Gegner schaffen und Massak vermutlich auch, aber wem darf ich meinen zweiten überlassen?"
Grinsend klopfte mir Verten auf die Schulter. "Wenn wir mit den achtzehn nicht fertig werden, wie wollen wir dann ganz Skion von solchen Banden befreien, mein junger Held?"
"Ich kann das Wort Held nicht mehr hören."
Nachdenklich strich ich über den Griff des herrlichen Brsan-Säbels, folgte mit den Fingerspitzen den Gliedern meines Kettenhemdes. Ich fragte mich, ob ich jemals wieder leichtfüßig und unbekümmert über Gras laufen würde, Gedanken nur an tägliche Bedürfnisse verschwenden musste, jemals wieder das Sein einfach nur genießen konnte ohne Angst haben zu müssen, jeden Augenblick einem Feind zu begegnen, der mich erschlagen wollte. War dieses Leben wirklich das, was ich mir ersehnt hatte?
"Ich hole Daanta zurück", sagte ich schließlich.
"Das mache besser ich," warf Magan Sebberlik ein. "Ich kenne diese Gegend wie mein Haus. Ich weiß, wie ich diese Behiane am schnellsten finde und wieder mit ihr zurück bin. Reitet ihr derweil den Spuren hinterher!
Nach etwa sieben Pram erreicht ihr einen kleinen Wald, dort wartet auf uns, vorausgesetzt, die Spuren behalten ihre Richtung bei. Ansonsten finde ich euch schon."
„Und wenn wir die Mörder vorher finden?“
„Dann bewahrt Abstand und macht nichts Unüberlegtes!“ Mit diesen Worten verließ er uns mitsamt seinen drei Begleitern. Der anfängliche Eindruck, den Magan bei uns hinterlassen hatte, verflog zunehmends. Er war absolut kein kopfloser Draufgänger und Großmaul. Stattdessen zeigte er immer mehr taktische Fähigkeiten und Zielstrebigkeit. Hinter der Fassade eines edlen Schönlings, der seinen Reichtum offen zur Schau stellte, mochte man inzwischen durchaus das Herz eines Kämpfers vermuten.
Ich ahnte noch nicht, wie sehr er meinen Weg beeinflussen sollte.


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Gilead
13.01.2010, 15:32
Ein neues Jahr, ein neues Stückchen Geschichte *grins*
Viel Spaß




Die Bilder des Traumes waren klar wie selten. Ich befand mich an Bord eines gewaltigen Kriegsschiffes, umge-ben von Kriegern, deren muskulöse Oberkörper mit fremdartigen Ornamenten versehen waren. Blicke folgten mir achtungsvoll, und großgewachsene Frauen, mit ebenso verzierter, glänzender Haut feilschten um meine Gunst. Die Farbe des Meeres wechselte zwischen rot und schwarz, und der Himmel über meinem Kopf war strahlend weiß, als hätte der Sucher selbst sein tiefes Blau einfach weggewischt. Riesige Türme aus schwarzem Fels ragten vereinzelt aus dem Wasser. Ihre Spitzen wurden umkreist von mächtigen beflügelten Wesen mit Köpfen von Monstern.
Ich vernahm Stimmen, doch die Stimmen kamen aus meinem Kopf ...

"Steh auf!" Jemand stieß unbarmherzig gegen meine Stiefel. Benommen öffnete ich die Augen. Das Bild meines Traumes wechselte mit dem eines nachtschwarzen Himmels und hoch aufragender Bäume, deren knorrige Äste feindselig über meinem Gesicht schwebten.
"Steh auf, oder ich werde dafür sorgen, dass du ewig schläfst!"
Diese fremde Stimme ließ meine Gedanken unvermittelt klar werden. Im Nu erhob ich mich von meinem Schlaflager und tastete nach meinem Säbel, noch ehe meine glasigen Augen die Umstände des unsanften Erweckens erfassen konnten. Meine Finger berührten den glatten Stahl der Scheide, und gleichzeitig senkte sich ein schwerer Stiefel auf meine Hand nieder. Ich schrie auf. Der Schmerz verscheuchte endgültig jegliche Schlafträgheit. Langsam blickte ich an der Gestalt empor, die bedrohlich vor meinem Gesicht aufragte. Ein kurzes Schwert deutete entschlossen auf meine Brust.
"Lass die Finger von der Waffe, Plasha!" Das Gesicht des Mannes, der mit dem Rücken zu der kleinen Feuerstelle stand, war von Schatten verhüllt, doch seine Kleidung erkannte ich sofort: es war die Rüstung eines skionischen Gardisten.
Nachdem sein Fuß meine Hand freigegeben und gleich darauf meinen Säbel in das Dickicht des kleinen Wäldchens geschleudert hatte, sah ich mich nach meinen Gefährten um. Sie alle waren im Schlaf überrascht worden und kauerten verdutzt und regungslos auf dem moosigen Boden der Lichtung. Unser kleines Lager war umgeben von Gardisten, deren gespannte Kurzbögen jeden Gedanken an Gegenwehr unterdrückten.

Mein Blick blieb an D'Ubps regungslosem Körper hängen. Er lag auf dem Bauch, das Gesicht im Moos vergraben und die Hände weit von sich gestreckt wie ein Leichnam, der auf dem Wasser treibt. Offensichtlich hatte er Wache gehalten und war übertölpelt worden. Ich hoffte, dass er nur ohne Bewusstsein war.
"Steht jetzt langsam auf!" befahl eine tiefe Stimme. "Ich will keine hastigen Bewegungen sehen! So ist es recht. Und jetzt werdet ihr in einer schönen Reihe zu den Menur spazieren! Und das natürlich auch gaaanz langsam!"
"Was hat dieser nächtliche Überfall zu bedeuten?" fragte Verten ruhig und musterte den Mann, der ihn um gut einen Kopf überragte. Die Abzeichen auf seinen Schultern und dem Helm wiesen ihn als Kahan der Garde aus. "Haltet ihr uns für Räuber? Oder für Ogessis' Hunde? Dann kann ich euch beruhigen. Wir sind mit Magan Sebberlik unterwegs, einem Edelmann aus Ledyur, der ..."
"Oh ich kenne Magan! Aber ich sehe ihn hier nirgendwo." Der Kahan wandte demonstrativ seinen Kopf in alle Richtungen.
"Er wird kommen. Hier ist der Treffpunkt, den wir mit ihm vereinbart hatten."
"Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ein Edelmann mit Gesindel wie euch abgibt!"
"Ihr werdet Schwierigkeiten bekommen, wenn ihr uns so behandelt!" drohte Verten.
"Wir werden sehen, wessen Schwierigkeiten größer sein werden. Und jetzt vorwärts!"
Verten ließ sich nicht beirren. Ohne Furcht stand er vor dem Gardisten, der merklich nervös wurde. "Ihr haltet uns davon ab, eine Bande pritaahnischer Söldner zu verfolgen, die eine Bauernsiedlung überfallen, alle Männer niedergemetzelt und Frauen und Kinder mitgenommen haben. Magan Sebberlik und vermutlich auch seinem Vater wird das ganz und gar nicht gefallen!"
Der Kahan grinste hämisch. Aus seinem bärtigen Gesicht strahlte wissende Überlegenheit. "Willst du Abschaum, dass ich Meha Sebberlik deinen Kopf in einem Korb überreiche, während ich ihm die Geschichte erzähle?" Das kurze Schwert drängte sich plötzlich gefährlich eng an Vertens Hals. Ein dünner Faden Blut floss langsam über sein Schlüsselbein. "Wenn nicht, dann würde ich an deiner Stelle wortlos zu den Menur marschieren, ehe ich deinen stinkenden Atem nicht mehr riechen kann!"
Vertens Gesichtsmuskeln zuckten unkontrolliert. Nur Massaks starke Hand auf seiner Schulter hielt ihn davon ab, eine Dummheit zu begehen. Seine Lippen formten eine tonlose Beschimpfung, während drohende Pfeilspitzen unsere kleine Gruppe zu den Menur trieben.
Erst als wir mit dünnen Stricken an Händen gefesselt auf den Rücken unserer Reittiere saßen, löste sich die Anspannung der Gardisten.

"Über diesen Fang wird jemand recht glücklich sein, Kahan," behauptete einer von ihnen. Seine Finger glitten prüfend über Otonaz' Breitschwert. Sämtliche Waffen und Rüstungsteile waren uns natürlich abgenommen worden. Wütend und machtlos beobachtete ich einen Gardisten, der mein Kettenhemd und den Schild achtlos in die Sträucher warf und sich stolz meinen Säbel um die Hüfte band. Ein anderer schnallte sich Daantas Köcher mitsamt Bogen auf den Rücken. Hilfesuchend schaute ich in die Gesichter meiner Freunde. Otonaz und Heodil zeigten mit keiner Miene ihre Gefühle. Stolz und reglos saßen sie auf ihren Menur und erwarteten das Kommende. Massak murmelte irgendeine Verwünschung vor sich hin, und in Vertens Augen glomm offene Wut, doch ich erkannte auch die Überzeugung, dass er schlussendlich triumphieren würde. Diese Klarheit wuchs nun auch in mir. Schließlich kannten wir Magan Sebberlik, einige wichtige Männer der Stadtgarde und sogar der Großpanarch persönlich wusste über uns bescheid. Voll kindlicher Genugtuung malte ich mir die Strafe aus, die dieser überhebliche Kahan zu erwarten hatte. Ärgerlich war allerdings, dass wir nun die Frauen und Kinder der Bauernsiedlung nicht mehr befreien konnten. Über ihr Schicksal wollte ich nicht nachdenken. Flehend lauschte ich in die Dunkelheit, die über der großen Ebene lag, hoffte auf das Geräusch nahender Hufe, die von Magans und Daantas Ankunft kündeten, doch die Stimmen der skionischen Gardisten übertönten jedes andere Geräusch.
"Was für ein dreckiger Haufen Randweltler! Das übelste Geschmeiß aus Auges dunkelster Winkel hat sich hier zusammengefunden!" Der magere Gardist lachte heiser, dann trat er neben Heodil. "Sogar eine Hanur hat sich mit ihrem Beschützer hier eingefunden." Seine Hand klatschte auf Heodils nackten Schenkel. "Ihr sollt ja ganz aussergewöhnliche Fähigkeiten haben." Er hob den Lendenschurz hoch und fuhr mit einem Finger ein imaginäres Muster auf ihrem schmalen Hintern nach, während seine Zungenspitze aus seinem Mundwinkel wie neugierig hervorlugte.
Heodil rührte sich nicht. Starr ertrug sie die forschenden Berührungen des Gardisten. Wären ihre Hände nicht auf den Rücken gebunden gewesen, hätte sie ihm sicher die Augen ausgekratzt, ungeachtet der Folgen.
"Wenn ihr nur nicht so schrecklich dreckig und primitiv wärt!"
"Magan Sebberlik wird davon erfahren, wie ihr mit uns umspringt," sagte ich laut.
Augenblicklich ließ der Gardist von Heodil ab, drehte sich zu mir herum und rammte seine Faust in meinen Bauch. Stöhnend krümmte ich mich zusammen und wäre beinahe vom Rücken des Menur gestürzt, doch der Arm des Kahan hielt mich plötzlich fest und drückte meinen Kopf gegen das dichte Fell.
"Schluss jetzt!" sagte er barsch. "Ich will vor Mittenlicht in der Stadt sein! Packt den Kerl auf seinen Menur und dann verschwinden wir!" Damit meinte er D'Ubp, der wirklich nur bewusstlos gewesen war und nun langsam wieder zu sich kam, wie ich aus den Augenwinkeln erkennen konnte. Dann rebellierten meine Eingeweide, empörten sich über den Stoß, der ihnen versetzt worden war, und mein Mageninhalt ergoss sich über das weiße Fell.

Kurz darauf setzten wir uns in Bewegung. Je ein Gardist zog drei unserer Menur an den Zügeln hinterher. Der Rest ritt mit griffbereiten Waffen neben und hinter uns. Ein Fluchtversuch war also absolut zwecklos.
Der kühle Nachtwind blies durch meine Kleidung und mir war elend zumute. Das stete Schaukeln des Menur trug seinen Teil dazu bei. Heodil ritt neben mir. Ihre langen Haare verdeckten fast vollständig ihr Gesicht.
"Du das nicht tun sollen," flüsterte sie. Ihr Oberkörper lag, wie von uns allen, auf dem Rücken des Tieres, um das Gleichgewicht zu halten.
"Sie werden dafür zur Rechenschaft gezogen," ächzte ich mühsam. "Dessen sei dir sicher."
"Nicht sicher Rechen...Schaft."
Verständnislos blickte ich sie an. "Wie meinst du das?"
"Du keine Augen zu sehen?"
Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Aber ich kannte die Sinnesschärfe dieses Mädchens. Wollte sie mir Furcht einjagen?
"Ich sehe nur skionische Gardisten," murmelte ich verzagt.
"Recht." pflichtete sie mir bei. "Und sind zehn und neun. Und Menur haben tiefe Drücke mit Rüstungen...“


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