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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Evil - Jack Ketchum


treogen
24.04.2008, 08:35
Mhh, so richtig weiß ich nicht, ob "Mystery" die richtige Sparte dafür ist, aber es passt glaube ich noch am Besten.

Ich kann ja eigentlich viel ertragen...
Aber Evil von Jack Ketchum ist mir total an die Nieren gegangen. Ich wußte zwischendurch echt nicht, ob ich diesen Roman nicht einfach ungelesen zur Seite lege. Nicht weil er so schlecht ist, sondern weil er an die Grenzen des Ertragbaren geht und sie manchmal überschreitet.

Meg und Susan verlieren ihre Eltern bei einem Autounfall und kommen zu ihrer Tante. Während sich die beiden Mädchen anfangs noch fast gut umsorgt fühlen, beginnt Tante Ruth bereits mit kleinen dahingestreuten Bemerkungen, Demütigungen und später Tätlichkeiten, die idylische Welt der Kinder einzureißen. Das geht soweit, dass die Mädchen im Keller eingesperrt werden, von Tante und Cousins und sogar von den Nachbarskindern gefoltert werden.

Die Geschichte ist aus der Sicht von David, einem Nachbarsjungen, geschrieben. Seine Zerrissenheit zwischen seiner Zuneigung zu Meg und der Faszination am Zusehen und teilweise auch Mitmachen ist so echt beschrieben, dass man sich unweigerlich zwischendrin fragt: "Wie hätte ich mich verhalten."

Nach dem Lesen dieses Buches hatte ich einen Stein im Magen - und ich muß zugeben, dass ich mich bis heute nicht an einen weiteren Ketchum herangetraut habe.

Das Buch ist im Horrorsegment gelistet. Vielleicht, weil er dann erträglicher ist. Man könnte sich nach der Lektüre ja einfach dadurch schützen, dass all das nur Fiction sei.
Leider ist dem nicht so. Der Roman basiert auf einer wahren Geschichte (einfach mal nach Sylvia Likens googlen). Menschen wie Ruth und ihre Söhne und auch Wegseher wie David gibt es wirklich - und eigentlich kann man selbst nicht sicher sein, zu welcher Sorte Mensch man selbst gehört.

Ich habe schon einiges gelesen. Gerade auch viel aus dem Bereich Horror. Dieses Buch war das Härteste, Brutalste, Widerwärtigste und Ekelerregendste, was ich je gelesen hatte.
Mir gings jedenfalls nach der Lektüre des Romanes richtig schlecht.

LG
Treogen

ExLibris
24.04.2008, 09:04
Ich habe schon lange vor das Buch endlich mal zu lesen. Um zu wissen, wovon alle anderen sprechen.
Die Meinungen die ich gehört habe, decken sich so ziemlich mit den Ausführungen von treogen. Das härteste Buch, dass seit langem gelesen wurde. Hinter vorgehaltener Hand, im Flüsterton (kommt mir so vor) spricht man von Ketchum´s Evil, denn offen habe ich noch keinen darüber reden gehört. Aber dem Namen und Titel begegnet man sehr oft.

Hathor
03.05.2008, 21:24
Ein schreckliches Buch.
Ein entsetzlich grausames Buch.
Aber auch ein wichtiges Buch.

Und es wird noch viele solche Bücher brauchen, bis vielleicht die Menschen ihre Lethargie ablegen und hinsehen, auch wenn das Hinsehen schrecklich und unbequem ist.

Mich hat das Buch einerseits fasziniert: der Gegensatz zwischen der schönen, ausgefeilten Sprache, dem sachlichen Stil einerseits und dem entsetzlichsten Horror, den Menschen einem anderen antun können, andererseits.

Erst war ich wütend auf Ruth, auf die Jungen, vor allem auf David. Mit jeder Seite, die ich gelesen habe, wurde mir klarer, dass nicht nur die unmittelbat Beteiligten schuldig sind. Schuldig ist auch die Nachbarschaft, die zumindest etwas geahnt hat. Die Polizei, die den Hilfeschrei des Mädchens ignoriert hat. Die Gesellschaft, die glaubt, dass Eltern das Recht haben, ihre Kinder zu züchtigen.

Vorsicht. Das ist kein Splatter-Roman, nichts zum Gruseln, bei dem man nach der Lektüre zur Tagesordnung übergeht. Weil ja alles sowas von übertrieben ist und es sich doch nur ein Autor mit kranker Phantasie ausgedacht hat. Nein, das ist Realität. Realität, die vielleicht im Nachbarhaus passiert.

Ich werde dieses Buch wohl nie mehr vergessen können. Es hat mich nicht verändert, das wäre mir zu melodramatisch ausgedrückt. Aber es hat mich zum Nachdenken gebracht.

Branka
02.06.2008, 22:37
Es ist schwer zu beschreiben, was ich empfinde, nachdem ich dieses Buch gelesen hatte. Das ich nur einen Tag dafür gebraucht habe, sei einmal außer Acht gelassen, auch wenn es eine Seltenheit ist. Sagt man zu so einem Buch, dass es "gut zu lesen war"? Oder das es einem "gefallen" hat? Ich glaube nicht. Heute muss ich es anders ausdrücken, denn sonst würde es nicht passen.

Das Buch erzählt eine wahre Geschichte. Die Geschichte vom jungen Dave in den 50er Jahren. Er wohnt in einer eigentlich völlig normalen Straße, hat völlig normale Freunde. Besonders gern ist er bei seinen Nachbarn nebenan. Ruth, die Mutter, mit ihren Söhnen Donny, Willie und Ralph. Irgendwann findet er heraus, dass dort noch die Cousinen der Jungs wohnen, Meg und Susan. Beide haben ihre Eltern verloren bei einem schweren Autounfall.
Alles scheint völlig normal zu sein, fast schon idyllisch. Bis plötzlich und ohne Vorwarnung alles aus dem Ruder gerät. Dave muss miterleben, wie Meg langsam aber sicher zur Zielscheibe ihrer "Familie" wird. Durch ihre Tante und deren Söhne. Es steigert sich nur langsam. Es fängt klein an und wird mit jeder gelesenen Seite immer schlimmer. Manchmal möchte man einfach nur wegsehen, weil man das Gefühl hat, ein Voyeur zu sein.

Ich habe das Buch gelesen und ich fühle mich völlig leer. Die ganze Zeit über wusste ich, dass es sich bei der Geschichte um eine wahre Begebenheit handelt. Und es hat mich angewidert zu lesen, zu welchen Taten Menschen wirklich fähig sind. Dave ist die ganze Zeit der Erzähler der Geschichte, aus seiner Sicht erlebt man die schrecklichen Greueltaten, die Ruth dem Mädchen antut. Denn nur auf ihre Anweisungen hin handeln ihre Söhne. Es waren Kinder, die das getan haben. Kinder!

Nach diesem Buch weiß ich nicht recht, was ich als nächstes lesen soll. Ich bin schockiert und völlig neben der Spur. Der Autor hat diese Geschichte zwar mit dem nötigen Abstand geschildert, dennoch ist es ihm gelungen, den Schmerz, die Qual, die Schreie und all die furchtbaren Gedanken von damals aufleben zu lassen. Auch wenn ich nicht dabei war, ist es, als hätte ich daneben gestanden.

Das Buch ist nichts für schwache Gemüter. Ich hatte zwischenzeitlich schon zu kämpfen. "Evil" nennt es sich, Teufel. Das richtige Wort für die Menschen, die für diese Tat verantwortlich sind.

Das Buch berührt, es weckt auf, es rüttelt auf. Das ist gut so. Wenn auch zu spät.

Lesen.

treogen
02.06.2008, 23:13
In der aktuellen VIRUS hab ichs gelesen - Jack Ketchum's Evil wurde verfilmt (Heißt auch so).
Außerdem gibt es eine weitere Verfilmung zum Thema: An American Crime basiert nicht auf dem Buch von Ketchum sondern auf der wahren Geschichte der Sylvia Likens.

Beide Filme haben in der Virus 9 von 10 Punkten und eine Anschau-Empfehlung erhalten, was relativ selten vorkommt.
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich mir einen oder gar beide anschauen möchte.

Branka
03.06.2008, 08:14
Danke für die Info treogen.
Aber ich wüsste auch nicht, ob ich mir die Filme anschauen wollen würde. Das Buch ging mir schon sehr nah, der Film wäre vermutlich noch schlimmer.

Hathor
03.06.2008, 08:24
Das sind die Filme:

Amerika in den frühen 60ern. Als ihre leibliche Mutter hinter Gitter wandert, landen die Schwestern Meg und Susan in der Obhut der dreifachen Mutter und Gewohnheitstrinkerin Ruth Chandler. Schon bald nach ihrer Ankunft sucht und findet Ruth Vorwände, um die jungen Mädchen und insbesondere Megan zu bestrafen. Die Misshandlungen nehmen bald an Brutalität und Häufigkeit zu, schließlich beteiligen sich neben ihren drei Söhnen auch die gesamte Jugend der näheren Nachbarschaft an den Folterorgien.

Der Film ist gottlob erst ab 18 Jahren freigegeben.

Achtung: keine Jugendfreigabe gemäß § 14 JuSchG! Eine Lieferung an Minderjährige ist nicht möglich.

Und das ist der andere Film, der auf der wahren Begebenheit beruht:

Im Jahre 1965 und ohne lange nachzudenken überlässt ein reisender Schausteller seine beiden Teenagertöchter Sylvia und Jennie für eine geringe finanzielle Aufwandsentschädigung in der Obhut der trinkfreudigen, mental unstabilen Unterschichthausfrau Gertrude Baniszweski, ihrerseits Mutter einer siebenköpfigen Kinderschar. Schon kurz darauf beginnen die Baniszweskis geschlossen, besonders Sylvia zu quälen. Die anfänglichen Schläge und Demütigungen steigern sich zu Freiheitsberaubung, Folter, Mord.
Dieser ist ab 16 Jahren.

Mich wundert, wie es Schauspieler schaffen, derartige Szenen durchzustehen. Auch ich werde die Filme wohl nicht ansehen. Ich hatte heute schon einen Alptraum, nur weil ich an das Buch gedacht hatte.

Das lässt einen wohl nie mehr los...

ExLibris
20.10.2008, 12:51
Habe das Buch endlich gelesen, und habe noch immer eine leichte Gänsehaut. Wirklich erschreckend und real geschrieben, man wird hineingezogen in diese Vorstadt-Idylle, man lässt sich leichtfertig darauf ein und empfindet Sympathie. Trotzdem liest sich die Vorgeschichte genauso ehrlich, wie die schreckliche Entwicklung danach. Der Erzähler will uns nichts vormachen, ... es ist einfach wie es ist.
Und man fragt sich, ob das möglich ist. Ist es möglich, dass Kinder soetwas tun?! Und irgendwie kommt man zu dem Schluss, dass es unter gewissen Umständen möglich ist. Eine Hand voll Kinder, darunter einer der mit Faszination Tiere quält, ein paar Kinder die zuhause selbst geprügelt werden, und David ohne festen Charakter, dessen Eltern viel zu sehr mit sich selbst und ihrer Scheidung beschäftigt sind.
Der Erzähler schildert aus Kindersicht, und macht den Abstand zu der Erwachsenen-Welt sehr deutlich. David sagt sogar so etwas ähnliches wie "sie würde schon wissen, was zu tun ist, schließlich ist Ruth die Erwachsene." Als doch Zweifel aufkommen, ob das alles so richtig ist, und man sich sogar an die Polizei wendet, wird es von den Erwachsenen wieder runter gespielt. Den Umkehrschluss daraus zieht David: Die Polizei würde etwas dagegen tun, wenn es tatsächlich unrecht wäre. Das ist das feste Vertrauen zu den Erwachsenen. Woher weiß ein Kind, was unrecht ist, wenn kein Erwachsener da ist, der es ihm sagt. Dazu kommt das Gefühl der Macht, das die Kinder schon beim "Spiel" ausprobieren, und die Erleichterung "nicht selbst dran zu sein". Wer weiß schon was wirklich aus Kindern werden würde, die unter einer psychisch kranken Frau wie Ruth aufwachsen. Eine Frau die selbst entscheidet, wann quälen richtig und gewünscht ist.

Das Buch erinnert mich an "Herr der Fliegen", oder an einige bekannte Psycho-Experimente, in denen Menschen aufgefordert und belohnt werden andere zu quälen. Man würde nicht glauben wozu Menschen fähig sind. Schockierend ist "Evil" besonders deswegen, weil Kinder dazu benutzt werden, die von sich aus als unschuldig und gut gelten.

EinfachSo
22.10.2008, 19:31
das buch ist wahnsinn
ich lese gerne bücher, die so an die nieren gehen - ich finde es wichtig, als bis dato "gut behütetes" "mädl", die augen geöffnet zu bekommen und für "die anderen" ein gespür zu bekommen - das klingt jetzt seltsam, aber ist es nicht so, dass man selbst die schlimmen dinge die passieren zwar bedauert aber nicht damit rechnet, dass es unmittelbar jeden treffen kann..... einen freund, familie, einen selber??? man ist nahe zu blind für die "anzeichen", will es nicht wahrhaben und verdrängt.... fakt ist aber, dass es leider sehr viele "verrückte", kranke menschen gibt und so viele, die kein oder zu wenig selbstbewusstsein haben und mitgerissen werden
ich möchte die knallharte wahrheit wissen und mir vielleicht schon vorher überlegen können - was würde ich tun - würde ich helfen, weg sehen, - was?
ist man stark genug damit umzugehen - damit leben zu können - wer hilft einem? ich bin kein schwarzseher - aber realist - und leider ist die menschheit nicht "gesund"... deshalb - bitte knallt uns die realität um die ohren und wir sollten an uns arbeiten - um "bessere" menschen zu werden

crazy otaku
03.01.2010, 18:24
Nach dem ich dieses Buch gelesen hatte war mir erst mal eine ganze Weile nicht
mehr nach irgendwelchen Horror Büchern. Das schlimmste Buch das ich je gelesen habe. Ich war einfach nur noch schockiert und dermaßen verstört.
Zuerst fragte ich mich wie ein Mensch ein solches Buch schreiben kann das so grausam und brutal ist das ich Angst davor hatte und es zugleich so darstellen kann das ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte, denn ich habe dieses Buch an einem einzigen Abend durchgelesen.

Evil ist mit Sicherheit eins der Bücher die ich niemals im ganzen Leben vergessen werde. Wahrlich nichts für schwache Nerven denn wenn schon ich so aus dem Konzept gerate hat das wahrlich was zu bedeuten. Ich habe schon viele grausame Bücher gelesen aber das hat sogar mir Albträume beschert.

Case
15.03.2010, 20:02
Das Buch ist harter Stoff, ohne Zweifel.

Aber warum?

Weil es nicht fiktiv ist. Weil wirklich eine wahre Begebenheit zugrunde liegt.

Was wäre wenn...es fiktiv wäre? Wären wir dann auch so sprachlos, oder würden wir es als krankes Geschreibsel eines Autors abtun?

Ich will jetzt hier mal das Beispiel "Beutezeit" anbringen. Kannibalismus.

Der Roman hat im Gegensatz zu "Evil" kaum Aufsehen erregt. Weil er fiktiv ist.
(Ist er das wirklich?)


Was mich an "Evil" so erschreckt hat, waren nicht die expliziten Beschreibungen...(ich bewege mich seit über zwanzig Jahren im Horror-Genre, und bin wahrscheinlich schon etwas abgestumpft...:rolleyes:), was mich schockiert hat, war die Gruppendynamik.

War am Anfang eine gewisse Hemmschwelle da, wurde diese nach für nach durchbrochen. Es mußte nur einer voran gehen. Und sofort wurde die nächste Stufe der Gewalt erklommen. Das ist für mich der Horror an dieser (wahren) Geschichte: Wozu "Menschen" fähig sind und was sie anderen antun können...X.X

Mich hat das Buch nicht wirklich geschockt.

Die Realität ist viel schlimmer...