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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Fortsetzungsgeschichte Kinerija - Der Anfang


Nejira
10.05.2008, 23:18
So... Ich werde es jetzt auch mal wagen, mich dem Forum zu stellen... *schwitz*


Prolog

Weit draußen im westlichen Ozean liegen die Nebelinseln, ein riesiges Reich aus Inseln und Meer. Ihren Namen erhielten sie durch die Nebelbank, die wie ein Ring die Inseln fast das ganze Jahr lang in einem Umkreis von mehreren Meilen umgibt.
Der Sage nach liegt hier der Ursprung der Menschheit. Man erzählt sich, dass dort einst lebten nur Elfen und Zwerge. Sie besiedelten vor allem Uraniol, die größte aller Inseln. In manchen Städten lebten die beiden Völker Tür an Tür nebeneinander und miteinander. Vielerorts geschah es sogar, dass alle kulturellen Unterschiede überwunden und gemischte Ehen geschlossen wurden. Die Kinder die aus diesen Ehen hervorgingen vereinten die Stärken und Schwächen beider Völker in sich. Sie wurden Mensen genannt, nach dem Wort mens, welches in der Sprache der Elfen neu bedeutet.
Die Mensen wurden immer zahlreicher, denn ihre Frauen gebaren mehr Kinder als jene der Elfen und Zwerge. Sie begründeten eine völlig neue Kultur: sie kleideten sich anders, sie bauten andere Häuser und feierten andere Feste als ihre Nachbarn.
Doch bald hatten sich die Mensen bis in die Gebiete der anderen Völker ausgedehnt und ließen sich auf fremdem Gebiet nieder.
Und so kam der Tag, da die Elfen ihr Hab und Gut in große Schiffe verluden und fast das gesamte Volk verließ das Zentrum der Nebelinseln. Sie segelten gen Nordwesten, wo sie schließlich eine Inselgruppe fanden, die sie Laveä Eal, Inseln der Hoffnung, nannten. Das Volk der Elfen teilte sich in drei Stämme. Jeder Stamm besiedelte eine andere der drei Inseln und sah sich zu anderen Aufgaben berufen. Nur wenige Elfen waren auf Uraniol zurückgeblieben wo sie in isolierten Dörfern und Städten lebten.
Derweil zog sich das Volk der Zwerge in die Gebirge der Nebelinseln zurück wo sie ihre Städte bauten und aus der Tiefe ihrer Bergwerke die schönsten Steine und Metalle hervorbrachten die die Welt je gesehen hatte.
Die Mensen, deren Name sich über die Jahre zu Menschen gewandelt hatte, breiteten sich indes über das gesamte Inselgebiet aus. Sie brachen zu neuen Ufern auf und segelten mit ihren Schiffen nach Osten, wo sie sich auf dem Festland ansiedelten, sie erforschten das Reich der tausend Inseln bis zum letzten Riff und sie gründeten neue Königreiche auf den Inseln im Süden.
Zu jenen Zeiten gab es viele Elfen, Zwerge und Menschen, die ihre Umgebung allein durch die Kraft ihrer Gedanken beeinflussen. Sie lenkten die Magie der Welt, welche die Elfen Erynnje nannten, nach ihrem Willen. Jene unter ihnen, die das Erynnje um sich herum veränderten, nannte man Zauberer, während diejenigen, welche besonders viel Kraft in sich trugen und ihre eigene, innere Magie nutzten um unglaubliches zu schaffen, als Magier bezeichnet wurden.
Zauberer und Magier bestimmten den Fortschritt der Zivilisation. Durch ihr Wissen wuchsen die Städte der Menschen und Krankheit und Siechtum wurden leichter zu bekämpfen. Sie ließen die Elfen eins werden mit allem Leben um sie herum und ermöglichten ihnen ein Leben ohne Entbehrungen. Den Zwergen halfen sie, ihre Mienen und Schächte zu den tiefsten Schätzen zu treiben und ihre Hallen auf die Größe von Städten auszudehnen.
Doch eines Tages verschwand alle Magie von den Nebelinseln. Die Zauberer konnten das Erynnje um sich herum nicht mehr beeinflussen, weil es nirgends mehr zu finden war – und den Magiern fehlte die innere Kraft um darauf zuzugreifen.
Die Elfen zogen sich fast alle auf die Laveä Eal zurück, denn dort war die Magie so unversehrt wie nie, und die Zwerge verschwanden fast gänzlich in die Tiefe ihrer Berge. Handel und Freundschaft kam zum Erliegen, es breitete sich Misstrauen zwischen und unter den Völkern aus.
Schließlich wurde die Magie etwas, an das die Menschen zwar glaubten, doch wovon sie vergaßen, dass sie es selbst einmal besessen hatten. Der Fortschritt kam zum Stillstand, die Errungenschaften wurden vergessen und nur noch modrige Bücher blieben als stumme Zeugen von dem, was einst gewesen war.
Die Magie wurde zum Aberglauben.
Drei Jahrhunderte lang…

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Nejira
10.05.2008, 23:19
1.
Lieder im Nebel

„Faya, so warte doch!“ Nejira rannte hinter ihrer kleinen Schwester her. Nebelfetzen waberten um ihre Füße.
„Bitte, lass uns schneller gehen! Ich hasse Nebel und das hier... das ist nicht normal!“, rief Faya über ihre Schulter. Sie klang ängstlich. Faya hatte sich schon als kleines Mädchen vor Nebel gefürchtet und diese Furcht hatte auch mit siebzehn Jahren noch kein bisschen nachgelassen. Nejira und Faya hatten sich schon immer sehr nahe gestanden, da sie im Abstand von nur einem Jahr zur Welt gekommen waren, aber diese unbegründete, kindliche Angst hatte Nejira schon immer genervt. Sie selbst liebte Nebel. Aber das... das war wirklich nicht normal!
Der Nebel war ganz plötzlich gekommen. Von einem Augenblick auf den anderen hingen dicke Wolken in den Tälern und hüllten alle Berge ringsherum ein. Als die ersten Nebelschwaden aus dem Gras aufstiegen, hatte Faya die Flucht ergriffen und war zitternd in Richtung der Alm ihrer Eltern gestapft. Nejira hatte die Augen gerollt, doch auch ihr war mulmig geworden. So plötzlichen Nebel hatte sie noch nie gesehen.
„Jetzt mach mal langsam!“, keuchte Nejira „Der Nebel hat noch niemanden erstickt, gebissen oder entführt!“
„Aber die Nebelfrauen! Der alte Jock hat sie schon singen gehört.“ Faya beschleunigte ihren Schritt.
„Die Nebelfrauen sind nur eine Legende. Sie existieren nicht.“, rief Nejira. Und in Gedanken fügte sie hinzu: Leider.
Wie vom Blitz getroffen blieb Faya plötzlich stehen und Nejira prallte fast mit ihr zusammen. „Hörst du das?“, flüsterte Nejira mit zitternder Stimme.
Nejira wollte eben schon entgegnen, dass alles still war - als sie ebenfalls etwas vernahm. Irgendwo in der Ferne, so leise, dass man es kaum bemerkte, erklang Musik. Nejira blickte zurück. Sie wollte wissen wo die Musik herkam. Sie drehte sich um und ging in die Richtung aus der die Klänge kamen.
„Was tust du da? Das ist die falsche Richtung!“, zischte Faya. Doch ihre Schwester hörte nicht auf sie und lief einfach weiter. Faya zögerte einen Moment, dann folgte sie ihr ängstlich. Je weiter sie kamen desto dichter wurde der Nebel. Auch die Musik wurde lauter und Faya erkannte, dass es Frauen waren, die sangen. Es war ein trauriges Lied, wortlos und vielstimmig. Faya packte das nackte Grausen.
„Das sind sie!“, flüsterte sie „Das sind die Nebelfrauen. Bleib stehen!“ Faya packte ihre Schwester am Ärmel, doch die blieb nicht stehen, sondern nahm nun Fayas Hand und zog sie einfach mir sich. Immer schneller rannte Nejira. Sie achtete weder auf die Zweige die ihr ins Gesicht schlugen, noch auf den Protest ihrer Schwester. Alles was zählte war der Gesang.
Auf einmal standen die Schwestern am Rand einer Senke die frei von Bäumen war. In der Senke standen sieben Frauen, doch sie schienen nicht aus Fleisch und Blut zu sein, sondern aus Nebel. Ihre Haut war totenblass und das Haar schneeweiß und alle trugen sie weite, lange, silbergraue Gewänder. Auf eine fremde und unheimliche Weise waren sie wunderschön.
Faya schrie auf und versuchte sich aus dem Griff ihrer Schwester zu winden, Doch deren Hand hatte sich so fest wie ein Schraubstock um Fayas Hand geschlossen. Immer näher zog Nejira ihre zappelnde Schwester auf die Nebelfrauen zu.
Die beiden Schwestern gelangten in den Mittelpunkt des Kreises, den die sieben unheimlichen Frauen bildeten. Der Gesang wurde jetzt lauter, drängender. Faya unternahm einen letzten verzweifelten und vergeblichen Versuch zu fliehen.
Plötzlich brach der Gesang ab und der Nebel verschwand von einem Augenblick auf den anderen.
Die Lichtung war leer. Faya und Nejira waren mit den Nebelfrauen verschwunden.

Kleander seufzte auf. Was gab es schöneres als sich nach einer anstrengenden Reise aufs Bett zu legen, mit einem guten Buch in den Händen. Er schlug das Buch auf und blätterte zu der Stelle an der er zuletzt aufgehört hatte. Gerade wollte er anfangen zu lesen, als die Zimmertür mit einem Krachen aufschlug.
Er sah von seinem Buch auf und stöhnte genervt. Das hätte er sich je denken können! Im Türrahmen stand Kleanders Zwillingsbruder Orandes. Die beiden glichen sich äußerlich wie ein Ei dem anderen, waren im Wesen jedoch grundverschieden. Während Kleander sich nichts sehnlicher wünschte als dem Händlerdasein zu entfliehen um endlich Gelehrter zu werden, verbrachte Orandes all seine Zeit damit, schönen Mädchen den Hof zu machen. In jeder Stadt die er verließ blieb mindestens ein von ihm gebrochenes Mädchenherz zurück.
„Kleander du alter Stubenhocker“, rief Orandes und schlug seinem Bruder auf die Schulter „das soll doch wohl nicht dein Ernst sein! Wir sind gerade erst in Sad angekommen und du sitzt hier und hast nichts besseres zu tun als irgendein dummes Buch zu lesen.“
„Selo lind!“ entgegnete Kleander. Auf den verwirrten Blick seines Bruders hin ergänzte er: „Das ist Seilyn, die Sprache der Elfen, und es bedeutet: Sei still! Zu deiner Information, das Buch hier ist nicht dumm. Es handelt sich hier um ein Seilyn Lehrbuch. Vielleicht solltest du dich zur Abwechslung mal um deine Bildung kümmern, du ignoranter Frauenheld.“
„Komm schon, du Möchtegern-Gelehrter, dein Buch kannst du später noch lesen. Wir waren schon lange nicht mehr in Sad. All die Menschen... und die Mädchen hier sind wunderschön und überhaupt nicht schüchtern... und die Wirtshäuser erst!“
„Egal wo wir hinfahren, die Mädchen sind immer schön und die Menschen immer freundlich und das Bier immer das Beste was du je getrunken hast.“, Kleander schlug sein Buch mit einem Knall zu. „Verdammt, Orandes, ich will nicht mit den Mädchen turteln oder mich betrinken. Ich gehe morgen in die Stadt um mich umzuhören aber jetzt am Abend erfahre ich nicht viel. Im Augenblick will ich nur mein Buch weiterlesen!“
„Gut du alter Spielverderber, dann bleib hier!“ Orandes drehte sich um und trat durch die Tür nach draußen, dann blieb er noch einmal stehen und sagte, als währe es ihm gerade erst in den Sinn gekommen: „Übrigens, Siv ist im Hafen. Er legt morgen früh ab.“
Wenig später waren die Brüder auf dem Weg zum Hafen von Sad. Es begann zu dämmern und das Leben in der Stadt begann sich immer mehr auf die Kneipen zu konzentrieren. Kleander, der einen besseren Blick für Details hatte als sein Bruder, fiel als erstem der Nebel auf. Er breitete sich ungewöhnlich schnell aus, so schnell wie keiner der Brüder es zuvor gesehen hatte. Kleander fand das hochinteressant und begann seinem Bruder die Entstehung von Nebel zu erklären, als Orandes in mit einer Handbewegung zum Schweigen brachte.
„Hörst du das auch?“, fragte Orandes leise. Kleander sah seinen Bruder genervt an. Er konnte es nicht im geringsten leiden, wenn man ihn in seinen wissenschaftlichen Ausführungen unterbrach, doch bevor er etwas entgegnen konnte drang ihm leise Musik ans Ohr. Die Brüder wechselten einen raschen Blick und in einem seltenen Moment der Einigkeit wandten sie sich nach links, dem Gesang zu. Je weiter sie kamen und je lauter die Musik wurde, desto dichter wurde der Nebel.
Bald bemerkte Kleander, dass kaum noch Menschen auf den Straßen waren. Nur ein alter gebrechlicher Greis humpelte ihnen entgegen. „Das sind die Geister der Toten! Oder schlimmeres. Ihr solltet umkehren!“ Doch keiner der Brüder befolgte seinen Rat. Es war als zöge sie eine unbekannte Macht an, näher zu dem siebenstimmigen Gesang. Schließlich traten sie aus den Gassen heraus auf einen kleinen Marktplatz. Dort, in der Mitte des Platzes standen sieben Frauen in langen silbergrauen Gewändern mit langen, schneeweißen Haaren.
„Die Nebelfrauen!“, flüsterte Orandes, doch es lag keine Furcht in seiner Stimme. „Sie sind wunderschön!“ Gemeinsam traten die Brüder in den Kreis der Frauen.
Augenblicke später war der Nebel mitsamt den Nebelfrauen und den Zwillingen verschwunden.

Nell hatte einen langen Tag hinter sich. Schon im Morgengrauen war sie von ihrer Freundin Erra geweckt worden, weil diese beim aufstehen über einen Hocker gestolpert war und dabei einen Krug umgeworfen hatte, der laut scheppernd zu Bruch gegangen war und seinen Inhalt als Pfütze auf dem ganzen Boden verteilte. Nell wunderte sich, dass Erra überhaupt noch auf freiem Fuß war, so ungeschickt wie sie sich anstellte. Das konnte man sich als Dieb einfach nicht leisten. Na ja, das ein oder andere Mal war Erra schon im Kerker gewesen, aber sie war immer mit einem blauen Auge davongekommen. Es war eben doch von Vorteil, die uneheliche Tochter von Teff zu sein, denn Teff war der König der Diebe von Tyrad. In dieser Position wusste man aufs Genaueste, welche der Kerkerwachen bestechlich war und wessen Schweigen man auf andere Weise erzwingen musste.
Nell war stolz darauf, dass sie selbst nie eine Kerkerzelle von innen gesehen hatte, obwohl stahl seit sie vor etwa dreizehn Jahren vor dem Versteck der Diebesgilde ausgesetzt hatte. Sie war damals etwa fünf gewesen, doch so genau wusste das niemand. Nell selbst konnte sich beim besten Willen nicht an ihre Eltern erinnern. Die Kindheit bei den Dieben hatte ihr aber auch Glück gebracht, denn ansonsten wäre sie wohl nie zur jüngsten Meisterdiebin von Tyrad aufgewachsen.
Auch heute Nacht war sie wieder unterwegs. Teff hatte einen Auftrag an sie weitergeleitet. Sie sollte in das Haus eines reichen Kaufmannes einbrechen und dessen Sammlung Zwergenamulette stehlen. In jedes dieser Amulette war ein riesiger Edelstein eingelassen und jedes Stück alleine bewies schon, dass die Zwerge nicht umsonst als die besten Bearbeiter von Metall und Stein galten. Angesichts dieser Kostbarkeiten waren die Sicherheitsvorkehrungen geradezu lächerlich gewesen. Es schien, als hätten viele Leite noch immer nicht begriffen, dass Diebe nicht durch die Haustür, sondern über die Dächer und durch Fenster kamen. Auch wenn es äußerst unbequem war, an der Wand des Hauses zu hängen, nur durch ein Seil, dass am Kamin befestigt wurde, hatte Nell das Fenster binnen weniger Minuten geöffnet. Und welcher Idiot bewahrte seine Schätze so offen im Regal auf?
Dieser Auftrag hatte nicht die Spur einer Herausforderung geboten. Irgendwie langweilig!
Jetzt war Nell auf dem Rückweg, von Dach zu Dach, die Amulette und den Vielen Taschen ihrer Kleidung versteckt. Sie sehnte sich nach ihrem Bett, denn obwohl der Tag nicht im mindesten anstrengend gewesen war, fühlte sich Nell zum umfallen müde. Wie in Trance sprang, kletterte, oder hangelte sie sich von Dach zu Dach. Ihre Hände und Füße taten einfach, was sie schon seit Jahren machten und Nell konnte die Gedanken schweifen lassen. Deshalb bemerkte sie den Nebel auch erst, als er schon in dichten Wolken um ihr hing. Ungewöhnlich dicht. Und noch etwas war ungewöhnlich: Die Gasthäuser hatten zwar bis spät in die Nacht geöffnet, aber um diese Uhrzeit hatte auch das letzte bereits geschlossen. Und solche Musik bekam man nicht einmal im besten Gasthaus von Tyrad zu hören.
Ein vielstimmiger Gesang erklang von irgendwo in den Gassen. Das Lied schien über den Dächern zu schweben und alles zu durchdringen. Was immer dort passierte, Nell musste es mit ihren eigenen Augen sehen. Dach für Dach näherte sie sich der Quelle der Musik, wobei ihr auffiel, dass auch der Nebel immer dichter wurde.
Schließlich sah sie von oben auf einen kleinen runden Platz, eigentlich nur eine erweiterte Kreuzung. Mitten auf dem Platz standen sieben Frauen mit weißem Haar und einfachen grauen, aber kostbaren Gewändern. Nell stockte der atem. Konnte das... war es möglich, dass diese Sagenfiguren tatsächlich existierten?
Aufgeregt machte sie einen Schritt nach vorne. Ihr Fuß rutschte auf den, vom Nebel feuchten, Ziegeln aus, Nell verlor denn Halt, versuchte mit rudernden Armen ihr Gleichgewicht wiederzufinden - und stürzte in die Tiefe.

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Nejira
17.05.2008, 13:07
2.
Die Nebelhalle

Die Nebelschwaden waren dicht, so dicht, dass man nicht einen Fingerbreit hindurch sehen konnte. Sie türmten sich hoch auf, wie eine Mauer, und verjüngten sich nach oben hin, so dass eine Kuppel entstand. Ein Saal, eine Halle aus Nebel. Innerhalb der Halle war die Sicht klar, aber der Nebel war ringsherum, so dass man nur grau in grau sah. Selbst der Boden war mit einer Nebelschicht bedeckt, so hoch, dass Faya gerade noch ihre Knie erkennen konnte. Sie vermutete, dass sie im Gras stand, zumindest fühlte sich der Boden unter ihren Füßen so an, doch sehen konnte sie es nicht.
Faya fror. Die Luft an diesem Ort war feucht und kalt. Doch das Zittern, welches sie nicht mehr losließ, kam nicht nur von der Kälte. Sie wusste, dass diese verfluchten Nebelfrauen in der Nähe waren. Nur sie konnten so etwas zustande bringen. Wahrscheinlich waren sie noch tausendmal schrecklicher als alles was man ihr über sie erzählt hatte. Ja, Faya hatte Angst. Sie hatte versucht sich abzulenken, doch womit? Alles hier bestand aus dem verfluchten Nebel! Alles was außer den grauen Schwaden zu sehen war, war ihre Schwester. Doch Nejira anzusehen war auch keine gute Idee. Da dieser die Füße vom Stehen wehtaten hatte sie sich auf den Boden gesetzt. Und der Anblick von Nejiras Kopf und Schultern die aus dem undurchdringlichen Nebel ragten machten Faya noch noch nervöser. Also hatte sie die Augen geschlossen. Auch keine gute Idee. Wenn sie nichts sah, könnten sie erstens die Nebelfrauen ohne Warnung überrumpeln, zweitens wurde Fayas Phantasie aktiv sobald sie die Augen schloss und malte sich die schlimmsten Dinge aus.
Also starrte Faya die Wand an. Sie stand in der Mitte der Halle, genau dort wo sie am weitesten von den Wänden weg war, und starrte den Nebel an. Sie starrte so lange, bis sie glaubte, den Verstand zu verlieren. Ihre Welt bestand nur noch aus Angst und grauen Nebelschwaden. Es mussten Stunden vergangen sein, als sich endlich etwas regte, jedenfalls fühlte es sich an, als seien es Stunden gewesen. Faya glaubte zuerst, sie hätte zu halluzinieren begonnen als sie zwei Gestalten aus dem Nebel treten sah. Zu ihrer Erleichterung waren diese Gestalten eindeutig keine Nebelfrauen, da sie sowohl bunt gekleidet als auch männlich waren. Sie mussten Zwillinge sein, so sehr glichen sie einander und sie waren vermutlich nur wenige Jahre älter als Faya. Sie fragten nach den Namen der Schwestern und stellten sich selbst als Kleander und Orandes vor. Kleander wirkte ein wenig zerstreut. Seine Kleidung war zerknittert und die Taschen von Hose und Mantel waren ausgebeult. Er begann sofort die Wände der Halle zu untersuchen wund wollte sogar in den Nebel hineingehen, doch davon wurde er von seinem Bruder abgehalten. Nach diesem Vorfall sprach keiner mehr ein Wort. Es schien, als könne jedes Geräusch die Decke zum Einstürzen bringen. Doch wenigstens gab es jetzt etwas Ablenkung. Da Faya weder den ,im Nebel schwebenden, Kopf ihrer Schwester, noch Kleander, der beunruhigend nah an der Wand entlang wanderte, ansehen wollte, richtete sie ihren Blick auf Orandes. Dieser schien zunächst etwas irritiert , begann dann jedoch seinerseits Faya zu mustern. So standen sie einander im Nebel gegenüber. Faya fiel auf, dass sie Orandes wahrscheinlich nur bis zur Brust ging. Außerdem war er in vielen Dingen ganz anders als sein Bruder. Seine braunen Haare waren kürzer und ordentlicher und er schien auch mehr Wert auf seine Kleidung zu legen. Während sie ihn betrachtete wurde sie allmählich ruhiger. Ihre Angst blieb zwar, doch sie wurde in den Hintergrund verdrängt. Die Zeit schien stillzustehen.
Vielleicht hätten sich die beiden noch eine Ewigkeit so angestarrt, wären nicht ihre Blicke getrennt worden als plötzlich etwas zwischen ihnen zu Boden fiel. Als Faya nach unten blickte sah sie eine junge Frau am Boden liegen. Sie blickte verwirrt um sich. „Was ist denn das hier?“, fragte sie.
Faya schüttelte den Kopf: „Das wissen wir auch nicht! Aber wir sind schon seit Stunden hier.“ Während Nejira aufstand und zusammen mit Kleander näher kam sah sich Faya die Frau, welche sich jetzt aufrappelte und sich den Rücken rieb, genauer an. Sie war relativ klein und ihr langes braunes Haar war zerzaust. Um ihren Hals hing eine Kette mit einem goldenen Amulett und von ihren Ohren baumelten große goldene Ohrringe. Das seltsamste an ihr war jedoch ihre Kleidung. Sie hatte einen kurzen schwarzen Mantel an, der bemerkenswert viele Taschen hatte und ein Kleid, das vorne nur bis zu den Knien ging, hinten jedoch fast bis auf den Boden. Darunter trug sie enge schwarze Hosen.
„Und wer seid ihr?“, fragte die Neue nun.
„Ich bin Orandes.“, erklärte Orandes mit einem gewinnbringenden Lächeln. Der Reihe nach nannten alle ihre Namen, die Neue stellte sich als Nell vor.
„Du hast sie auch gehört, oder?“, wollte Kleander wissen „Du bist ihren Gesängen ebenfalls gefolgt.“ Nell nickte.
Mit einem Mal war die Angst wieder da. Die Erwähnung der Nebelfrauen hatte Faya wieder bewusst gemacht wo sie sich befand und was ihnen womöglich noch bevorstand. Und als wäre das nicht schlimm genug, hörte sie nun auch leise und on ferne den geheimnisvollen Gesang der Nebelfrauen, der immer lauter und lauter wurde. Die anderen schienen erwartungsvoll und froh, dass etwas passierte. Merkten sie denn nicht, in welcher Gefahr sie sich befanden?
Sieben Säulen erhoben sich um sie herum aus dem Nebel. Sie wurden dichte, gewannen an Substanz und Form und wurden langsam zu Sieben Gestalten. Schließlich sah sich Faya gemeinsam mit den anderen von den Nebelfrauen umzingelt. Deren silbernen Augen musterten die Gruppe ohne zu blinzeln. Faya hatte das Gefühl, als sähen die Frauen durch ihre Haut hindurch, direkt in ihren Geist, als läsen sie ihre Gedanken. Sie wandte schaudernd die Augen ab, begann am ganzen Körper zu zittern und konnte damit auch nicht aufhören, als Nejira neben sie trat und ihre Hand nahm. Niemand sprach ein Wort.
Nell war die erste die ihre Sprache wiederfand: „Was wollt Ihr von uns?“, fragte sie mit fester Stimme. Faya wünschte sie wäre ebenso selbstsicher.
„Wir brauchen euch.“, antwortete eine der Frauen.
„Die Nebelinseln brauchen euch.“, ergänzte eine andere.
„Wozu?“, fragte Kleander.
„Das Festland gewinnt an Stärke.“
„Sie blasen zum Angriff.“
„Ihr müsst sie aufhalten.“, die Frauen sprachen als seien sie alle ein und dieselbe Person, jeder Satz wurde von einer anderen und ohne jede Gefühlsregung gesprochen. Faya spürte wie ihr Herz immer lauter pochte, als wolle es ihre Brust zersprengen. Sie fühlte sich in ihren Befürchtungen bestätigt.
Nell lachte leise auf. „Wie sollen wir eine Armee aufhalten!“
„Nicht alleine.“, war die Antwort.
„Ihr müsst unsere Kinder wecken.“
„Das Nebelvolk wurde vergiftet.“
Jetzt war Kleanders Interesse endgültig geweckt: „Ein Nebelvolk? Ich hatte geglaubt es gibt nur euch.“
„Es gibt nur uns.“
„Sie sind unsere Kinder.“
„Wir riefen sie ins Leben...“
„...um nicht länger alleine zu sein.“
„Sie wurden vergiftet,...“
„...in den ewigen Schlaf geschickt.“
„Die Keison...“ Die Nebelfrau die gerade gesprochen hatte, verstummte und schlug sich die Hand vor den Mund. Die anderen sechs wandten sich zu ihr um und sahen sie warnend an. Es war das erste mal, dass die Nebelfrauen irgendeine Gefühlsregung zeigten.
„Was sind die Keison... oder wer?“, fragte Nejira.
Die Nebelfrauen antworteten wie aus einem Mund: „Sie sind nicht wichtig!“
„Was soll das hier eigentlich?“, hörte Faya Nell fragen. Noch verhielt sie sich ruhig, doch man konnte spüren, dass sie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch war. „Ihr lockt uns mit Zaubergesängen hierher, Ihr bringt uns an diesen verfluchten Ort hier, Ihr behauptet wir sollten eine Armee aufhalten und erzählt uns nicht einmal wie!“
„Vertrau uns!“, erwiderten die Nebelfrauen so ruhig wie eh und je.
„Wie denn?“, flüsterte Faya leise, doch nicht leise genug. Die Nebelfrauen hatten sie trotzdem gehört. Zu ihrem allergrößten Entsetzen trat nun eine von ihnen auf sie zu: „Du bist nicht freiwillig hier.“ Faya schüttelte nur den Kopf und sah zu Boden. Hätte sie doch bloß den Mund gehalten. Wer weiß was diese Frauen nun mit ihr anstellen würden! Doch die Nebelfrau sprach weiter und wandte sich nun an alle fünf. Diesmal wurde sie von keiner der anderen unterbrochen oder ergänzt: „Ihr alleine seid nicht in der Lage, die Armee die übers Meer kommen wird, aufzuhalten, aber das Nebelvolk kann es. Sie leben auf der Insel Fyla, in den westlichen Gebieten der Nebelinseln, doch schon lange liegen sie in tiefem Schlaf, verursacht durch einen Fluch. Findet einen Weg den Fluch aufzuheben und führt unsere Kinder in die Schlacht. Andernfalls werden die Nebelinseln fallen. Ihr werdet nach Tyrad reisen und euch dort treffen. Von dort aus begebt ihr euch auf die Suche.“
„Aber wie sollen wir das schaffen?“, fragte Orandes.
„Wir werden euch Gaben mit auf den Weg geben, Fähigkeiten die euch bei eurer Aufgebe helfen werden. Nutzt sie weise, denn sie sind alles was wir euch geben können.“
„Wie meint ihr das?“, fragte Nell Doch die Nebelfrauen antworteten nicht. Schweigend traten alle sieben auf Nell zu, die verunsichert um sich blickte. Nun ist es soweit, dachte Faya: sie werden uns einen nach dem anderen umbringen. Eine der Frauen trat vor sie hin und sprach: „Nell, du wirst Herrin aller Sprachen sein.“ Dann hob sie die Arme und legte die Spitzen ihrer Finger auf Nells Ohren. Nell zuckte zusammen und verzog ihr Gesicht zu einer Schmerzerfüllten Grimasse - dann war sie urplötzlich verschwunden. Was tun sie da?, dachte Faya.
Jetzt kamen die Nebelfrauen auf Kleander zu, der sie unsicher ansah. Wieder trat eine der Frauen auf ihn zu. „Kleander, du wirst Former aller toten Dinge sein.“, sagte sie und als sie ihre Hände über Kleanders Augen legte verschwand auch dieser.
Orandes stürzte auf die Stelle zu, an der noch eben sein Bruder gestanden hatte, doch schon sah auch er sich von den Frauen umringt. Eine legte ihre Hände auf Orandes' Augen, genau wie bei Kleander, und sagte: „Orandes, du wirst Former alles lebendigen sein.“
Einen Augenblick später waren nur noch Nejira und Faya übrig. Als die Frauen auf sie zukamen wollte Faya nur noch weglaufen, doch Nejira hielt ihre Hand eisern fest. Faya verkrampfte sich am ganzen Körper als die Frauen einen Kreis um Nejira bildeten. Nejira legten die Nebelfrauen die Hände auf den Kopf, wobei sie sagen: „Nejira, du wirst unsere Tochter sein und unsere Lieder mit all ihrer Macht singen.“ Fayas Hand griff ins leere. Sie war allein mit ihrem größten Schrecken. Ihre Angst steigerte sich ins unermessliche. Sie wollte fortlaufen, entkommen, sich wenn es sein musste in den Nebel flüchten, doch sie war wie gelähmt. Hilflos und zitternd musste sie mit ansehen wie sich nun der Kreis um sie zog und eine der Frauen sich direkt vor sie stellte.
„Es war nicht geplant, dass du hier bist. Unsere Macht ist nun beschränkt, wir können dir nicht mehr viel geben.“
„Dann lasst mich gehen!“, bat Faya mit erstickter Stimme. Sie spürte wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. „Ich will nichts von euch. Ich will nichts mit all dem zu tun haben. Lasst mich nur gehen!“
„Das geht nicht. Du bist hier und du bist nun Teil unserer Pläne, ob du es willst oder nicht. Es ist zu spät.“ Fayas Herz setzte einen Schlag aus, als die Nebelfrau nach ihren Händen griff. Nein, dachte sie: lasst mich! Ich will das alles nicht!
„Du Faya“, sprach die Nebelfrau „wirst Traumweberin sein.“
Ein plötzlicher Schmerz durchzuckte Faya. Er begann in ihren Händen und breitete sich von dort bis in die Fingerspitzen aus. Ihr ganzer Körper schien zu glühen. An nichts anderes konnte sie mehr denken, als das Feuer, dass in all ihren Gliedern brannte, bis auf einen kleinen Winkel ihres Bewusstseins, der flüsterte: Ich wusste, dass man ihnen nicht trauen kann!


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Nejira
24.05.2008, 00:54
Ich habe das Kapitel in zwei Hälften geteilt, weil sich lange Texte so schwer am Bildschirm lesen lassen (und der Text ist immer noch lang...)
Ich wüsste gerne, ober der Teil mit der Elster einigermaßen verständlich ist - sprich, Feedback ist gerne gesehen :D

3.
Die Elster

Nell erwachte in ihrem Bett in der kleinen Dachwohnung, welche sie sich mit Erra teilte. Irgendjemand hatte ihr den Mantel ausgezogen und sie mit einer Wolldecke zugedeckt. Durchs offene Fenster wehte kalter Herbstwind herein und Nell fror unter der dünnen Decke. Sie konnte sich nicht daran erinnern wie sie hierher gekommen war. Von dem Zeitpunkt an, da sie die Nebelfrauen umringt hatten, wies ihre Erinnerung nichts als Leere auf. Vorsichtig richtete sie sich auf und schwang die Füße über den Bettrand, doch als sie aufstehen wollte fuhr ihr ein scharfer, stechender Schmerz in den linken Fuß. Nell stöhnte auf und ließ sich leise fluchend wieder auf das Bett nieder.
Wenige Augenblicke später flog die Tür auf und Erra stürmte herein, wobei sie fast über eine Falte im Teppich gestolpert wäre. „Endlich bist du wach! Ich hab mir ja solche Sorgen gemacht, du hast den halben Tag geschlafen!“
„Was ist denn passiert?“, fragte Nell und rieb sich leicht verwirrt die Stirn, wobei sie wieder anfing du fluchen, denn dort hatte sich eine große Beule gebildet.
„Don hat dich auf dem Weberplatzt gefunden. Du lagst vor einem Haus, als wärst du m Dach gefallen, aber das kann nicht sein, weil deine Verletzungen waren dazu viel zu leicht. Und Don hat dich hergetragen, weil er nicht gewusst hat, wohin. Und wir haben dich ins Bett getragen aber du bist nicht aufgewacht“
Nell seufzte erleichtert. Vielleicht war diese seltsame Begegnung mit den Nebelfrauen einfach nur die Folge ihres Sturzes und nichts weiter als ein Traum, den sie während ihrer Ohnmacht gehabt hatte. Das war gut. Keine lebendigen Sagengestalten, kein geheimnisvoller Auftrag. Alles nur ein Traum.
Erra unterbrach sie in ihren Gedanken: „Und da ist noch diese Sache mit deinen Ohren...“
„Was ist mit meinen Ohren?“, frage Nell alarmiert.
„Na ja,“, murmelte Erra „das ist schwer zu erklären...“ Sie stand auf, lief zur Kommode hinüber und begann in den Schubladen zu kramen, bis sie endlich einen alten, zerkratzten Handspiegel hervorzog. Er war vermutlich Diebesgut, wie fast alles in der kleinen Wohnung. Erra drückte Nell den Spiegel in die Hand. „Du schaust besser selber.“
Nell hob den Spiegel, bis sie ihr Gesicht darin betrachten konnte. Sie sah sich selbst, mit den dunklen, großen Augen, dem wirren braunen Haar und der leichten Hakennase. Auf ihrer Stirn prangte eine große rote Beule. Nell drehte den Kopf leicht um einen Blick auf ihre Ohren werfen zu können und ihre Augen weiteten sich vor Schreck: Ihre Ohrmuscheln waren nach oben hin länger und spitzer geworden, sodass sie nun so aussahen, wie die Ohren einer Elfe. Nell hob eine zitternde Hand und fuhr mit den Fingern über die Spitzte, die ihr Aussehen so seltsam geändert hatte. „Aber wie... wie ist das passiert?“
„Ich dachte du wüsstest es.“, flüsterte Erra und sah Nell besorgt an.
„Ich kann mich nicht mehr erinnern was gestern Nacht passiert ist.“, behauptete Nell Wenn sie Erra erzählte, was ihr widerfahren war, so würde diese sie sicherlich für Verrückt erklären und in das Irrenhaus der Stadt einweisen lassen.
„Das liegt bestimmt an dem Sturz.“, meinte Erra mitfühlend „Aber es sieht dir überhaupt nicht ähnlich, von den Dächern zu fallen. Du bist doch fast öfter dort oben als auf der Straße.“
Nell fühlte, wie ihr Bauch vor Panik zu kribbeln begann. „Naja…“, murmelte sie „also… Der Kaufmann hatte auf dem Tisch noch diese Flasche Wein stehen… Der war wirklich gut – also hab’ ich wohl ein bisschen zu viel…“ Nell war zufrieden mit sich. Erra wusste, dass sie gerne allerlei Getränke aus den Häusern anderer Leute mitgehen lies – und ein angedudelter Zustand würde auch den Sturz erklären.
Tatsächlich schien Erra es ihr abzukaufen. „Du kommst vielleicht auf Ideen! Was treibt dich blos dazu, beschwipst über die Dächer zu wandern?“ Doch als sie Nells betretenes Gesicht sah, stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. „Du hast sicher Hunger, nachdem du so lange geschlafen hast.“ Tatsächlich fühlte sich Nells Bauch äußerst leer an. „Ich bringe dir etwas aus der Küche, muss aber leider gleich gehen. Mein Vater will mich sehen und ich bin sowieso schon zu spät dran.“
„Wenn du sowieso zu Teff gehst, kannst du ihm die Beute von gestern Nacht bringen?“
„Die Amulette in deiner Tasche? Klar, mach' ich!“ Erra drehte sich um und verschwand aus der Tür.

Wenig später, das Essen war schon längst verzehrt, saß Nell am Fenster und blickte über die Dächer der Stadt hinaus. Die Sonne stand hoch am Himmel und überall auf den Straßen tummelten sich die Menschen. Sie verkauften und kauften, sie rannten und schlenderten, jeder ging seinen eigenen Geschäften nach. Nell dachte an das, was ihr widerfahren war. Auch wenn die seltsame Veränderung ihrer Ohren Beweis zu sein schien, dass sie all das wirklich erlebt hatte, so war ihr Geist noch nicht bereit, es zu glauben. Die Erinnerung and die unheimliche Stille der endlos grauen Nebelhalle stand im krassen Gegensatz zu dem bunten Treiben unter Nells Fenster. Gedankenverloren spielte sie mit dem goldenen Amulett, das um ihren Hals hing. Es bestand aus einer filigran gemusterten Scheibe, mit einem schillernden, fingernagelgroßen braungoldenem Stein in der Mitte und sieben winzigen funkelnden dunklen Diamanten. Nell hatte es auf der allerersten Diebestour, die sie alleine durchführen durfte, mitgehen lassen, deren Beute eigentlich aus ein paar kostbaren alten Büchern bestanden hatte. Beim durchsuchen des Hauses hatte sie das Amulett auf einer Kommode entdeckt und es als Andenken mitgehen lassen. Sie hing sehr an dem Stück und hätte es niemals verkauft, egal wie groß ihre Not auch gewesen wäre.
Plötzlich hörte sie, wie jemand in ihrer Nähe leise redete: „Das Glitzerding bekommst du nicht. Der Zweibeiner hält es fest!“ Nell hatte urplötzlich das Gefühl, ihr Gehirn würde sich vergrößern. Ein seltsames Druckgefühl und ein stechender Schmerz breiteten sich in ihrem Kopf aus. Ebenso plötzlich wie er gekommen war, war der Schmerz auch wieder vorbei. Nell sah sich um, doch sie konnte nichts entdecken. Kein Lebewesen außer ein paar Tauben und zwei Elstern hielt sich in ihrer Nähe auf. „Wer ist da?“, fragte sie.
„Hilfe! Es spricht!“, schrie jemand und eine der Elstern flatterte davon. Die andere Elster schien Nell verschreckt anzusehen. Sie ruckte mit dem Kopf und hüpfte einen Schritt näher. Sie schien Nell eindringlich zu beobachen, dann öffnete sie den Schnabel - und Nell erkannte entsetzt, dass der Vogel es war, der sprach: „Ein Zweibeiner der Spricht!“
„Du kannst sprechen?“, stammelte Nell verdattert. Trotz der Wärme der letzten Sonnenstrahlen lief ihr ein eisiger Schauer den Rücken hinunter.
Ungläubig, so kam es Nell vor, starrte die Elster sie an. „Natürlich spricht Schwester-Mit-Weißem-Fleck-An-Der-Rechten-Kralle! Aber es hat noch nie ein Zweibeiner gesprochen. Zweibeiner-Der-Spricht muss sehr klug sein.“
Das konnte nicht sein! Solche Dinge waren Legenden. Menschen konnten Tiere nicht verstehen – zumindest nicht so! Es konnte nur eine Erklärung dafür geben: Die verfluchten Nebelfrauen! Sie hatten weit mehr als nur die Form von Nells Ohren verändert!
Irgendwie die Elster aus, als erwartete sie eine Antwort.
„Wieso ist Zweibeiner-Der-Spricht sehr klug?“, stotterte Nell. Diesmal merkte sie, dass sie eindeutig keine menschlichen Laute von sich gab. Trotzdem musste sie nicht nachdenken – es schien ihr, als hätte sie schon immer so krächzen können. Und während sie so krächzte, merkte sie, dass Elstern das Wort ich wohl nicht kannten.
„Zweibeiner sind zu dumm um zu sprechen.“, antwortete die Elster – und aus irgendeinem Grund wusste Nell, dass sie genauso entsetzt war wie Nell selbst. „Zweibeiner bauen riesige Nester und bekommen viele Jungen und bauen schöne Glitzerdinger. Aber Zweibeiner sind viel zu dumm zum Sprechen. Zweibeiner-Der-Spricht muss Junges von Elstern sein.“
„Zweibeiner können sprechen, Schwester-Mit-Weißem-Fleck-An-Der-Linken-Kralle...“, antwortete Nell. Trotz ihrer Verwirrung amüsierte die unerschütterliche Elster-Logik.
„Die Elster die mit Zweibeiner-Der-Spricht redet, heißt Schwester-Mit-Weißem-Fleck-An-Der-Rechten-Kralle!“, krächzte die Elster und sie klang dabei beinahe beleidigt.
Nell stellte fest, dass sie Entschuldigung nicht in der Sprache der Elstern ausdrücken konnte. Wie seltsam! Die Verwirrung wuchs mit jedem Augenblick, als der Drang, das Fenster zuzuschlagen, mit Nells Neugierde auf eine längere Unterhaltung mit dem Vogel kämpfte.
Die Elster nahm ihr die Entscheidung ab: „Zweibeiner sprechen. Das muss Schwester-Mit-Weißem-Fleck-An-Der-Rechten-Kralle Schwestern und Brüdern erzählen!“ Mit diesen Worten breitete die Elster ihre Flügel aus und flatterte davon. „Viel Nahrung!“, krächzte sie noch im davonfliegen. Nell vermutete, dass es sich hierbei um einen Abschiedsgruß handeln musste. Wirklich sehr merkwürdig…
Sie blieb verwirrt sitzen und blickte dem Vogel nach, wie er über die Dächer der Stadt davonflog.
Und was jetzt? Es hieß, dass es einst Magier gegeben haben sollte – doch das war vor Jahrhunderten gewesen. Hieß das, dass sie die einzige war, die so etwas konnte? Und klappte das auch bei Menschen?
Nell musste grinsen als ihr eine Idee kam. Sie sah sich schon am Marktplatz sitzen und Fremde Händler aushorchen. Was man da alles erfahren könnte! Vielleicht waren nicht einmal Geheimschriften vor ihr sicher… Und vielleicht konnte sie Tiere dazu benutzen um an weitere Beute heranzukommen… Sie konnte es weit bringen! Vielleicht sogar bis zu Teffs Nachfolgerin…
Da fielen ihr mit einem Mal die anderen ein. Was war mit ihnen passiert nachdem Nell fort war? Hatten nicht die Nebelfrauen gesagt, sie sollten sich alle in Tyrad treffen?
Nun, da blieb Nell nichts anderes übrig als zu warten.

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Nejira
01.06.2008, 01:31
Eine Woche später war Nell auf dem Marktplatz unterwegs. Die Sonne bescherte der Stadt einen warmen Herbsttag und auf dem Markt wimmelte es nur so von Gemüsehändlern, die ihre Ernte anboten. Von überall her ertönte Geschrei: Bauern, die lautstark ihre Wahre feilhielten, Händler die mit Kunden um den Preis feilschten und das Kichern und Kreischen der Kinder, die sich gegenseitig um die Marktstände jagten.
Nell entdeckte einen Stand der allerlei Pergament und Federkiele anbot. Ein junger Mann beugte sich über die Auslage. Er sah aus wie ein junger Gelehrter mit seinem zerknitterten, leicht staubigen Mantel, dem wirren Haar und der Brille, die er immer wieder absetzte um sie zu putzen. Ganz in die Betrachtung der Waren versunken bemerkte er nicht, wie sich Nell vorsichtig von hinten näherte. Solche Typen kannte sie. Die hatten immer irgendetwas in ihren Manteltaschen und sie bemerkten es fast nie, wenn sich eine fremde Hand darin zu schaffen machte. Während Nell scheinbar äußerst interessiert ein großes Tintenfass inspizierte, ließ sie langsam und vorsichtig ihre Finger in die Tasche des Träumers gleiten. Er schien es nicht zu bemerken. Wenige Augenblicke später stießen ihre Fingerspitzen auf etwas hartes, doch bevor sie herausfinden konnte, was es war, packte sie eine Hand an der Schulter. „Finger weg, du Diebin!“, grollte jemand hinter ihr.
Verdammter Mist! Das hatte ihr gerade noch gefehlt! Ohne lange zu überlegen trat sie mit dem Fuß nach hinten und traf den Mann der sie festhielt am Knie. Dieser stieß einen unterdrückten Schrei aus, sein Griff lockerte sich und Nell begann zu rennen. Sie flitzte zwischen den Marktständen hindurch, den Kopf gesenkt, damit keiner ihr Gesicht merken konnte. Leider hatte das zur Folge, dass sie mit einer Vielzahl an Leuten zusammenstieß. Leise fluchend rannte sie in eine Seitenstraße hinein. Sie hatte sich erwischen lassen! Wie ein Anfänger! Wie Erra! Wie hatte sie nur so ungeschickt sein können?
Hinter sich hörte sie die Schritte ihrer Verfolger. Es waren zwei es und sie vermutete, dass es der Träumer und derjenige, der sie erwischt hatte, waren. Nell bog in eine Seitengasse ein. Wenn sie Glück hatte, würde sie ihre Verfolger abschütteln können.
Plötzlich packte etwas von hinten Nell am Knöchel und hielt sie fest. Sie stürzte und fiel schmerzhaft auf die Pflastersteine. Als sie an sich hinunter blickte sah sie, wie sich ein Seil von ihrem Knöchel aus wie von Geisterhand an ihr hinaufschlängelte. Das konnte doch unmöglich mit rechten Dingen zugehen! Nell versuchte sich zu wehren, doch einen Augenblick später war sie gefesselt. Sie konnte sich nicht mehr rühren. Du dummes Ding! Einmal nicht aufgepasst und jetzt ist es vorbei.
„Gute Idee, Kleander!“, sagte eine Stimme über ihr. Weil sie mit dem Gesicht nach unten lag, konnte sie den Sprecher nicht sehen – aber irgendetwas an dieser Stimme kam ihr bekannt vor. Und der Name erinnerte sie an einen anderen Ort, kälter und unwirklicher. „Kleander?“, fragte sie ungläubig „Und...“ Oh verdammt, wie hieß der Bruder? „Orandes?“
Stille trat ein. Dann beugte sich einer der Männer über sie und drehte sie auf den Rücken. „Das gibt's doch nicht! Kleander, schau mal wer das ist!“ Das Gesicht des jungen Mannes mit den modisch kinnlangen Haaren war vertraut. Er war zweifelsohne einer der beiden, die ihr in der Halle der Nebelfrauen begegnet waren, wahrscheinlich Orandes. Doch eines war anders: seine Augen, die damals braun gewesen waren, waren jetzt von einem sonnengelben Farbton, der ihm ein äußerst exotisches Aussehen gab. Unwillkürlich musste Nell an ihre Ohren denken. War den Brüdern vielleicht auch so etwas widerfahren, wie ihr mit der Elster?
Einen Augenblick später erschien auch Kleanders Gesicht in ihrem Blickfeld. Er glich seinem Bruder wie ein Ei dem anderen, nur dass er etwas zerzauster aussah, kürzere Harre hatte und eine Brille trug, die ihm fast von der Nase rutschte. Und seine Augen waren nicht gelb die Orandes’ nun von einem intensiven Violett.
„Nell?“, fragte Kleander ungläubig „Aber das kann doch nicht sein! Du… du wolltest mich bestehlen!“
„Stimmt.“, erwiderte Nell knapp. Sie sah die große Diskussion über Moral und Anstand bereits auf sich zukommen. „Ich muss mir meinen Lebensunterhalt eben verdienen. Stehlen ist das was ich am besten kann und nichts was ihr sagen werdet wird je etwas daran ändern. Wenn ihr jetzt so nett sein könntet, mich von den Fesseln zu befreien...“
Kleander streckte seine Hand aus und legte sie auf das Seil, das sich um Nell geschlungen hatte. Kaum hatte er es berührt, da begann sich das Seil zu verändern. Es wurde immer kürzer und dünner und rollte sich von Nells Körper ab. Schließlich hielt Kleander nichts anderes als einen Stückchen Bindfaden zwischen den Fingern. Nell starrte Kleander mit offenem Mund an. Die Zauberkünstler auf Jahrmärkten kannten einige Tricks – aber das war echt. „Wie machst du das?“, fragte sie, die Augen groß vor Erstaunen. Kleander lächelte sie leicht nervös an.
„Die Nebelfrauen“, antwortete Orandes an seiner statt „Sie haben irgendetwas mit uns gemacht – phantastisch, nicht war? Ihnen haben wir auch die seltsamen Augenfarben zu verdanken. Aber was soll’s, die Frauen finden es interessant.“ Er grinste von einem Ohr zum anderen und streckte Nell die Hand entgegen, als wolle er ihr aufhelfen. Doch als sie sie ergriff, begannen sich plötzlich ihre Finger aufzublähen und bunt zu verfärben. Entsetzt entwand sie sich seinem Griff und schüttelt ihre Hand, als könne sie damit die unheimliche Veränderung rückgängig machen. Doch es half nichts. „Das ist das, was ich kann.“, meinte Orandes und griff nach Nells Hand. Kaum hatte er sie berührt, da klang die Schwellung ab und die unnatürliche Verfärbung verschwand, als wäre nie etwas gewesen.
„Orandes kann alles lebendige verwandeln, also Pflanzen, Tiere, Menschen und so weiter“, erklärte Kleander „und ich kann alle toten Gegenstände verändern. Es ist wirklich höchst Interessant was die Nebel...“
„Und was kannst du?“, fragte Orandes, ohne seinen Bruder zu beachten.
Nell musst Grinsen. Zeit, den Brüdern das Lächeln aus dem Gesicht zu wischen. Sie öffnete den Mund und begann zu sprechen, doch statt verständlicher Worte hörten die beiden jungen Männer nur Krächzen, Vogelgezwitscher, Hundegebell und dergleichen mehr. Sprachlos starrten sie die triumphierend grinsende Nell an. Kleander fand als erster seine Sprache wieder: „Was... was war das?“
„Ich habe euch erzählt, dass ich seit der Sache mit den Nebelfrauen sehr interessante Gespräche mit Elstern, Hunden, Katzen, Mäusen und allerlei anderem Getier das sich so in der Stadt herumtreibt geführt habe. Natürlich in deren jeweiliger Sprache...“
„Das“, meinte Kleander, „ist überaus faszinierend! Funktioniert das bei allen Tieren?“
„Allerdings – und bei allen fremden Sprachen ebenfalls.“, erklärte Nell stolz. Kleander schien, als wolle er gerade zu einer neuen Frage ansetzen, doch sie unterbrach ihn. „Vielleicht sollten wir damit waren, bis wir irgendwo sind, wo es etwas ruhiger ist. Kommt mit!“
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