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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Kurzgeschichte Rote Tränen


Ollowain
11.04.2008, 21:50
Für Deutsch sollten wir letzte Herbstferien Kurzgeschichten schreiben - freie Themenwahl. Und jetzt möchte ich euch das Ergebnis posten. ;) Über konstruktive Kritik würde ich mich natürlich freuen *ja*
Und jetzt genug geredet, hier ist sie:

Rote Tränen


Ich bin Dean, 16, tot.
Ich weiss, dass ich jung gestorben bin. Und ich möchte euch erzählen, wie es dazu kam.
Angefangen hat es alles mit meinem besten Freund. Und zwar so:

Auf den Tag genau vor drei Jahren habe ich ihn beim Sport kennen gelernt. Zuerst konnten wir einander nicht ausstehen. Es war zwar nicht so, dass wir uns hassten, aber es war da nun mal eine gewisse Abneigung. Trotzdem haben wir uns im Lauf der Zeit irgendwie angefreundet.

Wir haben uns oft getroffen, auf der Straße oder bei mir, nie bei ihm zuhause. Bis zu einer Bemerkung meines Stiefvaters hatte ich es weder bemerkt, noch hatte es mich gestört. Es war einfach so gewesen.
Aber von der Bemerkung meines alten Herren an habe ich oft versucht, mal zu ihm zu kommen. Ohne Erfolg, aber ich gab nicht auf.
Mit der Zeit wurden wir alle das Gefühl nicht los, er würde bei uns wohnen. Aber ich nahm es hin. Ihm ging es schlecht und ich war froh, ihn aufmuntern zu können. Schließlich wurde es selbstverständlich, dass er den Großteil seiner Freizeit bei uns verbrachte.
Damals fiel mir zum ersten Mal auf, dass er dauernd irgendwelche Verletzungen hatte: Mal hier eine Schramme, mal dort blaue Flecken, annähernd parallele Kratzer an den Armen.
Ich sprach ihn oft darauf an, aber er redete sich immer mit seiner Ungeschicklichkeit oder irgendwelchen Unfällen raus.
Geglaubt habe ich ihm niemals, denn er war in meinen Augen alles andere als ungeschickt, aber so sehr ich auch bohrte und stichelte, ich bekam die Wahrheit nicht aus ihm raus. Anfangs zumindest.

Aber eines Tages habe ich dann erfahren, was da war: Er hatte riesige Probleme mit seiner Familie.

Da sein leiblicher Vater, wie meiner auch, den Löffel abgegeben hatte, suchte sich seine Mutter immer wieder Lebensgefährten. Mit denen kam er normalerweise auch ganz gut zurecht, aber dieses Mal hatte sie scheinbar einen von der ganz üblen Sorte erwischt: Rausschmeißer. Und die Beiden konnten sich auf den Tod nicht ausstehen.
Das war eines seiner Probleme, eines der kleineren sogar, das nächste waren nämlich seine beiden kleinen Halbbrüder, um die er sich kümmerte, da ihre Mutter ziemlich – milde ausgedrückt – ungeduldig geworden war und schneller austickte, als man „Cholerikerin“ sagen konnte.
Sie war auch einer der Hauptgründe für seine dauernden Verletzungen, eigentlich sogar der Hauptgrund. Mein Freund sah seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich (er hat mir mal ein Foto von ihm gezeigt, daher weiß ich, wie der gute Mann aussah).
Seine Mutter hatte ihrem Mann wohl nie verziehen, dass er gestorben war, und hatte im Laufe der Jahre einen regelrechten Hass gegen ihren Sohn entwickelt, da dieser sie immer wieder an ihren verstorbenen Mann erinnerte.
Mein Freund bewegte sich oft am Rande des Abgrundes, denn sobald er in ihren Augen einen winzigen Fehler machte oder sie in irgendeiner Weise an seinen Vater erinnerte, schlug sie ihn oder warf alles Greifbare nach ihm: Stifte, Gabeln, Abendbrotmesser, Bücher, einmal sogar eine Pfanne.
Er nahm all das aber mit einer beinahe stoischen Ruhe hin und verlies immer umgehend die Wohnung, wenn sie ausrastete.
Zu mir hat er mal gesagt, dass sie im Grunde ihres Herzens eine sehr gute Mutter ist, und dass die ganze Sache seine Schuld wäre. Mein Kommentar dazu war, er hätte sie nicht mehr alle, was mir einen Fuß im Gesicht einbrachte. Seitdem hielt ich über seine Mutter die Klappe.
In meinen Augen waren die beiden Erwachsenen in seinem Umfeld das Hauptproblem. Seine Mutter misshandelte ihn und der Freund ignorierte diese Tatsache einfach. Arschloch.

Schließlich gestand er mir, dass er sich ritzte. Ich bat ihn damit aufzuhören.
Für kurze Zeit verschwanden die Schnitte auch wirklich von seinen Armen oder wurden zumindest weniger. Es ging bergauf. Glaubte ich.
Aber nicht lange, denn seine Mutter trennte sich von ihrem Rausschmeißer-Freund, was zur Folge hatte, dass sie andauernd schlecht gelaunt war und er nur eine falsche Bewegung machen musste, um sie zu Weißglut zu treiben.
Er musste immer öfter aus der Wohnung flüchten und stand dann natürlich vor meiner Tür. Hat bei mir übernachtet und erzählt, was war. Mittlerweile wusste meine ganze Familie von seinen Problemen.
Als nach drei Monaten immer noch kein Ende in Sicht war drängten wir ihn, sich an die Polizei oder das Jugendamt zu wenden.
Es brauchte aber noch ein Jahr und zahlreiche Verletzungen um ihn davon zu überzeugen, dass es nur zu ihrer allem Besten sei, das Jugendamt einzuschalten.
Alle drei Jungen kamen vorerst in ein Heim und dann zu Pflegefamilien in der Umgebung. Wider Erwarten Aller führte das in seinem Fall jedoch nicht zur Besserung der Situation, sondern viel mehr zur Verschlechterung.

Die Arme meines Freundes erinnerten mich zusehends an Schlachtfelder. Und dort wurde eine Schlacht ausgetragen: Seele gegen Verstand, Rasierklinge gegen Arm. Keiner außer mir und ihm wusste davon oder ahnte auch nur davon.
Statt Tränen zu weinen, vergoss er sein Blut.
Um an das zu kommen musste er immer tiefere, gewagtere Schnitte setzten. Ich versuchte schon gar nicht mehr ihn davon wegzubekommen. Ich versuchte mit seiner Sozialarbeiterin zu reden, aber sie wollte mir weder glauben, noch prüfte sie nach was an meinen Behauptungen dran war, dass er riesige Probleme mit der neuen Familie hatte. Ich hatte damals riesigen Schiss, zu sagen, dass er sich ritzte, denn ich wusste nicht, was das für Folgen haben würde.

Ich war so feige und dumm, so naiv, dachte ich könnte ihn ohne fremde Hilfte retten…

Falsch gedacht.

Und irgendwann erwischte er dann seine Pulsadern – ob versehentlich oder nicht konnte man später nicht mehr sagen. Ich hatte es zwar kommen sehen, aber letztendlich kam ich doch zu spät, konnte nur noch zusehen, wie er starb.
Ein Rettungswagen kam auch nicht.
Er schlief einfach ein – in meinen Armen. Endlich hatte er den Frieden, den er sich immer gewünscht hatte.

Zwei Wochen danach bin ich von einer Brücke gesprungen. Sein Tod, meine Schuld. Ich konnte nicht damit leben.

Wieder zu feige gewesen.


Ende

RickyLee
20.04.2008, 15:45
Puh, schwere Kost, schwere Kost...

Ich kann weder einordnen, ob es mir gefallen hat, oder nicht: Du hast sehr sachlich geschrieben. Dadurch geht einem die Geschichte jedoch nicht weniger nah. Gut gefallen hat mir der Anfang: Mit einem toten Protagonisten lassen sich immer Leute ködern XD"
Dass die Mutter diejenige ist, die schlägt und nicht der Vater, fand ich eine willkommene Abwechslung. (Äh... das klingt jetzt wohl seltsam...)
Die Hintegründe, das Kennenlernen, das Ende: Wurde alles sehr authentisch beschrieben.

Allerdings: Ich hatte auch mal solch eine Phase. Geritzt habe ich mich nicht, dafür meine "Freunde". Und in dieser Zeit bin ich auf solchen Seiten wie "Sternenstaubsucher" und "lonely-souls-site" gelandet, Seiten, die gleichgesinnte suchen um sich gegenseitig aus der seelischen Misere zu helfen. Und dort habe ich so ca. 20 andere Geschichten gefunden, die das gleiche Thema behandeln und auf die gleiche Art und Weise. Und das ist es, was mich stört: Solche Geschichten gibt es zuhauf und ich kann, für mich persönlich, keine Moral, keine Lebenshilfe und keine Weiterbildung aus deiner Geschichte ziehen. Das ist es eigentlich, was mich stört.

Die Geschichte ist gut geschrieben und thematisiert ein trauriges und generell sehr aktuelles Thema, aber sie bietet keinen Ausblick auf Hoffnung, noch kann man eine Lehre daraus ziehen.

Sooo, dies ist mein Standpunkt, jetzt halte mal dagegen ^^

Elyon
20.04.2008, 16:27
Du sprichst da ein heikles Thema an...
Aber ich glaube du hast das sehr gut herübergebracht!!! Vielleicht hättest du noch.... ne war eig. ja gut....wär mein vorschlag: villt. hättest du, wie er von der Brücke springt, näher beschreiben können, wär dir sicher gelungen.
Aber im grossen und ganzen find ich das eine super Geschichte! bravo*clap*


Mich würde noch interessieren, was hast du für ne Note bekommen hast? (wenn du nicht willst musst du nicht)

Ollowain
20.04.2008, 18:54
Erst mal vielen, vielen Dank für das Feedback :)

Und dort habe ich so ca. 20 andere Geschichten gefunden, die das gleiche Thema behandeln und auf die gleiche Art und Weise. Und das ist es, was mich stört: Solche Geschichten gibt es zuhauf und ich kann, für mich persönlich, keine Moral, keine Lebenshilfe und keine Weiterbildung aus deiner Geschichte ziehen. Das ist es eigentlich, was mich stört.

Ja, das Thema ist ziemlich verbreitet.
Was ich mit der Geschichte rüberbringen möchte ist, dass man ab einem gewissen Punkt etwas tun muss.
Einige schaffen es ja von selbst wieder mit dem Ritzen aufzuhören, aber andere nicht. Meiner Meinung nach sollte man zumindest versuchen zu helfen, und nicht wie Dean, nichts sagen und es bei (halbherzigen) Versuchen belassen.

Mich würde noch interessieren, was hast du für ne Note bekommen hast?
Ich habe "damals" nicht gefragt *schäm* Aber ich hol das bei Gelegenheit mal nach. ;)

Akissi
21.04.2008, 13:50
Ich bin praktisch derselben Meinung wie Ricky - das Thema ist, böse gesagt, ziemlich ausgelutscht. Trotzdem lässt sich die Geschichte gut lesen und die Moral, die du angesteuert hast, kann man auch finde ich finden *ja* Auch wenn ich den Protagonisten nicht umgebracht hätte, aber das ist Geschmackssache^^

Besonders gut hat mir dieser Satz gefallen:

Seele gegen Verstand, Rasierklinge gegen Arm.

Das hatte iwie sowas... weiß nicht, das hat sich toll angefühlt, den zu lesen :D Ich fand auch, der hörte sich anders an als der Rest, denn auch da muss ich Ricky zustimmen: Du schreibst sehr sachlich und unverziehrt; an anderen Stellen wiederum verschnörkelst du viel bzw machst ewig lange Sätze - in beides kann man sich reinlesen, aber ich würde zumindest von der sachlichen Spur ein wenig runtergehen, da es so schnell passieren kann, dass man den Spaß an der Geschichte verliert (was aber hier nicht der Fall war, das will ich damit nicht sagen).

Du musst auch finde ich stellenweise mit deinem Sarkasmus aufpassen, zB hier:

Da sein leiblicher Vater, wie meiner auch, den Löffel abgegeben hatte

Da habe ich gestutzt. Das ist eine dramatische und ernste Geschichte und das da ist der Einleitungssatz für eine zentrale Erklärung; da würde ich so eine Formulierung weglassen.

Also zusammengefasst: Dein Stil ist noch ausbaubedürftig, aber du hast gute Ideen und kannst sie auch umsetzen *ja* Ich geb dir 4 Sterne^^

Mad Bull
24.04.2008, 09:20
Das Leben ist eben nicht immer ein Ponyhof.
Mit dieser Geschichte wird auch ausgedrückt, das im Leben eines Menschen
ziemlich viel schief gehen kann.
Welche Nutzen hat jetzt davon der Leser?
Einen zumindest das er sich bewusst werden kann was er für im Vergleich zu der Hauptperson für ein gutes Leben führt.

Ein Schreiber kann so etwas schreiben um mehr Aufmerksamkeit zu erregen.
Mag sein das es in manchen Kreisen das Thema ausgelutscht ist.
Es gibt ja auch Emos.
Doch eins steht fest, Gewalt verkauft sich gut. Das gibt der Story die richtige Würze.

Rein vom Unterhaltungswert ist die Story astrein zu mir rüber gekommen.
Es erweckt den Eindruck als ob die Story von einem Geist geschrieben wurde.
Es gibt auch kein Happyend.
Wenn ein Leser so etwas zum erstenmal liest kann schonmal eine kleine heile Welt zusammenbrechen. Fies ist ja auch, das man nicht rauslesen kann wie man selbst damit fertigwerden kann.
Ein Gutes ist das durch diese art von Geschichten lernt den Schrecken besser ertragen zu können.

Gilead
24.04.2008, 16:30
Hm...hmhm.... nein, tut mir leid, ich kann mit der Geschichte nicht wirklich viel anfangen.

Sie erinnert mich eher an eine dieser AusdemLebengegriffenTränendrück-Stories dieser diversen Wochenzeitschriften. Nicht dass diese hier auf die Tränendrüse drückt, dafür ist sie zu emotionslos geschrieben.
Aber ich will auch nicht unfair sein: für einen Schulaufsatz ist die Geschichte in Ordnung.

Was ich nicht ganz kapiere: wozu der Tod des Erzählers? Erscheint in meinen Augen unnütz und unlogisch.

Ollowain
25.04.2008, 19:00
Zuerst vielen Dank für das Feedback :D

Was ich nicht ganz kapiere: wozu der Tod des Erzählers? Erscheint in meinen Augen unnütz und unlogisch.

Das liegt an ihm selbst. Er macht sich - natürlich - riesige Vorwürfe, weil er nicht gesagt hat, was mit seinem Freund los war, als es noch nicht zu spät war. Er redet sich dann ein, dass er dazu zu feige gewesen ist. Und um vor allem sich zu beweisen, dass er auch einmal "mutig" sein kann, springt er dann von einer Brücke - und bereut es dann später. Aber da ist es dann halt wieder zu spät *hust*
Ich hatte vor, die Kurzgeschichte weiter auszuarbeiten und er hat ziemlich panische Höhenangst, um die Sache mit der Brücke zu erklären.

Nicht dass diese hier auf die Tränendrüse drückt, dafür ist sie zu emotionslos geschrieben.

Jaah, ich weiß. Es hat schon fast Spaß gemacht, mal so zu schreiben; aber (das klingt jetzt garantiert, als wollte ich alles auf Dean abwalzen) der Erzähler ist ziemlich trocken, mit manchmal ziemlich rationalen Ansätzen.

Nejira
26.04.2008, 00:35
Ich finde gerade diesen sachlichen Stil bei so einem emotionalen Thema toll - der krasse Gegensatz eben, der das ganz noch schlimmer macht.

Da sein leiblicher Vater, wie meiner auch, den Löffel abgegeben hatte

Im Gegensatz zu Akissi fand ich diese Formulierung nicht störend - ich hatte eher das Gefühl, den O-Ton des Freundes zu hören. Die Formulierung drückt die Trostlosigkeit und Resignation des Freundes gut aus.

Iron Nemesis
14.05.2008, 20:40
mmmm sehr bewegend deine kurzgeschichte... erinnert mich son bisschen an meine familienverhältnisse, die sind zwar nicht sooo schlimm aber "freunde" sind wir alle auch nicht.
obendrein hast du einen tollen erzählstil, das muss ich sagen :)
klingt alles sehr realistisch wie du es beschreibst, gefühlserregend würde ich sagen... da bleibt wirklich keiner kalt, zumindest wird sich bestimmt jeder gedanken machen...
gute arbeit:D

lg Iron