stranger strange
07.04.2008, 17:09
Hallo an alle!
Ich war mir nicht sicher, in welches der hier angelegten Foren mein Topic passen könnte, doch ich entschied mich mal für dieses und hoffe dass ich hier richtig bin (und wenn nicht, dass ihr nicht allzu streng mit mir seid ;) ).
Ich recherchiere derzeit für meine Bachelor-Arbeit, in der es sich prinzipiell um Fantasy und Science Fiction dreht. Derzeit bin ich beim Thema der Mythen bzw. Mythologie und genau dieses Thema wirft für mich einige interessante Fragen auf. Wie ihr vielleicht seht bin ich ganz neu hier und habe keinen Überblick über die aktiven Mitglieder, was Alter usw betrifft, aber ich hoffe dass andere mein Interesse teilen können und stelle nun meine Fragen einfach mal in den Raum:
In einem Zeitalter der Aufklärung, der Wissenschaft und der scheinbaren Vorherrschaft des Logos, sind es genau diese Dinge, welche die allgemeine Depression in unserer Gesellschaft ausmachen? Mit "diese Dinge" meine ich die rationale Art des Denkens, die uns die Aufklärung bringt - man muss sehen um zu glauben. Mit "unserer Gesellschaft" möchte ich abgrenzen von anderen Kulturen, wo diese Art zu denken nicht ganz so dominant ist und der Mythos noch einen anderen Stellenwert hat.
Denn eines ist ja klar (und ich schätze gerade hier wird mir wohl kaum jemand widersprechen), der Mensch hat ein Bedürfnis nach dem Metaphysischen, dem Glauben dass es mehr gibt, als mit dem bloßen Auge erkennbar ist und ich denke diese Sehnsucht wird immer deutlicher.
Alles ist rationalisierbar und alles wird auch rationalisiert. Aber ist es nicht so, dass wir uns um so verlorener fühlen, je mehr wir glauben zu wissen? Einerseits ganz im Sinne von Sokrates, der meinte "Ich weiß, dass ich garnichts weiß". Schafft es nicht ein Gefühl von allgemeiner Unsicherheit und Ungewissheit?
Andererseits: Fehlt uns der Trost in dieser wissenschaftlichen Betrachtensweise? Klimaveränderungen, Vulkanausbrüche, Kometen-Einschläge usw - Dem Rationalen nach gibt es nichts, was wir dagegen tun können (zumindest gibt es noch keine passende Technologie dafür), kein Gott den wir um Hilfe bitten - kein Opfer das wir bringen können (oder keines, das wir bringen wollen).
Tappen wir, geladen mit unserer Erkenntnis, doch eigentlich voller Unsicherheit im Dunkeln?
Hierzu auch ein bekanntes Beispiel von Nietzsche:
Der tolle Mensch. - Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "ich suche Gott! Ich suche Gott!" - Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? - so schrieen und lachten sie durcheinander.
Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. "Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getödtet, - ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir diess gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch Nichts von dem Lärm der Todtengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch Nichts von der göttlichen Verwesung? - auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet!
Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, es ist unter unseren Messern verblutet, - wer wischt diess Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine grössere That, - und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!" - Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn.
Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. "Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Diess ungeheure Ereigniss ist noch unterwegs und wandert, - es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Thaten brauchen Zeit, auch nachdem sie gethan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese That ist ihnen immer noch ferner, als die fernsten Gestirne, - und doch haben sie dieselbe gethan!" - Man erzählt noch, dass der tolle Mensch des selbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur diess entgegnet: "Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?"
Ich hoffe meine Fragen und Gedanken-Ansätze kommen hier jetzt nicht allzu durcheinander rüber. :)
Aber ich hoffe auf zahlreiche Antworten und Sichtweisen!
Ich war mir nicht sicher, in welches der hier angelegten Foren mein Topic passen könnte, doch ich entschied mich mal für dieses und hoffe dass ich hier richtig bin (und wenn nicht, dass ihr nicht allzu streng mit mir seid ;) ).
Ich recherchiere derzeit für meine Bachelor-Arbeit, in der es sich prinzipiell um Fantasy und Science Fiction dreht. Derzeit bin ich beim Thema der Mythen bzw. Mythologie und genau dieses Thema wirft für mich einige interessante Fragen auf. Wie ihr vielleicht seht bin ich ganz neu hier und habe keinen Überblick über die aktiven Mitglieder, was Alter usw betrifft, aber ich hoffe dass andere mein Interesse teilen können und stelle nun meine Fragen einfach mal in den Raum:
In einem Zeitalter der Aufklärung, der Wissenschaft und der scheinbaren Vorherrschaft des Logos, sind es genau diese Dinge, welche die allgemeine Depression in unserer Gesellschaft ausmachen? Mit "diese Dinge" meine ich die rationale Art des Denkens, die uns die Aufklärung bringt - man muss sehen um zu glauben. Mit "unserer Gesellschaft" möchte ich abgrenzen von anderen Kulturen, wo diese Art zu denken nicht ganz so dominant ist und der Mythos noch einen anderen Stellenwert hat.
Denn eines ist ja klar (und ich schätze gerade hier wird mir wohl kaum jemand widersprechen), der Mensch hat ein Bedürfnis nach dem Metaphysischen, dem Glauben dass es mehr gibt, als mit dem bloßen Auge erkennbar ist und ich denke diese Sehnsucht wird immer deutlicher.
Alles ist rationalisierbar und alles wird auch rationalisiert. Aber ist es nicht so, dass wir uns um so verlorener fühlen, je mehr wir glauben zu wissen? Einerseits ganz im Sinne von Sokrates, der meinte "Ich weiß, dass ich garnichts weiß". Schafft es nicht ein Gefühl von allgemeiner Unsicherheit und Ungewissheit?
Andererseits: Fehlt uns der Trost in dieser wissenschaftlichen Betrachtensweise? Klimaveränderungen, Vulkanausbrüche, Kometen-Einschläge usw - Dem Rationalen nach gibt es nichts, was wir dagegen tun können (zumindest gibt es noch keine passende Technologie dafür), kein Gott den wir um Hilfe bitten - kein Opfer das wir bringen können (oder keines, das wir bringen wollen).
Tappen wir, geladen mit unserer Erkenntnis, doch eigentlich voller Unsicherheit im Dunkeln?
Hierzu auch ein bekanntes Beispiel von Nietzsche:
Der tolle Mensch. - Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "ich suche Gott! Ich suche Gott!" - Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? - so schrieen und lachten sie durcheinander.
Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. "Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getödtet, - ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir diess gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch Nichts von dem Lärm der Todtengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch Nichts von der göttlichen Verwesung? - auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet!
Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, es ist unter unseren Messern verblutet, - wer wischt diess Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine grössere That, - und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!" - Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn.
Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. "Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Diess ungeheure Ereigniss ist noch unterwegs und wandert, - es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Thaten brauchen Zeit, auch nachdem sie gethan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese That ist ihnen immer noch ferner, als die fernsten Gestirne, - und doch haben sie dieselbe gethan!" - Man erzählt noch, dass der tolle Mensch des selbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur diess entgegnet: "Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?"
Ich hoffe meine Fragen und Gedanken-Ansätze kommen hier jetzt nicht allzu durcheinander rüber. :)
Aber ich hoffe auf zahlreiche Antworten und Sichtweisen!