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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Kurzgeschichte Nicht einschlafen!


RickyLee
08.05.2008, 20:06
Seit längerer Zeit mal wieder eine Kurzgeschichte. Und eine, wie ich sie mag: Ist mir nur so aus den Fingern geflutscht ^^

„Ich bin so müde“
DSO würde ihre jaulende, flehende, wimmernde Stimme nie vergessen. Momentan wusste sie das noch nicht. Sie hielt gerade die Flicken an sich gepresst, die paar Sachen, die sie in der Hand hielt, die die Leute, die es in dieser Zeit wenigstens ein wenig besser hatten als der Rest der Menschheit, entbehren konnte. Vielfach geflickte, zerrissene Kleidung. Grau von Staub, Zeit und Elend. Aber alles hier war grau, sowieso. Die Häuserfassade, die in die Gassen bröckelte, der Schutt, der sich unten ansammelte. Breite, graue Steinfladen, Kiesel, morsches Holz... andere sterbliche Überreste. Und darunter faulte der Boden. Ratten nagten den Asphalt an. Es war gefährlich hier. Man musste jeden Schritt tief hinein bohren, sonst fand man keinen Halt. Und langsam und vorsichtig, damit man nicht einbrach. Und sie stand mittendrin, in dem einzigen freien Platz zwischen all dem aufgetürmten grauen Müll.
Hellgraues Licht füllte die Flächen ihres leeren, weißen Gesichts, eine Straßenlampe. Sie sah ins Licht, die Augen weit aufgerissen, den Mund nur ein Bisschen. Ganz kleine Pupillen hatte sie, sie versuchte wach zu bleiben, aber sie jammerte.
„Ich bin sooo müde...“ Wie eine Sirene.
DSO legte den Kopf schief, schob sich eine matschige Strähne aus dem weichen Gesicht, dabei bemüht, keine der Flicken aus ihrer Umarmung rutschen zu lassen, während sie durch die Gasse und Trümmer wie Wasser trat.
„Kann ich dir helfen?“ DSO´s Standardfrage, wenn sie jemanden traf. Dann bemerkte sie ein farbloses Bündel, in die Kuhle in der Wand gekuschelt. „Ist alles okay?“ Die Frau setzte einen Fuß nach dem anderen, im Kreis herum, ein Geistertanz. Dann erst, als ihre Front der von DSO zugewandt war, senkte sie den Kopf, sah sie mit ihren großen, hellen, verquollenen Augen an.
„So müde...“, fiepste sie.
Hochgewachsen wie sie war hingen ihre Klamotten wie Fladen von der Tapete an ihr herab. Sie war schrecklich dünn, an ihren Handgelenken lugten die Knubbel heraus. Hellblondes Haar, strähnig, filzig, ungeschnitten...
Sie sah krank aus.
Und Todmüde.

„Ohhh, sei doch einmal still...“, dröhnte es aus der Wandkuhle. Das graue Bündel bewegte sich, ein Mann entrollte sich. Er schüttelte den Schlaf aus seinen Kleidungsstücken, kratzte sich über den Kopf. Er war viel kleiner als die Frau. Wo sie in ihrem Auftreten an einen abgemagerten Baum erinnert, ihr Haupt nach oben strebte, sie wirkte, als hätte man sie wie ein Stück Knete auseinandergezogen, überstrapaziert, hatte das Leben diesen Mann herniedergedrückt, wie eine Schildkröte oder ein übergewichtiges Nashorn. Und genau so kurzsichtig war er, Glasbausteine multiplizierten die Größe seiner Augäpfel.
„Mann, Marianne, sei doch einmal still...“
„Ich bin so müde, darf ich jetzt schlafen?“
„Nein, du darfst nicht, wir müssen weiter, Essen suchen.“
„Aber ich bin so müde...“
„Klappe!“
Die beiden verschwanden in der Tiefe der Gasse. Eine Schicht Dunkelheit nach der anderen legte sich um die beiden Gestalten, das Nashorn hörte man jedoch noch weiter zwei Minuten den Schutt bulldozern. DSO fiel ein, was sie eigentlich machen wollte, sie drehte sich gerade dorthin, wo sich ihr eigentliches Ziel befand, als...
„Nur fünf Minuten...“, jaulte die leere Gasse.
Dann hörte sie nichts mehr.
DSO presste die Kleidungsstücke fester an sich, ihr war kalt. Wankend und schwankend verschwand auch sie aus der Gasse, es gab viele Obdachlose, die gerne Hilfe annahmen, wenn man sie ihnen anbot.

DSO = Der Name allein war kein Name und nur ein schlechter Scherz von Mattis.
DSO = Deutsche Spendensammlung für Organe.
DSO = Für jeden ein Herz.
Eigentlich hieß sie Donia.

Zwei Tage später, bei der Essensausgabe, sahen sie sich wieder. Sogar das Essen war grau, eine pampige Masse, die DSO sämig an den Unterarmen klebte. Mattis näherte sich von hinten, im weißen Hemd, denn er kochte. Sie drehte den Kopf und er drückte ihr einen Kuss auf die Lippen und, wenn sie ehrlich war, auch auf eine ziemliche Dreckschicht. Eine bettelnde Schüssel nach der anderen reihte sich an den Tisch, niemals sah sie ein Gesicht zweimal, das wagten sie nicht, die anderen passten auf.
Knurrend, brüllend und schnaufend rollte das Nashorn heran. Seine Lippen bewegten sich ununterbrochen, die Mundwinkel nach unten gezogen.
„Ich bin mü-ü-ü-ü-de...“
„Marianne, bitte sei still...“
„Ich würde so gerne... nur einen Moment lang...“, seufzte sie.
Das Nashorn holte sich seine Portion grauen Schlick ab. Dann knurrte er weiter. Hinter ihm munkelten die Leute.
„Vollkommen verrückt...“, konnte DSO heraushören. Sie fand es unfair. Die Frau war nicht verrückt, sie war eben müde. Es kam vor, dass sich die Armen gegenseitig beschützen mussten. Der eine schlief, der andere passte auf, eine Symbiose. Aber bald sollte sie verstehen, weshalb die anderen das Pärchen mieden. Auch wenn sie sonst auch nicht gesellig waren, die Obdachlosen.

„Ich bin so müde.“ „Nein.“ „Lass mich schlafen, nur einen Moment lang“ „Sei still.“ „Meine Augen sind sooo schwer.“ „Nur noch zwei Stunden.“ „Darf ich jetzt schlafen?“ „Du musste aufpassen, dass keiner was klaut.“ „Ich bin so müde.“ „Lass mich.“ „Lass mich schlafen, nur einen Moment lang“ „Schnauze.“ „Meine Augen sind sooo schwer.“ „Jaja, gleich.“ „Darf ich jetzt schlafen?“ „Bist ja gleich dran.“ „Ich bin so müde.“ „Marianne, jetzt sei doch bitte still.“ „Lass mich schlafen, nur einen Moment lang“ „Sei still.“ „Meine Augen sind sooo schwer.“ „MARIANNE, wirklich, ich sage...“

„Herrgott, jetzt lass sie eben schlafen!“, brüllte DSO, als sie die Küchengeräte zusammentrug. Sie pfefferte das knallende Blechgeschirr in die Ecke, es knallte, viel zu laut. Die Hände mehrerer Leute zuckten erschrocken zu ihren Ohren.
Dann war Stille, das erste Mal seit 2 Tagen. Die Frau schwankte nur leicht, die Glubschaugen des Nashorns sahen sie an. Sie stemmte die Arme in die Hüften.
„Ja, es stimmt doch! Lass sie schlafen, wenn sie will. Ich habe sie kein einziges Mal schlafen sehen, seit ihr hier seid! Das ist doch ungerecht! Meine Güte! Gib ihr wenigstens etwas Ruhe!“
Niemand sagte etwas.
Dann raschelte es hinter ihr. Mattis war da, er flüsterte gepresst:
„DSO, von wem redest du?“
Was meinte er?
In den zehn Sekunden, in denen keiner der beiden etwas gesagt hatte, geschah es: Die Augäpfel der Frau rollten nach oben, sie riss die Lider auf, aber sie hatte keine Chance...
Mit einem dumpfen Geräusch landete sie im Staub. DSO zuckte als einzige zusammen. Und außer ihr auch noch das Nashorn. Er stürzte zur ihr hin, hob ihren Kopf hoch und rüttelte sie.
„MARIANNE! Nicht einschlafen, hörst du! Denk nicht mal daran!“ Er war nicht mehr wütend oder knurrig, er war verzweifelt. Tränen fraßen Spuren durch grauen Staub.
„Irre, jetzt dreht er total durch...“, flüsterten die grauen Wände hinter DSO.
„Wach gefälligst auf!“ Er hieb ihr eine Ohrfeige aufs Gesicht, sie schrie leise wimmernd auf. DSO war es zuviel. Sie zerrte ihn von ihr weg, mit aller Kraft. Aber er wehrte sich sowieso nicht, war ganz apathisch. Marianne richtete sich auf, sie war wieder wach, die Stirn hatte sie verärgert gerunzelt.
„Meine Güte... EINMAL bin ich eingeschlafen, einmal... nur ein einziges Mal, damals... und jetzt darf ich mir das noch jahrzehntelang vorwerfen lassen...“

Das Nashorn stieß DSO weg, die schnaufte, allein von seinem Gewicht. Er trampelte auf sie zu.
„Komm, lass uns gehen, Marianne...“ Er packte sie unsanft am Arm, zerrte sie mit sich. Sie schwankte hinterher, taumelte, den Kopf hin und her wippend wie ein Wackeldackel.
„Ic-h bin s-ooo mü-de...“, schwankte ihre Stimme.
Sie verschwanden in der Gasse, Nashorn schnaufte, trampelte, knurrte und walzte den Schutt nieder. Das Gebälk drohte jeden Moment unter ihm zusammen zu brechen.
Und Marianne schwankte über das morsche Holz ohne einen einzigen Laut, ohne Staub aufzuwirbeln. Als hätte sie kein Gewicht.

„Ich will schlafen...“
„Ich weiß, Marianne, ich weiß...“

Elenya
08.05.2008, 20:36
Also ich muss ehrlich sagen, dass ich die Geschichte nicht wirklich verstehe. Ich weiß nicht mal wieviele Leute das waren. Marianne, Nashorn, DSO und Mattis?
Und sie will halt schlafen und er lässt sie nicht aber...
Bin ich einfach zu doof? X.X
Kannst du das näher erklären?

RickyLee
08.05.2008, 20:57
Ich geb zu, das ist eine Geschichte, bei der man zwischen den Zeilen lesen muss... Am besten also nochmal anstreichen, oder so XD"

Ich lass das aber hier trotzdem erstmal so stehen, weil ich die (eigentlich recht banale) Lösung nicht gleich geben will...

Teylen
10.05.2008, 01:28
Ehm... hä?

Schwierige Geschichte. Sehe ich das richtig? Marianne existiert gar nicht oder eher: nicht mehr? Und nur das Nashorn und DSO können sie wahrnehmen? Darauf deuten jedenfalls die ganzen Anspielungen hin.

Aber wer spricht den Satz, dass er/sie nur einmal eingeschlafen ist? Das Nashorn? Ist er eingeschlafen und hat Marianne dadurch verloren? Ist es nun quasi seine Aufgabe diese Geister-Marianne wach zu halten und damit auch sich selbst? Hält er sich selbst das geschehene vor?
Oder ist Marianne einmal eingeschlafen als sie es nicht sollte? ... was hat das dann zu bedeuten?

x.x,

RickyLee
10.05.2008, 10:25
Ehm, hast du soweit richtig erfasst, nur mit einer einzigen Kleinigkeit unterschied: Marianne meinte, sie wäre nur ein einziges Mal eingeschlafen und jetzt müsse sie sich das für immer anhören.

Mit anderen Worten; Man kann sich folgende Szene vorstellen:
Zwei Obdachlose in einer kalten Winternacht, aneinandergerückt versuchen sie sich warm zu halten. Das Nashorn sagt immer wieder zu Marianne, dass sie nicht einschlafen soll... und sie tut es trotzdem.
Der Rest ist Geschichte.

Und in diesem Falle muss ihm Marianne als Geist folgen, bzw. er zwingt sie dazu. Vielleicht kennt jemand das Gespenst von Canterville: Das war auch immer müde und durfte nicht ruhen. Und Mariannes Seelenfrieden wäre wieder hergestellt, wenn er ihr endlich erlaubt einzuschlafen.
Aber dann wäre er allein.

Teylen
11.05.2008, 11:37
Ok. Die Verwirrung bezüglich der gesagten Sätze kam daher, dass erst jemand redet und dann im Rest des Absatz das Nashorn zuerst erwähnt wird. Ist dann etwas unglücklich, weil es für mich so aussah als ob der Absatz für das Nashorn ist, er also gesprochen hat.

Das Gespenst von Canterville kenne ich nicht.

Dass das Nashorn sie nur wachhält, um nicht allein zu sein, darauf bin ich nicht gekommen. Ich hatte da durch die obige Verwirrung noch eine andere Ebene hineininterpretiert.

Die große Frage für mich ist: Warum kann DSO Marianne auch sehen? : )

Nejira
11.05.2008, 13:27
Meine Theorie wäre ja, dass DSO Marianne sehen kann, weil sie so ein Gespür für Menschen in Not hat...

Die Geschichte fand ich gut und sehr eindrücklich geschildert.
Und dass am Ende nich wirklich aufgelöst wurde, was Marianne ist, hat mich dabei nicht gesört.

Iron Nemesis
15.05.2008, 19:09
okeee... ich muss zugeben, ich hab die geschichte zunächst auch nicht verstanden... aber jetzt nach der auflösung:D
schon ein bisschen grausam... sie darf nicht ruhen weil sonst nashorn allein ist -.- marianne tut mir leid...
überhaupt alle menschen die an diesem ort leben müssen, den du so ausfürclich beschriben hast, tun mir leid. am anfang dachte ich erst, das ganze spielt nach einem atomkrieg oder so... vollkommen trostlos alles uaaa schaurig*eek*
naja das schicksal dieser obdachlosen lässt einen auf jedenfall nicht ganz kalt

Warin
15.05.2008, 22:25
Mmh, hab sie auch nach Erläuterung nicht kapiert:(

Ich war aufgrund des Namens DSO auf einer ganz anderen Fährte, die aber wohl dann doch zu fies gewesen wäre...

Ich dachte, dass DSO und Mattis Obdachlosen nachstellen und sie mit Essen versorgen, um ihnen die Organe zu rauben - wenn sie einschlafen. Allerdings hätte die Erklärung des Namens dann erst ganz zum Schluß kommen dürfen. So habe ich ehrlichgesagt nur Fragezeichen im Gesicht.X.X

Livrion
16.05.2008, 09:31
Nach der Auflösung bin ich schlauer, aber ohne wär ich da nie drauf gekommen.

Aber ich verstehe diese seltsame Erklärung ihres Namens immer noch nicht.

Außerdem, wenn er Marianne immer wachhalten muss, würde es dann nicht bedeuten, dass er seit "Jahrzehnten" selbst wach bleiben muss, um aufzupassen?
Höchst unrealistisch. :D

Iron Nemesis
16.05.2008, 18:49
nein nein nein Elyvrion... er erlaubt ihr einfach nicht zu schlafen, pennen tut er ja wenn ich das richtig verstanden hab genug :) *stolz bin, weil kapiert hab* :D

RickyLee
16.05.2008, 20:32
EXACTIMO, Iron Nemesis *auch ganz stolz auf Nemesis sei* *patschel*

DSO ist überfürsorglich, sie hat also für jeden ein Herz: Deutsche Spendensammlung für Organe - DSO.

Um die Erklärung nochmals rückwärts zu formulieren.

Und nochmal zusammengefasst:

- Marianne ist ein GEIST
- Einst schlief sie ein = starb, obwohl Nashorn ihr befohlen hatte, wach zu bleiben. Jetzt muss sie im Tod wachbleiben.
- Wenn sie jetzt einschlafen würde, hätte sie ihren Seelenfrieden.
- Ja, Nashorn schläft, vertröstet Marianne aber immer wieder auf später.

Noch Fragen? ^^