Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Eure Lieblingsgedichte
Ich habe hin und her überlegt, ob Gedichte zu Literatur zählen oder nicht.
Aber ich habe mir gedacht, wir stellen hier auch unsere Lieblingsbücher vor, warum nicht auch mal unsere Lieblingsgedichte.
Ich meine hiermit keine selbst ausgedachten, sondern bereits von bekannten Persönlichkeiten geschriebene Gedichte.
Mir geht nämlich seit geraumer Zeit eins davon nicht mehr aus dem Kopf. Und das möchte ich Euch auch nicht vorenthalten :D
Es heißt:
Das Glück
Es huscht das Glück von Tür zu Tür,
Klopft zaghaft an: - wer öffnet mir?
Der Frohe lärmt im frohen Kreis
Und hört nicht, wie es klopft so leis.
Der Trübe seufzt: Ich laß nicht ein,
Nur neue Trübsal wird es sein.
Der Reiche wähnt, es pocht die Not,
Der Kranke bangt, es sei der Tod.
Schon will das Glück enteilen sacht;
Denn nirgends wird ihm aufgemacht.
Der Dümmste öffnet just die Tür -
Da lacht das Glück: "Ich bleib bei dir!"
von
Richard Zoozmann
edit:
Na toll. Hathor hat Recht. Jetzt bin ich nichtmal mit gutem Beispiel vorangegangen. Aber das mit den 60 Jahren haut hin. Richard Zoozmann ist nämlich laut Wikipedia 1934 gestorben ;)
Warum mir das Gedicht so gut gefällt?
Weil es einfach der Wahrheit entspricht. Die Menschen sind viel zu sehr auf sich selbst fixiert, unmotiviert, entmutigt oder was auch immer, um einen kleinen Funken Hoffnung, bzw. in dem Fall Glück, wahrzunehmen.
Den zuletzt Beschriebenen würde ich allerdings nicht als "dumm" bezeichnen, da er ja scheinbar schlau genug ist, die Augen für die Welt draussen offen zu halten. Das lohnt sich *ja*
Hm, der Thread könnte problematisch werden wegen des sehr strengen Urheberrechts.
Bitte nur Gedichte von Autoren, die zumindest seit 60 Jahren tot sind.
Und vielleicht erläutert ihr die Texte auch ein wenig. Nur den Text reinzukopieren wäre ein bisschen "billig". Warum gefällt euch das Gedicht, was ist besonders schön, was verbindet ihr damit...
ExLibris
25.03.2008, 13:35
Einer meiner Lieblingsdichter ist Christian Morgenstern
(6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914)
Er konnte unheimlich kreativ und humorvoll mit Sprache umgehen. Und die Gedichte kann man oft mit einem Schmunzeln lesen, was ein interessanter Gegensatz ist zu der gefühlslastigen Poesie wie man sie sonst kennt.
Der Werwolf
Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!
Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:
"Der Werwolf" - sprach der gute Mann,
"des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie man's nennt,
den Wenwolf, - damit hat's ein End."
Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!
Der Dorfschulmeister aber musste
gestehn, dass er von ihr nichts wusste,
Zwar Wölfe gäb's in grosser Schar,
doch "Wer" gäb's nur im Sigular.
Der Wolf erhob sich tränenblind
-er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.
Ephialtes
25.03.2008, 15:22
Mein Lieblingsgedicht:
Reiters Morgengesang
Morgenrot!
Leuchtest mir zum frühen Tod?
Bald wird die Trompete blasen,
Dann muß ich mein Leben lassen,
Ich und mancher Kamerad!
Kaum gedacht,
War der Lust ein End gemacht!
Gestern noch auf stolzen Rossen,
Heute durch die Brust geschossen,
Morgen in das kühle Grab.
Ach! wie bald
Schwindet Schönheit und Gestalt!
Thust du stolz mit deinen Wangen,
Die wie Milch und Purpur prangen?
Ach! die Rosen welken all`!
Darum still
Füg` ich mich, wie Gott es will,
Und, so will ich wacker streiten,
Und sollt` ich den Tod erleiden,
Stirbt ein braver Reitersmann.
Autor: Wilhelm Hauff (1802-1827)
Ich kann nicht sagen warum mir das Gedicht so gut gefällt, aber es passte gut in seine Epoche und hat den Zeitgeist hervorragend eingefangen.
Ist vielleicht nicht das Tiefschichtigste Gedicht der Welt, aber ich mag es sehr :)
Nun, eines meiner Lieblingsgedichte findet ihr in meiner Signatur. Es ist "Fire and Ice" von dem US-amerikanischen Dichter Robert Frost. Nicht nur, dass das Gedicht mit einem Augenzwinkern geschrieben ist, es ist auch noch was Wahres dran, oder nicht? ^^
Ein anderes Lieblingsgedicht von mir ist "Die Entwicklung der Menschheit" von Erich Kästner. Wie Frosts Gedicht ist es auch nicht ganz ernst gemeint, hat aber doch eine ernstzunehmende Aussage. Ich jedenfalls finde, dass es die Menschheit ganz gut charakterisiert. ;)
EDIT: Link entfernt, denn das ist im Grunde dasselbe wie hereinkopieren ;) Wer das Gedicht lesen will, muss halt googeln. LG Hathor
Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris
Mir gefällt dieses Gedicht, seitdem ich in der Schule zum ersten Mal damit in Berührung gekommen bin. Zum einen faszinieren mich Großkatzen schon immer und der Panther bzw. Leopard am meisten, zum anderen berührt mich die Emotion in diesem Gedicht. Manchmal fühle ich mich auch eingesperrt von den Beschränkungen meiner Umwelt. :(
@Hathor: Oh, das wusste ich nicht, tut mir Leid. Kann ich denn das Gedicht in meiner Signatur stehen lassen?
Curuthrandir
29.03.2008, 12:26
Ganz klar mein Favorit ist folgendes in Orignalsprache...ich denke mal es reicht wenn ich folgende Zeile poste^^
"Take thy beak from out my heart, and take thy form from off my door!'
Quoth the raven, `Nevermore.'"
Ganz klar mein Favorit ist folgendes in Orignalsprache...ich denke mal es reicht wenn ich folgende Zeile poste^^
"Take thy beak from out my heart, and take thy form from off my door!'
Quoth the raven, `Nevermore.'"
Auch mein absolutes Lieblingsgedicht. Wer es nicht kennt oder ganz lesen möchte: Klick mich (http://en.wikisource.org/wiki/The_Raven_(Poe))
Hier noch eine wundervolle musikalische Umsetzung von einer meiner Lieblingsband, Omnia: Omnia - The Raven (http://de.youtube.com/watch?v=JQyGWZWqKT8)
Ich mag so viele Gedichte. Den Panther liebe ich, den Luthien ja schon genannt hat, aber auch die Gedichte von Morgenstern und Heinz Erhardt.
Und ein Gedicht des Meisters der Gedichte... ja, von Johann Wolfgang von Goethe. Es heißt
Prometheus
Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöh'n!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen steh'n,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.
Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn' als euch Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.
Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus, wo ein,
Kehrt' ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.
Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du's nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?
Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herren und deine?
Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?
Hier sitz' ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!
Das Gedicht ist schwülstig und pathetisch, aber ich liebe es.
Ich liebe es, weil ich in Prometheus einen Seelenverwandten sehe, der gegen Gott, in seinem Fall Zeus, rebelliert, auch wenn er bitter dafür bezahlen muss. Aber er kann halt nicht anders... Und kein Gott hat je einem Menschen geholfen.
Verräter
22.04.2008, 23:11
Mein persönliches Lieblingsgedicht ist "The Raven" von Edgar Allen Poe. Es hat eine fantastische Ausstrahlung. Ich kriege einfach jedesmal wenn ich dieses Gedicht lese eine gewaltige Gänsehaut. Es geht um eine Person, die in einer Nacht von einem Raben "besucht" wird, der durch das Fenster in das Zimmer fliegt und nur das Wort "Nevermore" (Nimmermehr) spricht.
Schnell wird der Protagonist panisch während dunkle Erinnerungen an die verstorbene Lenore in ihm auf kriechen.
Wie hier aus Trauer langsam Angst und aus dieser Verzweiflung wird die ihn am Schluss letztendlich verzehrt und er in seinem eigenen Schatten gefangen wird. Es ist einfach wunderschön dieses Gedicht! Ein absolutes Meisterwerk.
(Da Poe schon mehr als 60 Jahre Tod sein dürfte *pfeif* schätze ich es ist in Ordnung wenn ich den Text poste, falls nicht muss man mir das sagen oder es löschen)
EDGAR ALLEN POE - THE RAVEN
Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary,
Over many a quaint and curious volume of forgotten lore,
While I nodded, nearly napping, suddenly there came a tapping,
As of some one gently rapping, rapping at my chamber door.
"'Tis some visitor," I muttered, "tapping at my chamber door
Only this, and nothing more."
Ah, distinctly I remember it was in the bleak December,
And each separate dying ember wrought its ghost upon the floor.
Eagerly I wished the morrow; vainly I had sought to borrow
From my books surcease of sorrow - sorrow for the lost Lenore
For the rare and radiant maiden whom the angels name Lenore
Nameless here for evermore.
And the silken sad uncertain rustling of each purple curtain
Thrilled me - filled me with fantastic terrors never felt before;
So that now, to still the beating of my heart, I stood repeating,
"'Tis some visitor entreating entrance at my chamber door
Some late visitor entreating entrance at my chamber door;
This it is, and nothing more."
Presently my soul grew stronger; hesitating then no longer,
"Sir," said I, "or Madam, truly your forgiveness I implore;
But the fact is I was napping, and so gently you came rapping,
And so faintly you came tapping, tapping at my chamber door,
That I scarce was sure I heard you" - here I opened wide the door;
Darkness there, and nothing more.
Deep into that darkness peering, long I stood there wondering, fearing,
Doubting, dreaming dreams no mortals ever dared to dream before;
But the silence was unbroken, and the stillness gave no token,
And the only word there spoken was the whispered word, "Lenore!"
This I whispered, and an echo murmured back the word, "Lenore!"
Merely this, and nothing more.
Back into the chamber turning, all my soul within me burning,
Soon again I heard a tapping somewhat louder than before.
"Surely," said I, "surely that is something at my window lattice:
Let me see, then, what thereat is, and this mystery explore
Let my heart be still a moment and this mystery explore;
'Tis the wind and nothing more."
Open here I flung the shutter, when, with many a flirt and flutter,
In there stepped a stately raven of the saintly days of yore;
Not the least obeisance made he; not a minute stopped or stayed he;
But, with mien of lord or lady, perched above my chamber door
Perched upon a bust of Pallas just above my chamber door
Perched, and sat, and nothing more.
Then this ebony bird beguiling my sad fancy into smiling,
By the grave and stern decorum of the countenance it wore.
"Though thy crest be shorn and shaven, thou," I said, "art sure no craven,
Ghastly grim and ancient raven wandering from the Nightly shore
Tell me what thy lordly name is on the Night's Plutonian shore!"
Quoth the Raven, "Nevermore."
Much I marvelled this ungainly fowl to hear discourse so plainly,
Though its answer little meaning - little relevancy bore;
For we cannot help agreeing that no living human being
Ever yet was blest with seeing bird above his chamber door
Bird or beast upon the sculptured bust above his chamber door,
With such name as "Nevermore."
But the raven, sitting lonely on the placid bust, spoke only
That one word, as if his soul in that one word he did outpour.
Nothing further then he uttered - not a feather then he fluttered
Till I scarcely more than muttered, "other friends have flown before
On the morrow he will leave me, as my hopes have flown before."
Then the bird said, "Nevermore."
Startled at the stillness broken by reply so aptly spoken,
"Doubtless," said I, "what it utters is its only stock and store,
Caught from some unhappy master whom unmerciful Disaster
Followed fast and followed faster till his songs one burden bore
Till the dirges of his Hope that melancholy burden bore
Of 'Never - nevermore'."
But the Raven still beguiling all my fancy into smiling,
Straight I wheeled a cushioned seat in front of bird, and bust and door;
Then upon the velvet sinking, I betook myself to linking
Fancy unto fancy, thinking what this ominous bird of yore
What this grim, ungainly, ghastly, gaunt and ominous bird of yore
Meant in croaking "Nevermore."
This I sat engaged in guessing, but no syllable expressing
To the fowl whose fiery eyes now burned into my bosom's core;
This and more I sat divining, with my head at ease reclining
On the cushion's velvet lining that the lamplight gloated o'er,
But whose velvet violet lining with the lamplight gloating o'er,
She shall press, ah, nevermore!
Then methought the air grew denser, perfumed from an unseen censer
Swung by Seraphim whose footfalls tinkled on the tufted floor.
"Wretch," I cried, "thy God hath lent thee - by these angels he hath sent thee
Respite - respite and nepenthe, from thy memories of Lenore!
Quaff, oh quaff this kind nepenthe and forget this lost Lenore!"
Quoth the Raven, "Nevermore."
"Prophet!" said I, "thing of evil! prophet still, if bird or devil!
Whether Tempter sent, or whether tempest tossed thee here ashore,
Desolate yet all undaunted, on this desert land enchanted
On this home by horror haunted - tell me truly, I implore
Is there - is there balm in Gilead? - tell me - tell me, I implore!"
Quoth the Raven, "Nevermore."
"Prophet!" said I, "thing of evil - prophet still, if bird or devil!
By that Heaven that bends above us - by that God we both adore
Tell this soul with sorrow laden if, within the distant Aidenn,
It shall clasp a sainted maiden whom the angels name Lenore
Clasp a rare and radiant maiden whom the angels name Lenore."
Quoth the Raven, "Nevermore."
"Be that word our sign in parting, bird or fiend," I shrieked, upstarting
"Get thee back into the tempest and the Night's Plutonian shore!
Leave no black plume as a token of that lie thy soul hath spoken!
Leave my loneliness unbroken! quit the bust above my door!
Take thy beak from out my heart, and take thy form from off my door!"
Quoth the Raven, "Nevermore."
And the Raven, never flitting, still is sitting, still is sitting
On the pallid bust of Pallas just above my chamber door;
And his eyes have all the seeming of a demon's that is dreaming,
And the lamplight o'er him streaming throws his shadow on the floor;
And my soul from out that shadow that lies floating on the floor
Shall be lifted - nevermore!
Liathano
15.05.2008, 14:12
"The Raven" mag ich auch sehr gern.
Im Moment bin ich wieder mal in meiner Expressionismus-Phase. :D
Mein liebster Expressionist ist dabei Georg Heym, seine Gedichte und Novellen kann man alle beim Projekt Gutenberg (http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=1189&kapitel=1#gb_found) nachlesen.
Einige sind sehr makaber und seine Novellen bisweilen nahezu widerlich, aber ich mag diese Theatralik. "Ophelia" mag ich sehr gern oder auch "Die Irren" - irgendwie.
Ansonsten liebte ich früher -und heute eigentlich auch noch- Charles Baudelaire und Lord Byron. Ich hab eben eine Schwäche für Exzentriker.
"Les Fleurs du Mal" lege ich jedem ans Herz, der etwas morbide Lyrik mag. Teilweise wirken seine literarischen Ergüsse (besonders in Anbetracht der Entstehungszeit) etwas provokant oder gar obszön - aber je nun, Baudelaire war immerhin Franzose! ;)
Durch die häufigen Mythologiebezüge, dürfte auch der Fantasyfan seinen Spaß dran haben.
Hier eines meiner favorisierten Gedichte von Baudelaire:
Die Verwandlung des Vampires
Das Weib mit rosigem Mund begann den Leib zu recken,
Wie sich die Schlange dreht auf heissem Kohlenbecken,
Und in den Schnürleib fest die Brüste eingezwängt,
Sprach diese Worte sie, von Moschus ganz durchtränkt:
»Mein Mund ist rot und feucht, und auf des Lagers Kissen
Kann alle Tugend ich und alle Weisheit missen.
Die Tränen trockne ich auf meines Busens Pracht,
Mach' Alte fröhlich, wie man Kinder lachen macht.
Wer ohne Hüllen schaut des nackten Leibes Wonnen,
Dem ist der Mond verlöscht und Himmelswelt und Sonnen!
Ich bin, mein Weiser, so geübt in Wollustglut,
Dass tödlich fast dem Mann wird der Umarmung Wut,
Und wenn ich meinen Leib den Küssen überlassen,
Die frech und schüchtern mich und zart und roh erfassen,
Dann über meinem Pfühl, der sich vor Wonne bäumt,
Ohnmächtiger Engel Schar von meinen Reizen träumt.«
Nachdem aus dem Gebein sie mir das Mark gesogen,
Dreht ich mich matt zu ihr, von Liebe hingezogen,
Um sie zu küssen, doch nichts hat mein Aug' entdeckt,
Als einen leeren Schlauch, besudelt und befleckt!
Ich schloss die Augen schnell, gepackt von kaltem Grauen,
Und öffnete sie dann, beim hellen Licht zu schauen
An jener Puppe Statt, die neben mir geruht,
Und die zu strotzen schien von Leben, Kraft und Blut,
ein zitterndes Skelett, verwirrter Knochen Trümmer,
Daraus ein Stöhnen klang wie Wetterhahns Gewimmer,
Wie eines Schildes Schrei, das in den Angeln kracht,
Wenn es der Windstoss dreht in stürmischer Winternacht.
Wer mehr davon lesen will, auch hier liefert Gutenberg viele Werke des Autors, zudem gibt es "Die Blumen des Bösen" sicher auch im Handel oder man greift zum französischen Original - es lohnt sich.
Alle genannten Autoren sind schon vor langer Zeit zu Staub zerfallen.
Ein Gedicht, dass ich auch sehr toll finde ist
Der Panther
von Rainer Maria Rilke
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
nazgul666-rr
25.05.2008, 17:53
Ein Gedicht, dass ich auch sehr toll finde ist
Der Panther
von Rainer Maria Rilke
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
ahh ich werde Verfolgt von meiner alten Schule :D
ne wir hatten das im Deutschunterricht 12. Klasse (1. Mal) wir sollten das Gedicht in Szene setzen - ich war der Panther *grins*
mondfeuer
25.05.2008, 18:10
Ich bevorzuge Gedichte besonders von Theodor Fontane. Hier mal mein liebstes Gedicht von ihm, bei dem mir die kälte über den rücken läuft:
John Maynard
John Maynard!
"Wer ist John Maynard?"
"John Maynard war unser Steuermann,
Aus hielt er, bis er das Ufer gewann,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron',
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard!"
Die "Schwalbe" fliegt über den Eriesee,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee,
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo -
Die Herzen aber sind frei und froh,
Und die Passagiere mit Kindern und Fraun
Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
Und plaudernd an John Maynard heran
Tritt alles: "Wie weit noch, Steuermann?"
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund':
"Noch dreißig Minuten ... Halbe Stund'."
Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -
Da klingt's aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
"Feuer!" war es, was da klang,
Ein Qualm aus Kajüt' und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.
Und die Passagiere, buntgemengt,
Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
Am Steuer aber lagert sich's dicht,
Und ein Jammern wird laut: "Wo sind wir, wo?"
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.
Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
Der Kapitän nach dem Steuer späht,
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
"Noch da, John Maynard?" - "Ja, Herr. Ich bin." -
"Auf den Strand. In die Brandung." - "Ich halte drauf hin."
Und das Schiffsvolk jubelt: "Halt aus! Hallo!"
Und noch zehn Minuten bis Buffalo.
"Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt's
Mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt's!"
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
Jagt er die "Schwalbe" mitten hinein;
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo.
*
Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!
*
Alle Glocken gehn; ihre Töne schwelln
Himmelan aus Kirchen und Kapelln,
Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
Ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
Und kein Aug' im Zuge, das tränenleer.
Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
Mit Blumen schließen sie das Grab,
Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
"Hier ruht John Maynard. In Qualm und Brand
Hielt er das Steuer fest in der Hand,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron',
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."
ExLibris
26.05.2008, 07:54
John Maynard
Das Gedicht musste ich einmal zur Strafe auswendig lernen. Hab wohl zuviel mit meinem Banknachbarn getratscht. *hide* Hatte ich schon wieder ganz vergessen, bis ich es hier gelesen habe.
Von dem Gedicht gibts auch eine recht gut gelungene musikalische Umsetzung von der Folkgruppe Bergfolk. Wenn man nach "Bergfolk - John Maynard" googlet, findet man eine Live-Version.
Mein Lieblingsgedicht ist "Was es ist" von Erich Fried (das ich nicht posten werde, da er definitv weniger als 60 Jahre tot ist).
Ein - meiner Meinung nach - nicht kitschiges Liebesgedicht.
Es hat im Großen und Ganzen die Aussage, dass Liebe auch Nachteile hat und dass man sie sich ausreden kann, wie man will, sie bleibt doch immer, was sie ist - ohne dass man es ändern kann.
*schnarch*
SargAsmus
05.06.2008, 18:47
seit ich es zum ersten mal gelesen habe, ist mein lieblingsgedicht folgendes:
Hermann Hesse: "Rat"
ich finde es einfach wundervoll melancholisch und bedaure richtig, es hier nicht posten zu können, weil hesse erst 1962 verstorben ist. aber vielleicht findet ihr es ja im netz, wenn ihr nach seinen gedichten sucht ;) .
Es gibt viele Gedichte, die sehr schön sind. Und jaa, meine eigenen sind auch dabei. ;-)
Na wie dem auch sei. Ich will keins von mir posten, sondern eins, das ich mal in einem Deutschbuch von unserer Schule las, aber ich weiß weder welches Buch, welcher Jahrgang, noch von wem es überhaupt ist. Leider. es ist auch recht kurz und..na..seht selbst:
"Schneekristall lag,
mir auf der Hand.
Ewig schön,
eine Sekunde."
Das war es auch schon. Es hat mich damals irgendwie fasziniert und seitdem vergesse ich es einfach nicht mehr...
@Annvian: Bitte in solchen Fällen immer googeln. Ich habe es sofort gefunden. Es muss so kurz sein, denn es ist ein Haiku.
Und es stand dabei: urheberrechtlich geschützt....
DisAster
06.06.2008, 14:37
Das Gedicht "John Maynard" hatten wir einmal in einer Deutscharbeit, wenn ich mich recht entsinne. Ich glaube, wir sollten es in einen Bericht umwandeln oder eine Inhaltsangabe schreiben oder so. Ist schon lange her, aber dieses Gedicht hat mir auch unglaublich gut gefallen.
engelchen
06.05.2009, 20:31
seit ich es zum ersten mal gelesen habe, ist mein lieblingsgedicht folgendes:
Hermann Hesse: "Rat"
ich finde es einfach wundervoll melancholisch und bedaure richtig, es hier nicht posten zu können, weil hesse erst 1962 verstorben ist. aber vielleicht findet ihr es ja im netz, wenn ihr nach seinen gedichten sucht ;) .
von Hermann Hesse gefällt mir ganz besoners gut: Im Nebel
es ist ebenfalls sehr melancholisch und handelt von Einsamkeit. Mir gefällt es jedenfalls super. Ein anderes Lieblingsgedicht ist von Heimrich Heine, und da der schon 1856 gestorben ist, darf ich es hier wohl posten:
Die Loreley
Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.
Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan.
Princess Peach
06.05.2009, 21:09
Ah ein hervorragender Thread!
Mein absolutes Lieblingsgedicht ist dieses hier:
Durch den Wald, im Mondenscheine
Durch den Wald, im Mondenscheine
Sah ich jüngst die Elfen reuten;
Ihre Hörner hört ich klingen,
Ihre Glöckchen hört ich läuten.
Ihre weißen Rößlein trugen
Güldnes Hirschgeweih und flogen
Rasch dahin, wie wilde Schwäne
Kam es durch die Luft gezogen.
Lächelnd nickte mir die Köngin,
Lächelnd, im Vorüberreuten.
Galt das meiner neuen Liebe,
Oder soll es Tod bedeuten?
Verfasser: Heinrich Heine
Darf ich hier auch mehrere posten? :)
Dann möchte ich es noch nachträglich begründen:
Ich hatte mit Gedichten nie viel am "Hut". Als ich dann "Elfen" von Hennen gelesen habe und dieses Gedicht darin fand, war ich hin und weg. Seitdem interessiere ich mich sehr für Gedichte und ich muss auch zugeben, dass ich mehrere habe, die mir sehr gut gefallen.
Darf ich hier auch mehrere posten? :)
Im Prinzip ja. Nur bitte nicht wahllos - bitte den Threadtitel lesen... Lieblingsgedichte hat man nicht massenhaft ;)
Und beachtet bitte alle, dass erstens das Urheberrecht einzuhalten ist und dass es zweitens ziemlich sinnfrei und billig ist, ein Gedicht einfach hier reinzukopieren.
Hier geht es darum, zu begründen, warum gerade dieses oder jenes Gesicht das auserwählte ist.
Bitte helft durch sinnvolle Postings mit, dass der Thread nicht wegen Belanglosigkeit in die Taverne muss :)
Mein Lieblingsgedicht ist "Der Panther" von Rainer Maria Rilke, und wie es scheint, bin ich nicht die einzige.:) Dieses Gedicht hat mich sehr berührt. Die Beschreibung des trostlosen Daseins des Panthers in seinem Käfig hat mich emotional sehr bewegt. Jedesmal, wenn ich dieses Gedicht lese, würde ich am liebsten losrennen, um das arme Tier zu befreien.:( Schon erstaunlich, wie mich Rilkes Worte berühren und ich mit dem Panther mitleide...
AMBER schattensturm
07.05.2009, 01:10
Mein Lieblingsgedicht, Prometheus, hat Hathor ja schon zum Besten gegeben. The Raven von Poe ist meine Zwei und auch dieses Gedicht wurde schon genannt. Meine Nummer Drei ist von Robert Frost: The Road Not Taken. Weniger wegen seiner lyrischen Qualität, die weder mit Goethes Prometheus noch mit Poes Raben mithalten kann, als vielmehr wegen seiner weisen Botschaft.
Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris
Dieses Gedicht wurde schon ein paar mal in dem doch noch rechten kurzen Thread genannt. Wie aber auch schon Tenno schrieb, das Gedicht verfolgt, nein besser eigentlich, begleitet mich seit ich mich das erste mal richtig in einem Forum registriert und beteiligt habe.
Mich fasziniert an den wenigen Worten die unglaubliche Ausdruckskraft. In erster Linie geht es um das eingesperrte Tier, das in Gefangenschaft Stück für Stück um all seine Eigenschaften beraubt wurde, die es in Freiheit auszeichnen. Für mich ist der Panther aber auch sehr gut Übertragbar auf den Menschen, der gefangen in seinem Altagstrott, eingeschachtelt in seinen kulturellen Zwängen jeden Blick und das Gefühl von Freiheit verloren hat. Wie bei dem Panther auch, lauert aber im tiefsten Inneren die Erinnerung an dieses Gefühl, und zeigt dem Betrachter (in dem Fall dem Leser) das unter der Oberfläche mehr steckt als auf einen ersten Blick zu sehen ist. Eine Kraft, ein Instinkt der ständig darauf wartet wieder an seinen angestamten Platz zu treten. Ich finde das dieses Gedicht einmal übertragen auf uns Menschen zeigt, das der Weg den ein Großteil von uns eingeschlagen hat uns unserer Freiheit und mitgegebenen Fähigkeiten beraubt.
Ich bin mir nicht sicher ob viele meine Weise der Interpretation teilen. Aber ich denke das R. M. Rilke mit dem Panther etwas sehr zeitloses zu Papier gebracht hat, dass zudem sehr viel Platz für eigene Auslegungen lässt.
liebe Grüße
Allanon
Ich muss zugeben, dass ich nie ein Freund von Gedichten war, vor allem, da wir ium Moment Gedichtinterpretationen schreiben müssen und die Gediche in alle möglichen Einzelteile zerpflücken und Sachen reininterpretieren, die sich der Autor wohl so nicht genau ausgedacht hat ... aber naja, wenn einem langweilig ist, dann kann man wohl auch so etwas Beschäftigung finden.
Eines meiner Lieblingsgedichte ist:
Johann Christoph Friedrich von Schiller - Die Bürgschaft
Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande:
Ihn schlugen die Häscher in Bande,
"Was wolltest du mit dem Dolche? sprich!"
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
"Die Stadt vom Tyrannen befreien!"
"Das sollst du am Kreuze bereuen."
"Ich bin", spricht jener, "zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben:
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn' ich, erwürgen."
Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
"Drei Tage will ich dir schenken;
Doch wisse, wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh' du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen."
Und er kommt zum Freunde: "Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben.
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme zu lösen die Bande."
Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen;
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.
Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,
Da reißet die Brücke der Strudel herab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Dem Gewölbes krachenden Bogen.
Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket.
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.
Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
"O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen."
Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet.
Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.
Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte;
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubert Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.
"Was wollt ihr?" ruft er vor Schrecken bleich,
"Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!"
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
"Um des Freundes willen erbarmet euch!"
Und drei mit gewaltigen Streichen
Erlegt er, die andern entweichen.
Und die Sonne versendet glühenden Brand,
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Kniee.
"O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!"
Und horch! da sprudelt es silberhell,
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen;
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.
Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüber fliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
"Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen."
Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen;
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:
"Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet' er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben."
"Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht,
Ein Retter, willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blut'ge Tyrann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue!"
Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor,
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet;
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichter Chor:
"Mich, Henker", ruft er, "erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!"
Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen vor Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Augen tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär';
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen,
Und blicket sie lange verwundert an.
Drauf spricht er: "Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen;
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn -
So nehmet auch mich zum Genossen an:
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der dritte!"
Warum? Es erzählt eine schönes Geschichte und mir persönlich sind Treue, Vertrauen und Freundschaft sehr wichtig. Außerdem kam das Ende sehr unerwartet, aber genau das finde ich daran so toll.
Auswendig lernen musste ich es zum Glück nie, aber die ersten paar Strophen kann ich. Prägt man sich nach einiger Zeit einfach so ein und ich bin jemand, der sich die Strophen nur ein paar Mal durchlesen muss und sie auch noch Wochen oder Monate danach frei aufsagen kann. Nur bei Mathe- oder Physikformeln klappt das nicht so ganz :D
Weitere Gedichte, die ich mag, wären der Zauberlehrling (Goethe) und sonst noch Ovids Metamorphosen, da die mythologischen Sagen ja schon irgendwie in lyrischer Form verfasst sind.
Nightfarer
07.05.2009, 19:08
Also ich habe zwei Lieblingsgedichte, aber die wurden ich glaube ich schon genannt. Zum einen "Der Panther" von Rainer Maria Rilke und "Der Rabe" von Edgar Allan Poe.
Wer das Gedicht von Edgar Allan Poe lesen will. Einfach hier darauf: http://www.edgarallanpoe.de/
Auf der Seite könnt ihr es auf Englisch und Deutsch lesen, beides finde ich gut, obwohl das Englische natürlich besser wirkt.
kleine_elfe
07.05.2009, 20:19
Also ich mag sehr gern die Gedichte von Heinz Erhardt, wo ich jetzt keines als Liebling bezeichnen könnte: Doch vielleicht "Das Pechmariechen", das kann ich auswendig.
Mein absolutes Lieblingsgedicht ist jedoch "Nur nicht" von Erich Fried.
Hatte das Gedicht mal in ner Klausur und ich war absolut verzaubert davon, war zu dem Zeitpunkt ganz unglücklich verliebt und es sprach mir aus der Seele. Ich glaub das war meine beste Klausur im Deutsch-LK.
Princess Peach
07.05.2009, 22:58
Christiane
Es stand ein Sternlein am Himmel,
Ein Sternlein guter Art;
Das tät so lieblich scheinen,
So lieblich und so zart!
Ich wusste seine Stelle
Am Himmel, wo es stand;
Trat abends vor die Schwelle,
Und suchte, bis ichs fand;
Und blieb denn lange stehen,
Hatt große Freud in mir:
Das Sternlein anzusehen;
Und dankte Gott dafür.
Das Sternlein ist verschwunden;
Ich suche hin und her
Wo ich es sonst gefunden,
Und find es nun nicht mehr.
Verfasser: Matthias Claudius
Ich mag dieses Gedicht sehr gern.
Jemand hat mir erzählt, dass der Dichter Claudius dieses Gedicht für seine verstorbene Tochter Christiane geschrieben hat.
Ich finde es macht sehr nachdenklich und lässt die Gedanken gut abschweifen.
Hier ist noch ein schönes für Liebeskummer.
In meiner Ausbildung habe ich in Kunst ein Projekt zu diesem Gedicht gemacht. Es ist ein Boot hergestellt aus einem Birkenstockschlappen. :D
Der verlorene Anker
Mein Schiff lag im Hafen vor Anker;
Ich sah dich am ersten Tag,
Da kams, dass in deinem Herzen
Ich auch vor Anker lag.
Er lag auf dem Grund deines Herzens,
Gar fest und unbewegt,
Ich wollt ihn nimmer lichten,
Dich lieben unentwegt.
Da hast du gekappt den Anker,
Nun treib ich auf offner See,
Und an der Ankerkette
Band ich als Boje mein Weh.
Verfasser: Unbekannt
Pantalaimon
09.05.2009, 11:10
http://img23.imageshack.us/img23/5420/rulesx.gif (http://img23.imageshack.us/my.php?image=rulesx.gif)
Ich möchte nochmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass alle Gedichte, die dem Copyright unterliegen, hier umgehend gelöscht werden.
Mehr Infos dazu gibt es u.a. hier (http://www.rettet-das-internet.de/zitate.htm):.
Oder fragt einfach jemanden aus dem Team, wir helfen da sehr gerne weiter.
Nightfarer
09.05.2009, 17:39
@ Pantalaimon:
Tut mir wirklich Leid. Daran habe ich nicht gedacht. *schäm*, ich werde jetzt mehr darauf aufpassen.
Aber nochmal kurz: Das Gedicht von Vincent (dem Kurzfilm) von Tim Burton ist finde auch sehr gut. Einfach googeln.
Mein Lieblingsgedicht hat meine Mutter einmal für mich geschrieben und eines was ich selber geschrieben habe.
Ich mag lieber die Gedichte die von jemandem persönlich kommen, oder wo sich eine nachvollziehbare Geschichte hinter verbirgt.
Das macht die Bedeutung dessen gleich viel fassbarer und schöner :)
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