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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Märchen Der König und der kleine Dieb


Warin
24.05.2008, 05:55
Für Teylen


Zu beiden Seiten des Thrones standen Berater und redeten auf den König ein.
"Ihr müsst eure Truppen im Norden konzentrieren. Die Barbaren stehen hinter der Grenze und drohen in Euer Reich einzufallen", sagte der eine, begleitet von dramatischen Gesten.
"Nein, nein, ihr müsst die Aufstände im Süden bekämpfen. Dort müsst Ihr all Eure Ressourcen konzentrieren, sonst wird das Reich zerfallen", hob der andere seine Stimme.

Mit fahlem Gesicht und eingefallenen Wangen saß der König auf dem Thron und hielt sich die Stirn. Mal nickte er zustimmend zu den Argumenten des einen, mal strich er sich bedächtig über den Bart bei den Erwiderungen des anderen.
Es war wie immer. Der eine sagte dies, der andere das. Er war es so leid.
Mächtig war er, wohl wahr. Der Regent eines riesigen Reiches. Und trotzdem kam er sich vor, wie der Spielball gegenläufiger Interessen, die sein Reich gefangen hielten wie ein Schraubstock.

Er wollte nur das Beste. Für sein Volk und sein Reich. Niemals würde er eine Entscheidung leichtsinnig treffen. Er wollte alles richtig machen. Das hatte er sich geschworen, damals, als er den Thron bestieg. Ein Vierteljahrhundert war das nun her. Wie im Flug waren die Jahre vergangen. Mit Überlegen und Abwiegen, Zaudern und Zögern. Alt und grau war er darüber geworden. Die besten Jahre seines Lebens hatte er verschenkt. Und auch heute konnte er sich wieder nicht entscheiden. Noch nicht. Ein wenig wollte er noch darüber nachdenken. Weitere Argumente sammeln. Das Für und Wider abwägen. Dann würde er schon die rechte Entscheidung treffen.

Aber Leo der III. traf keine Entscheidungen. Stillstand und Lethargie breiteten sich wie eine Decke lähmend über seinem Reich aus. Dem Volk ging es schlecht. Hungersnöte waren an der Tagesordnung und Unruhe machte sich breit. Doch das verrieten ihm seine Berater nicht. Hier, in seiner kühlen dunklen Halle war er allein mit ihnen. Und der nächsten Entscheidung. Er zögerte sie weiter hinaus.

Ein Diener flüsterte ihm etwas ins Ohr. Es war an der Zeit, Recht zu sprechen. Auch das gehörte zu seinen Pflichten. Überhaupt schien sein Leben nur aus Pflichten, aus Reaktion, statt Aktion zu bestehen.
Er war so müde.
Die Wachen schleppten einen Jungen in den Saal und zwangen ihn, vor dem König auf die Knie zu fallen. Seine Haut war so braun wie sein einfaches Leinengewand und in seinem schmutzigen Gesicht blitzte ein Paar strahlend blauer Augen. Ein hübscher Junge von derber, natürlicher Schönheit. Ganz anders als die Höflinge mit ihren gepuderten Perücken und aufgeklebten Schönheitsflecken. Die Damen des Hofes hätten sich sicher die Finger nach ihm geleckt. Und der ein oder andere Höfling vielleicht auch. Ein Mopp wuscheligen braunen Haares, in das die Sonne helle Strähnen gebleicht hatte, fiel ihm ins Gesicht, als er vor dem König niederkniete.

Nach einem kurzen Blick auf die Anklageschrift hob der König seine Stimme "Dir wird der Diebstahl einer goldenen Uhr aus dem Reichsschatz zur Last gelegt. Was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen?"
"Nichts", antwortete der Junge und hob den Kopf, "ich bin ein Dieb, das ist so meine Art."
Seine leuchtend blauen Augen blickten dem König direkt ins Gesicht. Ein Affront. Allein dafür gehörte er in den Kerker. Die Dreistigkeit des kleinen Diebes erzürnte den König.
"Sonst hast du nichts vorzubringen?", polterte er.
Der kleine Dieb schüttelte den Kopf.
Der König neidete dem Jungen seine Jugend und seine Freiheit und so beschloss er, ihm beides zu nehmen.
"Werft ihn in den Kerker und lasst ihn erst wieder raus, wenn das Alter Furchen in sein Gesicht geschrieben und sein Haar die Farbe verloren hat."
Die Wachen zogen den Jungen an den Schultern nach oben und führten ihn ab.

Der König hatte sich wieder seinen Beratern zugewandt, als der kleine Dieb mit einem Lächeln auf den Lippen über seine Schulter zurückblickte.
"Ich danke Euch für dieses Geschenk."
Die Wachen, die einen Frevel in dieser Ansprache sahen, schlugen dem Jungen die Stäbe ihrer Hellebarden in die Kniekehlen, so dass er in die Knie sank, die Aufmerksamkeit des Königs war jedoch geweckt.
"Geschenk? Was bist du? Ein Dieb oder ein Narr?"
"Darf ich näher treten?" rappelte sich der kleine Dieb auf und wandte sich dem König zu.
In seltener Einmut rieten die Berater dem König den kleinen Taugenichts schnellstmöglich ins Verlies zu werfen, doch mit einem Wink seiner Hand brachte er sie zum Schweigen. Finster funkelten sie den dreisten Jungen an, während sich der König ihm interessiert zuwandte.
"Nur zu. Verrate mir, was ich dir geschenkt haben soll?"
"Zeit", antwortete der Junge und strahlte den König dabei an.
"Zeit?"
"Ihr habt mich reich damit beschenkt. Alt und grau werde ich sowieso, genau wie Ihr es geworden seid. Aber im Gegensatz zu Euch werde ich Zeit haben, Zeit für mich, unendlich viel Zeit. Wann hattet ihr das letzte Mal Zeit für Euch selbst?"
Der König strich sich bei den Worten des Jungen bedächtig über den Bart. Die Berater, denen die Weisheit in den Worten des Jungen nicht entgangen war, zischelten böse Verfluchungen, doch der König nahm sie nicht mehr wahr.
"Erzähl mir mehr", beugte er sich dem kleinen Dieb entgegen und zum ersten Mal seit Jahren sah es so aus, als würde die Röte des Lebens in seine Wangen zurückkehren.
"Ihr seid gewiss ein guter König und meint es sicher gut, aber das Land leidet unter Eurer Unentschlossenheit. Warum glaubt Ihr nicht an Euch und trefft Eure Entscheidungen selbst?" Dabei warf er den Beratern einen schelmischen Blick zu. Diese gerieten nun vollends in Aufregung, zupften den König am Ärmel, blickten verzweifelt zu den Wachen, doch ohne Befehl des Königs standen sie still, flankierten den kleinen Dieb, ohne weiter einzugreifen.
"Sieh mich an, ich bin ein kleiner Dieb. Zögern kann ich mir nicht erlauben. Ich treffe meine Entscheidungen aus dem Bauch heraus und wenn sie falsch sind, dann trage ich die Konsequenzen, so wie jetzt. Doch ist das nicht besser, als sich gar nicht zu entscheiden?"

Dem König schien es, als würde sich ein Schleier vor seinen Augen heben. Das Gift der Ratschläge, das seine Berater ihm all die Jahre eingeträufelt hatten, das sein Selbstvertrauen und seine Entschlussfreude gelähmt hatte, begann seine Wirkung zu verlieren. Er stieg vom Thron, ging auf den Jungen zu und legte ihm seinen Arm auf die Schultern.
"Da muss erst ein kleiner Dieb kommen, um mir die Augen zu öffnen", lachte er ein tiefes, befreiendes Lachen. Dann wandte er sich zu seinen Beratern um: "Die wahren Diebe, das seid ihr", zeigte er auf die erschrockenen Männer, "all die Jahre, die besten Jahre meines Lebens, habt ihr mir die Zeit gestohlen. Doch damit ist es nun vorbei. Hinfort mit Euch, ich habe ein Königreich zu regieren."
Eilig rafften die Männer ihre Unterlagen, all das Papier mit Strategien und Taktiken, Pro und Contra zusammen und stürmten kopfschüttelnd aus der Halle, verfolgt vom Lachen des Königs.
"Und du mein Freund", schlug er dem kleinen Dieb auf die Schulter, "begleite mich hinaus aus dieser Halle und zeige mir mein Reich, auf dass ich mit eigenen Augen erkennen und entscheiden kann, was zu tun ist."

Fortan glaubte der König an sich und seine Stärke wurde die Stärke des Reiches, das unter seiner Führung erblühte wie nie zuvor. Und der kleine Dieb? Nun, wenn er nicht gestorben ist, dann stiehlt er auch noch heute, doch niemals, niemals würde er es wagen, anderen die Zeit zu stehlen.

Nejira
24.05.2008, 12:33
Schöne Geschichte - klingt fast wie ein Märchen.

Irgendwie hast du einen gefallen an gestressten Menschen... Wenn ich mir "Moderne Zeiten" so ansehe. :)

Der kleine Dieb gefällt mir richtig gut. Vor allem am Schluss!

"Sieh mich an, ich bin ein kleiner Dieb. (...)"
Da würde ich das kleiner weglassen - es klingt dann irgendwie echter.

Ansonsten finde ich's klasse!

RickyLee
24.05.2008, 14:53
Hehehehe, anderen die Zeit stehlen: Die grauen Herren lassen grüßen.

Interessant, wie sich eine Situation, die so ausweglos scheint, am Ende doch gelöst wird. Die Geschichte ist schön, sowohl König als auch Dieb und restliche Berater konnte man sich gut vorstellen, nur, zu beschreiben, dass der Dieb so hübsch ist, dass er für andere als sexuelles Appetithäppchen gilt, fand ich... naja... ein Bisschen überflüssig. Du weiß ja, wie ich es mit hübschen Menschen habe XD (siehe Staubmädchen)

Definitiv aber eine schöne Geschichte und meiner Meinung nach ein tolles Geburtstagsgeschenk für Teylen (geh ich recht in der Annahme, dass es das ist?)

Iron Nemesis
24.05.2008, 21:23
das ist echt eine wundervolle kurzgeschichte =) der kleine dieb :D und der könig
mir fällt gar nichts anderes eins als einfach nur SUPA :)
gefällt mir richtig gut, die beschreibungen und diese versteckten weisheiten sind wirklich sehr gelungen
da geb ich doch gleich zwei daumen hoch *ja*

Mad Bull
25.05.2008, 18:22
Interressant eine Herscherproblematik dargestellt.
Diesmal leidet ein Volk nicht unter einem böswilligen Despoten (Klischee)
Selbst mit der besten Einstellung kann man einen Staat in Grund und Boden regieren.
Viel Motivation kommt durch Bedenkenträgerei zum erliegen.
Das mit dem großen Beraterstab kenne ich aus eigener Erfahrung sehr gut.
Man hat einfach zuviele Hinweise und kann sich dann nicht mehr entscheiden.
Weniger ist oft mehr.

Die Kernaussage in dieser Geschichte verstehe Ich so:
Einfach mal nur machen.:)

Simon the Sorcerer
27.05.2008, 17:49
Wirklich eine schöne Geschichte.
Ich mußte sie in einem Zug durchlesen. Und mich dabei gar nicht groß anstrengen. Es ließt sich sehr flüssig und der Unterhaltungswert ist sehr hoch.

Die Aussage kommt herrlich rüber... einfach mal den Kopf aus dem Sand wieder raus nehmen und sich die Welt um einen herrum mal genauer ansehen. Weg vom alten Trott und nicht immer drauf hören was Andere einem eintrichtern wollen, was richtig und falsch ist. Wieder auf sein Bauchgefühl vertrauen eben.

Grüße