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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Fragen an Martin & Maho Clauß


Warin
14.05.2008, 18:46
Liebe Forummitglieder,

hier könnt ihr Fragen an Martin & Maho Clauß stellen, die über ihren Roman "Die Saat der Yôkai" hinausgehen, z.B. auch zum Großen Anime Lösungsbuch (http://www.hohoemi.de/) oder Japan im Allgemeinen.

Mehr über Martin & Maho Clauß erfahrt ihr

im Blog von Martin Clauß (http://martinclauss.blogspot.com/) oder
auf der Homepage zu "Die Saat der Yôkai" (http://www.hohoemi.de/yokai/)

Warin
15.05.2008, 19:42
So, dann will ich gleich mal loslegen.

Zunächst einmal herzlich willkommen, Martin & Maho Clauß, und vielen Dank für eure Bereitschaft, an unserer Leserunde teilzunehmen. Ich hoffe, es ist für euch o.k., wenn wir euch forumsüblich duzen, ansonsten protestiert bitte;)

Viele interessante Dinge habe ich in eurem Interview mit der Phantastikcouch (http://www.phantastik-couch.de/interview-mit-martin-clauss.html) und auf eurer hp (http://www.hohoemi.de/yokai/) gelesen.

So dass "Die Saat der Yôkai" als Beitrag zum Wolfgang Hohlbein Preis 2008 entstanden ist. Ich habe mir gerade im Internet einen Wolf gesucht, aber ich finde einfach nicht heraus, wer nun eigentlich den Hohlbein Preis 2008 gewonnen hat (der sollte doch schon auf der Leipziger Buchmesse übergeben werdenX.X). Jedenfalls macht Ueberreuter eine Promo für euch, die eines Gewinners würdig wäre (so bin ich ja auch auf das Buch aufmerksam geworden).

Mir ist aufgefallen, dass du, Martin, früher ganz fleißig gebloggt (http://martinclauss.blogspot.com/) hast, dass es aber mit Erscheinen der "Saat der Yôkai" etwas ruhiger in deinem Blog geworden bist, daher meine Frage: Ist es arg stressig im Moment? Nicht, dass euch diesen Stress nicht mancher der Hobbyautoren hier im Forum neiden würden;)

Interessant finde ich immer die "Vorgeschichten" der Autoren. Christoph Marzi hat 16 Jahre erfolglos Manuskripte versandt, bis das erste angenommen wurde. Du, Martin, hast gesagt, du hättest dich früher gar nicht getraut, große Verlage anzuschreiben. Bereust du das inzwischen?

Noch etwas interessantes habe ich auf eurer hp gefunden. Ich bin ja zur Fantasy über die Filme Hayao Miyazakis gekommen und was mich so besonders daran gereizt hat, war das Fehlen klassischer gut/böse Schemata. Deshalb fand ich diesen Satz ganz besonders spannend: "Im Shintô gibt es keine Trennung zwischen Gut und Böse. Die Kami haben ihren Charakter, ihre Interessen und Vorlieben, aber keiner von ihnen gehört zu Himmel oder Hölle, keiner von ihnen passt in unser christliches Schema von Engeln und Teufeln." Kann es sein, dass dieser Glaubensunterscheid der Grund für die philosophischen Unterschiede zwischen westlicher und fernöstlicher Film- und Literaturkunst ist? Ich meine, ein Disney Film ohne einen richtig fiesen Bösewicht wäre ja kaum vorstellbar, wogegen viele Animes auch gut ohne das abgrundtief Böse eine tolle Geschichte erzählen können.

Martin & Maho Clauß
15.05.2008, 20:56
Hallo Warin,

wir bedanken uns umgekehrt für die großartige Gelegenheit, die uns hier geboten wird, vor allem für die Möglichkeit, ausführliches Feedback zu unserem Roman zu erhalten (das bekommt man leider selten, höchstens mal vom Lektor oder ein, zwei Rezensenten). Daher war die Zusage eine Selbstverständlichkeit, ebenso selbstverständlich wie das Duzen. Falls wir gesiezt worden wären, hätten wir uns prompt beschwert ;-)

Zum Wolfgang Hohlbein-Preis 2008: Wir wissen nur, dass man sich bei Ueberreuter entschieden hat, den Preis 2008 nicht zu vergeben. Das will man aber, soweit ich verstanden habe, 2009 nachholen. Über die Gründe und näheren Umstände sind wir nicht informiert. Das sind Verlagsinterna. Dass wir traumhaft beworben werden, finde ich auch.

So sehr viel gebloggt habe ich eigentlich nie. Momentan geht es tatsächlich sehr stressig zu, was aber nicht am Erscheinen des Buches liegt, sondern eher berufliche und familiäre Gründe hat. Und ich habe gemerkt, dass ich die wenige freie Zeit lieber für neue kreative Projekte verwende als für Blog-Einträge. Deshalb wird das Blog in Kürze einer "normalen" Autoren-Site platzmachen. Das Bloggen ist einfach nicht mein Ding.

Was das Thema Hobbyautoren angeht: Ich sehe mich nach wie vor auch als Hobbyautor. Nicht selten gibt es Storys, die müssen einfach geschrieben werden, auch wenn kein Verlag sie braucht. Und damit bleibt das Schreiben sicher immer ein Hobby für mich.

Manchmal wurmt es mich schon, nicht früher auf Verlage zugegangen zu sein, ja. Auf der anderen Seite glaube ich, dass meine früheren Werke nicht unbedingt veröffentlichungswürdig waren. Und da man bei Ablehnungen selten ausführliche Begründungen bekommt, macht es nüchtern betrachtet vielleicht keinen Unterschied, ob man erfolglos Manuskripte verschickt oder für die Schublade schreibt.

Mit der letzten Frage schneidest du einen sehr interessanten Punkt an. Vorerst nur eine kurze Antwort: Die Vorstellung von Gut und Böse ist ja eng mit den monotheistischen Religionen verbunden, und da ich in meinem Leben bisher nichts gesehen habe, was auf die Existenz einer vollkommen guten oder vollkommen bösen Macht hindeuten würde, habe ich mit dieser Vorstellung meine Schwierigkeiten, sowohl im persönlichen Glauben als auch beim Verfassen von Romanen. Ich glaube nicht, dass ein Fantasyroman das Gut-Böse-Schema braucht. Krimis kommen ganz gut ohne zurecht - warum nicht auch Fantasyromane?

RickyLee
16.05.2008, 11:04
Eines würde mich auch interessieren:
Ihr habt dieses Buch ja zusammen geschrieben, wie genau ging das denn vonstatten? Warin und ich versuchen uns gerade an einem gemeinsamen Projekt, in dem wir abwechselnd die Kapitel schreiben, war es bei euch genauso oder hat der eine inspiriert und der andere aufgeschrieben?

Und noch eine Kleinigkeit, für die, die bei dem Buch noch nicht so weit sind, setze ich hier mal einen Spoiler.

Auf Uraras Rücken steht ja dieses Schriftzeichen "stumpf", weshalb sie auch "stumpfsinnig" wird. Existiert dieses Wortspiel auch im Japanischen?

Ist eigentlich nur eine Frage am Rande ^^

Martin & Maho Clauß
16.05.2008, 15:13
Hi, RickyLee!
Geschrieben habe ich (Martin) das Buch eigentlich alleine. Maho hatte allerdings die Grundidee für den Roman, entwickelte mit mir zusammen die wichtigsten Charaktere und half mir bei Recherche und historischen Fragen. Da es mein erster Roman über das alte Japan war, legte ich großen Wert darauf, dass Maho nicht nur Beraterin war, sondern die entscheidenden Szenen mitplante.
Einen Roman abwechselnd zu schreiben, stelle ich mir schwierig, aber auch reizvoll vor, da jeder seine Stärken ausspielen kann.

Ja, das Zeichen und Wort "nibui" = "stumpf" hat ein großes Bedeutungsfeld bis hin zu "abgestumpft" oder auch "dickfellig".

RickyLee
16.05.2008, 20:35
Jawohl, genau das ist es: Reizvoll und schwierig :)

Danke für die Antwort! Ich lerne japanisch und diese Vokabel kann ich mir jetzt besonders gut merken ^^

Teylen
18.05.2008, 23:45
Hallo Maho und Martin!


Die erste Frage, die ich bei der Erwähnung von Go im ersten Kapitel einfach stellen muss, ist natürlich:

Spielt ihr selbst Go?

Ich selbst habe das Spiel vor einigen Jahren kennengelernt. Für mich eines der beeindruckendsten Spiele, die es gibt. Unglaublich einfache Regeln, aber unglaublich viele Variationen und Möglichkeiten. Leider kann ich derzeit nicht wirklich regelmäßig spielen. (Spannend an dem Spiel ist auch, dass man durch Beobachtung der Taktiken der Spieler auch ein wenig über sie erfahren kann.)

(Wurde nicht auch zur Zeit von Kaiser Kammu schon Go am Hofe des Kaisers gespielt? .. huh.. bin gespannt ob sowas im Buch noch auftaucht.)



Eine weitere Frage, die ich habe, betrifft sozusagen die Konstruktion des Romanes:

Wie seid ihr das ganze angegangen? Ich habe bisher bis Seite 97 gelesen und sehe einige Handlungsstränge, die zwar irgendwas miteinander zu tun zu haben scheinen, aber bei denen noch nicht ganz ersichtlich ist was eigentlich. Das geht doch nicht ohne einen Plan darüber zu haben was eigentlich insgesamt zu welchem Zeitpunkt abläuft, oder? Aber wie entscheidet man sich dann was man erzählt und schon verrät? Klappt sowas in einem Durchgang, oder ist das ein eher langwieriger Prozess bei dem immer wieder neu ausgewählt wird welche Szene in welcher Länge aus der Sicht welches Charakters erzählt wird? So lange bis man eben der Meinung ist, dass es passt.



Und etwas parallel dazu: Woher kam die Idee Hayate erst einmal nur einleitend auftauchen zu lassen? Einfach eine Lösung, um den eigentlichen Hauptcharakter am Anfang einzuführen, obwohl die Geschichte eine etwas andere Erzählweise erforderte?



(edit) Und lest ihr nur den Fragen-Thread oder auch die einzelnen Abschnitts-Themen? : )

Martin & Maho Clauß
19.05.2008, 14:53
Hallo Teylen,

deine erste Frage ist noch einfach zu beantworten: Nein, leider spielen wir nicht Go. Aber das Spiel hat sich angeboten. Gegen Ende des Buches wird man auch verstehen, warum. Nur so viel: Ein Bekannter vor mir diente als Vorbild für Hayate, und dieser Bekannter ist ein typischer Zocker (einsame Konsolenspiele, Nacht für Nacht, unregelmäßige Schlafphasen, etc.), und ich dachte mir, es könnte reizvoll sein, eine solche für unsere Zeit typische Person in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort zu haben.

Zur Konstruktion des Romans kann ich keine klare Antwort geben, sorry. Es ist ein wirres Mischmasch von allem möglichen. Stellenweise klare Vorstellungen und zielstrebiges Schreiben, ohne von der ursprünglichen Idee abzurücken, stellenweise auch endloses Überarbeiten, Überdenken, Umstellen, Trennen und Zusammenfügen von Szenen, schlaflose Nächte, bis Probleme gelöst, Zusammenhänge stimmig erscheinen. Ordung und Chaos, Leichtigkeit und Quälerei - von allem etwas. Wenn alles fertig ist, vermag ich nicht mehr wirklich nachzuvollziehen, in welcher Reihenfolge das Gesamte entstanden ist.

Tatsächlich kam mir Hayates Auftauchen in der Handlung zu spät, und ich hatte den Gedanken, ihn schon einleitend erscheinen zu lassen, was mir im Nachhinein extrem gut gefiel, nicht nur, weil der Leser so gleich angesprochen wird, sondern auch weil es die Geschichte abrundet, persönlicher macht und eine Hauptaussage des Buches verstärkt.

Wir lesen NATÜRLICH auch die Abschnittsthreads - wir sind ja verrückt nach dem Feedback, und so detailliert haben wir den Leseprozess noch nirgendwo dokumentiert bekommen!

Warin
19.05.2008, 19:50
und so detailliert haben wir den Leseprozess noch nirgendwo dokumentiert bekommen!Wir den Schreibprozess aber auch nicht:)

Ich glaube, da muss jeder seinen eigenen Weg finden. Ich halte auch nicht allzuviel von "Generalplänen" und das Stellenweise klare Vorstellungen und zielstrebiges Schreiben (...) stellenweise auch endloses Überarbeiten, Überdenken, Umstellen kommt mir ja sooooooo bekannt vor.

Bei mir ist übrigens gradDas Grosse Anime Lösungsbuch angekommen.

Wer das gesprochene Japanisch von Animes, Spielfilmen und Popsongs verstehen möchte, braucht dazu ein besonderes Lehrbuch.

Ein Buch, das eine lebendige japanische Umgangssprache vorstellt und die wichtigsten Grammatikregeln erklärt, ohne sich mit winzigen Details aufzuhalten. Außerdem muss ein solches Buch einen Wortschatz zusammentragen, der nicht auf Reisen oder Business, sondern auf den Inhalt von Animes zugeschnitten ist.
Nicht, dass ich mich hier einschleimen will:D, aber auf das Buch habe ich echt gewartet. Nach reichlich Anime Konsum ist mir natürlich auch aufgefallen, dass gewisse Floskeln immer wieder vorkommen, ich habe auch schon versucht, das mit 'nem Langscheidt zu vertiefen - ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen.

Ist das eigentlich wirklich ein Book on demand? Eigentlich wird BOD's ja immer ein ziemlich schlechter Ruf nachgesagt, nach der Devise: Man hätte keine Chance mehr, als Autor Ernst genommen zu werden, wenn man ein BOD veröffentlicht hat. Ihr habt für mich das Gegenteil bewiesen. Außerdem war das Buch ratzfatz da (statt der angekündigten 6-10 Tage bereits nach 1 Tag).

Martin & Maho Clauß
20.05.2008, 20:09
Ich persönlich glaube nicht, dass eine Veröffentlichung bei BoD einem Autor irgendwelche Steine in den (Karriere-)Weg legt. Mittlerweile sind bei den BoD-Büchern immer wieder Bestseller mit fünfstelligen Auflagenzahlen dabei, und BoD-Autoren landen schon mal im Radio, Fernsehen, etc. Es ist kein Makel, bei BoD zu publizieren, nur: Es ist auch kein Vorteil. Ich denke, die großen Verlage stehen dem ziemlich gleichgültig gegenüber. Es öffnet einem keine Türen, verschließt einem aber auch keine. Man weiß ja: BoD-Bücher können sich verkaufen, aber oft verkaufen sie sich nicht, weil sie entweder schlecht sind, kein Markt für sie da ist oder niemand von ihrer Existenz erfährt.

Möchte jemand Zahlen hören? Das große Anime Lösungsbuch aus unserer Feder hat sich bislang über tausend Mal verkauft, Carnacki, der Geistfinder , von mir übersetzt und herausgegeben, noch keine zwanzig Mal.

Übrigens werden wir weiter bei BoD publizieren - vor allem Japanisch-Lehrbücher. Bei BoD darf und muss man alles selbst machen, was ein ungemein befriedigendes Gefühl ist. So wie es in anderer Hinsicht ungemein befriedigend ist, bei einem großen Verlag veröffentlichen zu dürfen.

Warin
24.05.2008, 17:18
Welche Frage mich schon seit langem bewegt:

Wie erklärt ihr euch, dass Japan derzeit, gerade bei Jugendlichen, so "in" ist?

Anime, Manga und J-Pop einfach nur als Trend aufzufassen, der gerade "hipp" ist, greift mir zu kurz.
Zugegeben, meine Thesen sind gewagt und stark von meiner eigenen Person geprägt. Zunächst einmal stelle ich eine Abkehr von den (zumindest meiner Generation) aufgezwungenen amerikanischen Idealen fest. Spätestens seit der Einheit hat sich Deutschland für mein Empfinden von den USA emanzipiert. Doch an welchen Werten soll man sich orientieren, wenn klassische Gut/Böse Schemata (gipfelnd in Bush's "Achse des Bösen") nicht mehr richtig erscheinen?

In japanischen Animes habe ich für mich Werte entdeckt, die gut an die Stelle der christlichen Vorstellung von Himmel und Hölle treten können. Die Achtung der Natur, die Entwicklung des Geistes, Selbsterkenntnis, sowohl auf individueller, als auch kollektiver Ebene. Auch wenn diese Werte, wie weiter oben geschriebenen, auf asiatischen Religionsformen basieren, bieten sie m.E. gerade Atheisten eine Orientierung und erscheinen angesichts von Umweltzerstörung, Individualisierung und Globalisierung wichtiger denn je.

Zum zweiten weist die Geschichte der Wirtschaftsmächte Japan und Deutschland, wenn auch zeitlich verschoben, erstaunliche Parallelen auf *auch auf nazgul's tolles Referat (http://www.fantasy-forum.org/showthread.php?p=13491) verweis*. Vom Wirtschaftsboom der Nachkriegsjahre bis in die Rezessionsjahre. Kurzum, wir haben was gemeinsam - bis hin zur ehemaligen Besatzungsmacht USA (was mir erst durch Filme wie "Die letzten Glühwürmchen" und "Barfuss durch Hiroshima" so richtig bewußt geworden ist).

Obwohl beide Kulturen sich wechselseitig schätzen, scheinen sie mir jedoch noch stark nebeneinander herzuleben. Sehr schön wieder in drei Wochen auf dem Düsseldorfer Japantag zu sehen. Man feiert zwar gemeinsam auf einem Platz, der Austausch ist jedoch eher gering. Die Sprachbarriere scheint mir dabei das größte Problem zu sein, obgleich sich japanisch Kurse (gerade hier in Düsseldorf) größter Beliebtheit erfreuen.

Bei dieser Gelegenheit würde mich mal interessieren, wie umgekehrt das Bild der Deutschen in Japan zur Zeit aussieht. Das kam mir in der Vergangenheit schon mal ein wenig glorifiziert vor (von wegen Volk der Dichter und Denker und so;)). Wobei ich es immer wieder witzig finde, Anspielungen auf Deutsches in Animes zu finden (zu letzt ein Sommeliermesser von Zwilling J.A. Henckels in Ghost in the Shell SAC).

Martin & Maho Clauß
26.05.2008, 16:14
Warin, da schneidest du eine Frage an, die uns natürlich auch seit geraumer Zeit beschäftigt. Ganz sicher trifft deine erste Begründung (anderes Wertesystem) mit ins Schwarze, während Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und Japan vielleicht kein schlagkräftiges Argument sind. Schließlich sind Manga, Anime und J-Pop ja nicht nur in Deutschland zurzeit so erfolgreich, sondern auch in den USA, in anderen Teilen Europas (Italien, Spanien, Frankreich, etc.) und natürlich auch in zahlreichen asiatischen Ländern.
Wir haben gestern das Thema noch kurz durchdiskutiert und sind vorerst zu folgenden Punkten gekommen. Einige der Punkte überschneiden sich.

1. Manga/Anime behandeln vielseitigere Inhalte als z. B. US-Comics, bieten also für jeden Geschmack etwas. Es werden Themen erschlossen, die so bisher weder in Comics noch in Filmserien noch in Büchern behandelt wurden.

2. In Manga/Anime steht meist die Dynamik der Gruppe im Vordergrund. Probleme zwischen Freunden, Verliebten, Mitgliedern der gleichen Familie, Klasse, Firma, Gruppe, anstatt das europäisch-amerikanische Muster Einer-gegen-Alle.

3. Die Lebensbereiche junger Leute werden in den Handlungsmittelpunkt gerückt, z. B. Schule als Schauplatz fantastischer Ereignisse anstatt fantastische Abenteuer als Flucht aus der Schule. Siehe auch den Erfolg von Harry Potter, der ins gleiche Horn bläst.

4. Vor Manga/Anime gab es hierzulande gerade für Mädchen kaum interessante Comics und Zeichentrickfilme. Außerhalb von Micky Maus und Wendy existierte nichts - und nicht jedes, sagen wir dreizehnjährige Mädchen steht auf Mäuse, Enten und Pferde. Ein paar Millionen wollen vielleicht auch über Zauberer, Dämonen, Ninjas, Piraten und dergleichen lesen ...

5. Die Personen von Manga/Anime sind mitten in der Entwicklung begriffen, verändern sich, werden reifer, Feinde werden zu Freunden und umgekehrt. In den meisten US-Comics und -Zeichentrickfilmen sind die Rollen zu starr. Gerade junge Menschen erleben, wie sie sich selbst verändern, körperlich, geistig, seelisch, und wollen auch darüber lesen.

6. Manga/Anime zeigen die beiden Seiten von jedem Thema. Es gibt kein absolutes Gut und Böse - alles und jedes hat Licht und Schatten. Das ist realistisch und interessant, ganz besonders für junge Leute, die ja über manches viel intensiver und freier nachdenken als Erwachsene.

7. Manga/Anime kennen keine Tabus. Sexualität, Religion, Politik, Gewalt, alles darf frei behandelt werden. Trotzdem sind nur die wenigsten Manga/Anime auf Provokation aus. Meistens werden die "heiklen" Themen ganz natürlich behandelt, wie sie im Leben vorkommen. Dagegen versuchen US-Comics ständig mit mehr Gewalt und Weltuntergängen zu provozieren, sind aber beim genauen Hinsehen oft schrecklich prüde.

Aus diesen Gründen glauben wir nicht, dass der Manga/Anime-Boom irgendwann platzen wird. Er wird möglicherweise in ein paar Jahren leicht nachlassen, aber einen großen Einbruch können wir uns nicht vorstellen. Die japanische Unterhaltungsindustrie ist eine der fähigsten, produktivsten und auf jeden Fall die vielseitigste der Welt und wird immer wieder interessante Projekte nachschieben.

Zur zweiten Frage, wie die Japaner zurzeit die Deutschen sehen: Das Deutschlandbild hat sich in den letzten Jahrzehnten kaum geändert. Viele Japaner sehen in den Deutschen noch immer ein intelligentes, fleißiges, aber etwas langweiliges Volk, das Mercedes fährt, Würstchen isst und Bier trinkt. Die etwas ernsthafteren Japaner kommen gerne mal nach Germany und sehen sich die Lorelei an, diejenigen, die auf Luxus, Lebensart und exklusives Shopping stehen, besuchen lieber Italien, Frankreich und England.

RickyLee
30.05.2008, 20:33
Jetzt meine ultimative Frage, deren Antwort ich ein wenig fürchte:
Wird es eine Fortsetzung zu der Saat der Yokai geben?
Bzw. habt ihr mit dem Gedanken gespielt?

Einerseits hätte ich gerne eine, da auch das Ende viel, vieeel Platz für neue Ideen lässt, andererseits ist das mit Fortsetzungen generell so eine Sache - und euer Buch steht ja gewissermaßen als in sich verschlungenes Gesamtkunstwerk da.

Oh, und noch eine Frage:
Werdet ihr das Fantasy Forum auch noch weiterhin besuchen, wenn die Leserunde zuende ist?

Martin & Maho Clauß
31.05.2008, 12:41
RickyLee - du lässt ja offen, welche Art von Antwort du fürchtest. Vielleicht die Antwort: "Ja, es wird eine Fortsetzung geben"?;)

Ganz im Ernst: Wir wissen es noch nicht. Wir hätten sowohl Ideen als auch Lust, die Fortsetzung zu schreiben, und beim Verlag ist man nicht grundsätzlich abgeneigt. Allerdings geht die Meinung bei Ueberreuter zurzeit eher in die Richtung, dass man es mit Mehrteilern nicht übertreiben möchte. Was wir auch verstehen können.

Wir planen daher zunächst einen Roman, der nichts mit "Die Saat der Yôkai" zu tun hat, möchten aber nicht ausschließen, dass es zu einem späteren Zeitpunkt doch noch eine Fortsetzung gibt. Vor allem die Zukunft einer ganz bestimmten Figur liegt uns sehr am Herzen.

Und die zweite Frage: Bestimmt werden wir auch nach Ende der Leserunde öfters vorbeischauen. Es gibt hier noch so vieles für uns zu entdecken. Ich bin sicher, wir finden auch eine Diskussion, an der wir uns beteiligen. Als Autoren werden wir uns natürlich mit unserer Meinung über Werke anderer etwas zurückhalten, zumal wir ja (wie mittlerweile rübergekommen sein dürfte) ohnehin sehr wenig deutschsprachige Fantasy lesen.

RickyLee
31.05.2008, 18:22
*schmunzelt*

Vielleicht bin ich ja ein sehr ängstlicher Mensch und fürchte beide Antworten ein wenig? Aber so, wie ihr es momentan haltet, finde ich es vernünftig :)

Ui, schön ^^, dann sieht man sich ja. *wink*

Ollowain
01.06.2008, 14:58
Es ist mir gestern Abend wieder siedend heiß eigefallen, kennt (oder spielt) ihr (sogar) das Videospiel "Ôkami"?
Die Frage stelle ich mir, seit ich das Finale in der "Tuschwelt" gelesen habe, da das Design von "Ôkami" ist sehr stark an eine Tuschzeichnung angeleht ist und wann immer man selbst rumpinselt, nimmt der Bildschirm eine ähnliche Form an, wie ihr sie für die "Tuschewelt" verwendet habt.
(Ich werfe euch hier nicht vor, ihr würdet abkucken, aber es interessiert mich einfach brennend^^")

Martin & Maho Clauß
03.06.2008, 13:22
Und diese Frage habe ich gefürchtet. Die Wahrheit ist, dass Maho das Spiel im Sommer 2007 in Japan gekauft hat und anschließend zu spielen begann, als wir wieder in Deutschland waren - sie hat hier eine japanische PS2 rumstehen. Da PC- oder Konsolenspiele nicht mein Ding sind, kannte ich (Martin) das Spiel nicht, als ich den Schluss von "Die Saat der Yôkai" schrieb (das war Februar 2007), aber als ich später Maho beim Spielen zusah, wurde mir ein bisschen heiß. Eine Ähnlichkeit ist nicht von der Hand zu weisen, ist aber trotzdem reiner Zufall.

Etwas Vergleichbares ist mir schon einmal passiert. Wenige Monate, nachdem ich die Nullnummer meiner Gruselserie "Falkengrund" schrieb (die auch irgendwann mal in Buchform erscheinen soll), stolperte ich über den Hong Kong-Film "The Eye", der von einer ähnlichen Idee ausgeht. Passiert immer wieder. Einer meiner schlimmsten Albträume ist, einen Roman fertigzustellen, in den Buchladen zu gehen und feststellen zu müssen, dass schon ein Buch mit identischem Inhalt im Regal steht ...

Ollowain
11.06.2008, 14:28
Und diese Frage habe ich gefürchtet. Die Wahrheit ist, dass Maho das Spiel im Sommer 2007 in Japan gekauft hat und anschließend zu spielen begann, als wir wieder in Deutschland waren - sie hat hier eine japanische PS2 rumstehen. Da PC- oder Konsolenspiele nicht mein Ding sind, kannte ich (Martin) das Spiel nicht, als ich den Schluss von "Die Saat der Yôkai" schrieb (das war Februar 2007), aber als ich später Maho beim Spielen zusah, wurde mir ein bisschen heiß. Eine Ähnlichkeit ist nicht von der Hand zu weisen, ist aber trotzdem reiner Zufall.

Argh, das ist sauböse. *depri*

Einer meiner schlimmsten Albträume ist, einen Roman fertigzustellen, in den Buchladen zu gehen und feststellen zu müssen, dass schon ein Buch mit identischem Inhalt im Regal steht ...

Kenne ich.
Fertig habe ich zwar noch nichts, aber eine meiner Geschichten hat durchaus Parallelen zu einem Film und ärgerlicherweise hatte ich sie zuerst mit dem zweiten Titel dieses Films betitelt ohne es zu wissen... *mph*
Aber Parallelen gibt es bei den meisten Sachen...