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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Aldous Huxley - Schöne neue Welt


Razor
05.04.2008, 14:04
Kurzbeschreibung
Die schöne neue Welt, die Huxley hier beschreibt, ist die Welt einer konsequent verwirklichten Wohlstandsgesellschaft »im Jahre 632 nach Ford«, einer Wohlstandsgesellschaft, in der alle Menschen am Luxus teilhaben, in der Unruhe, Elend und Krankheit überwunden, in der aber auch Freiheit, Religion, Kunst und Humanität auf der Strecke geblieben sind. Eine totale Herrschaft garantiert ein genormtes Glück. In dieser vollkommen »formierten« Gesellschaft erscheint jede Art von Individualismus als »asozial«, wird als »Wilder« betrachtet, wer - wie einer der rebellischen Außenseiter dieses Romans - für sich fordert: »Ich brauche keine Bequemlichkeit. Ich will Gott, ich will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde!«

Unter den Distopien, die ich bisher kennengelernt habe - zugegeben es waren nicht sehr viele - finde ich, dass dieses Werk von Huxley sehr gelungen ist.
Zum Verständnis: Das Buch spielt im Jahre "632 nach Ford", das heißt im 26. Jahrhundert. Der Beginn dieser Zeitrechnung wird zurückgeführt auf den Entwickler Ford, der ja Grundleger für Massenproduktion war.
Massenproduktion ist auch in diesem Buch ein wichtiges Thema. Allerdings werden hier menschliche Lebewesen buchstäblich am Fließband produziert. Absichtlich manipuliert man die Embryos so, dass sie in Kategorien unterteilt werden können. Es gibt Menschen verschiedener Klassen: So sind die Alphas die Intelligentesten und nehmen Führungspositionen ein und Epsilons sind dumm, dafür aber physisch resistent gegen Feuer z.B. um niedrige Arbeiten effektiver zu erledigen.
Alles ist darauf ausgelegt, um dem Massenkonsum gerecht zu werden und den Profit zu steigern. So werden bereits kleinsten Kindern in der Schlafphase ein Tonband abgespielt, damit sich die Worte im Unterbewusstsein fest verankern. Ein Beta-Kind hört zum Beispiel: "Ich liebe es eine Beta zu sein. Betas sind besser als Gammas, aber die Alphas muss ich respektieren..." Keiner soll unglücklich oder unzufrieden sein, alles hat seine Ordnung...
Um Zweifel, unnötige Gefühle oder Hinterfragung einiger Dinge entgegen zu kommen, gibt es das so genannte Soma. Das ist eine Droge, die alle Menschen in eine Art Rausch versetzt und sie wieder zum Glied in der Kette macht.

Individualismus oder Freies Denken/Handeln gibt es nicht. Der Mensch wird maßgeschneidert und passt er nicht ins Gesamtkonzept, so erhält er eine Soma-Kur.


Das Interessante: Das Buch wurde in den 50ern geschrieben. Und ist es nicht erschreckend, wie sich die Ansätze im Buch ähneln und wie fortgeschritten unsere Technik heutzutage ist. Die Parallelen sollten nicht ignoriert werden...

Hathor
05.04.2008, 16:56
Manchmal bin ich mir gar nicht sicher, was mich an diesem Werk mehr erschreckt: dass alles schon Realität sein könnte oder dass die geschilderte Realität der Masse eigentlich ein herrliches Leben garantiert.
Diesen provokant formulierten Satz muss ich noch erläutern: ich denke manchmal (je nach Stimmungslage), dass Huxleys dumme, gegängelte Masse vielleicht glücklicher lebt als die Individualisten.

Stellt euch nur vor: nie mehr Existenzängste, kein Kampf um bescheidenen Wohlstand, um einen Arbeitsplatz, um gute Noten... Alles ist vorprogrammiert, alles letztendlich schon bei der Geburt entschieden. Alles ist Friede, Freude, Eierkuchen... weil jeder auf seinem Platz glücklich ist. Gemeinschaft, Einigkeit, Beständigkeit sind die Eckpfeiler der Gesellschaft.

Andererseits die totale Kontrolle durch Staat, Politik, Wissenschaft. Die Unterdrückung jeder Individualität.

Wie Razor schon sagte, ist der Roman immer noch aktuell, und er wird wahrscheinlich auch nie realitätsfern werden. Auch wenn er uns als Zukunftsvision verkauft wird. Und wie gesagt: ich weiß manchmal nicht, ob das ein Fluch oder ein Segen ist.

Rusch
07.04.2008, 10:50
Naja, in einer Hinsicht ist das Buch überholt: Wir müssen keine Unterschicht züchten für nieder Tätigkeiten. Das Problem ist heute, dass die Berufe immer mehr Anspruch an den Mitarbeiter stellen und wir in Gefahr laufen, keine Jobs mehr für die Unterqualifizierten zu haben. Aber darüber hinaus: Der Staat ist schon daran interessiert, die Menschen in Gruppen einzuteilen und diese zu lenken, weil das vieles einfacher macht. Die Szene in der Clonfabrik ist aber auch heute noch wirklich sehr hart. Da muss man ein paarmal schlucken.

Hathor
07.04.2008, 11:26
Naja, in einer Hinsicht ist das Buch überholt: Wir müssen keine Unterschicht züchten für nieder Tätigkeiten.

Da bin ich nun absolut nicht so sicher... Vielleicht nicht so offen und in Klassen eingeteilt wie im Roman, aber Menschen, die stärker, belastbarer, resistent gegen Schadstoffe und Gifte sind oder Menschen, die eine höhere Lungenkapazität haben, mehr Muskelmasse oder unempfindlich gegen Schmerzen sind: sowas könnte ich mir schon vorstellen, sei es im Beruf oder bei Profisportlern. Und ich bin sicher: die Gen- und Klontechnik könnte es möglich machen :(

Rusch
07.04.2008, 11:46
Das Buch stellt ja eine deutliche Spannungen her zwischen den Begriffen Freiheit und Glück: Die Menschen haben ihre Freiheit aufgegeben und sind glücklich, weil sein ein Leben führen, in dem alles geregelt ist - die Oberschicht wie die Unterschicht (die allerdings täglich Glückspillen nimmt).

Die zentrale Frage ist - und das habe ich schon im alten Forum geschieben - wieviele Freiheit man für sein Glück aufgeben sollte.

Mad Bull
07.04.2008, 14:38
Das Buch "Schöne neue Welt" wird oft zitiert.
So kam es das Ich es mir eines Tages gekauft habe.
Nun, Ich habe es zur hälfte gelesen und stellte fest, das es nicht meinen Geschmack entsprach. Und doch ist es ein gutes Buch.

Genial finde Ich das Vorwort von ihm, das der Autor Aldus Huxley 20 Jahre später neu verfasste. Er räumt ein, das er Fehler gemacht gemacht hatte.
Um ein origenelles Werk zu verfassen, das noch eine gewisse Komplexität beweist, muss mit Fehlerhaftigkeit hantieren können.
Er meinte auch dazu, wenn er das alles nochmal korrigieren würde,
käme ein völlig anderes Buch heraus.

Er hatte da etwas kapiert. Den es muss der Künstler zum schaffen seiner Werke eine gewisse Unverfrorenheit besitzen. Ganz gleich was die Leute dazu sagen werden.

@Rusch. Es ist möglich frei und glücklich zu sein. Ich bin ein lebendes Bespiel
dafür. Man muss dafür selbst die Verantwortung tragen. Sich führen zu
lassen ist bequemer. Die Tragik ist das manche sich dessen nicht bewusst
sind und so niemals zufrieden sein können.
Es gilt für unsere heutige Zeit die totale Selbstverantwortung.

@Hathor, da braucht man sich bei uns Deutschen keine Sorgen machen.
Wir werden die letzten sein die bei so einem Utopia mittmachen.
Dann aber sehr gründlich. So wie man das kennt beim Deutschen.*grins*
Da in Deutschland Leistung sehr groß geschrieben wird, wird die Messlatte
immer sehr hoch gelegt. Das führt oft zu Versagensängsten und Neid.
Jeder dritte Gymnasialschüler ist stresskrank.
Dann kommt Werbung ins Spiel. Eine ganze Wissenschaft beschäftigt sich
damit, das die Leute Zeugs kaufen das sie gar nicht brauchen.
Kaum gekauft kommt schon der nächste Werbeverführer.
Bei unzufriedenen hängt der Geldbeutel lockerer wenn sie hoffen damit
das Glück zu erwischen.
Die anderen Medien die mit ihren Revolverberichten aussagen wie schlimm es
doch immer in unserer Welt zugeht. Dabei gibt viele in der dritten Welt
die gut drauf sind. Einer sagt noch das die Deutschen gerne unglücklich sind.
Oh schöner Weltschmerz.:(

Rusch
07.04.2008, 15:43
@Rusch. Es ist möglich frei und glücklich zu sein. Ich bin ein lebendes Bespiel
dafür. Man muss dafür selbst die Verantwortung tragen. Sich führen zu
lassen ist bequemer. Die Tragik ist das manche sich dessen nicht bewusst
sind und so niemals zufrieden sein können.
Es gilt für unsere heutige Zeit die totale Selbstverantwortung.


Du würdest aber Lügen, wenn Du sagt, Du wärest nie unglücklich gewesen und würdest nie unglücklich sein. Natürlich versucht man ein entspanntest und ausgeglichenes Leben zu führen, aber es gibt Faktoren, die einen aus der Bahn werfen.

DisAster
07.04.2008, 16:03
Du würdest aber Lügen, wenn Du sagt, Du wärest nie unglücklich gewesen und würdest nie unglücklich sein. Natürlich versucht man ein entspanntest und ausgeglichenes Leben zu führen, aber es gibt Faktoren, die einen aus der Bahn werfen.

Ähm, ist man denn nicht bloß deshalb glücklich, weil man weiß was Unglück ist? Wenn man kein Leid kennen würde, würde man doch auch keine Freude kennen.

Ich habe dieses Buch noch nicht gelesen, aber es klingt wirklich interessant. Aber ich hätte eine Frage: Bei Amazon steht "einer der rebellischen Aussenseiter". Wie kann es in so einem Staat solche Menschen denn überhaupt geben?

Razor
07.04.2008, 16:59
Ich denke damit ist der Savage gemeint, also John. Dieser lebt in einem abgeschotteten Reservoir, das außerhalb der Großstadt liegt. Dort sind Religionen und Kulturen in einem Mischmasch vereint, was das Ganze einbisschen skuril macht. Nichtsdesdotrotz kennt er Werke von Shakespeare, liebt die Poesie, ist im Gegensatz zu den Marionetten der Brave New World ein Freidenker und Individualist. Er befolgt auch Traditionen - Ehre und Tugenden spielen ein wichtige Rolle in seinem Leben. Alles Dinge, nicht so recht in das typische Bild der "zivilisierten" Menschen passen.

Das macht auch das Buch interessant, dieser Clash of Characters (ich nenn das jetzt einfach mal so). Weil es da nicht nur diesen Savage gibt, der diese für ihn befremdliche Welt erkundet, sondern auch Bernard Marx. Letzterer ist ein Mensch der BNW, jedoch zieht er Monogamie und wahre Liebe vor Polygamie, welche ja vollkommen normal und gepriesen in der Gesellschaft sind. Er ist also auch nicht der 0/08/15 Bürger und zeigt Ansätze von Individualität usw.

PS: Kann sein, dass die Namen der Charakter anders sind in deutschen Fassung. Habe nur die englische Version gelesen.

Rusch
07.04.2008, 21:50
Ähm, ist man denn nicht bloß deshalb glücklich, weil man weiß was Unglück ist? Wenn man kein Leid kennen würde, würde man doch auch keine Freude kennen.

Ich habe dieses Buch noch nicht gelesen, aber es klingt wirklich interessant. Aber ich hätte eine Frage: Bei Amazon steht "einer der rebellischen Aussenseiter". Wie kann es in so einem Staat solche Menschen denn überhaupt geben?

Ganz einfach: Der rebellische Außernseiter will seine Freiheit: Die Freiheit hinzugehen wo er will, zu tun was er will und die Freiheit unglücklich zu sein.

DisAster
08.04.2008, 12:49
Ganz einfach: Der rebellische Außernseiter will seine Freiheit: Die Freiheit hinzugehen wo er will, zu tun was er will und die Freiheit unglücklich zu sein.

Die Frage war eigentlich anders gemeint. Ich habe mich bloß gewundert, da ja alle Menschen manipuliert werden. Auf diese Art und Weise könnte ja kein Aussenseiter entstehen, er wäre schließlich auch manipuliert worden.
Aber das hat Razor gut erklärt. Danke trotzdem für die Antwort. :)


P.S: Ich glaube, ich werde mir dieses Buch auch bestellen. :) Kenn aber noch dauern, da ich noch mit einigen Anderen beschäftigt bin.

Mad Bull
08.04.2008, 13:22
Das kann Ich dir vielleicht beantworten DisAster,

auch Klontechniker machen Fehler. So kann es sein, das ein genetischer Baustein
vergessen wurde und ein anderer dafür doppelt eingesetzt wurde.

Die Natur verteilt durch Kreuzungen ja bei jedem Lebewesen die genetischen Karten anders.
So ist auch möglich, das es zu Mutationen, zu Extremen kommt.
Der Ausenseiter ist so ein Beispiel. Anders als die anderen.

Das wollen die Techniker in dem Utopia von Huxley ja nicht.
Da geht ja alles nach Plan.

Theophagos
08.04.2008, 13:23
Die zentrale Frage ist - und das habe ich schon im alten Forum geschieben - wieviele Freiheit man für sein Glück aufgeben sollte.

Das kann ich nur unterstreichen. Häufig wird die Frage jedoch einseitig betrachtet.
Kennt ihr dieses Zitat?
"Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden."

Wenn wir vom Unglück sprechen, dann ist es eben nicht nur die Freiheit Unglück zu erleiden, sondern auch die Freiheit Unglück zu verursachen.

Das ist die eigentliche Frage, die Huxley stellt: Ist es fair glücklich zu sein, wenn man dabei andere unglücklich macht?

Theophagos

Razor
08.04.2008, 13:35
Rusch sagte über den Savage:
Die Freiheit hinzugehen wo er will, zu tun was er will und die Freiheit unglücklich zu sein.


Und dazu passt ein Zitat von eben diesen Wilden so gut rein:
"Ich brauche keine Bequemlichkeit. Ich will Gott, ich will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde!"

Mad Bull
08.04.2008, 13:38
Glück ist und bleibt Eigenverantwortung Theophagos.

In dieser Utopie bekommt man sie von vornherein abgenommen, Eigenverantwortung.
Der Autor nennt das Wohlfahrtstryrannei.
In unserer Demokratie versprechen Politiker einem, das sie unsere Probleme lösen werden.
Das wird nur gemacht, damit sie gewählt werden.

Alles was wir tun hat Konsequenzen.

Der Autor hat in dem Vorwort noch was wichtiges erwähnt:
Du darfst wählen, aber du zahlst dafür

Rotkätzchen
19.04.2008, 11:40
Puh, keine leichte Lektüre, aber jetzt habe ich sie durch.

Mein erster Eindruck war: WAHNSINN!
Es war faszinierend und erschreckend zugleich, wie einfach, salopp und selbstverständlich der "Brut- und Normdirektor" und seine Gehilfen den Studenten die sich der Perfektion nähernden "Produktion" von Menschen näher brachte. Die kastenartige Unterteilung von Alphas, Betas, Gammas, Deltas und Epsilons war vollkommen sinnvoll, klug und auf eiskalte Logik basierend überlegt, um quasi eine Elite von Menschen zu schaffen, die ganz auf ihre zugedachte Funktion genormt sind. Erschreckend daran war vor allem, dass dies in kleinem Maße bereits im REALEN LEBEN geschieht. WIR sind alle Konsumenten und die tägliche Werbung programmiert uns darauf zu kaufen, zu kaufen und nochmals zu kaufen. Wir werden darauf geeicht, zu begehren, zu neiden und zu wollen! Vom nutzlosen Handy-Klingelton bis hin zum Ultra-Super-duper-Feinwaschmittel ohne Umweltbelastung bis zum sportlichen Kleinwagen mit Schnickschnack und pipapo. Und haben wir diese Dinge erst, kommen die nächsten dran.

Besonders nahe gingen mir die "schlauen Sprüche", die immer wieder rezitiert wurden, und die den Heranwachsenden Menschen über Jahre hinweg mehrmals die Woche im Schlaf vorgesungen werden. Das ist die Roboterisierung des Menschen - der sich dabei aber sogar noch glücklich vorkommt.

Aber wie auch Hathor schon angeregt hat: Ist dieses Glück wirklich GLÜCK? Kann es ohne Individualität überhaupt GLÜCK geben? Ist SOMA wirklich Urlaub? Es ist Flucht, nichts anderes. Dennoch empfinden es die Menschen als Glück. Man könnte sich also fragen: Warum nicht? Alles funktioniert, alle haben einen Job, alle haben eine Funktion, alle sind zufrieden.
Was zunächst ganz toll klingt, zeiht aber auch den gänzlichen Mangel von Freiheit mit sich. Kein Gefängnis, sondern die Freiheit der Gedanken, die Freiheit der Entscheidung, die Freiheit, auch mal UNGLÜCKLICH und TRAURIG zu sein. Diese Menschen haben jegliche Freiheit verloren. Sie leben in einer Welt aus Trug und Schein. Doch durch SOMA und der von Kind an eingetrichterten "Lehren" und "Dogmen" durchschauen sie dieses Spiel nicht mehr. Umso erschreckender, dass auch die "Spielleiter", also der Weltaufsichtsrat und andere hochrangige "Alphas" es nicht mehr durchschauen. Die Menschenheit ist roboterisiert worden.

Diese Lektüre war wahnsinnig eindrucksvoll und ich würde sie vorbehaltlos weiterempfehlen, da ich darin einen enormen pädagogischen Nutzen drin sehe. Trotzdem verliert das Buch nach dem eindrucksvollen Einstieg sehr an Fahrt und Tempo. Und leider hält das auch bis zum Schluss an. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte... vielleicht eine Intrige, durch die hervorgeht, wie unflexibel und damit zerbrechlich diese Gesellschaft doch ist? Vielleicht mehr Gefühle und Wandlung des "blutsurrogatgeschädigten" Marx oder Einsicht seitens seiner Angebeteten?

Mit dem Besuch im Reservat der Wilden begann das Buch für mich nachzulassen. Die Lebensgeschichte des "Wilden" und auch seine spätere (versuchte) Eingliederung in die Gesellschaft war zwar schon einprägsam, doch es fehlte an einer Story. Klar, es ging um das moralische Dilemma dahinter und die Entzauberung dieser ach so "perfekten Welt". Das bringt das Buch auch hervorragend rüber, aber dennoch fehlte mir nach dem ersten Drittel ein wenig der Schwung. Das moralische Dilemma nahm seinen Lauf, erzählte sich Stück für Stück dahin, während die anfänglich interessante "Liebesgeschichte" (obgleich es ja eigenlich keine Liebe mehr gibt) nahezu bedeutungslos wurde, da ja nun "der Wilde" mehr in den Fokus rückte. Die Sympathie für Marx schwand auch irgendwann, als er den Wilden zunehmend für seine Zwecke einsetzte, um sich in der Gesellschaft zu profilieren. Die Geschichte seines Schriftstellerfreundes, der im Grunde auch "rebellierte" verlor sich auch irgendwie im Sand. Alles in allem hat mich das Ende schon ein wenig enttäuscht. Trotzdem ist das ein Buch, das ich jedem nur weiterempfehlen kann.

Kain
06.08.2008, 14:20
Ich habe das Buch gerade zu ende gelesen und bin beeindruckt, viel Stoff zum Nachdenken, den Aldous Huxley mit diesem Roman abgeliefert hat.

Das System der schönen neuen Welt ist eine der perversesten Formen von Kapitalismus von der ich je gelesen habe. Der Kapitalismus, den wir haben, ist zum Großteil auch menschenverachtend, hier gibt es zum Beispiel Agrarspekulanten, die davon profitieren, das Menschen in der dritten Welt verhungern, soziopathischer geht's gar nicht mehr.
Zurück zur schönen neuen Welt, hier wird das Leben nicht mehr von der Natur erschaffen, sondern von der Wissenschaft erzeugt und auf die Bedürfnisse des Kapitalismus konditioniert. Das Denken, das Konsumverhalten, die Kastenzugehörigkeit, sogar die Lebensdauer, alles genormt. Ständig werden von den Bewohnern der schönen neuen Welt diese indoktrinierten Phrasen zum Besten gegeben, durch die ihr ganzes Verhalten genormt wird.
Eine Gesellschaft die Komplett ohne Mutterliebe aufwächst und in der Liebe überhaupt verpönt ist, weil diese wieder Unglück hervorbringen kann.

Der Mensch sieht sich selbst als Maschine, es gibt kein Individuum, sondern nur die Gemeinschaft, und dann immer wieder diese ungeheuerliche Schlafschulweisheit: "Jeder ist Jedermanns Eigentum". Womit Huxley hier das kranke Denken des Marquis De Sade aufgreift. Ich will hier nur mal ein Beispielzitat bringen, um zu verdeutlichen, mit was für einem Menschen wir es hier zu tun Haben.

Zitat von De Sade:Wenn man so eingestellt ist wie ich, so will man überall gevögelt werden, und in welchen Teil eine Maschine(!) auch immer eindringt, man ist glücklich, sie dort zu fühlen.

Zitat von Hathor: Manchmal bin ich mir gar nicht sicher, was mich an diesem Werk mehr erschreckt: dass alles schon Realität sein könnte oder dass die geschilderte Realität der Masse eigentlich ein herrliches Leben garantiert.
Diesen provokant formulierten Satz muss ich noch erläutern: ich denke manchmal (je nach Stimmungslage), dass Huxleys dumme, gegängelte Masse vielleicht glücklicher lebt als die Individualisten.

In diesem gedanklichen Dilemma befand ich mich auch manchmal beim Lesen der Lektüre, aber ich würde die individuelle Freiheit, auch mit dem damit verbunden Unglück, vorziehen.

Zitat von Rusch:Naja, in einer Hinsicht ist das Buch überholt: Wir müssen keine Unterschicht züchten für nieder Tätigkeiten. Das Problem ist heute, dass die Berufe immer mehr Anspruch an den Mitarbeiter stellen und wir in Gefahr laufen, keine Jobs mehr für die Unterqualifizierten zu haben. Aber darüber hinaus: Der Staat ist schon daran interessiert, die Menschen in Gruppen einzuteilen und diese zu lenken, weil das vieles einfacher macht.

Da hast du Wahrscheinlich recht, das wir keine Masse an unterschicht Analphabeten brauchen. Was dieses System braucht, sind Fachidioten. In der schönen neuen Welt hat Huxley einen interessanten Satz geschrieben:"Leute, die sich mit Details beschäftigen, bilden das Rückgrat der Gesellschaft und nicht Philosophen. Eine Masse an Analpabeten ist natürlich besonders in Diktaturen, Autokratien und islamischen Gottesstaaten von Vorteil. In den westlichen Industrienationen bringt's hingegen sehr viele Nachteile mit sich.


Zitat von Rotkätzchen: Die Sympathie für Marx schwand auch irgendwann, als er den Wilden zunehmend für seine Zwecke einsetzte, um sich in der Gesellschaft zu profilieren.

Das ging mir ähnlich und spätestens wo er vor dem Weltaufsichtsrat seiner Fordschaft Mustafa Mannesmann (übrigens, schöne Namen, die Huxley seinen Protagonisten da gegeben hat) auf die Knie ging und darum bettelte nicht versetzt zu werden und die schuld auf die anderen schob, empfand ich nur noch Verachtung für ihn.

Mit dem sich selbst Geißelnden Wilden hatte ich hingegen nur Mitleid. Er erkannte zwar die Missstände der schönen neuen Welt, nur die Wertevorstellung seiner eigenen Konditionierung durch die Indianer, seiner Mutter und Shakespeare hatte er nie hinterfragt.

Wirklich ein tolles Buch, das ich auch nur jedem empfehlen kann.

Rotkätzchen
07.08.2008, 10:41
Als puren Kapitalismus kann man diese Zukunftsvision aber auch nicht sehen. Eher eine erschreckende Mischung aus gesellschaftlicher Gleichheit, welche aber dem Kommunismus zu zu ordnen ist, und einer optimierten Leistungsgesellschaft. Bezeichnungen sind da natürlich Spitzfindigkeiten, aber eines der wichtigsten Merkmale des Kapitalismus ist das Bedürfnis bzw. die Erfordernis BESSER zu sein als die anderen, also sprich BESSERE Produkte als die Konkurrenz herzustellen, um sich auf dem Markt behaupten zu können.

In Huxleys Dystopie ist davon aber gar nichts mehr zu finden. Da Menschen auf ihre Verwendung hin gezüchtet werden und somit kein Konkurrenzdenken mehr vorherrscht, ist auch jeglicher Ehrgeiz und jeglicher Forschungsdrang ausgelöscht. Wenn alles gleich ist und jeder damit einigermaßen zufrieden ist, gibt es auch keinen Grund für Veränderungen und Verbesserungen und damit keinen Antrieb, überhaupt irgendetwas zu tun. Innovation hat in Huxleys Dystopie so wenig verloren wie Einfallsreichtum. Beides sind aber essentielle Bestandteile des Kapitalismus. Huxleys Dystopie wiederrum steht still - in genormter Gleichheit.