PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Kurzgeschichte Der Karneval


RickyLee
22.05.2008, 19:38
Der Karneval

Die ersten Trommeln schlugen zum Tanz.
Ihr schwerer, dröhnender klang ließ Knochen und Fleisch erzittern, hallte in den Stämmen der Bäume wieder und versetzte die roten Federn der Tänzerinnen in raschelnde Bewegung. Ein letztes Mal wurden die Haare zurückgestrichen, die Glöckchen zurechtgerückt, der Schweiß der warmen Abenddämmerung von der Stirn getupft.
Zaghaft begannen die erstem Schritte der Leute.
Bunt bemalte Füße gruben beherzt ihre Zehen in den Sand. Drehung. Ein langsames, vereinzeltes Klatschen erklang. Drehung. In der Menge blieb ein Kind stehen, farbverschmiert wie ein Krieger und großen Augen, welche die Spannung einer ganzen Stadt widerspiegelte. Drehung. Es krallte sich in den Rock jenes schillernden und klappernden Wesens, in das sich seine Mutter verwandelt hatte. Sie strich ihm über den Kopf und nahm ihn bei der Hand um ihn zurück in die Reihe des Tanzes zu führen. Drehung...
Die Trommeln schlug unerbittlich ihren Rhythmus in die Nacht.

Schuld daran waren die Amerikaner. Vor zwei Monaten kamen sie her mit ihrem grau-grünem Jeep, mitten in der brüllenden Mittagssonne, wo jeder normale Mensch in dem Schatten seines Hauses blieb um der drückenden Hitze zu entgehen, die in den Gassen aus Sandstein herrschte. Keuchend waren sie aus dem Auto gestiegen, auf dem man mit Leichtigkeit ein Ei hätte braten können. Jedem in der Stadt war klar dass sie nur Ärger bringen konnten, Fremde, die noch dazu keinerlei Ahnung vom Leben hier hatten. Nur Siva nicht, sie hatte dem rosa gesichtigem Jungen in der Familie ihr perlenweißes Lächeln gezeigt, als er im Sand vor ihr landete.
Sie hatte gelacht.

Die Fackeln wehten im Wind und der Tanz fand in seine Bahnen. Das kleine Kind tapste selbstvergessen die Schritte mit. Die Masken klickten gegen einander, hölzerne Fratzen. Sie wandten die starren Gesichter in der Nacht, welche die Stadt wie eine schwarze, mit Sternen bestückte Faust umschlossen hatte. Die Tänzerinnen flatterten im Wind mit ihren gestreiften Gewändern, als sie sprangen. Diejenigen, die Klatschen sollten, klatschten, die Trommler trommelten, die Glocken klangen im Wind und durchschnitten die Nacht. Die Palmen glänzten im Fackelschein. Und langsam, ganz langsam löste sich das harte Zeremoniell des Tanzes auf...

Wo der amerikanische Junge, der Even hieß, meist mit Siva durch die Stadt hetzte, nur mit nackten Fußsohlen oder klappernden Sandalen unter den mit Wäsche überspannten Fenstern hindurch, beklagte sich der Rest der Familie immer öfter über das fremde Essen, das fehlende Fernsehen, die Bekanntschaften – über alles. In den nächsten Wochen verstummten jedoch ihre Klagen, ihre Haut färbte sich dunkler und sie fügten sich ein. Wenn auch nicht in die Gemeinde.
Es war wieder um die Mittagszeit herum, als Even von den wilden Geistern erfuhr.
Niemals, niemals durfte man sich nach Mitternacht noch in den Straßen aufhalten, denn um diese Zeit, bis der Morgen graute, gehörte er den wilden Göttern, den Geistern, den Dämonen. Sie waren auch der Grund für die klimpernden Talismane, die blitzend über den Türen und Fenstern hingen und auch weshalb nie ein Mensch die Stadt verließ oder im Dschungel jagte.

Eine rote Gestalt sprang den anderen in den Weg, drängte die Tänzer aus einander und zeigte allen seine bleiche Papiermaske, über der eine rote Blüte thronte, stieß einen schrillen Schrei aus und war verschwunden. Keine paar Meter von ihm entfernt löste sich eine schwitzende Tänzerin mit golden gefleckten Armen von ihrem Tanzpartner und tanzte allein und selbstvergessen mit fließenden Armen und ruckenden Beinen, als wäre sie bereits von einem bösen Geist besessen. Zwei Jungen zogen mit bunten Bändern und ihren Sprüngen akrobatische Linien durch die Luft und die Szene erhellte sich durch eine Feuerfontäne in der sich drei Kinder an den Händen fassten und eine Palme umringten. Die Tänze wurden wilder, unbarmherziger, je dunkler und sternenvoller der Himmel wurde.

Und da erzählte Even Siva von Halloween. Er berichtete ihr, wie sie in seinem Land die bösen Geister vetrieben, sie mit Masken und Bräuchen ins Lächerliche zogen. Siva presste mit ihren Lippen eine Trockenfrucht aus, als sie ihm zuhörte.
Und sie beschloss ihre Stadt von dem Fluch der bösen Geister zu befreien.
Sie zerrte Even mit sich und zog einige bunte, klimpernde Gewänder aus einer Holztruhe, im Halbschatten des Hauses. Siehst du, auch wie haben Kostüme hier! Sie deutete mit ausgestrecktem Arm an die Wände. Und Masken auch! Even folgte ihrem Blick. Es ist nicht das gleiche... Aber für uns wird es reichen. Wir machen es wie an Halloween, wir feiern die Geister in Grund und Boden und erschrecken sie! Even lachte, denn er glaubte nicht an böse Geister.

Und nun tanzten sie unweigerlich dem Abgrund der Mitternacht entgegen, ein wilder, unbändiger Tanz, von trillernden Rufen durchzogen. Die Menschen tanzen, sie tanzten um ihr Leben, drückten in ihren Sprüngen, Wendungen und Verrenkungen eine unbändige Angst aus, die tief in ihren Knochen steckte und sich in Lebenswillen, in Lebensfreude verwandelte.
Solch einen Krach hatte es um diese Zeit noch nie hier im grünenden Urwald gegeben.
Die Menschen flatterten wie Aras, verloren ihre Federn. Die betörend geschmeidigen Frauen breiteten ihre Schleier aus, glänzten verführerisch im Licht und Trompeten schrien ihre Melodie in die Nacht. Siva krallte ihre Hand in Evens, eher eine Tierkralle als etwas anderes und zog ihn in die Menge, vorbei an dem Farbenrausch, zu ihr. Und mit ihm folgte seine Familie, die Einwanderer, die nirgends wirklich dazu gehörten. Das einzige, riesige, tanzende Tier verleibte sich jeden ein, egal welchen Alters, welchen Geschlechtes, welcher Herkunft, welchen Standes. Der Lärm und die Musik umarmte sie alle, schimmerte, klimperte, schrie.
Und übertönte in ihrer Euphorie die zwölf Glockenschläge der Turmuhr.

Und da war der Augenblick gekommen.
Denn auf einmal waren sie da.
Sie kamen aus dem Nichts, aus den Schatten des Urwald, der Schwärze, die ihre Zähne bleckte.
Klickende Krallen, aufgerissene, gelbe, grüne, rote Augen, zu raubtierartigen Schlitzen verengte. Lebende Finsternis umschlang die Gruppe.
Und sie verstummten. Von allen zuletzt erstarb die Trompete. Siva klammerte noch immer an Even, dessen Gesicht sich vor lauter abgefärbter Schminke kaum von den anderen unterschied. Zögernd standen sie da, die wilden Geschöpfe der Nacht, sahen dort, wo sie eigentlich ihre Stadt vorfinden sollten, ein Rudel wilder Menschen vor. Eines fauchte in der Nacht.
Die erste schwarze Hand setzte sich auf der Straße ab. Siva hob die Hände und zeigte die bemalten Oberflächen. Der erste tat es ihr gleich, die schwarzen Krallen spiegelten ölig die Fackeln wider.
Die Trommeln setzten ein.
Der Tanz begann von neuem.
Die Menge drehte sich um sich selbst, sog die gemusterten Felle, Häute, Zähne und Augen mit sich.
Die Ordnung löste sich auf um den einzelnen Platz zu machen.
Die Musik explodierte, löschte die Fackeln aus und ließ die Wilde Meute zurück.
Und in jenem Moment, im Halbdunkel der Stadt gab es keine Unterschiede mehr. Egal ob Mitglied des menschlichen Karnevals, Amerikaner, oder wilder Gott. Im schwarzen Licht und den explodierenden Sternen über ihnen verzogen sich menschliche Gesichter zu Tierfratzen und öligen, starren Masken, wirkten die fließenden Bewegungen eines wilden Gottes ebenso geheimnisvoll wie das Glöckchengeläut der umschleierten Tänzerinnen. Und Even umarmte das wilde Tier, dass sich Siva nannte.
Perlenweiße Zähne lächelten zurück.

Nejira
22.05.2008, 20:36
O.O *umfall* O.O

Mehr habe ich nicht zu sagen.

Nur noch eines:
Ich habe es gesehen!

Mir läuft es immer noch heiß und kalt den Rücken runter.

Phan! Tas! Tisch!

Jetzt höre ich auf zu schwafeln und lese es nochmal.

Verräter
22.05.2008, 21:08
Ich liebe deine Beschreibungen! Oh man... dagegen sind alle meine Versuche einer Geschichte nichts weiter als Witze :| Wenn ich auch den Schluss zwei mal lesen musste, der ist etwas kompliziert geschrieben und ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, genau verstanden zu haben, was da letztendlich wirklich passiert.

Die Tänze sind fantastisch beschrieben! Mein Lob.

RickyLee
22.05.2008, 21:29
O.0 wwwwwooooooh, dankeschööön. Die Geschichte ist so lange her, dass das eigentlich gar nicht mehr als mein Werk betrachtet werden darf...
Mir kommts inzwischen auch so vor, als hätte es jemand anders geschrieben XD

@ Verräter: 0.o Von wegen... wehe, du machst dich nieder. o.0 ich will deine Geschichten nämlich auch mal lesen!

Akissi
23.05.2008, 17:24
@_@
Ich bin blind vor lauter Farben und Feuerfunken X_x
Ob du's glaubst oder nicht, meine Augen tun wirklich weh xDD

Das ist hammermäßig beschrieben, auch wenn ich für die sureale Handlung ein wenig zu blöd bin xDD Aber ich habe mitgekriegt, was abgeht^^
Ich kann mich den anderen beiden nur anschließen, die Tänze sind genial beschrieben. Genau das richtige Maß an Adjektiven, die es auf den Punkt treffen. Verbreitet ne tolle Stimmung und ich zitiere mal Nejira:
Ich habe es gesehen! *umfall*
Was ich auch spitze finde ist, dass die Geschichte weniger wirklich erzählt, als vermittelt wird. Man ist viel zu beschäftigt damit, dem Tanz zu folgen, als dass man allzu viele Wörter für die Geschichte beachten könnte - wie auch, da sind ja auch nicht allzu viele da. Man kriegt's aber trotzdem irgendwie gut mit.

Kurz: Ricky, du bist ein Genie! ^___^

Warin
23.05.2008, 22:28
Wow, was hattest du dir denn da eingeschmissen, als du das geschrieben hast? Böses Hohes C oder Rachendrachen?*grins*

Das ist ja der Wahnsinn, mir steht der Schweiß auf der Stirn. Ich bin ja eigentlich ein eher dröger Typ, aber bei DER Party wäre ich auch gern dabei gewesen. Soviel knisternde Spannung und... ja ich bin fast schon geneigt zu sagen, Erotik.

Beste Kurzgeschichte bislang hier im Forum, ich fürchte, da komme ich auch nicht ran. Eindeutig fünf Sterne^^

(Einzige klitzekleine Anmerkung: "Unbarmherziger" würde ich die Tänze nicht nennen, eher "ekstatischer";))

RickyLee
24.05.2008, 14:58
*augenverdreh*
CEFRISCH, mann...CEEEFRIIIISCH! Nicht hohes C *kopf schüttelt über soviel Unwissenheit...* (Joke)
XDDD heheheh, Das ist ein großer Unterschied!

Nein, die Geschichte ist schon relativ alt... um ehrlich zu sein entstand sie an etwa ungefähr genau dem Tag, als "Hips don´t lie" von Shakira rauskam... *rotanlauf*

Aber freut mich sehr, dass sie euch so gut gefällt... *strahl*

@ Akissi: Kurz: Ricky, du bist ein Genie! ^___^
MAßLOSE ÜBERTREIBUNG!!!

Akissi
24.05.2008, 20:03
Gar nich wahr : P Da findet man mal die Gelegenheit, das ins Feedback einzubauen und dann glaubt sie's einem nicht xD Männo...

Mad Bull
25.05.2008, 18:09
Das ist für mich genau das was ich unter einer gelebten Geschichte verstehe.
Mir sind die Buchstaben aus der Sicht verschwunden und mir ist es wie bei Nejira passiert: Ich habe es gesehen.

Die Geschichte sagt auch aus, dass trotz der Moderne nach wie vor archaische Züge im Menschen tief im innern verwurzelt sind.
Den der Mensch ist ein Affe mit einem aufgeblasenen Bewusstsein wo ab und an die Luft raus muss. In rauschenden Festen wie der Kaneval kann der Mensch so richtig yek sein.

Schön ist, das in deiner Geschichte auch Dämonen eine wichtig Rolle spielen.
Dämonen, diese spirituell unreinen Wesen mit denen ein Mensch nicht in Verbindung gebracht werden will. Doch hier im Karneval ist das anders.
Der Mensch lässt alles zu, selbst sie um im wildentfachten Chaos Glück und Harmonie zu erleben.

Mim
26.05.2008, 19:28
Du solltest nicht so hart mit dir sein. Bescheiden sein ist in manchen Hinsichten gut, aber bei so viel positiver Kritik musst du dir wohl selbst auch einmal eingestehen können, dass da wohl etwas Wahres dran sein muss. ;)

Jetzt zu der Geschichte.
Ich habe sie in Einem runtergelesen, jetzt, wo ich endlich mal Zeit hatte und mich nicht von dem ersten Satz losreißen musste, sondern sie bis zum Ende hin lesen konnte.
Und ich finde sie fantastisch. Wirklich. Da kann man sich gar nicht mehr von losreißen. Du schaffst es, dass man sofort in die Handlung hinein gerissen wird. Man spürt die Anspannung. Dann die plötzliche Ruhe, als der Rückblick kommt und kaum hat man wieder Luft geholt, geht es weiter. Die Hektik, der Tanz, die Menschenmasse...Alles spürt und sieht man. Dann das Hin und Her und Hin und die Spannung steigt. Ein kurzer Stopp, bevor das Finale kommt. Und dann klingt alles wieder ab, um dem schönen und gelungenen Ende Platz zu machen. Dir gelingt es dem Leser ein Bild vor Augen zu erschaffen, das trotzdem noch genug Freiraum für die eigene Fantasie lässt.
Ricky, 5 Sterne. Die hast du dir verdient.

bisou
27.05.2008, 12:12
ich kann zu dieser geschichte nur eines sagen:

heilige sch****! Richtig geiles Stück Arbeit. Ich muss sagen, ich war von Anfang an mitten drin in der Geschíchte und am meisten hat mir gefallen, dass du nicht direkt sagst, wo es sich abspielt, sondern noch Freiraum zur Interpretation lässt.
Ich kann mich nur den Anderen anschließen, ich habe die Tänze gesehen, vielleicht auch gehört?
Ich weiß es nicht, genau wie ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich diese Geschichte nun für fantastisch halten soll oder für etwas anderes. Am Anfang war sie doch extremst verwirrden @.@
Trotzdem, großes Lob an dich. Dein SChreibstil ist einfach genial. <(^^)>

grey
09.12.2009, 19:48
Ein wahres Feuerwerk aus Sinneseindrücken.

Mein großes Kompliment, Ricky. Du hast es geschafft das Temperament und die Hitze des Feuers einzufangen und, es für die Dauer der Handlung aufrecht zu erhalten. Man wird mitgerissen ohne es selbst zu wollen. Ich spürte tatsächlich wie sich mein Puls beim Lesen beschleunigte.

Großartig. Ich bedanke mich.

Auch bei Akissi, die mich auf dein Werk aufmerksam gemacht hat.

Racshasa
13.12.2009, 13:43
Tach,

genau solche Texte machen an einem solchen Forum Spaß. Er ist nicht zu lang, nicht zu kurz, du verzichtest auf Unwesentliches und verstehst es, deine Leser in jedem Satz mitzureissen.
Ich mag diesen Stil, der richtig malerische Ausdrücke in richtig übersichtliche Sätze packt - das schafft bei Weitem nicht jeder.
Die Tatsache, dass das ganze Ding "alt" ist, macht mich neugierig auf Deine neueren Sachen.

Kurzum: Großes Kompliment für die Geschichte, viel Erfolg weiterhin.

Gruß,
Rac

Nightfarer
13.12.2009, 20:19
Also die Kurzgeschichte ist wirklich gut. Gefällt mir. Kann bloß noch nicht ganz sagen warum. Ist es das Ende? Ist es die tolle Beschreibung des sich Abspielenden, dass man mehr mitlebt als wirklich liest? Ist es allgemein das Gefühl des wild seins? Ist es der Tanz und die Musik?
Keine Ahnung. Aber sie ist wirklich gut.

Koboldkind
15.12.2009, 12:33
Tja, was soll ich noch groß sagen, ich schließe mich einfach den Lobeshymnen meiner Vorposter an ^^

Anfangs habe ich noch versucht, den Ort des Karnevals zu finden, mal war ich in Rio, dann in Afrika bei Massai oder in Indien, bis es irgendwie Amazonisch wurde, aber nie Kölsch oder Amerikanisch, was mir die Geschichte gleich um drei Sterne Plus erhebt :D
Kurz und schnell zu lesen, doch man wird Langsamer mit jeder Pause, trotz des Rausches, in den die Geschichte einen hinein zieht. Genial, die Stille, als die Geister auftauchen, die Sekunden, bis sich alles auflöst ... *schaudern*

RickyLee
15.12.2009, 16:27
O.O Boaaaaaah *rot werd*
Oh mein Gott, vielen, vielen Dank!
Dass nochmal so einen Welle von Kommentaren kommt, hätte ich niemals erwartet *baff*.

Äh... vielen Dank fürs Durchlesen, ihr schmeichelt mir wirklich sehr XD ums untertrieben auszudrücken!