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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Fortsetzungsgeschichte Caligo_Puzzled


RickyLee
22.03.2008, 00:24
Hallo... also, folgendes: Was ich euch nun zeigen werde, ist sozusagen das Projekt NACH dem Projekt, an dem ich momentan arbeite (Hölle AG). Das heißt, es wird... sehr sehr lange dauern, bis ich eine Fortsetzung anbieten kann und ich werde auch nicht die gesamte Geschichte veröffentlichen.

Ehrlich gesagt, darum geht es mir auch nicht. Ich habe mich hierbei an einen etwas schwierigen Schreibstil herangewagt und wollte wissen, ob Erzähldichte und Atmosphäre so herüberkommen, oder ob die Geschichte vollkommen "unleserlich" ist. Es handelt sich also eher um eine Art Leseprobe - ich hoffe nur, das geht in Ordnung.
Insgesamt werde ich 3 Kapitel reinstellen, denn so weit bin ich bisher gekommen.

Über Feedback freue ich mich, auch oder gerade, über konstruktive Kritk.
Da ich, wie gesagt, nur 3 Kapitel veröffentlichen werde, könnt ihr eure Meinung auch gleich in diesem Thema loswerden, denke ich.

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Kapitel 1_Widerwillen

Carl stieg in den Bus. Er tat es, weil er nicht wollte und er blickte jede Stufe einzeln an, als könne er sich selbst dadurch davon abhalten hineinzugehen. Als würde irgendetwas passieren, das es in letzter Sekunde verhindern würde. Aber nichts geschah. Carl stieg in den Bus.

Das Warten auf den Bus war eine Ruhephase zwischen zwei Arbeitsphasen. Die Schule, das Warten auf den Bus, das Ankommen zuhause. Carl empfand eine sanfte Antisympathie gegen sein Zuhause. Man erwartete zuviel von ihm. Seine Mutter erwartete Freundschaften, er hocke zuviel in seinem Baumhaus herum und käme zu wenig unter die Leute. Sein Vater erwartete gute Noten, er mache sich zu wenig Gedanken um seine Zukunft, seine Leistungen wären ungenügend. Carl kümmerte sich um beides so gut er konnte. Und dabei kam er sich vor, als würde er von einer geradezu astronomischen Wasserlast erdrückt werden. Und es war dunkel hier unten im Meer, sehr dunkel. Und kalt.
Carl betrachtete die Welt draußen durch den Regen als ein Fisch, der aus seinem Aquarium herausblickte.

Carl saß beim Abendbrot. Seine Eltern machten sich Sorgen um ihn, vielleicht weil er ihr einziges Kind war und sie ihre Sorgen konzentrieren und nicht- wenn er ein Geschwister gehabt hätte- auf zwei Personen verteilen konnten. Carl hätte sich eine Schwester gewünscht, vielleicht hätte sie ihn verstanden. Er hätte sich wirklich eine gewünscht.
Sehr sogar.
Er blickte auf die Tischplatte und zerrupfte sein Essen. Appetit hatte er fast keinen, stattdessen hatte er Steine im Bauch. Und ein besonders großer Stein hatte die Aufschrift: "Englisch-Klassenarbeit". Eine 3. Nur eine 3. NICHT befriedigend.
"Hast du keinen Hunger, Carl?" Er schüttelte mit gesenktem Haupt den Kopf. Er stand schweigend auf, holte seine Klassenarbeit und gab sie seinem Vater. Er vermied es dabei, ihn anzusehen. Er musterte stattdessen lieber die Tischoberfläche. Lauter Kringel und Kreisel, die fließend und filigran ineinander übergingen.
"Carl...", sagte sein Vater. Seine Mutter war ausserhalb der Küche, Schule war ein Thema zwischen Vater und Sohn. "Weshalb bist du nicht besser?" Carl faltete die Hände unter dem Tisch. Was sollte er sagen? Dass er, als der Stoff drangenommen wurde, zwei Wochen krank gewesen war und keiner seiner Klassenkameraden für ihn mitgeschrieben oder Blätter mitgenommen hatte? Dass er deshalb einen Teil des Stoffes nicht verstanden hatte?
Es hätte gestimmt.
Beschissene Unschuld.
Carl hatte zuvor sogar beschlossen für einige Male das Orchester, in dem er spielte, ausfallen zu lassen um den Stoff aufzuholen. Es hatte scheinbar nichts genützt.
Er saß am Küchentisch und ließ die Standpauke über sich ergehen. Ich mach es das nächste Mal besser. Es war nicht meine Schuld. Ich gebe mir doch Mühe. All diese Worte waren abgenutzt wie alte Radiergummis. Und als sein Vater ins Wohnzimmer gegangen war um sich die Tagesschau anzusehen, kam mit besorgtem Gesicht seine Mutter herein und setzte sich zu ihm an den Tisch. Sie war einfühlsam und nett und teilte ihm mit, dass sie von seinem Musiklehrer erfahren hatte, dass er die letzten paar Male nicht zur Orchesterprobe erschienen war.
"Carl, wieso denn? Kommst du dir nicht einsam vor, ich weiß doch, dass du keinen guten Draht zu deinen Klassenkameraden hast..." Und mit ihrer sanften, netten aber genauso grässlich vorwurfsvollen Stimme fragte sie, weshalb er denn nie einen Gleichaltrigen ansprach, weshalb er immer nur in seinem Baumhaus herumhockte.
"Ich musste lernen.", sagte er zögernd, angelockt vom lieblichen Klang ihrer Stimme wie die Motte vom Licht.
"Ach, Carl. Du bist immer so verantwortungsbewusst, aber du darfst es einfach nicht übertreiben!" Carl begriff, dass er sich nur verbrennen konnte, spätestens als seine Mutter genauso zu reden begann wie sein Vater. Über ein anderes Thema, im anderen Tonfall. Aber...
Carl schaltete erneut auf Durchzug.

In diesem Haus sprach man nicht miteinander. Seine Mutter und sein Vater nicht, zwar sagten sie etwas, aber sie sprachen nicht.

Das Haus hatte einen Rasenstreifen im Hinterhof, etwa zehn Meter breit und danach ein Waldrand. Und gleich der erste Baum, beeindruckend und verschnörkelt trug auf seinen breiten Ästen: Carls Baumhaus. Aus dunklem Holz thronte es auf dem rüstigen Gehölz. Er kletterte die Strickleiter hinauf, wie er es unzählige Male zuvor getan hatte, öffnete die Türe -Das rote Windspiel, das ihm seine Mutter zur Einweihung ans Fenster gehängt hatte, klimperte-
Und Carl wurde zu einem anderen Menschen.
Er atmete tief durch und schloss ab. Sein Zimmer war eigentlich nicht sein Zimmer. Dort lernte er und dort spielte er Musik. Dort schlief er und dort brachte er seinen Alltag zu. Er benutzte sein Zimmer.
Im Baumhaus aber lebte er.
Er warf einen Blick über eine große Ansammlung kleiner Personen, die seine Ankunft schon erwartet zu haben schienen. Denn was er dort im Baumhaus tat, war zu spielen. Auf Ablagen und Regalen tummelte sich seine Armee.
Viele, viele, kleinere und größere, selbstgemachte Figuren blickten zu ihrem Schöpfer auf. Carl nahm eine aus dem Regal. Sie war weiß und gerade so groß wie seine Hand. Sie gehörte zum Volk der sogenannten Plebolems.
Der Name war eine Zusammensetzung der beiden Worte "Plebs" und "Golem", ersteres bezeichnete die große Unterschicht des alten Roms und war eine Anspielung auf ihre große Anzahl, denn von ihnen besaß er die meisten. Zweites war eine Kreatur aus Lehm, die durch ein Stück Papier in ihrem Kopf zum Leben erweckt wurden. Damit wollte er auf die Machart der Plebolems hinweisen, die zwar nicht aus Lehm, allerdings aus Salzteig bestanden. Einfach Fußsoldaten, ungeschlachtete, manchmal mehr, manchmal weniger menschenähnliche Figuren.

Es gab aber auch anders geschaffene Figuren, die allesamt, im Gegensatz zu den Plebolems, Unikate waren oder die es nur in geringer Anzahl gab.
Ein dürres Männlein aus Zweigen, das an einen Insektenmenschen erinnerte, ein kopfloses Monster mit schwarzer Haut, das wohl aus professioneller Modelliermasse bestehen musste, mehrer Seemonster...
Carl fertigte die Figuren in einem bestimmten, willkürlich erscheinendem System: Kam ihm eine Idee, malte er sie auf oder schrieb sie auf einen Zettel und pickte ihn dann mit einer Reißzwecke an eine Wand des Baumhauses. So hatten die beiden Begriffe „Plebs“ und „Golem“ zueinander gefunden. Nahe der beiden Zettel hing mit Tesa Film befestigt eine Postkarte, welche die tönernen Krieger des chinesischen Kaisers zeigte. Auch andere Begriffe, Fotos und Bilder klebten an der Wand, manchmal sogar Familienfotos. Die Übergänge von Realität zu Erdachtem und Erfundenem waren an der Wand fließend wie bei einem Hexadezimalsystem.
Er nannte seine Inspirationswand „Die Brücke“.

Nun liess er sich auf die Knie herab, auf halbem Wege zwischen seiner Brücke und seinen Figuren saß er auf dem Boden und tat nicht. Gar nichts. Und er saß da und lächelte.
Dann arbeitete er weiter an seinen Figuren.

Warin
04.04.2008, 20:38
Was ich euch nun zeigen werde, ist sozusagen das Projekt NACH dem Projekt, an dem ich momentan arbeite (Hölle AG). Wo bleibt denn da ThirTeeno.O :)

Direkt der erste Eindruck war: Schluck, dass ist wieder eine von deinen ernsten Geschichten. Es ist schon irgendwie komisch. Irgendwie erwarte ich immer Ironie und Witz von dir, dabei gefallen mir die ernsten Seiten in deiner Schreibkunst besonders gut.

Den ersten Abschnitt musste ich ein paar mal lesen und ich glaube immer noch, da stimmt ein Wort nicht drin:
Er tat es, weil er nicht wollte -> müsste das nicht obwohl er es nicht wollte heißen?
eine Ruhephase zwischen zwei Arbeitsphasen -> ich hätte wohl Ruhepause geschrieben, um "phase" nicht zu wiederholen
Carl begriff, dass er sich nur verbrennen konnteIch muss sagen, der Satz hat mich massiv gestört. Bislang sieht es eigentlich "nur" nach relativ normalen pubertären Stress aus, dass da direkt der Selbstmordgedanke ins Spiel kommt und dann in so krassen Worten.:( Auch wenn es nur übertragen gemeint sein sollte... Nö, gefällt mir nicht.*nein*

Einfach Fußsoldaten, ungeschlachtete, manchmal mehr, manchmal weniger menschenähnliche Figuren. -> ungeschlachtete? meintest du vielleicht grobschlächtige? Oder was ist da die Aussage? Dass sie noch nicht abgeschlachtet wurdenX.X

Heieiei... soviel Gemeckere, ich sollt mich schämen:o Was gut rüber kommt, ist die Atmosphäre in der Familie. Irgendwie genau wie in der Familie meiner Frau früher, der Vater, dem sie's notenmäßig nie rechtmachen konnte (auch wenn sie selten schlechter als 2 stand), die Mutter, die meinte, sie hätte zu wenig soziale Kontakte... sehr stimmig und glaubwürdig. Nu ja - und als es dann richtig spannend wird, ist das Kapitel vorbei:)

Den Ausdruck "Brücke" für die Inspirationswand find ich interessant. Das suggeriert ja schon fast, dass es da durch bald in eine Fantasiewelt geht. Da kommt so ein "unendliche Geschichte" oder "Brücke nach Terabithia" Gefühl auf. Also bin ich mal gespannt, was da noch kommt^^

RickyLee
26.04.2008, 17:48
Okay, obwohl es wohl... (XDDDD) allem Anschein nach keine Sau interessiert, wie es mit Carl weitergeht (ausser Warin - wobei ich Warin natürlich keine animalischen Ambitionen irgendeiner Art zuschreiben möchte)
Poste ich mal den zweiten Teil...

Vorher aber noch zu Warins Post:

Zitat von RickyLee
Was ich euch nun zeigen werde, ist sozusagen das Projekt NACH dem Projekt, an dem ich momentan arbeite (Hölle AG).

Wo bleibt denn da ThirTeen?

Hallo? Ich würde es niemals wagen, ThirTeen als MEIN Projekt zu bezeichnen, das ist UNSER Projekt... heieieiei...

Direkt der erste Eindruck war: Schluck, dass ist wieder eine von deinen ernsten Geschichten. Es ist schon irgendwie komisch. Irgendwie erwarte ich immer Ironie und Witz von dir, dabei gefallen mir die ernsten Seiten in deiner Schreibkunst besonders gut.

Jaaa... danke. Humor kommt bei Caligo allerdings ziemlich selten gestreut vor - aber er kommt vor XD

Den ersten Abschnitt musste ich ein paar mal lesen und ich glaube immer noch, da stimmt ein Wort nicht drin:
Er tat es, weil er nicht wollte -> müsste das nicht obwohl er es nicht wollte heißen?

Nein und das ist so gewollt. Es hängt mit Carls Philosophie zusammen, dass er das alles durchstehen muss, auch wenn er es nicht will. Leicht abgeändert, "da" er es nicht will, bedeutet, dass er denkt, dass alle ihn dazu zwingen - was aus seiner Sichtweise definitiv stimmt.

eine Ruhephase zwischen zwei Arbeitsphasen -> ich hätte wohl Ruhepause geschrieben, um "phase" nicht zu wiederholen

Ich finde diese Wortwiederholung nicht schlimm... Wenn der ganze Tag in Phasen eingeteilt ist, naund?

Zitat:
Carl begriff, dass er sich nur verbrennen konnte

Ich muss sagen, der Satz hat mich massiv gestört. Bislang sieht es eigentlich "nur" nach relativ normalen pubertären Stress aus, dass da direkt der Selbstmordgedanke ins Spiel kommt und dann in so krassen Worten. Auch wenn es nur übertragen gemeint sein sollte... Nö, gefällt mir nicht.

Öhm... 0.o da is kein Wort von Selbstmord und übertragen hast du das falsch verstanden: Wie die Motten auf das Licht zufliegen (in diesem Falle, seine Mutter ihm einen Ausweg zu bieten scheint) kann er sich an dieser Hoffnung nur verbrennen, weil sie ihn, auch wenn sie es eigentlich nur gut meint, mit ihren Erwartungen nur umso mehr unter Druck setzt.

Einfach Fußsoldaten, ungeschlachtete, manchmal mehr, manchmal weniger menschenähnliche Figuren. -> ungeschlachtete? meintest du vielleicht grobschlächtige? Oder was ist da die Aussage? Dass sie noch nicht abgeschlachtet wurden

XD wäre jetzt eine Möglichkeit zur Interpretation, aber eigentlich meinte ich grobschlächtige *hide*

Heieiei... soviel Gemeckere, ich sollt mich schämen Was gut rüber kommt, ist die Atmosphäre in der Familie. Irgendwie genau wie in der Familie meiner Frau früher, der Vater, dem sie's notenmäßig nie rechtmachen konnte (auch wenn sie selten schlechter als 2 stand), die Mutter, die meinte, sie hätte zu wenig soziale Kontakte... sehr stimmig und glaubwürdig. Nu ja - und als es dann richtig spannend wird, ist das Kapitel vorbei

Ich bin froh, dass du dich überhaupt dazu durchgerungen hast, das zu lesen, es ist ja inhaltlich recht... trocken. Und ich denke, das Thema kann jeder mehr oder minder nachvollziehen. Apropos nächstes Kapitel: Da gehts mal richtig los und du wirst eventuelle einige Parallelen zu Rotkäppchen erkennen können. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so sehr danach aussieht: Auch ich wiederhole mich früher oder später in meinen Geschichten...

Den Ausdruck "Brücke" für die Inspirationswand find ich interessant. Das suggeriert ja schon fast, dass es da durch bald in eine Fantasiewelt geht. Da kommt so ein "unendliche Geschichte" oder "Brücke nach Terabithia" Gefühl auf. Also bin ich mal gespannt, was da noch kommt^^

*grins* jaaa, du bist echt gut, ABER es wird NICHT in eine Fantasywelt hineingehen...

RickyLee
26.04.2008, 17:51
Kapitel 2.1_Sehen

Manchmal fragte sich Carl, ob die Menschen wohl die Welt alle gleich sahen. Oder ob jeder Mensch die Welt komplett anders sah, ob für die Farbe orange in wirklichkeit für jemand anderen die Farbe blau war, aber eben immer nur in dessen Kopf. Nachweisen würde man so etwas ja nicht können, weil jeder Mensch nie von seiner eigenen Perspektive abrückte.
Abrücken konnte.

Wie würden wohl Aliens die Erde sehen? Würden sie Farben Schmecken, Geräusche sehen? Würden sie den Kopf eines Menschen auseinander nehmen, sein Innerstes erforschen und dann eine Brille bauen, mit der man wie ein Mensch sehen konnte? Dann würden sie „Aha!“, rufen. Oder Klicken... oder Schmatzen. Vielleicht waren sie auch stumm?
Oder er fragte sich, wie die Welt wohl wirklich aussah, immerhin war er nur mit 5 läppischen Sinnesorganen ausgestattet um riesige, zusammengequetschte Massen aus Billiarden kleinster Moleküle irgendwann als Sofa oder etwas anderes zu erkennen. Vielleicht gab es ja Lebenwesen und Kräfte, die der Menschen einfach nicht wahrnehmen konnten, die aber trotzdem da waren.
Geister?

In einem war sich Carl allerdings sicher: Wenn schon nicht seine Wahrnehmung, so war sein Bewusstsein irgendwie anders als das der anderen.

Und jetzt sah Carl Blut.

Kapitel 2.2_Jagen und Sammeln

Carl wurde allgemein einfach übergangen und ignoriert. Er war wie die Tapete an den Wänden, wie die Kreideschlieren an der Tafel. Manchmal gelangweilt angestarrt, irgendwie immer da und dann... irgendwie doch nicht. Wenn er zwei Wochen lang fehlte, bemerkte man es erst, wenn er wieder da war. Carl konnte damit umgehen, womit er hingegen nicht umgehen konnte, war Aufmerksamkeit. Und vor allem die Art von Aufmerksamkeit, die ihm Martin Lenner zukommen ließ.

Und Hurra, wieder eine Tagesration Prügel vorbei. Carl kratzte sich selbst vom Schulgang auf, hob den Kopf und linste durch sein linkes Auge, das rechte war taub und wollte sich auf seinen Befehl hin nicht rühren Hatte es schon geklingelt oder nicht? Der Gang war leer... langsam drang schwammiges Gemurmel durch seinen Kopf. Keine Geräusche, Gedanken.
Achja, dachte er, doch selbst das Denken bereitete ihm im Moment Mühe, die Schule ist wohl schon aus...
Und den Bus musste er wohl auch schon verpasst haben.
Sein Kopf sank erschöpft zurück auf das stinkende Laminat. Und da sah er den verwischten Streifen Blut, sein Blut, das er gerade eben dorhin befördert hatte. Vielmehr... interessiert als schockiert tastete Carl seine Stirn und Hinterkopf ab, seine grauen Augen blickten dabei ins Nichts. Irgendwo an der rechten Seite seines Schädels zuckte er dann zusammen, hob die Hand wieder vor´s Gesicht und starrte die rote Schmiere an seinen Fingern an, die seine Haare wie mit einem Borstenpinsel aufgedruckt hatten. Er rieb sich die Hand. Klebrig. Carl stellte fest, dass es ganz schön viel Blut war, also, er lag nicht direkt in einer Lache, aber es war genug um ihm übers Gesicht zu laufen und den Putzfrauen erstmal Arbeit zu bieten.
Er schleppte sich zur genaueren Begutachtung des Schadens ins Schulklo und hinterließ dabei eine Spur aus einzelnen rötlichen, zerplatzten Tropfen. Als er zurücksah, musste er unfreiwillig lachen. Hier sah es aus wie im Horrorfilm.

Das Neonlicht flackerte, dann knallte die Helligkeit ins Jungsklo, über die klinisch weißen Pissoirs und den roten Backstein. Carl passte in dem Sinne ins Bild, da auch er nur in weiß und rot erschien: Rot das Blut, das in Flecken an seinem Kopf, in Streifen an seinen Fingern klebte und weiß das Gesicht. Er grinste, nein, eher... er entblößte die Zähne. Sie waren fast so weiß wie seine Haut. Der Anblick gefiel ihm. Er kam sich entrückt vor, als er an den Spiegel herantrat, die Handballen auf die Waschbecken presste und sich noch näher an die kalte Scheibe heranschob.
Weiß blinzelten die Spitzen seiner Wimpern im Neonlicht.
Weiß erschien seine fahle Haut.
Weiß waren seine Augen vom hellen Widerschein des Spiegels.
Weiß waren seine lächelnden Zähne.
Er grinste noch immer.
„Hallo.“, sagte er leise. Auch wenn er sich nicht ganz sicher war, wem dieser Gruß gelten sollte. Aber es war definitiv eine Begrüßung. Jemand war angekommen, er winkte aus der Ferne.

Carl verbrachte die nächsten fünf Minuten damit sein Hemd und Haare auszuzwaschen. Der Traum zerfloss samt des Blutes den röhrenden Abfluss herab.
Danach beseitigte er auch alle anderen Spuren seiner Demütigung.
Die Realität kam unerbittlich zurück.

An diesem Tag musste Carl also nach Hause laufen. Sicherlich würden ihn seine Eltern fragen, wo er denn gewesen sei. Jeder auf seine Art und jeder auf verschiedene Art unerträglich. Er überlegte sich, da er sowieso schon Ärger bekommen würde, sollte sich dieser wenigstens lohnen. Und somit ließ er sich viel Zeit mit dem Nachhauseweg.

Links und rechts waren graue Häuserfassaden mit vereinzelten Autos gespickt, die in der Nachmittagshitze flimmerten.
Einige der Läden hier kannte er flüchtig von früher, als er noch genug Freizeit gehabt hatte um sein Taschengeld auszugeben, andere waren ihm neu, denn es gab sie erst seit ein paar Jahren. Unter den bekannteren befand sich ein Laden für Schreibwerkzeuge, der sich nur deshalb hier gehalten hatte, weil die Schule bei ihm einkaufte. Er blieb vor der staubigen Schaufensterscheibe stehen und warf einen Blick auf die ausgestellten, von der Sonne ausgebleichten Artikel.
Wo man normalerweise von einer „verschlafenen Kleinstadt“ sprach, war Carls Heimatstadt „komatös“.
Der „Wind der Veränderung“ war hier nur eine lasche Sommerbrise, die ein paar Staubwirbel vor sich hertrug.
Carl empfand diesen Zustand als beinahe unerträglich.
Nein, er WAR unerträglich, korrigierte er sich.
Das Entsetzen fraß ihn nur nicht auf, weil es nicht ganz durch den grauen Alltagsbrei dringen konnte.
Um aus dem Trott so weit wie möglich auszubrechen, betrat Carl den Laden und sah sich um. Verstaubte Hefte, zurückgelassene Bücher und ein Sortiment aus vielen verschiedenen Bleistiftsorten bedeckten notdürftig die Blöße der nackten Regale. Ging man zwischen den Körben mit halb zerschmolzenem Bastelbedarf vorbei, kam man zu einem noch engeren Teil, in dem Kartons und Körbe gestapelt waren. Die Kartons waren grau von Staub und teilweise ausgebleicht, wie der Rest des Ladens eben auch, inklusive der an der Theke dösenden Verkäuferin. Als sich sein Blick an das fehlende Licht gewöhnte, erkannte er bunte Aufschriften darauf. Es war Spielzeug und er griff, nun mit gewecktem Interesse, eine der Figuren aus einem Korb.
Dunkel- und hellgrün gemusterte Hosen, weißes Muskelshirt und ein Knopf am Bauch. Es handelte sich um eine Actionfigur, die Carl aus zusammengekniffenen Augen und mit verkrampften Gesichtsausdruck misstrauisch musterte. Er drückte den Knopf am Bauch.
„Dein letztes Stündlein hat geschlagen, Bösewicht!“, erklang eine verzerrte Stimme aus seinem Rücken. Carl zog die Stirn kraus, legte die Actionfigur beiseite und suchte weiter. Etwas weiter unten, in einer pinken Verpackung, fand er schließlich eine weitere Spielfigur. Es war eine blonde Puppe von einem Mädchen, gerade so groß wie seine Hand, den rosa Mund zu einem gequetschten O geformt. „Kann Essen, Trinken und Pipi machen!“, pries die Aufschrift an.
„Na, das ist doch mal was nützliches“, murmelte Carl, nahm die rosa Kiste und ging zur Kasse.

Als Carl nach Hause kam, war es schon fast dunkel. Er überlegte, was er denn nun mit dem Spielzeug machen sollte, damit seine Mutter es nicht sah. Und so packte er das Püppchen aus, quetschte die Verpackung in den Mülleimer und versteckte sie in der Tasche, sorgsam darauf achtend, dass ihre blonden Haare nicht hervorlugten.
Dann ging er ins Haus.
Überraschenderweise, überraschend für Carl und überraschend für seine Mutter, trafen sich die beiden prompt im Gang.
„Carl! Wo warst du denn?“
„Ich?“, hapste Carl. „Oh, ich war unterwegs.“
„Allein? Wo denn? Warum kommst du erst so spät nach Hause?“ Besorgten Gesichtes trat sie näher.
„Ähm... mit einem Freund... mit einer Freundin. Wir waren in der Stadt, hab den Bus verpasst, tut mir leid...“, stammelte er und hoffte, dass es, wenn seine Mutter die Satzfetzen zu einer Geschichte verband, wenigstens Sinn ergab. Sein ganzer Kopf war heiß.
„Achso! Du warst mit einer Freundin unterwegs? Das ist ja schön!“. Ihr Stirnrunzeln schmolz dahin. „Kenne ich sie denn?“
„Neinnn... eher nicht.“
„Ist sie denn neu in der Stadt?“
„Auch nicht...“
„Wie heißt sie denn?“
„Äh...“ er entstinnte sich der Verpackung. „Sally.“ Seine Mutter schien hoch erfreut.
„Das ist ja wirklich schön! Dass du jetzt eine Freundin hast... denkst du, es ist ernster?“ Carls Gesichtsausdruck war Asche. Grau, bröselig.
„Du meinst... knutschen und so?“, seine Stimme wurde auf merkwürdige Art höher. Sie nickte und lachte.
„Nein. Ich hab sie heute erst kenne gelernt. Ich geh auf mein Zimmer, okay?“
„Okay.“ Sie ging ihrer Wege, Carl ging seiner Wege.

Sein Weg führte nur leider am Arbeitszimmer seines Vaters vorbei. Der Raum war dunkel, nur der Computer flackerte hell. Und wieder erschrak Carl.
„Carl, wo warst du die ganze Zeit?“ Sein Vater wandte nicht den Kopf um ihn zu begrüßen, er starrte weiter auf den Bildschirm, rieb sich ab und an die Augenlider und tippte etwas ein. Carl musste erst seine Stimme wiederfinden, bevor er antworten konnte.
„Ich bin länger in der Schule geblieben.“
„Musstest du nachsitzen?“ Carl schoss erneut das Blut in den Kopf, obwohl er eigentlich nichts verbrochen hatte.
„Nein. Wirklich nicht.“ Leises Tippen, endlich drehte sich sein Vater träge auf dem klapprigen Bürostuhl herum.
„Du weißt, ich kann mit Leichtigkeit in der Schule anrufen um das herauszufinden.“ Eine leichte Drohung lag auf seiner Stimme wie der fettige Belag auf der Zunge nach dem Verzehr einer schlecht aufgewärmten Dosensuppe.
„Ja. Ich meine, ich weiß.“ Sein Vater hatte die haarigen Arme auf die Knie gestützt und musterte seinen Sohn wie ein ruhender Stein.
„Du warst länger in der Schule?“
„Ja.“
„Warum.“
„Ich hatte nicht wirklich eine andere Wahl...“, murmelte Carl. Es quietschte langgezogen, als sich der Vater zurücklehnte. Er brummte leise. Meinte dann...
„Dann hast du es endlich eingesehen, mit deinen Noten? Dass du auch etwas dafür tun musst?“ Carl erwiderte nichts, er stand da als bleiche Salzsäule und hoffte, dass sein Vater bald den Bann von ihm nahm, damit er sich wieder bewegen durfte. Wegrennen durfte. „Sehr gut.“
Ohne ein weiteres Wort drehte er sich herum, schaltete mit einem Mausklick den Bildschirmschoner aus, der in der Zwischenzeit angesprungen war und tippte weiter.
Carl stürmte die Treppe hinauf, bevor sich noch weitere Hindernisse in seinen Weg legen konnten.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, ließ er sich seinerseits aufs Bett fallen. Er stellte das Püppchen aufs Nachtschränkchen und lauschte seinem Atem. Als er die Augen wieder öffnete, fiel sein Blick auf ihr Gesicht. Der für ein Wasserfläschchen gemachte O-Mund kam ihm für einen Moment so vor, als hätte sie ihre Lippen für einen Kuss gerundet.
Sein Mundwinkel zuckte, dann lachte er ungefähr fünf Minuten lang.
Nein, war das dämlich...

Es war der nächste Morgen, Samstag, die Eltern waren ausser Haus. Vater arbeiten, Mutter einkaufen. Zu dieser Tageszeit erschien die Luft unnatürlich klar und sauber, die Glieder hatten noch eine milde, merkwürdige Taubheit in den Knochen stecken und die ersten Sonnenstrahlen schienen die Kraft eines Laserpointers zu besitzen.
Und Carl saß auf dem Sofa im Wohnzimmer. Ohne sein Wissen oder eher, ohne dass er es mitbekommen hatte, hatte sein Vater scheinbar sein Fernseh-Abonnement nach seiner neulichen Beförderung erweitert.
Carl ärgerte sich nicht darüber. Wozu auch? Hundert neue Kanäle!
Eigentlich war er kein großer Fernsehgucker, dazu fehlte ihm schlicht die Zeit, ausserdem war das Fernsehen kein Vergeich zu seinem Baumhaus, fand er. Aber heute fehlte ihm schlicht die Lust, sich neue Kreaturen auszudenken. Sally stand auf der Tischkante und hatte das Köpfchen ebenfalls zur Mattscheibe gewandt. Die Rolladen heruntergelassen und mit blanken, dunklen Augen, die Beine angezogen und umklammert, in der rechten Hand die leicht zuckende Fernbedienung als einziges Lebenszeichen seinerseits zappte er durch die Programme. Der Widerschien spiegelte sich in seinen geöffneten, nicht blinzelnden Augen.
Schließlich stoppte er.
Er wusste erst gar nicht, das das Musik war, was da lief. Viel zu schnelles Schlagzeug, durchkreuzt von der tiefen Stimme des Basses und den zwei Gitarren. Eine dunkle Stimme säuselte etwas ins Mikrophon, das er nicht ganz verstand. Aber es war egal, was da genau gesungen wurde. Das Lied handelte wohl von blutroten Vollmondnächten, eventuell auch vom Hass gegen die Gesellschaft oder die Religion... Carl konnte es nicht sagen. Und es war ihm auch egal. Er blendete den Gesang aus, konzentrierte sich auf die Musik und sog sie auf.
Der Gitarrist mit zu Spikes aufgestellten Haaren tauchte im Bild auf.
Carl starrte.

So fand ihn seine Mutter vor, als sie nach einer Stunde in eine vollkommen veränderte Wohung zurückkehrte. Nicht visuell sondern eher im Audiobereich. Die Musik wummerte durch die Küche und als die Mutter die Schiebetür aufschob, vibrierten ihre Trommelfelle noch mehr.
„CARL!“ Hastig schob er Sally unter ein Sofakissen, ließ nervös die Fernbedienung ein paar mal fallen und schraubte zuletzt endlich die Lautstärke auf ein erträgliches Maß zurück.
„Tschuldigung.“, murmelte er hastig, doch das schien ihre Wut nur noch zu verstärken.
„Was ist denn in dich gefahren, so kenn ich dich gar nicht! Willst du, dass sich die Nachbarn beschweren?“ Carl saß in seiner geistigen Unterwassergrotte und blickte zu Boden.
„Tut mir leid.“ Ihre Stirn knitterte.
„Warum bist du überhaupt schon so früh wach?“
„Ich hatte Hunger.“
„Ach, stimmt ja... du hattest gestern gar kein Abendessen...“ Sie sah zur Seite, nickte ihm dann zu. „Los, zieh dich an. Dein Vater bringt heute Kundschaft mit nach Hause, sie wollen sich ein Haus hier in der Nähe ansehen.“ Der Vater war Immobilienmakler.
Carl nickte rasch, der Schreck steckte ihm noch in den Knochen, und versteckte Sally hinter dem Rücken, als er ging.

Nejira
26.04.2008, 18:23
WOW - eine Schande, dass ich das nicht früher entdeckt habe!

Mir gefällt die Geschichte bis jetzt gut, auch wenn ich noch nicht weiß, wo das hinführen soll - aber gerade das macht es spannend. Ich weiß absolut nicht, wo das hinführen soll... :)

Besonders gut finde ich den, fast schon sachlichen, Stil, mit dem du die Vorgänge sehr eindrücklich beschreibst. Ich kann Carls Gefühle richtig gut nachvollziehen - und den Schreibwahrenladen hab ich fast schon gesehen!

Auch die Beschreibung des Familienlebens gefällt mir... und die Stelle, als Carl zu spät heimkommt und seinen Eltern jeweils genau das Erzählt, was sie hören wollen.

Im Gegensatz zu Warin hab ich auch gleich erkannt, was mit verbrennen gemeint war. :p

Ich bin schon gespannt, wo du uns mit der Geschichte noch hinführen wirst...

Genau die gleichen Fragen wie in 2.1 stelle ich mir auch des öfteren. :D

RickyLee
04.05.2008, 21:03
So, und der vorerst letzte Teil von Caligo mit einem gewaaaaltigen Cliffhanger am Ende... -.- Tut mir furchtbar leid, aber ich hatte euch ja gewarnt, dass das hier ja eher eine Leseprobe ist...

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Kapitel 3_Süße Erdbeeren

Der heutige Tag war gut ausgeleuchtet. Nicht direkt sonnig, obwohl die Sonne schien. Nicht kalt, nicht wirklich warm. Das Wetter war in einer Balance, die jederzeit kippen konnte, es aber nicht tat.
Bei Regen verschwand Carls Baumhaus und der Hintergarten meist hinter einem kalten Regenschleier, unbarmherzig preschten die Winde gegen die Festung und der kurze Weg über den Rasen und die Leiter hinauf ins Trockene war ein Spießrutenlauf. An sonnigen Tagen hatte das Gras einen gelblichen Stich und draußen war die luft warm und dick, während es im Baumhaus meist angenehmer, wenn auch Mückenreicher war. Der heutige Tag schien kein Wetter zu haben, anders ließ es sich nicht ausdrücken.

Carl hockte auf der Terasse und steckte in seiner speziellen Kleidung. Das bedeutet, sie symbolisierte den Kunden, die vorbei kamen um sich ein Haus anzusehen, beziehungsweise um in den Prospekten und Anzeigen gemeinesam mit seinem Vater potentielle Wohnhäuser auszuwählen, dass hier ein anständiger Mann lebte. Oder zumindest ein Mann, der einen anständigen Sohn als Aushängeschild hatte. Carl kümmerte es nicht, was er trug. Im Liegestuhl, die Lehne drei Stufen zurückgestellt blickte er mit leerem Kopf in den ebenso leeren Himmel und dachte passiv nach. Seine Stirn war dabei nur ein wenig gerunzelt.
Wie ein Fisch am Strand lag er dort, rührte keinen Finger.
Vor dem Haus fuhr ein Auto vor, er hörte es um die Hausecke in die Einfahrt parken und schließlich anhalten. Ein paar Vögel zwitscherten, kein Windhauch regte sich.
Zwei Autotüren öffneten sich beinahe gleichzeitig.
Carl saß noch immer da, ein Sinnbild der Regungslosigkeit. Er war nicht einmal angespannt, auch nicht irgendwie verkrampft. Er war weder müde, noch hungrig, durstig, in bewegte nichts ausser die am Rande seiner Bewusstseins leise vor sich hinbrodelnden Gedanken. Ihm war auf unbewusste Weise klar, dass man ihn von der Hofeinfahrt aus sicherlich sehen konnte. Trotzdem wurde die Klingel betätigt und er nicht angesprochen. Füßescharren deutete darauf hin, dass jemand vor der Haustür darauf wartete, dass diese geöffnet wurde. Die Türe wurde geöffnet, Stimmengewirr, Türe wurde geschlossen. Dann kehrte schließlich wieder beruhigende Stille in den Garten ein. Carl atmete etwas tiefer aus als zuvor.
Sein Vater wollte nicht, dass er ins Baumhaus ging, wenn Kunden da waren. Meistens musste er sich auch zum Nachmittagskaffee hinzusetzen. Und dann gab es Erdbeeren mit Schlagsahne, wie jedes Mal. Gefolgt vom Klicken vieler kleiner Teelöffelchen, die gegen die Ränder von kleinen Kaffeetassen auf perfekten kleinen Spitzendecken stießen und dem Tippen kleiner Kuchengabeln, die sich eine widerliche Erdbeere von kleinen Porzellantellerchen angelten. Carl hasste Erdbeeren und verstand auch nicht, was der Rest der Welt an diesem lahmsüßen Früchten fand. Und dieser Tag war wie gemacht für Erdbeeren mit Schlagsahne.
Manchmal akzeptierte es seine Mutter, manchmal auch nicht. Aber sie versuchte es immer wieder es ihm aufzudrängen.
Und darum saß Carl auf dem Liegestuhl auf der Terrasse und langweilte sich kultiviert wie eine Schnecke auf dem Asphalt auf das unvermeidliche Ereignis zu.

Kurze, schlappende Schritte auf dem Terrassenboden drangen durch die von roten Äderchen durchzogene Dunkelheit. Carl hatte inzwischen die Augen geschlossen und öffnete sie nun langsam, aus wager Neugierde, als die Schritte vor seinem Sitzplatz schließlich verharrten. Die Welt war seltsam blau und hell geworden. Vor ihm stand ein Mädchen, deren Gesicht er sich nicht merken konnte und auch nicht wollte. In blau.
„Hi.“, sagte sie. Carl zuckte lasch mit der linken Hand.
„Hi.“ Er schloss wieder langsam die Augen. Längere Pause.
„Dein Vater meint, du sollst mit mir spielen.“ Carl begnügte sich damit eine kurze Weile lang noch damit einfach nur zu atmen. Dann hob er die Lider erneut.
„Was willst du denn spielen?“ Sie zuckte mit den Schultern.
„Weiß nich.“
Carl bemerkte lahm, dass es ihr wohl nicht anders erging als ihm. Sie wäre genau wie er viel lieber an einem anderen Ort und musste sich eben mit den gegebenen Umständen begnügen. Aber keiner von beiden wollte so recht Kontakt mit dem anderen schließen, weil es schlicht zu anstrengend war. Er kam nun doch dazu, als sich wage Sympathie bei ihm für sie regte, sie näher zu betrachten:
Sie musste um einiges jünger sein, drei Jahre mindestens. Sie hatte lange, dunkelblonde Haare, einen ziemlichen Tick dunkler als die von Carl. Die Augen waren hell, vielleicht blau oder grau. Schreiend bunt geringelte Strumpfhose und ein wenig zu viel Schminke für ihr Alter. Oder für jedes Alter. Unter einer Art Schorfkruste aus Make-up konnte er auf ihrer rechten Wange einige Hautunreinheiten entdecken.
Irgendwie mochte er sie, stellte er fest. Rein theoretisch.

„Wem gehört denn das Baumhaus?“, fragte sie Carl, der ihr nun mit großer Mühe Interesse entgegenbrachte.
„Mir.“
„Hm. Benutzt du´s überhaupt noch?“
„Ja.“
„Echt?“ Ihrem Gesicht war nicht anzusehen, ob sie das freute oder nicht. „Ich finde Baumhäuser aufregend, ich wollte auch schon immer mal eins haben.“
„Ah-ja?“ Carls Interesse wuchs unweigerlich, aber er scheute sich auf den Köder einzugehen, den das Mädchen mit ihrer Aussage unwillentlich ausgelegt hatte. Darum hob er nur, nun gespielt lasch, die Brauen. Sie schien die gleiche Taktik zu verfolgen.
„Könnten wir nachher vielleicht mal kurz hoch, oder so?“, sagte sie in einem Tonfall, als wäre es ihr egal. Er schmunzelte. Er verstand sie. Das gelang ihm nicht bei vielen Menschen.
„Können wir auch sofort.“

Sie kicherte wie irre, als sie die Strickleiter hinaufkletterte. Scheinbar hatte sie mit solchen Dingen keinerlei Erfahrung und sah schon allein das Erklimmen der Leiter als eine Art Abenteuer an. Als sie oben dann stand und Carl mit seltsam irritiertem Lächeln dabei zusah, wie sie ganz begeistert den gesamten Abschnitt abging, der eine Art kleinen Balkon für das Baumhaus darstellte, steckte sie auch Carl allmählich mit ihrer Aufregung an. Sie schien von Carl in irgendeiner Weise fasziniert zu sein, egal was er tat oder ihr zeigte. Und seltsamerweise, merkte er, erging es ihm genau so mit ihr. Er beschloss, ihr etwas zu zeigen, was er ihr bisher noch keinem gezeigt hatte. Das Innere seines Baumhauses.

Das Mädchen betrat das Baumhaus wie eine Kathedrale aus Sperrholz. Das rote Windspiel am Fenster klimperte zur Begrüßung. Carls Stimmung stand an der Kippe zur Reue, noch nie hatte er bisher die Realität hereingelassen, selbst seine Elten hatten keinen Zutritt. Oder eher, gerade seine Eltern.
Das Mädchen ließ den Blick im Raum schweifen. Ihr Hinterkopf mit den Haaren, denen man das Glätteisen und die zu vielen Haarpflegeprodukte nur zu überdeutlich ansah bewegten sich langsam von links nach rechts. In diesem, gerade diesem Moment sah Carl plötzlich die Welt mit anderen Augen: Wie schräg mussten die Figuren wohl auf jemanden wirken, der ihre Bedeutung nicht kannte? Eine Ansammlung verkrüppelter Monster. Besonders Carls allerersten Figuren wirkten auf ihn plötzlich abstoßend. In einem plötzlichen Impuls wollte er sich sogar vor die Wand, die Brücke stellen, damit sie seine Gedanken nicht sah.
„Das ist ja so cool...“, flüsterte sie begeistert/ehrfürchtig. „Woher hast du die?“
„Selbst gemacht.“, flüsterte er fast. Skepsis lugte hinter jedem Wort hevor. Meinte sie ernst, was sie sagte?
Offensichtlich.
„Was?!“, platzte aus ihr heraus. Und mehr auch nicht. Ihr Blick wanderte im Baumhaus herum. Sie ließ sich polternd auf den Boden plumpsen, streckte die Hand nach einem der Monster aus...

Etwas in Carl verkrampfte sich. Hunderte Augen aus Plastik, Holz und Salzteig schienen plötzlich nicht mehr so leblos wie noch im Moment zuvor.
Ihre Fingerspitzen verharrten vor dem Figürchen, sie drehte den Kopf und sah ihn fragend an. Carl hatte die Stirn gerunzelt und musterte sie. Seine Miene löste sich.
Zerfasernde Schatten glitten in die Ecken des Zimmers zurück. Er zuckte mit den Schultern.
„Nimm ruhig.“
Nach einer Weile setzte er sich zu ihr.

Carl vergaß sogar, dass er eigentlich gar nicht hier sein durfte.
„CARL!“ Er zuckte merklich zusammen und dem Mädchen fiel beinahe der Plebolem aus der Hand. Beide wandten zeitgleich den Kopf zur Tür. Ein leises Knarzen verriet, dass sein Vater die Strickleiter erklomm...

Warin
16.05.2008, 21:24
Wow, also Ricky, ich muss sagen, wenn du es beschreibst, wäre wahrscheinlich sogar die Erzählung des Arztbesuchs eines Rentners spannend.

Es passiert ja nun eigentlich wirklich nicht soooo viel... und gerade das gab mir Gelegenheit, deine Sprache in vollen Zügen zu genießen. Da sind soviele schöne kleine Dinge drin, an die ich mich erfreuen kann. Da ist zum einen deine hervorragende Beobachtungsgabe:


Der Laden mit den von der Sonne ausgebleichten Artikel (so einen kenne ich auch aus meiner Heimatkleinstadt, irgendwie war ich grad in Gedanken wieder dort)
"Gefolgt vom Klicken vieler kleiner Teelöffelchen, die gegen die Ränder von kleinen Kaffeetassen auf perfekten kleinen Spitzendecken stießen...", ja, genau so hören sich so Besuche an.

Oder die hervorragenden Vergleiche, um die ich dich so beneide:


Wo man normalerweise von einer „verschlafenen Kleinstadt“ sprach, war Carls Heimatstadt „komatös“. Der „Wind der Veränderung“ war hier nur eine lasche Sommerbrise, die ein paar Staubwirbel vor sich hertrug.
wie der fettige Belag auf der Zunge nach dem Verzehr einer schlecht aufgewärmten Dosensuppe.

Woher nimmst du bloß immer diese Ideen?

Des weiteren fühle ich ganz, ganz doll mit dem armen Carl mit. Wie niedlich, mit dem Kauf der Puppe. Und dann lernt er sogar ein richtiges (nettes?) Mädchen kennen. Hach *dahinschmelz* Bist du dir sicher, dass du nicht weiterschreiben möchtest?
/me fragt sich grad, ob Ricky auch ein Baumhaus hat, hatte oder gern gehabt hätteX.X

Zwei klitzekleine Kleinigkeiten hätte ich nur zum Ankritteln: Liegt in der Schule wirklich Laminat im Flur? Edel, edel. Für gewöhnlich liegt da doch wohl eher Linoleum*grins* Und "vage" schreibt sich doch immer noch mit "v" statt mit "w", oder?

RickyLee
19.05.2008, 22:54
Linoleum, Laminat... upsi XDDD

Und: ja... Ja... JA!
Ich hätte SO gern ein Baumhaus gehabt. Meine frühere beste Freundin hatte eins, gott hab ich es geliebt XDDD
Aber mein heutiges Baumhaus ist mein Zimmer, in gewisser Weise. Und ich kann es abschließen ^^